Herrmann 1843 zur Entwicklung der Hanse und über die Verbindung zwischen Lübeck, Nowgorod und Wisby

Beiträge zur Geschichte des russischen Reiches.

 

 

Von

 

Dr. Ernst Herrmann.

 

I. Ueber die Verbindung Nowgorods mit Wisby und der Deutschen mit den Russen.

 

II. Des Freiherrn Schoulz von Ascheraden Geschichte der Reduction in Livland.

 

III. Tagebuch des Generalfeldmarschalls Grafen von Münnich, mit 2 Beilagen und Einleitung.

 

 

JCHB

 

 

Leipzig, 1843. Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung.

 

 

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Dem Herrn Geheimen Rath
Dr. Friedrich Albert von Langenn

und dem Herrn Professor
Leopold Ranke

aus Hochachtung, Dankbarkeit und Liebe gewidmet.

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Vorwort.

 

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Vor einigen Monaten wurde mir ein in der Bibliothek des königlich-sächsischen Hauptstaatsarchivs aufbewahrtes Manuskript bekannt, das von archivalischer Hand den Titel „Russisch-türkischer Krieg unter Münnich, 1735 ff.“ erhalten hat. Auf die durch den Herrn Geheimen Archivar Dr. Tittmann an das hohe königlich-sächsische Gesammtministerium gemachte Unterlegung wurde es mir verstattet, von diesem Manuskript eine Abschrift zu nehmen, deren unverzögerte Veröffentlichung sich, wie ich hoffe, selbst rechtfertigen soll. Nur Behufs einer vorläufigen Uebersicht des Hauptinhalts und zur Ermittelung der ohne Zweifel dem Grafen Münnich selbst zuzuschreibenden Verfasserschaft habe ich diesem Münnichschen Tagebuch noch eine besondere Einleitung hinzuzufügen für nöthig erachtet. Ueberall ist es das Bild des Selbsterlebten und des Selbstgethanen was in demselben uns anspricht.

 

Die Aufgabe des Verfassers von dem ersten der dem Leser hier dargebotenen Beitrage war das Auffassen eines der allgemeinsten welthistorischen Verhältnisse. Sein Wunsch war durch die Einsicht in die sich aus der Berührung zweier großer Nationalitäten ergebenden Resultate, seinem Gegenstande genug zu thun. Bei Aufgaben dieser Art kann das Maaß der Vollständigkeit der Natur der Sache nach immer nur ein sehr relatives sein. Wenn aber bei Fragen des politischen Lebens, die in der Geschichte wurzeln, die Welt der Gegenwart in dem trüben Dunstkreis ihres beschränkten Horizontes sich gebärdet , als wenn es nicht Sonne und nicht Sterne gäbe, von denen sie Licht und Bewegung erhält, dann scheint es mir wohl an der Zeit zu sein, auf die in der Geschichte zu Tage liegenden normalen Grundverhältnisse zurückzuweisen. Ich habe daher keinen Anstand genommen diese Andeutungen über ein so wesentliches, Jahrhunderte lang in der russischen Geschichte sich hindurchziehendes Moment,

 

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IV

 

Vorwort.

 

unverändert, wie ich sie bereits vor vier Jahren niedergeschrieben, jetzt herauszugeben, weil vielleicht schon mit der beabsichtigten Anregung zu einer besonnenen Erwägung desselben etwas gewonnen ist. Im Einzelnen aber kommt wenig darauf an, ob diese oder jene Wendung mehr oder weniger stark die Reflexe von den Stimmungen und Richtungen des Jetzt oder des Damals an sich trägt; das Ganze weiter auszuführen, fehlte es dem Verfasser, der erst neuerlich sich entschlossen hat, den slavischen Osten zum besondern Gegenstand seiner Studien zu machen, früher an fortgesetzter Veranlassung, gegenwärtig, bei den viel umfassenderen Grundlagen, welche die Geschichte von Rußland erfordert, an Muße.

Die dieser Abhandlung beigefügten Ausschriften aus des Freiherrn Schoulz von Ascheraden „Versuch einer Geschichte von Livland und dessen Staatsrecht“ schließen sich ihrem Inhalt nach, an das in der ersteren „schwedische Herrschaft“ überschriebene Capitel an; vergl. S. 77, und können zugleich als historische Unterlage der bei Otto Wigand, Leipzig 1841 erschienenen Schrift „der Landtag zu Wenden 1692“ angesehen werden, vergl. die Anmerkung zu Seite 107. Der größte Theil der hier mitgetheilten Proben ist übrigens nicht durchaus unbekannt, denn das Meiste davon ist bereits von Gadebusch in seinen livländischen Jahrbüchern, wenn gleich untermischt mit seitenlangen Notizen sehr heterogenen Stoffes benutzt worden, aber nach Gadebuschs Excerpten ein unentstelltes Bild zusammenzusetzen und sich einen unverfälschten Gesammteindruck des Schoulz‘schen Originals zu verschaffen, möchte ein fruchtloses und wenig dankenswerthes Bemühen sein, und es ist daher um so mehr zu wünschen, daß die Herausgeber der Monumenta Livoniae antiquae eine vollständige Ausgabe desselben dem Publicum nicht zu lange vorenthalten mögen.

 

Dresden, den 23. April 1843.

Dr. Ernst Herrmann

 

 

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Inhaltsübersicht.

 

 

 

Vorwort S. V.
Einleitung des Herausgebers zu dem Münnichschen Tagebuch. S. XV - XXVI.

 

I. Ueber die Verbindung zwischen Nowgorod und Wisby und den Deutschen mit den Russen S. 1 - 80.

 

Einleitung. S. 3 - 9. Nowgorod, der einzige Punct, von wo aus das alte Russland mit dem westlichen Europa in Verbindung kommt, S. 4; zuerst mit den Warägern auf feindliche Weise, S. 5, dann von der Insel Gothland aus auf dem Wege des Handels.

 

Erste Abtheilung. Die hanseatische Zeit des Mittelalters. S. 9 – 52.

 

Erstes Capitel. Gothlands Erhebung zum Mittelpunct des nordeuropäischen Welthandels. S. 9 - 16. —
Alte Sage der Gothländer über ihre frühesten Unternehmungen nach dem Auslande, ihre Berührung mit Rußland, S. 10., ihre politischen Beziehungen zu Schweden, S. 11, und Annahme des ihnen von dorther zugeführten Christenthums. S. 12. Hierauf eintretende engere Verbindung der Gothländer mit den Deutschen durch die Begünstigungen Kaiser Lothars des Sachsen und Heinrichs des Löwen. S. 12 – 14. Ihre Vereinigung zu Wisby auf Gothland. S. 14. — Die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns zu Wisby. S. 15.

 

Zweites Kapitel. Zustand Nowgorods bis zur Begründung des gothländischen und des deutschen Hofs in dieser Stadt. S. 16 - 20. Wichtigkeit der nationalen Verschmelzung des slavischen Nowgorod mit den Warägern. S. 17. Nowgorods unabhängige Stellung zu dem rurikschen Fürstenhause, S. 18. 19., durch die vom Großfürsten Jaroslaw verliehenen Berechtigungen befestigt. S. 20.

 

Drittes Capitel. 1. Handelsverbindung Nowgorods mit den Gothländern und den Deutschen. 2. Hof der Deutschen und der Gothländer zu Nowgorod. 3. Verhältnis der Deutschen zu den Russen. 4. Verfassung von Nowgorod. S. 20 - 35. Activer Seehandel der Russen nach dem Auslande. S. 21. Verhältniß des gemeinen Kaufmanns zu den Städten der deutschen Hanse. S. 24. Seine Abhängigkeit von den Städten. S. 24. Wahl der Oldermänner des Hofs durch den gemeinen Kaufmann. S. 25. Geschäftskreis des Oldermanns von S. Peter. Verwaltung des Hofs. S. 26. 27. 2) Vertrag zwischen dem Großfürsten Jaroslaw und den Nowgorodern mit den Deutschen und Gothen vom Jahr 1269. S. 28 - 30. 3) Rechte und Pflichten des Fürsten von Nowgorod.

 

 

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Inhaltsübersicht.

 

S. 31 - 32. Possadnik und Tussädski, Recht der Volksversammlung S. 33 und 34.

 

Viertes Capitel. Folgen der Verbindung Nowgorods mit Wisby S. 35 - 46. 1) Colonisation von Livland. — Das erste Castell in Livland durch den Augustinermönch Meinhard angelegt im Jahre 1186. S. 36. Riga vom Bischof Albert gegründet im Jahr 1201. S. 37. Neue Handelsverbindungen von Riga aus mit Pleskow und Plotzk angeknüpft 1206 und 1209. Vertrag mit Smolensk 1229. S. 38. 2) Förderung des in der deutschen Hanse liegenden welthistorischen Moments. S. 29. Unterordnung der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns unter die Autorität der hanseatischen Städte. S. 40 und 41. Die Wahl der Oldermänner auf die Bürger der vorsitzenden Städte Lübeck und Wisby beschränkt und von den von den Städten hiezu abgesandten Wahlmännern abhängig S. 42. Erhöhte Macht des Oldermanns des Hofs. S.42. Bündniß der wendischen Städte gegen König Waldemar III. von Dänemark vom Jahr 1361. S. 44. Verbindung der Hansestädte zu Köln gegen Waldemar III. vom Jahr 1367. S. 45.

 

Fünfter Capitel. Absonderungsprincip und Oberhand der Sonderinteressen. S. 46 - 52. — Eifersucht zwischen Wisby und Lübeck. Uebergewicht Lübecks S. 46. Mißverhältnisse zwischen Lübeck und den wendischen Städten mit Riga und den livländischen Städten. S. 45 und 48. Zwiespalt zwischen den wendischen und den niederländischen Städten. S. 49. Vernichtung des nowgorodischen Freistaats 1478; Bruch zwischen den wendischen und den niederländischen Städten. S. 50.

 

Zweite Abtheilung. Neue Anfänge. Livlands Anschluß an die östlichen Großmächte: Polen, Schweden, Rußland S. 52 - 80. Tendenz des russischen Absolutismus. S. 53 und 54. Bedeutung der deutschen Ostseeprovinzen des russischen Reichs. S. 55.

 

Erster Capitel. Abfall Livlands von der deutschen Hanse und Untergang des livländischen Ordensstaates. S. 56 - 62. Die livländischen Städte umgehen die hansischen Statute zu Gunsten der Holländer und Engländer, schließen im Jahr 1509 einen einseitigen Vertrag mit Wassilii IV. Iwanowitsch ab, S. 57, und stellen die Hanseaten in eine Kategorie mit den übrigen Gästen, 1540. S. 57. Riga gegen die Wiedererrichtung des Comptoirs zu Nowgorod. S. 58. Inneres Zerwürfniß der livländischen Stände. S. 59. Rußlands autokratisches Erheben. S. 59. 60. Iwans IV. Versuch Livland zu erobern. S. 60. Errichtung des Herzogthums Kurland 1561. Livlands Anschluß an Polen, Ehstlands an Schweden. S. 61.

 

Zweites Capitel. Polnische Herrschaft. S. 62 - 71. Das Privilegium Sigismundi Augusti. S. 62 und 63. Livland erhält in der Person des Johann Chodkiewiez einen politischen Gouverneur,

 

 

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1567. S. 64. Polnische Anmaßungen und jesuitische Bestrebungen unter dem König Stephan Bathori, S. 65 und 66, unter dem König Sigismund aus dem Hause Wasa. S. 67, 68, 69. Das Herzogthum Ehstland schließt sich dem Herzog Karl von Südermanland an, 1600. S. 68. Sein Vordringen in Livland. S. 69. Besitznahme Livlands durch Gustav Adolf. S. 70.

 

Drittes Capitel. Schwedische Herrschaft. S. 71 - 77. Gustav Adolfs Fürsorge für Liv- und Ehstland. S. 72. Die schwedischen Donatarien, ein heterogenes Element im livländischen Landstaat. S. 73. Karl X. Gustav S. 73. Karls XI. Generalconfirmation vom Jahr 1678 gegen willkürliche Beeinträchtigungen der livländischen Verfassung. S. 74. Dem zuwiderlaufende Einführung der Reduction in Livland. S. 75. Bittschrift der Ritterschaft an den König vom 30. Mai 1692. S. 76. Schlußbetrachtung. S. 77 - 80. Peters des Großen Verdienste um die Ostseeprovinzen und die Europäisirung der Russen. S. 78. Fortdauernder Einfluß der Deutschen auf die Russen. S. 79. Aussichten in die Zukunft. S. 80.

 

II. Des Freiherrn K. Fr. Schoulz von Ascheraden Geschichte der Reduction in Livland unter der Regierung Karls XI., Königs von Schweden. S. 81 - 116.

 

Lebensnachricht über den Freiherrn Karl Friedrich Schoulz von Ascheraden S. 82.

 

Karl XI. sucht für sein Mißgeschick im Kriege durch die Güterreduction sich an seinen Unterthanen zu entschädigen S. 83. Staatsrechtliche Ansichten des Verfassers. S. 84. 85. Karl XI. von Johann Güldenstern und Claus Flemming zu der Reduktion angereizt. 85. Grund des Hasses gegen den Adel. S. 86. Weshalb der König den Adel zu stürzen suchte. S. 87. Beschluß der übrigen Reichsstände in Betreff der Reduction. S. 88. Die Reductions-, die Liquidations- und die Observationscommission S. 89. Instruction des Generalgouverneurs Lichton, die Reduction in Livland auch ohne Zustimmung der Landräthe zu vollziehen, 1681. S. 91.

 

Königliche Proposition dem Landtage zu Riga 1681 vorgelegt. S. 92. Weigerung der Ritterschaft, sich den schwedischen Reichstagsbeschlüßen zu unterwerfen. S. 93. Beisteuer der Ritterschaft zur Krönung des König. S. 94. Vermeintliche durch eine königliche Jagdordnung aus den Domainen zu ziehende Vortheile. S. 95.

 

1684. Excesse des Major Emmerling bei der Taxation des Landes. — Landtag. Klagen der Ritterschaft über das eigenmächtige Verfahren des Generalgouverneurs. S. 96.

 

1685. Die Reduction wird ausgeführt, auch wo es dazu an scheinbaren Gründen fehlt. S. 97.

 

1686. Die Revenüen der zu reducirenden Güter werden vom Jahre 1681 an in Abrechnung gebracht. S. 98. Suppligue vom Landtag auf

 

 

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Vorstellung des Landraths Gustav Mengden an den König angefertigt. S. 99. Graf Hastfer wird zum Generalgouverneur ernannt. S. 99. 100.

 

1687. Landtag. Königliche Propositionen: (die perpetuelle Arrende und das Tertial) S. 101. Erklärung der Ritterschaft auf dieselben. S. 102.

 

1688. Die Reduction in die Ordenszeit zurückgesetzt. S. 103.

 

1689. Der Adel käuflich. S. 104.

 

1690. Landtag. Der Landrath Gustav Mengdens und der Capitän Johann Reinhold Patkul als Deputirte der Ritterschaft Behufs der Revision des Corporis privilegiorum nach Stockholm gesandt. S. 105.

 

1691. Ihr Verhalten daselbst. S. 106. Patkul des Königs Begleiter. S. 107.

 

1692. Landtag zu Wenden. Supplique an den König. S. 108.

 

1693. Zurechtweisung der Ritterschaft wegen ihrer auf dem Landtag 1692 gethanen Schritte. Landtag. S. 108. Der Landtag aufgelöst. Verwahrung der Ritterschaft. S. 109. Bietinghoff, Budberg und Mengden gehen nach Stockholm, wo man ihnen das crimen laesae majestatis Schuld giebt. S. 110. Ihre und Patkuls Verurtheilung. — Dissolution der livländischen Verfassung. S. 112.

 

1695. Merkwürdiger Eingang zu den Propositionen des neuen Scheinlandtags. S. 112.

 

1697. Tod des Königs Karls XI. S. 113. Rückblick auf die Resultate der Reduction. S. 114.

 

1698. Fiscalische Belangung der Adelsdeputirten.

 

1699. Bedeutungslosigkeit der nach Riga einberufenen Versammlung der Gutsbesitzer, der Geistlichkeit und der Bürgerschaft S. 115. 116.

 

III. Tagebuch des russisch-kaiserlichen Generalfeldmarschalls Burchard Christoph Grafen von Münnich über den ersten Feldzug des unter ihm in den Jahren 1735 - 1739 geführten russische türkischen Krieges. S. 117 - 229.

 

Historische Grundlage. S. 119 - 126. Veranlassung zum Kriege mit der Pforte. S. 119. Machterweiterung des Zaren Alexei Michailowitsch. Mahmud IV. Gegenanstalten. Befestigung von Asow, Anlegung der Castelle oder Calantschi und des Schlosses Luttik am Don, der Festungen Kinburn, Otschakow und Cissikermen am Dnepr. S. 120. — Nothwendige Richtung Rußlands gegen die Krim. Zug gegen die Krim vom Jahre 1684 mißglückt durch den Geiz des Fürsten Gallizin S. 121. Peters I. Unternehmungen gegen die Pforte. S. 122 —125. Seine Verbindung mit den Hospodaren der Moldau und Wallachei, Kantimir und Kantakusen. Anlegung der türkischen Festung Yenikale im Jahre 1706 oberhalb Kertsch. 122. Pruthischer Vertrag. Kühnheit des englischen Capitän Simon. 123. Ueble Folgen des Pruthischen Vertrages. 124. Peters weitere Pläne. — Katharina und Menschikow. Menschikow einem Kriege mit der Pforte abgeneigt. S. 125. Die Dolgorukis unter Peter II. machen Frieden mit Persien,

 

 

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S. 126, — suchen in Verbindung mit den Gallizins durch Beschränkung der Regierungsgewalt der Kaiserin Anna die Macht in Händen zu behalten. S. 126. Politik der Kaiserin Anna. S. 126. Anlegung der Festung S. Anna am Don, neun Meilen oberhalb Asow. S. 127. Plan die Grenzen vom Jahre 1701 wieder herzustellen, S. 128, wird durch die Revolution des Tachmaskulichan in Persien begünstigt. Glücklicher Zeitpunct für Rußland zum Beginn des Krieges, S. 129, kann wegen des Todes Augusts II., Königs von Polen noch nicht benutzt werden. Der Tartarchan Kaplan Giray auf seinem Zuge nach Dagestan vom Prinzen von Hessen-Homburg geschlagen. S. 129. Frankreichs Intriguen gegen Rußland. Zustand der Pforte. Abneigung des Großvesirs Ali Pascha zum Friedensbruch S. 130. Der neue Großvesir Ismail Pascha von den Franzosen gewonnen. Der Tartarchan kann keine Diversion gegen Persien machen, ohne den russischen Boden zu betreten. S. 131. Ostermanns Drohung. S. 132. Der alte Chan Kaplan Giray bricht dennoch auf Befehl der Pforte nach Persien auf, Juli 1735. S. 133. Beschaffenheit des Petersburger Cabinets. Ostermann ist dafür, Münnich nicht die völlige Direction des Krieges, sondern nur die Belagerung von Asow, dem Grafen Weisbach aber die Expedition gegen die Krim zu übertragen. S. 134. Münnichs Feindschaft mit Weisbach. Münnich erhält Befehl nach Pawlow zu gehen. S. 135. Beschaffenheit der Vorbereitungen zum Kriege. — Weisbachs Tod. Münnich drei Wochen krank in Pultawa S.136. Münnich erhält das Generalcommando über die Armeen am Dnepr und Don. M. ist für einen sofortigen Angriff auf die Krim, und Aufschiebung der Belagerung Asows aufs folgende Jahr. S. 137. Gründe dafür: der talmükische Fürst Donduc Ombo hat sich unter russische Botmäßigkeit begeben. Tartaren der kleinen Nagai. Die türkische Armee bei Erivan geschlagen. S. 138.

 

Aufbruch der Armee unter dem Generallieutenant Lewontiew, 1. Oct. 1735. Scharmützel mit den Nagaischen Tartaren S. 139. Das weitere Verfolgen der erlangten Vortheile durch die sechs Wochen anhaltende Kälte verhindert. S. 140. Verluste des Chans bei seinem trotz der Kälte versuchten Aufbruch aus der Kabarda. — Friedensbruch von beiden Seiten. S. 141. Verstellte Friedensneigung der Pforte, S. 142, deren Schein sich auch Rußland giebt; worüber der Pascha von Asow die Pforte eines Andern belehrt; Graf Bonneval im Divan um Rath gefragt. S. 143.

 

Münnich beschließt zu Anfang des Jahres 1736 die Belagerung von Asow einzuleiten, um sodann am 1. April 1736 die Dnepr-Armee gegen die Krim zu führen. — Ostermanns diesem Plan zuwiderlaufendes Gutachten Münnich zur Beantwortung zugeschickt. S. 144 - 149. Münnichs Antwort auf das Gutachten des Grafen Ostermann. S. 149 – 159.

 

M. geht vom Isum Ende Februar nach S. Anna. Angriff auf die Kalantschi S. 159, dem Generalmajor Sparreuter anvertraut. S. 160. M. setzt den Pascha von Asow von seiner Ankunft in Kenntniß.

 

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XII

 

Inhaltsübersicht.

Zurückhalten der Abgeschickten des Pascha von Asow. S. 161. Kriegslist zur Eroberung der Kalantschi ersonnen. Einnahme des ersten, S. 162, und Capitulation des andern Kalantschi in M‘s. Beisein. Die Besleen (leichte türkische Reiterei) bei Asow. S. 163. Unachtsamkeit des Starschin Krasna-Schoka. Der Starschin Iwan Wassiljewitsch Frolow. Verwirrung in Asow. S. 164. Der Pascha von Asow zur Uebergabe aufgefordert. S. 165. Blocade von Asow, S. 166, von M. geleitet, S. 167. — Der Generalmaior Sparreuter erhält Befehl , das Schloß Luttik anzugreifen. Der Commandant von Luttik gefangen genommen. S. 168. Asow beschossen. S. 169. Schreiben des Pascha von Asow. — M. übergiebt dem General Lewaschew das Commando, nebst dem Plan, nach dem die Belagerung geführt werden soll. Lewaschews Bestechlichkeit; seine Eifersucht auf den Feldmarschall Laçy S. 170. Mißverständnisse zwischen M. und Laçy. Münnichs mit Laçy verabredeter Operationsplan. S. 171. Laçy in Gefahr von den Nagaischen Tartaren aufgehoben zu werden. S. 172. Musterung der Truppen bei Zaritzinka, Nachlässigkeit des Generalproviantmeisters. S. 173. Mittel sich in Respect zu setzen. — Dienstunordnung unter den hettmanschen und slobodischen Kosaken. S. 174. Münnichs Vorschlag zur Deckung der Grenzen durch den Eigennutz des Knäs Shukowskoi hintertrieben. S. 175.

 

Ausmarsch der Truppen nach Perekop. S. 175. Marschordnung. S. 176. Der Chan von der Krim erwartet 100,000 Mann stark die russische Armee bei Tschornoja Dolina (Schwarzthal). Der Oberste Witte wird mit den Tartaren handgemein. Fermor. Spiegel. Weisbach. S. 177. Feigheit der hettmanschen Kosaken. S. 178. 179. Die Tartaren schneiden den Generalmajor Spiegel von Witte ab. Verspätung des Generallieutenant Lewontiew. Münnich begleitet vom Generalmajor Stoffel und Professor Juncker will den Stand der Dinge recognosciren und geräth in Lebensgefahr; sein Sprüchwort S. 178. Der Ingenieuradjutant Zimmermann fällt. S. 179. Phlegma des Generals Spiegel. Münnichs Rückzug. Succurs von Lewontiew und Stoffel. S. 180. Tartarische Kriegsführung. 240 Dragoner gegen 15,000 Tartaren. — Fortgesetzter Marsch nach Perekop in Quarre S.181. — Die Tartaren 200,000 Mann stark. Bewaffnete Tartarenweiber. S. 182. Tartarische Kriegsführung. Die Tartaren fliehen nach Perekop und hinter die große Linie. S. 183. Die russische Armee vom Chan nicht angegriffen, weil sie zu wohl commandirt sei. S. 184. Localität von der Festung Or-Capi und der Linie von Perekop. S. 184, 185, 186. Die Sclaven, Christen und Juden müssen an der Ausbesserung der Linie arbeiten. Der Chan achtet nicht auf den Befehl des Sultans nach der Cuban überzusetzen. S. 186. Anstalten gegen Perekop. S. 187. M. besteht auf unverweilten Angriff von Perekop. Widerspruch des Prinzen von Hessen-Homburg. Stoffel recognoscirt die Linie. Angriff auf Perekop. Rechenberg und ein Regimentspriester unter den Ersten auf dem Wall, der ohne Sturmleitern erstiegen wird. S. 189. Die Russen haben nur 7 Mann Todte und 170 Verwundete. Capitän Manstein verliert seinen Haarzopf. S. 190.

 

 

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Der Chan muß seinen Wagen und was er bei sich hat, im Stiche lassen. S. 191. Die Schußlöcher von den Castellen zu eng. S. 191 Der Ort der Attaque von Stoffel ungemein wohl ausgesucht. Die Stadt Perekop der Armee Preis gegeben. S. 192. Der Janitscharen-Aga Ibrahim capitulirt mit M. und hat zu ihm als einem Deutschen das Vertrauen, daß er räsonabler mit ihnen verfahren werde. Türkische Eidesformel. Generalmajor Karl Magnus von Biron. S. 193. Weshalb die Besatzung sich nicht länger gehalten hat. S. 194. Sie bleibt so lange in Arrest, bis der Chan die im vorigen Winter zurückgehaltenen russischen Kaufleute würde ausgeliefert haben. Uebermuth des Chans. Dankfest wegen der Eroberung von Perekop und Or-Capi. S. 195. M. der Erste, der eine feindliche Armee in die Krim gebracht. Bericht des russischen Residenten Wischniakow. Consternation in der Krim. Fehler der russischen Politik in Ansehung der nagaischen Tartaren. — Mangel an Proviant und Pferden. M. giebt deshalb sein dessein nach Yenikale und Kertsch zu marschiren auf und wendet sich nach Koslow. Seine Absicht, die Tartaten an der Aussaat und dem Export für das künftige Jahr zu hindern. S. 197. Hungersnoth in der Krim. Die Linie und Or-Capi erhalten eine russische Besatzung zur Sicherung der Convois aus der Ukraine. Weitläufigkeit der russischen Sachen. Oberst Dewitz. M. läßt Lewontiew, Stoffel und Tarakanow nach Kinburn marschiren, um die Budsakischen Tartaren und die Türken zu verhindern, den Krimischen zu Hilfe zu kommen, S. 198, und um sich durch die Eroberung von Kinburn der passage des Dnepr-Stroms für die künftige Campagne zu bemeistern. Münnichs Liebe bei den Soldaten. Der Kalga Sultan versucht eine Hauptattaque auf die Armee. S. 199. Feigheit der Kosaken. Generalmajor Hein wird gegen das feindliche Lager abgeschickt S. 200. Sein Ungehorsam auf Einrathen des Obersten Boy, des Schwiegersohnes von Laçy. Ermahnung des Starschin Iwan Wassiljewitsch Frolow. Der auszuführende Coup von solcher Wichtigkeit, daß er den Ausschlag zu geben vermochte, wer Meister von der Krim sein solle. S. 201. Hein nach Sibirien geschickt. Getrockneter Kuhmist S. 202. Leibgarde von 1200 Mann dem Chan vom Sultan unterhalten. Die Stadt Koslow vom Feind verlassen. S. 203. Die Türken haben sich nach Constantinopel retirirt. Raubsucht der Nagaier. Koslow eine der ältesten Städte in der Krim. Beschreibung dieser Stadt. Der Chan zieht aus ihr 20,000 Rubel Zolleinkünfte. Ausfuhr von Schafen und Getreide. Der Generalmajor Lesly von der gesammten Macht des Feindes angegriffen. S. 205. Schreiben des Kapudan Pascha aus Caffa an Münnich. S. 206. Münnichs Antwort. Windmühlen. M. aus Mangel an Mehl genöthigt, nach Baktschisarey aufzubrechen. S. 207. Generallieutenant Ismailow und Lesly zerstreuen den Feind. S. 208. Marsch nach Backtschisarey. S. 209. Localität des Defilée vor B. Der Sudacker Wein einem guten Schieler von dem meißener sehr gleich. Beschreibung von B. S. 210. Mission der Jesuiten in B. Juden bei

 

 

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H. Münnich vor B. Die Stadt geplündert. Wie die Tartaren und Janitscharen die Kosaken angreifen. S. 211. Die Janitscharen von M. zurückgetrieben. Tapferkeit eines russischen Lieutenants. Einzige avantage, welche der Feind in der ganzen Campagne erhalten. Gewohnheit der Tartaren, ihre Todte und Verwundete mit sich fortzuschleppen. S. 212. Baktschisarey von den Kanonen in Brand gesteckt. - Der französische Consul Adam Eworka und der polnische Edelmann Andreas Butowski, Abgeschickte an den Chan, von Münnich über die krimischen Sachen befragt. Eworta‘s Aussagen. S. 213. Seine Commission, sich der römisch-katholischen Christen vorzüglich anzunehmen. - Geschenke von der Pforte dem Chan überschickt. Die Tartaren in vier Classen eingetheilt. S. 214. — Producte der Krim. Kriegsstaat. Eintheilung in 40 Cantons. Revenüen des Chans. Der Kalga Sultan. S. 215. Der Sultan Nuradin. Der Sultan Orbay. Bukowskis Aussagen. S. 216. Unwahrscheinlichkeit derselben. Die Horde des Chans auf 30,000 Mann zusammengeschmolzen. M. wird durch eine epidemische Krankheit und den Abgang an Pferden genöthigt, statt nach Caffa zu marschiren, nach Perekop zurückzukehren. S. 217. Abfertigung des Prinzen von Hessen-Homburg. S. 218. Münnichs Mißhelligkeiten mit dem Prinzen. S. 219. Die Stadt Achmet-Schet oder Sultan-Sarey in Brand gesteckt. Fortgesetzter Rückmarsch nach Perekop. S. 220. Einnahme von Asow und Kinburn. S. 221. Stoffels Plan Otschatow einzunehmen durch die Saumseligkeit der Generale Lewontiew und Taratanow vereitelt. S. 222. Gründe der verzögerten Einnahme von Asow. S. 222 - 223. Expostulation zwischen Ostermann und Münnich S. 223. Die verspätete Einnahme von Asow verursacht in dem ganzen Systeme der vorgenommenen Operationen eine Aenderung. S. 223. Ankunft bei Perekop. Aussicht zur Unterwerfung der nagaischen Tartaren. M. sieht sich zu Perekop in seinen Erwartungen getäuscht. S. 224. Laçy giebt in seinen Briefen und Antworten an den Feldmarschall Münnich zu erkennen, dass er weder mit frischen Truppen noch Proviant zur bestimmten Zeit werde zu ihm kommen können. Unmittelbare von Münnich an Laçy bewirkte Ordre der Kaiserin. Pagenstreich. S. 225. Mangel an Lebensmitteln und Pferden in Pereskop. Beschwerde Münnichs bei dem Oberkammerherrn Biron über die Aufführung seines Vetters, des Generalmajors Karl Magnus von Biron. Mystification des Publicums. S. 226. Münnich genöthigt in die Winterquartiere zurückzukehren. Schlechte Landcharten. S. 227. General Spiegel entdeckt die Furth durch die faule See. Beschluß Perecop und Or-Capi zu sprengen. Kinburn durch Lewontiew in Schutt verwandelt. S. 229.

Beilage Nr. I. zu Seite 210. Description du Palais du Chan de la Crimée et de la ville de Backtschisarey, sa Residence. S. 230 - 234.

Beilage Nr. II. Supplement zu dem Tagebuch des russisch-kais. Generalfeldmarschalls Grafen von Münnich u. s. w. S. 235 - 243.

 

 

 

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Einleitung des Herausgebers zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Die Darstellung dieses ersten unter dem Generalcommando des Feldmarschalls Grafen Münnich vom Herbst des Jahres 1735 bis zum Herbst des Jahres 1736 gegen die Tartaren und die Pforte geführten Feldzuges zieht durch die Klarheit und unvergleichliche Anschaulichkeit der geschilderten Begebenheiten unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die politische Einsicht und diplomatische Kenntniß, der strategische Blick, der feine Beobachtungstact und der unbefangene Humor, womit in den tartischen, ethnographischen und socialen Beziehungen sämmtliche hieher gehörigen Verhältnisse, wesentliche Zustände, wie zufällige Umstände aufgefaßt und behandelt werden, zeigen, daß sie von einem Verfasser herrührt, der seines Gegenstandes Meister ist.

 

Von Seite 119 - 126 wird uns zuvöderst „um den rechten Zusammenhang der Sachen zwischen Rußland und der Pforte gründlich einzusehen“ als Basis und Einleitung zu den Ereignissen des von der Kaiserin Anna gegen die Pforte unternommenen Krieges eine treffende Uebersicht der politischen Stellung Rußlands zu der Pforte von der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Anna gegeben. Die schon unter dem genannten Zaren die sinkende Pforte überwachsende Machterweiterung Rußlands veranlaßte den Sultan Mohammed IV. geeignete Vorkehrungen zu treffen, um die Russen vom schwarzen Meere abzuhalten. Am Ausfluß des Dons ließ er Asow befestigen und den Strom weiter aufwärts legte er die Castelle oder Calantschi und das Schloß Luttik, so wie am Dnepr die Festungen Otschakow und Cissikermen an, S. 120 Die Russen aber konnten umso weniger von ihren Eroberungsplänen abstehen, da nicht nur die mercantilen Beziehungen ihres erstarkenden Staates die Gewinnung der Küste des schwarzen Meeres erheischten, sondern

 

 

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XVI

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

auch die Sicherstellung der Grenzprovinzen vor dem von den Crimischen und Cubanischen Tartaren fortwährend verübten Menschenraub kaum auf anderem Wege, als durch den Besitz von Asow und die Eroberung der Krim zu erlangen war. Der gegen die letztere im Jahre 1684 unternommene Zug scheiterte an dem Eigennutz des Fürsten Gallizin. — Peter I. eroberte im Jahre 1696 die Kalantschi, im Jahre 1697 Asow und legte am nördlichen Ufer des asowschen Meeres, um die im Jahre 1700 durch den Frieden von Constantinopel (3/14. Juli) erlangten Grenzen sicher zu stellen *), das Fort Semenowski, den Hafen Taganrok und die Festung Samara am gleichnamigen Fluß, so wie Kamennoi-Saton am Dnepr an. Die Niederlage am Pruth aber hatte im Frieden zu Hübsch (12/23. Juli 1711) den Verlust der erhaltenen Vortheile zur Folge **), und Menschikow unter der Kaiserin Katharina I., so wie die Dolgorukis unter Peter II. wendeten sich zu sehr der Befriedigung der eigenen Interessen zu, um sich den Blick für eine den gegebenen Verhältnissen des Staats angemessene Politik ungetrübt zu erhalten.

 

Den Begehrnissen der russischen Großen trat die Kaiserin Anna entgegen. Sie zerriß die ihr aufgedrungene Capitulation. Sie faßte den Entschluß, die Entwürfe Peters I., ihres Oheims, auszuführen — „und sich mehr auf die Redlichkeit und Capacität der Ausländer, und besonders der Deutschen als der geborenen Russen zu stützen.“ S. 127. Ostermann und Münnich standen ihr zur Seite.

 

Da die Rußland nothwendige Gebietserweiteruug zunächst die Macht der Osmanen feindlich berühren mußte, so war gleicher Zeit die Wiederherstellung friedlicher Verhältnisse mit Persien wünschenswerth. Neun Meilen aufwärts von Asow wurde die Festung

 

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*) Dieser Frieden setzte fest: „Die Festen Tawan, Cissikermen, Nustredkermen und Sahiekermen werden geschleift, ihr Land aber verbleibt der Pforte; Asow dagegen mit seinem Gebiete und die dazu gehörigen Ortschaften, wird mit dem freien Handel im schwarzen Meere Rußland gesichert.“ Rußlands Territorialvergrößerung von der Alleinherrschaft Peters des Großen bis zum Tode Alexanders des Ersten, geschichtlich dargestellt von Julius von Hagemeister. Riga und Dorpat, Ed. Frantzens Buchhandlung, 1834 S. 3.

 

**) „Der Friede zu Hübsch gebot die Abtretung Asows mit seinem Gebiete, die Schleifungen der Festungen Taganrok, Kamennoi-Saton, und aller Schanzen an der Shamara, auch sollte der Zar sich nicht mehr in die Angelegenheiten Polens, wie der von den Krimischen Taktaren abhängigen Kosaken mischen.“

Hagemeister im a. W. S. 7.

 

 

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XVII

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

St. Anna am Don angelegt. — Dem im geheimen Conseil (1734) gefaßten Entschluß die Grenzen vom Jahre 1700 wieder herzustellen, arbeitete die Revolution des Nadirkulichan in Persien vor. Um bei seinen Absichten gegen die Pforte an Rußland eine Stütze zu finden, trug dieser kriegerische Usurpator letzterem ein Schutz- und Trutzbündniß an. Aber um den Krieg zu beginnen mußte man russischer Seits, ungeachtet der besten Vorbereitungen zuvor seine Stellung gegen den Westen wahren, und vor Allem nach dem Tode Augusts II. die Angelegenheiten in Polen ordnen. Dies gelang dem Grafen Münnich durch die glücklich ausgeführte Belagerung Danzigs, das die Partei des Stanislaus Lescinsky ergriffen, in kürzerer Zeit als man erwartet hatte.

 

Inzwischen versäumte Frankreich keine Gelegenheit, um die Pforte, die sich von den in den Jahren 1716 und 1717 bei Peterwardein und Belgrad erlittenen Niederlagen noch immer nicht erholen können, gegen Rußland aufzureizen S. 131; und so gelang es dem Gesandten Villeneuve dieselbe dahin zu bewegen, daß sie dem alten Tartarchan Kalgan Giray Befehl ertheilte, nach Persien aufzubrechen (Juli 1735), um sich dort mit dem Serasker Topal Osman zu verbinden, wiewohl Ostermann erklärt hatte, daß Rußland jede Diversion des Chans gegen Persien, bei der, wie es nicht zu vermeiden war, der russische Boden betreten würde, für einen Friedensbruch von Seiten der Pforte ansehen werde. — Hierauf erhielt Münnich Befehl von Polen aus nach Pawlow zu gehn, wo er die für die Belagerung von Asow bestimmten Regimenter in Bereitschaft finden würde. Die bei weitem wichtigere Expedition gegen die Krim sollte nach Ostermanns Dafürhalten dem mit Münnich verfeindeten Grafen von Weisbach übertragen werden S. 134. Auch hatte dieser gleichfalls sich bereits zu seinen Truppen in die Ukraine begeben, als er Münnich sehr gelegen plötzlich starb, der nun das Generalcommando über die Don- und Dnepr-Armee erhielt.

 

Der kalmükische Fürst Donduc Ombo war wieder unter russische Botmäßigkeit getreten; von den Tartaren der kleinen Nagai stand ein Gleiches zu erwarten; Radirschah hatte die türkische Armee bei Eriwan geschlagen. Diese günstigen Umstände dachte Münnich sofort durch einen Angriff auf die Krim zu benutzen, die Belagerung von Asow aber aufs folgende Jahr zu verschieben.

 

 

 

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XVIII

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Demnach fand der Aufbruch der Armee am 1. October a. St. 1735 unter dem Generallieutenant Lewontiew statt, aber die über die nagaischen Tartaren erhaltenen Vortheile weiter zu verfolgen, wurde durch die alsbald eintretende ungewöhnlich strenge und sechs Wochen lang anhaltende Kälte unmöglich gemacht. S. 140.

 

Nachdem so von beiden Seiten ohne Kriegserklärung *) der Friede gebrochen war, wiewohl die Pforte es nicht so angesehen wissen wollte, beschloß Münnich, den die Kaiserin selbst bevollmächtigt hatte, den Feldzug Wann, Wie und Wo er es für gut fände, zu eröffnen, zu Anfang des Jahres 1736 die Belagerung von Asow einzuleiten, und am 1. April die Dnepr-Armee gegen die Krim zu führen.

 

Diesem Plan entgegen sollte man sich nach einem dem Feldmarschall Münnich zur Beantwortung zugeschickten Gutachten Ostermanns fürs Erste mit einer Belagerung von Asow begnügen, zugleich aber mit der Pforte durch die fremden Mächte, die Holländer, Engländer und den römischen Kaiser, zu vermittelnde Friedensunterhandlungen anknüpfen, und wegen der schwer zu bewirkenden Eroberung der Krim es im Fortgang des Krieges nur auf die gänzliche Verheerung und Verwüstung derselben absehen.

 

Hieraus erwiederte Münnich in einer aus die Lage der Dinge sachlich eingehenden Entgegnung: Die Steppen seien keine Wüsten, für hinreichende Proviantirung der Armee könne durch geeignete Maßregeln gesorgt werden; die Befürchtung, daß die Türken noch vor der Ankunft der Russen in die Krim sich hinter der Linie oder dem Paß von Perecop festsetzen könnten, sei grundlos. Eine noch günstigere Gelegenheit zu der Expedition abzuwarten sei nicht rathsam; russischer Seites habe man sich seit Jahren, die Pforte kaum einige Monate vorbereitet; die russische Armee komme siegreich vom Rhein und habe mit den übrigen Mächten Frieden; die Pforte führe Krieg mit Persien und befände sich in der größten Verwirrung; sie sei mit dem Chan von der Krim und dieser mit der Pforte nicht zufrieden. — Statt der Verwüstung der Krim müsse man durch gute Behandlung die Tartaren zu freiwilliger Unterwerfung zu bewegen suchen, und im Fall einer Eroberung durch die bewaffnete Macht, das neuerworbene Gebiet unter der

 

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*) Sie erfolgte russischer Seits erst am 12/23. April 1786, Rousset supplément au corps diplomatique II. P. II, 569.

 

 

 

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XIX

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Leitung seines uninteressirten Mannes von Verstand und Herz colonisiren und durch Befestigung von Yenikale, Kertsch, Caffa, Balaklawa und Koslow die Grenzen desselben sicher stellen. Diese Pläne auszuführen, dazu gehöre nebst Gottes Segen nichts als Standhaftigkeit und Entschlossenheit; man habe daher keine Ursache Rußlands Wohlfahrt dem Interesse der fremden Mächte als Vermittlern in die Hände zu geben. S. 149 - 159.

 

Demnach begab sich Münnich von Isum, wo er elfwöchentliche Winterquartier gehalten, Ende Februar nach der Grenzfestung St. Anna. Den Angriffs auf die Calantschi vertraute er dem Generalmajor von der Artillerie, Sparreuter an. Ihre Einnahme wurde in Münnichs Beisein glücklich ausgeführt und alsbald auch die Uebergabe des Schlosses Luttik gleichfalls durch Sparreuter bewirkt. Hierdurch hatte man auf zwei Armen des Stroms die freie Passage in die See erlangt. Der Feldmarschall trug dafür Sorge, daß der Feind auch auf dem dritten, an welchem Asow liegt, keinen Succurs in die Stadt bringen könnte. S. 169. — In Asow war man in der größten Bestürzung. Münnich selbst machte sich an die Blocade dieser wichtigen Festung und übertrug die Fortführung derselben nach dem von ihm entworfenen Plan bis zu der zu erwartenden Ankunft des Feldmarschalls Laçy dem General Lewaschew. Aber Lewaschew, nicht gesonnen, einem Andern die Früchte seiner Anstrengungen zu überlassen, zeigte wenig Eifer, und da Laçy, dem es an zureichender Kenntniß des Ingenieurwesens fehlte, S. 222 sich von dem Generalquartiermeister de Brigny verleiten ließ, von dem mit Münnich verabredeten Plan (S. 171) abzugehen, wurde die Einnahme Asows um ein Bedeutendes verspätet und das ganze System der für diesen Feldzug berechneten Operationen in Schwanken gebracht.

 

Münnich hatte indessen nach der Generalmusterung seinen Truppen bei Zaritzinka den Befehl zum Ausmarsch gegen Perekop ertheilt. Mit großer Lebendigkeit werden die nun folgenden bei der Armee sich ereignenden Vorgänge geschildert. Sehr charakteristisch spricht sich in der Kriegsführung der Tartaren und den Gefechten mit den Russen die Eigenthümlichkeit ihrer Nationalität aus S. 177 - 184.

 

Die Beschreibung von Perekop und der Festung Or-Capi, die Anstalten gegen Perekop, der Angriff und die Eroberung des

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch

 

Walls und der Festung ordnen sich zu einer zweiten Hauptgruppe in dem Gemälde dieses Feldzugs gegen die Krim zusammen, S.184 - 195

 

Das nächste Ziel ist die Eroberung der Stadt Koslow S. 197 - 207.

 

Einfügung: Khanpalast von Baktschisarey

 

Der Marsch nach Baktschisarey, die Topographie des Dorfes vor Baktschisarey und von der Stadt selbst, die Beschreibung ihrer Einnahme und Plünderung sind reich an interessanten Einzelheiten S. 207 - 212; und die Aussagen des französischen Consuls Adam Eworka und des polnischen Edelmanns Andreas Bukowski, S. 213 - 217 bieten zu einem Exkurs allgemeineren Inhalts über die krimischen Zustände willkommene Gelegenheit.

 

Aber es ist für unsern Zweck nicht nöthig in die Einzelnheiten dieser und der noch folgenden Hauptbegebenheiten des Rückmarsches nach Perekop S. 217 - 220 und in die Ukraine S. 220 - 229 hier weiter einzugehen, außer in so fern sich aus ihnen die leitenden Gesichtspuncte zur Charakteristik ihres Verfassers hervorheben lassen.

 

Zugleich als Staatsmann und als Krieger zeigt sich derselbe eben so sehr mit den feinsten Fäden der inneren Politik wie, vornehmlich der Pforte und Persien gegenüber, mit den auswärtigen Verhältnissen vollkommen vertraut. Des Einflußes, den Ostermann auf die Leitung des Krieges auszuüben suchte, wurde mehrfach gedacht S. 132, 134, 144; auch am andern Stellen fehlt es nicht an treffenden Bemerkungen sowohl über die Regierung S. 121, 125, 134 als besonders über die Art und Weise der unteren militärischen Verwaltung, S. 170, 173 ff. 222.

 

Ueberall aber ist es bei der Erwähnung von wichtigen Angelegenheiten des Staates und für den Gang des Krieges bedeutender Entscheidungen die persönliche Beziehung, der Antheil den Münnich an ihnen gehabt hat, was vorzugsweise in Betracht gezogen wird. So ist mehrmals von besonderen Befehlen der Kaiserin an Münnich oder von directen Berichten des letzteren an jene die Rede, S. 128, 135, 137, 144, 171, 174, 187, von denen man nicht wohl absieht, wie ein anderer als Münnich selbst so genaue Kenntniß von ihnen haben konnte.

 

Der übrigen Theilnehmer am Kriege wird so gedacht, daß Münnich überall zwar nicht über Gebühr, aber doch mit nicht zu

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

verkennender Absichtlichkeit in den Vordergrund gestellt ist, und daß zugleich keiner von jenen bei dem was auf seine Rechnung kommt, weder geschont, noch verkürzt und übersehen zu werden scheint, wie letzteres leichter der Fall sein konnte, wenn ein Augenzeuge untergeordneten Ranges ein Tagebuch über dieselben Begebenheiten aufgezeichnet hätte. - Eine persönliche Gereiztheit blickt durch in der Art und Weise, wie Münnichs Stellung zu den Grafen Ostermann S. 223, Weisbach S. 142 und Lacy S. 171, 222, zum Generalmajor Biron S. 226, und zum Prinzen von Hessen-Homburg S. 219, ins Licht gesetzt wird.

 

Sehr häufig geschieht der Person Münnichs selbst, wie sich dafür auf jeder Seite Belege finden lassen, unter so individuellen Beziehungen Erwähnung, S. 143, 149, 184, wie es einem Dritten über ihn zu berichten nicht wohl möglich war; namentlich wenn von dem die Rede ist, was er nur gedacht hat, was seine Pläne, und „Intentionen“ waren; S. 160, 163, 178, 184, 217, 220, und das Anführen seiner eigenen Worte, der ihm gewöhnlichen Redensarten und Sprichwörtern, S. 178, 180, 188, 199, würde wenigstens eine vertrautere Bekanntschaft mit ihm voraussetzen lassen.

 

Wie sich aber bei aufmerksamem Lesen der einzelnen Züge noch viele finden, die alle zu bestätigen scheinen, daß der Feldmarschall Münnich selbst der Verfasser dieses Tagebuchs ist, so stimmt auch sehr wohl mit dieser Ansicht die Anlage und die Haltung der ganzen Darstellung überein, welche in der durchgehend deutlichen Hervorhebung der Motive begründet ist, sowohl bei der Einleitung zu der Veranlassung des Krieges gegen die Pforte, wie bei der Ausführung der einzelnen Hauptunternehmungen. Ein Feldherr kann keine bessere Rechtfertigung seines Feldzuges geben, als wenn er zeigt, wie sein spähendes Auge nichts außer Acht gelassen, wie es nichts dem Zufall überlassen hat, wie die Unfälle nicht zu vermeiden, wie das Glück kein blindes gewesen. Ein solches Falkenauge war Münnich. Seine Soldaten nannten ihn so *). Sein Auge spricht aus dieser Darstellung; ihr Stil ist seine That.

 

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*) „Den Falken,“ von Halem, Lebensbeschreibung des Russisch-Kaiserlichen General-Feldmarschalls B. C. Grafen von Münnich, Oldenburg, 1803. S. 93.

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch

 

Von der Motivirung und Haltung des Ganzen wird die Färbung des Einzelnen bedingt; sie entspricht jener vollkommen. Es ist Alles und Jedes an seiner Stelle. Die Meisterschaft historischer Darstellung zeigt sich in der Ausführlichkeit, die nie an das Zuviel streift. Mag aber nun von den Tatarenamazonen, S. 182, oder von der Flucht des Chans, S. 191, oder von dem Haarzopf des Capitän Manstein, S. 190, die Rede sein; wir werden keinen von diesen charakteristischen Zügen missen wollen, keinen für überflüssig halten. Sie interessiren uns jeder für sich und wenn wir all‘ die gelegentlichen Bemerkungen, die über die übrigen Mitstreiter, Generale, Offiziere und Soldaten, über ihren persönlichen Antheil am Kampfe, über ihren Charakter und die Triebfedern ihrer Handlungen beigebracht werden, wie über Lewaschew, S. 170, den Fürst Trubetzkoi, S. 174, die hettmanischen und slobodischen Kosaken, S. 174, 178, 200, den Fürst Shukowskoi, S. 175, den Krasna-Schoka, den Starschin Iwan Wassiljewitsch Frolow, S. 134, u. a. m. zusammengehalten, dann glauben wir nicht zu viel zu sagen, wenn wir behaupten, daß diese einzelnen Bemerkungen zusammengenommen auch für sich ein unverwerfliches Zeugniß dafür ablegen, daß sie nur von einem Verfasser kommen konnten, der durch Muth und Einsicht mit seiner ordnenden Hand die Begebenheiten leitete, deren Erzählung den Inhalt dieses von uns dem Feldmarschall Münnich zuerkannten Tagebuchs ausmacht.

 

Die inneren Gründe, die für unsere Ansicht zu sprechen scheinen, werden durch äußere Beweise zur unumstößlichen Gewißheit erhoben. Am Schluß nämlich unseres handschriftlichen Tagebuchs, das bis zum 4. August 1736 reicht, heißt es, von da ab sei „der Marsch längst dem Dniepr fortgesetzt, die Armee ohne fernere Beunruhigung in die Winterquartire nach der Ukraine zurückgebracht und also die Campagne diesmahl beschlossen“ worden. „Wie daher“, fährt der Verfasser fort, „während der Zeit nichts mehr vorgefallen, das eine besondere Anmerkung verdienen könnte, also ist das übrige Wenige, was hieher annoch gehört, bereits in dem zu S. Petersburg in Druck öffentlich ausgegebenen Journal zu befinden.“ In der Fassung dieses letzten Satzes scheint angedeutet zu sein, daß die besonderen Anmerkungen und weiteren Ausführungen dieses Feldzuges, wie sie in unserer Handschrift enthalten sind und die in dem angeführten

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Journal enthaltenen, noch hieher gehörigen Berichte von einem und demselben Verfasser herrühren. Was sofort zur öffentlichen Kunde kommen kann und soll, hat er bereits öffentlich in Druck ausgeben lassen, das Uebrige zu seiner eigenen Genugthuung zwar zu Papier gebracht, zur Zeit aber noch zurückbehalten. Und wie zu Anfang der ganzen Darstellung dieselbe gleichfalls als eine Ergänzung des bisher durch den Druck öffentlich bekannt Gemachten bezeichnet wird *), so wird noch in einer andern Stelle ausdrücklich auf die nähere Beziehung des Verfassers unserer Handschrift zu dem Verfasser der officiellen Berichte mit den Worten: „dem Publico gab man indessen zur Ursache an“ S. 226, hingewiesen. Sehen wir uns aber nach dem erwähnten Journal um, so kann dies wohl kein anderes sein, als die „Nachricht von denen gegen die Türken und Tartaren in diesem 1736. Jahre vorgefallenen Kriegs-Operationen der Rußisch-Kaiserl. Armee.“ Diese „Nachricht“, die mit anderen Nachrichten von dem Kriegsschauplatze der russischen Armee aus dem Jahre 1737 in einem Quartband zusammengebunden in der königlichen Bibliothek zu Berlin zu finden ist, enthält auf siebzig fortlaufend paginirten Seiten ihrem Titel entsprechende officielle Kriegsberichte der russischen Armee. Von diesen habe ich als Probe des Ganzen und als Supplement zu unserem Tagebuch aus dem Abschnitt S. 49 - 64, welcher die Ueberschrift führt: „St.-Petersburg d. 18. Sept. 1736. Fortsetzung des Journals von allen dem, was bey der Rußisch Kayserl. Armee nach derselben am 6. Jul. 1736 geschehenen Zurückkunft bey Perekop vorgegangen“, Seite 55 - 64 in der zweiten Beilage wörtlich abdrucken lassen. Es käme nun darauf an, den Verfasser dieses officiellen Berichts zu kennen, um daraus auf den Verfassers des handschriftlichen Tagebuchs zurückschließen zu können. Als solcher wird ausdrücklich in dem unter demselben Datum ausgegebenen Vorbericht S. 48. der Graf von Münnich angegeben, indem es heißt: „Nach den letzten von dem Herrn General-Feld-Marschal Grafen von Münnich den 6. Sept. erhaltenen Nachrichten ist er mit der Armee unweit Samara angelanget, wie aus folgender Fortsetzung des Journals zu ersehen ist.“

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*) S. 119. „So viele triftige Bewegungsursachen auch immer in den öffentlichen Schriften angegeben sind.“ u. s. w.

 

 

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XXIV.

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Ein anderer Bericht, S. 9 – 12, wird bezeichnet als „Extract aus des General-Feld-Marschals Grafen von Münnichs eingeschickten Bericht von 20. May 1736 datirt auf der Wahl-Stadt innerhalb der Linie von Perecop und S. 13 – 16. in der „Fortsetzung des Journals von denen Kriegs-Operationen der Russisch-Kayserl. Armee wieder die Türcken und Tatarn“ ist bemerkt, daß „aufs neue von obgedachtem General-Feld-Marschall – folgende Nachricht eingeschickt worden.“ Eben so wird von dem Petersburg den 26. Juli ausgegebenen Bericht gesagt, daß er durch einen Cabinetscourir vom Feldmarschall Münnich eingesandt sei.

 

Außerdem kommen in dem officiellen Journal noch einige Stücke vor, die auch von anderen Generalen eingeschickte Nachrichten enthalten; so wird S. 28. eines Berichts vom Generalmajor Knäs Trubetzkoi gedacht, eines andern vom Generallieutenant Lewontiew, S. 52; vom Generalfeldmarschall Laçy werden kürzere und umständlichere Nachrichten mitgetheilt, S. 30, S. 31, 32, 33 – 36; und aus dem Cuban S. 19 – 22, S. 67 – 70. Für unseren Zweck haben wir uns jedoch nur an die Münnichschen Berichte zu halten. Genügt nun schon nach dem oben Bemerkten das von uns unserem Tagebuch beigefügte Supplement für sich allein, um die Vermuthung, daß Münnich selbst der Verfasser desselben ist, zum höchsten Grade der Wahrscheinlichkeit zu bringen, so wird dieselbe durch die theilweise wörtliche Uebereinstimmung der übrigen Berichte mit dem handschriftlichen Tagebuch zur augenscheinlichen und unbestreitbaren Gewißheit erhoben. Um die Vergleichung des officiellen, auch in der „Neuen Europäischen Fama 1736“ wieder abgedruckten Journals *) mit dem handschriftlichen Tagebuch zu erleichtern, sind in diesem sämmtliche, mit jenem gleichlautende einzelne Wörter und vollständige Sätze mit Zurückweisung auf die betreffenden Stellen durch gesperrte Schrift bemerklich gemacht worden. Aus dieser Vergleichung ergiebt sich, daß längere Stellen, die sich

 

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*) Im zwanzigsten Theile der Neuen Europäischen Fama heißt es zu Anfang des Abschnitts der von Rußland handelt (S. 758 – 781) ausdrücklich: „in der Absicht unsern Lesern den völligen Zusammenhang der Campagne zu zeigen, hatten wir ein vollständiges Journal von alle dem, was bey der Rußischen Armee bis auf den 17. Julii n. St. vorgefallen, eingerückt. Da uns nun nachgehends die Continuation desselben zu Händen kommen, so befinden wir uns genöthigt, unsern Lesern diesfalls in der Ordnung nicht zu unterbrechen, selbige auch beyzufügen.“

 

 

 

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XXV.

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

eben ganz für den officiellen Gebrauch eigneten in der „Nachricht“ wörtlich beibehalten worden sind, während an anderen Stellen die Verwandtschaft beider Journale nur in einzelnen Ausdrücken wieder zu erkennen ist. Daß aber offenbar unser Tagebuch die Grundlage von diesen Berichten gewesen, und daß es nicht etwa als spätere Erweiterung der letztern angesehen werden kann, geht aus der nicht zu verkennenden größeren Sorgfalt hervor, die in dem officiellen Journal beiden gleichlautenden Stellen an den wenn auch geringfügigen stilistischen Modificationen einzelner Ausdrücke sichtbar wird. Auch finden sich in dem letzteren einzelne Zusätze und Ergänzungen, von denen nicht wohl anzunehmen ist, daß der Verfasser des „Tagebuchs“ sie nicht mit aufgenommen hätte, wenn ihm bei der Aufzeichnung desselben jenes zur Grundlage diente, während sie als Erweiterungen des im Tagebuch gegebenen ganz an ihrer Stelle sind. Wir können daher unmöglich daran zweifeln, das Münnich selbst der wahre Verfasser des letztern ist; viel eher hingegen könnte noch gegen die unbedingte Echtheit der unter Münnichs Namen ausgegebenen officiellen Berichte Bedenken erhoben werden; ob sie nämlich unmittelbar in der Form, wie wir sie haben, auch von ihm selbst verfaßt worden sind. Darauf indessen kommt wenig an. Mochte die letzte Redaction derselben einem Dritten überlassen sein, oder nicht; immer ist die noch übrige Uebereinstimmung beider Journale Beweises genug dafür, daß unser Tagebuch nur Münnich selbst zum Verfasser haben kann.

 

Der Werth dieser Schrift ist um so höher anzuschlagen, je seltener, zumal in der Kriegsgeschichte der früheren Zeiten die Beispiele sind, daß die Feldberrn selbst ihrer Thaten Darsteller waren, und es möchte diese neue Quelle für die Geschichte des unter der Leitung des Feldmarschalls Münnich geführten russisch-türkischen Krieges leicht das Bedeutendste sein, was bis jetzt bekannt worden ist. Denn wiewohl uns der General Manstein, damals Capitän bei der russischen Armee und Adjutant des Feldmarschalls Münnich in seinen Memoiren sehr dankenswerthe Mittheilungen über diesen Krieg macht, die nach der Versicherung eines anderen Augenzeugen, des Grafen Ludwig Friedrich zu Solms-Wildenfels *), das Beste und Richtigste enthielten,

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*) In seinen zur Widerlegung einiger durch den Grafen Dadich verbreiteter falscher Nachrichten in Woltmanns Zeitschrift „Geschichte und Politik“ Bd. II. S. 180 – 188 bekannt gemachten Erinnerungen aus Münnichs Feldzügen sagt der Graf Solms (Münnichs Schwiegersohn und im russisch-türkischen Kreg sein Generaladjutant): „Da ich in Ansehung der Feldzüge ganz sicher auf Mansteins Nachrichten verweisen darf, welche er unter dem Titel: „mémoires de Russies écrites par un officier qui a été plusieurs années dans ce service“ geschrieben und mir selbst übergeben, um sie aufzuheben und vor des Grafen Münnichs Tode nicht bekannt werden zu lassen, so kann ich auf diesen Blättern die starken Irrthümer des Grafen Dadich, welche sonderlich den Feldzug in die Krimm und vor Oczakof betreffen, nicht ausführlich widerlegen, sondern bloß was bei der Mansteinschen Erzählung mir beifällt, zur Rettung der Wahrheit anmerken. “

 

 

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XXVI.

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

was über diese Ereignisse bis zu seiner Zeit bekannt gemacht worden, so verhalten sie sich doch uns zu Münnichs Tagebuch wie kärgliche Notizen zu einem vollständig ausgeführten Bilde. Keralio *) aber bietet für die Geschichte dieses Feldzuges nichts Neues. Er hält sich wörtlich an Manstein.

 

Gewiß wäre es wünschenswerth, nachweisen zu können, wann, durch wen, und auf welche Veranlassung dieses ohne Zweifel auf gesandtschaftlichem Wege acquirirte Tagebuch des Grafen Münnich in das königlich sächsische Hauptstaatsarchiv gekommen ist. Hierüber etwas Näheres zu ermitteln, ist mir bis jetzt noch nicht gelungen. Möglich wäre es, daß man durch solche Bemühungen noch einer weitern handschriftlichen Hinterlassenschaft des ausgezeichneten Mannes auf die Spur käme. Seines Briefwechsels mit Biron erwähnt er im Tagebuch, S. 142. Während seines Aufenthalts in Sibirien schrieb er an einer ,,pragmatischen Geschichte Rußlands“ **), die er um der Gefahr zu entgehen, staatsverbrecherischer Pläne angeschuldigt zu werden, selbst ins Feuer zu werfen sich gezwungen sah ***). Nach der Rückkehr aus der Verbannung setzte er auf den Wunsch der Kaiserin Katharina II. Denkwürdigkeiten seines eigenen Lebens mit Eifer fort (1766), die er schon vor Jahren zu schreiben angefangen hatte. Ein Ergebniß solcher Bemerkungen ist die im Jahre 1774 zu Kopenhagen erschienene „Ebauche pour donner une idée de la forme du Gouvernement de l‘Empire de Russie.“ Nach seinem Tode sind die vorgefundenen Manuskripte wahrscheinlich alle in das Cabinetsarchiv geliefert worden ).

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*) Histoire de la guerre des Russes et des Imperiaux contre les Turcs en 1736, 1737, 1738 et 1739 et de la paix de Belgrade qui la termina. A Paris 1780.

**) Woltmann, „Geschichte und Politik.“ II. S. 46.

***) von Halem, Lebensbeschreib. d. Generalfeldmarschalls Münnich.

) Halem im a. W. S. 246.

 

 

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Ueber die Verbindung zwischen Nowgorod und Wisby und den Deutschen mit den Russen.

 

 

Andeutungen über den Einfluß der Deutschen auf die Russen im Mittelalter und die Stellung der Ostseeprovinzen zum russischen Reich.

 

 

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Leerseite

 

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Einleitung.

 

Der electrische Funken, durch den das Licht des Fortschritts in der Cultur, im gesammten Staatsleben, in Wissenschaften und Künsten sich über das Leben der Völker ausbreitet, wird geweckt und angefacht durch wechselseitige Berührung und Verbindung verschiedener Nationalitäten. Ist nun der Handel ein Hauptmittel zu dieser Verbindung der Völker und Staaten, so wird die Handelsgeschichte eines Volks, abgesehen von ihrer nationalöconomischen Seite, auch in Bezug auf die intellectuelle Ausbildung desselben, von welthistorischer Bedeutung sein.

 

In höherem Grade als bei irgend einer andern enropäischen Nation ist dies mit der russischen der Fall, denn die übrigen Nationen der christlichen Aera hatten seit dem Anbeginn ihrer historischen Entwicklung außer dem materiellen Hebel des Handels noch zwei andere, die als Grundlagen ihrer intellektuellen Bildung anzusehen sind, mit einander gemein, die Kirche und das Feudalrecht. Die Russen aber, letzteres schon im ersten Keime erstickend, und einem stationären Cultus huldigend, seit Entstehung ihres Reichs vom westlichen Europa getrennt und später durch die Herrschaft der Mongolen gewaltsam von ihm abgeschnitten, standen mit demselben einzig und allein auf dem Wege des Handels in Gemeinschaft und zwar vorzugsweise durch Handelsverbindungen, welche sie im Norden ihres Reichs, wo Nowgorod den Centralpunct bildete, von dieser Metropole aus, über die Ostsee hin mit den westlich gelegenen Ländern unterhielten.

 

Aus diesem Grunde ist es unerläßlich, vor Allem unser Augenmerk auf die Handelsgeschichte Nowgorods zu richten, wenn wir den Gang der Culturentwicklung in Ausland bis zu dem Zeitpunkt,

 

 

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Einleitung.

 

wo dieses Reich sich zum mächtigsten im europäischen Continent erhob, historisch verfolgen wollen. Um aber hier zuvörderst auf die ältesten Verbindungen Nowgorods mit dem Auslande zurückzugehen, so verlieren diese sich vor der Zeit der Waräger in Rußland in ein so unbestimmtes Dunkel, daß wir mit historischer Gewißheit durchaus nichts Sicheres über sie ermitteln können.

 

Anders verhält es sich mit den Zeiten der Waräger- oder Normannenherrschaft.

 

Es ist bekannt, wie diese kühnen Eroberer, seit dem Anfange des neunten Jahrhunderts, nachdem Karl der Große die Macht der Sachsen gebrochen und auch die Dänen aus ihrer ursprünglichen Heimath aufgestört hatte, sich der Herrschaft zur See bemächtigten, alle Küsten Europas umschwärmten und durch ihre Kriegszüge die entferntesten Gegenden dieses Welttheils in eine nähere Berührung mit einander setzten *). Kein Meer ließen sie unbefahren, keinen Strom unbesucht, an den entferntesten Küsten landeten sie, die Flüsse aufwärts drangen sie ins Innere der Länder ein; so trugen sie Schrecken und Verheerung an die Ufer der Elbe, des Rheins und der Schelde, der Seine und der Themse, so wie an die Gestade der Loire, der Rhone **) und des Arno ***) hin.

 

Nicht so scheinen die Ströme, welche in die Ostsee münden,

 

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*) Venerunt etiam legati Graecorum a Theophilo imperatore directi. - Misit etiam cum eis quosdam, qui se, id est gentem suam, Rhos vocari dicebant, quos rex illorum, Chacanus vocabulo, ad se amicitiae, sicut asserebant, causa direxerat, petens per memoratam epistolam, quatenus benignitate imperatoris (Ludovici) redeundi facultatem atque auxilium per imperium suum totum habere possent, quoniam itinera, per quae ad illum Constantinopolim venerant, inter barbaras et nimiae feritatis gentes immanissimas habuerant, quibus eos, ne forte periculum inciderent, redire noluit. Quorum adventus causam imperator diligentius investigans, comperit eos gentis esse Suconum, exploratores potius regni illius nostrique quam amicitiae petitores ratus, penes se – retinendos judicavit.
Annal. Bertinian. P. II. Ann 839. V. Pertz Monum. I. p. 434.

**) Piratae Dauorum longo maris circuitu, inter Hispanias videlicet et Africam navigantes, Rhodanum ingrediuntur, depopulatisque quibusdam civitatibus ac monasteriis, in insula, quae Camaria dicitur, sedes ponunt. ib. Ann. 859 p. 453.

***) Dani qui in Rhodano fuerant, Italiam petunt, et Pisas civitatem aliasque capiunt, depracdautur atque devastant. ib. Ann. 860 p. 454.

 

 

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5

 

Einleitung

 

sie an sich gezogen zu haben, obgleich diese ihnen die nächsten waren; wenigstens ist das Oder- und Weichselgebiet, wenn wir von den späteren Eroberungen der Dänen absehen, den Raubzügen der Normannen weniger ausgesetzt, wohl aber finden wir sie an der Düna und Newa nicht nur während des neunten Jahrhunderts, wie davon noch heut zu Tage die in jenen Gegenden des Nordens aufgefundenen Münzen ein sprechendes Zeugniß ablegen, sondern noch viel weiter zurück, bis in die erste Hälfte des sechsten Jahrhunderts, lassen sich Wäringerzüge nach Constantinopel durch Rußland mit der größten Wahrscheinlichkeit nachweisen *). Gewiß aber waren es zuerst nicht sowohl die uncultivirten und unwirthbaren Gegenden dieser Flußgebiete selbst, die sie lockten, sondern es mußten diese Ströme, wie im Süden Dnepr und Wolga, ihnen nur als Verbindungslinien mit den reicheren Ländern des Südens, mit dem byzantinischen Reich und sogar mit Persien dienen.

 

Wie an den Küsten Frieslands, wie im nördlichen Frankreich, England und Neapel, so gelang es ihnen denn auch in Rußland, eigene Niederlassungen zu gründen, dauernde Herrschaften zu errichten. Wie sich aber in all‘ diesen Reichen die normannischen Ankömmlinge auf eine überraschende Weise mit den vorgefundenen Bewohnern dergestalt zu einem Volke verschmelzten, daß sie sogar die eigene Sprache aufgaben, so mußte dies im großen russischen Reich um so leichter geschehen, als hier die normannische Bevölkerung der Waräger im Verhältniß zu der slawisch-finnischen Landbevölkerung gewiß eine viel geringere war, als die der neugegründeten Normannenstaaten im westlichen Europa.

 

Dennoch blieben diese Herrschaften nicht ohne directen Einfluß auf die Entwicklung und den welthistorischen Fortschritt europäischer Cultur. Zwei von den Elementen, die wir oben als die Hauptfactoren europäischer Culturentwicklung bezeichnet haben, kamen vornehmlich durch diese Normannen in Aufnahme, das Lehnssystem und der Handel. Jenes wurde nirgends mit solcher Strenge und Consequenz durchgeführt, wie gerade in den normannischen Staaten; dieser verdankte im ganzen Norden Europas hauptsächlich den Normannenzügen sein Aufblühen, weil er zu wahrer Blüthe nur erst gelangen konnte, seitdem er zur See geführt wurde,

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*) Vgl. Geijer Geschichte Schwedens B. I. S. 37 ff.

 

 

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6

 

Einleitung

 

und weil sich eine engere Verbindung der nördlichen Länder zur See erst seit und durch diese Züge auf dauernde Weise anknüpfte, so daß sie in späteren Zeiten nicht wieder gelöst werden konnte.

 

Diese beiden Elemente zeigten sich auch in Rußland wirksam, wenn gleich sie zu keiner vollständigen Entwicklung kamen. Der Adel und die Bojarenherrschaft in Rußland verdanken unmittelbar der Eroberung der Waräger ihre Entstehung; nicht minder ist der Ursprung und das Emporkommen der Städte Rußlands, der Stapelplätze des Handels, nach dem Zeugnisse des ältesten nationalen Berichterstatters russischer Geschichten zum großen Theil den Niederlassungen der Waräger zuzuschreiben *).

 

Von all‘ den Städten aber, welche die Producte des inneren Reichs sammelten, war Nowgorod die einzige, welche sie gegen das Ausland austauschte. Hier strömten alle Schätze des Reiches zusammen.

 

Einfügung: Nowgorod

 

Nowgorod wurde das Haupt des nordischen Kolosses. Auch hier war es ohne Zweifel ursprünglich die warägische Einwohnerschaft, welche die Verbindung mit ihren überseeischen Nachbaren unterhielt. Denn wie lange die russischen Waräger und ihre urväterlichen Stammesgenossen noch der alten Gemeinschaft eingedenk waren, sehen wir, um nur Eins anzuführen, daraus, daß noch zu Wladimirs und Jaroslaws Zeiten (980 - 1054) sogar die Familienverbindungen zwischen den russischen vornehmen Warägern und den überseeischen nicht erloschen waren **).

 

Suchten die Waräger in früheren Zeiten durch Raubzüge aus Feindesland sich gewaltsam zu verschaffen, was sie vorzugsweise anlockte,

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*) Vgl. Schlözers Nestor Theil III. S. 43. 44. 67. „Alle (Mscpte) außer Archl. Dieser Oleg fing an (Voskr. in ganz Rußland) Städte zu errichten.“ Theil V. S. 202. 210.

**) Wladimir selbst ging von Nowgorod aus vor seinem Bruder Jaropolk fliehend über Meer und kehrte im Jahre 980 mit einem Heere von Warägern zurück. Schlözers Nestor Theil V. S. 194 und 196. Er warb um Rognied die Tochter Rogwalds, der von jenseits des Meeres gekommen war und über Polotzk herrschte, und nahm sie zum Weibe nachdem er den Vater erschlagen. Ebendas. S. 198.

Jaroslaw war mit Ingigerd oder Anna, des Schwedenkönigs Olaf Tochter vermählt. Karamsin Geschichte des russischen Reiches, deutsche Uebersetzung Band II. S. 20 und Anmerk. 25. „Ingigerd übergab ihrem Verwandten, dem Jarl Rogenwald die Regierung von Aldeigaburg.“

 

 

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Einleitung.

 

so mußte, nachdem sie sich selbst im Slavenlande angesiedelt hatten, der friedliche und rechtliche Weg des Handels ihnen ein viel gefahrloseres und leichteres Mittel gewähren, zur Befriedigung ihrer Wünsche zu gelangen. Die geeignetesten Stapelplätze des Handels boten die Inseln des baltischen Meeres dar. Unter diesen Inseln hatte Gothland für den Handel die glücklichste Lage, da sie weder den Schweden noch den Russen und den Deutschen allzuentfernt, für diese drei Nationen einen wie von der Natur dazu bestimmten Vereinigungspunct bildete. Alle drei hatten hier ihre Niederlassungen; doch übten die scandinavischen Gothländer, als Bewohner und Besitzer der Insel über die fremden Nationen ein natürliches Uebergewicht aus. Sie waren die Speditionshändler zwischen Deutschen, Schweden, Russen und Ehsten. Wie aber Gleichheit des Rechts die Grundlage alles freien und gedeihlichen Handels ist, so erfreuten sich Deutsche und Russen desselben Rechts, unmittelbar ihre Waaren auf der Insel Gothland gegen einander auszutauschen, kraft dessen die Gothländer ungehindert die deutschen Häfen so wie Nowgorod besuchen durften, und die Russen konnten von Gothland aus eben so gut, ohne sich der Zwischenhand der Gothländer zu bedienen, ihren Weg unmittelbar nach den deutschen Häfen fortsetzen, wie die Deutschen von hier aus sich an die östliche Küste und nach Nowgorod begaben. Doch ist wohl zu merken, daß wenn auch die genannten drei Nationen dem Rechte nach in mercantiler Beziehung gleich gestellt waren, sich faktisch doch auch hier jeder Zeit eine Nation vor der andern geltend zu machen wußte.

 

Von den Russen finden sich nur wenig Spuren, daß sie

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Olaf Tryggveson aus norwegischem Königsgeschlechte im Jahre 973 ? geboren, wurde in Russland erzogen. Aus Rußland ging er im Jahre 985 mit einer großen Kriegmacht auf die See. Dahin kehrte er, nachdem er die wendischen Küsten heimgesucht, nach dreijährigem Aufenthalte zurück und noch einmal kam er von dorther um Gotland, Schonen und Dänemark zu plündern, bis er im Jahre 995 König von Norwegen wurde. Ludwig Giesebrecht, wendische Geschichten Theil I. S. 227. 230. 234. Der norwegische Jarl Erich aber, den Olaf Tryggveson verdrängt hatte, verließ Gotland (in Schweden), wohin er geflüchtet war „und zog wie Eyolf der Skalde singt, um Waldemars Land, d. i. die russische Küste durch den Feuerbrand des Speersturms zu veröden, brach auch die Aldeigaburg (am Ladogasee) unter hartem Gefechte.“ Giesebrecht im a. W. S. 240.

 

 

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Einleitung.

 

selbst von Gothland aus den Activhandel nach Deutschland hin betrieben haben; in späterer Zeit werden sie ganz von demselben zurückgebracht. Die Gothländer hingegen verstanden es, in Nowgorod immer größeren Einfluß zu gewinnen, und die Deutschen blieben nicht zurück; vielmehr erlangten diese zu Wisby, der sich auf Gothland stolz emporhebenden Stadt, bald auch über die Gothländer das Uebergewicht, nachdem sie durch eine Reihe der blühendsten Colonien in den heutigen deutschen Ostseeprovinzen Rußlands dem russisch-deutschen Handel eine noch festere Basis gegeben, und dadurch ihrem hanseatischen Städtebund unter dem Vorsitz Lübecks das Monopol des einträglichen Handels mit dem russischen Reich erworben hatten, welchem sie die Blüthe ihrer Jahrhunderte lang die Meere des Nordens beherrschenden Macht verdankten, wie denn andererseits durch sie, die Deutschen, auch den Russen die Pforten europäischer Cultur eröffnet wurden.

 

 

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Erste Abtheilung.


Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Erstes Capitel.

 

Gothlands Erhebung zum Mittelpunct des nordeuropäischen Welthandels.

 

Wenn wir dies nur nach seinen Hauptumrissen flüchtig hingeworfene Bild durch eine genauere Ausführung seiner charakteristischen Züge uns klarer vor Augen stellen, um Schritt vor Schritt den Weg nachweisen zu können, wie durch die im Mittelalter angeknüpfte Handelsverbindung Nowgorods mit den Deutschen, die schon seit mehr als hundert Jahren bestehende Einigung der russischen Nation mit der deutschen angebahnt wurde; müssen wir zuvörderst auf die Geschichte der aus ihrer Unscheinbarkeit sich zum Centralpunct nordeuropäischen Welthandels erhebenden Insel Gothland zurückgehen. Denn nur aus den allgemeinen Verhältnissen und Normen, die sich hier feststellten, kann die gegenseitige Stellung der einzelnen an diesem Handel Theil nehmenden Nationen verstanden werden.

 

Wie aber Gothland durch seine locale Beschaffenheit vorzugsweise zum Vereinigungspunct des nordeuropäischen Handels geeignet war, ist bereits oben von uns angedeutet worden. Jetzt werden wir die Hauptmomente, durch welche die von dieser Insel ausgehende Entwicklung ins Leben trat, hervorzuheben haben.

 

Bis auf die frühesten Zeiten historischer Erinnerung zurück betrachteten sich die Gothländer als frei und von fremder Herrschaft unabhängig. Gleicher Abstammung mit den scandinavischen Normannen, wurden sie wie diese durch gleiche Lebensverhältnisse darauf hingewiesen, durch die weite Welt auf Abentheuer auszuziehen. Die alte einheimische Sage der Gothländer *), führt nach Art der Sagengeschichte die ursprüngliche Eintheilung des

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*) Guta-Lagh, das ist der Insel Gothland altes Rechtsbuch, herausgegeben von Schildener, Greifswalde 1818, S. 106 – 115.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Landes in drei Theile auf die drei Söhne des ersten Bewohners der Insel, des Thielvar zurück, welcher mit dem Gebrauch des Feuers den ersten Keim menschlicher Cultur nach Gothland brachte, wie Solches die Sage in ihrer naiven Gestalt folgendermaßen erzählt: (Cap. I.) „Gothland fand zuerst der Mann, welcher Thielvar heißt; da war Gothland so unscheinbar, daß es Tages untersank und Nachts oben war, aber der Mann brachte zuerst Feuer auf das Land und seitdem sank es niemals.“ Und von den Söhnen Thielvars, deren jedem ein Drittheil der Insel zufiel, heißt eo: „darauf ward von diesen Dreien das Volk auf Gothland nach langem Zeitenlauf so vermehrt, daß das Land nicht vermochte sie zu ernähren. Da loos‘ten sie fort vom Lande jegliches dritte Haupt, so daß diese alles das Ihrige, was sie über der Erden hatten, „ (ihr bewegliches Gut), „behalten und mit sich fortnehmen sollten,“ und zwar wird ins Besondere auch darauf hingedeutet, wie schon ihre ersten Unternehmungen diese kühnen Seehelden nach Rußland, und gleich den übrigen Normannen, durch dieses Reich ins byzantinische Kaiserthum führten.

 

„Von den Farinseln *) ,“ lautet es in unserer Quelle weiter, „zogen sie fort zu einer Insel, Ehstland gegenüber, welche heißt Dagaithi (Dagden) und bauten sich an und machten eine Burg, welche noch sichtbar ist. Da vermochten sie sich auch nicht zu halten, sondern zogen das Wasser hinauf, welches heißt Düna, und weiter hinauf durch Rußland - und so weit zogen sie, daß sie nach Griechenland kamen.“

 

Also schon durch ihre frühesten Unternehmungen wurden die Gothländer, ihrer heimischen Sage zu Folge, im Osten und in Rußland bekannt, wo sie für ihre Handelsthätigkeit bald einen so weiten Spielraum finden sollten. In Bezug aber auf die politisch-religiöse Gestaltung Gothlands ist uns die Verbindung dieser Insel mit Schweden von noch größerer Wichtigkeit. Trotz der geringen Entfernung von diesem Reich glückte es ihr doch, während der ganzen Zeit, wo der Handel ihrer noch als eines Stützpunctes und Stapelplatzes durchaus bedürftig war, bis über die zweite Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts hinaus, ihre politische Unabhängigkeit sich zu bewahren. (Cap. II.) „Viele Könige stritten

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*) Diese Inseln, schwedisch Farö genannt , liegen au der nordöstlichen Spitze von Gothland.

 

 

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Erstes Cap. Gothlands Erhebung zum Mittelpunct etc.

 

gegen Gothland, so lange es heidnisch war, doch behielten die Gothländer ununterbrochen die gleichen Sitten und ihr Recht.“ Indeß, mit Berücksichtigung der die Unabhängigkeit dieses Eilandes begünstigenden Lage mußten die Könige von Schweden es für vortheilhafter achten, mit Gothland in ein Schutzbündniß zu treten, als durch fortwährende Kriegszüge im Zustande der Unsicherheit zu verharren. So sagt denn auch ferner unsere Erzählung aus, „darnächst schickten die Gothländer viele Gesandte nach dem Reiche Schweden, aber keiner von ihnen erhielt Frieden, bis auf Awair Strabain aus Alfsta Kirchspiel; der machte den ersten Frieden mit dem Schwedenkönig. Demnach brachte er unter des Landes Rath, bevor er von Hause fuhr, ein regelmäßiges Rechtsverhältniß mit dem Schwedenkönig zu Stande: sechzig Mark Silber jegliches Jahr; das ist Gothlands Schoß.“ Und zwar wird der Zweck dieser Abkunft mit folgenden Worten angegeben: „so begaben sich die Gothländer freiwillig unter den Schwedenkönig, darum daß sie möchten frei und unbeschwert ins schwedische Reich kommen können, an jeden Ort, ohne Zoll und Abgabe.“ Eben so können auch Schweden fortan nach Gothland kommen, ohne Getreidesperre oder sonstiges Verbot. Schutz und Hülfe sollte der König den Gothländern zukommen lassen, wenn sie derselben bedurften und darum anhielten.

 

Auf solche Weise sicherten sich die Gothländer als Grundlage ihrer Existenz eine politisch-mercantile Unabhängigkeit gegen Schweden. Doch das Bedürfnis selbst nach einem ausgebreiteteren und auf rechtlichen Grundlagen ruhenden Handelsverkehr, das Bedürfnis sich auch die erhöhten Genüsse materiellen Lebens zu eigen zu machen, ging erst aus dem Keim der Bildungsfähigkeit und des Fortschritts hervor, der durch die Annahme des Christenthums in sie gepflanzt ward.

 

Im dritten Capitel der alten Erzählung heißt es: „als die Gothländer Heiden waren, da segelten sie in Handelsgeschäften nach allen Ländern, sowohl christlichen als heidnischen. Da sahen die Kaufleute christliche Sitten in christlichen Ländern und ließen manche allda sich taufen, und brachten nach Gothland einen Priester.“ Zur völligen Annahme aber des Christenthums trug das Meiste der Schwedenkönig bei. (Cap. II.) „Hierauf kam der König fliehend von Norwegen mit Schiffen, und legte in dem Hafen an, welcher Akergarn heißt. Da lag der heilige Olaf (Schooßkönig, 1008)

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

lange; - da fuhren Ormika von Hainaim und mehr reiche Männer zu ihm mit ihren Gaben; - da nahm Ormika das Christenthum an, nach des heiligen Olafs Unterweisung, und baute sich ein Bethaus, an selbiger Stelle, wo jetzt die Kirche von Akergarn steht.“ Die Annahme des Christenthums mußte zuvörderst das nationale Band der Sprache und der Abstammung , das die Gothländer mit den Schweden vereinigte, noch durch das Band der gleichmäßig fortschreitenden Gesittung befestigen, und so schlossen sich denn auch die Gothländer der Diöcese des Bischofs von Linköping an.

 

(Cap. III.) „Bevor noch Gothland für beständig einen Bischof annahm, kamen Bischöfe nach Gothland, Pilgrime zum heiligen Lande Jerusalem, die von dannen (durch Griechenland und Rußland) nach Hause fuhren. Nachdem nun fortan die Gothländer sich zum Christenthum wendeten, sandten sie Sendboten zum höchsten Bischof in Linköping, weil er ihnen der nächste war, auf daß er nach einer bestimmten Ordnung auf Gothland käme.“

 

Aber auch mit den übrigen europäischen Nationen konnten die Gothländer erst von der Zeit an, wo sie sich dem Christenthum zuwandten, sich auf einen gleichen Fuß des Rechts und des Vertrages stellen; erst jetzt konnte der Handel aufblühen, erst jetzt da sie nicht mehr Heiden waren, hörte der natürliche Zustand der Feindschaft auf, erst jetzt konnten sie als Freunde gern in den benachbarten Ländern geduldet werden, und ihrerseits gern die Bewohner dieser Länder bei sich aufnehmen. So traten sie nach dieser Zeit namentlich mit den Deutschen in engere Verbindung.

 

 

 

Einfügung: Kaiser Lothar III. und sein Enkel Herzog Heinrich der Löwe am Altstadtrathaus in Braunschweig

 

Kaiser Lothar der Sachse, verlieh ihnen ausgedehnte Rechte und Handelsprivilegien. Im Jahre 1163 aber bestätigte und erweiterte Herzog Heinrich der Löwe ihnen eben diese Rechte, und bedung sich für seine Unterthanen dieselben Rechte in Gothland aus, die er ihnen in seinen Landen gewährte, indem er es ihnen zur besonderen Bedingung machte, seinen Hafen Lübeck fleißig zu besuchen *), der sich bald neben Gothland als das Haupt des aus dieser Verbindung emporkeimenden Welthandels erheben sollte.

 

Erst von dieser Zeit an konnte sich ein städtisches Leben auf Gothland entwickeln, das die allgemeinen Beziehungen und Verhältnisse in denen diese Insel zu den übrigen Ländern stand, in sich ordnete

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*) Sartorius urkundliche Geschichte des Ursprungs der deutschen Hanse, herausgegeben von Lappenberg, Bd. I. S. 12.

 

 

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Erstes Cap. Gothlands Erhebung zum Mittelpunkt etc.

 

und ihre politisch-mercantile Weltstellung repräsentirte. Denn erst durch die Annahme des Christenthums erhielten die allgemeinen Interessen so sehr über die particulären das Uebergewicht, daß die gothländischen Bewohner von Wisby sich von ihren eigenen Stammesbrüdern und ihrem Particularismus lossagend und die natürliche Feindschaft gegen ihre entfernteren Stammesgenossen aufhebend, wie sie früher in kirchlicher Beziehung sich mit den Schweden verbanden, jetzt in mercantiler Beziehung in eine städtische Gemeinde, zu gleichen Zwecken, durch gleiches Recht, mit den Deutschen zusammentraten, die unter allen germanischen Stammgenossen vermittelst ihrer europäischen Weltstellung in allen allgemeinen Lebensverhältnissen am weitesten vorgeschritten waren.

 

In gemeinschaftlicher Verfolgung dieser allgemeinen Interessen sonderten sich die städtischen Gothländer nicht nur von den Bewohnern des flachen Landes ab, die an dem alten particulären Zustand ihrer Verfassung und Gesetze festhielten, wie dies überall das Volk im Gegensatz zu den gebildeten Ständen zu thun pflegt, sondern sie geriethen auch mit diesem mit der Zeit immer mehr in feindliche Opposition und in die ernstlichsten Conflicte. Die ausführlichen Betrachtung dieser letzteren können wir jedoch um so eher bei Seite liegen lassen, als es uns hier lediglich um die Entwicklung jener allgemeinen Interessen zu thun ist. Wir wenden demnach unsere Aufmerksamkeit wieder der durch Kaiser Lothar zuerst begründeten und unter dem Schutz der schwedischen Beherrscher befestigten Vereinigung Gothlands mit den Deutschen zu.

 

Die Vorrede zu dem alten Rechtsbuch der Stadt Wisby hebt also an *): „Das sei zu wissen, daß als sich die Leute von mancherlei Zungen auf Gothland sammelten, da schwur man den Frieden, daß ein jeglicher rings um das Land herum sollte frei haben den Vorstrand, acht Faden hinauf in das Land, es möchten Acker oder Wiese davor liegen, damit ein jeglicher seinem Gut desto besser zu Hülfe kommen möchte. So denn auch jemand käme an das Land, um vor Anker zu liegen, der sollte sein unter dem geschworenen Frieden. — Und da dies kam und die Stadt zunahm, da entstand von mancherlei Zungen viel große Zwietracht, Mord und Verrätherei. Da sandte man an Herzog

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*) Wisby Stad Lag pä Gotland, herausgegeben von Joh. Hadorph, Stockholm, 1688.

 

 

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14 Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Heinrich“ (den Löwen) „einen Herzog von Baiern und Sachsen, der bestätigte uns dies Recht, wie es sein Großvater, Kaiser Lothar, gegeben hatte. — Nachher aber, als sich großer Zwist erhob zwischen Stadt und Land, sandte man an den König Magnus von Schweden. Der bestätigte uns da unser Recht und Freiheit; darnach König Virger von Schweden, Herzog Erich, Herzog Woldemar von Schweden, und hierauf erneuerte und bestätigte uns König Magnus von Schweden, von Norwegen und Schonen (1319—1362) unser Recht und unsere Freiheit und gab uns die Vorschrift: daß wir zwei Bücher haben sollten, eines auf gothisch und eines auf deutsch, beide von einem Sinn und Rechtsinhalt, über alle insgesammt, Gothländer und Deutsche. Und käme eine neue Rechtsfrage auf, die in dem Buche nicht beantwortet wäre, die sollte man entscheiden, wie es recht sei und es schreiben in beide Bücher unverändert.“

 

Hiernach wird ausdrücklich die politisch-mercantile Selbstständigkeit der Stadt Wisby jener durch Kaiser Lothar und Herzog Heinrich bewerkstelligten Vereinigung der Deutschen mit den Gothländern in Wisby zugeschrieben. Ferner zeigt sich, wie aus derselben sogleich jener natürliche Gegensatz zwischen dem mobilen städtischen Element und dem stationären des Landes hervorging. Endlich sehen wir, wie die der letzten Partei stammverwandten scandinavischen Könige, weit entfernt das fremde Element zu unterdrücken, den bis dahin nur locker vorhandenen Zusammenhang zu einem festen Bestand der Freiheit und Gleichheit zwischen beiden städtischen Elementen im Gegensatz zur Landgemeine zusammenfügten.

 

Wie aber diese Vereinigung der Gothländer mit den Deutschen nicht eine willkürlich gemachte, sondern eine dem wirklichen Bedürfniß entsprechende war, so erhielt sie sich auch fortwährend dadurch in lebendiger Kraft, daß in den Handhabern und Ausübern des Rechts und der Ordnung beide Elemente auf gleiche Weise vertreten wurden. Hierüber lautet es im ersten Capitel des Gesetzbuches also: „Im Rathe sollen 36 von beiden Zungen sein und nicht mehr. Der Vögte sollen zwei sein, ein gothischer und ein deutscher, die sollen das Recht bewahren auf dem Markt.“

 

Solchergestalt waren die Deutschen in Wisby heimisch geworden, indem sie hier einen Freihafen für alle ihre deutschen

 

 

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Erstes Cap. Gothlands Erhebung zum Mittelpunkt etc.

 

Landsleute fanden, wo das kaufmännische Interesse sich ungestört von jedem fremdartigen Eingriffe entwickeln konnte. Hierdurch wurde Wisby der Mittelpunct aller besonderen Handelsverbindungen, welche die westlichen Städte Deutschlands schon früher einzeln für sich im Auslande, in England, Flandern und den scandinavischen Reichen angeknüpft hatten. Es mußte den deutschen Handelsgesellschaften die größten Vortheile gewähren, wenn die einzelnen Privilegien, die sie sich erwarben, indem sie sich alle als zu einer gemeinschaftlichen Gesellschaft gehörig betrachteten, für sie alle, in so fern die Privilegien den einzelnen Gesellschaften als Gliedern der allgemeinen, verliehen wurden, gleiche Gültigkeit erhielten. Und so finden wir denn auch in der That, daß sich die Kaufleute aller nach dem Norden Handel treibenden deutschen Städte unter dem gemeinschaftlichen Namen „des gemeinen Kaufmanns“ (des mercator communis oder der societas Gutlandorum und der universi, omnes oder Romani imperii mercatores) ihre Privilegien ertheilen ließen *), und erst seitdem die Deutschen ihres Rechtes sich bedienend, sich auf Gothland niedergelassen hatten, kam der Handel der nordischen Staaten in größere Aufnahme und Blüthe. Denn fand auch schon früher ein reger Verkehr zwischen dem westlichen Deutschland und England von Köln aus statt, so bekam doch eben dieser Handel einen neuen Aufschwung, seitdem er durch die Gothländer mit dem Osten in Verbindung gesetzt wurde. Die Vortheile, die aus diesem größeren Umschwunge für alle Theilnehmer erwuchsen, brachten zu Wege , daß auch in den westlichen Ländern die Kaufleute von Gothland mit besonderen Privilegien und Rechten ausgezeichnet wurden. „So befreiete im Jahre 1237 Heinrich der III., König von England, die Kaufleute zu Gothland von den Abgaben bei der Einfuhr aus Gothland und der Ausfuhr aus England nach Gothland, und im Jahre 1252 ertheilten die Gräfin Margarethe von Flandern und ihr Sohn Guido, auf die Bitte aller Kaufleute des römischen Reichs, die Gothland besuchten, diesen Kaufleuten mehrere Freiheiten.“ **)

 

Aus diesen dem gemeinen Kaufmanne gemeinschaftlichen Rechten ging zunächst eine politisch-mercantile Verbrüderung der an ihnen Theil habenden Kaufleute hervor, welche ferner wieder eine

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*) Lappenberg, urkundl. Geschichte d. d. Hanse, S. 10 und folgende.
**) Lappenberg, urkundl. Geschichte d. d. Hanse, S. 6 und 8.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

politisch-merkantile Verbindung der Städte selbst, denen diese Kaufleute angehörten, zur Folge hatte. Kraft dieser Verbindung hatten die Deutschen das Monopol des gesammten nordischen Handels in Händen. Ehe nur die westlichen Nationen wegen der Unvollkommenheit und Unsicherheit der Schifffahrt daran denken konnten, sich selbst mit den Producten Rußlands zu versehen, ehe die Russen dazu kamen, sich einen durch eigene Comptoire gesicherten Handel zu eröffnen, um sich selbst die Fabricate des Westens abzuholen, trat schon die Gesellschaft des gothländisch-deutschen Kaufmanns zu Wisby als Vermittler des Ostens mit dem Westen auf. Die zunftgemäße corporative Verfassung, wie sie sich zu Wisby in der Verwaltung des Stadtraths sowohl, wie in der von diesem unabhängigen Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns organisch herausgebildet hatte, war überall die Grundbedingung ihres Bestehens, ihres Wachsthums und ihrer Größe. Wie ihre Ausbreitung im Westen vor sich ging, liegt uns nicht ob, hier weiter auszuführen; desto wichtiger ist es uns, darzuthun, wie sich erst durch diese Gesellschaft ein civilisirter Handel mit dem Osten und mit Nowgorod als dem Mittelpuncte desselben gebildet hat und hiedurch die Gesammtentwicklung nicht nur der deutschen Nation, sondern auch der russischen, in ihren wesentlichsten Interessen gefördert und gehoben wurde.

 

Zweites Capitel.

 

Zustand Nowgorods bis zur Begründung des gothländischen und des deutschen Hofs in dieser Stadt.

 

Haben wir gesehen, unter welchen Umständen und Bedingungen in Gothland eine freie Gesellschaft sich constituirte, die durch Nationalcharakter, Localverhältnisse und Zeitumstände alle Elemente in sich vereinigte, um sich zu einer für den Handel welthistorischen Bedeutung zu erheben; so müssen wir jetzt, indem wir auf die ältere Geschichte des nowgorodschen Freistaates zurückgehen, den Grund und Boden untersuchen, welcher der Hauptquell ihrer Nahrung und ihres Gedeihens wurde, und zwar liegt uns zunächst ob, gleicher Weise zu prüfen, in wiefern auch diese Stadt durch Localverhältnisse, Zeitumstände und Nationalcharakter ihrer Bewohner sich zu einer dem gemeinsamen Fortschritt der

 

 

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Zweites Cap. Zustand Nowgorods etc.

 

deutschen und der slawischen Nation günstigeren Lage emporhob, indem sie, was sich durch Gebrauch und Herkommen im Lauf der Zeiten herausstellte, durch Gesetz und Verfassung befestigte und ordnete.

 

Diese für seine eigene Geschichte, wie für die allgemeinen Verhältnisse des Handels und der Cultur bedeutende Stellung erlangte Nowgorod, wie in der Einleitung angedeutet wurde, erst seitdem seine slawischen Bewohner von den Warägern bezwungen, sich mit diesen zu einer Nation zu verbinden und zu einem Ganzen zu verschmelzen angefangen hatten. Zwar hatte es sich auch bis zu diesem Zeitpunkt von fremder Herrschaft frei zu erhalten gewußt, denn „der Chasaren Herrschaft erstreckte sich in Russland nicht weiter, als bis zum Okastrom, die Nowgoroder, die Kriwitschen waren bis zum Jahre 859 frei“; allein seine Lebensrichtung war noch eine zu beschränkte, seine Bedürfnisse zu einfach, als daß es von seiner für den Handel so vortheilhaften Lage besondere Vortheile gezogen und dadurch zu einer erheblichen Macht gelangt wäre. Von dieser Zeit an aber hob es sich rasch empor. Es ward das Herz des sich neu bildenden Staatskörpers. Wie jedoch diese Verschmelzung sich, allmälig vollzog , wäre wohl eine Aufgabe, die genauer untersucht zu werden verdiente, wenn sich nur aus den leider zu mangelhaften Quellen noch etwas Erhebliches hierüber ermitteln ließe. Als Hauptresultat jedoch der Verbindung des slawischen Nowgorod mit den Warägern ist festzuhalten: daß die Nowgoroder zwar sehr wohl die Vortheile dieser Verbindung wahrzunehmen verstanden, trotz dem aber sich vor den Nachtheilen, die ihnen aus derselben erwachsen konnten, zu hüten wußten; daß sie, mit andern Worten, die ihnen durch die Localität ihrer Stadt gebotene und durch die Waräger eröffnete überseeische Verbindung unterhielten und mit der Zeit immer mehr erweiterten; nichts desto weniger aber ihre Unabhängigkeit vor den ganz andere Bestrebungen ins Werk setzenden Kriegshelden und Fürsten zu wahren wußten, indem sie auf dem Wege des Friedens und der Güte zu erlangen suchten, was jene nur durch Mittel der Gewalt, des Kriegs und der Eroberung erreichen konnten. Denn wie sich überall das Vernünftige geltend macht und den Sieg davon trägt, so mußte auch Nowgorod die durch seine Verhältnisse ihm gebotene, zur freien

 

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Bewegung des Handels nothwendige und unmittelbar aus dieser hervorgehende Unabhängigkeit erlangen, so lange die Fürsten den Handel, dieses so wichtige Lebenselement des Staats, noch so gut wie unbeachtet ließen, noch nicht in den Kreis ihrer Fürsorge einschlossen. Es mußte sich als ein Selbstständiges für sich, den ihm fremden Tendenzen des damaligen Fürstenthums gegenüber geltend machen.

 

Die früheren Fürsten des rurikschen Stammes sahen das ihnen untergebene Land fast durchweg als Einzelherrschaft, als Privateigenthum an; Krieg und Eroberung war ihr Leben und ihre Lust. Die übrigen allgemeinen Beziehungen des Lebens, deren Wahrnehmung die Aufgabe des modernen Staats ist, mußten erst allmälig in die Erscheinung treten, ehe dieselben von jenen in Obhut genommen werden konnten. Sobald dies geschehen war, konnte Nowgorod sich in seiner einseitig democratischen Richtung nicht mehr halten, und mußte unter die Hand des Herrscherarms zurückfallen, der neben den besonderen Interessen des Fürstenthums die allgemeinen des Staats, wenn auch nur in despotisch-tyrannischer Weise erkennend, das Bild seiner ethisch wie physisch immer noch unfreien Nation als Einheit in sich darstellte und repräsentirte.

 

In diesem Sinne ist die Geschichte Nowgorods von Rurik an bis auf Iwan III. Wassiljewitsch zu fassen. Von da an bis auf Peter den Großen beginnt auch Rußland die Keime des modernen Staates in sich aufzunehmen, bis Peter der Große zur Lösung dieser Ausgabe festere Fundamente legte, auf denen die nachfolgenden Regierungen den großen Bau des mächtigen Reichs mit Muth und Kraft fortgeführt haben.

 

Den eben angedeuteten Tendenzen des Krieges und der Eroberung und „dem Geist des Heldenthums einer Nation gemäß, deren erstes Bedürfniß Sicherheit nach außen und eine Achtung gebietende Stellung gegen ihre Nachbaren ist“, schlug gleich der Nachfolget Ruriks, unbekümmert um die innere Entwicklung der ihm unterworfenen Ortschaften, mit seinen Schaaren den Sitz der Herrschaft in dem bald so mächtig sich erhebenden Kiew auf. Von hier aus stand diesen unternehmenden Männern des Nordens ein ganz anderes Feld des Ruhmes und erwünschter Thätigkeit offen. — Aus den mit dem griechischen Reiche abgeschlossenen

 

 

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Zweites Cap. Zustand Nowgorods etc.

 

Verträgen und fester begründeten Handelsverbindungen mußte indeß auch Nowgorod für seinen nordischen Verkehr nicht geringen Vortheil ziehen. Auch unter den Nachfolgern Ruriks bis auf Swätoslaw (964—972) einem verhältnißmäßig nur geringen Tribut unterworfen, welchen es den einzig zu diesem Zweck ihnen zugesandten Statthaltern entrichtete, ohne daß dieselben im Einzelnen sich um die innere Verwaltung der Stadt gekümmert hätten, bildete es in der Stille friedlichen Verkehrs seine ursprünglich freie Gemeindeverfassung bei steigendem Wohlstande zu einem auch politisch bedeutenden und fast nur noch dem Namen nach von dem alten Fürstenhause abhängigen Stadtregiment aus *) — So wuchs Nowgorod, bis auf Swätoslaw von Statthaltern regiert, an Kraft und Macht.

 

Einfügung: Stadtansicht von Nowgorod

 

„Da dieser Fürst zuerst den Gebrauch einführte, seinen Söhnen besondere Fürstenthümer zu verleihen,“ **) so erhielt Nowgorod hiedurch ein neues Mittel, seine Unabhängigkeit zu behaupten. Schon in der Forderung, welche die Nowgoroder an Swätoslaw stellten, er solle ihnen einen eignen Fürsten geben, noch mehr aber in der Drohung, würde ihre Verlangen nicht Genüge geleistet, sich selbst einen Fürsten zu wählen, spricht sich das Gefühl ihrer Selbstständigkeit aus ***). Sie erhielten was sie wünschten. Der von einer slawischen Mutter geborene Wladimir wurde ihr Oberhaupt. Aber schon war der democratische Eigenwille der Nowgoroder so erstarkt, daß sie auch diesem selbstgewählten Fürsten nicht bis an sein Ende treu blieben. Unter dem eigenen Sohn Wladimir des Großen, Jaroslaw, „dem die Verwaltung von Nowgorod seit 1012 übertragen war und der sich weigerte 2000 Griwnen an den Großfürsten zu zahlen“, empörten sie sich. — Wir ehemals Wladimir seine Herrschaft durch den Beistand der Waräger befestigt und von Nowgorod aus zur Alleinherrschaft gelangt war, so war auch jetzt Jaroslaw im Begriffe, mit Hülfe seiner überseeischen Stammgenossen das Schwert gegen den eigenen Vater zu kehren: da erhoben sich noch einmal die slawischen Bewohner gegen die lästigen Eindringlinge. Vergebens sich bei Jaroslaw über die Waräger,

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*) Siehe Neumanns Verfassung von Nowgorod in „Ewers Studien“; Dorpat 1830.

**) Karamsin, russische Geschichte Thl. I. S. 146.

***) Neumann im angeführten Werk.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

seine Lieblinge, beschwerend, „die in frechem Uebermuth der Russen keusche Frauen beleidigten“, griffen die Slawen zur Selbstrache und erschlugen einen großen Theil der Waräger, vielleicht im Vertrauen auf den nahenden Beistand des sich zur Rache rüstenden Wladimir. Doch ehe noch der zürnende Vater verdiente Strafe an des Sohnes Ungehorsam nehmen konnte, starb er (1015 ).

 

Durch den Mord, den Jaroslaw hierauf an den vorzüglichsten Theilnehmern des Aufstandes zu vollstrecken kein Bedenken trug, aller Hülfe blos, mußte er, kein anderes Schicksal vor Augen habend, als das, welches sein Bruder Boris bereits von dem nach der Alleinherrschaft strebenden Swätopolk erlitten hatte, des Sturzes seiner Herrschaft gewärtig sein. Da schritt er zu einer letzten entscheidenden Maaßregel. „Durch Gewährung großer Vortheile für die ganze Gemeinheit und durchgängige Gleichstellung der Slawen mit den Warägern vor dem Gesetz“ *), versicherte er sich aufs Neue der Treue und des Beistandes des beleidigten Volks; durch die zu Stande gebrachte Versöhnung aber des slawischen Elements mit dem warägischen, legte er den festesten Grund zu Nowgorods politischer Unabhängigkeit und Freiheit. —

 

So konnte Nowgorod, nicht unmittelbar betheiligt bei den fortwährenden Parteikriegen, die ihm inwohnende Tendenz als vermittelndes Glied mit dem Auslande durch den Handel sich zu erheben, nach eigenem Belieben und Maßgabe seiner Meiste zur Entwickelung bringen.

 

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Drittes Capitel.

 

Handelsverbindung Nowgorods mit den Gothländern und den Deutschen. Hof der Deutschen und der Gothländer zu Nowgorod. Verhältnis der Deutschen zu den Russen. Verfassung von Nowgorod.

 

Allerdings hatten auch schon in der eben betrachteten Periode der russischen Geschichte, in welcher der Einfluß der Waräger auf die politische Gestaltung Nowgorods von so großer Bedeutung war, die Handelsverhältnisse zwischen dieser Stadt und dem Auslande durch die Vermittelung der Scandinavier sich zu einer für den Wohlstand derselben nicht geringen Wichtigkeit erhoben.

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*) Karamsin, russische Geschichte Thl. II. S. 52.

 

 

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Drittes Cap. Handelsverbindung Nowgorods etc.

 

Dies ergiebt sich aus einer dem Großfürsten Jaroslaw zugeschriebenen Verordnung über den Brückenbau, in welcher die Angabe enthalten ist *), „daß die Deutschen (Niemzi) oder Waräger, die Gothen oder Gothländer, welche der Handel nach Nowgorod zog, in besonderen Straßen wohnten.“ Auch spricht für die Stetigkeit und Gegenseitigkeit dieses Verkehrs, daß nicht nur die Deutschen in Nowgorod, sondern auch die Russen in Gothland ihre eigene Kirche hatten **). Ja, die letzteren standen beim ersten Beginnen des Seehandels der Ostseeländer so wenig hinter den Deutschen zurück, „daß wir sie schon um das Jahr 1134 in den dänischen Staaten, also sogar jenseits Gothlands erscheinen“ ***) sehen, — und noch weiter westlich finden wir sie selbst schon mit dem seit dem Anfange des zwölften Jahrhunderts emporkommenden Lübeck in Verkehr ). — Zu seiner wahren Blüthe aber konnte der Handel in Nowgorod erst gelangen, als, wie wir oben sahen, in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts Gothländer und Deutsche in eine engere Verbindung mit einander getreten waren, indem Deutschland erst der eigentliche Markt für den Absatz nowgorodischer Producte wurde. Fortan konnten auch die Russen ihre Seefahrten nach den norddeutschen Häfen ausdehnen; wenigstens ließen Herzog Heinrich der Löwe (1163) und Kaiser Friedrich I. (1184) ihnen dieselben Privilegien angedeihen, durch welche sie Lübeck und Gothland zu heben suchten. Diese Begünstigungen mußten von einem um so glücklicheren Erfolg gekrönt werden, da um dieselbe Zeit die drei bis dahin bedeutendsten Handelsstädte der Ostsee dem Untergange nahe gebracht wurden. „Das alte, im neunten Jahrhundert schon berühmte Schleswig kam im Jahre 1157 um seinen ganzen Flor, als es von dem vertriebenen dänischen König Svend IV. hart belagert wurde; auch Julin sank um diese Zeit in dem wendischen Kriege und Schwedens Sigtuna konnte sich nie wieder von dem Schaden erholen, den es durch die russischen Karelen erlitt (1187)“ ††).

 

Wiewohl aber Deutsche und Russen, man kann nicht anders sagen,

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*) In Karamsins Geschichte von Rußland Thl. II. S. 52.

**) Ewers‘ russische Geschichte, S. 132. ; Lappenberg, urkundliche Geschichte der deutschen Hanse Thl. I. S. 104.

***) Lehrbergs Untersuchungen S. 267.

) Vgl. Ludwig Giesebrecht, Wendische Geschichten Thl. I. S. 31.

††) Lehrbergs Untersuchungen, S. 268.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

als mit gleichen Waffen gegen einander in die Schranken traten, da ja die Nowgoroder schon seit länger als hundert Jahren einer fast absolut freien Verfassung genossen und also in ihrer Fortentwicklung lediglich dem inneren Triebe ihres Volksgeistes überlassen waren; so werden wir doch bald sehen, wie verschieden, eben aus der Verschiedenheit des Volksgeistes beider Nationen, sich die Verhältnisse zwischen Deutschen und Russen gestalteten. Aus dem ächt germanischen Corporationsgeist, der durch angestammte Treue, einen ehrenfesten Charakter und Redlichkeit gehalten wird, war die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns zu Wisby hervorgegangen. Etwas Aehnliches hatten die Russen den Deutschen nicht entgegenzusetzen. Dies ist der Hauptgrund, warum die Russen bald den Activhandel aufgeben und gegen die Deutschen gänzlich zurückstehen mußten, diese aber in Nowgorod immer fester Fuß faßten, und bald den Alleinhandel der russischen Producte an sich rissen. Auch so noch waren die Folgen ihrer Verbindung von ungeheuerer Bedeutung, materieller und intellectueller, allein die intellectuelle war fast ganz auf Seiten der Deutschen, oder sollen wir es noch ausdrücklich zum Ueberfluß erwähnen, wie sehr die deutsche Freiheit auf der Entwicklung der Städte beruht, und welchen Antheil an dieser der nordische Handel hatte? Als aber, wie überall, so auch hier, die Formen der mittelalterlichen Zeit einem schwungreicheren Kreise neuer Lebensbeziehungen und Bedürfnisse den nöthigen Raum sich auszubreiten versagten und mehr drückend als schützend unter den Weltstürmen zusammenbrachen, unter denen sich der herannahende Frühling der Neuzeit verkündigte; da bildete sich der städtisch-mercantile Geist, von dem die deutsche Hanse ausgegangen war, bald neue, passendere Formen an; die große Republik aber fiel in ihr Nichts zusammen, und um die russische Nation zu europäisiren, mußte ein anderer Weg eingeschlagen werden, da dieselbe, so lange es auf die Wahl ihres eigenen Entschlusses angekommen war, es zu einer eigenthümlich nationalen Schöpfung nicht hatte bringen können.

 

Dieser Gang der Entwicklung tritt uns nirgends schärfer entgegen, als wenn wir das Leben der Deutschen und Russen in Nowgorod, ihre Einrichtungen, Sitten und Verfassungen mit kurzen Zügen einander gegenüberstellen.. Hier zeigt sich als Grundlage der mercantilen Größe Nowgorods,

 

 

 

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Drittes Cap. Hof der Deutschen zu Nowgorod.

 

die fast unumschränkte Handelsfreiheit, deren sich beide Theile, Russen wie Deutsche, zu erfreuen hatten. — Für die Deutschen schloß diese Freiheit die Befugniß in sich, daß sie, ohne irgend einer Einmischung und Beschränkung von Seiten der Russen unterworfen zu sein, behufs ihrer Handelsverbindung, auf deutsche Weise sich konstituiren konnten. Ohne als Herren in Nowgorod besitzlich zu sein, erhielten sie doch das zur Sicherheit des Handels in damaliger Zeit so nothwendige Schutzrecht, auf dem ihnen angewiesenen Bezirk, auf ihrem Hof als eine freie Gemeinde zu bestehen, wo sie, gesetzlich vor Willkür geschützt, für die Sicherheit der Person und des Eigenthums nicht Sorge zu tragen brauchten, und wo es ihnen verstattet war, für die Organisation ihrer eigenen Verhältnisse und für die Ordnung unter sich selbst nach eigenem Gutbefinden Anstalten zu treffen. — Durch diese den Deutschen eingeräumte Freiheit, verbunden mit der strengsten Absonderung von den Russen, wurden letztere aller Vortheile einer freien Handelsverbindung theilhaftig, ohne wie die Schweden ihr städtisches Regiment mit den Deutschen theilen zu müssen, und dadurch in Gefahr zu gerathen in ihrer Nationalität beeinträchtigt zu werden, was stets der Fall sein muß, wo politische Rechte einem cultivirten Volke bei einem weniger cultivirten eingeräumt werden. Die Deutschen selbst aber benutzten diese ihnen von den Russen eingeräumte Freiheit, um die zu Wisby in Gemeinschaft mit den Gothländern auf Grundlage gleichen Interesses eingegangene Verbindung nach den gleichen Grundsätzen und Normen auch nach Nowgorod zu übertragen, und durch die größere Ausdehnung, die sie ihr gaben, noch fruchtbringender zu machen.

 

1) Hof der Deutschen und der Gothländer zu Nowgorod.

 

Gehen wir nun an die Beschreibung der von den Deutschen zu Nowgorod getroffenen Einrichtungen und Verfügungen, wobei wir uns vornehmlich an die ins zweite Viertel des dreizehnten Jahrhunderts zu setzende Skra oder Verordnung des deutschen Hofs in Nowgorod halten werden; so haben wir vor Allem das Verhältnis ins Auge zu fassen, in dem der gemeine Kaufmann zu den Städten steht. Da nämlich in der späteren und gerade

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

in der berühmtesten Zeit seines Bestehens der Bund der deutschen Hanse ein Bund der zu ihm gehörigen Städte war, dieser Städtebund aber erst von der Verbindung oder Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns ausgegangen ist, wie dieses Verhältniß zuerst Lappenberg vollständig erwiesen hat *); so geht hieraus von selbst hervor, daß einer der wesentlichsten Punkte in der Entwicklungsgeschichte der Hanse gerade in der Darlegung des Uebergangs von dem individuellen Moment dieser Gesellschaft in das weitergreifende des städtischen Vereins enthalten sein muß. Und hier haben wir zu bemerken, daß wenn auch der gemeine Kaufmann, d. h. die aus verschiedenen deutschen Städten in Gothland zusammentreffenden Kaufleute, ursprünglich für sich allein das Recht und die Befugniß hatte, die ihm für den Handel zweckmäßigen Anordnungen und Gesetze zu machen, Verträge und Bündnisse zu schließen; doch schon in der früheren Zeit ihres Bestehens die Wechselwirkung zwischen der Gesellschaft und den Städten, denen die einzelnen Mitglieder derselben angehörten, auf das politische Leben beider Theile, nicht zu verkennen ist. Hiefür spricht eine lübische Urkunde „vom Jahr 1263, durch welche der Vogt, der Rath und die Gemeinde von Lübeck dem lübischen Vogt zu Gothland ihren daselbst sich aufhaltenden Mitbürgern und dem gemeinen Kaufmann bekannt machen, daß sie auf die Bitte ihrer Freunde zu Salzwedel, dieselben auf ihre Bank und in ihren Verein zu Wisby aufnähmen und sie zu dem gleichen Genuß der Rechte wie die Ihrigen daselbst zuließen.“ Denn in dieser Erklärung liegt zunächst, nach der Meinung Lappenbergs, „daß die Kaufleute der größeren Städte, die sich in Wisby des Handels wegen aufhielten, und den gemeinen Kaufmann zu Gothland bildeten, hier wieder ihre Unterabtheilungen in Landsmannschaften hatten, mit ihrem Vogt oder Advocaten an der Spitze; daß die kleineren, weniger vermögenden, die keinen selbstständigen Verein daselbst bildeten, weil ihre Bürger seltener hier erschienen, und die Kosten eines besonders zu haltenden Vogts scheueten, an die größeren sich anschlossen;“ **) zugleich aber scheint uns eben diese Urkunde auch dafür ein passendes Beispiel zu sein, um nachzuweisen,

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*) S. besondere im Vorwort zu der urkundlichen Geschichte der deutschen Hanse p. XII ff.

**) Lappenberg, hansisches Urkundenbuch S. 90.

 

 

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Drittes Cap. Hof der Deutschen zu Nowgorod

 

in welcher großen Abhängigkeit von den Städten schon zu jener Zeit die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns standen, indem das sich zum Haupt des Bundes erhebende Lübeck, ohne zuvor die Gesellschaft um ihre Einwilligung zu befragen, von sich aus neue Mitglieder in dieselbe aufnimmt, die an allen ihren Rechten Theil haben sollen.

 

Auch schon in der Abfassung der ältesten nowgorodischen Skra spricht sich der bedeutende Einfluß aus, welchen die Städte auf den gemeinen Kaufmann ausübten, wenn gleich, wie aus ihrem Inhalte hervorgeht, die freie unabhängige Wahl und Besetzung der Aemter und Würden des Hofe zu Nowgorod der Gesellschaft noch unbenommen war. Die aus dem gemeinen Kaufmann bestehende Gesellschaft nämlich, „welche den Hof zu Nowgorod bildete und nach der Dauer des Aufenthalts ihrer Mitglieder sich in Sommerfahrer und Winterfahrer, nach der Art und Weise ihrer Reise in Wasserfahrer und Landfahrer theilte, wählte selbst, sobald sie mit ihren Schiffen in die Newa kam, ihre Vorsteher oder Oldermänner, deren es zwei gab, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, aus welcher Stadt sie sein mochten. Doch hatten die Wasserfahrer den entschiedensten Vorzug vor den Landfahrern, so daß, wenn der Oldermann der Wasserfahrer bei seiner Ankunft in dem Hof einen Oldermann der Landfahrer vorfand, dieser mit seiner Oldermannschaft jenem weichen mußte. — Der Oldermann des Hofs rief die allgemeinen Versammlungen zusammen, auf der alle Anwesende, Meister und Knappen zu erscheinen verbunden waren. Er war oberster Richter und hatte das Recht zu richten über Hals und Hand, eine Gewalt, die sonst fast nirgends und nur höchst selten den deutschen Kaufleuten von fremden Herrschern eingeräumt worden ist; kurz er war der höchste Vorsteher des Ganzen, der die Ordnung erhielt und alle auch bei den Russen vertrat. — Zu Gehülfen wählte er sich sofort vier Männer, die ihm am tauglichsten schienen; keiner durfte bei Strafe die auf ihn gefallene Wahl ablehnen, niemand durfte bei Strafe es ausschlagen, bei Verhandlungen mit den Russen, vom Oldermann dazu aufgefordert, ihn zu begleiten“.

 

„Der Oldermann von S. Peter, (des Hofes und der Kirche Schutzpatron) war mit der Haushaltung beauftragt. Er hatte den Königsschoß, der wenn nicht ganz , doch großen Theils zum Besten des Hofe verwendet wurde,

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

so wie die übrigen Gemeindeabgaben zu erheben und die Strafgefälle einzutreiben, welche vom Oldermann des Hofs erkannt worden; er besorgte die gemeinsamen Ausgaben, und hatte die Casse, die Schriften des Hofs, so wie die Kleinodien, welche derselbe besaß, in seine Verwahrung zu nehmen.

 

„Die längere oder kürzere Zeit auf dem Hof zu Nowgorod verweilenden Kaufleute, Diener und Schiffer waren wie auf den übrigen Comptoiren einer strengen Disciplin und klösterlichen Zucht und Ordnung unterworfen. Die Knappen waren ihrem Meister zum strengsten Gehorsam verpflichtet, und demselben zu Nutzen und in Nöthen beizustehen verbunden, und konnten ohne freies Uebereinkommen zwischen beiden Theilen dem Dienste sich nicht entziehen; so wie andererseits ein Meister, der einen Knappen zur Wasserfahrt nach Nowgorod mitgenommen hatte, ihn nicht entlassen durfte, bevor er ihn nicht wieder dahin gebracht hatte, woselbst er ihn angenommen hatte, wenn er anders nicht aus rechtlichen Gründen ihn zu entlassen befugt war. — Die jungen Leute, die um die russische Sprache zu erlernen, auf den Hof kamen, hatten ihre eigenen Vorsteher. So heißt es von diesen, den Jungen: gerathen sie während der Essenszeit in Streit miteinander, schimpfen sie sich, so mögen sie unter einander vor ihrem Vorstande oder Oldermann die Sache beilegen; schlagen oder verwunden sie sich aber unter einander, so gehört die Sache vor des Hofes Oldermann *).“

 

Sehen wir nun auf die Art und Weise der financiellen Verwaltung dieser so ansehnlichen Niederlage zu Nowgorod, so können alle Bedürfnisse der Erhaltung des ganzen Dienstpersonals und der Gebäude des Hofe auch nicht gering gewesen sein. Die größten Ausgaben aber wurden durch die häufigen und kostbaren Legationen veranlaßt, welche man aussenden mußte, bald um das Comptoir zu visitiren und zu reformiren, bald, um von den Russen, bei denen nie ohne bedeutende Geschenke etwas auszurichten war, einen neuen Frieden oder Vergleich, oder eine Erneuerung der Privilegien und Freiheiten zu erhalten.

 

„Einen Theil dieser Ausgaben deckten die Geldstrafen; doch waren sie nicht hinreichend. Ein Schoß, der auf dem Comptoir

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*) Lappenbergs urkundliche Geschichte d. d. Hanse, Bd. I. 125 u. 126

 

 

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Drittes Cap. Hof der Deutschen zu Nowgorod.

 

und zuweilen auch wohl in den benachbarten livländischen Communen erhoben und von Zeit zu Zeit erhöht ward; ferner ein Pfundzoll, der in Livland oder in der Nachbarschaft zu Wiedererstattung der gehabten Ausgaben für die deutschen Factoreien in Rußland aufgenommen wurde, mußten den entstandenen größeren Bedürfnissen abhelfen.“ *) Namentlich heißt es, was diesen Punct anbetrifft, in unserer Skra: zur Bestreitung der allgemeinen öffentlichen Ausgaben zahlen die Winterfahrer, welche zu Schiffe in die Newa kommen, einen Ferding von 100 Mark ihres Gutes S. Peter als Schoß, und eben so viel der Meister für Hausmiethe. Wer als Sommerfahrer in die Newa kommt, zahlt dasselbe, nur für Hausmiethe zahlt der Meister weniger, nämlich eine Mark Kunen. Auch soll der Winterfahrer des Königs Schoß entrichten. Diesen zahlen die Landfahrer nur ein Mal, im Sommer oder im Winter. Welcher Deutsche aus dem Lande (dem nowgorodischen Gebiete) kommt, der sich zu deutschem Rechte hält, er fahre durch oder kehre wieder, ist den halben Schoß S. Petern zu geben verbunden. „Endlich heißt es, was von des Hofes Einkommen jährlich übrig bleibt, das soll nach alter Sitte und dem Beschlusse der gemeinen Deutschen aus allen Städten, nirgends anders hin als nach Gothland geführt werden, woselbst es in S. Peters Kasten in der St. Marienkirche niedergelegt werden soll; wozu vier Schlüssel gehören, welche von vier Städten aufbewahrt werden, der eine durch den Oldermann von Gothland, der andere durch den von Lübeck, der dritte durch den von Soest und der vierte durch den von Dortmund“.

 

Einfügung: Gewinnsteigerung im Handel

 

Dieser Schluß nun, durch den die Beaufsichtigung und Controlle des Ueberschusses der Einnahme den Vorstehern gewisser, ein für alle Mal hiezu bestimmter und berechtigter Städte übertragen wird, zusammengehalten mit dem weiter unten angeführten Schreiben Wisbys an den Magistrat von Osnabrück, in welchem die Obrigkeit dieser Stadt ausdrücklich als Gründer und Mitstifter des Hofs zu Nowgorod genannt wird, scheint uns nicht undeutlich darauf hinzuweisen, daß, wie wir bereits andeuteten, schon in jener früheren Zeit des Aufkommens der deutschen Hanse, die Entschließungen des gemeinen Kaufmanns in Bezug auf die ganze Einrichtung

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*) Sartorius Geschichte des hanseatischen Bundes, Thl. II. S. 413.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

seines umfassenden Handelsverkehrs nicht unbedingt von der Einwirkung der zu ihm gehörigen Städte unabhängig gewesen sind, welche letzteren später, als der nordische Verkehr eine immer allgemeinere, ausgedehntere und auch politisch einflußreichere Bedeutung erhielt, die ganze Leitung desselben an sich reißen. Doch ehe wir daran gehen, auch diese durchgreifende Umwandlung, durch welche die deutsche Hanse erst als solche, d. h. auch unter dem Namen eines großen zusammenhängenden Städtebundes auftritt, auseinanderzusetzen, geben wir billig zuvor einen Ueberblick über die Art und Weise, in der sich der gemeine Kaufmann in seinen Beziehungen nach außen, den Russen gegenüber constituirte, da diese für die wechselseitige Entwicklung beider Nationen von nicht geringerer Wichtigkeit sind, als es für die der deutschen Städte, für sich allein genommen, ihre innere Constituirung war.

 

 

2) Verhältniß der Deutschen zu den Russen.

 

Der älteste auf uns gekommene im Jahr 1269 zwischen den Deutschen und Nowgorodern abgeschlossene Vertrag *), lautet in seinen für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Deutschen und Russen wesentlichen Bestimmungen wie folgt:

 

Ich, König (Großfürst) Jaroslaw, Jaroslaws Sohn, habe mit dem Burggrafen (Possadnik), mit dem Herzog, Herren Ratibor und mit allen Nowgorodern und mit den deutschen Boten, Heinrich Ullenpund von Lübeck, mit Ludolf Dobriciken und Jacob Kuringe, dem Gothen, geprüft, und bestätigt den alten Frieden Euch deutschen Söhnen und Gothen und allen Lateinern:

 

1) Für die Fahrt auf der Newa von Ketlingen (der Insel, auf welcher jetzt Kronstadt liegt) bis nach Nowgorod und von da zurück, steht der Gast unter dem Schutz des Königs und der Nowgoroder,

 

Einfügung: Route nach Nowgorod

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*) Da die von Lehrberg irrthümlich ins Jahr 1201, von Krug aber mit mehr Wahrscheinlichkeit ins Jahr 1231 gesetzte Vertragsurkunde zwischen den Nowgorodern und Deutschen nach der überzeugenden Auseinandersetzung Lappenbergs (Urkundenbuch S. 33) in der That nicht für die Urkunde eines wirklich abgeschlossenen Vertrags, sondern nur für ein von den Deutschen abgefaßter Entwurf zu einer solchen gelten darf; so kann derselbe für uns keinen andern Werth haben, als dass wir durch sie ein schon früher durch schriftliche Abfassung wenigstens in so weit beglaubigtes Gewohnheitsrecht zwischen den Deutschen und Russen erhalten, als sie mit der späteren Urkunde vom Jahr 1269 übereinstimmt. Weil sie jedoch, um mich so auszudrücken, der Gegenzeichnung russischerseits ermangelt, werden wir im Text uns nur an die letztere, hier, wie an vielen anderen Stellen, Lappenbergs urkundlicher Geschichte folgend, zu halten haben.

 

 

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Drittes Cap. Verhältniß der Deutschen zu den Russen.

 

welche den Sommergästen für allen Schaden haften, der ihnen begegnen könnte. Die Wintergäste, sollen gleichfalls nach dem alten Frieden ungehindert in das Land kommen dürfen, und nowgorodische Boten und Kaufleute zu sich nehmen, die sie begleiten und bei ihrer weiteren Fahrt behülflich sind.

 

2) Fahren Deutsche oder Gothen des Verkehrs wegen zu den Karelen, so stehen ihnen die Nowgoroder nicht für den Schaden den sie erleiden können.

 

3) Bedarf der Gast, wenn er in die Newa kommt, Holzes oder eines Mastes, so ist es ihm erlaubt, an beiden Seiten des Wassers dieselben zu fällen.

 

4) Streitigkeiten zwischen den Gästen und den Nowgorodern werden auf dem S. Johannishof vor dem Burggrafen, dem Herzog (Tussädski) und vor den fremden Kaufleuten geschlichtet. — Verwundet ein Russe Einen im Hof der Deutschen oder Gothen, der soll, ergriffen, vor dem russischen Gerichte nach seinem Verbrechen gerichtet werden. Dasselbe soll geschehen, wenn die Thüren oder Zäune des Hofs niedergehauen werden. Und wo der Zaun vor Alters um den Hof gewesen ist, da soll man, wenn man den alten Zaun abnimmt, auch den neuen wieder aufrichten und da nicht übergreifen. — Im Besitz ihrer Wiesen sollen die Deutschen und die Gothen gelassen werden, wie sie dieselben als ihnen gehörig angeben werden.

 

5) Die Sommerfahrer haften den Russen für die von den Winterfahrern begangenen Verbrechen nicht, eben so wenig die Letzteren für die der Ersteren.

 

6) Wo der Streit zwischen Russen und Deutschen entsteht, da soll er auch geschlichtet werden. Kann derselbe nicht geschlichtet werden, so findet im ersten und zweiten Jahre keine Pfändung statt, aber im dritten Jahr soll sie zulässig sein.

 

 

Einfügung: Kerbholz

 

7) Schulden halber soll weder der Nowgoroder in Gothland, noch der Deutsche oder Gothe in Nowgorod ins Gefängniß gesetzt, noch sollen gemeine Gerichtsdiener gegen sie gesandt werden, um die Schuldner beim Kleide fest zu nehmen; dieses (wenn der Schuldner nicht zahlt, oder keinen Bürgen stellt) ist allein dem Boten des Herzogs erlaubt.

 

8) Hat eine Frau für ihren Mann sich verbürgt und bleibt die

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Schuld unberichtigt, so fallen beide dem Gläubiger als eigen zu; hat sie sich nicht verbürgt, so bleibt sie frei von jedem Anspruche.

 

9) Die Uebereinstimmung zweier Zeugen, deren Einer ein Russe, der Andere ein Ausländer ist, entscheidet, sind sie nicht einig, so giebt das Loos zwischen beider Meinung den Ausschlag.

 

10) Das Erschlagen eines Boten, eines Oldermannes oder Priesters wird mit 20 Mark Silber, das eines Kaufmanns mit 10 Mark gebüßt.

 

11) Wage und Gewicht, womit Silber und andere Dinge auf Wagschalen gewogen werden, sollen gleich und recht gehalten werden.

 

12) Im Fall eines Krieges der Nowgoroder mit ihren Nachbaren sollen die Gäste ungehindert zu Wasser wie zu Lande reisen dürfen; wer über die Newa ankommt, kehrt über dieselbe auch zurück, und wer zu Lande ankommt, kehrt wieder zu Lande zurück mit aller Sicherheit *).

 

Hiernach erhielten Deutsche und Gothländer gleiche Freiheiten, „beide hatten ihre geschützten Höfe in Nowgorod; die ihnen zugestandenen oder bestätigten Rechte waren eigentlich nichts weiter als Bewilligungen des Schutzes und Sicherung einer freien Fahrt im nowgorodschen Gebiete, ein befreiter Gerichtsstand, Schutz der persönlichen Freiheit und des freien Verkehrs, ohne daß besondere Abgaben oder Zölle von ihnen gefordert wurden“ **).

 

Diese ihnen ertheilten Rechte benutzten die Deutschen bald dazu, sich die Alleinherrschaft im Handel zu Nowgorod zu erwerben, indem sie eben so sehr die Russen an dem directen Verkehr mit dem Auslande zu behindern bemüht waren, wie sie die übrigen Nationen von der Theilnahme an den Rechten des Hofs zu Nowgorod auszuschließen suchten und wirklich ausschlossen. Schon in der zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts erlassenen lübischen Skra heißt es: „Kein deutscher Kaufmann soll Gut von einem Russen borgen (auf Credit nehmen) bei Strafe von zehn von hundert des Werths dieses Gutes, und bei funfzig Mark, wenn er sein Gut in Gesellschaft (Compagnie) mit einem Russen hat, oder dessen Güter weiter fährt, (ihnen als Commissionair oder

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*) Lappenberg, urkundliche Geschichte d. d. Hanse, Thl. I. S. 117-119. Thl. II. S. 95-101.

**) Derselbe im angeführten Werk Thl. I. S. 119.

 

 

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Drittes Cap. Verhältnis der Deutschen zu den Russen.

 

Spediteur dient),“ *) und nach dem Beschluß des gemeinen Kaufmanns vom Jahr 1346 durfte „keiner, der Gut von den Russen erhielt, eher den Russen ganz abbezahlen, bis er die von ihnen ausbedungene Waare, vollständig erhalten hatte. Auch haftete der Russe für die verkaufte Waare, bis sie in den Hof gekommen war, die Deutschen hingegen hafteten den Russen wegen der von ihnen erkauften Güter nicht über die Schwelle des Hofs hinaus.“ **). Und in Bezug auf die übrigen Fremden wurde gleichfalls schon zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts beschlossen, daß kein Deutscher Engländern, Flämmingern, oder Walen (Wallonen) als Commissionair oder Spediteur Dienste leisten dürfe. Die Nowgoroder aber, indem sie den Activhandel gänzlich den Deutschen überließen, kamen dem immer weitergehenden Umsichgreifen derselben auf alle Weise zuvor.

 

In dieser Beziehung konnte die freie Verfassung ihres Staats; den Deutschen nur im höchsten Grade ersprießlich sein. Eine andere Frage ist es, in wie fern die Nowgoroder selbst es verstanden, sich durch dieselbe zu einer eigenen selbstständig-nationalen Bildung zu erheben. Um dies zu sehen, wollen wir die wesentlichen Puncte ihrer Verfassung kurz zusammenstellen.

 

3) Verfassung von Nowgorod.

 

Einfügung: Stadtplan von Nowgorod

 

Die Freiheit der Nowgoroder bestand in der möglichst großen Beschränkung ihrer Fürsten. — Die vertragsmäßig gewählten Fürsten hatten gegen billige Entschädigung und angemessene Einkünfte eine doppelte Verpflichtung, die der Vertheidigung des nowgorodischen Gebiets gegen äußere Feinde und die der Handhabung der Gerechtigkeit zur Aufrechthaltung des inneren Friedens. In beiden Beziehungen hatte der Fürst lediglich nur das Interesse der Nowgoroder, abgesehen von seinen eigenen Vortheilen, wahrzunehmen.

 

Daher waren die Nowgoroder durchaus nicht verpflichtet, an den Privatkriegen der Fürsten Theil zu nehmen, wie denn in einer Urkunde vom Jahr 1305 ausdrücklich festgesetzt wurde, daß der Fürst ohne Einwilligung der Nowgoroder keinen Krieg anfangen sollte, und wiewohl ihm das Recht zustand, die Statthalter, welche

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*) Derselbe, ebendaselbst. S. 133.

**) Derselbe, ebendaselbst. S. 146.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

die zu Nowgorod gehörigen Gebiete verwalteten, einzusetzen, so bedurfte es doch auch hiebei der ausdrücklichen Zustimmung des Possadniks von Nowgorod. Auch durften nur einheimische Nowgoroder dazu ernannt werden, und entsetzen konnte er sie nicht nach Willkür, sondern nur nach überwiesener Schuld. Ja, die Nowgoroder wachten mit solcher Eifersucht über ihr, so zu sagen, landstaatisches Interesse, daß selbst der Fürst auf den ihm als Fürsten zufallenden Besitzungen keine neuen Dörfer und Flecken anlegen, noch viel weniger aber einer seiner Diener Dörfer im nowgorodischen Gebiete besitzen durfte.

 

Eben so war der Fürst, was die Handhabung der Gerechtigkeit anbetraf, streng an die nowgorodische Verfassung gebunden. — Er durfte nur in Nowgorod selbst richten und von seinem gewöhnlichen Sitz aus keinen Nowgoroder vor sich bescheiden und auch keine Gerichtsdiener in die nowgorodischen Gebiete schicken. (Urkunden von den Jahren 1265, 1270 und 1305). — Streitigkeiten der Nowgoroder unter sich selbst richtete ihr Possadnik mit dem Fürsten oder mit dem Stellvertreter desselben. (Urk. vom J. 1305 und 1307). Erst zur Zeit des Untergangs der Republik wurde festgesetzt, daß der Possadnik mit den Stellvertretern des Großfürsten richten solle, nach altem Herkommen, und daß er ohne diese Stellvertreter keine Rechtssache beendigen solle. (Urkunde vom J. 1471) *).

 

Durch diese Bestimmungen gelang es den Nowgorodern ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren, deren sie nicht entrathen konnten, wenn sie freie Hand für die einem gedeihlichen Handel nothwendigen Verfügungen behalten wollten. Zu diesen gehörte denn vor Allem: 1) daß der Fürst keine Zölle anlegen durfte; 2) daß den Gästen, wie schon erwähnt, während des Krieges den Handel ungestört fortzutreiben, verstattet war; 3) daß der Fürst mit den Deutschen in Nowgorod nur vermittelst der Nowgoroder handeln durfte; 4) daß er, in die den Deutschen verliehenen Rechte, keine Eingriffe machen, ihren Hof nicht zuschließen und sie durch seine Gerichtsdiener nicht laden durfte **).

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*) Auszüge aus Neumanns mehrmals angeführter Abhandlung, in Ewers‘ Studien, S. 291 bis 298.

**) Vgl. auch Schlözer zu Nestors Annalen beim Jahre 1264 Thl. III. S. 88. und ebendaselbst beim Jahr 1270. „Ja diesem Jahre setzten die Nowgoroder Jaroslaw III. wieder feierlich ab, unter anderm auch deswegen, weil er die Deutschen, die sich bei ihnen niedergelassen hatten, weggejagt habe. Scerb. 113.“

 

 

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Drittes Cap. Verfassung von Nowgorod.

 

Unter dem Schutze dieser Gesetze und Einrichtungen dehnten die Nowgoroder die Grenzen ihres Reichs über den ganzen Norden des heutigen Rußlands aus, zu einer Zeit, wo ihre slawischen Nachbaren unter dem Joch tartarischer Herrschaft schmachteten. Bis nach Sibirien hin reichten die Quellen ihrer Handelsverbindungen; von hier holten sie die kostbaren Pelzwaaren, durch die sie nebst den übrigen rohen Materialien im Austausch mit den verarbeiteten Producten des Auslandes zu dem beneidenswerthesten Wohlstand und Reichthum gelangten. — Allein zu ihrem Unglück gebrach es ihrer Gemeindeverfassung an organischer Gestaltung, an einer festen Basis lebendigen Rechts, das seinen Quell in den Herzen, in der Gesinnung der Menschen haben muß, wenn es zu wahrer Geltung gelangen soll.

 

Trotz der schützenden Maßregeln gegen die Gewalt der Fürsten, gereichte den Nowgorodern die schrankenlose Willkür des Volks nicht minder oft zum Verderben. „In 190 Jahren nach Wladimir I. regierten in Nowgorod drei und dreißig Fürsten; einige mehre Male; die meisten wurden entsetzt; die wenigsten blieben bis zum Tode.“ *).

 

Wie gesetzliche Freiheit auch in städtischen Republiken bestehen konnte, haben wir wohl an deutschen, freien Städten gesehen; allein diese ist nur da möglich, wo es nicht der Zuchtruthe bedarf, um durch Furcht Ordnung zu erhalten, sondern wo Recht und Sitte schon dem Stand und Gewerbe selbst inwohnen. Von dem aber, was wir Stände nennen, war in Nowgorod nichts als das natürliche Material vorhanden und — schwer wird es den Staatskünstlern, geistige Prinzipe, die nie durch Nachahmung sich erreichen lassen, einzuimpfen.

 

„Anfangs gab es nur zwei Classen in Nowgorod, Bojaren und gemeine Leute. Aus den Bojaren oder den vornehmen Geschlechtern wurden die angesehensten städtischen Beamten, Possadnik und Tussädski, gewählt. Es ist wahrscheinlich; daß der Possadnik sie bei allen wichtigen Angelegenheiten zu Rathe zog. Unter den einzelnen Geschlechtern fanden beständige

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*) Ewers‘ Geschichte der Russen, S. 98.

 

 

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Am Meisten vermochte in Nowgorod das Volk in seiner allgemeinen Versammlung. Diese hatte das Recht die Fürsten und die Beamten einzusetzen und abzusetzen, Geldbußen aufzulegen; das Vermögen zu confisciren, am Leben zu strafen! Durch den Kampf der Parteien nahm die Macht des Volkes zu. — Schon früh waren die gemeinen Leute nach verschiedenen Abtheilungen unter sich verbunden; denn es werden schon früh die Unterabtheilungen der Straßen mit ihren Starosten oder Aeltesten und als Hauptabtheilung die Viertel, deren fünf waren, erwähnt. Allmälig bildeten sich unter den gemeinen Leuten die Classen der seßhaften Leute (begüterten Bürger), der Kaufleute und der schwarzen Leute,“ (der eigentlichen Plebs ). — „Der oberste Verwalter und Regierer aller Gemeindeangelegenheiten, so weit solche nicht vor die Competenz der Volksversammlung gehörten, oder dem Fürsten vorbehalten waren, war der Possadnik. Er wurde auf der Volksversammlung gewählt und entsetzt, nach Gutbefinden des Volks auch ohne Grund. —

 

Der Tussädski wurde gewählt und entsetzt wie der Possadnik. Er zog immer mit in den Krieg, oft zugleich mit dem Possadnik. Er war offenbar Befehlshaber im Kriege und wahrscheinlich Befehlshaber über die Reiterei.“ *).

 

Volk und Bojaren lagen unter sich und mit ihrem Fürsten stets in Zwietracht und Hader; auch Possadnik und Tussädski beide gleich sehr von der Laune der Volksgunst abhängig, vermochten nicht zwischen den verschiedenen Parteien Einigkeit und Ordnung zu begründen.

 

So trug die freie Republik den Keim des Untergangs in sich und mußte zerfallen, sobald die russische Nation, sich vom fremden Joch erhebend, die Einheit ihrer autokratischen Herrschaft wiederherstellte; Reichthum, Wohlstand, Glanz und Pracht verschwanden aus dem alten Nowgorod, und trostlose Erstarrung, öde Verwüstung traten an die Stelle bewegten Lebens und des ausgebreitetsten Völkerverkehrs.

 

Wie hätten wohl die Fremden, wie hätte der Hof der Deutschen sich inmitten dieses gewaltsamen Wechsels der Dinge behaupten können? Oder mußte nicht vielmehr auch der Bau der deutschen Hanse,

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*) Neumann in Ewers‘ Studien S. 306, 310, 324, 325, 354.

 

 

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Viertes Cap. Folgen der Verbindung Nowgorods etc.

 

einer größeren Zeit nicht gewachsen, unter der Gewalt der von außen anstürmenden Fluthen zusammenbrechen? Doch wissen wir, dass in der That, wo irgend einmal ein großartiges Lebenselement sich hervorgethan hat, dasselbe unvertilgbar ist. —

 

Zum Glück für das russische Reich hatten sich durch die deutsche Hanse schon gleichzeitig mit dem Aufkommen der nowgorodischen Macht, festere und bleibendere Verhältnisse angeknüpft, welche nicht blos auf die Zufälligkeit localer Vortheile und temporärer Begünstigung fußend, sondern durch die unzerstörbare Kraft gesetzlicher und rechtlicher Grundsätze und durch den nationalen Charakter deutscher, angestammter Treue und Beständigkeit getragen, dem gesammten russischen Reich dieselben Vortheile bleibend und in größerem Maßstabe zusicherten, die durch die, unmittelbare Verbindung der Deutschen mit den Russen zu Nowgorod erst vorbereitet waren, und nur mangelhaft und auf indirecte Weise sich hatten geltend machen können. Wir sprechen hier von der Bedeutung der deutschen Ostseeprovinzen für das russische Reich.

 

 

Viertes Capitel.


Folgen der Verbindung Nowgorods mit Wisby.

 

1) Colonisation von Livland

 

Aus der Verbindung Nowgorods mit Wisby war die Niederlage des deutschen Hofs zu Nowgorod hervorgegangen, und dieser zu Reichthum und Wohlhabenheit, so wie die Stadt Nowgorod selbst zu Ansehen, Macht und Unabhängigkeit gelangt. Doch eine noch viel höhere Bedeutung sollte in ihren weiteren Folgen diese Verbindung haben, sowohl in Bezug auf die Entwicklung deutschen Lebens, wie auf die des russischen Reichs und auf den Gang der Weltgeschichte überhaupt; für jenes durch den politischen Verband der Hanse, für Russland durch die Gründung und das Aufblühen der deutschen Ostseeprovinzen: es liegt uns also, um unsere Aufgabe zu lösen, ob, den Zusammenhang dieser Ereignisse darzuthun.

 

Fand die Handelsthätigkeit des gemeinen Kaufmanns ihren Mittelpunct und den Hauptquell ihrer Nahrung in Nowgorod, so blieb doch diese Stadt nicht der einzige Ausgangspunct des russischen Handels. — Es ist hinlänglich bekannt, wie außer dem

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Weg durch den finnischen Meerbusen, schon seit den ältesten Zeiten auch der Weg auf und längs der Düna ins Innere von Rußland von Warägern und Gothländern besucht wurde. Von hieraus erhielten die Gothländer eben sowohl wie auf jenem anderen Wege die Handelsproducte des innern Rußlands. So wurde denn auch durch sie der deutsche Kaufmann, zu eben der Zeit, als er sich mit den Gothländern in Wisby vereinigte, an den Gestaden der Düna bekannt, wie in dem mächtigen Nowgorod. Mit dem Gewerb- und Handelsstand wetteiferten damals noch die beiden anderen Grundkräfte des mittelalterlichen Staates, Adel und Geistlichkeit, in dem sich fühlenden Uebermuth schöpferischer Lust, und noch wurden sie alle drei, sich selber unbewußt, von der ihnen gemeinsamen phantastischen Verehrung und Hochachtung der idealen Macht des Papst- und Kaiserthums zu einem nationalen Ganzen zusammengehalten. So wurde die Bildung neuer Staaten möglich in einer Zeit, wo es an jeder leitenden Einheit fehlte und die verschiedenen Elemente, die den Staat ausmachten, noch in ihrer ganzen Schroffheit einander gegenüber standen. —

 

Nicht umsonst erbaten sich Bischöfe und geistliche Ritterorden ihre Privilegien von Papst und Kaiser. Die ganze Christenheit wird zu ihrer Hülfe aufgeboten. Wie rühmlich ist in dieser Beziehung die weitgreifende Thätigkeit Innocenz III., Honorius III., Gregors IX. — In Livland war es der Augustinermönch Meinhard aus dem Kloster Sigeberg, der mit einer Admiralschaft, einem Geschwader erwerbthätiger Kaufleute, um des heiligen Wortes willen in dem unwirthbaren Lande sich niederließ (1186). Mit Hülfe gothländischer Handwerker und Steinhauer legte er an der Düna, ohnweit ihres Ausflusses, das erste Castel für die der Befestigungskunst unkundigen und den Gebrauch des Mörtels noch nicht kennenden, schwarzröckigen Liven in dem Dorfe Uexkull an, um dieselben durch den Schutz, den er ihnen gegen ihre Feinde gewährte, zur Annahme des alleinseligmachenden Glaubens zu bewegen. Freilich begegneten die Deutschen nicht überall einer so naiven Unerfahrenheit ihres Feindes, wie hier, wo die Lettgallen mit Schiffstauen die neuaufgeführten Mauern in den vorbeifließenden Strom hinabzuziehen bemüht waren. Doch vermochten weder Letten, noch Liven und Ehsten auf die Dauer den ritterlichen Waffen der deutschen Krieger Trotz zu bieten.

 

 

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Viertes Cap. Colonisation von Livland.

 

Einfügung: Christianisierung des Ostseeraums

 

Geduldig mußten sie sich von den in kurzer Zeit emporthürmenden Schlössern und Burgen aus beherrschen lassen, denn bald war von den Ufern der Düna bis zur Narowa hin ein Netz von Zwingern ausgespannt, das die sämmtlichen dazwischen liegenden Ostseeländer unter der Gewalt der deutschen Ansiedler zusammenhielt; den Urbewohnern aber wurde von Allem, was sie ihr eigen nennen konnten, nichts gelassen, als die Sprache, fortan ein Zeichen der Unterwürfigkeit. Desto beharrlicher waren die Deutschen im Verfolgen der eingeschlagenen Richtung. Albert, Livlands dritter Bischof und Gründer von Riga (1201), hatte den Gedanken gefaßt, durch Stiftung eines geistlichen Ritterordens die rohe Kraft des Schwertes in diesen Gegenden vermittelst religiösen Zwanges in Zaum zu halten, und durch die corporative Gemeinschaft, die er dem Orden gab, die Unterwerfung des Landes mit systematischer Strategie zu Stande zu bringen. So wurde das mit Hülfe des weltlichen Schwerts eroberte und behauptete Land durch die Geistlichen bekehrt, und der Kaufmann leitete die Lebensquellen des neuerworbenen durch die neuerbauten Städte auf die Wege des allgemeinen Handel- und Völkerverkehrs. Alljährlich kamen und gingen über das vielbesuchte Gothland neue Schaaren von Pilgrimen und Rittern, die ein jeder sein Theil von dem Ruhm des großen Unternehmens davon zu tragen trachteten. Vornehmlich Sachsen und Dänen bevölkerten das Land, nur die Schweden nahmen wenig oder gar nicht Theil. Sie hatten ihren eigenen Kreuzzug nach dem benachbarten Finnland gerichtet, wo sie um dieselbe Zeit anfingen, sich auszubreiten, als Livland von den Deutschen entdeckt ward. Im Jahr 1160 fiel der schwedische König Erich selbst im Kampfe gegen die finnischen Heiden. Auch den Russen und Deutschen drohten sie die Wasserstraße durch den finnischen Meerbusen abzuschneiden. Darüber kam es im Jahre 1188 zwischen Nowgorodern und Schweden zum Kriege. „Die Nowgoroder (berichtet eine nowgorodische Chronik bei diesem Jahr) verhafteten die auf Gothland einheimischen Waräger in Choruschka und Nowoi-Torshok; sie ließen im nächsten Frühjahr keinen der Ihrigen übers Meer ziehen, schickten den Warägern keine Gesandten zu und entließen die Verhafteten in Unfrieden“ *).

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*) Lehrbergs Untersuchungen S. 261.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Das Bedürfniß, neue Handelswege sich nach Rußland zu bahnen, mußte den Deutschen jetzt sich um so unabweisbarer aufdrängen, da der bisherige Wasserweg bis zu dem erst im Jahre 1201 wiederhergestellten Frieden zwischen Nowgorod und Schweden dreizehn Jahre lang gesperrt und somit aller Handelsverkehr so gut wie abgeschnitten war. Der Versuch dazu ward in der That noch während eben dieses Krieges gemacht, wie wir aus dem Bericht Heinrichs des Letten erfahren. Beim Jahre 1206 erzählt dieser älteste Chronist livländischer Geschichten: „in dieser Zeit wurde der Priester Alobrand, nebst einigen anderen, nach Ungannien geschickt, um die Güter der Kaufleute zurück zu verlangen, welche denselben früher, noch vor der Erbauung Rigas, als sie zu Wagen von der Düna aus nach Pleskow sich begaben, von den Unganniern auf den Rath der Liven geraubt worden waren, und deren Werth sich auf wenigstens 1000 Mark belief;“ *) — Nicht lange darauf sehen wir auch schon den zweiten Hauptweg eröffnet, der auf und längs der Düna von Riga aus nach Russland führte. Beim Jahre 1209 nämlich heißt es, „in diesem Jahre wurden der Schwertritter Arnold und seine Gefährten zum König (Fürsten) von Plotzk nach Rußland geschickt, um ihn zum Frieden zu stimmen und den rigischen Kaufleuten den Zutritt in sein Land auszumitteln, was ihnen auch zugestanden wurde, doch unter der Bedingung, daß die Liven oder der Bischof an ihrer Statt den schuldigen Tribut jährlich entrichten sollten.“ Zwei Jahre später kam es zu einem anderen Vertrage, durch den die freie Fahrt auf der Düna den Kaufleuten für immer zugesichert, von dem früher ausbedungenen Tribut aber gänzlich abgesehen wurde **), und noch achtzehn Jahre später schlossen die Stadt Riga und die Kaufleute auf Gothland mit dem russischen Fürsten Mistislaw von Smolensk den wichtigen Vertrag vom Jahre 1229 ab, der beiden Theilen die in demselben auf dem Grundsatz der Gleichheit ausbedungenen Handelsfreiheiten bestätigend aufs Neue festsetzte, daß „der rigaische Bischof, das Haupt der Gottesritter, und alle Landesherren den Dünafluß freigäben, von oben bis unten zum Meere, sowohl zu Wasser, als auf dem Ufer, allen Lateinern und allen Russen.

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*) Origines Livoniae ed. Gruber p. 57
**) Ebendaselbst S. 70. u. S. 86.

 

 

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Viertes Cap. Colonisation von Livland.

 

Wer nur ein wirklicher Kaufmann sei, dem werde männiglich die Freiheit gegeben, die Düna herauf und hinab zu fahren.“ *)

 

Einfügung: Vertrag von Smolensk (1229) im Europäischen Hansemuseum in Lübeck

 

Erst durch diesen von den deutschen Colonien Livlands aus mit Russland eingeschlagenen Verkehr erhielt der Handel mit Rußland eine feste und unumstößliche Basis. Erst hierdurch wurde die Berührung der deutschen und der russischen Nation eine unmittelbare und ihre Verbindung eine durch die gegenseitige Lage ihrer Länder und durch die Bedürfnisse ihrer Bewohner nothwendig bedingte und von ihrem beiderseitigen Wohl und Gedeihen untrennbare. Denn erhielt auch der Deutsche in Nowgorod als Vermittler mit dem Auslande ein fast unumschränktes und lange dauerndes Schutzrecht; so war es doch lediglich nur das Interesse des Handels, was ihn dort mit dem Russen verband. Nie konnte er dort völlig Wurzel fassen, nie heimisch werden. Die Nationen selbst blieben streng von einander geschieden. Selbst dieser Hauptzweck ihrer Verbindung erlitt nur zu häufig durch die schroffe Berührung der einander fremden Nationalitäten empfindliche Störungen und beiden Theilen nachtheilige Unterbrechungen — Nur durch Anlegung der deutschen Colonien in Livland konnten die Vortheile dieser Verbindung, mit Vermeidung der eben angedeuteten Gefahren, gesichert werden. Hier trat den Deutschen keine politisch-selbstständige Nationalität entgegen; hier konnten sie sich ihren eigenen Heerd und Hof bauen; statt eines bloßen Handelscomptoirs konnten sie hier förmliche Handelscolonien stiften, die aus den eigenen Provinzen, in denen sie lagen, einen verhältnismäßig geringen Theil ihrer Nahrungsquellen schöpfend, als großartige Erweiterung des nowgorodischen Hofs betrachtet werden müssen.

 

So verdankten nebst Riga, das jedoch den größten Theil seiner Ausfuhr durch die Düna erhielt, Dorpat, Pernau, Reval, und das erst in späterer Zeit sich hebende Narwa die Blüthe ihres Wohlstands ihrem Handelsverkehr mit Nowgorod.

 

 

2) Förderung des in der deutschen Hanse liegenden welthistorischen Moments.

 

Das Aufblühen dieser livländisch-deutschen Städte führt uns, um dem Keim ihres innern Lebens auf den Grund zu kommen,

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*) Ewers und Engelhardt, Beiträge zur Kenntniß Rußlands und seiner Geschichte, I. 327 ff.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

wieder der Betrachtung der anderen Seite des oben von uns berührten welthistorischen Momentes zu, welche eben so, wie die Ausbreitung deutschen Lebens an den östlichen Küstenländern des heutigen russischen Reichs hauptsächlich durch die Verbindung Nowgorods mit Wisby zur Entwicklung kam: die hanseatischen Verhältnisse und die durch den hansischen Handel hervorgerufene politisch-mercantile Städteverbindung sind es, die wir zu berücksichtigen haben; doch nur in so weit, als es zur Aufklärung des Verhältnisses, in dem Livland und die Deutschen zu Nowgorod und Russland standen, unumgänglich erforderlich ist.

 

Wir gehen hier wieder von der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns aus. Je mehr diese sich ausbreitete, je weiter der Kreis von Städten sich ausdehnte, die der gemeine Kaufmann in sein Interesse zog, um so mehr erkannten diese, wie sehr ihr eigener Vortheil es erheische, daß sie die Sache der Gesellschaft zu ihrer eigenen machten. Kamen doch die Freiheiten, die man dieser ertheilte, auch jenen zu Gute, wie auch häufig gewissen Städten und dem gemeinen Kaufmann gemeinschaftliche Privilegien ausgestellt wurden. Der Kaufmann selbst konnte ohne den Schutz und den Beistand der Städte auf eine größere Zunahme des Verkehrs nicht rechnen. Bei allen allgemeinen, den Handel betreffenden Beschlüssen kam es daher bald noch mehr auf die Entscheidung der Städte, als auf die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns an. So wendet sich im Jahre 1268 Konrad von Mandern, Meister des deutschen Ordens in Livland, im Namen aller Machthaber dieses Landes, gemeinschaftlich an die Bürger von Lübeck und den gemeinen Kaufmann, um durch sie, zu Gunsten Livlands, einen den nowgorodischen Handel betreffenden allgemeinen Beschluß zu bewirken *); und auf gleiche Weise statten im Jahr 1278 Johann, Erzbischof von Riga, Ernst, Meister des deutschen Hauses in Livland, und Simon, Ritter von Oberg, dänischer Hauptmann zu Reval und Wirland, gemeinschaftlich dem Vogt und den Rathmännern zu Lübeck, nebst allen Kaufleuten, die die Ostsee befahren, ihren Dank dafür ab, daß sie ihren Wünschen gemäß den Handel in Rußland untersagt hätten **).

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*) Hansisches Urkundenbuch, herausgegeben von Lappenberg, S. 95.
**) Ebendaselbst S. 111.

 

 

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Viertes Cap. Förderung des welthistorischen Moments.

 

Im Gefühl der Unzulänglichkeit seiner Mittel, begab sich der gemeine Kaufmann aus freien Stücken seiner autonomischen Selbstständigkeit. In dieser Beziehung ist ein Schreiben vom Jahre 1329 merkwürdig, durch welches der gemeine Kaufmann, d. h. alle deutschen Kaufleute, die nach Ellenbogen in Schonen fahren, den Rath von Lübeck bitten, in Betracht ihrer fortdauernden Unterwürfigkeit, ihrer in Ellenbogen gestifteten Gesellschaft Beistand zu leisten, weil ohne solche Hülfe die Gesellschaft nicht sich in gedeihlichem Zustand zu erhalten vermochte. In dem Antwortschreiben Lübecks aber sieht dieses seine Herrschaft über den gemeinen Kaufmann als eine schon gewohnte und durchaus begründete an, indem es dem gemeinen Kaufmann die Statuten seiner in Ellenbogen gestifteten Gesellschaft bestätigt und vornehmlich den Bürgern von Lübeck, welche zu ihr gehören, dieselben wohl zu halten einschärft, da im Uebertretungsfall gegen jeden, wer es auch sei, und gegen seine aufsätzigen Bürger so eingeschritten werden würde, daß Andere ein Beispiel der Furcht und des Schreckens daran haben sollten *).

 

Ganz entschieden endlich wird die Abhängigkeit des gemeinen Kaufmanns und des Hofs zu Nowgorod von den Städten in dem Receß der Abgeordneten der Seestädte zu Lübeck vom 24. Juni 1366 ausgesprochen, wo es heißt: „von dem Wisbyschen und Lübischen Drittel ist beschlossen worden, daß die Kaufleute, welche sich in Nowgorod befinden, ohne Vorwissen und Einwilligung Lübecks, Wisby’s und der übrigen Städte, an die sie vorher deshalb schreiben müssen, keine großen, gewichtigen und viel umfassenden Einrichtungen machen sollen.“ **) — Eben dieses allgemeine Gesetz wurde unter demselben Datum, „den Oldermännern und dem gemeinen Kaufmann der deutschen Hanse zu Nowgorod,“ zur Nachachtung bekannt gemacht ***). Aber schon viel früher hatte sich dasselbe für besondere Fälle practisch geltend gemacht, wie wir aus einer Verordnung des Hofs zu Nowgorod vom Jahre 1332 ersehen, in welcher es heißt: daß von dem Oldermann des Hofs,

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*) Ebendaselbst S. 321 und 323.
**) Ebendaselbst S. 582.
***) Ebendaselbst S. 583.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

seinen Weisesten und dem gemeinen deutschen Kaufmann in ihrer allgemeinen Versammlung beschlossen worden sei, bei Verlust von S. Peters Recht das Kaufen verfälschten Gutes zu verbieten, „nach dem Gebote, also die Städte in den Hof zu Nowgorod geboten hatten.“ *)

 

War auf diese Weise der gemeine Kaufmann erst factisch, dann auch gesetzlich, um seine politische Selbstständigkeit gekommen, so mußte die Umwandlung der Verfassung des Hofs sich zunächst an den Befugnissen und Rechten, die den Vorstehern desselben, den Oldermännern zustanden, bemerkbar machen. Früher war, wie wir sahen, die Wahl der Oldermänner frei gewesen, gleich viel, aus welchen Städten sie sein mochten; allein das Herkommen hatte mit sich gebracht, daß sie aus den vornehmsten Handelsstädten, Wisby und Lübeck, gewählt wurden, und da sie nun selbst dieser Städte Mitbürger waren, mochten sie sich um so weniger dem übergreifenden und auf Kosten der Gesellschaft sich geltend machenden Einfluß derselben entgegensetzen. So kam es schon im Jahre 1346 zu einem Beschluß, durch den nicht nur die Wahl der Olderleute auf die Bürger der genannten beiden Städte beschränkt, sondern überdies noch festgesetzt wurde, daß diese Wahl nur durch die von den Städten hiezu abgesandten Wahlmänner vorgenommen werden sollte **). Und zwar sollte des Hofs Oldermann wechselsweise ein Mal aus Lübeck, das andere Mal von Gothland erkoren werden; zugleich aber wurde die Macht dieses Oldermanns bedeutend erhöht, um die Freiheit des Hofs um so mehr herabzudrücken. Sobald nämlich der Oldermann des Hofs sein Amt antrat, mußten S. Peters Elterleute (deren es jetzt zwei gab) ihm die Schlüssel übergeben, alle Aemter hörten auf und ihm stand es zu, sie aufs Neue zu vertheilen und zu besetzen. Ja sogar die Elterleute S. Peters erhielt er Gewalt zu ernennen, und zwar mußten diese gleichfalls von Lübeck und von Gothland sein, und nur wenn keine Lübecker und Gothländer gegenwärtig wären, sollte man dazu Leute ernennen, die sich zufällig im Hofe befänden, doch nicht auf längere Zeit, als bis Jemand von Lübeck und von Gothland käme, dann gleich sollten die

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*) Ebendaselbst S. 282.
**) Ebendaselbst S. 275 und 276.

 

 

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Viertes Cap. Förderung des welthistorischen Moments.

 

Weisesten von ihnen ernannt werden *). Endlich im Jahre 1363 erhöhete man die Macht des Oldermanns des Hofs auch noch dadurch, daß seine Unabsetzbarkeit erklärt wurde.

 

Hatten so die Städte die Verwaltung des Hofs an sich gebracht, so konnten zugleich auch erst jetzt, durch die Art, wie die Elterleute gewählt wurden, Lübeck und Wisby, als alleinige Beherrscher des Hofs, über die übrigen Mitstädte einen durchgreifenderen Einfluß ausüben. Da aber ein Theil dieser Städte, vornehmlich die livländischen nicht immer gleiches Interesse mit den wendischen theilte, so mußte das gebieterische Ansehen, das sich Lübeck anmaßte, nothwendig Unzufriedenheit und Widerspruch bei jenen hervorrufen. Riga ließ es daher auch an Reclamationen gegen die einseitige Besetzung der Olderleute durch Lübeck und Wisby nicht fehlen; allein es wurde von dem gemeinen Kaufmann zu Nowgorod überstimmt, der allerdings Recht haben mochte, wenn er sagte, daß die Aeltesten unter ihnen sich nicht erinnerten, daß die Rigaer jemals zu Olderleuten erwählt worden seien, unmöglich aber konnte es geneigt sein, dem gemeinen Kaufmann in der Erklärung beizustimmen: Lübeck stets unterwürfig zu sein und jeden zum Oldermann anzunehmen, den diese Stadt nebst Gothland definitiv dazu bestimmen werde **). Nichts desto weniger setzte sich, trotz des Widerspruchs Einzelner, fest, was in der Natur der Dinge begründet war. Lübeck und Wisby als Vorstände aller behufs des nordischen Handels mit einander verbundenen Städte, für die auch jetzt erst der gemeinschaftliche Name der deutschen Hanse aufkommt ***) (1330), theilten sich in die Herrschaft, die sie vorzüglich bei der Leitung und Regierung des Hofs zu Nowgorod geltend machten, und nur dadurch, daß die schwächeren Städte untergeordneten Ranges sich den stärkeren und bedeutenderen anschlossen, nur durch das gemeinschaftliche, feste Zusammenhalten aller ins Gesammt, wurde es möglich, allgemeinere Maßregeln zum Schutz und Gedeihen des Handels in Ausführung zu bringen. „Erwerbung gemeinschaftlicher Rechte und Freiheiten im Auslande, Schutz des Verkehrs zu Wasser wie zu Lande, Erhaltung der Einigkeit und Ordnung unter den

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*) Ebendaselbst S. 276.
**) Ebendaselbst S. 221 und 222.
***) Lappenberg, urkundl. Gesch. der deutschen Hanse, S. 47.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Gliedern des Bundes, Bestrafung der den Beschlüssen desselben nicht Folge leistenden Städte; diese und ähnliche Zwecke waren es, welche die Abgeordneten der Städte jetzt zu ihren besonderen Vereinen und aus ihren allgemeinen, gewöhnlich in Lübeck gehaltenen Tagsatzungen zusammenführten“; das glückliche Erreichen dieser Zwecke aber war es, was zu einer Zeit, wo Willkür und wildes Faustrecht die Grundlagen der Staaten zu zertrümmern drohten, die hanseatischen Städte zu einer Macht erhob, welche zur See und zu Lande und zwar durch die Förderung großer Interessen herrschend, die Culturentwicklung der neuern Zeit so wesentlich begünstigt hat.

 

Diese Umwandlung der hanseatischen Verwaltung, die so von dem kaufmännischen Verein in den Gesammtverein der Städte übergegangen war, konnte durch nichts sich glänzender rechtfertigen und ihre innere Nothwendigkeit großartiger bethätigen, als durch das einmüthige Zusammenhalten sämmtlicher Hansestädte gegen den König Waldemar III. von Dänemark, der durch die Eroberung Wisbys, des Mittelpuncts ihrer Vereinigung, sie alle an ihrer Ehre und Existenz gekränkt und angegriffen hatte. — Im Jahre 1361 traten die wendischen Städte zu einem Bündniß zusammen, zu dessen Förderung auch die preußischen Städte wenigstens allen Handel mit Dänemark aufgaben. Ihnen gesellten sich noch in demselben Jahre Hamburg, Bremen und Kiel bei, desgleichen auch der Graf Heinrich von Holstein und der Herzog von Mecklenburg, und unter Anführung des Grafen von Holstein und des Bürgermeisters Johann von Wittenberg gelang es ihnen alsbald dem Könige Gothland wieder zu entreißen und seine Flotte zu schlagen. Als aber ein paar Jahre darnach der König Waldemar sich für die abgesetzten Könige von Schweden, Magnus und Hakon, erklärte, den von den Hansen unterstützten Herzog Albrecht von Mecklenburg aber nicht anders als König in Schweden anerkennen wollte, als wenn er ihm aufs Neue Gothland und Oeland abträte, „da sahen die Städte wohl ein, daß von der Art der Beendigung dieser verschiedenen Verwirrungen, ihr Ansehen, ihr Handel, ihre Freiheit abhingen. Sie verbanden sich daher im Jahre 1367 mit einander zu Köln, um mit den Waffen ihre Widersacher zu bekämpfen, in einer größeren Ausdehnung als es bisher geschehen war. Alle östlich und westlich an den deutschen Küsten belegenen Städte traten

 

 

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Viertes Cap. Förderung des welthistorischen Moments.

 

bestimmter, als es je zuvor der Fall war, gegen die beiden Könige Waldemar von Dänemark und Hakon von Norwegen in eine Verbindung zusammen, die zu Köln im Jahre 1367 von den daselbst versammelten Abgeordneten einiger Städte der Ost- und Westsee, wie es scheint, Namens Aller, wie sie an den Küsten von Livland und Preußen bis zum Zuidersee, Holland und Seeland lagen, abgeschlossen ward“. *). Hakon zwangen sie zur Anerkennung Albrechts und Bestätigung aller Privilegien, die sie in Norwegen inne hatten, (in den Jahren 1369 und 1370) indem sie auf den Küsten dieses Landes einfielen, Kirchen und Klöster plünderten und 200 Dörfer in Asche legten. — Noch glücklicher waren sie gegen Dänemark. Im Jahre 1365 eroberten sie Kopenhagen, Helsingoer, den Schlüssel des Sundes; auch Nykiobing und Falsterbo fielen in ihre Hände; sie konnten den Frieden dictiren: auf 15 Jahre blieben die Hansen im Besitz aller festen Plätze in Schonen und aller dazu gehörigen Landstrecken. **).

 

Allein trotz dieses glücklichere Resultats des einigen Zusammenhaltens der Städte, traten doch die Differenzen innerhalb des Bundes nach Beseitigung der gemeinsamen Gefahr, wieder um so offener hervor, da die verschiedenen und auseinandergehenden Interessen der einzelnen Bundesglieder selbst; immer mehr zum Vorschein kommen mußten, je weiter sich ihre Handelsthätigkeit entwickelte.

 

Jene großen, gemeinsamen, schöpferischen Elemente, welche in dem Bunde der deutschen Hanse, so wie in der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns lagen, hatten nebst der Gründung des Hofs zu Nowgorod auch die Colonisation von Livland herbeigeführt: der deutschen Hanse, so wie den Deutschen überhaupt hatte Russland seine erste Verbindung mit dem civilisirten Europa zu verdanken gehabt. Mußte nicht hinwiederum auch das Moment der Trennung, welches den Untergang der Hanse verursachte, dem deutschen Leben in den Ostseeprovinzen Tod und Verderben bringen, und die durch die letzteren vermittelte Verbindung Rußlands mit den Deutschen der Vernichtung entgegen führen?

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*) Lappenberg, urkundliche Geschichte d. d. Hanse, S. 61 und 62.
**) Ebendaselbst S. 65.

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters." .

 

Fünftes Capitel.

 

Absonderungsprincip und Oberhand der Sonderinteressen.

 

Hier ist es Vor Allem die Eifersucht der um die Vorherrschaft buhlenden Städte des Bundes selbst, Lübecks und Wisbys, von wo wir auszugehen haben. War Wisby, so lange die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns die Blüthe der hanseatischen Macht vorbereitete, durch seine insularische Lage sowohl, wie durch seine geringere Entfernung von Nowgorod, der Mittelpunct des gesammten nordischen Handelsverkehrs und das eigentliche Haupt der an diesem Handel Theil habenden Städte geworden; so mußte in eben dem Verhältniß als die Herrschaft der Städte sich hob, das Ansehen des gemeinen Kaufmanns aber in Verfall gerieth, Lübeck in der Mitte sämmtlicher den Bund der Hanse bildenden Städte des Festlandes gelegen, ein immer entschiedeneres Uebergewicht über Gothland erhalten. — Dieser sich allmälig von selbst geltend machende Einfluß Lübecks über die übrigen Städte der Hanse hatte zu Wege gebracht, daß eine große Anzahl hansischer Städte sich mit lübischem Recht bewidmen ließ. Nichts war daher natürlicher, als daß diese Städte auch in streitigen Fällen sich an Lübeck wandten und daß dieses hinwiederum hierauf ein ausschließliches Recht auf die Herrschaft des Hofs zu begründen suchte. So brach schon zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts zwischen Lübeck und Wisby ein heftiger Zwist über die Vorherrschaft des Hofs aus. Ein großer Theil der sächsischen, wendischen, preußischen und westphälischen Städte traten Lübeck bei, namentlich Köln, Dortmund, Paderborn, Minden, Lemgo; ferner Magdeburg, Halle, Braunschweig, Goslar, Hildesheim, Hannover und Lüneburg, Rostock, Stralsund, Wismar, Greifswald, Kiel, Stade und endlich auch Riga nach anfänglicher Weigerung; dahingegen Danzig, Elbingen, Hamburg, Münster, Soest, Osnabrück und Bremen; sodann Reval, Dorpat, Pernau, Königsberg, Thorn, Kulm und Braunsberg, Anklam, Demin und Stettin nebst vielen andern hielten zu Wisby. Noch ist uns ein eindringliches Schreiben Wisbys an den Magistrat von Osnabrück erhalten, um das Jahr 1294, durch welches diesem dafür gedankt wird, daß es Lübecks Aufforderung nicht gefolgt sei, die Freiheiten und Rechte der Gothland und den Hof zu Nowgorod

 

 

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Fünftes Cap. Absonderungsprincip u. Sonderinteressen.

 

besuchenden Kaufleute aus Lübeck zu übertragen und mit lübischem Recht zu vertauschen. Zugleich wird ihm eingeschärft nicht zu vergessen, daß seine Vorfahren es ja gewesen, die vor uralten Zeiten, diese Freiheiten als derselben Urheber und Mitstifter zuerst in den Hof von Nowgorod gebracht hätten, und wie dieselben von dem gemeinen Kaufmann auf dem Hof sowohl wie in Gothland auch von jeher bis auf die gegenwärtige Zeit einmüthig gehalten worden seien. Es scheine den Kaufleuten daher höchst befremdend, daß jeder Kaufmann, der sich in Nowgorod oder Gothland aufhalte, mit Zurücklassung seiner Güter sich nach Lübeck begeben solle, um zu seinem Recht zu gelangen, und darum werde der Magistrat von Osnabrück gebeten, ohne Einwilligung der östlichen Städte der Aufforderung Lübecks auch in Zukunft nicht Folge zu leisten *).

 

Solchen Bemühungen und der Eifersucht der übrigen Städte auf Lübecks Uebermacht hatte Wisby es zu verdanken, daß es neben diesem die Mitherrschaft des Hofs bis ins funfzehnte Jahrhundert hinein behauptete; nachdem es aber durch die Eroberung vom Jahre 1361 seinen alten Glanz eingebüßt hatte, konnte es nie recht zu Kräften kommen, bis es zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wieder zu gänzlicher Unscheinbarkeit hinabsank.

 

Auch andere Städte des Bundes mußten zu ähnlichen Beschwerden wie Wisby Veranlassung finden, da zu allen Zeiten die gleichmäßige Vertheilung der Macht unter die mit einander verbundenen politischen Gemeinheiten zu den schwierigsten Räthseln der Staatskunst gehört hat. Ueber beide, die östlichen wie die westlichen Theile des Bundes suchte Lübeck nebst den übrigen wendischen Städten seinen Einfluß weiter auszudehnen, als es mit dem Vortheil und Wohl der ersteren verträglich war. — Wie wenig Riga damit zufrieden war, daß Lübeck die ausschließliche Leitung des Hofs zu Nowgorod an sich riß, hatten wir schon oben Gelegenheit zu bemerken **). Riga aber und die livländischen Städte überhaupt konnten mit Recht Anspruch darauf machen, mit besonderer Rücksicht behandelt zu werden, da die

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*) Wigand‘s Archiv der Geschichte und Alterthumskunde Westphalens, B. I. Heft 4· S. 18.

**) S. S. 42 f.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Hanse in ihrem nowgorodischen Handel fast ganz von den livländischen Ostseeprovinzen abhängig war, seitdem die Schweden durch die Eroberung von Karelien und die Erbauung Wiburgs (im Jahre 1293) die Wasserfahrt durch die Newa beherrschten, welche bei den fortwährenden Kriegen mit den Russen, trotz der ab- und zu erneuerten Privilegien auf eine freie Fahrt durch die Newa nach Nowgorod, doch immer wieder aufs Neue bedroht wurde. Man sah sich daher genöthigt, die livländischen Seestädte zu den eigentlichen Hafenstädten Nowgorods zu machen, und zu diesem Zweck mußten sie mit besonderen Privilegien ausgestattet werden. So gewährte schon im Jahre 1294 König Erich von Dänemark den Bürgern von Lübeck und von Gothland und den Kaufleuten aller Seestädte, die die Ostsee befahren wollten, auf ihre Bitte die freie Fahrt durch ganz Ehstland und Wirland der Narowa entlang bis nach Nowgorod zu, *) und im Jahre 1346 wurde ausdrücklich (zugleich mit der Absicht die hansesche Verwaltung einer stärkeren Controle zu unterwerfen) von den Vorstehern des Hofs zu Nowgorod und dem gemeinen Kaufmann der Beschluß gefaßt, Niemand solle sein Gut auf verbotenen Wegen, sei es durch Preußen, Kurland, Oesel oder Schweden, führen, sondern allein über Riga und Pernau.

 

Auch Riga mußte nun ein größerer Einfluß auf die Verwaltung des Hofs zu Nowgorod eingeräumt werden. Allein die Vortheile jener Maßregeln, deren Ausführung in späterer Zeit immer schwieriger ward je mehr die Handelsthätigkeit auch unter den fremden Nationen zunahm, wurden auf eine für die freie Entwicklung der Ostseeprovinzen unerträgliche Weise großentheils dadurch wieder aufgehoben, daß Lübeck nebst den übrigen wendischen Städten den Zwischenhandel zwischen den östlichen und westlichen Gliedern des Bundes auch da noch sich allein vorbehalten wollte, als diese solcher Hülfe nicht mehr bedurften, und die Niederländer die direkte Fahrt nach Livland eben so gern unternahmen, wie die Livländer, vornehmlich seit den letzten Jahrzehnden des vierzehnten Jahrhunderts, es an Versuchen, von der Ostsee aus die Westsee zu befahren, nicht fehlen ließen.

 

Zwischen den wendischen und den niederländischen Städten

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*) Cassel, Sammlung ungedruckter Urkunden, S. 7.

 

 

 

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Fünftes Cap. Absonderungsprincip u. Sonderinteressen.

 

brach die Handelseifersucht schon in den ersten Jahrzehnden des funfzehnten Jahrhunderts zu offenbarem Krieg aus. Während des neunjährigen Krieges, den jene mit Erich von Dänemark (1426 — 1435) führten, hielten diese, um neue Handelsvortheile und Ersatz für die erlittene Zurücksetzung zu erlangen, sich zu dem Feinde der Hanse. Hierdurch kam es zum völligen Bruch, indem mehrere Statute erlassen wurden, in denen es hieß: „daß keiner von den Niederländern auf einem hansischen Comptoir zugelassen, keinem die russische Sprache in Livland gelehrt, keines ihrer Schiffe von Hansen nach Livland befrachtet und kein holländisches Tuch, wie es wenigstens bisweilen geboten ward, in den Bundesstädten verkauft werden sollte“. *)

 

Nach diesem Kriege kam es zu einer dauernden Versöhnung nie wieder, nur einige von den unbedeutenderen Städten der Niederländer blieben noch fernerhin mit dem Bunde in Gemeinschaft.

 

Etwas länger zwar als mit den niederländischen, erhielt sich noch zwischen den wendischen und den livländischen Städten ein leidliches Vernehmen, allein mit dem gänzlichen Ausschluß der Niederländer, wie auch der Engländer von der Ostsee, konnten die livländischen Städte unmöglich einverstanden sein, so sehr auch die Beschränkungen, denen die Niederländer und die Engländer als Gäste unterworfen waren, in ihrem eigenen Interesse lagen; vielmehr sahen sie, die Livländer, es nicht ungern, „daß sie durch die Ankunft dieser Fremden die ausländischen Waaren wohlfeiler erhielten, ihre und die durch ihre Hände gehenden polnischen, lithauischen und russischen Güter schneller und bequemer umsetzen konnten, als wenn sie, wie es bisher zum Theil der Fall war, der westlich belegenen Hansestädte zu diesem Zweck sich bedienten“.

 

Noch näher aber wurden die Livländer bei diesem Treiben der wendischen Städte betheiligt, als diese auch sie nicht mehr den Sund wollten passiren lassen, sondern verlangten, sie sollten mit ihren Schiffen blos, wie das sonst der Fall gewesen sei, auf die Trawe kommen. **) So bedurfte es auch hier nur eines

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*) Sartorius Geschichte der hansischen Bundes, Thl. II. S. 278 flg. und S. 395.
**) Ders. im. a. W., Thl. III. S. 196, Thl. II. S. 294.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

äußeren Anlasses, um die schon vorhandene Spaltung zwischen den livländischen und den wendischen Städten zu einer vollkommenen Trennung zu bringen. Diese war in der Vernichtung des nowgorodischen Freistaats durch Iwan III. Wasseljewitsch (1478), so wie in der durch denselben Autokraten im Jahre 1498 vollzogenen Aufhebung des deutschen Hofs zu Nowgorod gegeben. — Durch diesen doppelten Akt der Selbstherrschaft ward eine große Vergangenheit zum Abschluß gebracht. Viele Hunderte von angesehenen Bürgern mußten in die Verbannung wandern, die nicht durch gewaltsam aus anderen Gegenden des Reichs an ihre Stelle gesetzte Unterthanen ersetzt werden konnten. — Eben diejenigen, durch die allein der alte Wohlstand sich wieder herstellen ließ, die deutschen Kaufleute des Hofs zu Nowgorod, wurden, statt ihre Vorrechte dem Bedürfniß der Zeit gemäß auf das billige Maß des Rechts zurückzuführen, ihrer Güter und ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Somit war die bisher durch den deutschen Hof gesetzlich garantirte Verbindung der Deutschen mit Nowgorod aufgelöst, der Staat auf dem die Vermittlung Rußlands mit dem europäischen Westen beruhte, in Verfall gerathen und „der Brunnquell“ der hansischen Macht versiegt. — Fruchtlos waren die Bemühungen Lübecks, den nicht zu verschmerzenden Verlust durch Herstellung des Hofs zu Nowgorod wieder gut zu machen. — Ohne die hierauf bezüglichen Wünsche und Forderungen der Hanse sonderlich zu beachten, schlossen die livländischen Städte mit dem Beherrscher von Rußland einseitige, ihren besonderen Vortheil wahrende Verträge ab, begünstigten fortwährend den verbotenen Verkehr mit Engländern und Holländern und hoben factisch allen Verband mit dem Bunde auf, so daß dieser eines Gliedes nach dem anderen beraubt, macht- und kraftlos dastand, Livland aber selbst sich, als es im Jahre 1558 von Iwan IV. Wassiljewitsch mit Krieg überzogen ward, von unvermeidlichem Ruin bedroht sah.

 

Waren nun wirklich alle Fäden eines vernünftigen Zusammenhanges zwischen der in so vielen Beziehungen großen Vergangenheit des Mittelalters und der zunächst bevorstehenden Zukunft sinnlos abgeschnitten; hatte Rußland wirklich auch die Anfänge seiner Cultur wieder eingebüßt, sollte es auch die ihm benachbarten, es zu seiner Europäisirung führenden Culturländer

 

 

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Fünftes Cap. Absonderungsprincip u. Sonderinteressen

 

in die Barbarei und bodenloses Elend mit sich hinabziehen, war auch in diesen deutschen Communen selbst jenes großartige welthistorische Moment der Entwicklung von dem Particularismus so durch und durch zersetzt, so ganz und gar ertödtet; oder läßt sich nicht vielmehr auch hier jene ewige Metamorphose des stets aus dem Tode neues Leben gebärenden allwaltenden Weltgeistes nachweisen, der die wirksamen Urkräfte, die das Leben erzeugen, dem nur das Oberflächliche schauenden Auge im geheimnißvollen Moment der Schöpfung entzieht, um sie bald verjüngt in vollkommenerer Gestalt an das Licht emporzusenden?

 

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Zweite Abtheilung.

 

Neue Anfänge. Livlands Anschluß an die östlichen Großmächte: Polen, Schweden, Rußland.

 

 

 

Zweifelnd mag der Leser Bedenken tragen über den historischen Optimismus des Verfassers, wenn er die Resultate, zu denen wir jetzt gelangt sind, doppelte Auflösung, innere Zerrüttung des blühendsten Reichs im alten Rußland, Verfall der Hanse und des deutschen Hofs zu Nowgorod und Zerstörung der deutschen Ostseeprovinzen, mit dem zusammenhält, was von uns verheißen ward, als wir zuerst den Untergang von Nowgorod berührten: durch die deutschen Ostseeprovinzen zu erwartende Regeneration der durch die nowgorod-wisbysche Verbindung nur erst angebahnten und vorbereiteten Verhältnisse; er wird aber ohne Weiteres durch das factische Resultat der Gegenwart die Ansicht des Verfassers gerechtfertigt finden, wenn er erwägt, wie schon seitdem sie dem russischen Reiche einverleibt wurden, seit mehr als 100 Jahren diese deutschen Ostseeprovinzen die in ihnen liegende Bestimmung immer erfreulicher und bedeutungsvoller zu entwickeln und herauszustellen fortgefahren haben. Diese factische Gewißheit überhebt uns der trostlosen Aufgabe, dem anderthalb Jahrhundert, die ganze Zwischenzeit hindurch, vom Ende der Ordensherrschaft bis zur Vereinigung Livlands mit Rußland, währenden Gährungsproceß dieses isolirten Küstenlandes in all‘ seinen Einzelheiten nachzuspüren, und ebenso wenig verstatten uns die hier gesteckten Grenzen, ausführlich auf die von Iwan IV. Wassiljewitsch an, bis auf Peter den Großen, wenn auch nur spärlich sich kund thuenden Zeichen einer modernen Staatsbildung in Rußland aufmerksam zu machen; genug: auch die Zeit der Noth und der Drangsale war eine Zeit des Uebergangs; aus dem Untergang vergangener Größe gingen die Geburtswehen einer reicheren, vielumfassenderen Neuzeit hervor, und selbst der Despotismns, wenn er das Moment der Bewegung

 

 

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Zweite Abtheil. Neue Anfänge.

 

und des Fortschritts in sich schließt, ist besser, als eine in sich verdumpfte republicanische Anarchie.

 

Nowgorod wenigstens hatte seine Ausgabe schlecht gelöst und ein auffallendes Beispiel seiner nationalen Unmündigkeit und seiner geistigen Unfreiheit gegeben. Wenn irgendwo in Rußland, hätte sich in Nowgorod eine der europäischen Cultur sich annähernde nationale Bildung erzeugen müssen; durch den lebendigsten Verkehr mit dem Auslande mußten von allen Seiten die vorhandenen Keime geistiger Eigenthümlichkeit angeregt und zu eigenen Productionen geweckt werden; allein nicht einmal in den materiellen Gewerbszweigen, da doch der Russe sonst zu allen mechanischen Fertigkeiten ein angeborenes Talent besitzt, machte der Nowgoroder bedeutende Fortschritte; anstellig und gewandt im Handel und Verkehr, ließ er sich doch von dem Deutschen, dem alleinigen Herrn des Großhandels auf den Kleinhandel beschränken. Auch die Kirche blieb bei ihren griechisch-starren Formen, die selbst einer nur scholastischen Gelehrsamkeit entbehrten.

 

So zeigte sich, wie diese Nation nur durch eine strenge Zucht und Erziehung von oben aus allmälig auf den Weg geführt werden konnte, der als ein nothwendiger und unerläßlicher sämmtlichen Nationen vorgezeichnet zu sein scheint, die sich dem Christenthum als der Religion der Bewegung und des Fortschritts angeschlossen haben. — Keine Nation darf in ihrer natürlichen Gestalt, als solche, sich denjenigen ebenbürtig achten im Geiste, die zu Vorkämpfern der Geschichte sich dadurch erhoben, daß sie sämmtliche Culturstufen der Vergangenheit in sich aufnahmen, bis auch sie diese, durch das Heraustreten aus ihren nationalen Beschränktheiten sich angeeignet hat.

 

Das Streben diese Culturmomente der Vergangenheit ihrem noch unmündigen Volke mitzutheile, hat den Beherrschern von Rußland die absoluteste Macht verliehen, die je existirte und zugleich auch die stärkste, in so weit sich ihr Absolutismus lediglich auf das Princip der Bewegung und des Fortschritts begründete, und nicht, wie das anderen absoluten Staaten zum Vorwurf gemacht worden ist, wo der Absolutismus von der Geistlichkeit ausging, auf das der Retardation und Rückschritts. Auch hat dieser Staat, von Anfang seiner Erhebung an, dadurch vor allen westlichen Staaten einen außerordentlichen Vorsprung gehabt, daß

 

 

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Zweite Abtheil. Neue Anfänge.

 

er durch die ungeheuere Kluft der Intelligenz, durch die sich die Regierung über die Masse der nationalen Bevölkerung erhob, eine Kraft und Energie entwickelte, zu der es die westlichen Staaten, wegen der noch nicht in Einklang gebrachten ständischen Unterschiede und wegen ihrer freieren, organischen, daher langsam und stufenweise von innen heraus zum Leben gedeihenden, nachhaltigen Entwicklung noch nicht zu bringen vermochten. Die gesammte materielle Volkskraft war der russischen Regierung disponibel, indem sie allein die Intelligenz repräsentirte.

 

Das ist der Vorzug, den dieser Staat durch seine dem Westen entlehnte Bildung vor allen westlichen Staaten voraus hat, wodurch er sie alle an concentrirter Einheit und in seinen Beziehungen nach außen an Thatkraft überflügelt hat. Allein es findet auch noch ein anderer Hauptunterschied zwischen ihm und den westlichen Staaten statt, welcher den letzteren hinwiederum, wiewohl diese bei einer ihrem Wesen nach viel complicirteren Organisation nur viel langsamer zu wirkungsreicher Ruhe gelangen können, einen Vorzug vor jenem einräumt, der nicht minder zu beachten ist.

 

Es ist nicht zu leugnen, daß in Rußland im Grunde nur die Regierung den Staat ausmacht; sie allein ist im Besitz der Intelligenz, was sie für gut hält, kann daher nur auf mechanischem Wege durchgeführt werden *). Diese selbst, die Regierung, hat keine andere Garantie als die Macht, während bei den westlichen Staaten alles Dasjenige, was durch das Wort Staat bezeichnet wird,

 

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*) Dieser Satz, daß in Rußland der Staat von der Regierung ausgeht, mag in der folgenden die Herrschaft Iwans IV. charakterisirenden Stelle eines gleichzeitigen Chronisten seine Erläuterung und historische Begründung finden: „Leges, quibus utantur, paucas admotum habent, eamque fere solam, ut Principis voluntatem pro lege observent. De eo ita illis persuasum est, Metropolitis maxime opinionem hanc eorum iuvantibus, per Principem tamquam interpretem Deum suum coniungi, ac prout de Deo meriti sint, ita Principem vel benignum in se vel asperum esse. Itaque voluntati eius non secus ac divinae, seu turpia scu homesta, seu mala seu bona iubeat, omnibus in rebus parendum pro fidei decreto habent, illeque vitae ac necis omniumque rerum summam in suos potestatem obtinet. Quod ut ad potentiam comparandam conficiendaque bella maximum habet momentum, unum omnibus rebus summa cum auctoritate praeesse, omnia imperia solum administrare, eundem et consiliorum dominum et rerum omnium nuctorem esse; exiguo temporis spatio copias quam maximas cogere posse, fortinis civium ad potentiam suam stabiliendam pro suis uti; et quemadmodum iis rebus maxime auctoritas ac opes Mosci creverunt, ita crudelitas quoque eius ac dominandi asperitas vehementer confirmata est. Heidensteinii de bello Moscovitico Lib. I. Starczewski historiae Ruthenicae scriptores exteri, Vol. II. p. 95.

 

 

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Zweite Abtheil. Neue Anfänge.

 

nicht nur durch die Regierung repräsentirt wird, sondern mit dem Leben des Volkes selbst verwachsen ist. Es ist nicht zu verkennen, daß die russische Regierung unwillkürlich diesen Mangel an Gleichheit aufzuheben sich stets gedrungen gefühlt und das noch aufzuklärende Volksbewußtsein mit ihren europäisirenden Bestrebungen in Uebereinstimmung und Einklang zu bringen sich, gewissermaßen genöthigt gesehen hat. Dies geht deutlich aus ihren Bemühungen hervor, von Anfang an, als sie sich der Aufgabe bewußt wurde, die ihr als Repräsentantin des Staates oblag, nicht nur Ausländer, vornehmlich Deutsche, Künstler und Gelehrte, Staats- und Geschäftsmänner, Handwerker und freie Landleute mit allen Rechten ihrer ausländischen Unterthanschaft ins Land zu ziehen, um die noch mangelnde Volksbildung anzuregen, sondern daß sie vorzüglich auch darnach trachtete, gerade die Provinzen, durch welche bisher die Ausgleichung mit dem cultivirten Auslande statt gefunden hatte, die Ostseeprovinzen, dem russischen Staatskörper einzuverleiben, mit Zusicherung und Garantie aller Rechte und Privilegien, kurz der gesammten Verfassung, durch welche dieselben sich zu einer von der russischen Nation noch nicht erreichten Culturstufe erhoben hatten.

 

Durch diese staatskluge Maxime der russischen Regierung gewannen die Ostseeprovinzen, die während der langen Zuckungen und Krämpfe, unter denen in ganz Europa die Geburten der neuen Staaten aus dem aufgelösten Zustande des Mittelalters hervorgingen, sich selbst verloren zu haben schienen, auf einmal eine neue, würdigere Stellung. Anfangs war es allerdings zweifelhaft, ob ihnen von Rußland dieses ihr natürliches Recht würde gehalten werden; darum sträubten sie sich anderthalb Jahrhunderte lang, die ihnen von der Natur selbst angewiesene Stellung einzunehmen, und mit Recht: denn die bis dahin so heterogen sich abstoßenden Theile mußten erst Zeit gewinnen, ihre gegenseitige Stellung zu einander zu begreifen, und die Möglichkeit einer harmonischen Vereinigung vorzubereiten.

 

Die endlich durch Peter den Großen durchgesetzte Vereinigung Rußlands mit den Ostseeprovinzen als Basis einer vernünftigen Zukunft angenommen, läßt sich die Zeit von der beginnenden Trennung Livlands von der Hanse und vom Untergange des Ordensstaates bis zur Vereinigung mit Rußland, als eine Zeit

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

der Versuche das Rechte zu finden, ansehen, und sowohl um diese Ansicht zu rechtfertigen, als auch um die Nothwendigkeit dieser Versuche selbst darzuthun und durch das Chaos der Zerstörung den Gang der Fortentwicklung nachzuweisen, mag es uns verstattet sein, die so bezeichnete Uebergangsepoche der livländischem Geschichte, wenn auch nur nach ihren Hauptumrissen, dem Leser ins Gedächtniß zurückzurufen.

 

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Erstes Capitel.

 

Abfall Livlands von der deutschen Hanse und Untergang des livländischen Ordensstaates.

 

 

Der Untergang des livländischen Ordensstaates, durch den Verfall der Hanse veranlaßt, stand mit dem damaligen Zustande des deutschen Reichs in nahem Zusammenhang. Bei der allgemeinen Umgestaltung der Dinge trat während des Uebergangs vom Mittelalter in die neuere Zeit das Neue mit dem Alten in so schroffen Gegensatz, daß das deutsche Reich darüber, statt wie die übrigen neuen Staaten sich in seiner nationalen Einheit zusammenzufassen, wie es schien, für immer auseinanderbrach. Und so mußte auch dort, wo die mittelalterlichen Gegensätze am ausgebildetesten sich gegenüber standen, ohne durch ein angestammtes Oberhaupt vermittelt zu werden, im deutschen Osten, in Preußen und in Livland das Reich die ersten schmerzlichen Wunden erhalten. Preußen war zum Theil einer fremden, auch slawischen Macht anheim gefallen, Livland aber wurde das Opfer mehrerer, und verschwindet, auf eine lange Reihe von Jahren, durch vernichtenden Krieg in seiner Existenz bedroht und in beständiger Schwankung zwischen den es umzingelnden Hauptmächten gehalten, aus der Reihe der in der europäischen Staatenentwicklung einen selbstständigen Platz behauptenden Länder. Und wie durch seine unmittelbare Berührung mit dem Auslande der Handelsstand den Pulsschlag des sich neu entwickelnden europäischen Lebens zuerst in sich empfinden mußte, so nahm auch die Auflösung der alten Verhältnisse mit ihm ihren Anfang. Da das Monopol, das die Hanse im Hofe zu Nowgorod ausgeübt hatte, natürlich von den fremden Holländern und Engländern nicht beachtet wurde, und diese, statt der den Hansen bei Verlust von Ehre, Gut und hansischem Recht gebotenen Fahrt durch Livland, den verbotenen Weg

 

 

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Erstes Cap. Untergang des livländischen Qrdensstaates.

 

über Wiburg und Stockholm einschlugen, und die Deutschen selbst anfingen, ihre hansischen Statute zu umgehen, so machten die Livländer bald keinen Unterschied mehr zwischen Hansen und Fremden, sondern gingen einzig und allein ihrem Vortheil nach. Die hansischen Beschlüsse gemeinsamer Gesandtschaften an den russischen Großfürsten, welche die Wiederherstellung der Niederlage zu Nowgorod bezweckten, ließen sie sich nicht sehr angelegen sein *); dagegen brachten im Jahre 1509 Meister, Bischöfe und Städte von Livland mit Wasilii Iwanowitsch einen einseitigen Vertrag zu Stande, zu Folge dessen sicheres Geleit im Verkehr für die Unterthanen beider Theile ausbedungen wurde, die Russen aber, namentlich die Nowgoroder und die Pleskower, bei der Ausfuhr aus Livland nur einer kleinen Abgabe unterworfen werden sollten. Aehnliche Verträge schlossen die Livländer auch in den Jahren 1517 und 1521, ohne Einwilligung der übrigen Städte, mit Nowgorod und Pleskow ab, und im Jahre 1540 fingen sie sogar an den Grundsatz, daß Gast mit Gast in Livland nicht handeln dürfe, ganz gegen alles Herkommen auch auf die Hanseaten auszudehnen, „indem diese fernerhin nicht mehr unmittelbar bei ihnen mit den Russen verkehren, sondern gleich allen anderen Fremden von den Kaufleuten der livländischen Städte abhängig sein und ihrer Zwischenhand sich bedienen sollten, wodurch die letzteren dann Herren des Preises und des ganzen Verkehrs wurden.“ **) Als aber im Jahre 1549 von den Hanseaten aufs Neue eine Gesandtschaft wegen Errichtung des Comptoirs zu Nowgorod beschlossen ward, deren Kosten durch einen Pfundzoll in Livland zusammengebracht werden sollten, setzten sich vornehmlich Riga und Dorpat entschieden dagegen, indem sie erklärten, „im russischen Staate sei keine Ordnung, die Großen beraubten die Fremden, und die russischen Kaufleute kauften jetzt selbst von den Bauern das Pelzwerk; man werde nicht mehr vermögen, daß

 

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*) S. die Recesse von den Jahren 1506, 1507, 1511, 1525 und 1538 bei Sartorius Gesch. des hanseatischen Bundes, Thl. III. S. 192, 197 und 198. Auch der Brief, den die wendischen Städte im Jahre 1539 an die livländischen Städte und an den Zaar von Rußland schrieben, blieb ohne Erfolg. In demselben baten sie im Namen der 73 Hansestädte um Wiederherstellung der Niederlage zu Nowgorod, „da diese dem russischen Reiche so ersprießlich gewesen, und auch den russischen Namen in fremden Landen bekannt gemacht habe.“ Sartorius, Thl. III. S. 198.

**) Ebendas. S. 199.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

die Russen die Waaren auf die wieder zu errichtende Niederlage zu Nowgorod brächten. — Nicht aus Eigennutz widersetze es sich, gab Riga vor: es habe wenig Handel nach Nowgorod, mehr nach Pleskow und Smolensk.“ Und eben so widerstrebend äußerte sich diese Stadt in den Jahren 1553 und 1554 im Namen aller livländischen Städte, „sie, die Livländer, könnten keinen Pfundzoll bei sich zugeben, da so viel fremde Nationen, die bei ihnen des Handels wegen erschienen, dadurch aufgebracht werden würden. Sie widerriethen eine Gesandtschaft nach Rußland, da dort kein Recht gelte. Sie sprächen gegen die Errichtung des Comptoirs, da die von Smolensk und Pleskow ohnehin ungehindert mit ihren Gütern nach Livland kämen, und da, wenn jene Niederlage auch wirklich wieder errichtet würde, man dennoch die Russen nicht werde vermögen können, dahin vorzugs- oder ausschließungsweise ihre Güter zu bringen, indem sie über Polen mit den Oberdeutschen, namentlich den Augsburgern und Nürnbergern, einen Handel angeknüpft hätten.“ Und weit entfernt, den Hanseaten, auf ihr wiederholt ausgesprochenes Verlangen, in Livland selbst eine Erleichterung im russischen Verkehr zu verstatten, zwangen sie dieselben vielmehr, „wenn sie mit ihren Gütern bei ihnen anlangten, diese zu bestimmten, ihnen vorgeschriebenen Preisen zu verkaufen. Hamburg klagte, daß man den Ihrigen den freien Salzhandel störe, daß sie einen Verlust von 100,000 Gulden auf diese Weise erlitten hätten. Alle Vorstellungen aber, welche die Hanse bei den Städten und dem Meister von Livland gegen dies unerhörte, unbrüderliche Verfahren machten, blieben fruchtlos.“ *) Denn wirklich waren die livländischen Städte bei diesem Versuche, sich von den für die Fortentwicklung der neueren Zeit nicht mehr passenden und in einen mittelalterlichen Kastenzwang ausartenden mercantilen Verhältnissen und Interessen zu emancipiren, nicht schlecht gefahren; vielmehr waren sie auf dem besten Wege ihr Ziel zu erreichen. „Der Handel,“ so meldet ein gleichzeitiger Berichterstatter, „schlug sich also, nach der Zerstörung des Comptoirs von Nowgorod, wieder nach Riga, Reval und Dörpt, wodurch die Städte bis zum Jahre 1550 sehr angewachsen.“ **)

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*) Derselbe S. 202, 204 und 205.
**) Nyenstädt‘s Livländische Chronik in den Monumentis Livoniae Antiquae, Band II. S. 40. Arndt, Livl. Chronik. Thl. II. S. 158.

 

 

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Erstes Cap. Untergang des livländischen Ordensstaates.

 

Allein viel schwieriger sah es mit der Reorganisation der inneren Verhältnisse in diesen Provinzen aus. Schon von dem Ursprunge ihrer Colonisation an schrieben sich hier die inneren Zerwürfnisse zwischen der Geistlichkeit und dem Ritterorden her. Das Verhältniß beider Stände zu einander war von Hause aus ein verfehltes, während es in Preußen in umgekehrter Weise sich herausstellte, indem hier durch die Machtsprüche der Päpste selbst der Stand, auf dem die Erhaltung des Staates vorzugsweise beruhte auch dem anderen, dem geistlichen übergeordnet wurde. Neuen Zündstoff hatte zu dem schon glimmenden Brande das Licht der neuen Lehre hinzugetragen. Zu groß war die innere Gährung, als daß diese nur durch ihren Handel blühenden Küstenländer dem drohenden Andrang einer großen Landmacht hätten widerstehen können.

 

Schon im Jahre 1480 hatte Iwan III. Wassiljewitsch einen Einfall in Livland gemacht, Fellin und Tarwast erobert, viele Bewohner in die Gefangenschaft geführt und die ganze Gegend weit und breit verwüstet. Im Jahre 1499 erneuerten die Russen ihre Raubzüge um Narwa, Dorpat und Oesel herum *). Doch damals stand Livlands ruhmgekrönter Meister, der ritterliche Walther von Plettenberg, dem geängstigten Lande als rettender Beschützer zur Seite (1494 - 1535) und zeigte mit seinen „eisernen Männern“ was Einsicht, Kraft und Muth über die ungeordnete Masse vermag.

 

In Folge seines glänzenden Sieges bei Pleskow **) (13. September 1502) wurde dem livländischen Ordensstaate ein funfzigjähriger Friede zu Theil. Während dieser Ruhezeit fuhr Wassilii IV. Iwanowitsch, in derselben strengen Weise seines Vaters fort, den neuen Staat durch Sicherstellung vor äußeren und inneren Feinden und durch Aufnahme europäischer Bildungselemente zu befestigen. „Pskow wurde auch des Schattens von Freiheit beraubt, welchen ihm wegen bereitwilliger Unterwerfung sein Vater noch gelassen hatte“ ***) (1509). Durch die Eroberung von Smolensk (1514)

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*) Arndt S. 159 und 175.

**) In dieser Schlacht standen 7000 Mann Reiterei, 1500 deutsche Knechte, 5000 kurische und lettische und einige hundert ehstnische Bauern 90,000 Mann Russen gegenüber, von denen 40,000 geblieben sein sollen. Gadebusch, livländische Jahrbücher Thl. I. Absch. II. S. 263.

***) Ewers, Geschichte der Russen, S. 203.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

stärkte der Großfürst sich gegen Polen, und mit der Unterwerfung des Fürsten von Severien verschwand das letzte Theilfürstenthum in Rußland (1523). Des mit Livland abgeschlossenen Handelsvertrages ist bereits Erwähnung geschehen; auch mit anderen Fürsten des Auslandes wurden Verbindungen angeknüpft und die Dänen im Handel den deutschen Hansestädten gleich gestellt *).

 

Wenn nun dieser schon damals riesenhafte Staat, in dem nur ein Wille existirte, seine ganze Kraft nach außen wandte und unverrückt sein Ziel verfolgte, mußte er nicht durch das bloße Schrecken der Macht siegen, noch ehe seine Heerschaaren sich in Bewegung setzten, den Feind zu erdrücken?

 

Iwan IV. Wassiljewitsch, der Grausame, brach schon als vierzehnjähriger Jüngling mit energischer Strenge den aristokratischen Uebermuth seiner Großen (1544). Als er hierauf, mit Hülfe des von ihm errichteten stehenden Heeres der Strelitzen Kasan erobert (1552) und Astrachan in Besitz genommen hatte (1554), rückte er, um seinem lang verhaltenen Groll Luft zu machen, drohend gegen die Küsten der Ostsee heran.

 

Mit Recht argwöhnend, daß der russische Zaar die Bemühungen, sein Reich emporzubringen, einseitig zunächst nur den Zweigen der Cultur zuwenden werde, die sich unmittelbar zur Vermehrung der ihnen gefährlichen Macht benutzen ließen, hatten die Livländer durch Hermann von Brugeney, Plettenbergs Nachfolger, bei dem Kaiser Karl V. die Erlaubniß ausgewirkt, daß den Gelehrten, Künstlern und Handwerkern, welche sich Iwan IV., 300 an der Zahl, aus Deutschland verschrieben hatte, die denselben schon ausgefertigten Pässe in Lübeck wieder abgenommen würden (1547). Hiezu kam das Verbot des deutschen Kaisers, Metalle, Panzer oder andere Kriegsbedürfnisse nach Rußland einzuführen (1553). Als daher die Livländer den Bedingungen des im Jahre 1554 durch ihre Gesandten auf 15 Jahre erneuerten Waffenstillstandes nicht nachkamen, indem der Bischof von Dorpat sich weigerte, den nach drei Jahren zu zahlenden Glaubenszins mit den rückständigen Schulden abzutragen, wurde durch Iwan IV., der mit gewaltiger Heeresmacht raschen Schritts Narwa (12. Mai 1558), Neuhausen, Wesenberg, Oberpahlen, Ringen und Dorpat (19. Juli) eroberte *), die sofortige Auflösung des gealterten Ordensstaats herbeigeführt.

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*) Ewers im a. W. S. 204

 

 

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Erstes Cap. Untergang des livländischen Ordensstaates.

 

 

Nicht im Stande, sich selbst zu erhalten, denn so eingewurzelt war der tödtliche Haß zwischen dem Erzbischof von Riga und dem Ordensmeister von Livland, daß auch die drohendste Gefahr den Ausbruch des bürgerlichen Krieges nicht verhindert hatte (1556), blieb den livländischen Ständen nichts anderes übrig, als sich den fremden Nachbaren freiwillig in die Arme zu werfen, von denen sie mehr Schutz und Gerechtigkeit glaubten erwarten zu dürfen, als vom russischen Zaar, welcher Dorpat bei seiner Unterweisung zwar all‘ seine Privilegien und Rechte vollkommen anerkannte, nichts destoweniger aber wenige Jahre darnach die angesehensten Bürger dieser Stadt wegen Verdachts der Untreue nach Sibirien, Kasan und Astrachan abführen ließ **) (1564).

 

Schon im August 1559 schloß Gotthard Kettler, der letzte Herrmeister, mit dem König Sigismund August von Polen zu Wilna einen vorläufigen Vertrag ab, vermöge dessen er sich selbst mit seinem Orden und seinen Ordensländern in des Königs Schutz begab; im folgenden Jahre verkaufte der Bischof Münchhausen von Oesel und Pilten seine Bisthümer an den Herzog Magnus von Holstein, den Bruder des Königs Friedrich II. von Dänemark, wodurch die Insel Oesel bis zu ihrer im Frieden zu Bremsebrö (1645) erfolgten Abtretung an Schweden mit der Krone Dänemark verbunden ward, und am 4. und 6. Juni desselben Jahres, leisteten, unter Zusicherung ihrer Rechte und Verfassung, die Ritterschaft des Herzogthums Ehstland und die Bürgerschaft der Stadt Neval Gustav Wasa‘s Sohn, Erich XIV., König von Schweden, die Huldigung. — Hierauf kamen auch die durch Kettler, den Erzbischof von Riga, Wilhelm Markgraf zu Brandenburg, und die Abgeordneten der Städte und Stände Livlands auf dem Reichstag zu Wilna mit dem König von Polen erneuerten Unterhandlungen am 19. October 1561 zum Abschluß. Der Ordensmeister Gotthard erhielt als erblicher Herzog von Kurland und Semgallen das am diesseitigen Ufer der Düna gelegene Ordensland, Sigismund August aber die noch übrigen Länder des Ordens am rechten Ufer der Düna. —

 

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*) Arndt, Livl. Chronik, Thl. II. S. 282. Gadebusch, Livl. Jahrb., I. S. 430
**) Kelch, livländische Historia, S. 235.

 

 

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62

 

Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

So also war das alte Livland, worunter man während der Ordensherrschaft die drei heutigen Tages unter dem Namen der deutschen Ostseeprovinzen des russischen Reichs zusammengefaßten Provinzen zu verstehen pflegte, in fünf verschiedene Herrschaften zerfallen, von denen die drei wichtigsten, Polen, Schweden und Russen, ihre Ansprüche auf alleinigen Besitz gegenseitig geltend zu machen suchten. — Am meisten hatte während des Wechsels der nun folgenden Kämpfe, das eigentliche Livland zu leiden. Diese Provinz, in der Mitte zwischen Kurland und Ehstland gelegen und durch ihren Handel bedeutender als ihre beiden Schwestern, machte von jeher den Mittelpunkt der diesen drei Provinzen gemeinsamen Landesgeschichte aus. Darum werden wir auch fernerhin nur an diese Provinz in der weiteren Entwicklung unserer Aufgabe uns vorzugsweise halten können.

 

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Zweiter Kapitel.

 

Polnische Herrschaft.

 

Am 28. November des Jahres 1561 unterschrieb und beschwor Sigismund August II., König von Polen, das nach ihm seinen Namen tragende Privilegium Sigismundi Augusti. Da dasselbe von der Zeit seiner Ertheilung an, bis auf den heutigen Tag, von Herrschern und Beherrschten als der Grund- und Eckstein der livländischen Landesverfassung angesehen worden ist, halten wir es nicht für überflüssig, den Leser auf die Hauptpuncte desselben ausdrücklich aufmerksam zu machen:

 

I. Die Ritterschaft bittet: daß unangetastet und unverletzlich gelassen werde die Religion, welche sie nach den evangelischen und apostolischen Schriften der reinen Kirche, nach den Beschlüssen der nicänischen Kirchenversammlung und nach der augsburgischen Confession bisher bewahrt habe, und daß sie niemals durch irgend ein Gebot, Censurspruch oder Hinzusetzung einer geistlichen oder weltlichen Gerichtsbarkeit, darin bedrückt oder beunruhigt werde; widrigenfalls sie sich vorbehalte, nach der Regel der heiligen Schrift, welche will, daß man Gott mehr gehorchen soll, als den Menschen,

 

 

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Zweites Cap. Politische Herrschaft.

 

ihre Religion und die gewohnten Kirchengebräuche aufrecht zu erhalten, und aus keinem Grunde davon im Geringsten abzuweichen.

 

IV. Da nichts das gemeine Wesen so sehr erschüttern kann, als Veränderung der Gesetze, Gewohnheiten und Gebräuche, so haben Ew. K. M. schon im Voraus durch den Fürsten Nic. Radzivil die schriftliche Versicherung ertheilt, daß die Provinz und alle Stände bei deutscher Obrigkeit und eigenem deutschen Rechte (jura Germanorum propria et consueta) erhalten werden solle. Ueberdies aber wird gebeten, daß, zur Abfassung eines eigenen Provinzialrechts aus den Gewohnheiten, Privilegien und gefällten Urtheilen, im Rechte Wohlbewanderte durch den König erwählt werden, welche den von ihnen abgefaßten Entwurf nach Beistimmung der gemeinsamen Stände Livlands dem Könige zur Anerkennung, Bestätigung und Bekanntmachung unterlegen.

 

V. Nur Eingeborenen und Wohlbesitzlichen sind Würden, Aemter und Hauptmannschaften zu übertragen.

 

VI. Wiewohl das Mittel der Appellation an den königlichen Thron ein Hoheitsrecht ist, so wäre es wünschenswerth und wird gebeten, daß um der Bequemlichkeit willen ein höchster Gerichtshof für ganz Livland in Riga durch von der Ritterschaft aus Eingeborenen zu erwählende, vom Könige aber zu bestätigende Richter gebildet werde, von dem nur in sehr wichtigen Sachen an den König unmittelbar, bei Strafe der frivole appellantes, gegangen werden dürfe.

 

VIII. Die Eingesessenen erhalten das Recht, Gesammthandsverträge (Erbverbrüderungen) zu errichten, wie überhaupt ungehinderter Disposition über ihre Besitzungen.

 

X. Der eingesessene Adel erhält das Erbfolgerecht in gerader und Seitenlinie, auf männliche und weibliche Anverwandte.

 

XI. Der König übernimmt die Livländer bei dem römischen Kaiser und dem deutschen Reiche zu vertreten, ne censura Imperii publica aliave infami nota vexemur etc.

 

XVIII. Kein Fürst, keine Behörde darf ohne richterliche Entscheidung nach vorgängigem ordentlichen Proceß adelige oder andere Einwohner ihres Vermögens u. s. w. berauben , sondern jeder

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

soll sein Recht vor dem ordentlichen Gerichte oder Landtage betreiben *).

 

Durch diese Zusicherungen und durch die übrigen Bestimmungen des ertheilten Privilegiums vor aller Willkür geschützt, so wie durch Anschluß an ein großes und mächtiges Reich, das bald, durch Stephan Bathoris sieggekrönten Feldzug, wieder in den Besitz des ganzen Stromgebiets der Düna kam, auch in seinen mercantilen Interessen sicher gestellt, hätte Livland einer neuen Blüthe der Cultur und des Wohlstandes entgegenreifen müssen; allein wie ließe sich wohl erwarten, daß Fremde Aufrechthaltung ihres angeborenen Rechts bei einer Nation finden würden, welche weder aus Pietät für einen angeerbten Herrscher zu willenlosem Gehorsam geneigt, noch durch die Ehrfurcht vor dem Gesetz in sich selbst einen Halt findend, die Eitelkeit einer sich selbst genügenden, beschränkten Nationalität und Individualität bis zu dem Grade steigerte, daß sich sogar die Willkür des Einzelnen, sich über den Willen des Ganzen zu setzen, gesetzlich für befugt hielt?

 

Im richtigen Vorgefühl der unabwendbaren Beeinträchtigungen wußte Riga zwar fast zwanzig Jahre lang, bis zu der am 14. Januar 1581 erfolgten Unterwerfung als freie Stadt die polnische Oberherrschaft von sich abzuwehren, doch länger vermochte es, alleinstehend, nicht dem allgemeinen Loos zu entgehen, das die Provinz, freilich nicht ohne selbst die erste Veranlassung und Gelegenheit dazu gegeben zu haben, schon seit längerer Zeit erduldete. Denn mit der Verwaltung des Herzogs von Kurland, Gotthard Kettlers, unzufrieden, hatte der Adel im Jahre 1567 den König um einen polnischen Gouverneur gebeten, der ihm alsbald in der Person des Großmarschalls von Litthauen, Johann von Chodkiewicz gegeben wurde. Und nun blieben auch die Folgen von diesem Schritte nicht lange aus. Mit dem polnischen Gouverneur zogen auch polnische Verwaltung und Regierungsweise in Livland ein, und während Polen, Schweden und Russen sich mit ausgesuchter Grausamkeit bekriegten, hatte das unglückliche, doppelt und dreifach gepeinigte Land alle Marter einer herrschsüchtigen, argwöhnischen, sich ihrer Herrschaft nicht sicher fühlenden

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*) S. „Die livländischen Landesprivilegien und deren Confirmationen,“ S. 28 - 32, und Arndt‘s livländische Chronik, Thl. II. S. 279 – 289.

 

 

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Zweites Cap. Polnische Herrschaft

 

Regierung zu erdulden, und wiewohl zu Folge des im Jahre 1580 zwischen Stephan Bathori mit seinem Schwager, dem Könige Johann III. von Schweden, geschlossenen Bündnisses der weit um sich greifende Zaar von Nußland, bald wieder zurückgedrängt, auch Wesenberg, Habsal, Narwa und Iwangorod an Schweden verlor und Dorpat den Polen räumen mußte, so traten doch diese nun erst mit ihren Anmaßungen um so frecher hervor.

 

Auch in Livland zeigte sich die durch die Jesuiten herbeigeführte Reaction des restaurirten Katholicismus wirksam. Der tapfere und gelehrte König Stephan war in dieser Beziehung mit dem Schein eines eifrigen Proselyten ganz den Wünschen seiner Polen zu Willen. In dem am 10. Januar 1582 zwischen Stephan und Iwan IV. zu Sapolski abgeschlossenen Frieden, durch welchen Rußland auf alle seine livländischen Besitzungen zu Gunsten Polens verzichtete, wurde auf Betreiben des berechnenden Jesuiten Possevin auf die kriegsgefangenen Livländer als Ketzer, und um den Adligen unter ihnen nicht ihre Güter wieder einräumen zu müssen, keine Rücksicht genommen. Viele von ihnen starben im Elende, hunderte siedelten sich später, da ihnen dies zur Bedingung der Freiheit gemacht wurde, im Innern von Rußland an.

 

Kaum hatte hierauf der König Stephan (12. März 1582), gefolgt von dem Großkanzler Zamoisky, vielen Senatoren und anderen polnischen und lithauischen Großen seinen Einzug in Riga gehalten, als er ohne Scheu mit seinen entnationalisirenden Plänen hervortrat. Die Jacobikirche mußte den Polen eingeräumt werden , das Marien-Magdalenenkloster wurde in ein Jesuitencollegium verwandelt, Jesuiten mußte man auch in Kokenhufen und Dorpat aufnehmen, und in Wenden ließ der König sogar sein neues , katholisches Bisthum einrichten und ausstatten *).

 

Behufs einer consequenten Durchführung seiner Maßregeln wurde alsbald durch die livländischen Satzungen, vom 4. December 1582 (constitutiones Livoniae) das Land nach polnischer Weise in Woiwodschaften und Starosteien eingetheilt und die Handhabung der Justiz im gemeinen Leben den Castellanen zu Wenden, Pernau und Dorpat übertragen, wogegen die Rechte

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*) Vgl. auch „die livländischen Landesprivilegien und deren Confirmation“ ; S. 41

 

 

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

des Adels auf den Landtagen und in den Landgerichten eine genauere Erörterung und engere Begrenzung erlitten. — Im März des folgenden Jahres endlich (1583) eröffnete im Namen des Königs der Gouverneur Radziwil, Cardinal und zeitheriger Bischof von Wilna, dem auf dem Landtage zu Riga versammelten Adel und sämmtlichen Ständen: daß seine königliche Majestät die Belehnungen, Verschenkungen und Verpfändungen der Schloßhöfe und Dörfer in Livland, die von dem Administrator Joh. Chodkiewicz ausgegangen seien, nicht gedächten für gültig und genehm zu halten, doch sollten alle älteren Belehnungen der Erzbischöfe zu Riga und der Herrmeister bestätigt werden, bis auf die, welche der letzte Erzbischof, Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg, und der letzte Herrmeister, Gotthard Kettler, ertheilt hatten. Als hierauf im Januar 1584 die livländischen Deputirten sich nach Wilna begaben, um auf dem Reichstag daselbst über diese ihnen drohenden und die schon erlittenen, verletzenden Beeinträchtigungen ihrer Landesrechte, ihres Eigenthums, ihrer Personen und ihres Glaubens Beschwerde zu führen , mußten sie, statt Recht zu finden, noch den Hohn erdulden, daß der Sohn des Großschatzmeisters von Lithauen, ein zehnjähriger Knabe, in einer zierlich gesetzten Willkommensrede den König also anredete: „Se. Majestät möge doch jetzt nach rühmlichst erlangtem Frieden mit den Russen, nicht länger säumen, Dasjenige ins Werk zu setzen, wovon ihn der russische Krieg bisher zurückgehalten habe, und die ketzerischen Transmarinos, so sich in Livland gesammelt hätten, gänzlich auszurotten und wieder übers Meer treiben, um die Lithauer und Polen in den Besitz dieses schönen Landes zu setzen.“ In dem Sinn dieser Rede wurde die auf dem oben erwähnten livländischen Landtage gleichfalls schon von dem Cardinal Radziwil angekündigte allgemeine Revision der Landgüter in Ausführung gebracht. — Vorzüglich hatte der König Stephan es darauf abgesehen, die Güter der im dörptschen Kreise während der russischen Zwischenherrschaft aus ihren Besitzthümern vertriebenen Edelleute zur königlichen Domänenverwaltung zu schlagen; aber auch viele polnische und lithauische Große erhielten aus Gnade und Gunstbezeigung bedeutende Schenkungen.

 

Während so das Land das Aergste erfahren mußte, ging es

 

 

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Zweites Cap. Polnische Herrschaft.

 

in den Städten nicht besser her. Im höchsten Grade zog die Bürgerschaft von Riga den Zorn des Königs auf sich, als sie durch die polnisch-katholischen Umtriebe zu tumultuarischen Excessen verleitet, am 27. Juni und am 1. Juli 1586 den Secretair Tastius und den Stadtsyndiens Welling hatte enthaupten lassen, weil diese sich von dem Verdachte, Urheber und Anstifter von der Uebergabe der Jacobikirche gewesen zu sein, nicht hatten reinigen können. Stephan erklärte den dieser Umtriebe wegen nach Grodno beschiedenen Deputirten der Stadt rund heraus (26. November), daß all‘ ihre Transacten und Privilegien null und nichtig und ihnen hinfüro alle Hoffnung, zu Gnade zu kommen, benommen sein solle, als er, in Folge eines epileptischen Anfalls, eines raschen Todes starb, am 2. December 1586 *).

 

Als hierauf am 20. Juni 1587 sämmtliche Stände auf dem Reichstage zu Warschau zur Wahl eines neuen Königs zusammen traten, ergriffen die livländischen Städte und die Abgeordneten des Adels auch diese Gelegenheit, über die heillosen Eingriffes in ihre Landesrechte Klage zu erheben. Besonders die letzteren führten die energischste Sprache, indem sie erklärten, vor Gericht sei ihnen die Zunge gebunden, im eigenen Vaterlande zwänge man sie als Vertriebene umherzuirren, die deutsche Nation und Sprache in Livland suche man zu unterdrücken und auszurotten, doch werde nichts sie schrecken, ihre Noth und ihre Qual ungescheut und offen vorzutragen, zumal die Redefreiheit nicht das geringste Stück der politischen Freiheit sei **). - Doch erfolglos verhalten ihre Worte. - In Riga schritten hierauf Giese und Brinken tollkühn zur That, und trieben Jesuiten zum Thore hinaus, während in Warschau Sigismund, der katholisch erzogene Sohn Johanns III. von Schweden, durch die Bemühungen seiner Mutterschwester, der verwittweten Königin Anna von Polen, und des Großkanzlers Zamoiski, über seinen Mitbewerber, Maximilian von Oestreich, den Sieg davontrug. — Was Schweden von diesem Sigismund fürchtete, hatte Livland in der That unter seiner Regierung in vollem Maße zu erdulden. Nicht nur in Riga wurden die Jesuiten wieder eingesetzt (1591), auch auf dem Lande vertrieb man lutherische Prediger, um ihre Kirchen

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*) Kelch, livländesche Historia, S. 421.
**) Kelch, livländische Historia, S. 426.

 

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

katholischen Pfaffen einzuräumen, die, hiermit nicht begnügt, auf den Bau neuer Kapellen drangen. In Bezug auf den Güterbesitz aber war schon im März 1589 auf dem Reichstage zu Warschau beschlossen worden, daß sowohl eingeborene Livländer, wie auch Andere, die ihnen geschenkten Domänengüter auf Lebenszeit behalten, die übrigen vom Adel jedoch nur im Besitz der Güter, mit welchen sie bis auf die Zeit des Erzbischofs Wilhelm belehnt worden, bestätigt werden sollten. —

 

Das Verkehrte hielten die Polen und ihr König für das Rechte, und in ihrer Verkehrtheit schienen sie nicht begreifen zu wollen, dass eine Regierung, deren Witz nur im Zerstören des nationalen Lebens besteht, dessen Organ sie sein soll, sich selbst aufhebt. — Nach dem Tode Johanns III. (17. November 1592) vereinigte Sigismund die Reiche Schweden und Polen, deren Grenzen durch die zu beiden gehörigen Provinzen Ehst- und Livland sich berührten. Doch des angeerbten Reiches Schweden ging der gewählte Polenkönig, den seine religiösen Grundsätze das wahre Bedürfnis seiner Nation verkennen ließen, durch die entscheidende Schlacht von Stangbrö (1598) verlustig, und nun mußte sich der Krieg unmittelbar auf die Nebenländer hinübenspielen. Nachdem Karl von Südermanland, der im Jahre 1594 von den schwedischen Ständen zum Reichsvorsteher ernannte Oheim des Königs Sigismund, auch die in Finnland dem letzteren noch ergebene Partei auf seine Seite gebracht hatte, nahm er sofort Narwa in Besitz (1599), und im folgenden Jahre erklärte, wiederholt dazu aufgefordert, ganz Ehstland nebst der Stadt Reval, sich von dem Reiche Schweden nicht trennen zu wollen, wogegen dem ehstländischen Adel am 13. September die (später von Gustav Adolf aufs Neue den 17. September 1613 und den 24. November 1613 bekräftigte) völlige Bestätigung aller adeligen Freiheiten, Privilegien, Gerichte, Gerechtigkeiten, Recesse und löblichen Landesgewohnheiten von dem Herzog Karl ertheilt ward *). Doch nicht einmal jetzt, zur Zeit der drohendsten Gefahr mochten die Polen sich mäßigen in ihrer Habsucht. Durch die im Jahre 1599 vom König Sigismund niedergesetzte Revisionscommission wurde eine nicht geringe Anzahl livländischer Edelleute, welchen

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*) Friebe, Handbuch der Geschichte Liv-, Ehst- und Kurlands, Bd. IV. S. 122.

 

 

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Zweites Cap. Polnische Herrschaft

 

man bisher noch ihr Eigenthum gelassen, ihrer Güter beraubt; zu Grunde gerichtet wie sie waren, suchten und fanden sie Schutz bei Boris Godunow, dem Zaar von Rußland *). Wie weit aber die Barbarei gegangen sein muß, läßt sich daraus abnehmen, daß im dörptschen Kreise, dem, wie schon bemerkt, am ärgsten mitgespielt war, „kaum fünf oder sechs eingeborene Livländer, laut den noch vorhandenen Protokollen, Güter besaßen, welche sie durch Dokumente, die ihr Kauf- oder Erbrecht bewiesen, den gierigen Händen der Polen entrissen hatten. Alles übrige waren königliche Domänen oder verschenkte Güter“ **).

 

Unter solchen Umständen konnte es dem Herzog Karl nicht schwer fallen, auch in Livland sich Anhang zu verschaffen. Seine Armee wuchs, kurze Zeit nachdem er mit ihr die Grenzen dieses Landes betreten hatte, aufs Doppelte an, die Stadt Pernau und die Schlösser Salis, Oberpahlen, Lais und Fellin mußten sich ergeben, und einem dreimaligen Sturm konnte auch Dünaburg nicht widerstehen. Bald darauf fielen Wenden, Wolmar, Lemsal, Uerkull und Dorpat (1. Januar 1601) in die Hände der siegreichen Schweden. Doch trotz dieser anfänglich so günstigen Erfolge, war es dem Herzog Karl, der im März 1604 endlich die mehrmals ausgeschlagene Krone von den Ständen annahm, nicht vorbehalten, das begonnene Werk zu Ende zu führen. Die Polen zogen neue Verstärkungen an sich, nahmen in den Jahren 1602 und 1603 unter ihren Feldherren Zamoiski und Chodkiewicz fast ganz Livland wieder in Besitz und hätten nach der bedeutenden Niederlage, welche Karl IX. bei Kirchholm erlitt (27. September 1605), die Schweden mit leichter Mühe selbst aus Ehstland verdrängen können, wenn nicht alle ihre Kräfte, durch die in Rußland nachdem Absterben des rurikschen Mannsstammes ausbrechenden dimitrischen Verwirrungen, wären in Anspruch genommen worden. Nachdem aber auch die Russen sich der Polen erledigt und den inneren Frieden durch Erhebung Michael Feodorowitsch Romanows (1613) wieder hergestellt hatten, war auf dem schwedischen Thron Karl IX. Gustav Adolf gefolgt, der zur Entscheidung der größten Weltgeschicke berufen, in dem wieder aufgenommenen Kriege mit Rußland und Polen der Welt zeigte,

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*) Kelch, livländische Historia, S. 470.
**) Friebe im a. W., Bd. III. S. 305.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

was die Zukunft von ihm zu erwarten habe. Durch sein entschlossenes Vordringen und die Belagerung von Pleskow erzwang sich der junge König den vortheilhaften Frieden von Stolbova (18. Februar 1617), zu Folge dessen Kerholm und Ingermanland an Schweden kamen, Ehstland also mit Finnland in unmittelbare Verbindung gesetzt; die Russen aber von den Küsten der Ostsee gänzlich ausgeschlossen wurden. Von dieser Seite sicher gestellt, benutzte Gustaf Adolf die gewonnene Kraft, sich gegen seinen persönlichen Erbfeind, Sigismund von Polen, zu rüsten, und da dieser einen billigen Frieden hartnäckig verweigerte, ließ er im Jahre 1621 eine Armee von 20,000 Mann bei Dünamünde landen, mit welcher er nach fünfwöchentlicher Belagerung Riga zur Uebergabe zwang (16. September). So sehr aber auch diese Stadt sowohl jetzt, wie schon früher, die Besitznahme Livlands den Schweden durch ihre tapfere Gegenwehr erschwert hatte; so ließ ihr neuer Beherrscher sie den geleisteten Widerstand doch nicht anders entgelten, als daß er bei der Bestätigung der Privilegien die huldreiche Mahnung hinzufügte, es möge dieselbe mit gleicher Treue, wie sie an Polen gehalten, fortan auch der schwedischen Krone sich ergeben zeigen. — Als hierauf Sigismund, trotz der erlittenen Verluste, sich nicht milder stimmen ließ, sondern sogar Anstalten traf, von Danzig aus nach Schweden überzusetzen (1622), erschien Gustav Adolf im Jahre 1625 aufs Neue in Livland, und jetzt gelang es ihm, in kurzer Zelt, nach der Eroberung Dorpats (18. August) und einiger kleinen Flecken und Schlösser, sich in Besitz fast der ganzen Provinz zu setzen.

 

Um jedoch diese Eroberung als eine gesicherte, der schwedischen Krone bleibende, ansehen zu können, dazu sollten erst die nicht weniger glücklichen Erfolge führen, welche des Königs Kriegsunternehmungen in Preußen begleiteten. Denn nachdem er im Juli des Jahres 1626 mit 26,000 Mann bei Pillau gelandet war und, ehe sich die Polen dessen versahen, Braunsberg, Frauenburg, Elbingen, Marienburg, Derschau, Stumm und Christberg in seine Gewalt gebracht hatte, erlangte er durch den drei Jahre darauf im December 1629 bei Altmark in Westpreußen auf sechs Jahre geschlossenen Waffenstillstand, daß, gegen Rückgabe eines Theiles der genannten Städte Preußens, die Schweden Alles, was sie in Livland besaßen, behalten sollten.

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

Somit würden wir, da den letzteren dieser Besitz für die gänzliche Räumung der preußischen Eroberungen durch den im Jahre 1635 den 12. September erneuerten, sechs und zwanzigjährigen Waffenstillstandes zu Stummsdorf gelassen, durch den Frieden von Oliva im Jahre 1660 aber förmlich anerkannt wurde, das genannte Jahr 1629 als das der factischen Verzichtsleistung der Polen auf Livland zu bezeichnen haben, wenn gleich die recht- und vertragsmäßige Vereinigung des Herzogthums Livland mit Schweden, schon von der am 12. und 13. Juli 1602 durch den Herzog Karl von Südermanland den gesammten Ständen von Livland zugesicherten und confirmirten Landesverfassung zu datiren ist *).

 

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Drittes Capitel.

 

Schwedische Herrschaft.

 

Fragen wir nun nach dem Unterschied zwischen der neuen Herrschaft und der politischen, so stellt sich dieser keineswegs in einem zu Gunsten der ersteren besonders vortheilhaften Lichte heraus. Schwedens großer König zwar, der Livland seinem Reiche einverleibte, that für den Wohlstand dieser Provinz, was er konnte; allein der Glanz seines Ruhmes riß die ihm nachfolgenden Regenten in einer Bahn fort, in der sie weder sich noch ihr Reich zu halten vermochten. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lag allenthalben, so weit die Wirkungen und Gegenwirkungen des Reformationswerkes reichten, die Aristokratie im Kampf auf Leben und Tod mit der obersten Staatsgewalt. Auch Schweden, in seiner inneren Organisation von der gefährlichsten Krisis bedroht, und außer Stande, für die fremden Theile des Reichs uneigennützige Sorge zu tragen, sog den neueroberten Ländern, die erst zu einem Ganzen mit ihm verwachsen sollten, die letzten Kräfte aus, statt ihnen mit gesundem und frischem Blut neue Lebenswärme zuzuführen. — Gustav Adolf freilich hatte das Eine, worauf es vor Allem ankam, wohl in Obacht genommen. Sitte, Recht und Wissenschaft sollten im

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*) Vgl. die livländischen Landesprivilegien etc., S. 55 ff.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

verwilderten Livland das gesunkene, in seinen Grundfesten zerrüttete Leben wieder emporbringen. Noch während seiner dortigen Anwesenheit ließ er es sich angelegen sein, die Instandsetzung der Kirchen in Liv- und Ehstland pflichtgetreuen Behörden und ihren Vorständen, den neuerrichteten Consistorien mit ihren Superintendenten anzuvertrauen. Durch eine verbesserte Gerichtsordnung half er nicht minder einem tief gefühlten Bedürfniß ab. Im Jahre 1630 wurde zu Dorpat ein Hofgericht niedergesetzt, das nebst dem Präsidenten und Vicepräsidenten mit sechs adeligen und eben so viel bürgerlichen Beisitzern besetzt ward. Diesem untergeordnet wurden nach der Zahl der damaligen Kreise vier Landgerichte in Riga, Wenden, Dorpat und Pernau, und drei Schloßgerichte in Riga, Kokenhusen und Dorpat. Nachdem endlich in den Jahren 1630 und 31 durch Errichtung von Gymnasien und Bürgerschulen zu Reval, Riga und Dorpat auch das heranwachsende Geschlecht väterlich bedacht war, unterzeichnete Gustav Adolf, der Glaubensheld in Wort und That, um diesen Bestrebungen den Schlußsteins aufzusetzen, noch wenige Monate vor seinem Tode am 30. Juni 1632 im Feldlager bei Nürnberg, wo er Wallenstein gegenüber stand, den Fundationsbrief der Universität Dorpat, welche in allen Stücken der ersten Universität des Reichs Upsala, gleich gestellt, bald darauf eröffnet wurde.

 

Allein trotz dieser wohlthätigen Maaßregeln, hatte unter eben dieser Regierung ein schon von den Polen verschuldetes Uebel noch tiefer Wurzel fassen können, das nicht anders auszurotten war, als indem man die Axt an den Baum legte, mit dem Sturz der Schwedenherrschaft. — Weder Sitte und Recht noch Wissenschaft können bestehen und gedeihen, wenn sie nicht auf dem ungemischten Boden einer unverletzbaren Nationalität angebaut werden. Gustav Adolf aber hatte ein durchaus fremdes Element in den livländischen Landstaat gebracht, indem er fast alle Domänen schwedischen Grafen und Freiherrn schenkte, und während Christinens Minderjährigkeit nahm dieser Uebelstand noch dadurch zu, daß auch die noch übrigen Domänen ebenfalls (und zwar nach dem norkiobingischen, dem Privilegium Sigismund Augusts durchaus zuwiderlaufenden Reichstagsschluß vom Jahre 1604) verlehnt oder verschenkt wurden, so daß zu ihrer Zeit die Hälfte oder gering gerechnet der dritte Theil von Livland

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

aus schwedischen Grafschaften und Baronieen bestand. — Diese schwedischen Donatarien *) standen, als stimmfähige Mitglieder der schwedischen Reichsversammlung von der jetzt (1637) zu einer engeren Vereinigung zusammentretenden Corporation der livländischen Ritterschaft getrennt, völlig außerhalb der Verfassung des Herzogthums Livland, welches dem Olivaer Frieden gemäß auch fernerhin auf Grundlage seiner Privilegien einen eigenen und abgesonderten „Landstaat“ bilden sollte. Und sogar auch an den gemeinschaftlichen Lasten weigerten diese Donatarien sich Theil zu nehmen; nicht einmal der gewöhnliche auf ihren Gütern lastende Roßdienst und die sogenannte Station, eine Abgabe an Korn und Heu, war von ihnen zu erlangen, die Kosten aber des Festungsbaues in Riga bürdeten sie den Livländern allein auf.

 

Solcher von der schwedischen Aristokratie ausgehenden Unordnung, welche durch die ohnehin schon große, aus den kostspieligen Kriegen entstandenen Finanznoth in Schweden noch immer mehr gesteigert wurde, mußte durch energische Mittel abgeholfen werden. Schon beim Regierungsantritte Karl Gustavs (1655) war daher von den schwedischen Reichsständen beschlossen worden, daß der Adel den vierten Theil der Güter, welche er seit dem Tode Gustav Adolfs an sich gerissen hatte, wieder herausgeben sollte. Nur die grossen Kriegsunternehmungen dieses kühnen Königs ließen es nicht zur Ausführung des gefaßten Beschlusses kommen, der überdies in den deutschen Besitzungen und in Liv- und Ehstland nur nach Maßgabe der besonderen, diesen Ländern ertheilten Privilegien in Anwendung gebracht werden sollte; wenn gleich Karl Gustav trotz dieser Bestimmung auch hierin seinem eigenen Sinn folgen zu wollen schien. — Während er im Begriff stand das polnische Reich umzustürzen, fiel der Zaar Alexei Michailowitsch mit einer Armee von 120,000 Mann in Ehst- und Livland ein, rückte mit 60,000 Mann vor Riga, das sich mit einer Besatzung von 5000 Mann sechs Wochen lang mit dem rühmlichsten Erfolge vertheidigte (vom 21. August bis zum 5. October) und zwang Dorpat zur Uebergabe. Als man aber in dieser Noth Karl Gustav um Hülfe und Beistand bat und zugleich um die Bestätigung der Privilegien nachsuchte,

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*) Friebe im a. W. Bd. IV. S. 178 und 179.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

antwortete er: „Schweden habe jetzt so viele Feinde, daß es nicht an Livland allein denken könne, was die Privilegien beträfe, so wäre es auch Zeit sie nach erfolgtem Frieden zu bestätigen, wenn dem Könige vorher der Eid der Treue wäre geleistet worden“ *).

 

Den höchsten Grad aber erreichten die unerträglichen Bedrückungen der Gouverneure, die unerschwinglichen Auflagen der Regierung, das unerhört rechtswidrige System des Königs unter Karl XI., der über den Staat dachte, nicht wie nach ihm Friedrich der Große, sondern wie mit ihm Ludwig XIV. Doch freilich ist auch dieses System untadelhaft und unangreifbar, wenn die höchste Regierungsweisheit in einem abstracten, schlechthin unbedingten Gehorsam der Unterthanen ihren Schwerpunkt hat. — Nach der Niederlage, die ihm der große Kurfürst bei Fehrbellin beigebracht hatte (1675), unternahm dieser König es, die Macht der Regierung auf Kosten des Wohlstandes seiner Unterthanen zu begründen. Dem schwedischen Adel nahm er mit Bewilligung der übrigen Stände, der Bauern, der Bürger und der Geistlichkeit, welche nichts dabei zu verlieren hatten, die Güter weg, die jener unter den früheren Regierungen, Theils durch Kauf an sich gebracht, Theils geschenkt erhalten hatte. — An diesen schwedischen Reichstagsschluß war der livländische Landstaat nicht gebunden. Auch hatte der König überdies im Jahre 1678 den livländischen Deputirten, welche über die von den schwedischen Donatarien ausgehenden Bedrückungen der kleineren Gutsbesitzer Beschwerde führten, und um Nachlaß der zu den bewilligten Abgaben noch dazu verlangten Hälfte aller Erndteeinkünfte baten, eine Generalconfirmation über alle Erb-Lehn und Pfandgüter so wie über sämmtliche Privilegien, Rechte und Freiheiten, Immunitäten, Gewohnheiten und Ritterrechte ertheilt und ins Besondere zu versichern geruht, daß keine in Schweden von dortigen Ständen bewilligte Reduction, mit der man die Livländer bedrohen möchte, in Livland vorgenommen, daß alle Landesbedienungen blos von Eingeboenen besetzt werden und dass überhaupt nichts Anderes geschehen sollte, als was mit der Ritterschaft in Livland besonders würde abgehandelt werden **). Nichts destoweniger ging der König hier noch weiter als in Schweden. Doch konnte anfänglich, als auch in Livland,

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*) Friebe im a. W., Bd. IV. S. 242.
**) Rechtliches Responium in peinlichen Sachen wider Etiche von der Liefländischen Ritterschaft, und in Sonderheit wider Herrn Capitain Joh. Reinhold Patkul, gedruckt im Jahre 1701, S. 8.

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

aber nur mit den Besitzungen der schwedischen Grafen und Barone die Reduktion vorgenommen wurde, die livländische Ritterschaft hiegegen nichts einzuwenden haben. Indessen erging alsbald ein Decret, daß überhaupt alle Besitzer der Lehngüter, welche nach norkiobingischem Beschluß verschenkt waren, ihre Güter räumen sollten und zwar auch dann, wenn die gegenwärtigen Besitzer diese Güter durch Kauf oder Pfandschaft aus den Händen des ersten Besitzers an sich gebracht hatten, nur daß diesen die zehnjährige Nutzung ihrer Güter bis zu der dann förmlich erfolgenden Abtretung an die schwedische Krone, als Ersatz für den Werth derselben anzusetzen, verstattet sein sollte.

 

Und doch hatten viele livländische Edelleute schon während der Regierung der Königin Christine gegen Erlegung einer bestimmten Summe ihre Güter für allodial erklären lassen *). Die Ritterschaft machte daher zu wiederholten Malen (1681, 1685, 1687) die gemessensten Vorstellungen gegen diese erzwungene Entäußerung ihres Eigenthums, doch wurden diese entweder gar nicht beachtet oder mit den Zeichen und den Worten der höchsten Ungnade zurückgewiesen, und statt der zu erwartenden Ermäßigung ließ Karl XI. vielmehr ohne vorhergegangene Mittheilung an den livländischen Adel im Jahre 1688 einen Befehl ergehen, kraft dessen alle Güter ohne Ausnahme, die zu irgend einer Zeit dem Staat gehört hätten (d. h. alle die überhaupt seit der Lehnsherrschaft des Ritterordens existirten) der Reduction unterworfen werden sollten. Als daher im folgenden Jahre der König von der Ritterschaft verlangte, sie solle Behufs einer Revision der Privilegien ihre Deputirten nach Stockholm senden, wurden zu diesem Ende der Landrath Gustav Budberg und der Capitain Reinhold Patkul ernannt und nebst der Wahrung der Landesrechte ins Besondere gegen die vorgenommene Reduction der Güter aufs Neue nach bestem Vermögen Einsprache zu thun, beauftragt. Zum Empfang mußten diese Deputirten von den Ministern des Königs vernehmen: daß das Privilegium Sigismund Augusts,, das im Frieden von Oliva aufs Neue in Kraft getreten war, ein nichtiges Document sei und nächstens ganz und

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*) Friebe im a. W. Bd. IV. S. 196.

 

 

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gar kassirt werden würde. — Bei dieser Erklärung konnte freilich die Klage der Deputation nicht in Betracht kommen, daß nicht allein die alten Tafelgüter, sondern auch der größte Theil der Privatgüter und also wirklich fünf Sechstheile des Landes zur Domäne geschlagen würden, und daß, wenn die Reduction angedeuteter Maßen annoch in polnische und herrmeisterliche Zeiten zurückgesetzt werden sollte, bald ohne Ausnahme Niemand mehr in seinem Eigenthum verbleiben könnte *). Bei diesem Stand der Sachen ließ die Ritterschaft am 30. Mai 1692 eine auf allgemeinem Landtag beschlossene und von den Landräthen und dem Landmarschall unterschriebene Bittschrift nach Stockholm an den König abgehen, in der es unter Anderem heißt: „die Noth und das Elend ihres armen Vaterlandes sei so groß, daß sie (die Edelleute) sich schämten ihren Zustand zu erzählen; ihr Elend erwachse daraus, daß man sie nicht allein ihres durch Geld, getreue Dienste, Blut und Leben erworbenen Eigenthums beharrlich entsetze, sondern daß man ihnen sogar unter solchen Verhängnissen auch sämmtliche Mobilien wegnehme und nicht einmal so viel von dem Verlorenen lassen wolle, daß sie Leib und Leben erhalten könnten. — Mancher, der Güter wohl mehr denn 20,000 Thaler an Werth besessen und solche durch die Reduction verloren habe, könne sich nicht einmal die Arrende dieser Güter auswirken, wenn er gleich so gut wie ein Anderer das Ausbedungene leisten könne und wolle, — und mit Thränen müßten sie versichern, welchergestalt einer nach dem Andern sich aus seinem Vaterlande, darinnen er und seine Vorfahren seit vielen Jahrhunderten her in Ehren und Wohlstand gesessen, sich wegzubegeben und die benachbarten Grenzen zur Sicherheit und Unterhalt seines Lebens mit Weib und Kindern zu suchen, genöthigt werde. Zudem werde die Arrende so hoch angerechnet, daß wenn einer, nur um unter Dach zu sein, sich sein reducirtes Gut zur Arrende erbäte, auch das noch von Jahr zu Jahr zusetzen müsse, was er an Mobilien besitze, und zu ihrem Gram müßten sie ferner hören, daß ihr Elend manchem unbedachtsamen Menschen ein Liedlein in ihren Zusammenkünften sei, und man sich nicht scheue öffentlich zu sagen, daß in zehn Jahren kein Deutscher mehr in diesem Lande sein werde.

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*) Rechtliches Responsum u. s. w. S. 18.

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

Dergestalt könnten sie nicht mithin zu bekennen, daß der Ritterschaft hinfüro bei so anwachsenden mannichfaltigen Drangsalen, Beides, in dem Zeitlichen und Ewigen, ihr Vaterland fast ein Ekel werden müsse. Sie schlossen endlich diese trübselige Eingabe mit der Versicherung, daß sie alle ins Gesammt, wenn sie diese ihnen bis an die Seele gehenden schweren Lasten und Unglücksfälle betrachteten, nichts Anderes vor Augen hätten, als Auswandern aus dem Vaterlande, wozu ja bereits schon so viele wären gebracht worden. Ja sie könnten Sr. Königl. Maj. allerunterthänigst versichern, daß, wenn ihnen der allerhöchste Gott die Wahl hätte anheim stellen wollen, entweder schwere Kriege von den sonst benachbarten Feinden, oder diese kummervollen Zeiten zu ertragen, sie nach der Erfahrung von Beidem nicht wüßten, ob sie nicht jene für diese zu erwählen würden Ursache gehabt haben.

 

Und was war der Erfolg dieser Vorstellung? — daß die energischsten Vertheidiger vaterländischer Rechte als Hochverräther behandelt wurden, die Ritterschaft aber ihrer althergebrachten, wohlbegründeten Verfassung und aller Rechte eines freien und selbstständigen Standes verlustig ging (1694). Das waren unter Karl XI. von Schweden Livlands Geschicke. Der für die livländischen Zustände damaliger Zeit theilnehmende Leser mag aus den von uns dieser Abhandlung beigefügten Ausschriften des Freiherrn Schoulz von Ascheraden trefflichem, immer noch ungedruckten „Versuch über die Geschichte von Livland und dessen Staatsrecht“ ausführlichere Kunde schöpfen *). Was erfolgte, ist bekannt. Bald nach Karls XI. Tode (1697) kam es zur völkerrechtlichen Entscheidung. Der patriotische Patkul zwar fiel als Opfer seiner ehrenfesten Standhaftigkeit, Karl der Zwölfte aber, der ritterlich für den Ruhm eines großartigen Heldenmuths sein Reich aufs Spiel setzte, mußte Beides, Lohn und Verlust, hinnehmen , wie seine Thaten es verdienten.

 

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Schlußbetrachtung.

 

Russische Herrschaft.

 

Peter der Große erreichte das Ziel, welchem seit mehr denn zwei Jahrhunderten die Beherrscher von Russland nachgestrebt hatten.

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*) S. das Vorwort.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

Wie in der Geschichte des Mittelalters das Reich der Franken das erste ist, welches von Chlodwig an durch seine Tendenz nach außen die Möglichkeit einer europäischen Gesammtstaatsentwicklung vorbereitete, bis Karl der Große durch Zusammenfassung seines Reichs die Einheit der romanisch-germanischen Völkerentwicklung zuerst factisch, im Großen darstellte, so schien es von Iwan III. Wassiliewitsch an, die Aufgabe der Regenten Rußlands zu sein, in dem slawischen Osten die diesem abgehenden mittelalterlichen Culturmomente durch Aufnahme und Bevorzugung westeuropäischer Ansiedler nachträglich hineinzuschaffen und das nicht zur Entwicklung gekommene, durch die Tartarenherrschaft völlig absorbirte Warägerthum durch neue Fermente zu ersetzen.

 

Diese Tendenz der Europäisirung ist, um es wiederholt zu sagen, das Fundament des russischen Absolutismus und seine Stärke, wie andrerseits ein nicht zu übersehender Grund des Verfalls von Polen in der Ausstoßung des Germanismus lag.

 

Peter der Große, mit scharfem Blick die Bedürfnisse seiner Nation erkennend, gab ihr selbst zuerst das Beispiel der Vereinbarkeit slawischer Nationalität mit europäischer Bildung, er selbst ließ es sich, ihr zu dieser Mittel und Wege zu weisen, als sein höchstes Lebensziel angelegen sein. Durch Einverleibung der Küstenländer der Ostsee gab er seinem Reiche nicht nur eine sichere materielle Basis, sondern indem er den unterworfenen Provinzen sämmtliche unter schwedischer Herrschaft verletzte und geschändete Rechte aufs Neue und auf ewiges Zeiten unverbrüchlich zusicherte *), bereitete er auch für die spätere Zukunft die Möglichkeit eines stetig wachsenden Zuflusses geistiger Kräfte vor, welche in einer ungestörten Entwicklung ihres national-deutschen Lebens den Urquell, aus dem sie entsprungen waren, sich rein und ungetrübt erhalten konnten. Es ist hier nicht der Ort ausführlich auseinanderzusetzen, welch‘ ungeheueren Antheil bei der Leitung der russischen Staatsmaschine die Ausländer überhaupt von Peter des Großen Zeit an, und vorzugsweise die Deutschen, und unter diesen die Bewohner der Ostseeprovinzen gehabt haben; auch ist es nicht unsres Amtes der werdenden Geschichte, die der That angehört, mit Worten vorzugreifen: wir Mitlebende alle sind dazu berufen,

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*) S. „Die livländischen Landesprivilegien und deren Confirmationen“, S. 126 – 146.

 

 

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Schlußbetrachtung. Russische Herrschaft.

 

auf die Zeichen der Zeit Acht zu haben. Doch billigend werde anerkannt, was auch von den Nachfolgern Peters des Großen im Geistes ihres großen Vorgängers ausgeführt worden ist, um auf der von der Geschichte vorgezeichneten Bahn der Entwicklung fortzuschreiten. Petersburg am Ausfluß der majestätischen Newa gelegen, durch das dazu gehörige Finnland von der Gefahr befreit, sich wie Nowgorod vom Ausgang seiner überseeischen Verbindungen abgeschnitten zu sehen, unmittelbar ins Meer hinausschauend und den Schiffen aller Nationen zugänglich, ist ein zweites Nowgorod geworden, das für den russischen Coloß dasselbe ist, was Nowgorod für sich war. Und Livland, diese in den ruhen Osten vorgeschobene Mark des Deutschthums, der durch ihre unmittelbare Vereinigung mit Russland freilich zur Zeit nur die Möglichkeit eines freien Handels in Aussicht gestellt ist, kann noch heut zu Tage als großartige Erweiterung des fast verschollenen Hofs der Deutschen zu Nowgorod angesehen werden.

 

Während der nowgorod-wisbyschen Zeit hatte der geistige Einfluß deutscher Nationalität auf die slawische nur ein indirekter sein können, durch die Vereinigung Rußlands aber mit den deutschen Ostseeprovinzen hat sich dieser deutsche Einfluß auch von hier aus seit geraumer Zeit schon geltend gemacht. Und in diesen Beziehung darf die Bedeutung der vom Kaiser Alexander I. neu gestifteten Universität Dorpat, die bisher den Namen einer deutschen nicht unrühmlich behauptet hat, nicht zu gering angeschlagen werden. Auch hat noch die gegenwärtige Regierung den Grundsatz, die Russen durch die Deutschen zu bilden, um ein nahe liegendes Beispiel zu wählen, praktisch dadurch anerkannt, daß auf kaiserlichen Befehl theils zu Professoren bestimmte Russen zu ihrer Vorbildung nach Dorpat geschickt, theils aber auch deutsche Zöglinge der Universität Dorpat zu Professoren an den russischen Universitäten ernannt worden sind. Hierin sehen wir die Möglichkeit der Vereinigung verschiedener Nationalitäten innerhalb eines Staats gegeben. Wenn daher häufig die Ansicht ausgesprochen worden ist, daß in einem Staate nur eine Sprache herrschen solle, oder hinwiederum, daß das Gebiet einer Sprache sich auch zu einem Staate zusammenfassen müsse; so können wir diesen Satz nur bedingungsweise gelten lassen. Es ist nicht zu leugnen, daß das Princip der Staatseinheit, in beschränktem Sinn gefaßt,

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

das einem größeren Staate unterworfene fremde Staatsgebiet häufig in eine aller nationalen Selbstständigkeit, Kraft und Freiheit ermangelnde Zwittergestalt umwandelt; andrerseits aber ist nicht zu verkennen, daß kein Mittel geeigneter sein kann, einen Staat von verderblicher Stagnation abzuhalten oder zurückzubringen und das Princip universellen Lebens zur Entwickelung zu bringen, als die Verbindung verschiedener Sprachgebiete innerhalb eines Staates, so nämlich, daß einem jeden sein göttliches Recht heilig und unverletzt gehalten wird. Ist dies der Fall, wird die eigene Nationalität nicht verletzt, so kann die Berührung mit den fremden nicht anders als wohlthätig wirken. Der Geist allein ist es, der ohne Zwang herrscht. Innerhalb eines Volks müssen die Volksdialecte der Schriftsprache weichen; über unentwickelte Nationen machen sich die gebildeteren Sprachen geltend. Doch nie ist eine auf diese Weise ihren milden Einfluß ausübende Sprache so despotisch aufgetreten, daß sie eine wirklich große nach eigener Bildung ringende Nation, zum Dank für ihr humanes Entgegenkommen ihrer Nationalität beraubt hätte. Wir Deutsche sind trotz des lateinischen Papstthums und der griechischen Schulen weder Lateiner noch Griechen geworden, aber wir haben das Römer- und das Griechenthum in uns aufgenommen. Ebenso wenig würden die Russen von der deutschen Sprache für ihre Nationalität zu fürchten haben. Wenn aber umgekehrt in neuester Zeit mehrfach die Befürchtung laut geworden ist, als beabsichtige die russische Regierung eine planmäßige Entnationalisirung und Russificirung der Deutschen in den Ostseeprovinzen; so kann der Verfasser dieses Entwurfs einer Darstellung der nowgorod-wisbyschen und livländisch-russischen Angelegenheiten nicht umhin die Ueberzeugug auszusprechen, daß dem die wahren Bedürfnisse seiner russischen und seiner deutschen Unterthanen mit gleicher Liebe umfassenden Herrscherauge die Mittel nicht fehlen werden, diese ebenso wichtige als schwierige Aufgabe der Politik der Gegenwart, die Vereinbarung verschiedener Nationalitäten innerhalb Eines Staates, einem glücklichen und der natürlichen Lage der Dinge entsprechenden Ziele entgegen zu führen.

 

 

 

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Des Freiherrn

Fr. Schoulz von Ascheraden
Geschichte der Reduction in Livland

 

unter der Regierung Karls XI.,

Königs von Schweden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle:

 

Dr. Ernst Herrmann. Beiträge zur Geschichte des russischen Reiches. S. I-XXVI.,1-80

I. Ueber die Verbindung Nowgorods mit Wisby und der Deutschen mit den Russen.

Leipzig, 1843. Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung.

 

Bildnachweis: Eingefügte Fotos wurden beim FABL-Besuch des Europäischen Hansemuseums in Lübeck im Oktober 2018 aufgenommen.

 

 

 

 

Johann Gotthelf von Stritter

(geb. 1740 in Idstein, gest. 1801 in Rußland) war nach der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1893 ein Geschichtsforscher, der an der Universität Halle studierte und sich in der Folge nach St. Petersburg begab. 1780 wurde er zum Archivar an dem Reichsarchiv zu St. Petersburg, 1785 zum Hofrath und Aufseher des Reichsarchives zu Moskau ernannt. Seine Verdienste zur Aufklärung der Geschichte Rußlands trugen ihm schließlich den Rang eines russischen Staatsrathes und den von der Kaiserin Katharina gestifteten St. Wladimirorden ein. Zu den Wünschen der Herrscherin gehörte es, dass eine zuverlässige und vollständige Geschichte Rußlands zu Stande komme. Ab 1768 begann Stritter im Auftrag der kaiserlichen Akademie mit umfassenden Archivrecherchen bei den Byzantinern. Der ihm gestellten Aufgabe kam er in einer Weise nach, die ihm den Dank und die Anerkennung der Kaiserin und aller Kenner eintrug. Sein Werk ist grundlegend für die wissenschaftliche Erforschung der älteren Zustände und Begebenheiten des großen russischen Reichs geworden. Die "Aufsätze, betreffend die russische Geschichte" in der Bibliothek der Großfürsten Alexander und Constantin (Berlin und Stettin 1784-1789, Th. 2-9), welche die Kaiserin Katharina verfaßte, beruhen auf einem großen handschriftlichen Werke Stritter's und reichen bis zum Jahre 1225 (das russische Original bis 1276).

 

Quelle: "Stritter, Johann Gotthelf von", in: Allgemeine Deutsche Biographie (1893)

 

Die "Aufsätze, betreffend die russische Geschichte" sind ebenfalls im St. Petersburgischen Journal folgender Jahrgänge und Bände erschienen:

 

1783 1. Bd. S. 155-180.

1783 2. Bd. S. 75-176.

1783 3. Bd. S. 36-122.

1783 4. Bd. S. 43-208.

1784 1. Bd. S. 3-257.

1785 1. Bd. S. 1-411.

 

Die Zeit von 1247 - 1263 ist in dem Werk zu entnehmen: "Materialien zur Kenntniß des Russischen Reichs." Herausgegeben von Heinrich Storch, Russisch-Kaiserlichem Hofrath, Korrespondenten der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg, und Mitglied der freyen ökonomischen Gesellschaft daselbst. Zweyter Band. S. 118 - 160 Leipzig, 1798. bey Johann Friedrich Hartknoch.

 

 

Wer sich u. a. weiter für die Entwicklung Groß-Nowgorods interessiert, dem seien die Aufsätze, betreffend die russische Geschichte empfohlen.

 

 

 

 

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Aufsäze betreffend die rußische Geschichte. *)

 

Vorrede.

 

Diese rußische Geschichte betreffende Aufsäze, sind für die Jugend entworfen, zu einer Zeit, da in fremden Sprachen Bücher unter dem Namen der rußischen Geschichte herauskommen, die man eher partheiische Erdichtungen nennen könnte. Denn jedes Blat dienet zum Beweise mit was für feindseligen Gesinnungen es geschrieben sey, jeder Umstand wird nicht nur in verkehrter Gestalt dargestellet, sondern man schämt sich auch nicht selbigem boshafte Erklärungen beyzufügen.

 

Diese Schriftsteller sagen zwar, daß sie rußische Annalisten und Geschichtschreiber vor Augen gehabt haben, entweder aber haben sie selbige nicht gelesen, oder sie haben die rußische Sprache schlecht verstanden, oder ihre Feder ist von blinder Leidenschaft geführt worden.

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*) Diese Aufsäze sind neulich in rußischer Sprache erschienen, und ihrer besondern Wichtigkeit wegen mit möglichster Treue ins deutsche übersezt. Die Anmerkungen unter dem Text sind von der Hand des Verfassers der Urschrift. Der Uebersezer.

 

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Der unpartheiische Leser nehme sich die Mühe einen Zeitraum der rußischen Geschichte mit den Geschichten der Zeitverwandten der rußischen Großfürsten jedes Jahrhunderts zu vergleichen, so wird er deutlich die Denkungsart jedes Zeitalters wahrnehmen, und daß das menschliche Geschlecht überall und auf der ganzen Welt einerley Leidenschaften, Wünsche und Absichten, gehabt, und zur Erlangung derselben nicht selten einerley Mittel gebraucht habe. Alle europäische Völker waren bis zur Annahme der heiligen Taufe im Aberglauben und Gözendienst versunken und hatten ihre besondere Grundsäze und Rechte; als sie mit dem Licht des Evangeliums erleuchtet wurden, empfingen sie andre ihnen bis dahin unbekannte Grundsäze, welche die am Alten klebende Gebräuche, Meinungen, und Denkart der Leute, nicht anders als nach und nach verändern konnten. *)

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*) Der Sammler dieser die rußische Geschichte betreffenden Aufsäze, gehört nicht zur Zahl der im Busen ernährten schlangen; er bemühte sich lebenslang die Pflicht eines dankbaren Herzens zu erfüllen. Er denkt daß das Lobenswürdige nicht ohne Lob, und das Unlöbliche nicht ohne Tadel bleiben werde, aber die Güte des Guten zu vermindern oder die Fehler des Fehlerhaften zu vergrößern, und dadurch einem ungeschickten Arzt oder einem mit Unwissenheit erfüllten Kinderlehrer ähnlich zu werden, ist seine sache nicht.

 

 

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Erster Zeitraum.

1.
Historie ist ein griechisches Wort und bezeichnet Begebenheiten oder Geschichte.

 

2.

Die Geschichte ist eine Beschreibung geschehener Dinge und Thaten; sie lehret Gutes thun und sich vor Bösem hüten.

3.

Durch die Beschreibung werden uns geschehene Sachen und Thaten so dargestellt, als wenn wir sie selbst gesehen hätten.

4.

Jedem Volk ist die Beschreibung seiner eigenen Geschichte und Erdbeschreibung nöthiger als die Geschichte und Beschreibung fremder Völker, indessen kann ohne Kenntnis der Geschichte fremder, besonders aber der Begebenheiten und Thaten benachbarter Völker, die Kenntnis der unsrigen weder deutlich noch hinlänglich seyn.

 

5.

In der Geschichte werden nicht nur Sitten Handlungen und Thaten beschrieben, sondern durch sie wird auch den Weisen, Gerechten, Milden, Tapfern, Standhaften, Beharrlichen und Treuen, Ehre und Ruhm; den Unweisen, Ungerechten, Harten, Feigen, Leichtsinnigen und Ungetreuen Schande und Schmach vor der Welt zugetheilt.

 

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6.

Die Geschichte theilet sich überhaupt in die geistliche Geschichte, und in die weltliche Beschreibung derjenigen Begebenheiten die in der heiligen Schrift nicht enthalten sind.

7.

Die rußische Geschichte kann man in fünf Epochen oder Zeiträume eintheilen.

 

Erster Zeitraum, bis auf den Großfürsten Rurik, oder bis aufs Jahr 862 nach Christi Geburt.

 

Zweiter Zeitraum, von dem Großfürsten Rurik bis zur Ankunft der Tatarn oder vom Jahre 862 bis 1224.

 

Dritter Zeitraum, von der Ankunft der Tatarn bis zur Vertreibung der Tatarn, oder vom Jahre 1224 bis 1462.

 

Vierter Zeitraum, von der Vertreibung der Tatarn bis zur Gelangung des Zaren Michaila Feodorowitsch auf den rußischen Thron, oder vom Jahre 1462 bis 1613.

 

Fünfter Zeitraum, von der Gelangung des Zaren Michaila Feodorowitsch auf den rußischen Thron, bis auf die gegenwärtige Zeit, oder von 1613 bis jezt.

 

8.

Den ersten Zeitraum der rußischen Geschichte kann man wieder in drey Zeitalter abtheilen.

 

Das erste, ist die Zeit von der Schöpfung der Welt bis zur Sündfluth, von welcher wir außer der heiligen Schrift gar keine Nachricht haben.

 

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Das zweite, ist diejenige Zeit nach der Sündfluth, von der wir ausser der heiligen Schrift keine Nachricht haben.

 

Das dritte, ist die Zeit von welcher Nachrichten bis zu uns gelangt sind, die sich aber nicht in der heiligen Schrift befinden.

 

Anlangend das erste und zweyte Zeitalter, von welchen außer der heiligen Schrift keine Nachrichten vorhanden sind, das ist, von Erschaffung der Welt bis zur Sündfluth und eine Zeit nach der Sündfluth, von diesen findet man eine Erzählung in dem ersten Buche Mosis.

 

9.

Anlangend das dritte dieser Zeitalter, von welchem Nachrichten bis auf uns gekommen sind, deren aber in der heiligen Schrift nicht erwähnt wird, so sind diese Nachrichten von dreyerley Art:
Erstens, fabelhafte Nachrichten.
Zweitens, fabelhafte Nachrichten mit wahren vermischt.
Drittens, Nachrichten die keinem Zweifel unterworfen sind.

 

10.

Zum Beyspiel: Es ist nach den Berichten der Schriftsteller unzweifelhaft, das Rurik im Jahr 862 nach Christi Geburt nach Nowogrod gekommen ist.

 

11.

Von Ruriks Abkunft aber findet man in einigen Schriftstellern fabelhafte Nachrichten mit wahren vermischt, in andern blos fabelhafteNachrichten.

 

 

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160

 

12.

Der nowogrodsche Annalist meldet folgendes: ein Fürst Slawän 1) und sein Bruder Skyph oder Scyth 2) führten viele Kriege in Osten, wendeten sich hierauf nach Westen und eroberten viele Länder um das schwarze Meer und die Donau.

3) Fürst Slawän lies seinen Sohn Bastard bey der Donau, ging nach Mitternacht, und erbaute eine grose Stadt, die er nach seinem Namen Slawänsk nannte.

4) Fürst Scyth blieb beym Polus-Meotis und wohnte in der Wüste, wo er sich von der Viehzucht nährte, daher diese Gegend Groß-Scythien genannt wurde.

5) Nach Gründung der großen Stadt starb Fürst Slawän, und nach ihm regierten seine Kinder und Enkel viele hundert Jahre.

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1) Hier sieht man das Fabelhafte mit Wahrem vermischt. Die Namen der Fürsten sind vielleicht Namen zweyer Völker, der Slawen und Scythen. Die Fürsten werden Brüder genannt, obgleich die Slawen und Scythen verschiedene Völker waren.
2) Daß die Slawen und Scythen viele Kriege in Osten und Westen geführt und viele Länder erobert haben, ist unzweifelhaft.
3) Die Slawen legten überall wohin sie kamen Städte an.
4) Die Scythen hatten keine feste Wohnsitze.
5) Einige halten diese Stadt für Nowogrod andere für Alt-Ladoga.

 

 

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Nach diesem lebte Fürst Wandal 6) welcher über Slawen herrschend, in Norden, Osten, und Westen zu Lande, und zu Wasser, kriegete, und in die große Stadt zurük kam, nachdem er viele Völker unterworfen hatte.

 

Hierauf sandte Fürst Wandal seine Vasallen und Anverwandte die Fürsten Gardorik und Hunnigard 7) mit einem großen Heer Slawen, Russen, und Tschuden nach Westen; diese eroberten auf ihrem Zuge viele Länder, und kamen nicht zurück; FürstWandal gerieth hierüber in Zorn, nahm ihnen alles Land ab, von einem Meere zum andern, und vertheilte es unter seine Söhne. Er hatte aber drey Söhne, nemlich Isbor, Wladimir und Stolposwät, und erbaute jedem dieser Söhne eine Stadt die er nach ihren Namen benannte.

 

Er selbst lebte viele Jahre in der großen Stadt und starb im hohen Alter. Nach ihm starben auch Isbor und Stolposwät, und Wladimir übernahm die Herrschaft über das ganze Land. Wladimir hatte eine sehr schöne und kluge Frau von warägischer Abkunft mit Namen Adwinda, der in alten Liedern sehr oft Erwähnung geschiehet.

 

Nach Wladimirs und Adwindens Tode herrschten deren Söhne und Enkel bis auf Buriwoi den

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6) Hier wird wiederum dem Fürsten der Name des Volks beigelegt.
7) so nannten die nordischen fremden Schriftsteller Rußland.

Erster Band 1783.

 

 

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neunten seines Geschlechts. 8) Buriwoi hatte öftere Kriege mit den Warägern und siegte über sie, endlich aber ward er selbst von den Warägern überwunden, welche der großen Stadt, und den Slawen, Russen, und Tschuden einen schweren Tribut auflegten.

 

Die durch diesen Tribut hart bedrückte Völker sandten zu Gostomüsl Buriwois Sohn, und baten ihn, er möchte sie von den Warägern befreien. Gostomüsl vertrieb die Waräger und erbaute eine Stadt am Meere nach dem Namen seines ältesten sohnes Wübör; er schloß Frieden mit den Warägern und es war Ruhe und Stille im Lande.

 

Gostomüsl war ein tapferer und weiser Mann, der von den Nachbarn geehrt, und von allen Leuten seiner Gerechtigkeit wegen geliebt ward; auch kamen aus fernen Gegenden zu Lande und zu Wasser viele Fürsten zu ihm, seine Weisheit zu hören, sein Gericht zu sehen, und von ihm Rath und Unterricht zu bitten; weil er deshalb überall berühmt war.

 

Gostomüsl hatte vier Söhne, und drey Töchter; die Söhne starben vor dem Vater; die älteste Tochter ward mit dem Fürsten von Isborsk vermählt und war die Mutter der Fürstin Olga; die

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8) Andere zählen vierzehn Grade in absteigender Linie bis auf Gostomüsl Buriwois Sohn, und rechnen auf jeden Fürsten fünf und zwanzig Jahre, welches 350 Jahre ausmacht; folglich würde dieses Geschlecht ohngefähr bis zum Jahre 480 nach Christi Geburt herauf steigen.

 

 

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mitlere Tochter Umila war die Gemahlin eines finnischen Königes von warägischer Abkunft: aus dieser Ehe entsproßen Rurik und seine Brüder.

 

Gostomüsl empfahl durch seinen lezten Willen seinen Unterthanen, man möchte nach seinem Tode seinen Enkel von seiner zweiten Tochter, den warägischen Fürsten Rurik mit seinen Brüdern Sineus und Truwor 9) zur Herrschaft über Nowgorod berufen.

 

 

13.

Zu den fabelhaften Erzählungen rechnet man die Sage, daß Fürst Rurik und seine Brüder Abstämmlinge von Pruß, einem Vetter des Kaisers August gewesen, und daß ihre Vorfahren zugleich mit dem römischen Fürsten Polemon oder Publius Liwonus, und mit ihnen zwey hundert und funfzig edle Römer, unter welchen verschiedene von den ansehnlichsten Geschlechtern der Ursinen, Kolonnen, Kesarinen und Kentawren, aus Italien zu Schiffe über das mittelländische Meer, um Spanien und Portugal herum, durch den Sund in das warägische Meer oder die Ostsee gekommen. Dieses ist ein offenbares Märchen, da es bekannt ist, das nach Nero, keine einzige Seele von Augusts Geschlecht übrig geblieben ist.

 

14.

Der slawische Fürstenstamm endigte sich in Nowgorod mit Gostomüsl.

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9) Diese Namen sind gothisch und sarmatisch.

 

 

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Alle slawische Stämme hatten den Gebrauch, sowohl ihre männliche als weibliche Namen aus ihrer eignen Sprache zu entlehnen. Man bemerkt, das die slawische Völker gern überall das Wort Slawa (Ruhm) anzubringen gesucht haben. Die Namen der Fürsten und Anführer dieses Volks waren oft mit dem Wort Slawa zusammen gesezt: als Swätoslaw, Jaroslaw, Isjäslaw, Mstislaw, Metscheslaw, Sudislaw, Rostislaw, Radislaw, Boleslaw, Wladislaw, Wenzeslaw, Wüscheslaw, Släwomür, Preslawa, Wosmislaw, Budislawa, Podrashislawa, Sbüslawa, u. s. w. Selbst in den Volksliedern besteht der Chor oder Zwischengesang von jeher bis jezt, aus dem Wort Slawa. Auch leiten verschiedene Schriftsteller den Namen des slawischen Volks von Slawa oder den ruhmvollen Thaten der Slawen ab.

 

Die Slawen hielten mehr auf den Krieg als auf Künste und Wissenschaften; es ist also kein Wunder daß unter ihnen keine beredte Geschichtschreiber gewesen sind; indesen ist aus Nestor und andern zu ersehen, daß sie alte geschriebene Geschichtbücher gehabt haben, die aber verlohren gegangen oder noch nicht aufgefunden, folglich nicht bis zu uns gelangt sind.

 

Die Slawen hatten schon lange vor Christi Geburt ihre Schrift, und waren ihren Nachbarn unter ihrem eigenthümlichen, zuweilen auch unter verschiedenen andern Namen bekannt. Die große Ausbreitung der slawischen Sprache beweiset die Ausbreitung

 

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des slawischen Volks, schon vor Ruriks Zeiten sprach fast ganz Rußland die slawische Sprache. Viele Völker haben durch Eroberungen ihre Sprache verlohren, die slawische Sprache aber ist von den durch Slawen besiegten Völkern angenommen worden.

 

Die Slawen wohnten in festen Wohnsizen, führten ihre Kriege zu Fuß, mit einem kleinen Schilde in der einen und einem kurzen Spies in der andern Hand, trugen einfache kurze Kleider, und sprachen alle einerley Sprache, obgleich sie aus verschiedenen Stämmen bestanden. Die Slawen waren von einerley Größe und Ansehen, lauter wohlgewachsene, gesunde und starke Leute, nicht sehr weiß von Gesicht, und von dunkelbraunen Haaren.

 

Die Slawen bemächtigten sich so vieler Provinzen in Osten, Süden, Westen, und Norden, daß in Europa kaum irgend ein Ländchen übrig blieb, welches sie nicht berührt hätten. Wo sie nur hinkamen, baueten sie Städte, von welchen viele bis jezt slawische Namen führen.

 

Da der slawische Fürstenstamm, welcher im Jahr 860 mit Gostomüsl ausging, ohngefähr bis zum Jahr 480 nach Christi Geburt hinaufsteigt, so kann man zuverläßig festsezen, daß die Slawen schon vor dem Jahre 480 nach Rußland gekommen sind.

 

 

15.

Die alten rußischen Schriftsteller als Joakim und Nestor, nennen Rußland, welches sonst Ruß genannt ward, auch Rusia.

 

 

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Die Namen Rus und Rusia bezeichneten zwar anfänglich ein kleines Volk, breiteten sich aber hierauf, durch Klugheit, Muth und Tapferkeit dieses Volks, weit und breit aus, so das die Russen Herren eines sehr großen Landes wurden.

 

Wenn sie aber hie und da Verlust erlitten haben, so geschahe dieses durch schädliche Stritigkeiten und innerliche Unruhen.

 

Eine Strecke Landes von Finnland gegen Morgen bis an das uralische Gebürge, und vom weissen Meer nach Süden bis an die Düna und die polozkische Provinz, folglich ganz Karelien, ein Theil von Kapland, Groß-Rußland, und die Seeküsten, nebst dem heutigen Permien, heißen schon vor Ankunft der Slawen Rus oder Rußland. Der Ladoga-See hies vormals More ruskoe oder das rußische Meer.

 

Ob schon vor Ankunft der Slawen, in Rußland rußische Fürsten geherrschet haben, ist bisher durch keine zuverläsige Nachrichten festgesezt worden; wahrscheinlich aber ist es, daß das Volk nicht ohne Obrigkeit und ohne Beherrscher gewesen.

 

Die schwedischen und norwegischen Schriftsteller nennen verschiedene rußische Zaren unter dem Namen der Gardorikischen uud Holmogardischen Könige. Einige Schriftsteller melden, daß die Waräger den rußischen Fürsten Kriegsvölker gegeben, und das die Rußen ihren Nachbarn in ihren Kriegen Hülfe geleistet haben.

 

 

 

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Das Wort Knäs (Fürst) wird in den ältesten Schriften anstat des griechischen Igemon und Stratiarch, Heerführer oder oberster Befehlshaber der Armee, gebraucht.

 

Der Name Ruß war bey den Griechen schon lange vor Rurik bekannt. Die nordischen fremden Schriftsteller benennen das alte Rußland mit verschiedenen Namen, als Biarmien oder Permien, Gardorik, Ostrogard, Chunigard, Ulmigard und Cholmogard.

 

Auf lateinisch wird Rußland auch Ruthenia genannt.

 

Alle nordische Schriftsteller melden, daß die Russen in Norden des Handels wegen über die Ostsee (welche von den Russen das warägische Meer genannt wurde) nach Dänemark Schweden und Norwegen gegangen sind.

 

Die südlichen Schriftsteller melden, das die Russen von alten Zeiten her zur See nach Indien, Syrien, und bis nach Egypten Handel getrieben haben.

 

Die alten rußischen Geseze oder Gesezbücher sind ein hinlänglicher Beweis für das Alter der russischen Schrift; folglich hatten die Russen lange vor Rurik ihre Schrift. Eine Stadt der alten Russen an dem Ausflusse des Lowat nahe am Ilmen-See, wird bis jezt Staraja-Rus oder Rußa genannt. Die Stadt Staraja-Rußa (Alt Rußa) war vor Nowgorod (Neustadt).

 

 

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Als die Slawen die Russen unterwarfen, baueten sie in Rußland eine neue Stadt, nannten selbige zum Unterschied von Staraja-Rußa, oder Stara Gardorik, Groß-Nowgorod (die große neue Stadt) und wohneten daselbst; die Einwohner von Staraja-Rußa aber zogen nach Nowgorod.

 

Die rußischen Schriftsteller erwähnen einer großen Stadt Namens Ladoga, an der Stelle wo jezt das Kirchdorf Staraja-Ladoga liegt, in welcher bis zur Verlegung der Residenz nach Groß-Nowogorod der siz der Fürsten gewesen ist.

 

Nahe bey Staraja-Ladoga sieht man bis jezt Ruinen, welche das Haus des Großfürsten Rurik genannt werden.

 

Dreißig Werste von Groß-Nowogorod lag eine berühmte stadt Cholmograd, welches auf sarmatisch die dritte stadt heißt; zu dieser Stadt stellten die nordische Könige gewöhnlich Wallfahrten an.

 

Es ist den Umständen nach wahrscheinlich, daß diese Stadt an dem Flusse Msta gelegen habe, an der Stelle des gegenwärtigen Kirchdorfs Bronniza. Hier ist auf einem sehr hohen Hügel bis jezt ein alter Wall und Brunnen zu sehen.

 

Die Slawen überwanden nach ihrer Ankunft die Russen.

 

Die Russen vermischten sich mit den Slawen und wurden für ein Volk angesehen. Die Slawen-Russen vereinigten sich, durch die nach Gostomüsls Tode geschehene Anerkennung der warägischen Fürsten, mit den Warägern.

 

 

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16.

Man sagt, die Russen sollen schon vor 310 Jahren vor Christi Geburt dem Könige Philip von Macedonien, und seinem Sohne Alexander im Kriege Hülfe geleistet, und von lezterm für ihre Tapferkeit einen mit goldenen Buchstaben geschriebenen Brief erhalten haben, welcher in dem Archiv des türkischen Sultans liegen soll. Da man aber die sultanischen Bäder mit Archiv-Schriften heizt, so ists wahrscheinlich, daß auch dieser Brief längstens dazu verbraucht worden ist, wenn er jemals da gelegen hat.

 

17.
Die alten rußischen Schriftsteller erwähnen häufig der Waräger, als Stammverwandten der Slawen, besonders daß von ihnen Ruriks Geschlecht den rußischen Thron vom Jahre 862 bis 1598, folglich 736 Jahre, mit abwechselndem Glück erblich besessen habe; auch stammen viele heutige adeliche Geschlechter in Rußland und Polen von den Warägern ab.

 

Es ist aus der Geschichte deutlich zu ersehen, das die Waräger an der Ostsee oder dem baltischen Meer gewohnt haben, welches von den Russen das warägische Meer genannt wurde. Eigentlich war das warägische Meer derjenige Theil der Ostsee, welcher zwischen Ingermannland und Finnland liegt.

 

Mit Rurik kamen viele Waräger nach Rußland, welche bey ihm in Größerm Ansehen waren als die Slawen; denn in der Geschichte seiner Zeit werden überall warägische Namen genannt.

 

 

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Die Waräger führten vor Rurik Kriege mit den Russen, und gaben zuweilen den rußischen Fürsten Truppen, zuweilen waren sie mit den Russen verbündet und dienten ihnen im Kriege für Sold.

 

DieWaräger wohnten an den Küsten des warägischen Meeres; sie fuhren vom Frühlinge bis zum Herbst auf diesem Meere herum und beherrschten es; die Waräger forderten von ihren Königen und Anführern nicht nur Entschlossenheit sondern auch Klugheit; da sie sich beständig zu kriegerischen Unternehmungen auf dem Meer befanden, so verkauften sie an einem Ort, was sie am andern von dem Feinde erbeutet hatten.

 

18.

Die rußischen Schriftsteller erzählen: das Fürst Kii ums Jahr 430 nach Christi Geburt mit seinen Brüdern Schtschek und Chorew, mit seiner Schwester Libed oder Lebed, und mit vielem Volk an die Ufer des Dniepers gekommen sey und sich daselbst niedergelassen habe. Der älteste Bruder Kii bauete eine Stadt und nannte sie nach seinem Namen Kiew. Um Kiew waren damals große Wälder und Wildnisse, die zur Jagd dienlich waren.

 

Der zweite Bruder Schtschek bauete die Stadt Schtschekowiza.

 

Der dritte Bruder Chorew bauete die Stadt Chorewiza, die nachher Wüschgorod genannt wurde.

 

Ihre Schwester Lebed gab dem Fluß Lebed den Namen, und bauete an selbigem eine Stadt gleichfals Lebed genannt.

 

 

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Die Geschichtschreiber erzählen 1) daß diese Männer weise und verständige Leute 2) daß sie ansehnliche Fürsten ihres Volks und 3) daß sie Leute von sanften und milden Sitten gewesen.

 

Alles dieses beweiset sich selbst dadurch, daß sie nach ihrer Ankunft Städte gegründet haben. Unstreitig gehöret mehr Weisheit und Verstand zum bauen als zum zerstöhren.

 

Wenn sie nicht Leute und Vermögen gehabt hätten, so konnten sie keine Städte bauen.

 

Das Anlegen der Städte selbst zeuget von ihren Sitten und Neigungen.

 

Einige Schriftsteller glauben, daß Kii und seine Brüder von persischer oder scythischer Herkunft gewe sen; Städte bauen war aber gewöhnlich keine Sache für Scythen.

 

Andere behaupten ausdrücklich, daß Kii und seine Brüder Slawen gewesen und mit vielem Volk angekommen sind. Daß die Slawen um diese Zeit in Bewegung gewesen und Eroberungen gemacht haben, wird durch die vorerwähnte um das Jahr 480 erfolgte Ankunft der slawischen Fürsten in die nördlichen Gegenden Rußlands bewiesen; aber die Namen Kii, Schtschek und Chorew kommen nicht mit dem slawischen Gebrauch überein, die Namen der Fürsten und Heerführer aus ihrer eigenen Sprache zu entlehnen.

 

Noch andere Schriststeller sagen, daß Kii und seine Brüder aus der Wüste gekommen, daß sie polänische Fürsten gewesen, daß die Polänen die slawische

 

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Sprache geredet haben, daß nach Kiis Schtscheks und Chorews Tode, ihre Kinder und Nachkommen, jeder in seinem Erbtheil, lange Zeit bis auf Oskold und Dir mit Ordnung und Pracht regiert haben; daß gedachte Fürsten andre Fürsten unter sich gehabt, die sie zu Heerführern und Feldherren ihrer Truppen gebraucht haben; daß von den abgetheilten Fürsten einer Radim geheißen, von welchem das Volk der Radimitschen den Namen erhalten, ein anderer Wädka oder Wadko, welcher sich an der Wätka und theils an der Wolga festgesezt und den Wätitschen oder Wätschanen den Namen gegeben, ein dritter Duleb der am Fluße Bug geherrscht habe, und von dem die Duleben benannt worden.

 

Nestor sagt ausdrücklich, daß die Polänen, Drewier, Bushanen, Radimitschen, Wätitschen, Chorwaten und Duleben von den Griechen Gros-Scythien genannt worden sind.

 

 

19.

Der Name Scyth (Skyph) ist sehr alt, und war den Schriftstellern des höchsten Alterthums schon bekannt.

 

Aber kein einziges Volk hat sich selbst Scythen genannt.

 

Die Griechen nannten die Bewohner eines großen Strichs von Afrika, Asien, und Europa, Scythen, und begriffen unter diesem Namen viele Völker, als Slawen, Sarmaten, und Tatarn.

 

Nach dem Bericht der griechischen Schriftsteller,

 

 

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haben die nördlichsten Scythen am kaspischen Meer in Kuban, der Kabarda, am Flusse Don und bis zum Dnieper gewohnt oder sich aufgehalten.

 

Klein Scythien hieß die Krim, und die gewesene krimische Stepe, oder das jezige asowische Gouvernement.

 

Einige scythische Stämme hatten unumschränkte Beherrscher, welches ihnen nach ihrem Zustande, zur Beförderung des gemeinen Bestens und zur Erhaltung der Ruhe und Sicherheit, sehr nöthig war.

 

Die griechischen Schriftsteller nennen die Beherrscher der Scythen Basilews, die lateinischen Rex, einige auch Kachan oder Kagan.

 

Man sagt, daß die Scythen es nicht leiden konnten, daß andere Völker sich für älter als sie ausgaben.

 

Justin erwähnt eines alten Streites zwischen den Egyptiern und Scythen wegen des Alterthums ihres Volks. Die Scythen waren nach seinem Vorgeben hiebey der Meinung, daß ihr Land ehe bevölkert gewesen seyn müßte; denn, sagten sie, wenn im Anfange der Dinge das Feuer geherrschet hätte, so müßte ihre Gegend als die kälteste am ersten kühl, und folglich wohnbar geworden seyn; sollte aber anfangs das Wasser die Welt bedeckt haben, so wäre ihre Gegend als die höchste zuerst trocken geworden.

 

Umsonst aber sucht ein Volk sich vor dem andern durch sein Alterthum ein Ansehen zu geben, da es uns aus der heiligen Schrift bekannt ist, dasßalle Völker

 

 

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Adams Nachkommen sind, und daß nach der Sündfluth Noas Geschlecht die ganze Erde bevölkert habe. Wenn aber ja ein Vorzugsstreit unter Völkern statt finden sollte, so müßte es nicht des bloßen Alterthums wegen seyn, sondern etwan darüber, welches Volk sich früher als andere durch Wohlgesitheit und andere Tugenden berühmt gemacht habe.

 

Von den Sitten und Gebräuchen der alten Scythen wird erzählt; daß sie die Freundschaft sehr hoch geschäzt, und sichs zur Ehre und zum Ruhm gerechnet haben, dem Freunde in aller Noth und Gefahr zu helfen.

 

Sie suchten vorzüglich die Freundschaft beherzter Leute.

 

Wenn sie einen Freund gewählt hatten, so verbanden sie sich, die Freundschaft bis zum Tode zu erhalten.

 

Die Scythen glaubten, daß man nicht mehr als drey Freunde haben könne.

 

Sie beschäftigten sich nicht mit dem Ackerbau, sondern mit der Viehzucht.

 

Sie hatten keine Häuser sondern blos Lagerplätze.

 

Ihre Weiber und Kinder führten sie von einem Ort zum andern in Wägen die mit Häuten oder Laube bedeckt waren.

 

Die Veränderungen ihrer lagerplätze, geschahen der Viehweide wegen.

 

Sie gingen selten zu Fuß, sondern waren beständig zu Pferde, oder fuhren auf Wägen.

 

Ihre Speise war gesottene Milch und Pferdemilch.

 

 

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Sie kleideten sich Winters und Sommers in Thierhäute.

 

Es gehörte bey ihnen zum Puz, einen gespannten Bogen in der Hand zu führen.

 

Gold und Edelsteine verachteten sie, und schäzten nur die Tugend.

 

Die Gerechtigkeit wurde bey ihnen nach der gesunden Vernunft ohne geschriebene Geseze verwaltet.

 

Diebstal war bey ihnen strenge verboten, und wurde hart bestraft.

 

Dieses würkte so viel, daß ihre zahlreiche Heerden ohne Hirten weideten.

 

Alle ihre Geseze giengen darauf, Tugend und Herzhaftigkeit einzuflössen.

 

Alle Schriftsteller loben einmüthig die Tugenden, besonders aber die Gerechtigkeit der Scythen.

 

Ihre Ehen waren aus vier Ursachen glücklich, 1) weil die Kinder in der Tugend erzogen und unterrichtet wurden, 2) weil die Männer den Weibern und die Weiber den Männern aufrichtig ergeben waren, 3) weil sowohl diese als jene einen Abscheu gegen das Laster hatten, 4) weil das Gesez gegen den Uebertreter der ehelichen Verbindung strenge war.

 

Die scythischen Mädchen hatten kein ander Heirathsgut als die Tugenden ihrer Eltern.

 

Die Mädchen konnten sich nicht verheirathen, ehe sie im Kriege gewesen waren; ein muthloser Bräutigam fand keine Braut; denn die Mädchen hielten es für Schande, einen Feigen zum Manne zu nehmen.

 

 

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Die Scythen hatten folgenden Gebrauch ihre Kriegs-Völker zu zählen; sie rückten ins Feld, und jeder Kriegsmann warf einen Pfeil in ein Gefäß.

 

Ein Volk welches keine feste Wohnsize hat, beschäftiget sich gewöhnlich nicht mit Künsten und Wissenschafften. Die Noth aber ist die Mutter der Erfindungen.

 

Die Scythen hatten Zimmerleute um ihre Wägen zu machen, Riemer und Gärber zur Verarbeitung der Häute, und Handwercker zur Verfertigung der Bogen, Pfeile, Säbel, Spiese, Panzer, und Schilde.

 

Die größte Macht der Scythen bestand in Reuterey und Schützen.

 

Sie schoßen, im vollen Galop reitend, Pfeile nach dem Ziel.

 

Die Weiber gaben ihren Männern in dieser Kunst und im Reiten nichts nach; daher das Sprichwort entstanden: die Scythen sind so geschickt im Bogenschießen als die Griechen im Leyerspielen.

 

In dem ganzen Alterthum siegten die Scythen jederzeit, entweder für sich oder für ihre Bundesgenosen.

 

Dreymal haben die Scythen ganz Asien besiegt.

 

Den persischen König Darius trieben sie mit Schimpf zurück.

 

Cyrus konnte mit seinem ganzen Heer gegen die Scythen nichts ausrichten.

 

Sopyrion Alexanders Feldherr ward von ihn überwunden.

 

 

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Den Römern sind die Scythen nie unterworfen gewesen.

 

Bloß Alexander von Macedonien war gegen die Scythen glücklich und schloß mit ihnen Bündnis.

 

Der erste scythische König soll Skyph geheißen haben.

 

Anacharsys eines scythischen Königes Sohn und Bruder des Königes Kadwid studierte zu Solons Zeit in Athen. Plutarch erzehlt von ihm, daß er die Schiffsanker und andre nüzliche Sachen erfunden habe, und zu den sieben griechischen Weisen gerechnet worden sey.

 

Man hatte zu Athen marmorne Bildsäulen, in welchen er mit einem gespannten Bogen und mit einem Buche vorgestellt wurde.

 

Plinius erzehlt, das Skill des scytischen Königes Ariatne und der Königin Istrina Sohn, bey den Griechen in der Stadt Borysten am Dnieper in Wissenschafften unterrichtet worden sey.

 

Die Griechen nannten den Fluß Dnieper Borysten und den Don Tanais.

 

Abaris ein aus den nördlichen Gegenden nach Athen geschickter scythischer Gesandte hat einige Bücher geschrieben, derer viele alte Schriftsteller Erwähnung thun.

 

 

20.

 

Vorstehende Beschreibung des ersten Zeitraums der Geschichte des nördlichen Rußlands, stellt die Russen und Rußland bis zum Jahre 480 nach Christi Geburt, mit dem gegenwärtigen Zustande

 

Erster Band 1783.

 

 

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verglichen, gleichsam in der Kindheit dar. Indessen erstrecken sich die Gränzen Rußlands um diese Zeit schon auf 9 Grade der Bereite und 28 Grade der Länge, und sind folglich ausgebreiteter als die Gränzen verschiedener europäischen Königreiche des gegenwärtigen Zeitalters.

 

Die Russen geben und erhalten Hülfsvölker, sind folglich mit ihren Nachbarn in Verbindung und unterhalten mit ihnen ein dem beyderseitigen Nutzen gemäßes gegenseitiges Zutrauen.

 

Dergleichen Bündniße konnten schwerlich ohne Verträge bestehen.

 

Zu Friedens Zeiten handeln die Russen, nach den Berichten der nordlichen und südlichen Schrifftsteller, in Norden mit Dänemarck Schweden und Norwegen, in Süden mit Indien, Syrien und bis nach Egypten.

 

Sie hatten ihre Schrifft und geschriebene Geseze.

 

Wie sollten sie auch ohne selbige gewesen seyn, da sie so wichtige Sachen und Geschäfte unternahmen.

 

Sie haben drey ansehnliche Städte erbauet: nemlich, die große Stadt (Ladoga) Staraja-Rußa, welches Groß-Nowogorod mit Einwohnern versah, und Cholmgorod wohin die nordischen Könige gewöhnlich Wallfahrten anstellten.

 

Die Slawen überwanden bey ihrer Ankunft die Russen.

 

Dieses waren die Slawen deren Namen die Schriftsteller von den berühmtenThaten dieses Volks ableiten. Dieses war das slawische Fußvolk, welches

 

 

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in Osten Süden Westen und Norden so viele Provinzen eroberte, daß in Europa kaum ein Ländchen übrig blieb, welches sie nicht berührt hätten.

 

Die Russen vermischten sich mit den Slawen, wurden mit ihnen für ein Volk angesehen, und nahmen die slawische Sprache an.

 

Das Geschlecht der slawischen Fürsten regierte in Rußland vom Jahr 480 bis 860, und endigte sich mit Gostomüsl.

 

Die Slawen-Russen vereinigten sich mit den Waräger-Russen die an den Küsten des warägischen oder baltischen Meeres wohnten und selbiges beherrschten.

 

Die Waräger forderten von ihren Königen und Feldherrn Entschlossenheit und Klugheit.

 

Die Slawen-Russen erhielten also durch diese Vereinigung mit den Waräger-Russen geschickte Seefahrer und entschlossene kluge Fürsten und Feldherrn; die Folge hiervon gehört zum zweiten Zeitraum.

 

In den südlichen Grenzen Rußlands ward ums Jahr 430 nach Christi Geburt an dem Flusse Dnieper die Stadt Kiew nebst andern Städten gegründet, von Fürsten die aus denjenigen Gegenden kamen, welche die Griechen unter dem gemeinschaftlichen Namen Scythiens begriffen, und die mit den Slawen eine Sprache hatten.

 

Die nördlichen Scythen hatten ihre veränderlichen Lagerplätze an dem Dnieper.

 

Sie hatten unumschränkte Beherrscher.

 

 

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Die Scythen konnten nicht leiden daß andre Völker sich für älter als sie ausgaben.

 

Sie schäzten Freundschaft und Tugend, liebten herzhafte Leute, verachteten den Reichthum, beschäftigten sich mit der Viehzucht, und kleideten sich Winters und Sommers in einerley Kleidung. sie waren beständig zu Pferde, hielten die Waffen für den besten Putz, verwalteten das Recht nach der gesunden Vernunft, hatten keine geschriebene Geseze und straften die Laster strenge.

 

Die Tapferkeit und Gerechtigkeit der Scythen war bey den angrenzenden Völkern berühmt.

 

Ihre Ehen waren glücklich, weil ihre Sitten unverderbt waren.

 

Wissenschaften und Künste waren ihnen wenig bekannt, doch hatten sie Handwerker.

 

Die größte Macht der Scythen bestand in Reuterey und Schützen.

 

Die Weiber gingen mit ihren Männern in den Krieg, die Mädchen verheyratheten sich nicht, ehe sie einem Feldzuge beigewohnt hatten.

 

Die Bräute verachteten muthlose Freyer.

 

Dreymal besiegten die Scythen ganz Asien.

 

Alexander allein war gegen die Scythen glücklich und schloß mit ihnen Bündnis.

 

So beschreiben die Geschichtschreiber die südlichen Nachbarn der Russen: was aber von den Zeiten Ruriks an in den südlichen Grenzen und bey diesem Volk für Thaten Geschäfte und Veränderungen vorgefallen sind, dieses gehört zum zweiten Zeitraume.

 

 

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Quelle:

 

 

Neues St. Pertersburger Journal vom Jahre 1783. Erster Band. S. 155-180 St. Petersburg, gedruckt in der privegirten Buchdruckerey bey Schnoor.

 

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Aufsäze betreffend die rußische Geschichte. *)

 

(Fortsetzung.)

 

Zweiter Zeitraum

 

21.

Der zweite Zeitraum der rußischen Geschichte geht von dem Großfürsten Rurik bis zur Ankunft der Tatarn, oder vom Jahre 862 bis 1224.

 

Den zweiten Zeitraum der rußischen Geschichte kann man in zwey Zeiten abtheilen.

 

Die erste Zeit, ehe Rußland durch die heilige Taufe erleuchtet worden, oder vom Jahre 862 bis 988.

 

Die zweite Zeit, nachdem Rußland durch die heilige Taufe erleuchtet worden, oder vom Jahre 988 bis 1224.

 

 

22.

Großfürst Rurik I.

 

Die Geschichtschreiber melden, daß Gostomüsl kurz vor seinem Ende, im Jahr 860 nach Christi Geburt, die Landes-Aeltesten der Slawen, Russen

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*) S. St. Petersburgisches Journal 1783 erster Band, Seite 155.

 

 

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76

 

Tschuden 1), Weßen 2), Meren 3), Kriwitschen 4), und Drägowitschen 5), zusammenberufen und zu ihnen gesagt habe: „er sähe zwischen ihnen Uneinigkeiten, ein jeder von ihnen wolle nach seinen eignen Gedanken und Lüsten herrschen und richten, wodurch die Regierung des Landes und der Sachen aufgehalten werde, und Groß-Nowogrods völliger Untergang erfolgen könnte; sie vermöchten nicht sich selbst zu regieren, und hätten also einen Fürsten nöthig der sie beherrsche; hiezu befänden sich drey Brüder, Fürsten von edler Abkunft, unter den Warägern, die durch ihre Klugheit und Tapferkeit berühmt wären.“

 

Die Nowogroder folgten Gostomüsls klugem Rath, und schickten nach seinem Tode im Jahre 860, einige ihrer ansehnlichsten Bürger als Gesandte zu den Warägern, um die drey fürstliche Brüder, Rurik, Sineus und Truwor, zur Herrschaft über sich einzuladen.

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1) Die Russen nannten Ehstland und Liefland Tschud. Tschud bezeichnet in der sarmatischen Sprache einen Nachbar.
2) Die Sarmaten nannten Belo-Osero auf sarmatisch Wüßa.
3) Die Morduanen nennen sich selbst Meren.
4) Die Kriwitschen waren Sarmaten unter slawischer Herrschaft
5) Die Drägowitschen waren Sarmaten unter slawischer Herrschaft, an der Düna um Polozk.

 

 

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Als die Gesandten zu den Warägern kamen, sagten sie zu den Fürsten unter andern folgende denkwürdige Worte: „Unser Land ist groß und fruchtbar, es ist aber keine Ordnung darin, kommt und herrschet über uns.“

 

Da Rurik und seine Brüder von der Uneinigkeit, der Ausgelassenheit, dem Uebermuth und der Unordnung unter den Nowogrodern hörten, konnten sie sich kaum zur Erfüllung gedachter Bitte entschliessen.

 

Endlich liessen sie sich den Vorschlag der Gesandten gefallen.

 

Fürst Rurik und seine Brüder brachen mit ihren Hausgenossen auf, nahmen eine ansehnliche Zahl ihres Volks mit sich, und kamen im Jahr 861 aus dem Lande der Waräger in die rußische Grenzen.

 

Der älteste Bruder Rurik nach Staraja-Ladoga, welche Stadt er befestigen ließ.

 

Sineus ins Weß-Jegonskische am Belo-Osero. Der dritte Bruder Truwor nach Isborsk, der damaligen Hauptstadt dieser Gegend, weil Pskow noch nicht da war.

 

Die Fürsten wurden von allen rußischen Ständen mit großer Freude empfangen.

 

Nach zwey Jahren starb Fürst Sineus am Belo-Osero ohne Erben; ihm folgte Fürst Truwor, welcher aber gleichfalls bald darauf (im Jahr 864) in Isborsk starb.

 

Die Gräber dieser Fürsten wurden nach damaligem

 

 

 

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Gebrauch durch Aufschüttung großer Erd hügel bezeichnet, welche bis jezt zu sehen sind. Nach dem Tode beyder Brüder Sineus und Truwor, vereinigte Fürst Rurik von Nowogorod beyde Fürstenthümer, Belo-Osero und Isborsk, mit dem nowogorodschen.

 

Im vierten Jahre seiner Regierung begab er sich aus der alten Stadt (Ladoga) nach Groß-Nowogorod am Ilmen-see; er vermehrte den Bau dieser Stadt, und sorgte für Recht und Gerechtigkeit im Lande. Um Recht und Gericht überall aufrecht zu erhalten, schickte er Fürsten (Befehlshaber) in die Städte Polozk, Rostow, Belo-Osero, Isborsk, Smolensk und Murom. Die Fürsten dieser Städte waren also (sagt Nestor) warägische Ankömmlinge, die Einwohner aber waren, in Nowogorod Slawen, in Polozk Drägwitschen, in Smolensk Kriwitschen, in Rostow Meren, in Belo-Osero Weßen, in Murom Muromen.

 

Rurik selbst nannte sich Großfürst, um sich dadurch von seinen untergebenen Fürsten, deren eine ansehnliche Zahl unter seinen Befehlen stand, zu unterscheiden. Der Name Großfürst (Knäs Welikii) bedeutet eben das was die Griechen durch Archikrator oder Basileis bezeichneten.

 

Nach dem Tode (des finnischen Königes) des Vaters des Großfürsten Rurik, herrschte dieser über die Waräger-Russen, die ihm Tribut zahlten und Truppen gaben.

 

 

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Die am Dnieper wohnende Slawen, Poslänen und Goränen genannt, welche von den Kosaren 6) gedruckt wurden, die Kiew und die übrigen umliegenden Gegenden beherrschten, von selbigen einen schweren Tribut erhoben, und über dieses allerley harte Arbeiten verlangten, sandten ihre ansehnlichsten Männer an den Großfürsten Rurik, mit Bitte er wolle ihnen seinen Sohn oder einen andern Fürsten von seiner Verwandschaft schicken, um über sie zu herrschen. Rurik gab ihnen Oskold und schickte mit ihm Kriegs-Völker ab.

 

Oskold war des Großfürsten Ruriks Stief-Sohn, ein Sohn seiner Gemahlin von ihrem ersten Manne.

 

Oskold bat sich bey seiner Abreise von dem Großfürsten die Erlaubnis aus, einen Feldzug nach Konstantinopel zu thun, versammelte darauf ein Heer, gieng nach Süden gegen Smolensk, und von Smolensk auf dem Dnieper zu Wasser nach Kiew; er überwand zuerst die Kosaren und kam in Kiew an.

 

Oskold blieb einige Zeit in Kiew, vermehrte seine Truppen durch Waräger, und hatte Krieg mit Polen und mit den Drewiern.

 

Im Jahr 865 unternahm Oskold einen Feldzug gegen die Griechen; er gieng zu Wasser auf ohngefähr zwey hundert Kähnen und andern

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6) Die alten Scythen.

 

 

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Fahrzeugen den Dnieper herab, über das schwarze Meer nach Konstantinopel; im vierzehnten Jahre der Regierung des griechischen Kaisers Michael. Der griechische Kaiser führte damals sein Heer gegen die Saracenen an, und war bis zum schwarzen Flusse gekommen, als ihm der in Konstantinopel zurückgelassene Eparch oder Stathalter die Nachricht zusandte, daß die Russen gegen Konstantinopel im Anzuge wären. Der Kaiser kam auf diese Nachricht zurück; Oskold gieng mit den Polänen zu Schiffe in den Kanal zwischen dem schwarzen und mittelländischen Meer, welcher der thracische Bosphor genannt wurde, und umringte die Stadt Konstantinopel so, daß der Kaiser kaum hinein kommen konnte.

 

Die Griechen hoften damals schon auf keine Hülfe zu ihrer Vertheidigung, und wendeten sich allein mit ihrem Gebet zu Gott. Des Morgens entstand ein Sturm und durch diesen Sturm eine starke Bewegung der Meeres-Wellen, welche die rußischen Schiffe auf die Ufer und Untiefen warf; so daß nur ein kleiner Theil derselben nach Hause kam.

 

Oskold kam mit den übriggebliebenen nach Kiew, von da er bald darauf einen Feldzug gegen die Petschenegen 7) und nach diesem gegen die Kriwitschen (Smolensk) unternahm.

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7) Die Petschenegen sind Tatarn welche sonst auch Komanen genannt werden.

 

 

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Oskold wird bey den griechischen Schriftstellern Fürst Roß genannt.

 

Als Oskold sich mit diesen Feldzügen beschäftigte, und der Großfürst Rurik für die Sicherheit seiner Grenzen sorgte, entstanden in Nowogorod innerliche Unruhen, nach den Berichten der Schriftsteller von dem Neide der Nowogoroder gegen die Waräger.

 

Der Urheber derselben war ein tapferer Mann Namens Wadim, ein slawischer Fürst.

 

Man glaubt, die Beschwerde habe darin bestanden, daß das slawische Volk gering geachtet würde, und nur wenige Slawen in Ansehen stünden, weil überall Waräger verschickt und gebraucht würden.

 

Der Großfürst Rurik aber dämpfte diese Unruhen bald und bestrafte die Rädelsführer.

 

Zu dieser Zeit flohen viele Slawen von Rurik aus Nowogorod nach Kiew, weil sie nicht als Knechte der Waräger angesehen seyn wollten.

 

Als der Großfürst Rurik vor dem Ende seines Lebens sehr krank und schwach ward, und die zarte Kindheit seines zweyjährigen Sohnes Igor in Erwägung zog, übergab er die Regierung und seinen Sohn seinem Schwager (Frauen Bruder) dem urmannisch-warägischen Fürsten Oleg, und starb im Jahr 879 in Nowogorod, wo er auch begraben ist. Er regierte 17 Jahre.

 

Zweiter Band 1783.

 

 

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Der Großfürst Rurik hatte eine Gemahlin die er sehr liebte, Namens Efanda oder Endwinda (Hedwig), Tochter eines urmannischen Fürsten. Als sie im Jahre 877 ihren Sohn Igor gebahr, gab ihr der Großfürst die versprochene Stadt Ishora.

 

Geschlechts-Register Ruriks I.

 

Ein finnischer König – – – oo Dessen Gemahlin Umila, Tochter des nowogorodschen Fürsten Gostomüsl.

 

Aus dieser Ehe entsprossen:

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► Rurik, Großfürst des nördlichen Rußlands von 862 bis 879.

oo Dessen Gemahlin Efanda, eine urmannische Fürstin, welche ihm seinen Sohn Igor gebahr, aus ihrer ersten Ehe aber einen Sohn Namens Oskold hatte. Deren Bruder war der urmannische Fürst Olg oder Oleg.

 

► Sineus, Fürst zu Belo-Osero von 862 bis 864

 

► Truwor, Fürst zu Isborsk von 862 bis 864, und zu Belo-Osero von 864 bis 865.

 

 

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Ruriks Zeitverwandte, vom Jahre 862 bis 879 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Michael von 842 bis 867. Basil von 867 bis 886.

 

In Deutschland. Kaiser. Ludwig II. von 855 bis 871. Karl II. von 875 bis 877. Ein dreyjähriges Zwischenreich.

 

In Polen. König. Simowiet von 861 bis 892.

 

In Bolgarien. Zar. Bogoris von 844 bis 896.

 

In Arabien. Kalifen. Mostain Willa XXXI. Kalif von 862 bis 866. Motas XXXII. Kalif von 866 bis 869. Motadi Willa XXXIII. Kalif von 869 bis 870. Motamed Willa XXXIV. Kalif von 870 bis 892.

 

In Frankreich. Könige. Karl der kahle von 840 bis 877. Ludwig II. von 877 bis 879.

 

In England. Könige. Etelred I. von 866 bis 871. Alfred der Große von 871 bis 900.

 

In Spanien. König. Alfonsus III. von 866 bis 912.

 

 

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Patriarchen zu Konstantinopel. Photius von 857 bis 867. Ignatius von 867 bis 877. Photius von 877 bis 886.

 

Römische Päbste. Nicolaus I. von 858 bis 867. Adrian II. von 867 bis 872. Johann VIII. von 872 bis 882.

 

Patriarchen zu Alexandrien. Michael von 859 bis 872. Michael von 872 bis 908.

 

Patriarch zu Jerusalem. Theodosius von 862 bis 879.

 

Patriarchen zu Antiochien. Nikolaus von 846 bis 870. Stephan von 870 bis 870. Theodosius von 870 bis 880.

 

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Belo-Osero. Sineus von 862 bis 863. Truwor von 863 bis 864.

 

In Isborsk. Truwor von 862 bis 864.

 

In Kiew. Oskold von 863 bis 883.

 

In Ishora. Endwinda.

 

 

 

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23.

Großfürst Igor I.

Nach dem Tode des Großfürsten Rurik, folgte ihm in dem erblichen Besitz des nowgorodschen Fürstenthums, oder des nördlichen Rußlands, sein Sohn Igor Rurikowitsch; da dieser aber nur zwey Jahre, folglich in der zartesten Kindheit war, so verwaltete, laut dem Testament des Großfürsten Rurik, Igors Vetter und Führer, der urmannisch-warägische Fürst Oleg, die bürgerlichen und Kriegsgeschäfte.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß Oleg ein weiser Mann und ein erfahrner und tapferer Krieger gewesen.

 

Er machte den Anfang seiner Vormundschaftsverwaltung mit einer Reise durch die rußische Provinzen.

 

Als er auf die Stelle kam, wo sich die Flüsse Moskwa, Jausa und Neglinnaja vereinigen, erbauete er eine kleine Stadt, nannte sie Moskwa und übergab den Besitz derselben einem seiner Verwandten.

 

Nach diesem vernahm Oleg die Beschwerden der Kiewer über Oskold; da er nun selbige vermuthlich gegründet befand und von dem unglücklichen Zuge nach Konstantinopel und dem Verlust vieler Leute und Schiffe Nachricht erhielt, verfügte er sich selbst nach Kiew.

 

Oleg nahm den jungen Großfürsten Igor mit sich, versammlete ein ansehnliches Heer und ging

 

 

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zuerst nach Smolensk, welche Stadt er den Kriwitschen abnahm, und zuverläßigen Personen anvertraute; hierauf sezte er sich mit Igors gesammten Kriegs-Völkern auf Fahrzeuge und fuhr den Dnieper herab bis zur Stadt Kiew; er kam im Jahre 883 vor der Stadt an und ließ Oskold den Fürsten von Kiew zu sich entbieten. Als Oskold mit den Kiewern zu ihm vor die Stadt kam, nahm Oleg Igorn auf seine Arme und sagte zu den Kiewern: „Dieser ist der Erbe aller rußischen Fürstenthümer, Oskold aber ist kein unumschränkter Fürst, noch von Ruriks Geschlecht, sondern Igors Unterthan, der ihn des Fürstenthums entsezt und bestraft.“ (Hieraus ist zu ersehen, daß Oleg mit Oskold als mit Igors Vasallen verfahren sey. Einige Schriftsteller meinen, der Anlaß zu diesem Vorfalle habe darin bestanden, daß Oskold auf seinem Zuge nach Konstantinopel die christliche Religion angenommen, welches die Kiewer erfahren und Oleg hinterbracht hätten, mit der Beschwerde, Oskold habe ohne Vorwissen des Großfürsten die Taufe angenommen und wolle die Religion des Volks verändern.)

 

Hierauf ging Oleg mit dem Großfürsten Igor in die Stadt Kiew, und erklärte selbige zur Hauptstadt von Rußland; die Regierung der übrigen Provinzen des Reichs übergab er den vornehmsten Bojaren und legte den Städten Tribut auf.

 

 

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Der Stadt Nowogrod drey hundert Griwen.

Den Drewiern, deren Hauptstadt Korosten war, von jedem Hofe einen schwarzen Marder.

Den Seweriern einen leichten Tribut.

Den Radimitschen verbot er, den Kosaren Tribut zu geben, er befahl ihnen selbigen dem Großfürsten zu zahlen, und versprach, sie wieder die Kosaren zu vertheidigen.

 

Hierauf fing Oleg an in allen Gegenden Rußlands Städte zu bauen. Um diese Zeit kamen die Ugern (Ungarn) von Osten her; sie gingen Kiew vorbey, über die Berge, nach der Wallachey und Wolhynien.

 

Als Igor sein 27stes Jahr erreicht hatte, wählte Oleg für ihn eine Braut aus Isborsk, eine tugendhafte Jungfrau Namens Prekraßa, welcher Oleg den Namen Olga beilegte; sie war aus einem weßischen Stamm Wibuzka genannt, Gostomüsls Urenkelin, eine Enkelin seiner ältesten Tochter, und ward im Jahre 904, im 20sten Jahre ihres Alters, mit dem Großfürsten Igor vermählt.

 

Im Jahre 906 versammelte Oleg in Kiew ein großes rußisches Heer, nemlich: Waräger, Slawen, Tschuden, Kriwitschen, Meren, Polänen, Sewerier, Drewier, Radimitschen, Wätitschen, Chorwaten, Ulepen und Tiwerzen.

 

Der Großfürst Igor blieb in Kiew, Oleg aber brach theils zu Pferde theils zu Schiffe auf, ging mit zwey tausend Fahrzeugen, die mit achtzigtausend Kriegern besezt waren, im Jahr 907 nach

 

 

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Christi Geburt, aus dem Dnieper über das schwarze Meer in das griechische Gebiet, und nahm viele Städte ein; als er aber gegen Konstantinopel im Anzuge war, legten die dasigen Einwohner eine starke eiserne Kette über den Bosphor und verschlossen ihm den Eingang. Oleg der hievon Nachricht erhielt, ließ die Leute aus den Fahrzeugen aussetzen, die Fahrzeuge über Land ziehen und näherte sich der Stadt Konstantinopel. (Einige Schriftsteller erzehlen, er habe die Fahrzeuge auf Räder gesezt, einen günstigen Wind abgewartet, die Segel aufziehen lassen und sey auf der Ebene gegen die Stadt gefahren.) Der griechische Kaiser Leo, schickte aus der Stadt Lebensmittel, bat um Frieden, und versprach Geschenke. Oleg nahm die Lebensmittel nicht an und verlangte zwanzig Griwen auf jeden Krieger; er hatte aber zwey tausend Schiffe und auf jedem SAchiff vierzig Mann. Der griechische Kaiser entschloß sich diesen Tribut zu zahlen. Oleg zog sich von der Stadt zurück, blieb nicht weit davon stehn, und schickte zu dem griechischen Kaiser seine Gesandten: Karl, Farlow, Waremund, Rulaw,und Stemid, (Aus diesen Namen bemerkt man, daß der erste und dritte Gesandte Waräger, der zweite und vierte aber Slawen gewesen.) welche einen Vergleich auf folgende Bedingungen schlossen.

 

Erstens. Die Griechen sollten an die zwey tausend Schiffe, auf jedes Schiff vierzig Mann gerechnet, jedem Mann zwölf Griwen zahlen, welches überhaupt neun hundert und sechzig tausend Griwen

 

 

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ausmacht. (Ein schwerer Tribut zur damaligen Zeit, da viel weniger Geld im Umlaufe war als in den nachfolgenden Zeiten.)

 

Zweitens. Die Griechen sollten ins künftige den rußischen Städten einen jährlichen Tribut zahlen, nemlich: an Kiew, Tschernigow, Perejaslawl, Rostow, Lubitsch und andere Städte,wo unter Igors Oberherrschaft besondere Fürsten regierten.

 

Drittens. Die nach Griechenland kommende Russen, sollten von den griechischen Kaisern mit Lebensmitteln unterhalten werden; wenn aber ein Gesandter ankäme, sollte ihm ein sechsmonatlicher Unterhalt, eine bequeme Wohnung, und zu seiner Rückreise die erforderlichen Lebensmittel, Anker, Segel und Schiffs-Taue unentgeltlich gegeben werden. (Hieraus ist zu ersehen, daß die Gesandten ihre Reisen zu Wasser gethan haben.)

 

Viertens. Die rußischen Handelsleute sollten von den Griechen nichts umsonst fordern, und in den griechischen Städten und Dörfern niemand beleidigen.

 

Fünftens. Die nach Griechenland kommende Russen sollten bey St. Mamas 1) verweilen, wo ihre Namen aufgeschrieben und sie mit Lebensmitteln versorgt werden sollten.

 

Sechstens. Es wird den Russen untersagt, ohne Erlaubnis des Kaisers nach Konstantinopel

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1) Ein Kloster bey der Einfahrt in den Bosphor.

 

 

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zu kommen; wenn man es ihnen aber erlauben wird, so sollen nicht mehr als funfzig Mann unbewafnet und unter griechischer Aufsicht in die Stadt kommen.

 

Siebentens. Die rußischen Kaufleute sollen in Konstantinopel keinen Zoll bezahlen.

 

Nach Unterzeichnung des Vergleichs hatte Oleg eine Zusammenkunft mit dem griechischen Kaiser, und der Friede wurde von beiden Theilen mit einem Eide bekräftiget.

 

Einige Schriftsteller erzehlen, daß Oleg bey seiner Abreise, Igors Schild, auf welchem ein Kriegsmann zu Pferde vorgestellt gewesen, zum Andenken in Konstantinopel gelassen habe, und daß bis jezt ein Gemälde davon über der galatischen Pforte zu sehen seyn soll. Auch erzählt man, Oleg habe den Russen für ihre Fahrzeuge seidene, den Slawen baumwollene und den Warägern leinene segel zu weben befohlen; da aber die seidene Segel der Russen und die baumwollene der Slawen bald vom Sturm zerrissen worden, hätten die Russen und Slawen gesagt: laßt uns lieber Segel von Leinewand nehmen, denn der Wind weiß nicht was theuer sondern nur was stark ist.

 

Als Oleg mit Ruhm und vielem Golde und Silber und kostbaren Sachen nach Kiew zurück kam, ward er von dem Volk der Weise genannt. Nach diesem schickte Oleg zur Befestigung des Friedens und Schliessung eines Freundschafts-Vertrages wiederum folgende Personen, als Igors Gesandte an den griechischen Kaiser Leo, nemlich: Karl, Ingerd,

 

 

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Farlow, Welmind, Rulaw, Gudü, Aktew, Trian, Lidul, Fest und Stemid. Diese kamen nach Konstantinopel und schlossen mit den Bevollmächtigten des griechischen Kaisers einen aus siebenzehn Punkten bestehenden Vertrag, von welchen die vornehmsten folgende waren: Erstens, die Russen und Griechen sollen ewige Freunde und Bundesgenossen bleiben; Zweitens, den beiderseitigen Unterthanen soll bey erlittenen Beleidigungen nach Recht und nach den Landesgesezen 2) des Beleidigers Genugthuung geschehen; Drittens, die von Sturm beschädigten Schiffe eines oder des andern Volks sollen dem Eigenthümer zurück gegeben werden, u. s. w.

 

DieserVertrag wurde im Jahre 912 den 15ten September an einem Montage unterschrieben und mit einem Eide bekräftiget.

 

Der Kaiser Leo schickte die rußischen Gesandten mit vielen Geschenken in ihre Heimath zurück, und ließ ihnen vor ihrer Abreise seine Schätze zeigen und sie mit den Lehren und Gebräuchen der Christen bekannt machen.

 

Die Gesandten kamen nach Kiew zurück, wo Oleg im Namen des Großfürsten Igor den Frieden und das Bündnis mit den Griechen bestätigte, und da er mit allen Nachbaren Frieden hatte, ein vergnügtes Leben führte und der durch seine Weisheit erworbenen allgemeinen Ruhe genos.

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2) Hiedurch wird bewiesen daß die Russen damals eben so wie die Griechen ihre Gesetze gehabt haben.

 

 

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Bey Annäherung des Herbstes, sagen die Verfasser der Jahrbücher, gedachte Oleg an sein Lieblings-Roß, und befahl es vorzuführen, da er aber hörte, daß es in seiner Abwesenheit gestorben war, sezte er sich zu Pferde und ritt das Gerippe dieses Rosses vorbey, aus dessen Kopf eine Schlange herausschlüpfte und ihn am Fuß verwundete, wovon Oleg im Jahre 912 starb: und alle Leute beweinten ihn und klageten sehr.

 

Oleg hatte Rußland mit und unter dem Großfürsten Igor drey und dreysig Jahre regiert; er wurde auf dem Berge Tschekowiza begraben.

 

Olegs Weisheit, Erfahrenheit, und Tapferkeit erwarben der fürstlichen Gewalt unter dem Volke Zutrauen, Ehrerbietung und Folgsamkeit. Nach Olegs Tode fing der Großfürst Igor Rurikowitsch an selbst zu regieren (im Jahr 912) im 36sten Jahre seines Alters.

 

Im Jahre 913 weigerten sich die Drewier Igorn Tribut und Kriegsvölker zu geben.

 

Igor versammelte ein Heer, zog gegen die Drewier, überwand sie und legte ihnen zur Strafe ihres Ungehorsams eine Größere Schazung auf; die auferlegte Schazung aber vertheilte er unter seine verdiente Feldherrn und Truppen. Ferner sandte Igor einen seiner Feldherrn Namens Swenteld (einen Waräger) die Uglizen 3) zum Gehorsam zu bringen; sie widersezten sich zwar, als aber

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3) Uglize vom Flusse Ugla, jezt Orel.

 

 

 

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Swenteld sich nach einer dreyjährigen Belagerung der Stadt Pereßetschen (im Jahr 916) bemächtigte gingen die Uglizen den Dnieper herab, und verliessen die leere Stadt.

 

Im Jahre 915 kamen die Petschenegen zuerst in das rußische Gebiet. Igor schickte Ihnen entgegen und schloß mit ihnen Frieden.

 

Der griechische Kaiser nahm petschenegische Kriegsvölker in Sold; als aber die Petschenegen zu den Griechen kamen, und gewahr wurden, daß die griechischen Feldherren in Streit und Uneinigkeit lebten und die gemeine Sache und das gemeine Beste nicht zu Herzen nahmen, verliessen sie die Griechen, kehrten in ihre Heimath zurück, und gaben dadurch dem bolgarischen Zaren Gelegenheit über die Griechen die Oberhand zu erhalten und sich vieler griechischen Städte und selbst der Stadt Adrianopel zu bemächtigen.

 

Im Jahre 920 unternahm Igor wiederum einen Feldzug gegen die Petschenegen.

 

In eben diesem Jahre wurde dem Großfürsten Igor ein Sohn gebohren, welchen die Großfürstin Olga Swätoslaw nannte.

 

Im Jahre 921 schickte Igor nach Griechenland um den Tribut abzuholen; als er aber erfuhr, daß die Griechen den ihnen im Vergleich auferlegten jährlichen Tribut nicht bezahlen wollten, rüstete er Kriegsvölker und Schiffe aus, und wollte gegen die Griechen zu Felde ziehen. Die Griechen aber kamen diesem Zuge durch Bezahlung des Tributs zuvor.

 

 

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Als die Griechen von Igors Kriegs-Rüstung hörten, schlossen sie Frieden mit dem Bolgaren.

 

Nach diesem thaten die Ugern (Ungarn) einen Zug gegen Konstantinopel. Der Kaiser Roman kaufte sie mit Tribut ab, zum nicht geringen Nachtheil, Schimpf und Schaden des griechischen Reichs, welches durch innere Streitigkeiten und Unordnung bis zu diesem Grade gesunken war.

 

Im Jahre 941 schickte Igor nach dem jährlichen Tribut, welchen die Griechen nicht gehörig bezahlten; da er selbigen nicht erhielt, unternahm er mit vielem Volk in Kähnen einen Zug gegen Konstantinopel.

 

Da die Bolgaren dieses höreten, gaben sie dem griechischen Kaiser Nachricht, daß die Russen gegen Konstantinopel im Anzuge wären.

 

Igor eroberte nach seiner Ankunft die bithynische Gegend bis nach Heraklea, das paphlagonische Land und das ganze niekomedische Gebiet, und bemächtigte sich vieler griechischen Fahrzeuge. Die Griechen hatten damals in diesen Gegenden weder Truppen noch Anführer; bald aber kamen die Feldherren Pamphil Demestwennick mit vierzig tausend Mann, Phoka Patrikii mit den Macedoniern und Feodor Stratig mit den thracischen Völkern, und umringten das rußische Heer.

 

Igor hielt Kriegsrath und drang durch die Griechen, und es geschah eine große Schlacht. Die rußischen Völker überwältigten die griechischen; die Russen kamen des Abends zu ihren Fahrzeugen;

 

 

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Igor sezte sich in derselben Nacht zu Schiffe, und sties mit seinem Volk vom Ufer ab.

 

Der Kaiser schickte alle in Konstantinopel vorräthige Truppen mit den Patricius und Bewahrer der Kaiserlichen Kleider Theophan auf dem Hippodrom (ein Platz wo in Konstantinopel Pferde-Rennen angestellt wurden). Theophan rüstete die Seetruppen aus, und zog gegen die Russen welche er in ihren Kähnen erwartete, um sie anzugreifen. Unterdessen stand er an einem festen Ort verborgen, bey einer Baake (griechisch Pharos) auf welcher zur Erleuchtung der vorübergehenden Schiffe in der Nacht Feuer gehalten ward. Als der Patricius Theophan auf die rußischen Schiffe stieß, fing sich zwischen dem Griechen und Russen eine Schlacht an, in welcher die Russen die Griechen überwältigten. Die Griechen aber fingen an aus Röhren Feuer in die rußische Kähne zu werfen 4) die Kähne geriethen in Brand, die Russen bemüheten sich das Feuer zu löschen und in die See zu entkommen, doch kam nicht mehr als der dritte Theil von ihnen mit Igor nach Rußland zurück, weil einige ins Wasser fielen, andere den Griechen in die Hände geriethen.

 

Igor verlohr im Unglück nicht den Muth; er fing nach seiner Rückkunft an neue Kriegsvölker zu

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4) Dieses Feuer sagt man war eine schon längst von den Griechen erfundene Zusammensezung, welche nachher verlohren gegangen ist.

 

 

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werben, schickte übers Meer zu den Warägern und bot sie gegen die Griechen auf, um den gehabten Unfall wieder gut zu machen.

 

Im Jahre 944 versammelte Igor alle seine Kriegsvölker, Slawen, Polänen, Russen, Kriwitschen und Tiwerzen; er nahm Petschenegen in Sold und zog zum zweitenmal in Fahrzeugen und mit Reuterey gegen die Griechen. Als die Korßuner dieses hörten, liessen sie dem Kaiser melden, daß die Russen auf Schiffen im Anzuge wären, auch schickten sie dieselbe Nachricht nach Bolgarien, mit dem Zusatz, daß Igor Petschenegen in Sold genommen habe, und das die Reuterey zu Lande anrücke. Der griechische Kaiser sandte auf diese Nachricht einige vornehme Reichsbediente zu Igor, mit der Bitte, er wolle seinen Feldzug einstellen und die mit Oleg verabredete Summe (Tribut) für alle verflossene Jahre in Empfang nehmen; auch schickte der Kaiser den Petschenegen Gold und viele Geschenke. Als Igor zu Wasser bis an die Mündung der Donau gekommen war, und die Gesandten des griechischen Kaisers angenommen hatte, berief er seine Räthe zusammen und machte ihnen die Rede der Gesandten bekannt. Igors Räthe sagten zu ihm: „wenn der griechische Kaiser den Tribut bezahlen will, was können wir mehreres fordern? Es ist besser das gewünschte ohne Krieg zu erlangen. Wer kann wissen, wem das Glück im Kriege günstig seyn wird.“ Igor erkannte diesen Rath für heilsam, nahm die von den Griechen gesandte Geschenke an,

 

 

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befahl daß die Gesandten mit dem versprochenen Tribut sich in Kiew einfinden sollten, und kehrte selbst dahin zurück; Die Petschenegen aber sandte er gegen die Bolgaren.

 

Im Jahre 945 schickte der griechische Kaiser, zur Befestigung des vorigen Friedens Gesandte, zu Igor, welche den versprochenen Tribut mitbrachten.

 

Igor schickte hierauf seine Gesandten mit einem schreiben 5) an den Kaiser und schloß einen neuen aus siebenzehn Punkten bestehenden Vertrag, in welchem die vorigen Verträge zum Grunde gelegt wurden und über dieses im zehnten Artikel folgender merkwürdige Punkt festgesezt ward: „Anlangend das korßunische Gebiet und die darin befindlichen Städte, haben die rußischen Fürsten keine Gewalt selbige zu bekriegen oder einzunehmen; wenn sie (die Korßuner) aber Gelegenheit zur Feindschaft geben sollten, und der rußische Fürst (vom griechischen Kaiser) Recht verlangen wird, so wird der griechische Kaiser Truppen abschicken und Recht leisten.“

 

Aus diesem Punkt ist zu ersehen, das die rußischen Fürsten, vor diesem Tractat, vor und während Igors Regierung, das korßunische Gebiet (die Krimm) mit Krieg überzogen haben, wovon indessen die schriftlichen Nachrichten entweder verlohren gegangen oder noch nicht aufgefunden sind.

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5) Dieses beweiset, daß man damals in Rußland zu schreiben verstand.

 

Zweiter Band 1783.

 

 

 

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Im dreyzehnten Punkt ist folgendes enthalten: „Wenn aber die Schwarzen oder Bolgaren die korsunische Gegenden mit Krieg überziehen sollten, so soll der rußische Fürst sie nicht durchlassen, damit sie diesem Grenzgebiet 6) keinen schaden zufügen.“

 

Im siebenzehnten Punkt ist zum Vortheil der Griechen folgendes festgesezt: „Wenn die Griechen von dem Großfürsten Hülfsvölker verlangen würden, so sollten sie selbige schriftlich fordern, damit hiedurch in andern Ländern kund werde, welche Freundschaft zwischen den Griechen und Russen herrsche 7).“

 

Aus der Art der Unterzeichnung und Bestätigung dieses Vertrages, ist zu ersehen, daß damals schon viele Christen in Rußland gewesen sind.

 

Der Vertrag ward im Jahre 945 den 20sten April in der 3ten Woche nach Ostern unterschrieben.

 

Nach der Rückkunft der Gesandten des Großfürsten Igor nach Kiew, und nach der Ankunft der griechischen Gesandten, bekräftigte Igor den gedachten Vertrag mit einem Eide, welches nach der Erzehlung der Geschichtschreiber auf folgende Art geschah: „Des Morgens berief er die Gesandten zu

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6) Die Griechen, oder vielmehr die Genueser unter griechischer Oberherrschaft, waren im Besitz der Korßunischen (Krimischen) Städte; folglich ist dieser Punkt ihnen zum Vortheil festgesezt worden.

7) Hieraus ist zu ersehen, wie viele Achtung man damals schon für Rußland gehabt habe.

 

 

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sich und ging auf einen Hügel, und man legte seine Waffen, Schilde, Rüstung und Gold nieder, und man leistete einen Eid; die christliche Russen führte man zur Küßung des Kreuzes in die Kirche des heiligen Elias; denn es waren damals schon viele Waräger, Slawen und Russen, Christen.“

 

Igor entließ die Gesandten der Griechen mit Geschenken und gab ihnen verschiedene griechische Gefangene mit.

 

Die Geschichtschreiber sagen; „und es war wegen dieses Friedens allgemeine große Freude und Ruhe überall, und Künste und Handel vermehrten sich dadurch bey den Russen und Griechen.“

 

Igor hatte nun Frieden mit allen Nachbarn und blieb in Kiew,und dachte darauf wie er den Drewiern einen neuen und größern Tribut auflegen wollte. Er zog mit einem Heer gegen sie unter Anführung Swinelds, hob von ihnen eine harte Schazung, und fügte ihnen viel Leid zu. Er kam nach Kiew zurück, ließ seine Truppen nach ihrer Heimath ziehen und gieng mit einem kleinen Theil derselben wiederum gegen die Drewier, um noch mehrern Tribut einzunehmen. Als Maldiw, Niskitens Sohn, Fürst der Drewier, hörte, daß Igor gegen sie im Anzuge sey, schickte er seine Gesandten mit folgender Bitte zu ihm: „verheere und vertilge uns nicht, du hast den ganzen Tribut gehoben,laß uns in Ruhe.“

 

Igor achtete auf die Bitte der Drewier nicht, zog gegen sie und lagerte sich vor die Stadt Korosten. Die Drewier aber kamen in der Nacht aus

 

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der Stadt Korosten, fielen unvermuthet Igors Lager an und erschlugen ihn und die wenigen Leute die mit ihm waren (im Jahr 945).

 

Igor starb im 68sten Jahre seines Alters, nachdem er 66 Jahr regieret hatte.

 

Er ward in einem Walde bey der Stadt Korosten an einem Bache begraben, wo noch jezt ein sehr großer Hügel Igors Grab genannt wird.

 

 

Geschlechts-Register Igors I.

 

Ein finnischer König – – – oo Dessen Gemahlin Umila Gostomüsls Tochter.

 

Der urmannische Fürst Oleg, Igors Vormund von 879 bis 912

 

Efandens Sohn erster Ehe Oskold. Fürst zu Kiew von 863 bis 883

 

► Rurik I.Großfürst des nördlichen Rußlands von 862 bis 879.

oo Dessen Gemahlin, Efanda, eine urmannische Prinzesin

 

► Igor I. Großfürst des nördlichen und südlichen Ruslands von 879 bis 945

oo Dessen Gemahlin, Olga, Gestomüsls Urenkelin, eine Enkelin seiner ältesten Tochter.

 

► Swätoslaw.

 

 

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Igors Zeitverwandte, von 879 bis 945, waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Basil von 867 bis 886. Leo VI. Basils Sohn von 911 bis 912. Konstantin VI. von 912 bis 959.

 

In Deutschland. Kaiser. Karl der dicke von 880 bis 888. Arnulf von 888 bis 899. Ludwig IV. von 899 bis 912. Konrad I. von 912 bis 918. Heinrich I. von 918 bis 936. Otto der Große von 936 bis 979.

 

In Polen. Könige. Simowiet von 861 bis 892. Lesko IV. von 892 bis 913. Simomüsl von 913 bis 964.

 

In Bolgarien. Zaren. Bogoris von 844 bis 860. Presiäm v. 860 bis 867. Michael von 867 bis 870. Wlastimir v. 870 bis 880. Simeon von 880 bis 927, Peter von 927 bis 970.

 

In Böhmen. Fürsten. Borsiwoi von 890 bis 902. Spitignei I. von 902 bis 907. Wratislaw I. von 907 bis 916. Wenzeslaw I. von 916 bis 938. Boleslaw I. von 938 bis 967.

In Sachsen. Fürsten. Otto I. von 880 bis 912. Heinrich I. von 912 bis 936. Otto II. von 936 bis 960.

 

 

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In Baiern. Fürsten. Liutpolk von 889 bis 907. Arnulf von 907 bis 937. Bertold von 937 bis 945.

 

In der Pfalz. Fürsten. Eberhard von 925 bis 939. Herman I. von 939 bis 993.

 

In Brandenburg. Fürsten. Siegfried von 927 bis 937. Heron von 937 bis 965.

 

In Dänemark. König. Harald von 930 bis 980.

 

In Arabien. Kalifen. Motamed Willa XXXIV. Kalif von 870 bis 892. Motaded Willa XXXV. Kalif von 892 bis 902. Mustaf Willa XXXVI. Kalif von 902 bis 908. Mokrader Willa XXXVII. Kalif von 908 bis 932. Kager XXXVIII. Kalif von 932 bis 934. Radi XXXIX. Kalif von 934 bis 940. Motaki XL. Kalif von 940 bis 944. Mostaksi XLI. Kalif von 944 bis 946.

 

In Egypten. Kalifen. Owoidalla von 909 bis 935. Kaem Awul Kasem von 935 bis 945.

 

In Frankreich. Könige. Ludwig III. von 879 bis 882. Karl der dicke von 882 bis 887. Eudes von 887 bis 896. Karl III. von 896 bis 929. Ludwig IV. Von 929 bis 954.

 

 

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In England. Könige. Alfred der Große von 871 bis 900. Eduard I. von 900 bis 924. Abelstan von 924 bis 940. Edmond von 940 bis 946.

 

In Spanien. Könige. Alphons III. von 866 bis 912. Garsias I. von 912 bis 913. Ordon II. Von 913 bis 923. Froila II. Von 923 bis 924. Alphons IV. Von 924 bis 932. Ramir II. Von 932 bis 950.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Photius von 877 bis 886. Stephan von 886 bis 893. Anton von 893 bis 895. Nicolas von 895 bis 906. Ephim von 906 bis 911. Nicolas von 911 bis 925. Stephan von 925 bis 928. Triphon von 928 bis 931. Theofilakt von 931 bis 956.

 

Römische Päbste. Johann VIII. von 872 bis 882. Marin von 882 bis 884. Adrian von 884 bis 885. Stephan von 885 bis 891. Formosus von 891 bis 896. Bonifatius von 896 bis 896. Stephan von 896 bis 897. Roman von 897 bis 898. Theodor von 898 bis 898. Johann IX. von 898 bis 900. Benedikt IV. von 900 bis 903. Christoph von 903 bis 904.

 

 

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Sergius von 904 bis 911. Anastasius III. von 911 bis 913. Landon von 913 bis 914. Johann X. von 914 bis 928. Leo VI. von 928 bis 929. Stephan VII. von 929 bis 931. Johann XI. von 931 bis 936. Leo VII. von 936 bis 939. Stephan VIII. von 939 bis 942. Marin II. von 942 bis 946.

 

Patriarchen zu Alexandrien. Michael von 872 bis 908. Christodul von 908 bis 933. Eustichius von 933 bis 940. Sophron von 940 bis 968.

 

Patriarchen von Jerusalem. Elias von 879 bis 907. Sergius von 907 bis 911. Leontius von 911 bis 927. Anastasius von 927 bis 928. Nikolaus von 928 bis 937. Christoph yon 937 bis ___ . bis Johann von ___ bis 969.

 

Patriarchen zu Antiochien. Theodosius von 870 bis 886. Eustachius von 886 bis 892. Simeon von 892 bis 904. Elias von 904 bis 934. Theodosius von 934 bis 938. Theodor ____ bis ___. Agapius 938 Christoph ___ bis 969.

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Kiew. Oskold von 863 bis 883.

 

 

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24.

Großfürst Swätoslaw I.

Nach des Großfürsten Igor Rurikowitsch Tode, folgte ihm in dem erblichen Besitz der vereinigten Fürstenthümer des nördlichen und südlichen Rußlands sein Sohn Swätoslaw Igorewitsch, damals (im Jahr 945) fünf und zwanzig Jahre alt, weil er im Jahre 920 nach Christi Geburt gebohren war. Swätoslaws Führer war Asmund (ein Waräger). Swätoslaw hatte von seiner Kindheit an Neigung zu Kriegssachen, und gewöhnte sich von früher Jugend zur Mäßigkeit.

 

Wenn er mit der Armee im Felde war, führte er nicht viel überflüßiges Gepäcke und Geräthe mit sich, sondern speisete und kleidete sich eben so wie seine Truppen, (die Geschichtschreiber erzehlen, er habe luftgedörrtes Fleisch und trocken Brodt gegessen) schlief auf der Erde auf einer Filzdecke, den Sattel unter seinem Haupte, sein Mantel aber diente ihm zum Zelte. Zu seinen Vertrauten wählte er geschickte oder tapfere Leute, so wie er sich nachher selbst zeigte. Die Annalisten sagen, daß er leicht, schnell, thätig, statlich und lebhaft gewesen sey. Wenn er von einem benachbarten Volk beleidigt war, fing er ehe keinen Krieg an, bis er zum voraus bekannt gemacht hatte, daß, wenn man den Frieden wünsche, man Gesandte zur Schliesung eines Vergleichs schicken möchte, wenn

 

 

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man aber dieses nicht thun wolle, so werde er kommen und den Frieden erzwingen.

 

So lange seine Mutter die Großfürstin Olga am Leben war, achtete der Großfürst Swätoslaw wenig auf die Regierung des Reichs, sondern beschäftigte sich mit Kriegsanstalten.

 

Die Geschichtschreiber melden, daß Swätoslaw selten in Kiew gewesen, und sich in allem auf die Weisheit und Erfahrung seiner Mutter verlassen habe.

 

Zur Zeit des Todes des Großfürsten Igor (im Jahr 945) war die Großfürstin Olga mit ihrem Sohne Swätoslaw in Kiew, der Anführer der Truppen aber war Sweneld, Mstischens Vater.

 

Die Drewier befürchteten, daß die gegen Igor begangene Frevelthat nicht unbestraft bleiben würde, sie dachten auf Mittel, und hoften die Sache durch List gut zu machen, ihre Unabhängigkeit zu erhalten, und wenn sie bey der Veränderung der Regierung in Kiew dazu Gelegenheit fänden, die Schwäche der Russen zu nutzen.

 

Um diese ihre Anschläge auszuführen, ernannten sie Gesandte, und schickten sie mit Entschuldigungen und Vorschlägen zu einer sehr genauen Verbindung, an den Hof des Großfürsten Swätoslaw. (Die Geschichtschreiber melden, als wenn die Gesandten die Vermählung ihres Fürsten Maldiw mit der Großfürstin Olga in Vorschlag gebracht hätten; dieses hat zwar wenig Wahrscheinlichkeit, weil die Großfürstin Olga damals

 

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schon 60 Jahr alt war, indessen konnte doch von der andern Seite eine solche Verbindung dem Fürsten Maldiw, wegen des Antheils welchen die Großfürstin Olga an der Regierung hatte, schmeichelhaft scheinen.)

 

Die Gesandtschaft der Drewier wurde äusserlich mit Anstande aufgenommen. Die Großfürstin Olga vernahm die Ursache der Ankunft der Gesandten und antwortete: sie wäre in ihrem Witwenstande den Drewiern noch Dank schuldig, daß sie so viele Achtung für sie bezeigten, sie könne ihren Mann nicht wieder erwecken, sie wünsche das Vergangene zu vergessen und mit ihnen in die genaueste Verbindung zu treten, und wolle sie auf eine der Wichtigkeit ihrer Gesandtschaft angemessene Art aufnehmen.

 

Als die drewische Gesandten eine so freundliche Antwort erhielten (wahrscheinlich schrieben sie solche der Schwäche zu) wurden sie selbst sehr stolz und hatten thörichte Einfälle 1). Die Großfürstin

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1) Die Geschichtschreiber erzehlen, die Dreswier hätten verlangt, daß die Kiewer sie in Kähnen auf ihren Köpfen nach dem fürstlichen Hofe tragen sollten. Der Dnieper hat in Kiew steile Ufer, und der fürstliche Hof stand auf einer Anhöhe, es könnte also wohl seyn, daß die drewischen Gesandten eben so thörichte Einfälle gehabt haben, als man in den vergangenen Zeiten bey andern unaufgeklärten Völkern antrift.

 

 

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Olga schickte, vielleicht dieserwegen, vielleicht auch um Zeit zu gewinnen, einen Boten an die Drewier, und ließ ihnen eben das was den Gesandten gesagt worden war, bekannt machen, mit dem Ansuchen, die Drewier möchten zu so wichtigen Unterhandlungen eine größere Zahl ihrer ansehnlichsten Männer zu ihr schicken, mit welchen sie alles verabreden könnte.

 

Als die Drewier diese Nachricht erhielten, fertigten sie funfzig ihrer ansehnlichsten Männer ab, welche Olga unter dem Vorwande, daß sie von der weiten Reise ausruhen möchten, nicht vor sich ließ, sondern wiederum einen Boten zu den Drewiern schickte, mit der Anzeige, daß sie nach Erhaltung der lezteren Gesandtschaft selbst zur Schliessung des Bündnisses zu ihnen komme, aber vor allen Dingen zuerst auf dem Grabe ihres Gemahls ein Trisna (Gedächtnißfest) zu feiern wünsche. Sie selbst aber versammelte ein Heer, und zog gegen die Drewier. Als sie sich denselben näherte, wählte sie eine kleine Zahl ihrer treuesten und zuverläßigsten Krieger, mit welchen sie in die Stadt Korosten einzog, wo sie mit großer Freude empfangen ward.

 

Olga verlangte, daß man ihr ohne Verzug Igors Grab zeigen sollte, sie begab sich dahin und weinete sehr um ihren Mann. Hierauf befahl sie den Kiewern und Drewiern, einen großen Erdhügel aufzuschütten, nach dessen Vollendung sie, dem damaligen Gebrauch gemäß, ein Gedächtnißfest

 

 

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zu feiern verordnete. Die Drewier fragten, wo die von ihnen abgeschickte Männer wären? Olga antwortete, daß sie mit den Leuten ihres Sohnes nachkämen. Hierauf befahl Olga ihren Bedienten die Drewier zu bewirthen, sie selbst ging in ein anderes Zelt und erwartete ihre nachgebliebene Truppen, nach deren Ankunft sie die Drewier umringen und die Schuldigen bestrafen ließ. Sie kehrete eiligst nach Kiew zurück, und versammelte mehrere Truppen zum Feldzuge gegen die Drewier, um selbige völlig ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Olga ging mit ihrem Sohne Swätoslaw und ihrer Armee von neuem nach dem Lande der Drewier, welche ihr mit gesammter Macht entgegen kamen. Der Großfürst Swätoslaw führte zum erstenmale, aber mit vieler Tapferkeit, seine Truppen an, Sweneld und Asmund folgten treulich seinem Beyspiele; die rußischen Truppen fochten muthig und überwanden nach einigem Widerstande die Drewier.

 

Die Drewier flohen und verschlossen sich in ihre Städte. Olga zog mit ihrem Sohne gegen Korosten und stand mit den Truppen vor der Stadt; gegen die andern Städte aber schickte sie Feldherren. Man stand den ganzen Sommer über ohne sich der Stadt Korosten zu bemächtigen. Gegen das Ende des Sommers schickte man in die Stadt um sie zur Uebergabe aufzufordern, die Drewier versprachen die Stadt zu übergeben, wenn man sie wegen ihrer Frevelthat gegen Igor, unbestraft lassen wollte, und verbanden sich einen mäßigen Tribut zu geben.

 

 

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Während der Unterhandlungen, wegen der Uebergabe und des Tributs, entstand in der Stadt ein Brand, wodurch ganz Korosten zu Grunde ging, die Einwohner aber flohen aus der Stadt.

 

Olga befahl ihren Truppen, die Drewier aufzufangen und festzunehmen, einige zu strafen, andere als Arbeitsleute zu vertheilen, den übrigen aber einen Tribut aufzulegen, von welchem zwey Theile nach Kiew an den Großfürsten, der dritte aber für sie selbst nach Wüschegrad geliefert werden sollte, weil Wüschegrad Olgens Erbtheil oder ihre Morgengabe war.

 

Nach diesem zog die Großfürstin Olga und der Großfürst Swätoslaw mit dem ganzen Heere durch das drewische Land, um gute Ordnung einzuführen; sie trafen überall gute Anstalten und Anordnungen und kehrten nach Kiew zurück.

 

Im Jahre 947 blieb der Großfürst Swätoslaw in Kiew, Olga aber ging mit vielen Großen auf der Msta und dem Flusse Pola nach Nowogrod, theilte die Gegend in Bezirke, und ordnete längst der Luga Steuern und Schazungen an.

 

Die Annalisten sagen: Olga begab sich aus Nowogrod nach ihrem Vaterlande wo sie gebohren war, ins Weß-Wibuzkische, und als sie in dieser Gegend an einem Flus kam, welcher der große Fluß hieß, an die Stelle wo ein Fluß Pskowa genannt darinn fällt, (es war aber an dieser Stelle ein großer Wald) und voraussahe, daß in dieser Gegend eine

 

 

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Stadt nüzlich und vorheilhaft seyn würde, befahl sie die Stadt Pskow (Pleskow) anzulegen und zu bevölkern; sie gab dazu viel Gold und Silber, bauete viele Fleken und Dörfer, vertheilte sie in Bezirkel kehrte nach Kiew zurück und lebte mit ihrem Sohne in Liebe und Eintracht.

 

Während der Reise der Großfürstin Olga, ward dem Großfürsten Swätoslaw, in dem Flecken Budätin nahe bei Pskow, von Olgens Haushälterinn Maluscha sein dritter Sohn gebohren, welchen er Wladimir nannte.

 

Olgens angebohrner Scharfsinn glänzte auch mitten in der Dunkelheit ihres Zeitalters; ihre der Tugend geneigte Seele fand in den damalige Grundsätzen Sitten und Gebräuchen viel unvollständiges und Verbesserung bedürftiges. Ihr großer Verstand begrif was ihr noch unbekannt wäre. In ihrer Nachbarschaft befand sich das griechische Reich welches bey vorfallenden Geschäften oft die Aufmerksamkeit der Beherrscher Rußlands auf sich zog. Aus selbigem kamen Ueberfluß, Handel, Kenntnisse und sogar Begriffe von Sachen welche den in den rußischen Ländern angenommenen entgegen waren. In der Stadt Kiew selbst befanden sich unter den Augen der Großfürstin Olga nicht nur Griechen sondern auch der griechischen Religion zugethane Unterthanen des Großfürsten Swätoslaw, Russen, Slawen und Waräger, welche ein enthaltsames, tugendhaftes Leben führten, Wohlwollen und Liebe

 

 

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des Nächsten lehrten, und sich durch Sanftmuth, Gehorsam, Ergebenheit und Geduld allgemeines Lob erwarben.

 

Die unwiederlegbaren Gründe so vieles guten befestigten sich ohne Mühe in einer Wahrheitliebenden Seele. Olga mit dem Gefühl der Wahrheit erfüllt, empfand ein Verlangen nach Griechenland zu reisen, um mit der heiligen Taufe die wahre christliche Lehre anzunehmen, welches sie in Kiew nicht sowohl thun konnte, wo der größte Theil des Volks noch ohne Kenntnis der christlichen Religion lebte.

 

Im Jahre 955 ging die Großfürstin Olga von einer ansehnlichen Zahl der vornehmsten Männer begleitet, mit vielen Schätzen zu Wasser nach Konstantinopel, wozu der Vortheil der Geschäfte und Bedürfnisse ihres Reichs die Veranlassung zu seyn schien.

 

Damals regierte in Griechenland Kaiser Konstantin VI. Prophyrogenet, Sohn des Kaisers Leo, welchem Olga bey ihrer Ankunft in Konstantinopel, nach damaligem Gebrauch, viele Geschenke brachte.

 

Die griechischen Schriftsteller melden, daß der Kaiser, die Kaiserin, das kaiserliche Haus, und alle vornehme Hofbedienten zum Empfange eines so hohen Gastes in ganz besonderer Pracht erschienen, und daß während desselben Anwesenheit in der Hauptstadt nichts als Freudenbezeigungen, beständige Gesänge, Lustbarkeiten und feierliche Gastmähle veranstaltet worden sind.

 

 

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Die rußischen Schriftsteller erzehlen, daß der griechische Kaiser die Schönheit der Großfürstin (nach ihren Jahren) und ihre Klugheit mit Bewunderung betrachtet, und im Gespräch unter andern zu ihr gesagt habe: „Du bist vieler Reiche würdig, und auch dieser Thron würde durch dich glücklich seyn“ worauf die Großfürstin geantwortet habe: „Ich bin hieher gekommen, um die christliche Religion zu lernen und zu verstehen, und wünsche getauft zu werden, wenn du selbst mein Pathe seyn willst.“ Der Kaiser vernahm diese ihre gute Gesinnungen mit Freuden, er befahl alles zu ihrer Taufe vorzubereiten, und führte sie selbst zur heiligen Taufe die der Patriarch Theophilakt verrichtete, und in welcher ihr der Name Helena 2) beygelegt wurde; der griechische Kaiser gab ihr viele Geschenke und ließ sie in ihr Land ziehen. Die Großfürstin Olga empfing den Seegen des Patriarchen von Konstantinopel,

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2) Einige Schriftsteller erzehlen, der Kaiser habe ihr nach der heiligen Taufe zugeredet, sich mit ihm zu vermählen, sie aber habe sich damit entschuldiget, das er ihr Pathe wäre. Da aber Olga damals siebenzig Jahr alt war, so ist der Heyrathsantrag unwahrscheinlich, welcher auch völlig dadurch wiederlegt wird, daß Konstantin damals eine Gemahlin hatte, welche die Großfürstin Olga und alle bey ihr befindliche Bojaren nach ihrem Stande aufgenommen und bewirthet hat.

 

Zweiter Band 1783.

 

 

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kehrte nach Rußland zurück, und ermahnete nach ihrer Ankunft in Kiew ihren Sohn, daß er sich taufen lassen möchte. Dieser aber antwortete ihr: „wie soll ich mich allein taufen lassen, die übrigen wollen nicht.“ Die Großfürstin erwiederte hierauf: „wenn du dich nur taufen liessest, so würden alle übrige dasselbe thun;“ Swätoslaw nahm aber die Taufe nicht an, weil er befürchtete daß ihn seine Truppen, die nicht getauft waren, im Streit verlassen möchten.

 

Im Jahre 956 schickte der Kaiser Konstantin Gesandten an die Großfürstin Olga und ihren Sohn Swätoslaw, und ließ um Hülfsvölker bitten.

 

Olga war damals mit den Griechen unzufrieden, welche ihr auf gewisse Sachen keine entscheidende Antwort gegeben, und sie darauf lange in Skutari hatten warten lassen; ihr Sohn Swätoslaw liebte die Griechen nicht, beide aber hielten dafür, daß es ein zu weiter Weg wäre, den Griechen jenseit Konstantinopel Hülfsvölker zu schicken; sie gaben also keine Truppen, sondern beschenkten die Gesandten und liessen sie mit Ehren ziehen.

 

Im Jahre 965 unternahm der Großfürst Swätoslaw einen Feldzug gegen die Kosaren, welche ihm mit ihrem Fürsten oder Kagan entgegen kamen.

 

Swätoslaw überwand die Kosaren und eroberte die Stadt Belowesh. Hierauf zog er gegen die Jaßen und Kosogen, überwand sie und brachte viele derselben als neue Anbauer nach Kiew.

 

 

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Im Jahre 967 zog Swätoslaw auf Verabredung mit dem griechischen Kaiser Nicephor, und wegen seiner eigenen Beschwerden gegen die Bolgaren, die den Kosaren Hülfe geleistet hatten, gegen die Donau, und traf am Dniester die Bolgaren, Kosaren, Kosogen 3) und Jasen, welche ihn jenseit des Flusses mit einer großen Macht erwarteten.

 

Swätoslaw sezte höher nach der Quelle zu über den Dniester, zog daselbst die ihm von den Ungarn zu Hülfe geschickten Truppen an sich, erreichte hierauf den Feind, überwand die Bolgaren, Kosaren, Kosogen und Jaßen, eroberte achtzig Städte an dem Dniester, der Donau, dem Prut, dem Seret, der Olta und an andern (in diese fallenden) Flüssen und blieb selbst in Perejaslawez 4) an der Donau, wohin ihm die Griechen den verabredeten, jährlichen Tribut ohne Weigerung zuschickten. Mit den Ungarn lebte Swätoslaw in Liebe, Einigkeit und Freundschaft, in Rücksicht seiner Vermählung mit der ungarischen Prinzessin Preslawa, welche ihm zwey söhne nemlich Jaropolk und Oleg gebahr.

 

Im Jahre 968 beschäftigte sich der Großfürst Swätoslaw in Perejaslawez an der Donau mit Kriegssachen.

 

Die Großfürstin Olga lebte mit ihren drey Enkeln Jaropolk, Oleg und Wladimir in Kiew und besorgte die Landessachen (die bürgerlichen oder innerlichen Geschäfte).

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3) Die Koßogen und Jaßen wohnten in der Moldau.
4) Jezt die Stadt Rußtschug.

 

 

 

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Um diese Zeit kamen die Petschenegen unvermuthet vor Kiew und umringten die Stadt von allen Seiten. Kiew hatte damals keine Truppen, die Einwohner aber vertheidigten die Stadt, und hielten sich so gut sie konnten. Man konnte Swätoslawen keine Nachricht geben, weil die Petschenegen alle Wege besezt hatten, auch nicht zuliessen aus dem Dnieper Wasser zu holen. Als der Feldherr Pretitsch, welcher damals jenseit des Dniepers in Tschernigow war, hievon Nachricht erhielt, rüstete er eilends so viele Truppen aus, als er zusammen bringen konnte, ging in Kähnen und mit Reuterey den Fluß herab, und stand jenseit des Dniepers gegen über Kiew (in der Niederung) so daß er die Kähne vor sich hatte.

 

Die kiewischen Aeltesten suchten einen Menschen den sie mit der Nachricht, von der äussersten Noth, in der die Stadt war, zum Feldherrn schicken könnten, und fanden einen der petschenegischen Sprache vollkommen kundigen Mann, der sich erbot diese Nachricht dem Feldherrn jenseit des Dniepers zu überbringen. Er ging in derselben Nacht aus der Stadt mit einem Zaum durchs petschenegische Lager, als wenn er ein Pferd suchte, und erkundigte sich bey denen die ihm begegneten ob sie nicht sein Pferd gesehen hätten.

 

Da die Petschenegen ihn für einen der ihrigen hielten, so erreichte er den Dnieper, warf seine Kleider ab und schwamm durch den Fluß; die Petschenegen die dieses bemerkten, sezten ihm zwar eilends

 

 

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nach, konnten ihm aber nichts anhaben. Als die mit dem tschernigowischen Feldherrn angekommenen rußischen Truppen diesen im Dnieper schwimmenden Menschen gewahr wurden, schickten sie ihm einige Kähne zu Hülfe, nahmen ihn in einen Kahn und brachten ihn zum Feldherrn, dem er die Noth in welcher sich Kiew befand bekannt machte.

 

Der Feldherr Pretitsch hielt einen Kriegsrath, in welchem fast alle einmüthig vorstellten, das man mit so wenigen Leuten als sie bey sich hätten die Stadt gegen eine überlegene Macht nicht vertheidigen könne, und daß es gleichfalls ohne Nutzen seyn würde, die Truppen ohne hinlängliche Lebensmittel in die Stadt zu führen. Pretitsch aber welcher über legte das er Kähne hätte und das die Petschenegen ihm ohne Kähne auf dem Wasser nichts anhaben könnten, faßte den endlichen Entschluß, mit seinen Kähnen über den Fluß zu gehen und sagte: „wenn man die Stadt nicht vertheidigen und ihr Hülse leisten kann, so können wir wenigstens die Grosfürstin und die jungen Prinzen mit uns nehmen und auf diese Seite bringen.“

 

Er verfuhr hierauf wie folget: man sezte sich des Nachts in die Kähne und blies beym Anbruch des Tages die Trompete und ging gerade auf die Stadt zu, die Leute in der Stadt aber, die dieses höreten, thaten einen Ausfall und griffen die Petschenegen an. Als die Petschenegen sahen daß sie von vorne und im Rücken angegriffen wurden und glaubten daß Swätoslaw selbst der Stadt zu Hülfe gekommmen

 

 

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wäre, flohen sie aus Furcht vor ihm von der Stadt; so furchtbar war ihnen selbst der Name des Großfürsten Swätoslaw, weil er ein geschickter Mann und ein sehr tapferer Krieger war.

 

Unterdessen begab sich die Großfürstin Olga mit ihren drey Enkeln Jaropolk, Oleg und Wladimir und mit ihren Leuten aus Kiew zu den Kähnen, und entfernte sich von der Stadt. Als es helle ward, kam der petschenegische Fürst mit wenigen Leuten zurück, näherte sich den rußischen Truppen und verlangte, daß der Fürst oder Feldherr zur Unterredung zu ihm kommen sollte. Der Feldherr Pretitsch ritt zu ihm, und der petschenegische Fürst fragte: „Wer ist zur Stadt gekommen, ists der Fürst selbst oder ein Feldherr?“

 

Pretitsch antwortete: „Ich bin Swätoslaws Feldherr, und komme mit dem Vortrab, nach mir folgt ein sehr großes Heer unter eigener Anführung des Fürsten.“ Der petschenegische Fürst sagte hierauf: “sey mein Freund, und laß uns Friede machen;“ Pretitsch willigte hierein und sie gaben einander die Hand. Der petschenegische Fürst schenkte Pretitschen ein Pferd, einen Säbel und Pfeile, Pretitsch aber gab dem Fürsten ein Schild und ein Schwerdt. Hierauf entfernte sich der petschenegische Fürst mit seiner Armee von der Stadt und kehrte in sein Land zurück, ohne sich der Stadt Kiew bemächtiget zu haben.

 

Nun sandte die Großfürsten Olga zum Großfürsten Swätoslaw und ließ ihm sagen: „Du Fürst

 

 

 

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vertheidigest entfernte Grenzen, und hast dein altes Erbtheil Kiew, deine Mutter und deine Kinder ohne Schutz verlassen; dieses haben die Petschenegen gehört, und sind gekommen, und hätten sich bald der Stadt bemächtiget. Wenn du nicht kommen und uns beschützen wirst, so ist sehr zu befürchten, sie werden wieder kommen und sich dieser Residenz deiner Voreltern bemächtigen. Besonders aber solltest du dich deiner Mutter in ihrem Alter und deiner Kinder erbarmen, damit sie nicht fremden Völkern in die Hände fallen.“

 

Als Swätoslaw dieses vernahm, kam er eiligst mit einem Heer nach Kiew, und bedauerte die Seinen wegen der von den Petschenegen erlittenen Bedrängnisse; er zog ohne Verzug gegen die Petschenegen, traf und überwand sie, schloß mit ihnen Frieden und kehrte nach Kiew zurück.

 

Im Jahre 969 ward der Großfürst Swätoslaw, nach einem kurzem Aufenthalt in Kiew, des Lebens daselbst überdrüßig, und sagte zu seiner Mutter und den Bojaren: „Ich finde kein Vergnügen in Kiew zu seyn, sondern mag lieber in Perejaslawez an der Donau wohnen; denn da ist das Herz meines Reichs, wo alles Gute zusammen fließt. Von den Griechen bekomme ich Stoffe und Kleider, Gold, Wein und allerley Früchte; aus Böhmen und Ungarn Silber und Pferde; aus Rußland Pelzwerk, Wachs, Honig und Kriegsleute.“ Olga ermahnete ihn und sagte: er möchte bis zu ihrem Ende bey ihr bleiben; sie war aber damals schon krank

 

 

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und starb einige Tage nachher im 84sten Jahre ihres Alters. Sie ward in Kiew in der Zehenden-Kirche begraben, und nicht nur von ihrem Sohn und ihren Enkeln sondern auch von dem ganzen Volk betrauret und beweint.

 

Da die heilige Olga selbst von dem Geschlecht der slawischen Fürsten war, so brachte sie das slawische Volk wieder in Ansehen. Man bemerkt bey den um sie gewesenen Anführern und obrigkeitlichen Personen überall slawische Namen. Olga brachte die slawische Sprache in gemeinen Gebrauch. Es ist bekannt, daß Völker und Volkssprachen sich durch die Weisheit und Aufmerksamkeit der Regenten vergrößern und ausbreiten. So wie sich ein weiser Regent die Ehre und Sprache seines Volks angelegen seyn läßt, so blühet die Sprache dieses Volks. Viele Volkssprachen sind durch ein entgegengeseztes Verhalten verlohren gegangen.

 

Die Großfürstin Olga hat vorzüglich durch die Annahme der heiligen Taufe und durch die aus dem griechischen ins slawische übersezte Kirchenbücher der slawischen Sprache Bestand gegeben.

 

Swätoslaw verblieb nach dem Tode seiner Mutter einige Zeit in Kiew und ordnete die ganze Regierung.

 

Im Jahre 970 bestellete er seinen ältesten Sohn Jaropolk zum Herrn über Kiew, und seinen zweiten Sohn Oleg im Lande der Drewier. Um diese Zeit baten die Nowogroder Swätoslawen um

 

 

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einen seiner Söhne, sie zu regieren: Swätoslaw stellte ihnen frey zu bitten welchen sie wollten; sie baten eifrig um einen der älteren, aber Jaropolk und Oleg schlugen es ab. Einer der nowogrodschen Gesandten Namens Dobrinä rieth den Nowogrodern, um den jüngsten Sohn Wladimir zu bitten, welcher von Dobrinä's Schwester Maluscha, der Tochter eines Ljubezischen Slawen Kapluscha Malko, gebohren war. (Maluscha war eine Anverwandtin und Haushälterin der Großfürstin Olga und unter ihrer Aufsicht erzogen worden.) Die Nowogroder ließen sich diesen Rath gefallen, und baten Swätoslaw, er möchte ihnen seinen Sohn Wladimir geben: Swätoslaw war hierüber vergnügt und gab ihn gerne; die Nowogroder nahmen Wladimir zu sich, und er reisete mit Dobrinä nach Nowogrod.

 

Im Jahre 971 beschäftigte sich Swätoslaw in Kiew mit Landes-Ordnungen. Indes hatten die Bolgaren von Swätoslaws Zuge nach Kiew gegen die Petschenegen gehört, und kamen und umringten die Stadt Perejaslawez an der Donau. Swätoslaws Feldherr Wolk vertheidigte die Stadt aus allen Kräften; da er aber Mangel an Lebensmitteln litte, befahl er seinen Truppen insgeheim Kähne anzuschaffen, sezte sich in diese Kähne und ging mit allen Truppen und ihren Besizlichkeiten die Donau herab; die Bolgaren aber konnten ihm nichts anhaben, weil er alle Kähne mit sich geführt hatte. Wolk der bey seiner Ankunft zu der Mündung des

 

 

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Dniesters erfuhr, daß Swätoslaw mit einem Heer im Anzuge sey, ging den Dniester herauf und vereinigte sich mit ihm, die Bolgaren aber bemächtigten sich der Stadt Perejaslawez an der Donau, und befestigten sie so stark, als möglich war. Als Swätoslaw vor Perejaslawez ankam, verschlossen die Bolgaren die Stadt und fingen an, sich herzhaft zu vertheidigen; Swätoslaw aber bemächtigte sich der Stadt durch einen tapfern Sturm.

 

Da nun Swätoslaw von den gefangenen Bolgaren (unter welchen sich zwey Söhne des bogarischen Zaren Peters, Namens Boris und Roman, befanden) erfuhr, daß die Griechen die Bolgaren angestiftet hätten, ihn mit Krieg zu überziehen, sandte er nach Konstantinopel und ließ dem Kaiser für sein Unrecht den Krieg ankündigen. DerKaiser entschuldigte sich in seiner Antwort damit, daß die Bolgaren ihn fälschlich beschuldiget hätten, und sprach: Nehmt den Tribut. Während der Zeit aber daß man wegen des Tributs in Unterhandlung war, erfuhren die Griechen mit wie viel Kriegsvolk Swätoslaw gegen sie im Anzuge sey, und schickten doppelt so viel Truppen, und keinen Tribut. Swätoslaw versammelte alle seine Truppen, rüstete sie, und führte sie gegen die Griechen an. Als die bey Swätoslaw befindliche Russen, Ungarn und Polen das sehr große griechische Heer gewahr wurden, geriethen sie in Erstaunen, Swätoslaw aber sagte zu ihnen: „Es bleibt uns kein ander Mittel als ihnen die Spitze zu bieten; laßt uns nicht unsern Ruhm beflecken.

 

 

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Werden wir überwunden, so laßt uns auf dem Platze sterben, denn die Todten wissen von keiner Scham. Sollten wir aber fliehen, so würden wir einen ewigen Schimpf auf uns bringen. Dieser wegen werde ich nicht fliehen; laßt uns fest stehen und tapfer für unsere Ehre und unser Vaterland fechten, ich aber werde vor euch hergehen.“ Hier auf sagten alle: „wo du seyn wirst wollen wir auch seyn.“ Swätoslaw aber erhielt den Sieg und die Griechen flohen.

 

Swätoslaw folgte ihnen nach Thracien und nahm viele Städte ein. Als der griechische Kaiser von dem vorgefallenen Unglück Nachricht erhielt, berief er seine Großen zu Rath, und verlangte von ihnen zu wissen, was zu thun wäre; weil er glaubte das man Swätoslawen mit Gewalt der Waffen nicht wiederstehen könne. Die Großen gaben hierauf den Rath, man sollte Swätoslawen Geschenke schicken und ihn zum Frieden ermahnen. Der griechische Kaiser willigte in diesen Rath und sandte zu Swätoslaw einen weisen Mann mit Geschenken, welchem zugleich aufgetragen ward, sich nach Swätoslaws Zustande zu erkundigen.

 

Sobald Swätoslaw die Ankunft des griechischen Gesandten erfuhr, befahl er ihn vorzulassen; da dieser aber nach damaligem Gebrauch seine Ehrerbietung bezeigt und die Geschenke, bestehend in Gold, Silber, Stoffen und andern kostbaren Sachen dargebracht hatte, sahe Swätoslaw die Geschenke nicht an,

 

 

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und sagte zu seinen Hofbedienten: „Nehmt dieses und theilt es denen aus die es nöthig haben; zu dem Gesandten aber sprach er: „Ich habe Gold und Silber und dergleichen genug,und kriege nicht dieser Sachen wegen, sondern wegen des Unrechts des griechischen Kaisers; wenn ihr Frieden haben wollt, so werde ich ihn gern ertheilen, nur bezahlt den Verträgen gemäß was ihr seit einigen Jahren schuldig seyd.“

 

Die Gesandten kamen zum Kaiser zurück und meldeten ihm alles was vorgefallen war. Hierauf rieth man dem Kaiser, Swätoslawen Waffen zum Geschenk zu schicken, und der Kaiser sandte ihm ein Schwerdt und andere Waffen. Swätoslaw nahm diese ihm gebrachte Geschenke an, lobte die Waffen, und dankte dem Kaiser dafür. Als die Gesandten dem Kaiser alles vorgefallene gemeldet hatten und die Großen des griechischen Reichs davon benachrichtiget waren, sprachen sie von Swätoslawen mit bewunderndem Erstaunen; sie gedachten aller seiner tapfern Unternehmungen und Thaten, seiner Enthaltsamkeit und Mäßigung, wie er die Reichthümer verachte, die Waffen schäze und rühme, und die Ehre seines Vaterlandes blos zur Vertheidigung des Rechts und zur Bestrafung des Unrechts anwende; sie bedauerten daß Swätoslaw nicht zur Herrschaft über das griechische Reich gebohren war, und sagten (selbst in Gegenwart ihres Kaisers): „Wir würden froh seyn, einem solchen Herrn zu dienen, der den Ruhm und die Ehre seines Reichs erhöhet.“

 

 

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Swätoslaw sezte indessen seinen Zug fort, und war schon nahe bey Konstantinopel, als wiederum griechische Gesandte ankamen, und den verabredeten Tribut mitbrachten. Swätoslaw fand hierauf für gut nach Kiew zurück zu kehren, beschloß den Friedensvertrag mit den Griechen zu beendigen, und schickte Gesandte nach der Stadt Dester an den griechischen Kaiser, der sich damals in dieser Stadt befand. Der griechische Kaiser war hierüber froh; die Gesandten schlossen mit seinen Bevollmächtigten einen ewigen Frieden und unverbrüchliche Freundschaft, und sezten einen schriftlichen Vertrag auf, in welchem man die vorigen unter dem Zaren Igor geschlossenen Verträge bestätigte. Dieser Vertrag ward am 11ten Julius des Jahres 971 von Swätoslaws Gesandten Sweneld, und von dem griechischen Sinklit Theophan unterzeichnet.

 

Nach diesem mit den Griechen geschlossenen Frieden gieng Swätoslaw aus Perejaslawez an der Donau, in Kähnen die Donau herab, und auf dem Meere zur Mündung des Dniepers. Sein Feldherr Sweneld rieth ihm, er sollte lieber über Land zu Pferde als in Kähnen nach Kiew zurückkehren, weil die Petschenegen an den Wasserfällen des Dniepers ständen; Swätoslaw aber folgte seinem Rath nicht, sondern ging mit wenigen Leuten in Kähnen den Fluß herauf, und ließ die Armee zu Lande ziehen. Sweneld begleitete den Großfürsten. Die Petschenegen besezten indessen die Wasserfälle so daß Swätoslaw,

 

 

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als er dieselben erreicht hatte, vor der Menge der Petschenegen nicht durchkommen konnte. Er zog sich also zurück, blieb bey Beloberesh stehen, und verschanzte sich so gut er konnte, litte aber wegen Mangels hinlänglicher Lebensmittel nicht geringe Noth. Im Anfange des Frühlings (des 972sten Jahres) bewaffnete Swätoslaw seine Truppen und ging von besagtem Ort den Dnieper herauf, da er aber an die Wasserfälle des Dniepers kam, ward er von dem petschenegischen Fürsten Kurä überfallen und überwunden. Der Großfürst Swätoslaw war während des Gefechts auf den Kähnen zwischen den Wasserfällen, und ertrank im Dnieper; der Feldherr Sweneld aber kam mit den übriggebliebenen Leuten nach Kiew zurück.

 

Der Großfürst Swätoslaw starb im zwey und funfzigsten Jahre seines Alters und ward nahe bey den Wasserfällen des Dniepers begraben. Er regierte sieben und zwanzig Jahr.

 

Seine Gemahlin war die ungarische Prinzesin Predslawa, von welcher er zwey söhne hatte, nemlich Jaropolk und Oleg; von Maluscha, der Großfürstin Olga Haushälterin, einer Tochter des Slawen Kapluscha Malko aus Liubetsch, hatte er einen Sohn Wladimir.

 

 

 

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Geschlechts-Register Swätoslaw's I.

 

► Igor I. Großfürst des nördlichen und südlichen Rußlands von 879 bis 945.

oo seine Gemahlin Olga, von welcher

 

Swätoslaw I. Großfürst von ganz Rußland von 945 bis 972.

oo 1. Dessen Gemahlin, die ungarische Prin zesin Predslawa, von welcher Jaropolk und Oleg

2. Maluscha, von welcher Wladimir.

 

Swätoslaws Zeitverwandte, vom Jahre 945 bis 972 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Konstantin VI. von 912 bis 959. Roman I. von 959 bis 963. Nicephor von 963 bis 969. Johann von 969 bis 976.

 

In Deutschland. Kaiser. Otto der Große von 936 bis 973.

 

In Polen. Könige. Simomüsl von 913 bis 964. Miezislaw von 964 bis 999.

 

In Bolgarien. Zaren. Peter von 927 bis 970. Boris von 970 bis 974.

 

In Dänemark. König. Harald von 930 bis 980.

 

In Arabien. Kalifen. Mostakst XLI. Kalif von 944 bis 946. Moti XLII. Kalif von 946 bis 974.

 

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In Egypten. Kalifen. Almansor von 945 bis 953. Moes von 953 bis 975.

 

In Frankreich. Könige. Ludwig IV. von 929 bis 954. Lothar von 954 bis 986.

 

In England. Könige. Edmond von 940 bis 946. Edred von 946 bis 955. Edwein von 955 bis 959. Edgar von 959 bis 975.

 

In Spanien. Könige. Ramir II. von 932 bis 950. Ordon III. von 950 bis 955. Sanches von 955 bis 967. Ramir III. von 967 bis 982.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Theofilakt von 931 bis 956. Poliekt von 956 bis 970. Basil von 970 bis 974.

 

Römische Päbste. Marin II. von 942 bis 946. Agapet von 946 bis 956. Johann XII. von 956 bis 963. Leo VIII. Von 963 bis 965. Johann XIII. von 965 bis 972.

 

Patriarchen zu Alexandrien. Sofron von 940 bis 968. Elias von 968 bis 977.

 

Patriarchen zu Jerusalem. Johann von ___ bis 969. Christoph ___

 

Patriarchen zu Antiochien. Theodor ___ Agapius 938 Christoph ___ bis 969. Theodor von 969 bis 985.

 

In Rußland. Abgerheilte Fürsten.

 

In Kiew. Jaropolk von 970 bis 980.

 

Bey den Drewiern. Oleg von 970 bis 977.

 

In Nowgorod. Wladimir von 970 bis 988.

 

In Polozk. Rochwold von ___ bis 980.

 

In Wüschegrad. Die Großfürstin Olga.

 

 

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25.

 

Großfürst Jaropolk I.

 

Der Großfürst Swätoslaw ernannte im Jahre 970 seinen ältesten Sohn Jaropolk zum regierenden Fürsten in Kiew.

 

Den zweiten Oleg, über die Drewier.

 

Den dritten Wladimir, schickte er auf Bitte der Nowogoroder nach Nowogorod.

 

Dieser Eintheilung zufolge theilte sich nach dem Tode des Großfürsten Swätoslaw, das unter ihm vereinigt gewesene rußische Reich in drey Theile, nemlich: das Fürstenthum Kiew oder Süd-Rußland blieb unter der Herrschaft des Großfürsten Jaropolk Swätoslawitsch.

 

Die Drewier oder das westliche Rußland blieb unter der Herrschaft des Fürsten Oleg Swätoslawitsch.

 

Nowogorod oder Nord-Rußland blieb unter der Herrschaft des Fürsten Wladimir Swätoslawitsch. Dieser ward im Jahre 947 gebohren und war bey dem Tode seines Vaters (im Jahr 972) fünf und zwanzig Jahre alt; sein ältester Bruder Jaropolk konnte in diesem Jahre, nach ohngefährer Berechnung, nicht weniger als sieben und zwanzig Jahre alt seyn, dem mittlern, Bruder Oleg giebt man ohngefähr sechs und zwanzig Jahre.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß der Großfürst Jaropolk Swätoslawitsch tapfer, stark,

 

Zweiter Band 1783.

 

 

 

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wohlgesinnt, sanftmüthig und gegen jedermann gnädig gewesen sey, aber nicht hinlängliche Standhaftigkeit und Klugheit besessen habe, und besonders unüberlegt bösen Rathgebern gefolgt sey. Obgleich er selbst die Taufe nicht annahm, schäzte er doch die christliche Religion und verbot niemanden sich taufen zu lassen.

 

Nach Swätoslaws Tode blieb Jaropolk in Kiew, seine Brüder aber in ihren abgetheilten Fürstenthümern, und es herrschte unter ihnen Liebe, und Ruhe in ganz Rußland.

 

Im Jahre 975 ging Ljut Swenelds Sohn aus Kiew auf die Jagd, er kam auf dieser Jagd ins drewische Gebiet und traf von ohngefähr den drewischen Fürsten Oleg im Walde an, wo zwischen ihnen wegen des Fanges der Thiere ein Streit entstand. Oleg glaubte daß Ljut sich frech betrage und ihn beleidige; Ljut sahe dieses als eine Beleidigung an, und als eine Geringschäzung der Verdienste seines Vaters Sweneld.

 

Ljuts Vater Sweneld mischte sich in diesen Streit und wurde sehr gegen Oleg aufgebracht; er vergaß die Gnade und Wohlthaten des Vaters, stiftete Uneinigkeit unter den Kindern, fing an Jaropolk gegen Oleg einzunehmen, und stellte ihm vor, daß Oleg ihn als den älteren Bruder wenig ehre und seine treue Diener gering schäze, daß der älteste Bruder wegen des Vorrechts der Geburt und der Jahre den jüngeren in Unterwürfigkeit halten müsse; daß die

 

 

 

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Macht des Großfürstentums durch Olegs Erbtheil geschwächt worden sey; daß Jaropolk Großfürst sey und die übrigen Fürsten ihm unterworfen seyn müßten, und daß der Großfürst unumschränkte Gewalt besitze und alles thun könne was er wolle; folglich auch seinen Bruder seines Erbtheils berauben könne.

 

Die Schriftsteller melden, das Jaropolk den bösen Reden gegen seinen Bruder lange kein Gehör gegeben habe, und der brüderlichen Liebe treu geblieben sey.

 

Es ist wahrscheinlich, daß Sweneld selbst von Schmeichlern und Ohrenbläsern umgeben gewesen, welche sich ihm gefällig und beliebt machen wollen, und daher Olegen zureden lassen und Nachricht ertheilt haben, als ob der älteste Bruder mißvergnügt sey, daß das Großfürstliche Gebiet durch das Erbtheil des jüngern vermindert worden, und daß er darauf denke, wie er Oleg des ihm von seinem Vater zugetheilten Antheils berauben könne.

 

Mit diesen und ähnlichen Reden bemüheten sie sich (vier Jahre lang) aus einer persönlichen Uneinigkeit Olegs mit Ljut und Sweneld Mißtrauen, Verdacht und Feindschaft zwischen den Brüdern zu erregen, woraus endlich (im Jahre 977) ein öffentlicher Streit entstand.

 

Bey einer solchen Lage der Gemüther konnten die nicht genau bestimmten Gränzen der Ländereyen sehr leicht zum Vorwande des Streits dienen.

 

 

 

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Jeder Theil bestand auf seinem Sinn, und gab in keiner Sache nach.

 

Jaropolk rüstete sich und überzog das drewische Land.

 

Oleg ging mit seinem Heere den Kiewern entgegen, um seine Rechte zu vertheidigen.

 

Jaropolk überwand Oleg.

 

Oleg flohe mit seinen Truppen vom Schlachtfelde in eine Stadt Owrutsch genannt, wo ein Damm und eine Zugbrücke war und kam bis zur Stadtpforte: die Truppen eilten in die Stadt zu kommen, drängten und stießen einander und warfen im großen Gedränge Oleg selbst von der Brücke herab.

 

Als Jaropolk in die Stadt eingezogen war, erkundigte er sich wo Oleg wäre, und da er nichts von ihm erfahren konnte, schickte er viele Leute aus ihn überall zu suchen. Die ausgeschickten suchten überall und fanden ihn nicht, worauf ein Drewier erzehlte, er habe gestern gesehen wie die Drewier sich auf der Brücke gedrängt und Oleg von der Brücke gestoßen hätten. Jaropolk schickte so gleich nach dem Damm, man fand Oleg, zog ihn aus dem Wasser und legte ihn auf einen Teppich. Da Jaropolk dieses hörte kam er eiligst hinzu, weinete sehr, war untröstlich und sprach: O Leute, Leute wozu habt ihr‘s gebracht! Er warf besonders seinen Zorn auf Sweneld; dieser aber verbarg sich und die Schriftsteller erwehnen seiner nirgends mehr.

 

 

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Einige Leute beschuldigten Jaropolk, daß er an allem schuld sey, weil er die Schwachheit begangen habe, bösen Reden des Volks Gehör zu geben, andere schrieben ihm das Laster einer unmäßigen Herrschsucht zu, weil er sich bemüht hätte, seinem Bruder das Seine zu nehmen; niemand aber rechtfertigte Jaropolk, welcher in dieser unglücklichen Sache von allen verurtheilt ward.

 

Oleg ward an einem Ort neben der Stadt Owrutsch mit Ehren begraben, und man schüttete über ihm einen hohen Erdhügel auf, welcher noch bis jezt zu sehen ist.

 

Nach Olegs Tode übernahm Jaropolk die Herrschaft über die Drewier.

 

Als Fürst Wladimir zu Nowogorod von dem unglücklichen Streite zwischen seinen Brüdern, von Olegs Tode, von Jaropolks Besiznehmung des drewischen Landes, und von den verschiedenen Reden unter dem Volke hörte, und erfuhr, daß sein Bruder viele Truppen bey sich habe (Wladimir selbst hatte um diese Zeit kein Heer versammelt) befürchtete er, Jaropolk möchte ihm Nowogorod nehmen.

 

Wladimir hatte um diese Zeit Beschwerden gegen den Fürsten von Polozk, Rochwold, der das nowogorodsche Gebiet bekriegt und die Stadt Pskow eingenommen hatte; er hielt also für gut zu den Warägern zu reisen, und daselbst für Geld Truppen zu werben.

 

 

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Als Jaropolk Nachricht erhielt, daß Wladimir aus Verdacht gegen ihn aus Nowogorod zu den Warägern, um Truppen zu werben, abgegangen sey, gab er gewissen Rathgebern Gehör, die der Meinung waren, er müßte sich dieser Gelegenheit bedienen, um alle rußische Fürstenthümer wieder unter eine Herrschaft zu bringen. Er schickte seine Stathalter nach Nowogorod und kam dadurch zum völligen Besiz der Alleinherrschaft über ganz Rußland.

 

Im Jahre 978 zog Jaropolk mit einem Heer gegen die Petschenegen, überwand sie, und legte ihnen Tribut auf.

 

Im Jahre 979 trat der petschenegische Fürst Ildei in Jaropolks Dienste. Jaropolk nahm ihn gnädig auf, gab ihm Plaz zur Erbauung einer Stadt und Ländereyen, und hielt ihn in großen Ehren.

 

In demselben Jahre kamen Gesandte des römischen Pabstes zu dem Großfürsten Jaropolk.

 

In diesem Jahre kamen auch Gesandte aus Griechenland, welche Friede und Freundschaft auf die vorigen Bedingungen befestigten und den jährlichen Tribut zu entrichten versprachen; Jaropolk versprach dagegen, die Griechen, Bolgaren und Korßuner nicht zu bekriegen, auch im nöthigen Falle die Griechen mit Hülfsvölkern zu unterstützen. (Man merkt hiebey an, daß die Verträge mit den Griechen vielleicht alle acht Jahre erneuert worden sind, denn vom Jahre

 

 

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912 bis 979 findet man in der Geschichte acht Gesandtschaften zur Erneuerung der Verträge.)

 

Im Jahre 980 kam Wladimir aus dem Lande der Waräger mit Kriegsvölkern nach Nowogorod zurück, und fand daselbst Jaropolks Stathalter und andre seiner Leute, die er aus der Stadt vertrieb, und seinem Bruder sagen ließ: er werde wegen des ihm selbst und Oleg zugefügten Unrechts mit den Waffen in der Hand Rechenschaft fordern. Nach Abfertigung dieser Leute blieb Wladimir in Nowogorod, vermehrte seine Truppen und verordnete seinen Oheim Dobrinä zum Posadnik (so nannte man in Nowogorod die fürstlichen Stathalter).

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß Jaropolk, über die Nachricht von Wladimirs Vorhaben, betrübt gewesen, weil er Olegs Tod nicht gewünscht hatte, und nun der zweite Bruder Krieg anfing; er habe deshalb zu Wladimir geschickt und ihm zureden lassen, zu gleicher Zeit aber habe er Truppen in Smolensk ausgerüstet welche Wladimirs kriegerische Unternehmungen aufhalten sollten.

 

Wladimir der von diesem und jenem Nachricht erhielt, wollte in Nowogorod bleiben; sein Oheim Dobrinä aber munterte ihn auf den Krieg anzufangen.

 

Beyde Brüder, Jaropolk und Wladimir, befanden, jeder für sich und fast zu gleicher Zeit,

 

 

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für gut, den Fürsten von Polozk Rochwold 1) zum Bündnis einzuladen, und um dieses desto besser zu befördern dessen Tochter Rogneda oder Rogmida zur Gemahlin zu verlangen. Rochwold wollte hiebey nichts selbst entscheiden, sondern überließ die Sache dem freyen Willen seiner Tochter, welcher er das Verlangen beyder Fürsten eröfnete. Er stellte ihr die Gesandten vor und fragte sie, mit wem sie sich vermählen wollte. Sie antwortete: „Ich will nicht dem Magd-Sohne 2) die Füße entkleiden 3); ich wähle Jaropolk zum Manne.“

 

Die Gesandten kamen von Rochwold zurück und erzehlten die Antwort seiner Tochter Rogneda. Jaropolk machte Anstalten seine Braut zu empfangen.

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1) Rochwold stammte von den mit Rurik angekommenen warägischen Fürsten ab, von welchen er einen zum Fürsten von Polozk bestellt hatte, so wie den Fürsten Tur in Turow, von dem diese Stadt den Namen hat und viele andre Fürsten in andern Städten, wie dessen schon vorher in der Geschichte Ruriks und Igors erwähnt worden ist.
2) Wladimir wird hier der Magd-Sohn genannt, weil seine Mutter Maluscha, bey der Großfürstin Olga in Diensten gewesen war.
3) Bey den Warägern herrschte ein alter Gebrauch, welcher auch bis jezt unter den finnischen Bauern üblich ist, daß die Braut am Hochzeittage zum Zeichen der Unterwürfigkeit gegen ihren künftigen Mann, dem Bräutigam einen Fuß entkleiden muß.

 

 

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Wladimir der über Rognedens verächtliche Antwort sehr aufgebracht war schrieb solche Rochwolds Geneigtheit für Jaropolk zu. Er versammelte viele Truppen, Waräger, Slawen, Russen und Tschuden, und zog gegen Rochwold nach Polozk, zu eben der Zeit als man Rogneda dem Fürsten Jaropolk nach Kiew zuführen wollte.

 

Als Rochwold hörte daß Wladimir ihn mit Krieg überziehe, ging er ihm mit seinen Truppen aus Polozk entgegen.

 

Wladimir überwand Rochwold und bemächtigte sich der Stadt Polozk, in welcher sich Rogneda befand, die Wladimirs Gemahlin ward und Gorislawa genannt wurde.

 

Wladimir vermehrte in Polozk seine Truppen durch Polozker und Kriwitschen.

 

Als Jaropolk von der Eroberung der Stadt Polozk und von Wladimirs Vermählung hörte, fing er an ein Heer auszurüsten und wollte selbst gegen Wladimir zu Felde ziehen.

 

Die Verfasser der Jahrbücher erzehlen, daß Jaropolk damals seinen Liebling und Ober-Feldherrn Namens Bljud bey sich gehabt, der ihm den Rath gegeben habe, er möchte nicht zu Felde ziehen und die Truppen nicht umsonst ermüden, sondern in Kiew bleiben, Wladimir sey bey den Seinen nicht beliebt, die ihm seine Geburt vorwürfen und ihn den Magd-Sohn nenneten, wenn Wladimirs Truppen Jaropolk sehen würden,

 

 

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würden sie ohne Schwerdtstreich zu ihm übergehen, und seinen Bruder verlassen.

 

Dobrinä versicherte von seiner Seite Wladimir, daß Jaropolk beym Volke nicht beliebt sey, welches ihm Olegs Unglück vorwerfe.

 

Wladimir zog mit Dobrinä gegen die von Jaropolk nach Smolensk geschickte Truppen, überwand sie und sezte von da seinen Zug nach Kiew fort. Jaropolk aber schloß sich mit seinen Leuten und dem Feldherrn Bjud in Kiew ein.

 

Wladimir stand bey Dorogoshiza zwischen Doroshen und einem Götzen-Tempel, an einem Graben, und grif die Stadt muthig an.

 

Die Kiewer liebten Jaropolk, und vertheidigten die Stadt mit vieler Tapferkeit. Bljud rieth, die Truppen nicht aus der Stadt zu lassen. Andere riethen, sie nicht in der Stadt abzumatten, sondern ins Feld zu rücken, die Belagerer unerschrocken anzugreifen und zurück zu treiben; Jaropolk aber der sich mehr auf seinen bösen Liebling verließ, folgte diesem Rath nicht. Da Jaropolks Truppen sahen, daß sie in der Stadt ohne Nuzen enge eingeschlossen gehalten wurden, gingen sie nach und nach heimlich davon. Der Feldherr Bljud trat insgeheim mit Wladimir in Unterhandlung, und sagte gleich nach dessen Ankunft vor der Stadt zu Jaropolk: daß die Kiewer die Stadt nicht weiter vertheidigen wollten, weil sie sähen, daß die Truppen sich durch das Verlaufen

 

 

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vermindert hätten; er rieth daher Jaropolken die Stadt zu verlassen. Jaropolk traute unüberlegt seinem Lieblinge, verließ Kiew, begab sich in die Stadt Rodnä an der Mündung der Terga, und befestigte sich daselbst.

 

Als Jaropolk die Stadt verlassen hatte, und die Kiewer sich ohne Anführer und ohne Vertheidigung sahen, öfneten sie Wladimirn die Thore, welcher nach seinem Einzuge Truppen gegen Rodnä abschickte, und solches einige Zeit belagerte. Hierauf sagte der Feldherr Blud wiederum zu Jaropolk: „du siehest wie viele Truppen dein Bruder hat, wir können ihm durchaus nicht widerstehen, mache Frieden mit deinem Bruder.“ Jaropolk ließ bey Wladimir um Frieden ansuchen und wollte sich hierauf selbst zu seinem Bruder begeben, als einer seiner Treuen, Namens Waräshko, ihm solches abrieth, und ihm zuredete, er möchte zu den Petschenegen gehen und von da Truppen mit sich bringen. Jaropolk folgte diesem Rath nicht, sondern ging zu seinem Bruder; als er aber in den Hof kam, wo Wladimir wohnte, ward er vor der Thüre des Hauses, auf Anregen der Schmeichler Wladimirs, ermordet; in Gegenwart des Feldherrn Bljud der ihn nicht vertheidigte, und die andern davon abhielt. Bljud ward hiedurch Jaropolks Verräther, die Schmeichler aber befleckten Wladimirs Ruhm. Bljud ward von Wladimir am dritten Tage bestraft, und wahrscheinlich blieben auch

 

 

 

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die Schmeichler nicht ohne Strafe. Waräshko der Jaropolk frühzeitigen Tod mit angesehen hatte, flohe zu den Petschenegen und kriegete mit selbigen gegen Wladimir.

 

Jaropolk starb im Jahre 980 im fünf und dreysigsten Jahre seines Alters. Er hatte acht Jahre regieret, und ward in Kiew begraben. Seine Gemahlin war eine Griechin Predslawa von welcher ihm nach seinem Tode ein Sohn Namens Swätopolk gebohren wurde.

 

Geschlechts - Register Jaropolks I.

 

Swätoslaw I. Großfürst von ganz Rußland von 945 - bis 972.

oo 1) Dessen Gemahlin Predslawa eine ungarische Prin zesin, von welcher

 

► 1. Jaropolk I. Großfürst des südlichen Ruslands von 972 bis 980, vermählt mit einer Griechin Predslawa, von welcher Swätopolk gebohren ward.

 

► 2. Oleg, Fürst der Drewier von 970 bis 977.

 

oo 2) Maluscha, von welcher

 

► 3. Wladimir, Fürst zu Nowogorod von 970 bis 980.

 

 

 

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Jaropolks Zeitverwandte, vom Jahre 972 bis 980 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Johann von 969 bis 976. Basil von 976 bis 1026.

 

In Deutschland. Kaiser. Otto der Große von 936 bis 973. Otto II. von 973 bis 983.

 

In Polen. König. Miezislaw von 964 bis 999.

 

In Böhmen. Fürst. Boleslaw I. von 967 bis 999.

 

In Sachsen. Fürsten. Hermann von 960 bis 973. Weino von 973 bis 1010.

 

In der Pfalz. Fürst. Hermann von 939 bis 993.

 

In Brandenburg. Fürst. Theodor von 965 bis 985.

 

In Baiern. Fürsten. Heinrich II. von 955 bis 976. Otto I. von 976 bis 982.

 

In Braunschweig. Fürsten. Bruno I. von 955 bis 972. Bruno II. von 972 bis 1006.

 

In Bolgarien. Zaren. Boris von 970 bis 974. Samuel von 974 bis 1014.

 

In Dänemark. König. Harald von 930 bis 980.

 

 

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In Arabien. Kalifen. Moti XLII. Kalif von 946 bis 974. Tay XLIII. Kalif von 974 bis 991.

 

In Egypten. Kalifen. Moes von 953 bis 975. Asis von 975 bis 996.

 

In Frankreich. König. Lothar von 954 bis 986.

 

In England. Könige. Edgar von 959 bis 975. Eduard II. von 975 bis 978. Etelred II. von 978 bis 1014.

 

In Spanien. König. Ramir III. von 967 bis 982.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Basil von 970 bis 974. Anton von 974 bis 979. Eine Zeit von vier Jahren, in welcher kein Patriarch war.

 

Römische Päbste. Benedikt VI. von 972 bis 974. Domnus II. von 974 bis 974. Benedikt VII. von 974 bis 983.

 

Patriarchen zu Alexandrien. Mina von 958 bis 977. Ephraim von 977 bis 981.

 

Patriarchen zu Jerusalem. Christoph von 969 bis ___. Thomas von ___ bis 975. Alexander ___ ___

 

Patriarchen zu Antiochien. Theodor von 969 bis 985.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

Im drewischen Gebiet. Oleg Swätoslawitsch von 970 bis 977.

 

In Nowgorod. Wladimir von 970 bis 980.

 

In Polozk. Rochwold von ___ bis 980.

 

 

 

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26.

 

Großfürst Wladimir I. in der heiligen Taufe Waßilii genannt.

 

Der Großfürst Wladimir Swätoslawitsch ward nach des Großfürsten Jaropolk Tode im Jahre 980 unumschränkter Beherrscher des ganzen vereinigten Rußlands. Die Geschichtschreiber erzehlen, der Großfürst Wladimir, sey ein weiser, scharfsinniger, gnädiger und gerechter Herr gewesen. An seinem Hofe herrschte viele Pracht; er bauete viele Städte und öffentliche Gebäude, bevölkerte Städte und Wüsten, rief aus allen Gegenden gelehrte Leute, Wissenschaften, Künste und tapfere Ritter 1) nach Rußland und war freygebig in Belohnung der Verdienste.

 

Die Annalisten sagen: Wladimir hing sein Herz an die Weiber, wie Salomo.

 

Die griechischen Schriftsteller aber beschreiben Wladimir, vor seiner Taufe als halsstarrig und eigenwillig.

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1) Unter diesen waren Jan oder Joann Usmowitsch, Alexander Popowitsch, Ilia Iwanowitsch Muromez, Andrian Dobränkow, Dobrinä Nikitisch, und Rogdai welcher gegen jede Macht allein auszog, und viele andre. Von diesen wird in den Volks-Märchen vieles erzehlt.

 

 

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Nachdem Wladimir den Thron bestiegen hatte blieb er in Kiew, und verordnete seinen Oheim Dobrinä zur Stathalter in Nowgorod.

 

Nach diesem baten die mit Wladimir angekommene Waräger, und sprachen: die Stadt Kiew ist durch uns erobert worden; wir müssen von jedem Manne zwey Griwen haben. Wladimir aber überredete sie zu warten bis der Tribut gehoben wäre. Hierauf baten die Waräger wiederum, daß man sie bey den Griechen in Dienste treten lassen möchte, wozu Wladimir gerne seine Einwilligung gab. Er wählte aus ihnen die besten und tapfersten Leute aus, denen er bey sich Belohnungen und Unterhalt gab; die übrigen aber gingen nach Konstantinopel 2).

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2) Die Waräger dienten in Konstantinopel und hatten bey Hofe die nächste Wache um die Person des Kaisers; sie standen an den Thüren der kaiserlichen Zimmer, und an andern vornehmen Stellen, und genossen das Vorrecht dem Kaiser zu beyden Seiten zu stehen und zu gehen. Sie hatten sich durch Treue und Diensteifer bey den griechischen Kaisern so viel Zutrauen erworben, daß man sie für die treuesten und zuverläßigsten Leute unter allem Kriegsvolke hielt. Ihr vornehmstes Gewehr war eine zweyschneidige Streitaxt, weshalb, sie auch Axtträger genannt wurden. Diese Streitaxte waren an einer Seite breit und scharf und dienten so statt eines Schwerdtes, von der andern Seite aber lang und spizig, um an statt eines Spieses gebraucht zu werden; man trug sie gewöhnlich auf der Schulter. Der Akoluph oder Anführer der Waräger, trug einen goldgewirkten Hut, wie der griechische Groß-Admiral. Zum Oberkleide trugen sie, so wie die übrigen griechischen Hofbedienten einen mit Gold durchwirkten purpurfarbenen Askaranik (eine bis an die Knie reichende, an beiden Seiten offene, mit Perlen besezte persische Kleidung) vorne und hinten mit dem Bildnisse des Kaisers.

 

 

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Im Jahre 981 hatte Wladimir Krieg mit Metscheslaw dem Fürsten der Lächen und Lentschen, welcher zwar von Wladimirs Feldherrn zweymal geschlagen ward, aber doch den Krieg fortsezte. Wladimir rückte also selbst in Polen ein, schlug Metscheslaw an der Weichsel, und bemächtigte sich verschiedener lächischen Städte. Metscheslaw bat Wladimir um Frieden, und gab ihm die fünf Städte Peremüschl, Tscherwen, Bjelsh, Swenigorod, Radom, und andere; Wladimir gab ihm Frieden und legte den Lächen einen jährlichen Tribut auf.

 

Im Jahre 982 zog Wladimir gegen die Wätitschen, welche aufgehöret hatten Tribut zu zahlen und sich mit den Petschenegen beschickten, um mit ihnen gemeinschaftlich Wiederstand zu thun; Wladimir überwand sie und legten ihnen denselben Tribut auf, den sein Vater von ihnen gehoben hatte.

 

Zweiter Band 1783.

 

 

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Im Jahre 983 zog Wladimir gegen die Jatwägen 3), schlug sie, bemächtigte sich ihres Landes und kehrte nach Kiew zurück.

 

Im Jahre 984 zog Wladimir gegen die Radimitschen 4), und sandte einen seiner Feldherren Namens Woltschii-Chwost (Wolfsschwanz) vor sich her, welcher die Radimitschen am Flusse Peschtschana traf und überwand, und ihnen eine Schazung auflegte, von welchem Siege sehr lange in Rußland das Sprichwort im Gebrauch blieb: die Radimitschen laufen vor einem Wolfsschwanz.

 

Im Jahre 985 brachte Wladimir ein großes Heer zusammen, berief seinen Oheim Dobrinä mit den Nowogorodern zu sich, und zog in Kähnen den Dnieper herab gegen die Bolgaren 5) und Serbier; die rußische Reuterey aber nebst den Torken 6) Wolhinen und Tscherwenen schickte er

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3) Die Jatwägen, Jasigen, oder Jatätschen waren ein sehr kriegerisches sarmatisches Volk, welches vor Zeiten an der Donau, nachher aber am Bug wohnete, wohin dieser Feldzug Wladimirs gerichtet war.
4) Die Radimitschen waren ein slawisches Volk, an dem Flusse Pesch schana, welcher in die Beresa fällt, sie wohneten auch an dem Flusse Sosha, welcher sich in den Dnieper ergießt.
5) Diese Bolgaren hatten ihre Wohnsitze am schwarzen Meere jenseit der Donau.
6) Diese Torken werden von den Griechen ausdrücklich Türken genannt. Der griechische Schriftsteller Ptolomäus sezt eine stadt Toroka nahe bey die Halbinsel Krim.

 

 

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gerades Weges ins bolgarische Gebiet, und ließ den Bolgaren sagen: daß er zur Genugthuung für die vielen Verlezungen der vorigen mit seinem Vater und Bruder geschlossenen Verträge, und für die seinen Unterthanen zugefügte Beleidigungen einen Tribut verlange. Die Bolgaren, welche sich dazu nicht verstehen wollten, vereinigten sich mit den Serbiern und rüsteten sich gegen Wladimir, Wladimir aber überwand sie, schloß mit ihnen Frieden, legte ihnen eine Schazung auf und kehrte mit Ruhm nach Kiew zurück; die gemachte Beute aber vertheilte er unter seine Truppen die er nach ihrer Heimath ziehen ließ.

 

Wladimir der unter seinem Volk großen Ruhm erworben hatte, zog so wohl durch seine Macht als besonders durch sein unterbrochenes Kriegesglück und seine vielen Siege, die Aufmerksamkeit aller umliegenden Gegenden auf sich; jedes Volk suchte sein Wohlwollen und seine Freundschaft, und wünschte mit ihm in nähere Verbindung und Gemeinschaft zu treten, wozu der wankende Zustand des damals in Rußland herrschenden Volks-Aberglaubens eine gute Gelegenheit darbot.

 

Wladimir hatte sich zwar selbst im Anfange seiner Regierung äußerst bemüht diesem Aberglauben durch Pracht seinen verlohrnen Glanz wieder zu geben, hatte aber damit nicht zu Stande kommen können. Diesem Umstande kann

 

 

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man mit Wahrscheinlichkeit die von verschiedenen Völkern an Wladimir abgefertigte Gesandtschaften zuschreiben, um sich mit ihm so wohl durch Bündnisse als durch die Gemeinschaft des Glaubens zu vereinigen. Zuerst schickten die an der Wolga wohnenden Bolgaren Gesandten zu ihm, um ihn zur Annahme der mohametanischen Lehre zu überreden. Wladimir hörete sie an, und gab zur Antwort: „eure Lehre ist für diese Gegenden sehr unbequem,“ womit er die Gesandten, nachdem er sie beschenkt hatte, entließ. Hierauf kamen die Gesandten des römischen Pabstes, welchen Wladimir zur Antwort gab: „Geht eures Weges, unsre Väter haben diese Lehre nicht angenommen.“ Die Geschichtschreiber melden, daß Wladimirn bey den Römern vorzüglich die Gewalt des Pabstes und das Gebet in der dem Volk unbekannten lateinischen Sprache mißfällig gewesen sey. Nach diesem schickten die in Kiew wohnende kosarische Juden zu Wladimir, und liessen ihm ihre Religion empfehlen. Wladimir fragte sie: „wo ist euer Land?“ sie antworteten: „in Jerusalem.“ Wladimir fragte weiter „wohnt ihr denn da?“ worauf sie erwiederten: „Gott gerieth über unsre Väter in Zorn, und zerstreuete uns unsrer Sünden wegen, in alle Gegenden.“ Wladimir ließ sie hierauf im Zorne von sich, und sprach: „Wie wollet ihr andere eure Religion lehren die ihr selbst nicht bewahret habt.“ Einige Zeit hierauf schickte der

 

 

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griechische Kaiser den Philosophen Kir zu Wladimir, welcher mit ihm von der griechisch-katholischen Religion sprach. Wladimir wurde durch seine Lehren sehr gerührt, beschloß aber in seinem Herzen, noch ein wenig zu warten, um alle Religionen näher zu untersuchen. Er beschenkte den Philosophen und entließ ihn mit vieler Ehre.

 

Im Jahre 987 berief Wladimir seine Großen und die Stadt-Aeltesten zu sich, und machte ihnen bekannt: daß zuerst die wolgischen Bolgaren zu ihm geschickt und ihm angerathen hätten ihre Religion anzunehmen, hierauf wären die Römer gekommen und hätten ihre Religion angepriesen, nach diesen hätten sich die Juden eingefunden, endlich aber wären die Griechen gekommen; die Reden des Philosophen Kir wären weise, nicht ohne Bewunderung zu hören und sehr angenehm gewesen 7); er erkundigte sich also bey ihnen, wozu sie ihm riethen? Die Großen und Stadt-Aeltesten riethen ihm, und beschlossen, in alle gedachte Gegenden gelehrte Leute abzuschicken,

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7) Daß Wladimir Neigung für die Lehren des Philosophen Kir gehabt habe, ist um so viel weniger zu verwundern, weil ihm die rechtgläubige Religion nicht unbekannt war, da er bey seiner Großmutter der Großfürstin Olga erzogen worden war; auch hatte er sich noch vor seiner Taufe mit einer Tschechin vermählt.

 

 

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um jede Religion zu untersuchen, und jede Art des Gottesdienstes zu beobachten.

 

Die Geschichtschreiber melden, daß dieser Rath Wladimirn und allem Volk wohl gefallen habe 8). Wladimir schickte also zehn redliche und kluge Männer aus, und befahl ihnen sich zuerst zu den Bolgaren zu begeben und ihre Religion zu untersuchen. Diese Männer gingen aus und sahen und hörten alles was ihren Auftrag betraf; sie kamen nach Kiew zurück und gaben Wladimirn und seinen Großen von allem Bericht. Wladimir befahl ihnen zu den Deutschen zu gehen, um die lateinische Religion als Augenzeugen zu untersuchen, hierauf aber sich zu den Griechen zu verfügen. Sie kamen zu den Deutschen und beobachteten ihren Gottesdienst, worauf sie sich nach Konstantinopel begaben und vor dem Kaiser Basil erschienen, wo sie mit großer Ehre empfangen wurden. Der Patriarch von Konstantinopel unterrichtete sie und erklärte ihnen die rechtgläubige Religion; auch zeigte man ihnen die Pracht der Kirchen. Sie lobten die Religion und den Gottesdienst, und wurden hierauf von dem Kaiser mit großen Geschenken und vieler Ehre entlassen. Als sie nach Rußland zurückkamen,

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8) Hieraus ist zu ersehen, daß unter Wladimirs Unterthanen damals schon viele Christen oder viele der christlichen Religion geneigte und des damaligen Aberglaubens überdrüßige Leute gewesen seyn müssen.

 

 

 

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kamen, berief Wladimir seine Bojaren und die Aeltesten der Stadt zusammen, und befahl den Gesandten, der ganzen Versammlung bekannt zu machen, was sie an jedem Ort gesehen und gehöret hätten. Die Gesandten sprachen umständlich von jeder Religion, lobten aber vorzüglich die griechische; sie bezeigten ein eifriges Verlangen die heilige Taufe zu empfangen, und baten Wladimirn, er möchte ihnen erlauben nach Konstantinopel zu reisen, um den griechisch-katholischen Glauben anzunehmen.

 

Die versammelten Großen und Stadt-Aeltesten hörten alles dieses mit Aufmerksamkeit an, und sagten zu Wladimir, daß seine Großmutter die Großfürstin Olga, als eine sehr kluge Fürstin, es wohl verstanden hätte, die beste Religion zu wählen. Wladimir erwiederte hierauf: wenn sie alle einig wären, die griechische Religion anzunehmen, so wolle er es mit ihnen thun. Hierauf fragte er sie weiter, wo und wie sie ihm solche anzunehmen riethen? Sie überliessen alles dem Wohlgefallen des Großfürsten, worauf ein ganzes Jahr mit Ueberlegungen und Anstalten zu der vollkommenen Vollendung dieses Werks zugebracht wurde.

 

Im Jahre 988 beschlos Wladimir einen Feldzug gegen Korßun zu unternehmen. (Wahrscheinlich war die Veranlassung zu diesem Feldzuge gegen Korßun wiederum die, daß die Griechen nicht ihr Wort gehalten und diejenigen Verträge nicht erfüllt hatten, welche, wie es scheint, jederzeit innerhalb acht Jahren,

 

 

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oder nach Verlauf dieses Termins, erneuert wurden. Diesesmal wünschte Wladimir den vorigen Punkten, noch einen neuen Vorschlag beyzufügen; er wollte nemlich sich von dem griechischen Kaiser dessen Schwester die Prinzeßin Anna zur Gemahlin erbitten. Wladimir war gewohnt, solche Mittel zu wählen, die seinen Wünschen Vorschlägen und Forderungen das größte Gewicht und Nachdruck geben konnten.) Er versammelte ein großes Heer und zog im Frühlinge gegen die griechische Stadt Korßun 9), die Korßuner aber schlossen sich in ihre Stadt ein. Wladimir stand am Liman, einen Pfeilschuß von der Stadt, und ließ die Einwohner zur Uebergabe auffordern, die Einwohner aber welche sich auf ihre Festungswerke und auf die von den Griechen zu erhaltende Hülfe verließen, achteten auf diese Aufforderung nicht und vertheidigten sich so gut sie konnten. Wladimir befahl hierauf näher an die Stadt zu rücken, die Mauern zu untergraben und die Wasserröhren abzuschneiden. Als die Korßuner sahen daß die Stadt bald Mangel an Wasser

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9) Die Schriftsteller sind in Rücksicht dieser Stadt verschiedener Meinung: Einige behaupten ausdrücklich, daß es Kinburn sey, andre nehmen an, es sey der jetzige achtiarische Hafen am schwarzen Meer in der Krim, noch andre halten es für die Stadt Kaffa in derselben Halbinsel. Da aber die Annalisten namentlich Korßun am Liman nennen, so scheints am wahrscheinlichsten, daß es Kinburn gewesen sey.

 

 

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haben würde, schlossen sie mit Wladimirn einen Vertrag und öffneten ihm die Thore. Wladimir zog mit seinen Truppen in die Stadt ein, und sandte hierauf zu dem griechischen Kaiser Basil Romans Sohn, mit dem Vorschlage den geschlossenen ewigen Frieden zu erneuern, wobey er sich zugleich die Schwester des Kaisers, die Prinzeßin Anna, zur Gemahlin erbat. Der griechische Kaiser hörte diesen Vorschlag mit Vergnügen an, nahm sich aber Zeit zur Ueberlegung, und beschloß nach reiflicher Erwägung der Sache, den Frieden anzunehmen, auf Wladimirs Bitte aber antwortete er: wenn sich der Großfürst taufen lassen würde, wolle er sich nicht weigern, ihm die Prinzeßin zur Gemahlin zu geben. Als Wladimir diese Antwort erhielt, befahl er, dem Kaiser zu melden: daß er bereit sey sich taufen zu lassen, wenn man ihm die griechische Prinzeßin und mit ihr zugleich einige Geistlichen zuschicken wollte, die ihn in dem griechisch-katholischen Glauben unterrichten und befestigen könnten. Der Kaiser war über diese Antwort erfreut und suchte die Prinzeßin Anna zu überreden, die sich aber anfangs durchaus nicht bequemen wollte, sich mit dem Großfürsten Wladimir zu vermählen, wenn er nicht vorher die Taufe annehmen wollte. Der Kaiser und der Patriarch ermahneten sie indessen, und sagten, erstens: „wenn der Großfürst Wladimir ihr zu Liebe die christliche Religion annehmen würde, so habe sie von Gott große Belohnung zu erwarten,“ zweitens: „wisse sie ja selbst wie viele Gefahr, Schaden und

 

 

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Verlust Griechenland von den Russen erlitten habe, sie würde also durch eine solche Verbindung ihr Vaterland von vielem Unglücke befreyen, und den ewigen Dank des ganzen Volks empfangen.“ Hiedurch überredete man die Prinzeßin Anna 10) sich mit dem Großfürsten Wladimir zu vermählen; der Kaiser befestigte den Vertrag mit Wladimir, man schickte die Prinzeßin ab und gab ihr verschiedene vornehme Personen und gelehrte Priester zur Begleitung. Die Prinzeßin nahm von dem Kaiser und dem Volk mit vielen Thränen Abschied, sezte sich zu Schiffe und fuhr zur See nach Korßun. Die Korßuner gingen ihr mit gewöhnlichen Feierlichkeiten entgegen, führten sie in die Stadt und begleiteten sie bis zu dem für sie zubereiteten Hause. Um diese Zeit ward Wladimir an den Augen krank, welches ihn sehr verdrüßlich und traurig machte, weil er sich bey diesem Unglück nicht zu helfen wußte; das Volk aber fing an zu glauben, daß Wladimir seitdem er die Prinzeßin im Lande habe in seiner Gesinnung die christliche Religion anzunehmen wankend geworden sey. Als die Prinzeßin Anna von diesem Gerüchte Nachricht erhielt, schickte sie zu Wladimir und ließ ihm sagen: „er habe sie und ihren Bruder versichert, daß er die heilige Taufe annehmen wolle, jezt aber höre sie von seiner Krankheit,

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10) Eine Schwester der kaiserlichen Prinzeßin Anna, Namens Epiphania, war mit dem römischen Kaiser Otto II. vermählt.

 

 

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und komme auf die Vermuthung, daß er in seinem Entschluß wanke, wofür er von Gott durch diese Krankheit gestraft werde; wenn er also von dieser Krankheit befreyt seyn wolle, so möchte er sich ohne Verzug taufen lassen.“ Wladimir hörte dieses an und sagte zu den Umstehenden; „wenn dieses erfüllt und ich durch die Taufe sehend würde, so würde Gott an mir ein wahres Wunder thun.“

 

Hierauf befahl Wladimir daß man ihm die Taufe ertheilen sollte, welche der Bischof von Korßun mit den Priestern der Prinzeßin verrichtete, wobey dem Großfürsten der Name Wasilii beigelegt wurde. Einige Schriftsteller erzehlen, daß es ihm während der Taufe wie Schuppen von den Augen gefallen, und er wieder sehend geworden sey. Viele seiner Großen liessen sich in der Kirche des heiligen Jacobs taufen die mitten in der Stadt auf dem Markte stand. Wladimirs Hofstaat stand bey dem Eingange der Kirche, der Hofstaat der Prinzeßin aber hinter dem Altar. Bald nach der Taufe kam auch die Vermählung zu Stande, welche der Bischof von Korßun einsegnete. Wladimir gab dem griechischen Kaiser die Stadt Korßun zurück, und reisete selbst mit der Zarin Anna nach Kiew ab.

 

Nach Wladimirs Rückkunft nach Kiew, liessen sich seine Kinder und viele seiner Großen taufen. Da dieses unter dem Volk bekannt wurde, gingen viele mit Freuden zur Taufe nach dem Flusse Potschaina, und sprachen unter sich: „Wenn dieses

 

 

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nicht gut wäre, so hätten der Fürst und die Bojaren es nicht angenommen.“ Bald hiereuf befahl Wladimir Kirchen und Schulen für die Kinder der Vornehmen, Mitlern und Armen zu bauen, und es wurden viele Schulen errichtet.

 

Als Wladimir nach diesem sahe daß Kiew, um es gegen die Petschenegen zu schüzen, mit zu wenig Städten umgeben sey, befahl er an den Flüssen Deßna, Ostra, Trubesh, Sula und Stugna Städte anzulegen, die er mit zuverläßigen Leuten aus den Slawen, Kriwitschen, Tschuden, Wätitschen und andern seiner Unterthanen und Ankömmlingen bevölkerte, weil die Petschenegen diese Gegenden durch öftere Einfälle beunruhigten, obgleich sie oft selbst zurückgeschlagen und überwunden wurden; sie durch Friedensverträge zur Ruhe zu bringen, war ihrer vielen Beherrscher wegen nicht wohl thunlich.

 

Nach vielen guten Anordnungen im Lande lebte Wladimir, der christlichen Lehre gemäß, als ein Muster der Rechtschaffenheit. Da er beschlossen hatte steinerne Kirchen zu bauen, so sandte er nach Konstantinopel um zu diesem Bau verschiedene Handwerker anzunehmen.

 

Im Jahre 989 bauete Wladimir zwey Kirchen.

 

Im Jahre 990 legte Wladimir Belgorodok am Flusse Rupana an, welches er mit ansehnlichen Einkünften versah und aus andern Städten bevölkerte, weil er diese Stadt liebte.

 

 

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In demselben Jahre brachte Wladimir wegen des öftern feindseligen Betragens des polnischen Fürsten Metscheslaw ein Heer zusammen, und zog wieder ihn zu Felde; er traf ihn jenseit der Weichsel und überwand ihn, Metscheslaw flohe nach Krakau, schickte Gesandte mit großen Geschenken, und ließ um Frieden bitten; Wladimir schloß mit ihm Frieden, und kehrte nach Kiew zurück.

 

In eben diesem Jahre kamen Gesandten des griechischen Kaisers an, um die Friedensverträge zu erneuern; mit ihnen kamen der Mitropolit Michail, vier Bischöfe die gebohrne Slawen waren, und verschiedene Handwerker zum Bau der steinernen Kirchen.

 

Im Jahre 991 reisete der Mitropolit Michail, nach erbetener Erlaubnis vom Großfürsten, in Begleitung verschiedener ansehnlichen Bojaren und ihrer Bedienten, nebst vier Bischöfen und Wladimirs Oheim Dobrinä, in Rußland herum bis Rostow; er unterrichtete mit ihnen das Volk in der christlichen Religion, und sezte Bischöfe ein, nemlich den Bischof Joakim (der ein Jahrbuch geschrieben hat) in Nowogrod, und den Bischof Feodor in Rostow. Als die Nowogroder erfuhren, daß Wladimirs Oheim Dobrinä mit den Bischöfen zu ihnen käme, wiedersezten sie sich ihm; sie verschlossen die Stadtpforte liessen ihn nicht in die Stadt und hoben die Brücke auf. Dobrinä ermahnete sie zwar mit freundlichen Worten, sie wollten aber nichts davon hören. Die Bischöfe waren indessen auf der Handelsseite

 

 

 

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der Stadt, gingen auf den Märkten und Straßen herum und lehrten das Volk. In dieser Lage blieben die Nowogroder zwey Tage lang, in welchen sich einige hundert taufen liessen; das Volk aber brach Dobrinäs Haus ab und bemächtigte sich alles dessen was darinn war. Wladimirs Tüßäzkii Putäta, ein kluger und tapferer Mann brachte indessen Kähne zusammen, wählte fünf hundert Rostower, fuhr mit ihnen in der Nacht oberhalb der Stadt auf die andre Seite des Flusses und kam vor den Augen der Nowogroder in die Stadt, welche diese Truppen für ihre eigene hielten. Als er zu Ugonaews (des Rädelsführers) Hause kam, ließ er ihn und andre Urheber der Wiedersezlichkeit festnehmen, und schickte auf die andere Seite des Flusses um Dobrinä davon zu benachrichtigen, der am Anbruche des Tages mit allen bey ihm befindlichen Truppen ankam.

 

Als die Nowogroder die Stellung der Truppen beider Feldherren sahen, fertigten sie ihre ansehnlichsten Männer ab, welche zu Dobrinä kamen und um Frieden baten. Dobrinä zog seine Truppen zusammen, und verbot ihnen Unordnungen und Plünderungen zu begehen. Der Poßadnik Worobei Stojans Sohn, der bey Wladimirs Hofe erzogen und sehr beredt war, ging hierauf auf den Marktpläzen herum und ermahnete die Nowogroder sich taufen zu lassen; es wurden viele getauft und die Feldherren befahlen, zum Unterschiede zwischen den getauften und ungetauften, erstern ein

 

 

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Kreuz um den Hals zu legen. Einige Schriftsteller behaupten, daß hievon der in Rußland herrschende Gebrauch ein Kreuz um den Hals zu tragen, herstamme. Nach diesem kehrte Putäta nach Kiew zurück, wo in diesem Jahre eine große Ueberschwemmung war.

 

Um diese Zeit kamen Gesandten des römischen Pabstes an; Wladimir nahm sie mit Ehren auf und schickte gleichfalls einen Gesandten an den Pabst.

 

Im Jahre 992 begab sich Wladimir an den Dniester, und legte in dem Lande Tscherwen (in Wolhynien) eine Stadt an, die er nach seinem Namen Wladimir nannte; er bauete eine Kirche, ließ den Bischof Stephan daselbst, und kehrte vergnügt zurück.

 

Damals waren bey Wladimirs Hofe Gesandte des Königes von Polen Boleslaw des tapfern, des Königes von Ungarn Stephan I. und des böhmischen Königes Udalrik, welche ihm zu seiner Taufe Glück wünschten und ihm viele Geschenke brachten.

 

Im Jahre 993 zog Wladimir dem Könige von Ungarn zu Hülse nach Siebenbürgen und dem Lande der Chorwaten; er erfochte verschiedene Siege und kam mit Ruhm nach Kiew zurück.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß die Petschenegen um diese Zeit an den Dnieper gekommen, und längst dem Flusse Sula Einfälle gethan haben. Wladimir rüstete ein Heer aus, ging ihnen entgegen

 

 

 

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und traf sie an dem Flusse Trubesh bey einer Furth, wo Perejaslawl liegt. Wladimir stand an einer, die Petschenegen abern an der ander Seite des Flusses, und jedes Heer blieb an seiner Seite des Flusses stehen. Der petschenegische Fürst kam an den Fluß geritten, und rief Wladimir zur Unterredung. Er that ihm den Vorschlag, man möchte von jeder Seite einen Mann aufstellen und sprach: „Wenn dein Kriegsmann meinen überwindet, so werde ich euch drey Jahre lang nicht bekriegen, wenn aber mein Kriegsmann den eurigen zu Boden wirft, so bezahlt uns einen Tribut, von dem Schwerdte deines Heeres“ (Es war in alten Zeiten bey vielen Völkern gebräuchlich, das man im Gesichte der Heere dergleichen Zweykämpfe anordnete). Die Sache wurde zwischen Wladimir und dem petschenegischen Fürsten beschlossen, und jeder ging seines Weges. Als Wladimir in sein Lager kam, ließ er unter seinem ganzen Heere wie auch in dem Lager der Berenditschen und Torken nachfragen: „findet sich ein Mann der es mit dem petschenegischen Kämpfer aufnehmen will,“ es fand sich aber niemand. Am folgenden Tage kamen die Petschenegen an den Fluß stelleten ihren Kämpfer dar, und forderten seinen Gegner aus dem rußischen Heere auf. Jezt kam ein alter Mann zu Wladimir und sprach: er habe fünf söhne, von welchen der jüngste solche Stärke besitze, daß er eine Ochsenhaut mit den Händen in zwey stücke reissen könne. Der Großfürst schickte hierauf so gleich nach ihm

 

 

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und lies den Petschenegen sagen, daß sie drey Tage warten möchten. Als die Abgeschickten den Jüngling zum Fürsten brachten, machte er ihm die Aufforderung der Petschenegen bekannt. Der Jüngling erwiederte: „ich weis nicht ob ich den Kampf annehmen kann, prüfet mich und erforschet meine Kraft, befiehl einen großen und starken Stier zu suchen, damit ich meine Stärke nicht an einen Menschen beweisen darf.“ Man brachte einen Stier, Wladimir sahe die Stärke des Jünglings und sprach: du kannst mit dem Petschenegen kämpfen. Als der bestimmte Tag erschien, kamen die Petschenegen wiederum des Morgens frühe und forderten jemand zum Zweykampf auf, indem sie ihren Kämpfer zum Kampf bereit ohne Waffen darstellten. Beide Heere näherten sich gerüstet, dem Flusse. Der petschenegische Kämpfer war sehr groß; Wladimir stellte ihm den seinen entgegen. Der Petschenege betrachtete die mäßige Größe des rußischen Kämpfers, und spottete seiner. Man maß einen Platz zwischen beyden Heeren ab, in dessen Mitte die Kämpfer zusammen kamen. Als sie einander erreichen konnten, griffen sie sich fest an, gleich darauf aber stieß der Gärber Johann dem Petschenegen mit dem Kopfe gegen den Bauch, der Petschenege wankte auf seinen Füßen und fiel zur Erde, der Gärber aber stieß ihn mit dem Fuße. Als die Petschenegen dieses sahen, geriethen sie in Verwirrung und flohen, Wladimir eilte ihnen mit seinem Heere nach und verfolgte sie bis zum Abende.

 

Zweiter Band 1783.

 

 

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Wladimir ließ die Gegend an der vorgedachten Furth befestigen, er erhob den Gärber und seinen Vater zu hohen Ehren, gab ihnen viel Haabe und Gut, und kehrte mit Sieg und Ruhm nach Kiew zurück.

 

Im Jahre 994 zog Wladimir gegen die Bolgaren,überwand sie und kehrte nach Kiew zurück.

 

In eben diesem Jahre war eine große Dürre und brennende Hitze, wovon in vielen Gegenden das Getreide auf dem Felde verdorrete.

 

In demselben Jahre kamen die von Wladimir an den Pabst abgefertigte Gesandte zurück.

 

Im Jahre 996 erbauete Wladimir in Kiew eine, der heiligen Mutter Gottes geweihete steinerne Kirche, schenkte ihr (und zum Unterhalt der Armenhäuser, Krankenhäuser, Schulen u. dgl.) den zehnten Theil seiner Einkünfte, und gab an dem Tage der Kirchweihe den Bojaren und Stadt-Aeltesten ein großes Fest, den Armen aber viel Almosen.

 

Bald darauf kamen Petschenegen nach Waßilew, welches Wladimir nach seinem Taufnahmen benannt hatte (jezt Waßilkow). Wladimir der bey der Nachricht von dem petschenegischen Feldzuge um diese Stadt besorgt war, und ihr ehe er ein hinlängliches Heer zusammen gebracht hatte, eilige Hülfe leisten wollte, zog mit einer kleinen Anzahl Truppen gegen die Petschenegen, die ihn in einer Niederung unvermuthet mit einer großen Macht überfielen. Wladimir wollte ihnen zwar mit dem kleinen, bey ihm befindlichen Heere, Widerstand thun,

 

 

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seine Truppen aber flohen davon. Als er nun fast ganz allein zu Fuße nachgeblieben war, weil man ihm sein Pferd unter dem Leibe erschlagen hatte, und er kein anderes erhalten konnte; so verbarg er sich unter einer Brücke, rettete sich dadurch von der Gefangenschaft, und kehrte nach Kiew zurück. Hier beschäftigte er sich mit der Erbauung verschiedener Kirchen und anderer öffentlichen Gebäude, er feierte prächtige Feste wozu er viele Personen einlud, er gab sehr reichliche Almosen, war mildthätig gegen jedermann, und befahl allen Nothleidenden, auf seinen Hof zu kommen, wo seine Schatzmeister jedem nach seinem Bedürfnis, Speisen, Getränke, und Geld austheilten; denjenigen aber die wegen Alter und Schwachheit nicht zu ihm kommen konnten, schickte er dergleichen Almosen in ihre Wohnung. Dieses that er am Sonnabende, Sontags aber ließ er nach Vollendung des Gottesdienstes in seinem Hause für die Bojaren, für alle seine Hofleute und andre vornehme Personen Gastmahle anrichten, welches auch ohne ihn geschahe, wenn er in andre Städte oder Dörfer verreisete; zu diesen Gastmahlen ließ Wladimir silbernes Tischgeräthe machen.

 

Der Großfürst Wladimir hielt sehr viel auf weise und aufrichtige Räthe und berathschlagte sich mit ihnen täglich über Reichs und Kriegs-Geschäfte und die Verwaltung des Rechts unter seinen Unterthanen; weil er überzeugt war, daß er hiedurch dem Reiche Stärke, Reichthum und Ruhm erwerbe.

 

 

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Mit den benachbarten Regenten Boleslaw von Polen, Stephan von Ungarn und Udalrik von Böhmen hielt er Frieden und Freundschaft und alle ehrten ihn als den ältesten und mächtigsten der slawischen Fürsten.

 

Wladimir fand in seinem Herzen Vergnügen an unbegränzter Güte und ging in dieser Tugend so weit, daß Gerechtigkeit und gesezliches Gericht erschlaften, und Straßenraub und Diebstal dadurch sich überall verbreiteten; so das endlich der Mitropolit Leontii und die Bischöfe ihm zuredeten und vorstellten; daß alle Gewalt von Gott komme, und daß er von dem allmächtigen Schöpfer dazu gesezt sey Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wobey das vornehmste sey, die Bösen und Widerspenstigen zu zähmen und zu bessern, den Unterdrückten und Guten aber Gnade und Schutz angedeihen zu lassen. Wladimir achtete auf diese Vorstellung, und befahl nach den Gesezen seines Großvaters und Vaters zu richten.

 

Einige Zeit nachher stelleten Wladimirs Räthe ihm vor, daß er zwar viele Kriegsvölker habe, Rußland aber den Einfällen der Fremden offen stehe; denn, sagten sie, „du ziehest selbst nicht gegen sie zu Felde und schickest auch deine Feldherrn nicht gegen sie aus, wodurch die Truppen (in ihren Kriegsübungen) laß werden, die Pferde und Waffen umsonst verderben,und das Land verwüstet wird.“ Wladimir nahm diesen dem Reiche heilsamen Rath gnädig auf, befahl Truppen auszurüsten,

 

 

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und aus Kiew gegen die Petschenegen, aus Nowogrod aber gegen die Tschuden zu Felde zu ziehen. Die Truppen zogen aus, und kehrten siegreich zurück, die Petschenegen hielten sich ruhig und wagten es nicht Einfälle in Rußland zu thun.

 

Im Jahre 997, da Wladimir von den Petschenegen keinen Einfall befürchtete, fand er für gut, selbst gegen die Tschuden zu Felde zu ziehen und sie seiner Herrschaft zu unterwerfen; er verstärkte sein Heer durch Kriwitschen (Smolensk) 11) und verfügte sich nach Nowogrod. Als die Petschenegen Nachricht erhielten, daß weder der Fürst noch Truppen in Kiew wären, kamen sie in großer Anzahl und umringten die Stadt Belgorod so, daß niemand heraus gehen noch das Nöthige in die Stadt bringen konnte, wodurch nach einiger Zeit daselbst eine Hungersnoth entstand. Da nun von niemanden Hülfe zu erwarten war, weil kein Heer in Bereitschaft stand, und in Kiew nicht so bald eines zusammen gebracht werden konnte, hielten die Bürger von Belgorod einen Rath und beschlossen, die Stadt den Petschenegen zu übergeben.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß damals ein gewisser alter Mann der nicht im Rathe gewesen war, die aus der Versammlung kommende gefragt habe, worüber sie gerathschlagt und was sie beschlossen hätten; da er nun hierauf erfahren, daß man am folgenden Morgen den Petschenegen die

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11) Kriwitsch heißt auf sarmatisch die Höhe der Flüsse.

 

 

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Stadtthore öffnen wolle, habe er die Stadtältesten zusammen berufen und zu ihnen gesagt: „höret mich! haltet euch noch drey Tage und thut was ich euch befehlen werde.“ Als die Bürger ihm in dieser äußersten Noth Gehorsam versprochen hatten, befahl er aus jedem Hofe eine Handvoll Haber, und so viel Weizen und Kleyen als möglich wäre, zusammen zu bringen, welches alles ohne Anstand befolgt wurde. Hierauf machte er einen dünnen Teig, woraus man den Sauerbrey zu kochen pflegt, er ließ einen Brunnen graben, sezte ein großes Faß auf den Boden desselben und goß den vorgedachten Teig hinein. Nach diesem befahl er Honig zu suchen, und da man in dem fürstlichen Keller ein Körbchen voll Honig fand, ließ er daraus einen süßen Meth bereiten, und goß ihn in einen andern dem vorigen ähnlichen Brunnen. Am folgenden Morgen schickte er zu den Petschenegen und ließ einige der vornehmsten zur Unterredung in die Stadt berufen.

 

Die Petschenegen waren darüber froh, schickten zehn ihrer ansehnlichsten Männer in die Stadt, und ließen sich eben so viele Personen aus der Stadt zum Unterpfande geben. Als die abgeschickten Petschenegen in die Stadt kamen, nahm man sie sehr wohl auf, und sagte zu ihnen; sie würden die Stadt durch Hunger und Gewalt nicht zur Uebergabe zwingen, wenn sie auch zehn Jahre vor selbiger stehen wollten; sie möchten nur zusehen, was für Speisen die Brunnen darbieten, womit man sich gar leicht so lange behelfen könne, bis der Fürst Truppen

 

 

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schicken werde. Die Petschenegen liesen sich hiedurch überreden, gingen nach ihrem Lager, wechselten die Geiseln gegen einander aus, verliessen die Stadt, und kehrten in ihr Land zurück.

 

Wladimir kehrte nach Unterwerfung der Tschuden nach Kiew zurück, und als er daselbst vernahm, daß die Petschenegen einen Einfall gethan hätten, schickte er ihnen Truppen auf dem Fuße nach, welche aber ohne sie erreicht zu haben zurück kamen.

 

Im Jahre 1000 rüstete Wladimir im Frühlinge wiederum Truppen aus und zog gegen die Bolgaren; er eroberte Perejaslawez an der Donau und verblieb daselbst bis zum Friedensschluß.

 

Um diese Zeit kam ein großes Heer Petschenegen gegen Kiew und umringte die Stadt, welches die Einwohner in großes Schrecken sezte; Indessen that Alexander Popowitsch (Wladimirs Feldherr) mit den Truppen in der Nacht einen Ausfall und trieb die Petschenegen zurück, wofür Wladimir zur Bezeugung seiner Gnade ihm eine goldene Kette um den Hals hing und ihn zu einem der Großen seines Hauses machte.

 

Im Jahre 1001 schickte Wladimir die Feldherren Alexander Popowitsch und Jan Usmowitsch welcher den starken Petschenegen bey Perejaslawl überwältiget hatte, gegen die Petschenegen. Sie zogen mit einem Heere aus, überwanden die Petschenegen, nahmen den Fürsten Rodaman mit drey Söhnen gefangen und brachten ihn zu Wladimir nach Kiew. Wladimir feierte dieses Sieges wegen in Kiew ein großes Fest.

 

 

 

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Die Geschichtschreiber erzehlen, daß Wladimir in dem nemlichen Jahre, durch eine lobwürdige Wißbegierde bewogen, besondere Leute als Reisende, einige nach Rom, andere nach Jerusalem, Egypten und Babylon geschickt habe, um die Länder und Städte wie auch die Gebräuche, Ordnungen und Regierung jedes Landes zu beschreiben. (Wahrscheinlich hatte Wladimir Beschreibungen seines eigenen und der benachbarten Reiche, als, des bolgarischen, griechischen und anderer, deren Kenntnis besonders nöthig war; diese Beschreibungen aber sind nicht bis zu uns gelangt). Tatischtschew sagt hiebey: prächtige Gebäude entfernter Gegenden sind Sachen die unsere Wißbegierde vergnügen; aber die Gesetze und Ordnungen, die Verwaltung der Gerechtigkeit, die Belohnung guter Thaten, die Ausrottung der Laster, die Kriegs-Ordnung und Kriegs-Kunst, die Sitten und Denkart der Völker und die Vortheile die man durch den Handel von ihnen erlangen kann, sind Sachen deren Untersuchung uns nothwendig ist.

 

Im Jahre 1003 war eine reiche Erndte und ein Ueberfluß an Getreide und andern Früchten des Landes.

 

Im Jahre 1004 thaten die Petschenegen wieder einen Einfall und umringten Belgrad worauf Wladimir die Feldherrn Alexander Popowitsch und Jan Usmowitsch mit einem Heere gegen sie ausschickte. Als die Petschenegen hörten, daß diese Truppen gegen sie im Anzuge wären, hoben sie die Belagerung auf und flohen in die Stepe.

 

 

 

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Im Jahre 1006 schickten die wolgischen Bolgaren 12) Abgesandte zu Wladimir, welche um die Erlaubnis anhielten in den Städten an der Wolga und Oka Handel zu treiben; Wladimir erlaubte ihnen mit Vergnügen in allen Städten und Oertern mit den rußischen Kaufleuten zu handeln, und gab diesen gleichfalls die Erlaubnis, zu den Bolgaren zu reisen, um von ihnen das nöthige zu kaufen.

 

Im Jahre 1014 befahl Wladimir Truppen zu versammeln, die Wege zu bessern und Brücken zu bauen, und wollte selbst gegen Nowogrod zu Felde ziehen, weil die Nowogroder sich geweigert hatten ihm den Tribut zu zahlen, aber er ward hieran durch eine Krankheit gehindert.

 

Um eben diese Zeit kamen Gesandte des lettischen (litauischen) Fürsten Boleslaw zu Wladimir und mit ihnen zugleich Gesandte der Tschechen (Böhmen) und Ungarn,von welchen jeder um eine seiner Töchter anhielt. Wladimir versprach dem Fürsten Boleslaw, seine älteste Tochter Premislawa mit dem tschechischen Fürsten, und seine mittlere Tochter Predslawa, die er sehr liebte, mit dem Könige von Ungarn zu vermählen; weshalb er im Frühlinge mit ihnen zu Wladimir in Wolhinien eine Zusammenkunft halten wolle.

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12) Die wolgischen Bolgaren legten sich mit solchem Eifer auf Handel und Gewerbe, daß sie des Handels wegen durch Persien nach Indien, durch Rußland nordwerts nach Schweden und Dänemark, und über das schwarze Meer bis nach Egypten reiseten.

 

 

 

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Im Jahre 1015 hörten die Nowogroder daß Wladimir gegen sie im Anzuge sey und schickten zu den Warägern um Hülfs-Truppen zu bitten. Um eben diese Zeit erfuhr Wladimir das die Petschenegen einen Einfall in Rußland thun wollten; er schickte seinen Sohn Boris mit Truppen gegen sie, und starb bald darauf, den 15ten Julius, in Berestow, im 68 Jahre seines Alters. Seine Bedienten und Feldherren hielten seinen Tod geheim, wickelten seinen Leichnam in einen Teppich und brachten ihn heimlich nach Kiew.

 

Er hatte 35 Jahre über ganz Rußland geherrscht, und ward in Kiew in der Zehenden-Kirche begraben.

 

Seine Gemahlinnen bis zu seiner Taufe waren:

1. Eine Warägerin von welcher 1) Fürst Wüscheslaw.

 

2. Die polozkische Prinzeßin Rogneda oder Gorislawa, mit welcher er sich im Jahre 976 vermählte. Sie nahm den christlichen Glauben an, ging in ein Kloster wo sie Anastasia genannt wurde und starb im Jahr 1000.

Von Rogneda hatte Wladimir drey Söhne und zwey Töchter, nemlich:

2) Fürst Isäslaw.

3) Fürst Jaroslaw.

4) Fürst Wsewolod.

5) Die Prinzeßin Predslawa, nachherige Gemahlin des Königes von Böhmen, und

6) Die Prinzeßin Premislawa,welche mit dem Könige von Ungarn vermählt ward.

 

 

 

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3. Malfreda eine böhmische Prinzeßin die im Jahre 1000 starb, von welcher,

7) Fürst Wetscheslaw.

 

4. Adil oder Olga eine Tschechin, von welcher

8) Fürst Swätoslaw.

9) Fürst Mstislaw.

10) Fürst Stanislaw.

 

5. Milolika eine Bolgarin, die Wladimir vorzüglich liebte, von welcher

11) Fürst Boris.

12) Fürst Gleb.

Nach seiner Taufe ließ Wladimir seine übrigen Gemahlinnen von sich, und gab so wohl ihnen als den von ihnen erzeugten Söhnen abgetheilte Besizungen. Er selbst vermählte sich nach christlichem Gebrauch mit der kaiserlichen Prinzeßin Anna, die im Jahre 1011 starb, von welcher

13) Die Prinzeßin Maria, nachher Dobrognewa genannt, Gemahlin des Königes von Pohlen Kasimir I. für welche in Krakau eine griechisch-katholische Kirche gebaut wurde.

 

Wladimir nahm seine Neffen an Kindesstatt an, nemlich: Swäropolk Jaropolks Sohn; Sudislaw und Podswisd, Söhne des Fürsten Oleg Swätoslawitsch.

 

Da Wladimir nach seiner Taufe (im Jahre 988) seine Gemahlinnen und Kinder, die er zu der Zeit hatte, von sich zu lassen wünschte, folgte er dem Beyspiele seines Vaters Swätoslaw Igorewitsch, indem er jedem Sohne und jedem an Kindesstatt angenommenen Neffen sein abgetheiltes Fürstenthum gab, nemlich:

 

 

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1) Dem Fürsten Wüscheslaw Nowogrod; dieser starb vor seinem Vater im Jahre 1010.

2) Dem Fürsten Isäslaw Polozk, dieser starb im Jahre 1001 und hatte seinen Sohn Brätschislaw zum Nachfolger.

3) Dem Fürsten Jaroslaw Rostow, und nach Wüscheslaws Tode Nowogrod.

4) Dem Fürsten Wsewolod, Wladimir in Wolhinien.

5) Dem Fürsten Wetscheslaw Tschernigow.

6) Dem Fürsten Swätoslaw das drewische Gebiet. Dieser hatte von einer ungarischen Prinzeßin einen Sohn Johann oder Jan der im Jahre 1002 gebohren war.

7) Dem Fürsten Mstislaw, Tmutarakan. (Die Geschichtschreiber nennen die tmutarakanischen Fürsten wechselsweise bald tmutarakanische, bald räsanische; es ist also wahrscheinlich, daß Tmutarakan am Flusse Prona nahe bey Räsan gelegen habe.)

8) Dem Fürsten Stanislaw Smolensk.

9) Dem Fürsten Boris, (nach Jaroslaws Versezung nach Nowogrod) Rostow.

10) Dem Fürsten Gleb Murom.

 

Seinen an Kindesstatt angenommenen Neffen, gab Wladimir folgende abgerheilte Fürstenthümer. 11) Dem Fürsten Swätopolk Turow.

12) Dem Fürsten Sudislaw Pskow, und

13) Dem Fürsten Podswisd Berestow.

 

 

 

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Geschlechts-Register Wladimirs I.

 

Swätoslaw I. Großfürst von ganz Rußland von 945 bis 972.

oo I. Dessen Gemahlin Predslawa eine ungarische Prinzeßin, von welcher

 

1) Jaropolk I. Großfürst des südlichen Rußlands von 972 bis 980, vermählt mit einer Griechin Predslawa, von welcher

Swätopolk l. Fürst zu Turow von 988 bis 1015. hernach Großfürst von 1015 bis 1020.

 

2) Olg, Fürst der Drewier von 970 bis 977. Dessen Kinder Sudislaw, Fürst zu Pskow von 988 bis 1036. Podswisd, Fürst zu Berestow von 988 bis –

 

oo II. Maluscha, von welcher

 

3) Wladimir, Fürst zu Nowogrod von 970 bis 980. nachher Großfürst von 980 bis 1015. Dessen Gemahlinnen waren:

oo I. Eine Warägerin, von welcher

1. Fürst Wüscheslaw

 

oo II. Rogneda od. Gorislawa, Fürstin zu Polozk, von welcher

2. Fürst Isäslaw

3. Fürst Jaroslaw

4. Fürst Wsewolod

5. Prinzeßin Predslawa, vermählt mit dem Könige von Böhmen

6. Prinzeßin Premislawa, vermählt mit dem Könige von Ungarn

 

oo III. Malfreda, eine böhmische Prinzeßin, von welcher

7. Fürst Wetscheslaw

 

oo IV. Adil oder Olga eine Tschechin, von welcher

8. Fürst Swätoslaw

9. Fürst Mstislaw

10. Fürst Stanislaw

 

oo V. Milolika eine Bolgarin, von welcher

11. Fürst Boris und

12. Fürst Gleb

 

oo VI. Die griechisch-kaiserliche Prinzeßin Anna, nachher Dobrognewa genannt, von welcher

13. Die Prinzeßin Maria, Gemahlin des Königs von Pohlen Kasimir I.

 

 

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Wladimirs Zeitverwandte, vom Jahre 980 bis 1015 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Basil von 976 bis 1026.

 

In Deutschland. Kaiser. Otto II. von 973 bis 983. Otto III. von 983 bis 1002. Heinrich II. von 1002 bis 1024.

 

In Polen. Könige. Mieczislaw von 964 bis 999. Boleslaw I. der tapfere von 999 bis 1025.

 

In Böhmen. Fürsten. Boleslaw II. v. 967 bis 999. Boleslaw III. von 999 bis 1002. Jaromir von 1002 bis 1012. Udalrik von 1012 bis 1037.

 

In Sachsen. Fürsten. Weino von 973 bis 1010. Bernhard II. von 1010 bis 1062.

 

In der Pfalz. Fürsten. Hermann I. von 939 bis 993. Eson von 993 bis 1035.

 

In Brandenburg. Fürsten. Theodor von 965 bis 985. Lothar von 985 bis 1003. Werner von 1003 bis 1010. Bernhard I. von 1010 bis 1018.

 

In Baiern. Fürsten. Otto I. von 976 bis 982. Heinrich II. von 982 bis 995. Heinrich III. von 995 bis 1005. Heinrich IV. von 1005 bis 1027.

 

In Braunschweig. Fürsten. Bruno II. von 972 bis 1006. Ludolf von 1006 bis 1038.

 

In Bolgarien. Zaren. Samuel von 974 bis 1014. Radomir von 1014 bis 1015.

 

In Dänemark. König. Sweno I. von 980 bis 1015.

 

 

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In Arabien. Kalifen. Tay XLIII. Kalif von 974 bis 991. Kader XLIV. Kalif von 991 bis 1031.

 

In Egypten. Kalifen. Asis von 975 bis 996. Hakem Wamrilla von 996 bis 1021.

 

In Frankreich. Könige. Lothar von 954 bis 986. Ludwig V. von 986 bis 987. Hugo von 987 bis 996. Robert von 996 bis 1031.

 

In England. Könige. Etelred von 978 bis 1014. Sweno von 1014 bis 1015.

 

In Spanien. Könige. Ramir II. von 967 bis 982. Bermud II von 982 bis 999. Alphons V. von 999 bis 1027.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Nikolaus von 983 bis 996. Sisim von 996 bis 999. Sergius von 999 bis 1019.

 

Römische Päbste. Benedikt VII. von 974 bis 983. Johann XIV. von 983 bis 985. Johann XV. von 985 bis 985. Johann XVI. von 985 bis 996. Gregor IV. von 996 bis 999. Silvester II. von 999 bis 1003. Johann XVII. von 1003 bis 1003. Johann XVIII. von 1003 bis 1009. Sergius IV. von 1009 bis 1012. Benedikt VIII. von 1012 bis 1024.

 

Patriarchen zu Alexandrien. Ephraim von 977 bis 981. Philotheus von 981 bis 1005. Zacharias von 1005 bis 1032.

 

Patriarchen zu Jerusalem. Christoph von 969 bis ___. Joseph von ___ bis ___. Jeremias von 984 bis 1012. Arsenius von 1012 bis 1023.

 

Patriarchen zu Antiochien. Theodor von 969 bis 985. Agapus von 985 bis 1004. Johann von 1004 bis ___. Nikolaus von ___ bis ___.

 

 

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176

 

Mitropoliten. In Kiew. Michael von 988 bis 992. Leontii von 992 bis 1035.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Nowogrod. Wüscheslaw Wladimirowitsch von 988 bis 1010. Jaroslaw Wladimirowitsch von 1010 bis 1025.

 

In Polozk. Isäslaw Wladimirowitsch von 988 bis 1001. Brätschislaw Isäslawitsch von 1001 bis ___.

 

In Rostow. Jaroslaw Wladimirowitsch von 988 bis 1010. Boris Wladimirowitsch von 1010 bis 1015.

 

In Wladimir in Wolhinien. Wsewolod Wladimirowitsch von 988 bis ___.

 

In Tschernigow. Wetscheslaw Wladimirowitsch von 988 bis ___.

 

Bey den Drewiern. Swätoslaw Wladimirowitsch von 988 bis 1015.

 

In Tmutarakan. Mstislaw Wladimirowitsch von 988 bis 1034.

 

In Smolensk. Stanislaw Wladimirowitsch von 988 bis ___.

 

In Murom. Gleb Wladimirowitsch von 1010 bis 1015.

 

In Torow. Swätopolk Jaropolkowitsch von 988 bis 1015.

 

In Pskow. Sudislaw Olgowitsch von 988 bis 1036.

 

In Berestow. Podswisd Olgowitsch von 988 bis ___.

 

 

 

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Quelle:

 

Neues St. Pertersburger Journal vom Jahre 1783. Zweiter Band. S. 75-176 Mit Bewilligung des Ober-Polizey-Amts. St. Petersburg, gedruckt in der privegirten Buchdruckerey bey Schnoor.

 

 

 

 

 

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36

 

Aufsäze betreffend die rußische Geschichte. *)

(Fortsetzung)

 

Großfürst Swätopolk I.

 

Nach dem Tode des Großfürsten Wladimir Swätoslawitsch (im Jahr 1015) theilte sich Rußland in dreyzehn Fürstenthümer, welche den Söhnen und an Kindesstatt angenommenen Neffen dieses Großfürsten verliehen waren.

 

Zur Zeit seines Todes war sein adoptirter Neffe, Fürst Swätopolk, ein Sohn seines ältesten Bruders Jaropolk, Befehlshaber in Kiew.

 

Als Fürst Swätopolk Jaropolkowitsch das Absterben des Großfürsten Wladimir erfuhr, suchte er die Kiewer durch Geschenke und freundliches Betragen auf seine Seite zu bringen, diejenigen Kiewer aber, deren Brüder, Blutsfreunde und Verwandten mit dem Fürsten Boris gegen die Petschenegen zu Felde waren, bezeigten mehrere Neigung für diesen Fürsten, weil Boris ein sanfter und gütiger Prinz war.

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*) S. St. Petersburgisches Journal 1783 zweiter Band, Seite 75.

 

 

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37

 

Da Swätopolk die verschiedenen Gesinnungen der Kiewer bemerkte, und sich auf dem Throne seines Vaters in Kiew zu befestigen wünschte, schickte er zu dem Fürsten Boris und ließ ihm sagen, daß er mit ihm in Liebe und Eintracht zu leben wünsche, und nicht nur das ihm von Wladimir gegebene Erbtheil bestätigen, sondern auch vergrössern wolle. Eben dieses ließ er dem Fürsten Gleb in Murom (dem leiblichen Bruder des Fürsten Boris) sagen und beyde Fürsten zu sich nach Kiew einladen.

 

Boris war damals mit einem Heere gegen die Petschenegen zu Felde gezogen, hatte sie aber nicht einholen können, und war auf seinem Rückzuge bis zu dem Flusse Alta gekommen, als er die Nachricht von dem Tode seines Vaters erfuhr, worüber er sich sehr betrübte.

 

Sobald diese Nachricht unter den Truppen bekannt wurde, bezeigten sie ihr Verlangen den Fürsten Boris auf den kiewschen Thron zu bringen. Die Befehlshaber des Heeres kamen zu ihm, versicherten ihn ihrer Treue, und suchten ihn zu bewegen seine Einwilligung zu geben. Boris aber, der sieben aeltere leibliche Brüder und drey Vettern vor sich hatte, und die Verwirrungen eines innerlichen Krieges verabscheuete, antwortete: daß er den ältesten seines Geschlechts als einen Vater ehre und gegen ihn keinen Krieg führen werde. Da die Truppen diese edelmüthige und wohlgesinnte Antwort vernahmen, fingen sie an zu befürchten, das Swätopolk ihnen sowohl die dem Boris gemachten Anerbietungen als auch ihr langes Verweilen bey demselben, als ein Verbrechen anrechnen würde; sie verlohren den Muth und gingen einer nach dem andern in ihre Heimath zurück, so daß Boris niemand als seine Bedienten bey sich behielt.

 

Während daß die vom Swätopolk an Boris mit Versicherungen von Liebe und Eintracht abgefertigte Gesandten auf dem Wege waren, verbreitete sich in Kiew das Gerücht von der Anhänglichkeit des Heeres an Boris, und von den ihm geschehenen Vorschlägen ihn auf den kiewschen Thron zu bringen.

 

Als Swätopolk dieses hörte, reisete er heimlich in der Nacht aus Kiew nach Wüschegrad, rief einen gewissen Putescha, einen Kriegsbefehlshaber, und die wüschegradschen Bojaren zu sich und fragte sie; „ob sie gut gegen ihn gesinnt wären?“ sie versicherten ihn ihrer Treue. Hierauf erzehlte er ihnen den Zustand der Sachen und berathschlagte mit ihnen was zu thun sey. Ihr boshafter Rath zeuget von den rauhen Sitten des damaligen Zeitalters, in welchem das Volk in Grundsäzen aufwuchs, die weder mit der Rechtschaffenheit noch mit guter bürgerlicher Ordnung bestehen konnten. Die Geschichtschreiber erzehlen man habe beschlossen Boris zu ermorden und habe heimlich Leute abgeschickt solches auszuführen. Eben hiedurch aber ward Swätopolks Verfassung wankender, hiedurch vermehrte sich die Unruhe und Besorgnis seines Gemüths und das gerechte Mißtrauen seiner Brüder gegen ihn.

 

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Um diese Zeit schickte Wladimirs Tochter Predslawa, die sich in Kiew aufhielt, zu Jaroslaw nach Nowgorod, und meldete ihm den Tod seines Vaters und Bruders. Jaroslaw benachrichtigte hievon seinen Bruder Gleb und rieth ihm, nicht nach Kiew zu reisen. Gleb war schon auf dem Wege und ging zu Wasser den Dnieper herab, wo er unvermuthet von bewafneten Leuten überfallen und ermordet ward. Aller Verdacht dieser Begebenheit fiel auf Swätopolk, welcher von allen gehaßt wurde.

 

Als Swätoslaw, der im drewischen Gebiet und der nächste bey Kiew war, von dem Tode seiner Brüder hörte, und aus Verdacht gegen Swätopolk sehr für sich selbst besorgt war, begab er sich nach Ungarn zu seinem Schwiegervater dem Könige von Ungarn.

 

Swätopolk aber suchte sich immer mehr in Kiew zu befestigen und machte deshalb den Kiewern und den ansehnlichsten Personen der übrigen Fürstenthümer, reichliche Geschenke.

 

Jaroslaw hielt sich damals in Nowgorod auf, wo sich diejenigen Waräger bey ihm einfanden, nach denen die Nowgoroder geschickt hatten, als sie Wladimirn den Tribut verweigerten; diese Waräger thaten den Nowgorodern viele Gewaltthätigkeit und Unrecht an, wodurch häufige Streitigkeiten und Schlägereien zwischen den Warägern und Nowgorodern entstanden. Als Jaroslaw dieses sahe zürnte er über die Nowgoroder

 

 

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und zog aus der Stadt auf sein Landhaus, wo er die schuldigen Nowgoroder die die Waräger erschlagen hatten, bestrafen ließ. Da er aber bald darauf durch seine Schwester von dem was in Kiew vorgefallen war Nachricht erhielt, ließ er die Nowgoroder einladen, daß sie zu ihm herauskommen möchten, worauf er ihnen vorschlug einen Feldzug nach Kiew zu thun und den Ungerechtigkeiten Swätopolks gegen seine Brüder Einhalt zu thun. Die Nowgoroder antworteten, sie wären dazu bereit.

 

Jaroslaw brachte also gegen 5000 Waräger und Nowgoroder zusammen und zog gegen Swätopolk zu Felde.

 

Als Swätopolk von den Anzuge Jaroslaws aus Nowgorod Nachricht erhielt, rüstete er ein großes Heer Russen und Petschenegen aus und ging Jaroslaw bis Ljubitsch entgegen, wo er im Anfange des Herbstes (im Jahre 1016) an dem einem, so wie Jaroslaw am andern Ufer des Dniepers stand. So standen sie des hohen Wassers wegen drey Wochen lang gegen einander über, bis sich das Wasser im Dnieper verminderte.

 

Swätopolk der seine Stellung zwischen zwo Seen genommen hatte, belustigte sich und trank mit seinen Großen; als aber der Frost einfiel, bewafnete Jaroslaw seine Truppen in der Nacht, befahl ihnen ihre Köpfe mit weißen Tüchern zu umwinden (wie es von Alters her bey den rußischen

 

 

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Kriegsvölkern im Gebrauch war, um sich dadurch von den Feinden zu unterscheiden) und sezte beym Aufgange der Sonne über den Fluß. Nachdem alle Truppen ans Land gesezt waren, befahl er die Böthe vom Ufer zu entfernen, munterte seine Mannschaft zur Tapferkeit und Treue auf, und näherte sich Swätopolken, welchen man so wenig auf seiner Hut fand, daß er nicht einmal sein ganzes Heer in Schlachtordnung stellen konnte, sondern nur mit einem Theil desselben, so viel er in der Eile zusammen bringen konnte, vorrückte. Seine Petschenegen standen hinter den Seen und konnten ihm keine Hülfe leisten. Swätopolk war gezwungen sich auf den See zurück zu ziehen, wo das Eis durchbrach, und viele im Wasser umkamen. Als er dieses sahe, flüchtete er mit wenigen seiner Leute nach Polen zu seinem Schwiegervater Boleslaw, die Petschenegen aber entflohen in die Step. Jaroslaws Leute verfolgten die fliehenden und machten viele Gefangene. Nach diesem Siege befahl Jaroslaw den rußischen Truppen, die unter Swätopolk gedient hatten, nach Kiew zurück zu gehen, wohin er sich auch selbst verfügte.

 

Jaroslaw, war damals 38 Jahr alt.

 

Im Jahre 1017 brannte die Stadt Kiew ab, worauf Jaroslaw nahe bey der alten eine neue Stadt anlegte.

 

In eben dem Jahre kamen die Petschenegen unvermuthet nach Kiew.

 

 

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Jaroslaw konnte in der Eile kaum einige Truppen zusammen bringen um den Feinden das Eindringen in die alte Stadt zu wehren, als er aber gegen Abend seine Truppen versammelt hatte, schlug er die Petschenegen, verfolgte sie im freyen Felde und kam mit vielen Gefangenen zurück.

 

Im Jahre 1018 hatte Swätopolk, der sich in Polen aufhielt, von dem Könige von Polen Boleslaw dem Tapfern, Hülfe gegen Jaroslaw erbeten. Die Geschichtschreiber erzehlen daß Boleslaw (der die Absicht hatte Rußland durch innerliche Unruhen zu entkräften und die von Wladimir eroberten Städte Peremüschl, Tscherwen, Belsh, Swenigorod und andere wieder zu Polen zu bringen) Swätopolken Hülfe versprochen, ein Heer versammelt, den Kaiser Heinrich um Hülfstruppen gebeten und selbige erhalten habe.

 

Swätopolk brachte ebenfalls ein Heer von Wolhiniern und Turowern zusammen und so zogen sie gegen Jaroslaw.

 

Jaroslaw ging mit einem vereinigten Heer von Russen, Warägern und Slawen Boleslaw und Swätopolk entgegen, traf sie in Wolhinien am Flusse Bug und nahm seine Stellung an der einen, Boleslaw aber an der andern Seite des Flusses.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, Boleslaw sey zwar sehr groß und schwer gewesen, so daß

 

 

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er nicht zu Pferde sitzen können, er habe aber ein Heer mit Klugheit und Tapferkeit anzuführen gewußt.

 

Boleslaw ließ auf Anrathen seiner Großen Jaroslawen Friedens-Vorschläge thun; Swätopolk aber, der nichts vom Frieden wissen wollte, munterte alle zur Schlacht auf; (weil er nach dem Großfürstenthume und der Stadt Kiew lüstern war)

 

Boleslaw ging hierauf plözlich mit seinem ganzen Heere an einer seichten Stelle über den Fluß; Jaroslaw aber der sich auf die Friedens-Unterhandlungen verlassen, und keine Anstalten zur Schlacht getroffen hatte, konnte sein Heer nicht geschwinde genug in Ordnung stellen und ward daher von Boleslaw überwunden.

 

In diesem Treffen ward Jaroslaws Feldherr Budü erschlagen, über den Boleslaw, seiner beleidigenden Prahlerey wegen, sehr erzürnt gewesen war.

 

Nach dieser Schlacht ging Jaroslaw über Kiew, von da er den Rest seiner Truppen mit sich nahm, nach Nowgorod, und bat daselbst den Poßadnik Swätin Dobrinä‘s Sohn, für ihn Truppen in Bereitschaft zu halten, wenn Swätopolk gegen ihn zu Felde ziehen sollte.

 

 

Die Nowgoroder versprachen ihm alle Hülfe und sagten: „wir sind noch im Stande Boleslaw und Swätopolk die Spitze zu bieten.“ Sie beschlossen eine Schazung zu heben, von jedem Bauer 4 Kun,

 

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von jedem Starost 5 Griwen, von jedem Bojaren 18 Griwen; sie schickten hierauf zu den Warägern um Trupen in Sold zu nehmen, und gaben ihnen Geld, so daß Jaroslaw ein ansehnliches Heer zusammen brachte.

 

Als Boleslaw nach Kiew kam, befahl er die Truppen, ihres Unterhalts wegen, in die Städte und Dörfer zu verlegen, wo sie den Einwohnern unerträgliche Bedrängnisse anthaten, worüber in verschiedenen Dörfern viele Polen erschlagen wurden. Da Boleslaw dieses erfuhr und auf die Vermuthung kam, daß es mit Vorwissen Swätopolks geschehe, gerieth er über ihn in Zorn, verließ bald darauf Kiew und nahm viele von Jaroslaws Anhängern und seine zwey Schwestern mit sich (welche beyde durch Boleslaws Vermittelung versprochen waren, nemlich Premislawa an den König von Böhmen und Predslawa an den König von Ungarn).

 

Auf seinem Rückzuge eroberte Boleslaw die tscherwenischen Städte, welche Wladimir dem Metscheslaw abgenommen hatte.

 

Swätopolk blieb in Kiew und hielt sich daselbst für sicher, als Jaroslaw, der von Boleslaws Abzuge Nachricht erhalten hatte, ihn widerum mit Krieg überzog und besiegte. Swätopolk flohe zu den Petschenegen.

 

Jaroslaw aber eroberte Kiew und das ganze Swätopolk gehörige Gebiet.

 

 

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Im Jahre 1019 kam Swätopolk mit vielen Petschenegen nach Perejaslawl; Jaroslaw rüstete gleichfalls ein Heer aus und zog ihm entgegen. Als er bis an die Alta vorgerückt war, fing sich beym Anbruche des Tages eine Schlacht an, die sich des Abends mit Jaroslaws Siege endigte. Swätopolk sezte über den Dnieper und wollte nach Böhmen flüchten, er kam auf seiner Flucht in klein Polen nach Brzecz zu Boleslaws Stathalter, und wollte sich von da zum Könige nach Gnesen verfügen, um von ihm Hülfe zu erbitten, ward aber auf dem Wege krank und starb im 39sten Jahre seines Alters.

 

Er hatte vier Jahre regiert.

 

Seine Gemahlin war eine Tochter des Königes Boleslaw von Polen.

 

Geschlechts-Register Swätopolks I.

 

Jaropolk. I. Großfürst des südlichen Rußlands von 972 bis 980.

oo Dessen Gemahlin Predslawa eine Griechin von welcher

 

► Swätopolk I. Fürst zu Turow von 988 bis 1015, hierauf Großfürst des südlichen Rußlands von 1015 bis 102o. Er war mit einer Tochter des Königs Boleslaw von Polen vermählt.

 

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Swätopolks Zeitverwandte, vom Jahre 1015 bis 1020 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Basil von 976 bis 1026.

 

In Deutschland. Kaiser. Heinrich II. von 1002 bis 1024.

 

In Polen. König. Boleslaw I. der tapfere von 999 bis 1025.

 

In Böhmen. Fürst. Udalrik von 1012 bis 1037.

 

In Sachsen. Fürst. Bernhard II. von 1010 bis 1062.

 

In der Pfalz. Fürst. Eson von 993 bis 1035.

 

In Brandenburg. Fürsten. Bernhard I. von 1010 bis 1018. Bernhard II. von 1018 bis 1046.

 

In Baiern. Fürst. Heinrich IV. oder Eselon, von 1005 bis 1027.

 

 

In Braunschweig. Fürst. Ludolf von 1006 bis 1038.

 

In Bolgarien. Zar. Wladislaw von 1015 bis 1018.

 

In Dänemark. König. Kanut II. von 1015 bis 1036.

 

In Arabien. Kalif. Kader XLIV Kalif von 991 bis 1031.

 

In Egypten. Kalif. Hakem Wanrilla von 996 bis 1021.

 

In Frankreich. König. Robert von 996 bis 1031.

 

 

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In England. Könige. Etelred II. von 1015 bis 1016. Edmond II. von 1016 bis 1017. Kanut von 1017 bis 1036.

 

In Spanien. König. Alphons V. von 999 bis 1027.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Sergius von 999 bis 1019. Eustathius von 1019 bis - 1025.

 

Römischer Pabst. Benedikt VIII. von 1012 bis 1024.

 

Patriarch zu Alexandrien. Zacharias von 1005 bis 1032.

 

Patriarch zu Jerusalem. Arsenius von 1012 bis 1023.

 

Patriarchen zu Antiochien. Elias von ___ bis ___. Theodor von ___ bis 1051.

 

Mitropolit zu Kiew. Leontii von 992 bis 1035.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Nowgorod. Jaroslaw Wladimirowitsch von 1010 bis 1025.

 

In Polozk. Brätschislaw Isäslawitsch von 1001 bis ___.

 

In Rostow. Boris Wladimirowitsch von 1010 bis 1015.

 

In Wladimir in Wolhinien. Wsewolod Wladimirowitsch von 988 bis ___.

 

In Tschernigow. Wetscheslaw Wladimirowitsch von 988 bis ___.

 

Bey den Drewiern. Swätoslaw Wladimirowitsch von 988 bis 1015.

 

 

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In Tmutarakan. Mstislaw Wladimirowitsch von 988 bis 1034.

In Smolensk. Stanislaw Wladimirowitsch von 988 bis ___.

 

In Murom. Gleb Wladimirowitsch von 1010 bis 1015.

 

In Pskow. Sudislaw Olgowitsch von 988 bis 1036.

 

In Berestow. Podswisd Olgowitsch von 988 bis ___.

 

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28.

Großfürst Jaroslaw I. in der heiligen Taufe Georg genannt.

Nach dem Tode des Großfürsten Swätopolk Jaropolkowitsch, im Jahre 1020, folgte ihm sein Vetter Großfürst Jaroslaw Wladimirowitsch in der Alleinherrschaft über das nördliche und südliche Rußland.

 

Abgetheilte Fürstenthümer besaßen

1) Fürst Brätschislaw Isäslawitsch, des Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch Sohn, Polozk.

2) Fürst Wsewolod Wladimirowitsch, Wladimir in Wolhinien.

3) Fürst Wetscheslaw Wladimirowitsch, Tschernigow.

4) Fürst Mstislaw Wladimirowitsch, Tmutarakan (sonst Räsan).

5) Fürst Stanislaw Wladimirowitsch, Smolensk.

6) Fürst Sudislaw Olgowitsch, Pskow.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen daß der Großfürst Jaroslaw I. eben so thätig in der Regierung des Reichs als tapfer gewesen, daß er die erfochtenen Siege zu nutzen gewußt, und Verdienste freygebig belohnt habe.

 

Jaroslaw kam nach seinem Siege über Swätopolk Jaropolkowitsch (im Jahre 1020) mit seinem ganzen Heere nach Kiew.

 

Dritter Band 1783.

 

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Hieselbst theilte er seinen Truppen Belohnungen aus, nemlich: den Oberbefehlshabern jedem funfzig Griwen, den übrigen nach Verhältniß, und den gemeinen Soldaten jedem eine Griwna.

 

Jaroslaw beschenkte die Nowgoroder, ließ sie nach Hause ziehen, und belohnte sie überdem mit einem erneuerten Gerichts-Briefe, nach welchem Gericht gehalten werden sollte. Dieser Brief welcher Geseze enthielt, war damals von Jaroslaw blos erneuert und vermehrt worden, denn die nowgorodschen Geseze sind sehr alt.

 

In eben diesem Jahre ward Jaroslawen (von seiner Gemahlin der königlich schwedischen Prinzeßin Ingegerd) ein Sohn gebohren, den er Wladimir nannte.

 

Um eben diese Zeit entstanden in Nowgorod gesezwidrige Unruhen; Jaroslaw dämpfte dieselben, und verwies den widerspänstigen nowgorodschen Poßadnik Konstantin nach Murom.

 

Im J. 1021 erfuhr Fürst Brätschislaw Isäslawitsch von Polozk (Wladimirs des ersten Enkel) daß der Großfürst Jaroslaw mit seinen Kriegsvölkern in Kiew sey; er versammelte ein Heer, kam mit selbigem nach Nowgorod und zog in die Stadt ein. Ein Theil der Nowgoroder hatte sich vorher mit Brätschislaw in Unterhandlung eingelassen, und ihm die Eroberung der Stadt als sehr leicht vorgestellt, ein anderer Theil der Nowgoroder aber, unter welchen viele ansehnliche

 

 

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Personen waren, wollten Brätschislaw nicht für ihren Fürsten erkennen, sondern blieben Jaroslaw getreu. Unter dieser Zahl befanden sich auch besonders diejenigen Kriegsleute, welche der Großfürst wohl belohnt nach Hause geschickt hatte.

 

Als Brätschislaw die verschiedenen Gesinnungen der Nowgoroder bemerkte, und zugleich von der Annäherung der in Kiew gewesenen Truppen benachrichtiget wurde, bemächtigte er sich der Personen und des Vermögens vieler übel gesinnten vornehmen Nowgoroder, trat seinen Rückzug nach Polozk an und erreichte den Fluß Sudima, wo er von Jaroslaw, welcher aus Kiew kam, eingehohlt und überwunden ward. Jaroslaw befreiete die gefangenen Nowgoroder und schickte sie in ihre Stadt zurück, er selbst verfügte sich wiederum nach Kiew, Brätschislaw aber entfloh nach Polozk.

 

Im Jahre 1022 unternahm Jaroslaw einen Feldzug gegen Brest (in Polen). Um eben diese Zeit zog Fürst Mstislaw von Tmutarakan gegen die Koßogen. Als der koßogische Fürst Rededä hievon Nachricht erhielt, rückte er Mstislawen mit einem großen Heere entgegen.

 

Hierauf schickte Rededä zu Mstislaw und ließ ihn zu einem Zweykampf im Ringen auffodern. Die Geschichtschreiber erzehlen, daß Mstislaw, der kein leichtsinniger Mann gewesen, sich bis zum folgenden Morgen Bedenkzeit genommen,

 

 

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und alsdann seine Antwort zu schicken versprochen habe. Mstislaw wußte daß Rededä sehr stark war, verließ sich aber dabey auf seine eigene Geschicklichkeit und Stärke, weil ihn von Jugend an niemand im Ringen überwunden hatte. Er ließ also des Morgens frühe Rededä sagen, daß er an dem bestimmten Ort erscheinen möchte, und begab sich selbst unbewafnet dahin, worauf beyde aus allen Kräften rangen, bis Rededä, ungeachtet seiner Größe und Stärke von Mstislawen zu Boden geworfen und überwunden ward. Nach diesem zog Mstislaw in Rededäns Land, und legte den Koßogen eine Schazung auf, worauf er nach Tmutarakan zurück kehrte, und eine der heiligen Mutter Gottes geweihete Kirche bauete.

 

Im Jahre 1023 schickte Fürst Mstislaw von Tmutarakan, nachdem er die Koßogen unter seine Oberherrschaft gebracht hatte, zu dem Großfürsten Jaroslaw und bat ihn um eine Vergrößerung seines Landes aus den Besitzungen seiner verstorbenen Brüder. (Diese verstorbene Brüder waren Wetscheslaw, Swätoslaw, Boris, Gleb und Podswisd). Der Großfürst gab ihm zwar Murom, Mstislaw aber war damit nicht zufrieden sondern verlangte ein mehreres; da er dieses nicht erlangte hielt er seine eigene Truppen wie auch die Kosaren und Koßogen in Bereitschaft und wartete auf gelegene Zeit.

 

Im Jahre 1024 reisete der Großfürst Jaroslaw

 

 

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nach Nowgorod, ohne einen Angrif von Seiten des Fürsten Mstislaw zu befürchten.

 

Indessen kam Fürst Mstislaw von Tmutarakan nach Kiew, die Kiewer aber nahmen ihn nicht an, worauf er sich der Stadt Tschernigow bemächtigte.

 

Um diese Zeit war eine große Hungersnoth im susdalschen Gebiet und es gingen viele Leute die Wolga herab zu den Bolgaren, wo sie so viel Getreide aufkauften, daß sie ihr ganzes Land damit versorgen konnten. Die Geschichtschreiber erzehlen, diese Hungersnoth sey durch Lügen- Propheten verursacht worden, welche den Leuten eingebildet hatten, daß in diesem Jahre kein Getreide wachsen würde, daher viele aus Furcht für Mißwachs weder pflügen noch säen wollten, und hiedurch würklich in große Noth geriethen.

 

Als der Großfürst Jaroslaw hörte, daß sein Bruder Fürst Mstislaw von Tmutarakan wider ihn einen Aufstand erregt und Tschernigow eingenommen habe, sandte er nach Warägern, worauf nach den Erzehlungen der Geschichtschreiber der warägische Fürst Jakup, ein Sohn des Königes Olaus von Schweden, des Großfürsten Jaroslaws Schwager und leiblicher Bruder der Großfürstin Ingegerd mit warägischen Truppen zu ihm kam. Dieser Fürst hatte blöde Augen, und trug deswegen einen mit Gold durchwürkten Schirm über den Augen.

 

 

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Der Großfürst Jaroslaw zog mit dem warägischen Fürsten Jakup gegen Mstislaw, Fürst Mstislaw von Tmutarakan ging ihm auf erhaltene Nachricht bis Listwen entgegen, wo beide Fürsten aufeinander trafen und des Abends ihre Völker in Schlachtordnung stellten.

 

Fürst Mstislaw stellte die Sewerier den Warägern entgegen und blieb selbst in der Mit te; die Tmutarakaner und Tschernigower stellte er auf beide Flügel; (zur rechten und zur linken der Sewerier) Es war eine sehr finstre Nacht mit Donner Bliz und Regen.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß Fürst Mstislaw eben so viel Tapferkeit als Kriegslist beseßen habe.

 

Als Mstislaw unter seinen Truppen besondere Lust zum Gefechte bemerkte, und die Zeit bequem fand, ließ er sein ganzes Heer gegen Jaroslaw anrücken, welches Jaroslaw von seiner Seite gleichfalls that. Die Waräger thaten den ersten Angrif auf die Sewerier, worauf beyde Flügel ein heftigts Gefecht anfingen, doch konnte lange kein Theil den andern von der Stelle bringen.

 

Als Mstislaw bemerkte daß die Sewerier zu weichen anfingen, nahm er einen Theil seiner Truppen vom Flügel und grif selbst die Waräger mit vieler Tapferkeit an; da diese wichen stieß er auf die Nowgoroder und schlug sie in die Flucht. Da der Großfürst Jaroslaw sahe,

 

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daß seine Truppen das Schlachtfeld verlohren hatten, zog er sich zurück, und kam mit dem warägischen Fürsten Jakup nach Nowgorod.

 

Jaroslaw blieb in Nowgorod, Jakup aber kehrte in sein Land zurück.

 

Mstislaw der das Feld behauptet hatte, sahe beym Anbruche des Tages, daß seine eigenen Truppen wenig gelitten hatten und daß das Treffen nur zwischen den Seweriern und Warägern vorgefallen war, welches ihn sehr vergnügte; da er aber überlegte, daß die Macht des Großfürsten der seinigen weit überlegen sey, fand er ungeachtet der jezt erhaltenen Vortheile für gut, Jaroslawen Friedensvorschläge zu thun, welche der Großfürst annahm und sich mit dem Fürsten Mstislaw von Tmutarakan versöhnte. Der kiewsche Thron blieb dem Großfürsten Jaroslaw als dem ältesten Bruder, Tschernigow aber mit dem ganzen Gebiet bis zum Dnieper ward dem Fürsten Mstislaw abgetreten.

 

In eben diesem Jahre wurde Jaroslawen sein zweiter Sohn gebohren, welcher von ihm Isäslaw in der heiligen Taufe aber Dmitrii genannt wurde.

 

Im Jahre 1026 rüstete der Großfürst Jaroslaw im Frühlinge ein großes Heer aus, und kam nach Kiew, wo er den mit seinem Bruder Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch geschlossenen Frieden bestätigte. Beide Brüder kamen bey Gorodez zusammen und theilten Rußland bis

 

 

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zum Dnieper, so daß Jaroslaw den westlichen Mstislaw aber den östlichen Theil erhielt. Von dieser Zeit an lebten beide Fürsten in brüderlicher Liebe und Eintracht, der innere Streit und Aufruhr legte sich und ganz Rußland genoß einer vollkommenen Ruhe.

 

Im Jahre 1027 wurde Jaroslawen sein dritter Sohn gebohren, welchen er Swätoslaw nannte.

 

Im Jahre 1028 zeigte sich am Himmel ein Komet, welcher vier Monate lang zu sehen war.

 

Im Jahre 1029 zog Jaroslaw gegen die Jaßen, machte viele Gefangene, und versezte selbige nach Rußland.

 

Im Jahre 1030 zog Jaroslaw gegen die Polen, besiegte sie, und nahm Boleslaws Sohne (Mstislaw II. von Polen) Belsh und andere Städte, welche dessen Vater erobert hatte; auch brachte er viele polnische Gefangene mit sich, die er in verschiedenen rußischen Städten ansezte.

 

In demselben Jahre ward Jaroslawen sein vierter Sohn gebohren, welchen er Wsewolod nannte.

 

In eben diesem Jahre unternahm der Großfürst im Sommer einen Feldzug nach Liefland, um die Aufrührer und Widerspenstigen zum Gehorsam zu bringen. Er bestrafte sie und legte eine Stadt an (Dörpt) die er nach seinem Namen Juriew Liwonskii nannte, und wohin nach seinem Befehle, ganz Ehstland und

 

 

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Liefland den Tribut abliefern sollten: denn diese beide Fürstenthümer standen damals unter seiner Oberherrschaft und die Grenze seines Reichs erstreckte sich bis Memel.

 

Im Jahre 1031 versammelte Jaroslaw seine Truppen, zog die Hülfsvölker seines Bruders Mstislaw an sich, und unternahm einen neuen Feldzug gegen Polen, in welchem er die übrigen tscherwenischen Städte wieder unter seine Herrschaft brachte; hierauf sezte er den Krieg in Polen fort und brachte viele gefangene Polen mit sich, die er an den Fluß Rßi und um die Stadt Tschernigow ansezte.

 

Im Jahre 1032 erbauete Jaroslaw verschiedene Städte an dem Fluße Rßi und jenseit des Dniepers.

 

In demselben Jahre ward Jaroslawen eine Tochter gebohren, die er Elisabeth nannte.

 

In eben diesem Jahre unternahmen die Nowgoroder unter ihrem Feldherrn Uleb einen Feldzug nach den sibirischen Gebürgen, welche auf rußisch Pojas kamenoi und Welikii Kamen, auf tatarisch aber Ural genannt werden, (die Griechen und Römer nannten sie Riphäen). Die Nowgoroder wurden damals von den Jugern zurückgeschlagen.

 

Im Jahre 1033 starb in Tmutarakan Ewstachii ein Sohn des Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch.

 

Im Jahre 1034 ward Fürst Mstislaw von

 

 

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Tmutarakan auf der Jagd krank und starb. Er ward in Tschernigow bey der Heilands-Kirche begraben, die er selbst angelegt hatte, und die bey seinem Leben schon höher aufgebaut war, als ein Reuter auf dem Pferde stehend mit der Hand reichen konnte.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, daß Fürst Mstislaw einen schwerfälligen Körper, röthliche Haare, und eine röthliche Gesichtsfarbe, große Augen und hohe Augenbraunen gehabt, daß er tapfer im Kriege, verständig und gütig gewesen, und daß er seine Diener geliebt und, ihren Verdiensten gemäß, freigebig belohnet habe. Das Fürstenthum Tmutarakan wurde nach seinem Tode von dem Großfürsten Jaroslaw in Besitz genommen.

 

In eben diesem Jahre ward dem Großfürsten Jaroslaw sein fünfter Sohn Wätscheslaw gebohren.

 

Im Jahre 1035 begab sich Jaroslaw nach Nowgorod, und bestellete seinen ältesten Sohn Wladimir zum Regenten dieser Stadt; die Nowgoroder aber baten Jaroslawen, er möchte ihnen einen andern Brief geben, um darnach Gericht zu halten und Steuern zu heben, weil der den er vorher ertheilt hatte, nicht brauchbar wäre. Jaroslaw ließ die ansehnlichsten Leute nach Kiew zusammen berufen, und befahl den Kiewern, Nowgorodern und den Bürgern anderer Städte, Geseze zu entwerfen, welches auch geschah. Hierauf

 

 

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gab ihnen Jaroslaw Briefe wie Gericht zu halten und Steuern zu heben, und gebot daß in allen Städten unverbrüchlich darnach verfahren werden sollte.

 

Im Jahre 1036 ward Jaroslawen sein sechster Sohn gebohren, welchen er Igor nannte.

 

Um diese Zeit war Jaroslaw in Nowgorod, wo er die Nachricht erhielt, daß die Petschenegen Kiew umringt hätten; er versammelte ein Heer von Warägern, Slawen und Russen, ging ungesäumt den Dnieper herab und zog in Kiew ein, die Reuterey aber, welche um eben die Zeit in dieser Gegend ankam, führte er in der Nacht über den Fluß in die Stadt. Hierauf ließ er die Truppen des Morgens vor die Stadt ins Feld rücken und stellete sie in Schlachtordnung, so daß die Waräger in der Mitte, die Kiewer auf dem rechten und die Nowgoroder auf dem linken Flügel zu stehen kamen. Die Petschenegen griffen hierauf das rußische Heer an und es kam zu einem Treffen, welches sich des Abends mit der Niederlage der Petschenegen endigte. Es kamen viele Petschenegen auf der Flucht in der Sutena, Setomla und in andern Flüssen um, auch verlohren sie ihr ganzes Gepäcke, welches Jaroslaws Truppen zur Beute ward.

 

Nach diesem befahl Jaroslaw seinen Truppen die Stadt Kiew mit einer Mauer zu befestigen.

 

In eben diesem Jahre ließ Jaroslaw seinen Vetter Fürsten Sudislaw von Pskow, welcher durch seine Feinde bey ihm verleumdet war, zu Pskow ins Gefängnis sezen.

 

 

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Im Jahre 1037 vollendete Jaroslaw die Festungswerke der Stadt Kiew, und ließ die Kirche der heiligen Sophia, welche die Großfürstin Olga angelegt hatte, von neuem ausbauen, auch bauete er das Kloster des heiligen Georgs welches nach seinem Namen, und das Kloster der heiligen Irina welches nach dem Namen seiner Gemahlin benannt wurde. Die christliche Religion fing an sich auszubreiten und blühender zu werden, denn Jaroslaw liebte die Kirchengeseze, fand seine Lust an Büchern und las oft ganze Tage und Nächte durch; er versammelte viele Schreiber, welche Bücher aus dem griechischen ins slawische übersezten und befahl viele Bücher zum Unterricht des Volks zu verfertigen, die er vielfältig abschreiben und zu Kiew in der Kirche der heiligen Sophia niederlegen ließ. Er baute viele Kirchen in Städten und Flecken, bestimmte den Geistlichen ihren Gehalt, und gab ihnen Vorschriften, wie sie das Volk in dem Geseze Gottes unterrichten sollten.

 

(Die Geschichtschreiber sagen, daß die Wissenschaften in Rußland bis zur Ankunft der Tatarn sich sehr ausgebreitet haben, aber durch die Ankunft der Tatarn wider verlohren gegangen sind.)

 

Im Jahre 1038 zog Jaroslaw gegen die Jatwägen und überwand sie, konnte sich aber ihrer Städte nicht bemächtigen, weil er keine Leute verliehren wollte, er kehrte also mit vielem Vieh und anderer Beute nach Rußland zurück.

 

In eben diesem Jahre ward dem Großfürsten

 

 

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Jaroslaw ein Enkel und dem Fürsten Wladimir Jaroslawitsch ein Sohn gebohren, welcher Rostislaw, in der heiligen Taufe aber Michael genannt ward.

 

Im Jahre 1040 zog Jaroslaw gegen die Litauer, unterwarf sie seiner Oberherrschaft, legte ihnen eine Schazung auf, und kehrte nach Rußland zurück.

 

Im Jahre 1041 zog Jaroslaw in Kähnen auf dem Fluse Bug gegen die Masuren (welche damals Polen den Gehorsam aufgekündigt hatten) und brachte viele Gefangene mit sich zurück, die er in die rußischen Städte verpflanzte.

 

In eben diesem Jahre schloß König Kasimir der erste, nachdem er sich zum Könige in Polen hatte krönen lassen, Frieden mit dem Großfürsten Jaroslaw, und vermählte sich zur bessern Befestigung der Freundschaft mit Jaroslaws Schwester Maria, einer Tochter Wladimirs des ersten und der griechisch kaiserlichen Prinzeßin Anna, welche ihren Gemahl viel Gold und Perlen zu brachte. Kasimir trat Jaroslawen die von Boleslaw in Rußland eroberten Städte ab und gab ihm gegen acht hundert Gefangene zurück, Jaroslaw aber verband sich, Kasimirn gegen die Deutschen, Masuren, Böhmen und Preußen Hülfe zu leisten.

 

Im Jahre 1042 zog Fürst Wladimir Jaroslawitsch aus Nowogrod gegen die Jemen oder Jamen (ein Volk welches auf der Nordseite des Ladoga-Sees von Karelien bis an die Dwina wohnete

 

 

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und von den nördlichen Schriftstellern Biarmier genannt wird) und besiegte sie; es kam aber eine Seuche unter die Pferde seines Kriegsheeres, so daß wenige zurück gebracht wurden.

 

Im Jahre 1043 sandte der Großfürst Jaroslaw im Frühlinge seinen Sohn Wladimir Jaroslawitsch mit einem großen Heere, unter Anführung des Feldherrn Wüschata Janews Vater, gegen die Griechen, weil man einen rußischen Gesandten von vornehmen Geschlecht auf einem öffentlichen Platz in Konstantinopol umgebracht hatte.

 

Fürst Wladimir reisete in Kähnen ab.

 

Die Geschichtschreiber erzehlen, der griechische Kaiser habe damals dem Fürsten Wladimir Friedensvorschläge thun lassen, Wladimir aber habe drey Gold-Griwen auf jeden Mann gefordert, wozu sich die Griechen nicht hätten verstehen wollen.

 

Als Wladimir zur Mündung der Donau kam, und die bey ihm befindliche Feldherren erfahren hatten, daß die Griechen mit vielen Schiffen gegen sie in See gegangen wären, riethen sie ihrem Fürsten die Truppen ans Land zu sezen und den Krieg zu Lande zu führen, die Kähne aber an einem festen Orte aufzubehalten, die Waräger aber (welche an Unternehmungen zur See gewohnt waren) riethen ihm, zur See nach Konstantinopel zu gehen. Fürst Wladimir folgte den Rath der Waräger und zog in Kähnen gegen Konstantinopel. Er begegnete bald den griechischen schiffen und es schickte sich alles zur Schlacht an, als ein großer sturm entstand,

 

 

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welcher viele rußische Kähne und selbst das Schiff auf welchem sich Fürst Wladimir Jaroslawitsch befand, zu Grunde richtete, so daß Wladimir kaum von Jaroslaws Feldherrn Iwan Wtorimitsch aus dem Wasser gerettet und aufs Schiff genommen werden konnte. Die übrigen bey Wladimir befindlichen Truppen waren, sechs tausend Mann stark, ans Land gestiegen, standen zum Theil ohne Kleider am Ufer und wollten nicht mit ihrem Fürsten ziehen, sondern nach Rußland zurückkehren, weil wenige Schiffe übrig geblieben waren. Der Feldherr Wüschata sprach hierauf zu Wladimir: „ich gehe nicht mit euch, sondern mit dem Heere, es sey zum leben oder sterben, er stieg hiebey aus dem Schiffe, blieb bey dem Heere und wollte nach Rußland zurückkehren. Unterdessen hatten die Griechen erfahren, das die rußischen Fahrzeuge durch Sturm zu Grunde gerichtet und ans Ufer geworfen wären, und schickten vierzehn Fahrzeuge gegen Wladimir aus.

 

Als Fürst Wladimir sich von den Griechen verfolgt sahe, grif er sie ungeachtet der geringen Anzahl seiner auf den Fahrzeugen befindlichen Truppen mit solcher Tapferkeit an, daß er alle ihre Fahrzeuge zerstreute und zu Grunde richtete, daß aber indessen seine eigene Fahrzeuge sehr beschädiget waren und seine Leute sich sehr vermindert hatten, so blieb ihm nichts andero übrig, als nach Rußland zurück zu kehren, welches er auch that.

 

 

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Der Feldherr Wüschata ward nebst den ans Ufer geworfenen Leuten, von den Griechen gefangen genommen und nach Konstantinopel geführt.

 

Nach drey Jahren schloß Jaroslaw Frieden mit den Griechen und vermählte seinen Sohn Fürsten Wsewolod Jaroslawitsch mit der Prinzeßin Tochter des Kaisers Konstantin Monomach; bey dieser Gelegenheit wurde Wüschata nebst den bey ihm befindlichen Leuten zu Jaroslaw nach Rußland zurück geschickt.

 

Im Jahre 1044 starb Fürst Brätscheslaw von Polozk Isäslaws Sohn und Enkel Wladimirs des ersten. Ihm folgte sein Sohn Wseslaw von welchem die Schriftsteller erwehnen, daß er ein harter Fürst gewesen.

 

In eben diesem Jahre unternahm der Großfürst Jaroslaw Wladimirowitsch einen Feldzug ge gen Litauen und kehrte siegreich zurück.

 

Im Frühlinge dieses Jahres legte Jaroslaw die Stadt Nowgorod (Sewerskoi) an, welche in demselben Jahre völlig zu Stande gebracht ward.

 

Im Jahre 1045 legte Fürst Wladimir Jaroslawitsch die Kirche der heiligen Sophia in Groß-Nowgorod an.

 

Im Jahre 1047 unternahm der Großfürst Jaroslaw auf Bitte seines Eidams des Königes Kasimir von Polen einen Feldzug gegen die Masuren, die er besiegte und nebst ihrem Lande dem König Kasimir unterwarf.

 

Im Jahre 1050 den 10ten Februar starb Jaroslaws Gemahlin Ingegerd.

 

 

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Im Jahr 1051 ward dem Fürsten Isäslaw Jaroslawitsch sein zweiter Sohn gebohren, welcher Swätopolk, in der heiligen Taufe aber Michail genannt wurde.

 

Da um diese Zeit der rußische Mitropolit verstorben war, wollte der Großfürst Jaroslaw, der damals mit den Griechen in keinem guten Vernehmen stand, nicht ferner zugeben, daß der konstantinopolitanische Patriarch in Rußland Befehle ertheile und den Reichthum des Landes an sich ziehe; er befahl also daß die rußischen Bischöfe sich versammeln und nach den Vorschriften der heiligen Apostel einen Mitropoliten wählen und einsezen sollten. Die Bischöfe versammelten sich, und verordneten einen Russen Namens Ilarion zum Mitropoliten, denn bisher waren ausser Michael alle Mitropoliten Griechen oder Bolgaren gewesen.

 

In diesem Jahre kam Antonius von den heiligen Bergen (Athos) und fing an in einer Höhle zu leben, welche der auf Jaroslaws Befehl neu erwählte Mitropolit Ilarion in einem Walde beym Dnieper nicht weit von Kiew ausgraben ließ; dieses war der Anfang des petscherischen Klosters in Kiew.

 

Um diese Zeit kam ein vornehmer Mann Namens Schimon oder Simon Afrikanowitsch (welcher ein Neffe des warägischen Fürsten Jakup gewesen seyn soll) mit seinem Sohne Georg aus den Landen der Waräger nach Rußland und hatte großen Antheil an dem Bau der petscherischen Kirche, wo er

 

Dritter Band 1783.

 

 

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auch begraben ist. Von diesem stammen die adelichen Geschlechter Woronzow, Weljaminow, Istlenjew und Solowzow.

 

Im Jahre 1052 den 4ten October starb in Nowgorod Fürst Wladimir, der älteste Sohn des Großfürsten Jaroslaw, und ward in der Kirche der heiligen Sophia die er selbst erbaut hatte begraben.

 

Ihm folgte in Nowgorod und Rostow sein Sohn Rostislaw.

 

Im Jahre 1053 wurde dem Fürsten Wsewolod, Jaroslaws viertem Sohne, von der griechisch kaiserlichen Prinzeßin ein Sohn gebohren, welcher Wladimir genannt wurde.

 

Im Jahre 1054 wurde der Großfürst Jaroslaw auf einer Reise nach Wüschegorod krank, worauf er seine Söhne zusammen berufen ließ und zu ihnen sprach: „meine Söhne! ich gebe euch ein Gebot, liebet einer den andern, weil ihr Brüder und Kinder eines Vaters und einer Mutter seyd: lebet untereinander in Liebe und Eintracht, unterwerft euch eure Widersacher und bringt euer Leben in Ruhe und Vergnügen zu, denn es ist gut und schön, wenn Brüder in Liebe und Eintracht leben. Wenn ihr aber in Neid, Streit und Feindschaft leben werdet, so werdet ihr selbst umkommen und das Land eures Vaters und eurer Voreltern, die es mit großer Mühe erworben haben, zu Grunde richten.“ Nachdem der Großfürst Jaroslaw dieses gesagt hatte, übergab er den kiewschen Thron mit allen dazu gehörigen Ländern seinem Sohne den

 

 

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Fürsten Isäslaw, und befahl seinen übrigen Söhnen Isäslawen zu gehorchen so wie sie ihm selbst gehorcht hatten, wobey er ihnen die Worte des Herrn wiederholte: wenn ein Reich uneins wird so kann es nicht bestehen. Isäslawen aber befahl er ein Vater aller seiner Brüder zu seyn.

 

Dem Fürsten Swätoslaw gab er Tschernigow und Tmutarakan.

Dem Fürsten Wsewolod, Perejaslawl.

Dem Fürsten Wetscheslaw, Smolensk.

Dem Fürsten Igor, Wladimir in Wolhinien,

Hiebey verbot er allen seinen Söhnen, daß niemand des andern Grenzen schmälern noch seinem Bruder aus seinem Erbtheil vertreiben sollte.

 

Nach diesem starb der Großfürst Jaroslaw Wladimirowitsch am 20sten Februar 1054 im 76sten Jahre seines Alters.

 

Er war im Jahre 978 gebohren. Er wurde in der Kirche der heiligen Sophia in Kiew begraben.

 

Er hatte 35 Jahre regiert.

 

Seine Gemahlin war Ingegerd eine Tochter des Königs Olaus von Schweden. Die Geschichtschreiber erzehlen, das die Prinzeßin Ingegerd in Rußland Irina genannt worden, und daß sie Ingermanland nebst dem schloß Aldeigoborg beseßen, nach ihrer Vermählung aber mit dem Großfürsten Jaroslaw, so wohl Ingermanland als gedachtes Schloß ihrem Verwandten Ragnuald abgetreten habe.

 

 

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Der Großfürst Jaroslaw hatte von der Großfürstin Ingegerd oder Irina folgende Kinder, nemlich:

 

1) Fürst Wladimir Jaroslawitsch gebohren im Jahre 1020. Er starb vor seinem Vater im Jahre 1052 im zwey und dreysigsten Jahre seines Alters, seine Gemahlin war eine Tochter der Königes Harald des zweyten von England, von welcher ihm in Jahre 1038 ein Sohn Namens Rostislaw gebohren ward.

 

2) Fürst Isäslaw Jaroslawitsch, gebohren im Jahre 1024.

 

3) Fürst Swätoslaw Jaroslawitsch, gebohren im Jahre 1027.

 

4) Fürst Wsewolod Jaroslawitsch gebohren im Jahre 1030, vermählt mit einer griechisch kaiserlichen Prinzeßin, von welcher ihm im Jahre 1053 ein Sohn Namens Wladimir gebohren ward.

 

5) Fürst Wetscheslaw Jaroslawitsch gebohren im Jahre 1034.

 

6) Fürst Igor Jaroslawitsch, gebohren im Jahre 1036.

 

7) Die Prinzeßin Elisabeth Jaroslawna, gebohren im Jahre 1032, vermählt mit dem Könige Harald von Norwegen. Die Geschichtschreiber erzehlen, König Harald von Norwegen sey bey dem Großfürsten Jaroslaw gewesen, und habe sich mit dessen Tochter der Prinzeßin Elisabeth vereheligt; er sey im Winter aus Cholmogard abgereiset, und im Frühlinge in Aldeigoburg angekommen, von da

 

 

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er gleichfalls im Frühlinge auf Fahrzeugen abgesegelt sey.

 

8) Die Prinzeßin Anna Jaroslawna, vermählt mit dem Könige von Frankreich Heinrich dem ersten. Nach dieser Prinzeßin kam im Jahre 1051 ein Bischof von Meaux als Gesandter, mit welchen sie nach Frankreich abreisete.

 

9) Die Prinzeßin Nastasia Jaroslawna, vermählt mit dem Könige von Ungarn Andreas. sie ward in Ungarn Agmunde genannt.

 

 

Geschlechts-Register Jaroslaws I.

► Wladimir I. Fürst von Nowgorod von 970 bis 980, hierauf Großfürst von ganz Rußland von 980 bis 1015, hatte von seiner zweiten Gemahlin der Prinzeßin von Polozk Rogneda oder Gorislawa einen Sohn Jaroslaw, welcher anfangs Fürst zu Nowgorod, darauf vom Jahre 1020 bis 1054 Großfürst des nördlichen und südlichen Rußlands war.

oo Dessen Gemahlin war Ingegerd, eine Tochter des Königes Olaus von Schweden.

 

Aus dieser Ehe entsprossen:

1) Fürst Wladimir

2) Fürst Isäslaw

3) Fürst Swätoslaw.

4) Fürst Wsewolod

5) Fürst Wätscheslaw

6) Fürst Igor

7) Die Prinzeßin Elisabeth, Gemahlin des Königes Harald von Norwegen.

8) Die Prinzeßin Anna, Gemahlin Königs Heinrich I. von Frankreich.

9) Die Prinzeßin Nastasia, Gemahlin des Königes Andreas von Ungarn.

 

 

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Jaroslaws Zeitverwandte, vom Jahre 1020 bis 1054 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Basil von 976 bis 1026. Konstantin von 1026 bis 1028. Roman IlI. von 1028 bis 1034. Michael IV. von 1034 bis 1041. Michael V. von 1041 bis - 1042. Die Kaiserin Zöe von 1042 bis 1050. Konstantin IX. von 1050 bis 1054.

 

In Deutschland. Kaiser. Heinrich II. von 1002 bis 1024. Konrad II. von 1024 bis 1039. Heinrich III. von 1039 bis 1056.

 

In Polen. Könige. Boleslaw I. von 999 bis 1025. Mstislaw II. von 1025 bis 1034. Ein Zwischenreich von 1034 bis 1041. Kasimir l. von 1041 bis 1058.

 

In Böhmen. Fürsten. Udalrik von 1012 bis 1037. Bretscheslaw I. von 1037 bis 1055.

 

In Sachsen. Fürst. Bernhard II. von 1010 bis 1062.

 

In der Pfalz. Fürsten. Eson von 993 bis 1035. Otto von 1035 bis 1045. Heinrich von 1045 bis 1056.

 

In Brandenburg. Fürsten. Bernhard II. von 1018 bis 1046. Wilhelm von 1046 bis 1056.

 

In Baiern. Fürsten. Heinrich IV. von 1005 bis 1027. Heinrich V. von 1027 bis 1043

 

 

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Heinrich VI. von 1043 bis 1049. Konrad I. vob 1049 bis 1053. Konrad II. von 1053 bis 1056.

 

In Braunschweig. Fürsten. Ludolf von 1006 bis 1038. Bruno III. von 1038 bis 1057.

 

In Bolgarien. König. Johann von 1015 bis 1018.

 

In Ungarn. Könige. Stephan I. von 997 bis 1038. Peter von 1038 bis 1041. Awa oder Owon von 1041 bis 1044. Peter von 1044 bis 1047. Andreas von 1047 bis 1061.

 

In Dänemark. Könige. Kanut II. von 1015 bis 1036. Kanut III. von 1036 bis 1042. Magnus von 1042 bis 1048. Sweno II. von 1048 bis 1074.

 

In Arabien. Kader XLIV Kalif von 991 bis 1031. Kaem Wamrilla XLV Kalif von 1031 bis 1075.

 

In Egypten. Kalifen. Hakem Wamrilla von 996 bis 1021. Dager von 1021 bis 1036. Awu Tamin Mostanser von 1036 bis 1094.

 

In Frankreich. Könige. Robert von 996 bis 1031. Heinrich I. von 1031 bis 1060.

 

In England. Könige. Kanut von 1017 bis 1036. Harald I. von 1036 bis 1040. Kanut II. von 1040 bis 1042. Eduard III. von 1042 bis 1066.

 

In Spanien. Könige. Alphons V. von 999 bis 1027.

 

 

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Bermud III. von 1027 bis 1037. Ferdinand I. von 1037 bis 1065.

 

In Toskana. Groß-Herzoge. Raginaur von 1014 bis 1027. Bonifacius II. von 1027 bis 1052. Fridrich von 1052 bis 1055.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Eustaphius von 1019 bis 1025. Alexis von 1025 bis 1043. Michael von 1043 bis 1059.

 

Römische Päbste. Benedikt VIII. von 1012 bis 1024. Johann XIX. von 1024 bis 1033. Benedikt IX. von 1033 bis 1044. Gregorius VI. von 1044 bis 1046. Klemens II. von 1046 bis 1048. Damas II. von 1048 bis 1048. Leo IX. von 1048 bis 1055.

 

Patriarchen zu Alexandrien. Zacharias von 1005 bis 1032. Sanut von 1032 bis 1047. Christodul von 1047 bis 1078.

 

Patriarchen zu Jerusalem. Arsenius von 1012 bis 1023. Jordan von 1023 bis ___. Nicephor von ___ bis 1059.

 

Patriarchen zu Antiochien. Elias von __ bis __. Theodor von __ bis 1051. Basil von 1051 bis 1052. Peter von 1052 bis ___.

 

Mitropoliten zu Kiew. Leontii von 992 bis 1035. Jona von 1035 bis 1037. Theopert von 1037 bis 1039. Kirill von 1039 bis 1051. Ilarion von 1051 bis 1071.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Polozk. Brätschislaw Isäslawitsch von 1001 bis 1041. Wseslaw Brätschislawitsch von 1041 bis ___.

 

 

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In Wladimir in Wolhinien. Wsewolod Wladimirowitsch von 988 bis ___. Igor Jaroslawitsch von 1054 bis ___.

 

In Tschernigow. Wetscheslaw von Wladimirowitsch 988 bis ___. Mstislaw Wladimirowitsch von 1026 bis 1034. Swätoslaw Jaroslawitsch von 1034 bis___.

 

In Tmutarakan. Mstislaw Wladimirowitsch von 988 bis 1034.

 

In Smolensk. Stanislaw Wladimirowitsch von 988 bis ___. Wetscheslaw Jaroslawitsch von 1054 bis 1056.

 

In Pskow. Sudislaw Olgowitsch von 988 bis 1036.

 

In Murom. Mstislaw Wladimirowitsch von 1023 bis 1034.

 

In Nowgorod. Wladimir Jaroslawitsch von 1035 bis 1052. Rostislaw Wladimirowitsch von 1052 bis ___.

 

In Rostow. Rostislaw Wladimirowitsch von 1052 bis ___.

 

In Perejaslawl. Wsewolod Jaroslawitsch von 1054 bis ___.

 

 

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29.

Großfürst Isäslaw I. in der heil. Taufe Dmitrii genannt.

Nach dem Tode des Großfürsten Jaroslaw Wladimirowitsch, im Jahre 1054, gelangte sein Sohn Isäslaw Jaroslawitsch laut dem lezten Willen seines Vaters zum Besiz des großfürstlichen Thrones von ganz Rußland.

 

Abgetheilte Fürstenthümer besasen

 

1) Fürst Swätoslaw Jaroslawitsch, Tschernigow und Tmutarakan *).

 

2) Fürst Wsewolod Jaroslawitsch, Perejaslawl.

 

3) Fürst Wetscheslaw Jaroslawitsch, Smolensk.

 

4) Fürst Igor Jaroslawitsch, Wladimir in Wohinien.

 

5) Fürst Wseslaw Brätschislawitsch, Polozk.

 

6) Fürst Rostislaw Wladimirowitsch Jaroslaws Enkel, Rostow und Susdal.

 

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*) Die Geschichtschreiber erwehnen, daß von diesem Fürsten Swätoslaw Jaroslawitsch von Tschernigow die räsanischen und muromischen, von den räsanischen Fürsten aber die pronskischen Fürsten abstammten. Auch war er der Anherr der tschernigowischen Fürsten von welchen folgende adeliche Geschlechter abstammen, als Gluchowskoi, Nowosilskoi, Odoewskoi, Belewskoi, Worotünskoi, Oßowizkoi, Swenigorodskoi, Schustow, Swenzow, Nosdrowatoi, Rjumin, Boraschew, Tokmakow, Spätschei, Mesezkoi, Borätinskoi, Chotätowskoi und Odürew.

 

 

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Der Großfürst Isäslaw Jaroslawitsch war schön von Ansehen, groß von Wuchs, aufrichtig und ein Freund der Wahrheit, Arglist und Falschheit war ferne von ihm, er wußte nichts von Rachbegier und rächete sich an niemand.

 

Im Jahre 1055 begab sich der Großfürst Isäslaw nach Nowgorod, wo er einen gewissen Stromil zum Poßadnik (Stathalter) verordnete.

 

In diesem Jahre kamen die Polowzer (sonst auch Petschenegen genannt) unter ihrem Anführer Bljusch vor Perejaslaw, schlossen mit dem Fürsten Wsewolod Jaroslawitsch Frieden, und kehrten in ihr Land zurück.

 

Im Jahre 1056 zog der nowgorodsche Poßadnik Stromil mit einem Heere gegen die Tschuden und eroberte ihre Stadt Osik-Kedishiw d. i. Sonnen-Hand (Was dieses für eine Stadt gewesen sey, ist schwer zu bestimmen. Die rußische Schriftsteller übersezten so wie die griechischen die Namen aller Städte in ihre eigene Sprache).

 

Im Jahre 1057 starb Fürst Wetscheslaw Jaroslawitsch in Smolensk, worauf der Großfürst Jsäslaw der erste, seinen Bruder Igor Jaroslawitsch aus Wladimir in Wolhinien nach Smolensk versezte.

 

Im Jahre 1058 besiegte der Großfürst Isä-slaw die Goläden *).

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*) Was die Goläden für ein Volk gewesen und wo sie gewohnt haben, ist nicht bekannt; einige Schriftsteller erwähnen ihrer als eines in Litauen wohnhaft gewesenen Volks.

 

 

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Im Jahre 1059 befreiete der Großfürst Isäslaw, auf Anrathen seiner Brüder Swätoslaw und Wsewolod, seinen Vetter Sudislaw Olgowitsch von Pskow aus dem Gefängniße in welchem er seit dem Jahre 1035 gesessen hatte. Dieser Fürst der damals schon ein hohes Alter erreicht hatte, ward ein Mönch, und führte in dem petscherischen Kloster zu Kiew ein gottseliges Leben.

 

Im Jahre 1060 starb Fürst Igor Jaroslawitsch in Smolensk.

 

In eben diesem Jahre zog der Großfürst Isäslaw in Begleitung seiner Brüder der Fürsten Swätoslaw und Wsewolod und seines Neffen Fürsten Wseslaw Brätschislawitsch von Polozk, mit einem großen vereinigten Heere zu Pferde und in Kähnen gegen die Torken (welche zwischen dem Dnieper und Bug um die Flüsse Ingul wohneten und sich mit den Polowzern vermischten) *). Als die Torken hievon Nachricht erhielten entflohen sie ins weite Feld, das rußische Heer aber kam in ihre Wohnsitze verfolgte die flüchtigen und machte viele Gefangene, welche der Großfürst in verschiedenen rußischen Städten ansezte.

 

In eben diesem Jahre unternahm Isäslaw einen Feldzug gegen die Sßolen. (Einige Schriftsteller glauben das die Sßolen oder Sußolen an der preußischen und kurländischen Grenze gewohnt haben, und jezt Samogitier oder Shmud genannt werden,

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*) Die Türken nennen den Dnieper Usü.

 

 

 

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welches sie daraus schliessen, weil die Sßolen es für sich bequem fanden einen Angrif auf Pskow zu thun.) Der Großfürst legte dem ganzen Lande der Sßolen eine Schazung von 2000 Griwen auf, welche sie zu bezahlen, versprachen, als aber die rußischen Truppen in ihr Land zurückgezogen waren, erregten die Sßolen einen Aufstand, vertrieben die Steuer-Einnehmer des Großfürsten und thaten im Frühlinge am St. GeorgensTage (den 23sten April) einen Einfall ins pskowische Gebiet. Hierauf zogen die Pleskower und Nowgoroder gegen sie, und lieferten ihnen ein Treffen, in welchem das rußische Heer den sieg erhielt.

 

Im Jahre 1061 hat der polowzische (oder petschenegische) Fürst Sokal einen feindlichen Einfall ins perejaslawische Gebiet, und fing an Dörfer zu verbrennen und die Einwohner gefangen zu nehmen. Füest Wsewolod von Perejaslaw versammelte so viele Truppen als in der Eile möglich war, und zog selbst aus Perejaslaw gegen sie zu Felde, ohne die Hülfstruppen seiner Brüder zu erwarten; es kam am 2ten Februar zu einem Treffen in welchem Wsewolod von der sehr überlegenen Macht der Polowzer überwunden ward. Da die Polowzer hierauf keinen Widerstand fanden, drangen sie tiefer ins Land, wo sie viele Gefangene machten und viel Vieh erbeuteten.

 

Im Jahre 1963 starb Jaroslaws Vetter Fürst Sudislaw Olgowitsch in Kiew, wo er in der Kirche des heil. Georgs feierlich begraben ward.

 

 

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In diesem Jahre floß der Wolchow in Nowgorod fünf Tage lang rückwärts. (Einige Schriftsteller sagen, dieses sey daher entstanden, weil der Fluß oberhalb der Wasserfälle vom Eise verstopft gewesen, und da das Wasser aus dem Ilmen-See stark in den Wolchow strömt, so habe es vor dem Eise im Flusse nicht sogleich durchkommen können, weshalb es sich zurück in den Ilmen-See ergossen. habe; Obgleich nun das Wasser im Ilmen-See wegen der vielen in diesen See fallenden Flüsse etwas höher als gewöhnlich gestanden haben müßte, so möchte doch der Unterschied wegen der Größe des Sees und der Kürze der Zeit nicht sehr merklich gewesen seyn.)

 

Im Jahre 1064 bezeigte sich Fürst Rostislaw Wladimirowitsch, welcher nach seines Vaters (des Fürsten Wladimir Jaroslawitsch) Tode Rostow und Susdal erhalten hatte, nach dem Tode des Fürsten Igor Jaroslawitsch aber von dem Großfürsten Isäslaw nach Wladimir in Wolhinien versezt worden war, mit diesem seinem neuen Besizthum unzufrieden, und wollte zu Rostow und Susdal noch Tmutarakan haben. Er kam nach Tmutarakan, bemächtigte sich desselben und vertrieb den Fürsten Gleb Swätoslawitsch. Fürst Rostislaw hatte bey dieser Gelegenheit zwey Söhne des nowgorodschen Stathalters Stromil Namens Porai und Wüschata bey sich. Als Fürst Swätoslaw Jaroslawitsch von Tmutarakan von diesem Vorfalle Nachricht erhielt, zog er selbst gegen seinen Neffen

 

 

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Rostislaw Wladimirowitsch zu Felde, welcher bey Swätoslaw Annäherung die Stadt Tmutarakan verließ und die Flucht nahm. Swätoslaw kam nach Tmutarakan, sezte seinen Sohn Gleb Swätoslawitsch wiederum in Besitz dieser Stadt und kehrte nach Tschernigow zurück, worauf Fürst Rostislaw wieder vor Tmutarakan erschien und den Fürsten Gleb daraus vertrieb, welcher sich zu seinem Vater nach Tschernigow begab.

 

Um diese Zeit zeigte sich sieben Tage lang ein sehr großer Stern (ein Komet) der einen blutfarbigten Schein hatte, und des Abends gleich nach Sonnen-Untergang aufging.

 

In eben diesem Jahre kam Fürst Sokal mit den Polowzern wieder nach Rußland, und machte viele Gefangene. Hierauf zog der Großfürst Isäslaw selbst gegen ihn zu Felde und lieferte ihm am ersten November beym Fluße Siowsk ein Treffen, in welchem die Polowzer geschlagen, und ihr Fürst Sokal nebst vielen andern Fürsten dieses Volks gefangen genommen wurde.

 

Im Jahr 1065 ließ Fürst Rostislaw Wladimirowitsch, welcher von dem Großfürsten Isäslaw Jaroslawitsch aus Rostow und Susdal nach Wladimir in Wolhinien versezt worden war, und verschiedenene Gegenden um den Dniester und die Donau beherrschte, von den Koßogen und Jaßen (in der Wallachey) und andern Völkern Tribut einnehmen und machte sich auch den Griechen furchtbar.

 

 

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Fürst Rostislaw Wladimirowitsch starb am 3ten Februar dieses Jahres.

 

Die Geschichtschreiber melden, daß Fürst Rostislaw ein tapferer Mann, von mitlerm Wuchs, schön von Ansehen, und gütig gewesen. seine Gemahlin wollte nach seinem Tode sich mit ihren Kindern zu ihrem Vater nach Ungarn begeben; der Großfürst Isäslaw verbot ihr zwar nicht nach Ungarn zu reisen, erlaubte es aber Rostislaws Kindern nicht.

 

In eben diesem Jahre ward die Prinzeßin Wüscheslawa des Fürsten Swätoslaw von Tschernigow Tochter, mit dem Könige von Polen Boleslaw II. vermählt.

 

Im Jahre 1066 fing Fürst Wseslaw Brätschislawitsch von Polozk Krieg an, und bemächtigte sich der Stadt Nowgorod. (Die Geschichtschreiber erwähnen daß die Fürsten von Polozk oft Versuche gegen Nowgorod gemacht, aber selbst den mehresten Schaden davongetragen haben.) Der Großfürst Isäslaw vereinigte sich mit seinen Brüdern den Fürsten Swätoslaw von Tschernigow und Wsewolod von Perejaslaw und alle drey zogen mit ihren vereinigten Truppen in einem sehr strengen Winter gegen Wseslaw zu Felde. Sie bemächtigten sich auf ihrem Wege ohne Widerstand der Stadt Minsk und erreichten am 4ten März die Nemona wo ihnen Fürst Wseslaw von Polozk entgegen kam. Beide Armeen lieferten einander am 10ten März auf der Nemona im tiefen Schnee ein Treffen, Fürst Wseslaw von Polozk wurde geschlagen und flohe

 

 

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nach Polozk; er sahe sich zu fernerm Widerstande unfähig und ließ den Großfürsten um Frieden bitten. Der Großfürst versprach auf diese Bitte sich mit ihm zu versöhnen und ihm alles verlohrne wider zu geben, wenn er selbst zu ihm kommen wollte. Wseslaw kam im Frühlinge zu Wasser auf dem Dnieper nach Orscha, wo sich der Großfürst Isäslaw damals mit seinen Brüdern aufhielt, sobald er aber ins Großfürstliche Zelt eintrat, ward er auf Anrathen des Fürsten Swätoslaw von Tschernigow mit seinen zwey Söhnen festgenommen und nach Kiew gebracht.

 

Im Jahre 1067 kamen die Polowzer (sonst Petschenegen) mit einer großen Macht nach Rußland. Der Großfürst Isäslaw und seine Brüder Swätoslaw von Tschernigow und Wsewolod von Perejaslaw zogen ihnen bis zum Fluse Olta entgegen und griffen sie in einer Nacht mit vereinigten Kräften an, die rußischen Völker wurden aber geschlagen und zerstreuten sich. Der Großfürst kam mit dem Fürsten Wsewolod von Perejaslaw nach Kiew, Swätoslaw aber nach Tschernigow. Unterdessen erregten die kiewschen Truppen, welche von ihrer Flucht in großer Unordnung nach der Stadt gekommen waren, einen Aufstand, schickten nach genommener Verabredung zum Großfürsten und ließen ihm sagen: „die Polowzer haben sich jezt ins Land zerstreut und verwüsten es, wir bitten, laß uns Waffen und Pferde geben, wenn wir diese erhalten,

 

Dritter Band 1783.

 

 

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so wollen wir uns schon wehren.“ Der Großfürst Isäslaw achtete auf ihre Bitte nicht und gab ihnen weder Waffen noch Pferde. Hierauf erregten sie einen neuen Aufstand gegen den Feldherrn Koßnätschka, unter dem Vorwande daß sie durch dessen unordentliche Anführung von den Polowzern überwunden worden wären und daß der Großfürst ihnen auf sein Anrathen keine Waffen und Pferde gebe. Sie gingen in großer Menge auf den Berg zu dem Hause des Feldherrn Kosnätschka, da sie aber diesen nicht fanden blieben sie bey dem Hofe stehen wo Fürst Wseslaw von Polozk mit seinen Söhnen gefangen saß, worauf einige der Anführer den übrigen zuredeten und anriethen, man möchte den Fürsten Wseslaw befreien und als einen erfahrenen Feldherrn gegen die Feinde abfertigen. Jezt theilten sich die Aufrührer in zwey Partheyen, von welchen eine sich nach dem Gefängnise worin sich Fürst Wseslaw von Polozk mit seinen Söhnen befand, die andere aber über die Brükke nach dem Hofe des Großfürsten Isäslaw begab. So bald leztere den Großfürsten, welcher mit seinen Großen im Vorhofe stand, gewahr wurden, warfen sie ihm auf eine schimpfliche Art seine Niderlage gegen die Polowzer und andere Versehen vor, und verlangten daß ihnen der Feldherr Kosnätschka und andre Großen zum Gericht ausgeliefert würden. Um eben diese Zeit erfuhr der Großfürst daß ein Haufen Aufrührer

 

 

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das Gefängnis erbrochen, den Fürsten Wseslaw mit vielem Geschrey und Lärmen befreit habe, und dabey ihn, seine Brüder und seine Großen schmähe. Bey dieser Gelegenheit riethen die getreuen Großen dem Großfürsten Isäslaw sich zu bewaffnen und zu vertheidigen, die Schmeichler und Feigen aber riethen ihm aus Kiew zu entfliehen. Der Großfürst hörte den Rath der Feigen und verlohr selbst den Muth. Er verließ mit seinem Bruder Wsewolod von Perejaslaw die Stadt Kiew, und begab sich nach Polen; das Volk aber welches den Großfürsten fliehen sahe, plünderte sein Haus und alles darinn befindliche Gold, Silber Pelzwerk u. d. gl. Fürst Wseslaw Brätschislawitsch blieb in Kiew und herrschte daselbst. Unterdessen waren die Polowzer, welche durch ihren Sieg aufgemuntert und von dem Aufstande in Kiew benachrichtiget waren, bis Tschernigow, wo sich damals Fürst Swätoslaw befand, vorgedrungen. Swätoslaw brachte einige Truppen zusammen und zog gegen den Fluß Siowsk wider die Feinde. Als die in diesen Gegenden vertheilten Polowzer Swätoslawen mit seinen Truppen gewahr wurden, gaben sie den übrigen Nachricht davon, worauf sich eine große Menge Polowzer zusammen zog, und dem Fürsten Swätoslaw von Tschernigow entgegen ging. Swätoslaw ließ bey dem Anblick der großen Uebermacht des Feindes den Muth nicht sinken sondern stellte seine Truppen in Schlachtordnung

 

 

 

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und ermahnte sie mit folgenden Worten zum tapfern Widerstande: „Es ist besser für uns, hier unsere Tapferkeit zu zeigen und ohne unsers Lebens zu schonen mit Ehren zu sterben, als aus Furcht vor der Menge mit Schande davon zu gehen, und unsre Weiber, Kinder Verwandte und alles was wir besitzen den Feinden Preis zu geben.“ Da nun Swätoslaw hier auf sahe und hörte, wie alle Truppen große Lust zum Gefechte bezeigten, grif er die Polowzer an, und schlug sie in die Flucht, obgleich er nur gegen drey tausend Mann hatte, die Polowzer aber gegen zwölf tausend Mann stark waren. Die Polowzer flohen über den Fluß Siow, wo viele ertranken, andre aber, unter welchen ein vornehmer Fürst war, von den Tschernigowern gefangen wurden. Dieses Treffen geschah am 12ten November, worauf Fürst Swätoslaw siegreich nach Tschernigow zurück kam.

 

Um diese Zeit starb die Gemahlin des Fürsten Wsewolod Jaroslawitsch, eine Tochter des Kaisers Konstantin Monomach.

 

Im Jahre 1068 zog der Großfürst Isäslaw, nachdem er von dem Könige in Polen Boleslaw II. Hülfe erbeten hatte, mit dem Könige und einer polnischen Armee gegen den Fürsten Wseslaw von Polozk, der damals Kiew beherrschte. Fürst Wseslaw zog ihnen auf erhaltene Nachricht mit einer Armee entgegen und sezte sich bey Belograd. Als der Großfürst sich

 

 

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dieser Stadt näherte fingen die Kiewer an zu wanken und geriethen in Angst, Reue und Muthlosigkeit. Fürst Wseslaw, der nun wohl sahe, daß er sich auf die Kiewer nicht verlassen könne, entflohe in der Nacht heimlich aus Belograd nach Polozk. Da die Kiewer am folgenden Morgen erfuhren daß sie vom Fürsten Wseslaw verlassen wären, kehrten sie nach Kiew zurück, hielten einen Rath, schickten zu den Fürsten Swätoslaw von Tschernigow und Wsewolod von Perejaslaw, und ließen sie mit folgenden Worten um ihre Fürsprache bitten. „Wir haben übel gethan und unsern Großfürsten erzürnt, und sind bereit ihn um Verzeihung zu bitten; da er aber Polen mit sich gebracht hat, die uns zu Grunde richten möchten, so bitten wir euch, kommt nach Kiew, in die Stadt eures Vaters, und laßt uns nicht zu Grunde gehen; wenn ihr aber uns nicht helfen wollt, so werden wir gezwungen seyn unsere Stadt anzuzünden, und nach Griechenland zu gehen.“ Fürst Swätoslaw von Tschernigow gab ihnen zur Antwort die Versicherung, daß er und sein Bruder Wsewolod von Perejaslawl ihren Untergang nicht zugeben und für sie beym Großfürsten Fürsprache thun würden, durch welche Versicherung sich die Kiewer beruhigen ließen.

 

Im Jahre 1069 schickten die Fürsten Swätoslaw von Tschernigow und Wsewolod von Perejaslawl würklich Großfürsten Isäslaw

 

 

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und ließen ihm melden, daß die Kiewer ihn um Verzeihung bäten und Wseslaw Kiew verlassen habe, er möchte also keine Polen nach Kiew bringen und selbst ohne Bedenken ankommen, weil sich ihm niemand widersezen werde. Wenn er aber ferner zürnen und die Stadt verheeren wollte, so würden sie gezwungen seyn den Thron und die Stadt ihres Vaters zu vertheidigen. Da nun die Kiewer zugleich ihre ansehnlichsten Leute mitgeschickt hatten um von dem Großfürsten Isäslaw Verzeihung zu erbitten, so entschloß sich der Großfürst die polnischen Truppen zurück zu lassen und begab sich mit dem Könige Boleslaw dem zweyten und einer geringen Anzahl Polen nach Kiew. Die Kiewer empfingen ihn bey seiner Ankunft vor der Stadt mit vielen Ehrenbezeugungen und bereueten ihr begangenes Verbrechen. Isäslaw nahm am 2ten May von seinem Throne wiederum Besitz und vertheilte die Polen zu ihrem Unterhalt in die umliegenden Dörfer. Da aber die Polen viele Gewaltthätigkeiten und Plünderungen verübten, wollten die rußischen Einwohner solches nicht leiden sondern erschlugen einige Polen und kamen mit vielen Beschwerden ein, weshalb König Boleslaw der zweyte von Polen mit seinem ganzen Heere in sein Land zurückzog.

 

In eben diesem Jahre sandte der Großfürst Isäslaw seinen Sohn Mstislaw mit einem Heere nach Polozk, um den Fürsten Wseslaw zu

 

 

 

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vertreiben; Mstislaw erfüllte in kurzem diesem Befehl und sezte sich nach Wseslaws Vertreibung selbst in Besitz des polozkischen Fürstenthums, starb aber bald darauf in Polozk.

 

Als der Großfürst den Tod seines Sohnes Mstislaw erfuhr, schickte er seinen zweyten Sohn Swätopolk an dessen Stelle. Unterdessen wollte sich Fürst Wseslaw, nachdem er Polozk verlassen hatte, der Stadt Nowgorod bemächtigen, Fürst Gleb von Tmutarakan aber, ein Sohn des Fürsten Swätoslaw von Tschernigow, zog die nowgorodschen Truppen zusammen, mit welchen er dem Fürsten Wseslaw eilig entgegen ging und ihn am 23sten Oktober an dem Flusse Wisen überwand.

 

Im Jahre 1070 wurde dem Fürsten Wsewolod von Perejaslaw (von seiner zweiten Gemahlinn Anna) ein Sohn gebohren, welcher Rostislaw genannt wurde.

 

In diesem Jahre ward die Kirche zum heiligen Michael in dem Kloster des heiligen Andreas zu Wüdobush angelegt, welches Kloster nachher das wsewolodsche genannt wurde; (denn Fürst Wsewolod hatte in der heiligen Taufe den Namen Andrei erhalten.)

 

Im Jahre 1071 thaten die Polowzer Einfälle um Rostowez und Snätin (Städte an der Sula oberhalb Ljubna, von Wladimir dem ersten erbauet.)

 

In diesem Jahre kam Fürst Wseslaw

 

 

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unvermuthet vor Polozk, und vertrieb den großfürstlichen Prinzen Swätopolk; bald darauf aber kam Jaropolk, der dritte Sohn des Großfürsten Isäslaw mit einem Heere an, besiegte den Fürsten Wseslaw bey Golätitschesk, und nahm selbst Polozk in Besitz.

 

Um eben diese Zeit kam ein Lügenprophet nach Kiew, welcher den Leuten vorhersagte, daß der Dnieper fünf Jahre lang rückwärts fließen werde, und daß da wo jezt Griechenland, Rußland, und wo jezt Rußland, Griechenland seyn werde, welchen Träumereien viele einfältige Leute unüberlegt Glauben beymasen. Auch in Rostow waren bey einer Hungersnoth dergleichen Lügner, welche von da an der Wolga herumzogen und den Leuten einbildeten, daß die Weiber der Reichen ihren Leib, einige mit Getreide, andere mit Fleisch, andere mit Fischen, andere mit Marder Fellen u. d. gl. angefüllt hätten: einige Leute führten hierauf Weiber und Mädchen zu ihnen, bey welchen sie durch Betrug das zeigten, was sie gesagt hatten. Diese Betrüger kamen hierauf nach Belo-Osero, wo sich gegen 300 Personen zu ihnen schlugen, die sich überall von dem Vermögen einfältiger Leute bereicherten. In dessen traf sich‘s daß eben damals des Fürsten Swätoslaw Feldherr Jan Wüschatitsch zur Steuer-Einnahme in diese Gegend kam, welcher von dieser Tollheit hörte, die Rädelsführer zu sich rufen ließ, sie ihrer begangenen Betrügereien

 

 

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überführte, und sie bestrafte, worauf die übrigen sich verliefen. Dergleichen Betrüger zeigten sich auch in Nowgorod, und bekamen einen großen Anhang; als aber Fürst Gleb Swätoslawitsch ihren Anführer bestrafen ließ zerstreueten sich die übrigen bald.

 

Im Jahre 1073 entstanden Mißhelligkeiten zwischen dem Großfürsten Isäslaw und seinen Brüdern. Fürst Swätoslaw von Tschernigow wollte seine Besitzungen vergrössern, verachtete den lezten Willen seines Vaters und war der Anfänger der Feindschaft. Er überredete den Fürsten Wsewolod von Perejaslaw, (durch die Vorstellung daß sie für ihre vorige Verdienste von ihrem Bruder nicht nur keine Belohnung empfangen hätten, sondern jezt auch ihre Besitzungen mit ihren Kindern theilen müßten; daß der Großfürst sich mit dem Fürsten Wseslaw versöhnen, ihm Polozk geben geben und hierauf mit ihm vereinigt sie leicht aus den ihnen von ihrem Vater zugetheilten Besitzungen vertreiben könnte) worauf sie vorläufig beschlossen, daß sie ihrer eigenen Sicherheit wegen auf alle Fälle Truppen zusammen bringen und den Großfürsten Isäslaw durch Bitten oder Thätlichkeit bewegen wollten; welches beides zu thun sie mit einem Heer vor Kiew erschienen. Da der Großfürst Isäslaw damals keine Truppen versammelt hatte und wohl sahe daß er seinen Brüdern nicht widerstehen könne, nahm er seine Gemahlin, seine Söhne die Prinzen

 

 

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Swätopolk und Jaropolk und sein ganzes Vermögen mit sich, und begab sich aus Kiew nach Wladimir in Wolhinien und von da nach Polen, wo er gegen Geschenke Hülfstruppen zu erhalten hoffte. Der König Boleslaw II. nahm ihn mit vieler Ehre auf, und viele polnische Großen erhielten für ihre Versprechen ansehnliche Geschenke, sie leisteten ihm aber nicht nur keine Hülfe sondern gaben ihm auch keinen ruhigen Aufenthalt bis er von dannen ging, weil sie besorgten, seine Brüder möchten sie mit Krieg überziehen; auch fand König Boleslaw II. von Polen nicht für gut mit seinem Schwiegervater dem Fürsten Swätoslaw Krieg zu führen. Endlich ließ der Großfürst Isäslaw seine Gemahlin in Polen und ging mit seinem Prinzen Jaropolk nach Deutschland zum Kaiser Heinrich den vierten, um von selbigem Hülfe zu erbitten. Er fand den Kaiser in der Stadt Maynz. Heinrich der vierte war damals mit den Unruhen Deutschlands beschäftiget, und gab ihm keine Hülfe, versprach ihm aber, daß er sich bemühen wolle seine Sachen mit der Zeit in Ordnung zu bringen. Isäslaw hielt sich gegen drey Jahre lang in Deutschland auf, und sandte während dieser Zeit seinen Sohn Jaropolk nach Rom, um die Reliquien der Apostel Peter und Paul zu verehren, welchem er zugleich auftrug den Pabst zu bewegen, den König von Polen Boleslaw II. zu zwingen, das er sich‘s angelegen seyn lasse

 

 

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ihn, den Großfürsten Isäslaw, widerum nach Kiew zu führen.

 

Nachdem der Großfürst Isäslaw Kiew verlassen hatte, zogen die Fürsten Swätoslaw von Tschernigow und Wsewolod von Perejaslaw am 22sten März in die Stadt ein. Sie besorgten zwar anfangs der Großfürst möchte Truppen zusammen bringen und wiederum zurückkehren, weshalb sie sich nach Berestow begaben; da sie aber erfuhren daß er aus Wladimir in Wolhinien nach Polen gereist wäre, kehrten sie nach Kiew zurück und fingen an ihre Besitzungen zu vergrößern und zu berichtigen. Fürst Swätoslaw blieb in Kiew und trat seinem Bruder Wsewolod Tschernigow mit dem dazu gehörigen Gebiete ab, seinen Sohn den Fürsten Boris sezte er über Wüschegrad, seinen zweiten Sohn Gleb über Perejaslawl, seinen dritten Sohn David über Nowgorod, seinen vierten Sohn Olg über Rostow.

 

Im Jahre 1075 kamen Gesandte des Kaisers Heinrichs des vierten aus Deutschland (nemlich Burchard Probst der Haupt-Kirche in Trier mit seinen Gehülfen) nach Kiew zum Fürsten Swätoslaw, um selbigen zur Versöhnung mit seinem Bruder dem Großfürsten Isäslaw zu bewegen. Fürst Swätoslaw, bezeigte bey dieser Gelegenheit vielen Stolz und gar keine Neigung zum Frieden, wobey er den Gesandten seine grossen Schäze sehen ließ. Die Gesandten betrachteten diese Reichthümer von Gold, Silber, Edelgesteinen,

 

 

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Stoffen und allerhand Kostbarkeiten und sprachen: „dieses alles ist nichts, weil es todt wie Erde da liegt, weit herrlicher als alles dieses ist die Tugend, deren allein sich ein Regent rühmen sollte; alle Regenten besitzen Reichthümer, und es giebt viele Regenten, aber sie rühmen sich deren nicht.“

 

Um diese Zeit und während seines Aufenthalts in Deutschland vermählte der Großfürst Isäslaw seine Tochter die Prinzeßin Praskewia mit dem Markgrafen von Brandenburg Heinrich dem ersten, welche sich nach dem Tode dieses ihres ersten Mannes mit dem Kaiser Heinrich dem vierten vermählte. Sie ward in Deutschland Adelheid genannt.

 

Im Jahre 1076 sandte Fürst Swätoslaw auf Bitte seines Eidams des Königes von Polen ihm die Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch und Olg Swätoslawitsch mit einem großen Heere gegen den König Wlatislaw von Böhmen (der Boleslaw dem zweyten Mähren nehmen wollte) zu Hülfe. Als der König von Böhmen hörte, daß die rußischen Truppen sich mit den polnischen vereinigt hätten, schickte er seinen Feldherrn Lopata zum Könige von Polen und ließ um Frieden bitten: er bezahlte 1000 Griwen Silber für die Kriegskosten und versöhnte sich mit Boleslaw. Nach diesem mit dem Könige von Böhmen geschlossenen Frieden, machte der König von Polen den Fürsten Wladimir und Olg bekannt, daß der Krieg mit dem Könige von Böhmen geendigt sey, und daß er nunmehr einen Feldzug

 

 

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gegen die Preussen und Pommern unternehmen wolle. Da aber die Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch und Olg Swätoslawitsch erfuhren, daß die Polen für ihren Frieden mit den Böhmen Geld genommen hätten, sie selbst aber nach vergebener Mühe zurückkehren sollten, ließen sie dem Könige von Polen zur Antwort sagen: sie wären auf seine Bitte gekommen um als Bundesgenossen gegen den König von Böhmen zu kriegen, da sie aber jezt erfahren hätten, daß er allein Frieden geschlossen habe, so überließen sie zwar dieses seinem Willen, weil sie aber einmal sich für Feinde des Königes von Böhmen erklärt hätten, so erlaube es die Ehre ihrer Väter und des rußischen Reichs nicht, ohne Frieden zurückzukehren, sie würden also diesen Frieden mit Ehren in Böhmen suchen, und wollten ihn nicht hindern die Preussen und Pommern zu bekriegen, gegen welche sie keine Feindschaft hätten. Hier auf rückten die ru0ischen Fürsten ungesäumt vor die Stadt Glaz und bemächtigen sich derselben. Der König von Böhmen schickte seinen Bruder einen Bischof und viele seiner Großen mit Friedens-Vorschlägen zu Wladimir; die Fürsten Wladimir und Olg traten in Friedens-Unterhandlungen und erhielten zu ihrer Entschädigung 1000 Griwen Silber und viele Geschenke, welche sie unter das Kriegsvolk vertheilten, und hierauf selbst glücklich zu den ihrigen zurück kehrten.

 

Während dieses Feldzuges ward dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch am ersten Junius sein erster

 

 

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Sohn gebohren, welcher Mstislaw, in der heiligen Taufe aber Peter genannt wurde. In eben diesem Jahre verfiel Fürst Swätoslaw in eine schwere Krankheit, an welcher er den 27sten December starb. Sein Leichnahm wurde in Tschernigow bey der Kirche zum allgütigen Heilande begraben. Er hatte sein Alter auf 49 Jahre gebracht.

 

Nach dem Tode des Fürsten Swätoslaw begab sich sein jüngerer Bruder Wsewolod so gleich nach Kiew, und lies seinen Sohn Wladimir in Tschernigow, worauf Boris Swätoslawitsch am 4ten May 1077 nach Tschernigow kam um sich dieser Stadt zu bemächtigen. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch war damals in Kiew, kam aber am achten Tage nach Tschernigow zurück und vertrieb den Fürsten Boris, welcher sich wieder nach Tmutarakan begab.

 

Um diese Zeit schickte der griechische Kaiser Michael VII., nachdem er von den Bolgaren geschlagen worden war und die Korßuner ihm den Gehorsam aufgekündigt hatten, Gesandte nebst großen Geschenken und Versprechen zum Fürsten Wsewolod, und ließ ihn um Hülfe gegen die Bolgaren und Korßuner bitten. Wsewolod wollte ihm selbst zu Hülfe ziehen und fertigte indessen seinen Sohn Wladimir Wsewolodowitsch und den Fürsten Gleb gegen die Korßuner ab, womit er die Gesandten entließ. Da aber bald darauf aus Griechenland Nachricht einlief, daß der Kaiser Michael gestorben sey, und Kaiser

 

 

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Nicephor, mit welchem Wsewolod in keiner Verbindung stand, den Thron bestiegen habe, ließ Wsewolod seine Armee auseinander gehen und berief seinen Sohn Wladimir aus Korßun zurück.

 

In eben diesem Jahre hatte der Großfürst Isäslaw, nach erhaltener Nachricht daß sein Bruder Swätoslaw gestorben sey, von dem Könige Boleslaw II. von Polen Hülfs-Truppen erbeten und zog in Hofnung auf die ihm von seinem Neffen Fürsten Rostislaw Wladimirowitsch aus Wladimir in Wolhinien versprochene Hülfe nach Kiew zurück. Fürst Wsewolod brachte auf diese Nachricht gleichfals seine Truppen zusammen und ging ihm nach Wolhinien entgegen. Sie kamen hierauf beyn Fluße Gorünä zusammen, wo sie sich miteinander versöhnten und festsezten, daß der Großfürst Isäslaw Kiew und das dazu gehörige Gebiet in Besiz nehmen, Fürst Wsewolod aber Tschernigow behalten sollte. Hierauf kam der Großfürst Isäslaw am 15ten Julius nach Kiew, Fürst Wsewolod aber kehrte nach Tschernigow zurück, wo sich sein Neffe Oleg bis zum 10ten April 1078 bey ihm aufhielt. An diesem Tage gerieth Fürst Oleg Swätoslawitsch mit seinem Vetter Wsewolod von Tschernigow in Streit, und begab sich aus Tschernigow nach Tmutarakan.

 

Um diese Zeit unternahm Fürst Gleb Swätoslawitsch aus Nowgorod einen Feldzug nach Sawolotschie gegen die Jemen, von welchen er im Treffen besiegt und erschlagen wurde. Die Geschichtschreiber

 

 

 

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erwehnen, das Fürst Gelb ein sehr gnädiger, sanftmüthiger, thätiger, wohlgewachsener, schöner und mit allen Tugenden gezierter Mann gewesen sey.

 

Sein Leichnam wurde nach Tschernigow gebracht und den 22sten Julius bey der Kirche zum allgütigen Heilande begraben.

 

Der Großfürst Isäslaw schickte seinen Sohn Swätopolk nach Nowgorod, ließ seinen zweiten Sohn Jaropolk in Wüschegrad, und gab dem Für sten Wladimir Wsewolodowitsch Smolensk. Indessen wollten Swätoslaws Söhne Boris und Olg mit ihren Fürstenthümern Tmutarakan und Murom nicht zufrieden seyn, sondern rüsteten Truppen aus, riefen die Polowzer zu Hülfe und unternahmen einen Kriegszug gegen ihren Vetter den Fürsten Wsewolod, welcher ihnen mit einer geringen Anzahl Truppen entgegen zog. Sie trafen einander an der Soshza wo es am 26sten August zu einem Treffen kam, in welchem Wsewolod von der Menge der Polowzer überwunden ward, worauf Boris und Olg mit den Polowzern nach Tschernigow kamen und ihr Vaterland verheereten. Fürst Wsewolod, der sich aus seinem Fürstenthume vertrieben sahe, begab sich im Vertrauen auf die Bruderliebe des Großfürsten Isäslaw und weil er sonst keine andre Hülfe zu hoffen hatte nach Kiew, und bat seinen Bruder um Hülfe. Der Großfürst Isäslaw, erwägte den unglücklichen Zustand seines Bruders, versprach, als ein sanftmü higer Mann der keine Rache in seinem Herzen

 

 

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ihm Hülfe zu leisten, und befahl so gleich alle seine Truppen zusammen zu ziehen. Als dieses geschehen war, zog er mit seinem Sohne Jaropolk, seinem Bruder Wsewolod, und seinem Neffen Wladimir Wsewolodowitsch gegen Tschernigow, dessen Einwohner bey Annäherung der Großfürstlichen Armee sich in die Stadt einschlossen. Olg und Boris waren damals nicht in der Stadt, sondern hatten sich um Truppen zusammen zu bringen nach Tmutarakan begeben, sie hatten aber befohlen daß sich die Stadt bis zu ihrer Rückkunft halten sollte, und die Tschernigower wagten es nicht, sich zu unterwerfen und die Thore zu öffnen.

 

So bald der Großfürst Isäslaw vor Tschernigow ankam, befahl er die Stadt anzugreifen. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch that einen Angrif auf das östliche Thor von der streshenschen Seite und bemächtigte sich der äußeren Stadt, die Bürger aber zogen sich in‘s innere Schloß, wo sie sehr in der Enge waren. Indessen erfuhr der Großfürst daß die Fürsten Boris und Olg mit einem ansehnlichen Heere herbey rückten, er befahl also die Belagerung aufzuheben und ging ihnen eiligst entgegen, um seine Neffen zu hindern, sich mit den Polowzern zu vereinigen. Als Fürst Olg die Armee des Großfürsten Isäslaw ansichtig ward, redete er seinem Bruder Boris zu und bat ihn, er möchte ihrem Vetter (dem Großfürsten Isäslaw) Friedensvorschläge thun und ihn ohne Krieg um Vermehrung ihrer Besizungen bitten lassen, weil es für sie nicht ohne Gefahr wäre

 

Dritter Band 1783.

 

 

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gegen die große vereinigte Macht ihrer Vettern (des Großfürsten Isäslaw und Fürsten Wsewolod von Tschernigow) sich in eine Schlacht einzulassen. Boris verlachte seinen Bruder, verwieß ihm daß er sich vor der Menge fürchte, rühmte sich daß er allein gegen alle fechten wolle, und überredete solcher gestalt den Fürsten Olg, worauf sie sich zur Schlacht anschickten. Beide Heere kamen beym Dorfe Neshatina-Niwa zusammen und lieferten einander ein Treffen, in welchem Fürst Boris Swätoslawitsch gleich beym ersten Angriffe auf dem Plaze blieb, und hierauf die Armee des Fürsten Olg Swätoslawitsch bald zum Weichen gebracht ward. Der Großfürst Isäslaw stand indessen unter dem Fußvolk und munterte seine Truppen auf, als einer der Feinde schleunig auf ihn zulief und ihn mit einem Spieße, welches er ihm von hinten bey der schulter in den Leib stieß, erstach. Das Treffen dauerte zwar hier auf noch einige Zeit fort, Olg wurde aber bald völlig geschlagen und rettete sich kaum mit einigen wenigen Leuten nach Tmutarakan. Dieses geschah am 3ten Oktober des Jahres 1078. Der Leichnam des Großfürsten Isäslaw wurde (auf Befehl seines Bruders Wsewolod Jaroslawitsch) zu Wasser fortgebracht und bey Gorodez (jezt Ostr) ausgestellt, wohin ihm die Kiewer entgegen kamen, ihn auf einen Leichenwagen sezten, und unter Begleitung vieler Geistlichen und vieles Volks nach Kiew führten, wobey der Leichengesang vor dem lauten Weinen des Volks nicht zu hören war, weil alle,

 

 

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groß und klein, den Großfürsten Isäslaw Jaroslawitsch bedauerten. Fürst Jaropolk Isäslawitsch ging vor dem Sarge seines Vaters her, man brachte den Leichnam in die Kirche der heiligen Mutter Gottes und legte ihn in einen steinernen Sarg.

 

Der Großfürst Isäslaw hatte 54 Jahr gelebt und 24 regiert.

 

Dieser Großfürst hatte sich mit einer polnischen Prinzeßin vermählt, die im Jahre 1107 verstarb, von welcher er folgende Kinder hatte.

 

1) Fürst Mstislaw Isäslawitsch.

 

2) Fürst Swätopolk Isäslawitsch in der heiligen Taufe Michael genannt.

 

3) Fürst Jaropolk Isäslawitsch in der heiligen Taufe Peter genannt.

 

4) Fürst Jurii oder Georg Isäslawitsch.

 

5) Die Prinzeßin Praskewia, welche zu erst mit dem Markgrafen von Brandenburg nachher aber mit dem deutschen Kaiser Heinrich dem 4ten vermählt wurde, und im Jahre 1109 verstarb.

 

Geschlechts-Register Isäslaws I.

 

Jaroslaw I. Fürst zu Nowgorod, hierauf vom Jahre 1020 bis 1054 Großfürst des nördlichen und südlichen Rußlands,

oo vermählt mit Ingegerd einer Tochter des Königes Olow von Schweden, von welcher

 

 

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► Isäslaw I. Großfürst von ganz Rußland von 1054 bis 1078,

oo vermählt mit einer polnischen Prinzeßin. Aus dieser Ehe entsprossen:

 

1) Fürst Mstislaw

2) Fürst Swätopolk

3) Fürst Jaropolk

4) Fürst Jurii oder Georg

5) Die Prinzeßin Praskewia, welche zuerst mit - dem Markgrafen von Brandenburg Heinrich I. zur zweiten Ehe aber mit dem deutschen Kaiser Heinrich IV. vermählt wurde.

 

Isäslaws Zeitverwandte, vom Jahre 1054 bis 1078 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Die Kaiserin Theodora von 1054 bis 1056. Michael V. von 1056 bis 1057. Isaak von 1057 bis 1059. Konstantin X. von 1059 bis 1067. Die Kaiserin Eudoria von 1067 bis 1067. Michael VI. von 1067 bis 1068. Andronikus I. von 1068 bis 1069. Konstantin IX. von 1069 bis 1071. Roman IV. von 1071 bis 1072. Michael VII. Von 1072 bis 1078.

 

In Deutschland. Kaiser. Heinrich III. von 1039 bis 1056. Heinrich IV. von 1056 bis 1106.

 

 

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In Polen. Könige. Kasimir I. von 1041 bis 1058. Boleslaw II. von 1058 bis 1081.

 

In Böhmen. Fürsten. Bretschislaw I. von 1037 bis 1055. Sbitignei II. von 1055 bis 1061. Wratislaw II. von 1061 bis 1092.

 

In Sachsen. Fürsten. Bernhard II. von 1010 bis 1062. Otto von 1962 bis 1073. Magnus von 1073 bis 1106.

 

In der Pfalz. Fürst. Heinrich von 1045 bis 1095.

 

In Brandenburg. Fürsten. Wilhelm von 1046 bis 1056. Udon I. von 1056 bis 1082.

 

In Baiern. Fürsten. Konrad II. von 1053 bis 1056. Die Kaiserin Agnes von von 1056 bis 1061. Otto II. von 1061 bis 1071. Welf I. von 1071 bis 1102.

 

In Braunschweig. Fürsten. Bruno III. von 1038 bis 1057. Egbert I. von 1057 bis 1068. Egbert II. von 1068 bis 1090.

 

In Ungarn. Könige. Andreas I. von 1047 bis 1061. Bela I. von 1061 bis 1063. Salomon von 1063 bis 1074. Geisa von 1074 bis 1077. Wladislaw I. von 1077 bis 1095.

 

 

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102

 

In Dänemark. Könige. Sweno II. von 1048 bis 1074. Harald IX. von 1074 bis 1080.

 

In Arabien. Kalifen. Kaem Wamrilla XLV Kalif von 1031 bis 1075. Mostadi Wamrilla XLVI Kalif von 1075 bis 1094.

 

In Egypten. Kalif. Awutamin Mostader von 1036 bis 1094.

 

In Ikonium. Sultan. Soliman von 1074 bis 1085.

 

In Alepo. Sultan. Tutusch von 1078 bis 1095.

 

In Frankreich. Könige. Heinrich I. von 1031 bis 1060. Philipp I. von 1060 bis 1108.

 

In England. Könige. Eduard III. von 1042 bis 1066. Harald II. von 1066 bis 1066. Wilhelm von 1066 bis 1087.

 

In Schottland. König. Malkolm III. von 1037 bis 1093.

 

In Spanien. Könige. Ferdinand I. von 1037 bis 1065. Alphons von 1065 bis 1109.

 

In Toskana. Groß-Herzoge. Fridrich von 1052 bis 1055. Gottfried von 1055 bis 1076. Matilda v. 1076 bis 1115.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Michael von 1043 bis 1059. Konstantin von 1059 bis 1064. Johann von 1064 bis 1075. Kosmus von 1075 bis 1081.

 

 

 

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Römische Päbste. Leo IX. von 1048 bis 1055. Victor II. von 1055 bis 1057. Stephan IX. von 1057 bis 1058. Benedikt X. von 1058 bis 1058. Nikolaus II. von 1058 bis 1061. Alexander II. von 1061 bis 1073. Gregorius VII. von 1073 bis 1086.

 

Patriarch zu Alexandrien. Christodul von 1047 bis 1078.

 

Patriarchen zu Jerusalem. Nicephor von 1048 bis 1059. Sophron von 1059 bis ___. Ephim von ___ bis 1094.

 

Patriarchen zu Antiochien. Peter von 1052 bis ___. Theodosius von ___ bis ___. Emilian von ___ bis 1089.

 

Mitropoliten zu Kiew. Hilarion von 1051 bis 1071. Ephraim von 1071 bis 1072. Georg von 1072 bis 1080.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Polozk. Wseslaw Brätschislawitsch von 1041 bis 1101.

 

In Wladimir in Wolhinien. Igor Jaroslawitsch von 1054 bis 1056. Rostislaw Wladimirowitsch von 1056 bis 1065.

 

In Smolensk. Wetscheslaw Jaroslawitsch von 1054 bis 1056. Igor Jaroslawitsch von 1056 bis 1060. Wladimir Wsewolodowitsch von 1077 bis ___.

 

In Tschernigow. Swätoslaw Jaroslawitsch von 1034 bis 1073. Wsewolod Jaroslawitsch von 1073 bis ___.

 

In Perejaslawl. Wsewolod Jaroslawitsch von 1054 bis 1073. Gleb Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

 

 

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104

 

In Rostow. Rostislaw Wladimirowitsch von 1052 bis 1056. Olg Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

In Tmutarakan. Swätoslaw Jaroslawitsch von 1054 bis 1078. Gleb Swätoslawitsch von 1064 bis 1073. Olg Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

In Susdal. Rostislaw Wladimirowitsch von 1052 bis 1056.

 

In Wüschgrad. Boris Swätoslawitsch von 1073 bis 1078. Jaropolk Isäslawitsch von 1078 bis ___.

 

In Nowgorod. David Swätoslawitsch von 1073 bis 1077. Gleb Swätoslawitsch von 1077 bis 1078. Swätopolk Isäslawitsch von 1078 bis ___.

 

In Kiew. Swätopolk Jaroslawitsch von 1073 bis 1076.

 

In Murom. Gleb Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

 

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30.

Großfürst Wsewolod I. in der heiligen Taufe Andrei genannt.

Nach dem Tode des Großfürsten Isäslaw Jaroslawitsch, im Jahre 1078, kam sein Bruder Fürst Wsewolod Jaroslawitsch von Tschernigow (als der älteste und angesehenste seines Stammes) am 6ten September nach Kiew, und übernahm im neun und vierzigsten Jahre seines Alters die Großfürstliche Regierung von ganz Rußland.

 

1) seinen Sohn den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch versezte er aus Smolensk nach Tschernigow.

 

2) Dem Fürsten Rostislaw Wsewolodowitsch, gab er Perejaslawl.

 

Den Kindern des Großfürsten Isäslaw ließ Wsewolod ihre vorigen ihnen von ihrem Vater verliehenen Besitzungen, nemlich:

 

3) Dem Fürsten Swätopolk Isäslawitsch, Nowgorod.

 

4) Dem Fürsten Jaropolk Isäslawitsch, Wüschegrad, welchem der Großfürst Wsewolod Wladimir in Wolhinien beyfügte.

 

5) Dem Fürsten David Igorewitsch, gab der Großfürst Wsewolod, Turow.

 

6) Dem Fürsten Olg Swätoslawitsch, Tmutarakan.

 

7) Dem Fürsten David Swätoslawitsch, Murom mit dem dazu gehörigen Gebiete.

 

 

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8) Das abgetheilte Fürstenthum des Fürsten Roman Swätoslawitsch gränzte an Perejaslaw und an die Länder der Polowzer.

 

9) Dem Fürsten Jaroslaw Swätoslawitsch, Räsan.

 

10) Fürst Wolodar Rostislawitsch, war im Besitz von Peremüschl.

 

11) Dem Fürsten Waßilko Rostislawitsch, Terebowl.

 

12) Dem Fürsten Rurik Rostislawitsch, Swenigorod.

 

13) Ob Fürst Roman Wseslawitsch gleichfalls ein abgetheiltes Fürstenthum erhalten habe, ist nicht bekannt.

 

Die Geschichtschreiber melden, daß der Großfürst Wsewolod gottesfürchtig, gerecht, ein Feind der Lügen und Falschheit, sehr mildthätig gegen Kirchen und Schulen und sehr enthaltsam in seinen Leidenschaften gewesen sey, und daß zu seiner Zeit, so lange bis er selbst matt und schwach ward, glückliche Tage in Rußland herrschten.

 

Im Jahre 1097 kam Fürst Roman Swätoslawitsch, der mit seinem Antheil nicht zufrieden war, mit einer Menge Polowzer vor Perejaslawl, um den Großfürsten Wsewolod dieses Fürstenthums zu berauben, der Großfürst aber kam selbst nach Perejaslawl und schloß mit den Polowzern Frieden. Da Fürst Roman Swätoslawitsch sich von den Polowzern verlassen sahe, erzürnte er sich über die polowzischen Fürsten,

 

 

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woher anfangs Mißhelligkeiten und endlich eine Schlägerey entstand, so das Fürst Roman Swätoslawitsch am 2osten August (des 1079sten Jahres) von den Polowzern erschlagen ward.

 

Um diese Zeit nahmen die unter der Oberherrschaft des Fürsten Olg Swätoslawitsch von Tmutarakan stehende Kosaren, diesen ihren Fürsten aus Haß (wegen schwerer Auflagen) gefangen und führten ihn über das Meer nach Konstantinopel. Als der Großfürst hievon Nachricht erhielt, sandte er einen gewissen Ratibor als Stathalter nach Tmutarakan.

 

Im Jahre 1080 betrugen sich die perejaslawschen Torken (Unterthanen des Großfürsten) sehr wiederspenstig und ungehorsam; der Großfürsten schickte seinen Sohn den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow mit einigen Truppen gegen sie, welcher sie zwar gerüstet fand aber sie, ungeachtet ihrer überlegenen Menge, angrif und überwand, die Rädelsführer bestrafte und hiedurch diesem Aufstande gegen den Fürsten Wsewolod ein Ende machte.

 

Im Jahre 1081 kamen die Fürsten David Igorewitsch von Turow und Wolodar Rostislawitsch von Peremüschl (um ihre Besizungen durch das von dem Großfürsten eingenommene Antheil des Fürsten Olg Swätoslawitsch zu vergrößern) vor Tmutarakan, eroberten selbiges

 

 

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ungesäumt am 18ten May, und vertrieben den Großfürstlichen Stathalter Ratibor, wobey ihnen die Kosaren behülflich waren.

 

Im Jahre 1082 hatte Fürst Olg Swätoslawitsch in Konstantinopel seine Freyheit erhalten, und kam nach Tmutarakan, wo er die Fürsten David Igorewitsch und Wolodar Rostislawitsch fand und festnehmen ließ. Er bestrafte die Polowzer (sonst Kosaren und Petschenegen) die seinen Bruder Roman Swätoslawitsch erschlagen, und ihn selbst gefangen nach Konstantinopel geschickt hatten, versöhnte sich in demselben Jahre mit den Fürsten David Igorewitsch und Wolodar Rostislawitsch, welche er in ihre Fürstenthümer jenseit des Dniepers entließ, nemlich David nach Turow und Wolodar nach Peremüschl.

 

In diesem Jahre verbreitete sich die Pest über ganz Rußland.

 

In eben diesem Jahre schickte der deutsche Kaiser Heinrich der vierte den Bischof Adelbert von Olmüz mit vielen Geschenken als Gesandten an den Großfürsten Wsewolod, und ließ selbigen um seine Freundschaft und zugleich um Hülfe gegen den König Geisa von Ungarn bitten.

 

Der Großfürst Wsewolod brachte ungesäumt Truppen zusammen, und zog mit seinem Sohne Wladimir von Tschernigow und seinen Neffen David Igorewitsch von Turow und Jaropolk Isäslawitsch von Wladimir in Wolhinien

 

 

 

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und ihren vereinigten Truppen gegen die Gebürge, schickte aber vorher seinen Feldherrn Tschudin an den König Geisa von Ungarn, um selbigen zum Frieden mit dem Kaiser Heinrich dem vierten zu bewegen. Der König von Ungarn schickte von seiner Seite Gesandte mit vielen Geschenken an den Großfürsten Wsewolod und ließ ihn um Hülfe gegen den Kaiser Heinrich den vierten bitten, indem er vorstellte, daß der Kaiser ihm vieles Unrecht angethan hätte. Der Großfürst befahl seinem Feldherrn Tschudin zum Kaiser zu reisen, wohin ihn die königlich ungarischen Gesandten mit Friedensvorschlägen unter des Großfürsten Wsewolods Vermittelung begleiteten, der Großfürst selbst aber kehrte von den Gebürgen nach Kiew zurück.

 

Im Jahre 1084 kam Fürst Jaropolk Isäslawitsch von Wladimir (in Wolhinien) am Ostertage zu seinem Vetter dem Großfürsten Wsewolod nach Kiew, und beschwerte sich daß Fürst David Igorewitsch von Turow nebst Wolodar Rostislawitsch von Peremüschl und Wasilko Rostislawitsch von Trembowl ihn aus Wladimir in Wolhinien vertrieben hätten. Der Großfürst Wsewolod erzürnte sich hierüber sehr, und schickte so gleich seinen Sohn Fürsten Wladimir von Tschernigow mit einem Heere aus, welcher die Fürsten David Igorewitsch von Turow, Wolodar Rostislawitsch von Peremüschl, und Waßilko Rostislawitsch, aus Wladimir in Wolhinien

 

 

 

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vertrieb, den Fürsten Jaropolk Isäslawitsch wieder in sein Fürstenthum einsezte und selbst zurück kehrte. Indessen begab sich Fürst David Igorewitsch nach seiner Vertreibung aus Wladimir in Wolhinien an den Dnieper, fiel bey Olescha (in der Gegend der Wasserfälle des Dniepers) die griechischen Kaufleute an, und raubte ihnen ihre Waaren. Als der Großfürst Wsewolod hievon Nachricht erhielt, befahl er den Fürsten David Igorewitsch zu ihm nach Kiew zu bringen, wo er ihm wegen seiner vielen Vergehungen strenge Verweise gab, hierauf aber (in Betracht der Reue des Fürsten) mit ihm Mitleiden hatte, ihm Dorogobusch am Fluse Gorinä nicht weit von Luzk in Wolhinien ertheilte, und ihn dahin entließ.

 

Im Jahre 1085 vernahm Fürst Jaropolk Isäslawitsch, daß der unlängst von ihm verklagte Fürst David Igorewitsch von dem Grosfürsten Wsewolod Dorogobusch erhalten habe, und ward darüber sehr aufgebracht, welches den Schmeichlern Gelegenheit gab, ihn zum Kriege gegen seinen Vetter den Großfürsten anzureizen. Fürst Jaropolk Isäslawitsch von Wladimir in Wolhinien folgte dem Rath der bösen Rathgeber und versammelte ein Heer um einen Feldzug nach Kiew zu thun, wozu ihm auch die Polen (welche sich öfters bemüheten die innerlichen Unruhen zwischen den rußischen Fürsten zu vermehren,)

 

 

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aufmunterten. Da der Großfürst Wsewolod hievon Nachricht erhielt, schickte er ihm seinen Sohn Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow mit einem Heere entgegen. Jaropolk Isäslawitsch von Wladimir in Wolhinien, der damals bey Luzk stand, befürchtete hierauf, das er nicht im Stande seyn werde dem Großfürsten zu wiederstehen; er ließ seine Mutter und seine Gemahlin in Luzk, und begab sich selbst nach Polen, um daselbst Hülfstruppen zu suchen und den Krieg mit vereinigter Macht zu führen. Indessen kam Fürst Wladimir von Tschernigow in Begleitung des Fürsten David Igorewitsch von Dorogobusch bald vor der Stadt Luzk an; die Einwohner von Luzk wagten es nicht diesem Fürsten zu widerstehen und öfneten ihm die Thore, worauf Wladimir Wsewolodowitsch in die Stadt einzog, die Mutter und Gemahlin des Fürsten Jaropolk Isäslawitsch mit ihren Reichthümern gefangen nahm und nach Kiew sandte, selbst aber seinen Zug nach Wladimir in Wolhinien fortsezte, wo man ihm gleichfalls die Thore eröfnete und ihn nach damaligem Gebrauch empfing. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow übergab auf Befehl des Großfürsten Wsewolod das Fürstenthum Wladimir in Wolhinien dem Fürsten David Igorewitsch und hielt sich daselbst so lange auf, als zu vermuthen war, daß Fürst Jaropolk Isäslawitsch mit den Polen ankommen möchte, weil er glaubte, daß dadurch vielleicht ein Krieg mit Polen entstehen könnte.

 

 

 

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Im Jahre 1086 legte der Großfürst Wsewolod die Kirche zum heiligen Andreas an, und er bauete bey selbiger ein Frauen-Kloster, in welchem sich seine älteste Tochter, die Prinzeßin Anna, zur Nonne einkleiden ließ, welche hierauf mehrere Nonnen versammelte, beständig in diesem Kloster im Gebet und Fasten verblieb, die Klosterregeln genau beobachtete, und ihre Zeit mit lesen zubrachte: sie nahm auch junge Mädchen auf, die sie im lesen und schreiben, in Handarbeiten, im Gesange, im Nähen und in andern nüzlichen Kenntnisen unterrichtete, um sie dadurch von Jugend auf zum Verstehen des göttlichen Gesezes und zur Arbeitsamkeit zu gewöhnen.

 

Als Fürst Jaropolk Isäslawitsch, der sich in Polen aufhielt ohne von den Polen Hülfe erlangen zu können, vernahm, daß Fürst Wladimir von Tschernigow seine Städte erobert, und seinr Mutter und Gemahlin mit allem ihrem Vermögen gefangen genommen hätte, fand er endlich, im Jahre 1087, für gut, sich seinem Vetter dem Großfürsten Wsewolod zu unterwerfen. Er kehrte nach Wladimir in Wolhinien zurück und kam nach einiger Unterhandlung zum Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow, um durch dessen Vermittelung von dem Großfürsten Wsewolod Verzeihung zu erhalten. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow nahm ihn auf Befehl seines Vaters (des Großfürsten) als seinen älteren Bruder mit Ehren auf, schloß mit ihm Frieden und kehrte selbst nach Tschernigow

 

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zurück. Sobald der Großfürst von seinem Sohne Nachricht erhielt, daß der Friede geschloßen sey, entließ er sogleich die Mutter und Gemahlin des Fürsten Jaropolk Isäslawitsch mit allen ihrem Vermögen nach Wladimir in Wolhinien. Hierauf reisete Fürst Jaropolk Isäslawitsch nach einem kurzen Aufenthalt zu Wladimir in Wolhinien auf einem Wagen nach Swenigrad, und ward, nach dem Bericht der Geschichtschreiber, nicht weit von gedachter Stadt von einem Mörder umgebracht. Er starb am 22sten November. Seine Diener nahmen seinen Leichnam und brachten ihn nach Wladimir in Wolhinien und von da nach Kiew, wo er im Kloster des heiligen Dmitrii in der Kirche zum Apostel Peter, begraben ward. Die Annalisten sagen, daß Fürst Jaropolk Isäslawitsch gottesfürchtig, sanftmüthig, liebreich gegen seine Brüder, freygebig und aufrichtig gewesen sey.

 

Nach dem Tode des Fürsten Jaropolk Isäslawitsch ertheilte der Großfürst das Fürstenthum Wladimir in Wolhinien seinem Neffen David Igorewitsch.

 

Ferner ertheilte der Großfürst dem Fürsten Swätopolk Isäslawitsch von Nowgorod, Turow, welcher sich hierauf aus Nowgorod nach Turow verfügte.

 

Um diese Zeit geschahen in Wolhinien und an der Oka Räubereien, wodurch viele bolgarische Handelsleute um ihre Waaren kamen.

 

Die Bolgaren schickten zu den Fürsten Olg

 

Dritter Band 1783.

 

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Swätoslawitsch von Murom und seinem Bruder Jaroslaw Swätoslawitsch und liessen um eine Entschädigung für ihre verlohrne Waaren anhalten, da sie aber keine Gerechtigkeit erhielten, kamen sie selbst mit Kriegsvölkern vor Murom und bemächtigten sich der Stadt.

 

Um diese Zeit schickte der Großfürst Wsewolod, wegen der öfteren Klagen der Fürsten David Igorewitsch von Wladimir in Wolhinien und Swätopolk Isäslawitsch von Turow, gegen die zwey Brüder Fürsten Wolodar Rostislawitsch von Peremüschl und Wasilko Rostislawitsch von Trebowl, Gesandte ab, um leztere zum Frieden zu ermahnen. Da er aber sahe daß seine Gesandten diese Fürsten nicht zum Frieden bewegen konnten, begab er sich selbst mit kiewschen, tschernigowischen und perejaslawischen Truppen nach Swenigorod, und ließ die beiden fürstlichen Brüder zu sich entbieten, dem mit ihnen verbundenen polnischen Fürsten aber ließ er andeuten, er möchte allen dem Gebiet der Fürsten Swätopolk Isäslawitsch von Turow und David Igorewitsch von Wladimir in Wolhinien zugefügten Schaden ersetzen, und die Gefangene ausliefern.

 

Die Fürsten Wolodar und Wasilko sahen die überlegene Macht des Großfürsten Wsewolod, kamen zu ihm und erhielten Frieden. Da aber die Polen niemand geschickt hatten, befahl der Großfürst seinem Sohne Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow und seinen Neffen Swätopolk Isäslawitsch von Turow, Oleg Swätoslawitsch von Murom

 

 

 

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und David Igorewitsch von Wladimir in Wolhinien, sie mit Krieg zu überziehen, und kehrte selbst nach Kiew zurück.

 

Im Jahre 1089 ward im petscherischen Kloster eine steinerne Kirche zur Entschlafung der heiligsten Mutter Gottes vollendet und am 14ten August von dem Mitropoliten Johann eingeweihet, zur Zeit des rechtgläubigen Großfürsten Wsewolod und seiner Söhne Wladimir von Tschernigow und Rostislaw von Perejaslaw, des Tüßazki von Kiew Jan, und des Abts in petscherischen Kloster Johann.

 

In demselben Jahre reisete die großfürstliche Prinzeßin Anna, die eine Nonne geworden war, nach Konstantinopel zu ihren Verwandten; denn ihre Mutter war eine griechische Prinzeßin und Tochter des Kaisers Konstantin Monomach gewesen. Der Großfürst schickte mit ihr einige vornehme Gesandte an den griechischen Kaiser und ließ zugleich den Patriarchen zu Konstantinopel um einen gelehrten Mitropoliten bitten.

 

Im Jahre 1090 kam die Tochter des Großfürsten die Nonne Anna, aus Konstantinopel zurück, und brachte den Mitropoliten Johann mit sich.

 

In diesem Jahre ward in Perejaslaw die Kirche des heiligen Michael durch den perejaslawischen Bischof Ephrem eingeweihet, welcher sie selbst sehr geräumig erbauet hatte. Er versah diese Kirche mit reichem Geräthe, erbauete ein öffentliches Bad von Steinen, dergleichen bis dahin

 

 

 

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in Rußland nie gewesen war, und verschönerte die Stadt Perejaslaw vor andern Städten

mit vielen ansehnlichen Gebäuden, wodurch er seinen Namen in Rußland berühmt machte.

 

In diesem Jahre kam ein von dem Pabste aus Rom abgesandter Mitropolit Namens Theodor, von Geburt ein Grieche, nach Rußland.

 

In eben diesem Jahre war in ganz Rußland ein großer Ueberflus an allerley Früchten Obst und Getreide.

 

In diesem Jahre ward dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow, sein vierter Sohn gebohren, welcher Jurii genannt wurde.

 

Um diese Zeit war ein schwerer Krieg mit den Polowzern, welche drey Städte Peßotschen Perewolok und Ustje eingenommen hatten.

 

Auch starben damals in ganz Rußland viele Leute an verschiedenen Krankheiten.

 

Um eben diese Zeit starb in Peremüschl Fürst Rurik Rostislawitsch, ein Sohn des Fürsten Rostislaw Wladimirowitsch.

 

Im Jahre 1093 den 13ten April starb der Großfürst Wsewolod Jaroslawitsch, im 64 Jahre seines Alters. Dieser Großfürst litte vielen Verdruß von den abgetheilten Fürsten, die mit den ihnen verliehenen Fürstenthümern nicht zufrieden waren, und immer nach größern Besitzungen trachteten. Er theilte vor seinem Tode viele Städte unter sie aus, damit sie nach ihm ruhig bleiben möchten.

 

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Aber auch hiedurch konnte er weder ihre Habsucht befriedigen, noch ihren Beschwerden und Vorwürfen entgehen. Die Mißhelligkeiten und Unruhen unter den abgetheilten Fürsten währeten beständig fort, weil sie größtentheils dem Rathe der sie umgebenden Schmeichler und jungen Leute folgten, welche Mittel fanden sie untereinander, Brüder gegen Brüder, und mit dem Großfürsten in Streitigkeiten zu verwickeln, wenn aber dieser sie zur brüderlichen Liebe ermahnete, wurden sie über ihn unwillig und achteten weder seinen Rath noch den Rath der Alten und weisen Großen. Hiedurch geschahe es, daß überall unter dem Volk Handhabung der Gerechtigkeit, Schutz der Beleidigten, und Züchtigung und Bestrafung der Bösen mangelte, und daß die Richter zu rauben anfingen und mit Recht und Gericht ein Gewerbe trieben. Der Großfürst Wsewolod war damals schon alt und siech, und konnte hievon keine genaue Kenntnis erlangen. Als er hierauf in eine schwere Krankheit verfiel schickte er nach seinem Sohne Wladimir von Tschernigow, gab seinen Kindern den Fürsten, Wladimir und Rostislaw gute Ermahnungen und starb, und ward in der Kirche zur heiligen Sophia begraben.

 

Er hatte 15 Jahre regiert. Seine erste Gemahlin war eine griechisch kaiserliche Prinzeßin und Tochter des Kaisers Konstantin Monomach die im Jahre 1067 starb. Von ihr waren:

 

1) Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow.

 

 

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2) Eine Tochter Namens Anna die sich dem Klosterleben widmete.

 

Seine zweite Gemahlin war eine polowzische Prinzeßin Anna genannt. Von dieser waren:

 

3) Fürst Rostislaw Wsewolodowitsch von Perejaslaw, der im Jahre 1070 gebohren war, und im Jahre 1093 starb.

 

4) Die Prinzeßin Eupraxia, die sich dem Klosterleben widmete.

 

5) Die Prinzeßin Irina, die gleichfalls ins Kloster ging.

 

 

Geschlechts-Register Wsewolods I.

 

Jaroslaw I. Fürst von Nowgorod, nachher Großfürst des nördlichen und südlichen Rußlands von 1020 bis 1054.

oo Dessen Gemahlin Ingegerd Tochter des Königes Olow von Schweden, von welcher:

 

► Wsewolod I. Fürst von Tschernigow, nachher Großfürst von ganz Rußland von 1078 bis 1093.

 

I. oo Dessen erste Gemahlin, war eine griechische Prinzeßin, Tochter des Kaisers Konstantin Monomach, von welcher:

 

1) Fürst Wladimir

2) Die Prinzeßin Anna.

 

II. oo Seine zweite Gemahlin war eine polowzische Prinzeßin Anna, von welcher:

 

3) Fürst Rostislaw

4) Die Prinzeßin Eupraxia

5) Die Prinzeßin Irina.

 

 

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Wsewolods Zeitverwandte, vom Jahre 1078 bis 1093 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Nicephor von 1078 bis 1081. Alexis I. v. 1081 bis 1118.

 

In Deutschland. Kaiser. Heinrich IV. von 1056 bis 1106.

 

In Polen. Könige. Boleslaw II. von 1058 bis 1081. Wladislaw I. von 1081 bis 1102.

 

In Böhmen. Fürsten. Wratislaw II. von 1061 bis 1092. Konrad I. von 1092 bis 1093.

 

In Sachsen. Fürst. Magnus von 1073 bis 1106.

 

In der Pfalz. Fürst. Heinrich von 1045 bis 1095.

 

In Brandenburg. Fürsten. Udon I. von 1056 bis 1082. Heinrich I. von 1082 bis 1087. Udon II. von 1087 b. 1106.

 

In Baiern. Fürst. Welf I. von 1071 bis 1102.

 

In Braunschweig. Fürsten. Egbert II. von 1068 bis 1090. Gertrud von 1090 bis 1113.

 

In Ungarn. König. Wladislaw I. von 1077 bis 1095.

 

In Dänemark. Könige. Harald IX. von 1074 bis 1080. Kanut IV. von 1080 bis 1086. Olg oder Olaus IV. von 1086 bis 1095.

 

 

 

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In Arabien. Kalif. Mostadi Wamrilla XLVI Kalif von 1075 bis 1094.

 

In Egypten. Kalif. Awutamin Mostader von 1036 bis 1094.

 

In Ikonium. Sultane. Soliman von 1074 bis 1085. Kilidsche Arslan von 1085 bis 1107.

 

In Alepo. Sultan. Tutusch von 1078 bis 1095.

 

In Damas. Sultan. Dakan von ___ bis 1095.

 

In Frankreich. König. Philipp I. von 1060 bis 1108.

 

In England. Könige. Wilhelm I. von 1066 bis 1087. Wilhelm II. von 1087 bis 1100.

 

In Schottland. König. Malkolm III. von 1057 bis 1093.

 

In Spanien. König. Alphons von 1065 bis 1109.

 

In Toskana. Groß-Herzog. Matilda von 1076 bis 1115.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Kosmus von 1075 bis 1081. Eustrat von 1081 bis 1084. Nikolaus von 1084 bis 1111.

 

Römische Päbste. Gregorius VII. von 1073 bis 1086. Victor III. von 1086 bis 1088. Urban II. von 1088 bis 1099.

 

Patriarch zu Alexandrien. Cirill von 1078 bis 1092. Michael von 1092 bis 1103.

 

Patriarchen zu Jerusalem. Ephim von ___ bis 1094.

 

 

 

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121

 

Patriarchen zu Antiochien. Emilian von ___ bis 1089. Nicephor von 1089 bis ___. Johann von ___ bis 1098.

 

Mitropoliten zu Kiew. Georg von 1072 bis 1080. Johann von 1080 bis 1090. Johann von 1090 bis 1091. Ephrem von 1091 bis 1097.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Smolensk. Wladimir Wsewolodowitsch von 1077 bis 1078.

 

In Perejaslawl. Gleb Swätoslawitsch von 1073 bis 1078. Rostislaw Wsewolodowitsch von 1078 bis 1093.

 

In Rostow. Olg Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

In Nowgorod. Swätopolk Isäslawitsch von 1078 bis 1087. David Swätoslawitsch von 1087 bis 1094. Gleb Swätoslawitsch von ___ bis ___.

 

In Wüschgrad. Jaropolk Isäslawitsch von 1078 bis 1087.

 

In Tschernigow. Wladimir Wsewolodowitsch von 1078 bis 1094.

 

In Wladimir in Wolhinien. Jaropolk Isäslawitsch von 1078 bis 1087. David Igorewitsch von 1078 bis ___. Rostislaw Wladimirowitsch von ___ bis ___.

 

In Turow. David Igorewitsch von 1078 bis 1087. Swätopolk Isäslawitsch 1087 bis 1093.

 

In Tmutarakan. Olg Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

In Murom. David Swätoslawitsch von 1078 bis 1094.

 

In Peremüschl. Wolodar Rostislawitsch von 1078 bis ___.

 

 

 

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122

 

In Räsan. Jaroslaw Swätoslawitsch von 1078 bis ___.

 

In Terebowl. Waßilko Rostislawitsch von 1078 bis __.

 

Das abgetheilte Fürstenthum des Fürsten Roman Swätoslawitsch gränzte an das polowzische Gebiet und an Perejaslaw von 1078 bis 1079.

 

In Swenigorod. Rurik Rostislawitsch von 1078 bis 1089.

 

In Polozk. Wseslaw Brätschislawitsch von 1041 bis 1101. Mstislaw Isäslawitsch von 1069 bis ___.

 

In Dorogobusch am Flusse Gorünä. David Igorewitsch von 1080 bis 1087.

 

 

 

Quelle:

 

Neues St. Petersburger Journal vom Jahre 1783. Dritter Band. Mit Bewilligung des Ober-Polizey-Amts. St. Petersburg, aus der Schnoorschen Buchdruckerey. S. 36-122

 

 

 

 

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Aufsäze betreffend die rußische Geschichte *). (Fortsezung.)

 

31.

Großfürst Swätopolk II. in der heiligen Taufe Michail genannt.

Nach dem Tode des Großfürsten Wsewolod Jaroslawitsch, im Jahre 1093, baten zwar die Kiewer den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow, er möchte von dem kiewschen Throne Besitz nehmen; dieser aber hielt dafür, das es ihm nicht nur schwer seyn würde solches vor einem ältern Fürsten seines Stammes zu thun, sondern daß es auch dabey nicht ohne bürgerlichen Krieg abgehen könnte. Er schickte also zu dem Fürsten Swätopolk Isäslawitsch von Turow, um ihm den Tod seines Vaters, des Großfürsten Wsewolod Jaroslawitsch, bekannt zu machen, damit er als der älteste des fürstlichen Stammes nach Kiew kommen und den Thron des Großfürstenthums und des südlichen Rußlands einnehmen möchte. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch verfügte sich hierauf selbst nach Tschernigow, Fürst Rostislaw Wsewolodowitsch aber kehrte in sein Fürstenthum Perejaslawl zurück.

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*) S. St. Petersburgisches Journal 1783, dritter Band, Seite 75.

 

 

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Fürst Swätopolk Isäslawitsch von Turow kam nach Verlauf der Osterwoche, am 24sten April, in Kiew an, und ward von den kiewschen Großen und einer Menge Volks vor der Stadt, an der Stadtpforte aber von dem Bischofe von Jurjew Marin mit dem heiligen Kreuze empfangen. Er begab sich nach Gebrauch zuerst nach der Kirche, hierauf aber nach der großfürstlichen Wohnung, und bestieg den Thron seines Vaters und Großvaters in Frieden. Die Geschichtschreiber erzählen: der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch war groß von Wuchs und hager, er hatte schwärzliches schlichtes Haar, einen langen Bart und ein scharfes Gesicht; er las gerne Bücher und hatte ein so gutes Gedächtnis, daß er vorlängst geschehene Sachen, so als wenn sie aufgezeichnet wären erzehlen konnte; er aß seines kränklichen Zustandes wegen wenig und selten; zum Kriege hatte er keine Neigung; wenn er über jemand in Zorn gerieth, so vergaß ers bald wieder. Zu seinen Fehlern aber gehörte, daß er habsüchtig, geizig, stolz und unvorsichtig war, und bösem Rathe folgte. Da die Polowzer höreten, daß der Großfürst Wsewolod gestorben sey, daß unter den rußischen Fürsten ein gutes Vernehmen herrsche, und daß der Großfürst Swätopolk seinen Thron ohne alle Unruhe in Besitz genommen habe, schickten sie Gesandte an den Großfürsten, um

 

 

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den Frieden zu bestätigen. Wahrscheinlich müssen die Vorschläge der polowzischen Gesandten beleidigende Bedingungen, oder dem Großfürsten Swätopolk unerträgliche Zumuthungen enthalten haben; denn er berathschlagte sich deshalb mit den Leuten die mit ihm gekommen waren, (diese Räthe waren, wie die Geschichtschreiber sagen, mit den Geschäften und der Verfassung des Reichs unbekannt) welche die Macht der Polowzer verachteten, dem Großfürsten einen unvorsichtigen das Völkerrecht und die allgemeine Sicherheit beleidigenden Rath gaben, und den schluß faßten, mit den polowzischen Gesandten so zu verfahren, wie man damals mit den Gefangenen umging; man ließ sie festnehmen und ins Gefängnis sezen.

 

Sobald die Polowzer hievon Nachricht erhielten, thaten sie einen Einfall in Rußland, und umringten mit einem großen Heere die Stadt Tortschesk *).

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*) Es ist oben der Städte Pesotschen, Perewolok und Ustje, so wie hier der Stadt Tortschesk erwähnet worden. Pesotschen heist jezt Pestschano und liegt nicht weit vom Dnieper am Flusse Supoi; Perewoloka, jezt Perewolotschna liegt am Ausflusse der Worskla; Ustje war entweder das heutige Tschigirin Dubrowa an der Mündung der Sula oder Krementschuck an der Mündung des Psol; Tortschesk lag am Flusse Roß, in welcher Gegend die Torken Wohnsitze und Städte hatten; der Fluß Stugna fällt bey Tripol in den Dnieper.

 

 

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Der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch befahl auf diese Nachricht sogleich ein Heer zusammen zu ziehen, und wollte den Polowzern mit einer geringen Macht entgegen gehen. Schmeichler und Unwissende waren hierin seiner Meinung und riethen ihm den Feldzug ohne Bedenken anzutreten, die kiewschen Großen aber gaben ihm den Rath, er möchte nicht allein zu Felde ziehen und sich einer überflüßigen Gefahr aussezen, sondern vielmehr zuerst den Polowzern Geschenke schicken, und die Sache gütlich zu vermitteln suchen, wenn er aber durchaus Krieg haben wollte, oder anders keinen Frieden erlangen könnte, so möchte er den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow ersuchen lassen, daß er ihm entweder selbst zu Hülfe komme, oder Hülfstruppen schicke. Der Großfürst konnte sich kaum entschliessen den Fürsten Wladimir um Hülfe bitten zu lassen. Fürst Wladimir von Tschernigow brachte sogleich Truppen zusammen, fertigte sie vor sich her nach Kiew ab, und schickte zu gleicher Zeit zu seinem Bruder dem Fürsten Rostislaw Wsewolodowitsch von Perejaslaw, damit auch dieser dem Großfürsten Hülfstruppen zusenden möchte. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch kam bald hierauf selbst in Kiew an, sezte über den Dnieper und vereinigte sich, bey dem Kloster des heiligen Michael an der Wüdobitscha, mit der Armee des Großfürsten Swätopolk. Fürst Wladimir lobte bey seiner Zusammenkunft mit dem Großfürsten

 

 

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die Rathgeber nicht, die ihn veranlaßt hatten die polowzischen Gesandten zu beschimpfen, der Großfürst aber vertheidigte das Geschehene. Diese verschiedene Gesinnungen verursachten Mißhelligkeiten zwischen dem Großfürsten und dem Fürsten von Tschernigow, während das die Polowzer Rußland an vielen Orten verheereten. Da die kiewschen Großen dieses sahen, und befürchteten, die Uneinigkeit zwischen dem Großfürsten und dem Fürsten von Tschernigow möchten noch weitere Folgen haben, fingen sie an beyde des gemeinen Bestens wegen zu friedlichen Gesinnungen zu ermahnen, mit Bitte, sie möchten allen Streit bey Seite sezen, und zur Vertheidigung des Vaterlandes dem Feinde entgegen gehen. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Tschernigow bestand darauf, man müsse den Polowzern Friedensvorschläge thun lassen, der Großfürst aber, welcher wie die Geschichtschreiber sagen die Geschenke die man den Gesandten mitgeben müßte bedauert haben soll, wollte versuchen, die Polowzer zuerst durch Krieg zu vertreiben und alsdann von Frieden zu reden. Da Fürst Wladimir von Tschernigow sahe, daß der Großfürst Swätopolk auf seinem Entschluß beharre, willigte er in die Ausführung desselben; beyde Fürsten endigten ihre Streitigkeiten, gaben einander ihr Wort, daß sie durch Küssung des Kreuzes bekräftigten, und rückten mit der Armee gegen Tripol vor. Als man bis zum Flusse Stugna gekommen war, berief der Großfürst

 

 

 

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Swätopolk die Fürsten Wladimir von Tschernigow und Rostislaw von Perejaslaw nebst allen ansehnlichen Feldherren zum Kriegesrath und stellte ihnen vor, daß er gesonnen sey über den Fluß zu gehen. Fürst Wladimir von Tschernigow erklärte sich nach Anhörung dieses Vorschlages für das Gegentheil und sagte, man möchte, ehe man über den Fluß ginge, den Polowzern Friedens-Vorschläge thun lassen, welcher Meinung viele der ansehnlichsten Feldherren beytraten; einige Kiewer aber und alle Schmeichler des Großfürsten Swätopolk wollten von keinem Frieden hören, sondern vielmehr ein Treffen liefern und in dieser Absicht über den Fluß gehen. Der Großfürst faßte den Entschluß über den Fluß zu gehen, welcher damals aus seinen Ufern getreten war; der Uebergang war sehr beschwerlich; Fürst Wladimir von Tschernigow folgte mit seinen Truppen dem Großfürsten und nach ihm Fürst Rostislaw von Perejaslaw; man blieb nahe am Flusse stehen, der Großfürst auf dem rechten Flügel, Fürst Wladimir von Tschernigow auf dem linken, Fürst Rostislaw von Perejaslaw zwischen beyden in der Mitte. So hatten sie sich am 26sten May in Schlachtordnung gestellt, als an demselben Tage die Polowzer mit ihrer ganzen Macht anrückten, und die Schützen in guter Ordnung vor sich her ziehen liessen. Die rußischen Fürstenstan den zwischen Verschanzungen, die Polowzer griffen zuerst den Großfürsten Swätopolk an und brachten

 

 

 

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seine Truppen, nach einem kurzen Gefechte zum Weichen; der Großfürst that zwar mit den seinen (den Turowern und seiner Leibwache) noch lange Wiederstand, als aber alle Kiewer das Feld verliessen, sahe er sich gezwungen ihnen zu folgen. Unterdessen hatten die Fürsten Wladimir von Tschernigow und Rostislaw von Perejaslawl im Treffen mit den Polowzern die Oberhand, und trieben selbige weit zurück, als aber nach der Niederlage des Großfürsten alle Polowzer sich gegen den Fürsten Wladimir von Tschernigow wendeten, und das Gefecht noch einige Zeit blutig fortgewähret hatte, sahe Fürst Wladimir von Tschernigow endlich, das es völlig unmöglich wäre, der überlegenen Menge zu wiederstehen, und befahl nach genommener Verabredung mit seinem Bruder Rostislaw von Perejaslaw, sich nach und nach dem Flusse Stugna zu nähern; worauf man so gut als thunlich war, über den Fluß sezte und den Uebergang deckte. Indessen war Fürst Rostislaw von Perejaslawl, der durch den Fluß reiten wollte im reißenden Strom vom Pferde geworfen, und fing vor den Augen seines Bruders an zu sinken. Fürst Wladimir ritte sogleich selbst in den Fluß und wollte seinen Bruder ergreifen, sein Pferd aber ward durch die Stärke des Stromes und das Andringen der andern Pferde so entkräftet, daß er bald selbst umgekommen wäre; Fürst Rostislaw Wsewolodowitsch von Perejaslawl aber ertrank im Flusse. Als

 

Vierter Band 1783.

 

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Fürst Wladimir von Tschernigow mit den übrig gebliebenen Truppen über die Stugna gekommen war, ließ er einige Kriegsleute nach, um den Körper seines Bruders zu suchen, und gieng ungesäumt über den Dnieper; er weinete untröstlich um seinen Bruder, betrauerte nicht minder den unglücklichen Verlust so vieler Leute bey Tripol, und kehrte betrübt nach Tschernigow zurück. Indessen wurde der Leichnam des Fürsten Rostislaw von Perejaslawl, den man nicht ohne Mühe gefunden hatte, nach Kiew gebracht, wo er von seiner Mutter und allen Kiewern mit lautem Weinen, über den Verlust dieses jungen Fürsten, empfangen, und in der Kirche der heil. Sophia begraben ward.

 

Der Großfürst Swätopolk flüchtete aus dem Treffen nach der Stadt Tripol, blieb daselbst bis zum Abende, und reisete in der Nacht nach Kiew ab.

 

Die Polowzer hatten zwar viele Leute verlohren, bedienten sich aber ihres Glücks um sich in Rußland zu verbreiten; ein Theil von ihnen verheerete überall das Land und machte Gefangene, der andere gieng die Stadt Tortschesk zu erobern.

 

Die Torken vertheidigten sich aus allen Kräften; da aber die Polowzer sahen, daß sie sich der Stadt mit Gewalt nicht bemächtigen konnten, kamen sie auf den Einfall, das die Stadt vorbeyfliessende Wasser abzudämmen,

 

 

 

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welches sie mit grosser Mühe zu Stande brachten, so das sie den Fluß verschütteten, und das Wasser in die von der Stadt entfernte Niederungen abliessen. Die Einwohner der Stadt fingen hier auf an Durst zu leiden, und sandten zum Großfürsten Swätopolk, um von ihm Hülfe zu erbitten. Der Großfürst schickte ihnen 500 Mann und einen ansehnlichen Vorrath von Lebensmitteln, die Polowzer aber liessen diese Hülfe nicht durch, und hielten die Stadt zehn Wochen lang belagert. Nach diesem vertheilten sie sich in zwey Haufen, von welchen einer die Belagerung der Stadt fortsezte, der andere aber gegen Kiew vorrückte und sich zwischen Kiew und Wüschegrad sezte.

 

Der Großfürst Swätopolk brachte so viele Truppen zusammen, als möglich war, und wollte sich, ungeachtet es ihm eifrig gerathen ward, zu keinem Frieden bequemen; er zog am 23sten Julius selbst aus Kiew aus, und grif die Polowzer an. Die Polowzer liessen ihre Truppen von beyden Seiten sich etwas zurück ziehen, worauf der Großfürst Swätopolk der dieses gewahr ward, die weichenden zu verfolgen befahl. sobald aber die rußischen Truppen sich getheilt hatten, schlossen sich, wie die Geschichtschreiber melden, die Polowzer wieder, griffen mit ihrer gesammten Macht die Truppen des Großfürsten an und brachten sie in Unordnung; und dieses Unglück war größer als das bey Tripol, weil der Großfürst

 

 

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selbst sich kaum mit den übriggebliebenen Leuten nach Kiew retten konnte.

 

Nach diesem Siege kehrten die Polowzer nach der Stadt Tortschesk zurück, deren Einwohner von Hunger entkräftet sich zu ergeben gezwungen waren; die Polowzer verbrannten die eroberte Stadt, nahmen die Einwohner gefangen, und kehrten in ihre Wohnpläze zurück.

 

Am ersten Oktober starb Fürst Rostislaw Mstislawitsch, ein Enkel des Großfürsten Isäslaw Jaroslawitsch und Neffe des Großfürsten Swätopolk.

 

Im Jahre 1094 sahe der Großfürst Swätoslaw, daß die Polowzer sein Land verheereten, daß er mit Gewalt der Waffen nichts gegen sie ausgerichtet habe, und daß er vom Fürsten Wladimir von Tschernigow, und den übrigen rußischen Fürsten, die wie er wohl wußte sein Verfahren gegen die Polowzer nicht gut hiessen, keine Hülfe erwarten könne, welches ihn nach einer zwiefachen Niederlage auf die Gedanken brachte, denen die ihm zum Frieden mit den Polowzern gerathen hatten Gehör zu geben. Um aber diesen Frieden desto mehr zu befestigen, vermählte er sich selbst mit Helena der Tochter eines ansehnlichen polowzischen Fürsten Tugorkan.

 

Fürst Olg Swätoslawitsch von Tmutarakan hatte schon lange dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch den Besitz des Fürstenthums Tschernigow beneidet; da er nun erfuhr, daß dieser

 

 

 

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Fürst seine besten Leute bey Tripol verlohren hätte, brachte er ein Heer zusammen, nahm viele Polowzer in Sold, erschien darauf vor Tschernigow, und umringte die Stadt. Da Fürst Wladimir Wsewolodowitsch keine Truppen in Bereitschaft hatte, und folglich keinen Wiederstand thun konnte, schloß er mit dem Fürsten von Tmutarakan Frieden, und trat ihm Tschernigow ab; worauf er selbst sich nach Perejaslawl in die Stadt seines Vaters verfügte, Fürst Olg aber von Tschernigow, der Stadt seines Vaters, Besitz nahm. Indessen waren die Polowzer mißvergnügt, daß man ihnen nicht zugelassen hatte, das Land zu verheeren, und fingen an, die Gegenden um Tschernigow zu plündern, und zu verwüsten; Fürst Olg aber konnte ihnen solches nicht wehren noch sie zurückhalten weil er sie selbst mit sich gebracht hatte. Dieses war das drittemal, daß die Polowzer nach Rußland kamen.

 

Am 26sten August dieses Jahres kamen Heuschrecken nach Rußland, und verzehreten alles Gras und vieles Getreide auf dem Felde. Einige Schriftsteller melden, diese Heuschrecken wären so merkwürdig gewesen, daß die westlichen und südlichen Geschichtschreiber ihrer erwähnen.

 

Im Jahre 1095 kamen Polowzer unter Anführung ihrer Befehlshaber Itlär und Kitan vor Perejaslawl und forderten von dem Fürsten Wladimir Geschenke, um sein Gebiet nicht zu verheeren. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch traf

 

 

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mit ihnen die Verabredung, daß man von beyden Seiten einander Geissel geben wolle, bis er von dem Großfürsten Swätopolk Erlaubnis erhalten werde, mit ihnen einen Vertrag zu schliessen; worauf Fürst Wladimir den Polowzern seinen Sohn Swätoslaw Wladimirowitsch übergab, die Polowzer aber ihren Fürsten Itlär in die Stadt schickten, welchem man das Haus des Feldherrn Ratibor einräumte. Kitan stand indessen mit seinen Truppen vor der Stadt zwischen den Festungswerken. Bald darauf kam ein von den Großfürsten abgefertigter Gesandter, Namens Slawata zum Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, mit dem Vorschlage, daß man gegen die Polowzer gemeinschaftliche Sache machen und auch den Fürsten Olg Swätoslawitsch dazu einladen sollte. Als Slawata die Lage der Sachen sahe, bewog er Ratiborn dem Fürsten Wladimir anzurathen, daß man den Fürsten Itlär mit seiner Begleitung, und wenns thunlich wäre, auch den Fürsten Kitan umbringen möchte (indem er vorstellte, die Polowzer würden, ihrer Anführer beraubt, aufhören Geschenke zu fordern, welche doch nichts anders wären, als ein schmählicher Tribut, den ihnen die rußischen Fürsten zahlten). Ratibor fing an dem Fürsten Wladimir hierüber Vorstellung zu thun, Wladimir aber verwarf einen Vorschlag den er dem Geseze Gottes, seiner Ehre und dem gegebenen Versprechen zuwieder fand, und der ausserdem seinen Sohn Swätoslaw,

 

 

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der als Geisel in der Gewalt der Polowzer war, einer gleichen Gefahr aussezte. Slawata und Ratibor antworteten hierauf: die Polowzer hätten oftmals ihr Wort gegeben Rußland nicht zu bekriegen, und hätten dafür Geschenke empfangen, sie kämen aber immer wieder und verheereten das Land unter keinem andern Vorwande, als daß dieses nicht durch sie, sondern durch ihre Brüder oder Kinder geschehen sey. Fürst Wladimir erwiederte: „Ich will um nichts in der Welt mein einmal gegebenes Wort brechen, und dann solches lebenslang bereuen. “ Slawata und Ratibor waren mit dieser abschlägigen Antwort nicht zufrieden, und gedachten, nach ihrer Meinung etwas fürs gemeine Beste zu thun. Slawata begab sich des Abends mit einigen Torken ins polowzische Lager, bemächtigte sich daselbst des Fürsten Swätoslaw (welchen die Polowzer die nichts böses befürchteten, unbewacht hielten) und brachte ihn in die Stadt; er nahm hierauf einige Truppen zu sich, überfiel vor Anbruch des Tages den Fürsten Kitan und seine Leute im Schlafe, und brachte sie sämmtlich ums Leben, worauf er wieder zurück kehrte und eben so mit dem Fürsten Itlär und seiner Begleitung verfuhr. Als Fürst Wladimir erfuhr was geschehen war, gab er sogleich zu dem ihm von Seiten des Großfürsten Swätopolk durch den Feldherrn Slawata geschehenen Vorschlage seine Einwilligung, nemlich sich mit ihm zu verbinden, und gemeinschaftlich

 

 

 

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mit dem Fürsten Olg Swätoslawitsch einen Feldzug gegen die Polowzer zu thun. Hierauf schickte man ohne Verzug nach Tschernigow zum Fürsten Olg Swätoslawitsch, mit dem Ansuchen, er möchte Truppen aufbringen, und mit dem Großfürsten Swätopolk und dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch gegen die Polowzer zu Felde ziehen. Fürst Olg Swätoslawitsch versprach zwar mit seinen Truppen zu ihnen zu stoßen, sobald sie mit den ihrigen aufbrechen würden, er fürchtete sich aber sehr solches ins Werk zu richten; theils weil er dem Großfürsten Swätopolk wegen der ehemaligen Feindschaft ihrer Eltern nicht trauete, denn Fürst Swätoslaw Jaroslawitsch hatte seinen Bruder den Großfürsten Isäslaw Jaroslawitsch aus Kiew vertrieben, theils wegen seiner persönlichen Mißhelligkeiten mit dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, den er selbst aus Tschernigow vertrieben hatte, und der sich dieser Gelegenheit sich zu rächen bedienen könnte. Die Geschichtschreiber sagen: weil Olg ein herrschsüchtiger Fürst gewesen, so habe er in der Schwäche des Großfürsten und des Fürsten Wladimir seine Rechnung gefunden, weshalb er weder selbst zu Felde gezogen sey, noch Hülfstruppen geschickt habe. Da der Großfürst Swätopolk und Fürst Wladimir Wsewolodowitsch die Gesinnungen des Fürsten Olg Swätoslawitsch kannten, so baueten sie auf sein Versprechen nicht, warteten auch nicht auf ihn, sondern zogen gegen die Lagerpläze der

 

 

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Polowzer, überwanden daselbst die Feinde, und kamen mit einer großen Beute an Vieh, Kameelen und Pferden in ihr Land zurück. Als der Großfürst Swätopolk nach seiner Rückkunft aus diesem Feldzuge sahe, daß Fürst Olg sein gegebenes Wort mit Truppen zu ihm zu stoßen, nicht gehalten habe, ließ er ihm solches verweisen und ihm sagen: er wisse selbst wie oft die Polowzer Rußland verheeret hätten; nun hätte er, der Großfürst Swätopolk, um das Vaterland von solchem Unheil zu befreien, sich mit dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch verbunden, um mit einem Heere gegen die Polowzer zu ziehen, wozu man auch ihn eingeladen habe; er habe hierauf zwar sein Wort gegeben, sey aber weder selbst erschienen, noch habe er Hülfstruppen geschickt; überdem wisse man, daß er, Fürst Olg, den Sohn des polowzischen Fürsten Itlär bey sich habe, wenn er also gut gesinnt und seinem Vaterlande treuer als den Polowzern wäre so solle er Itlärs Sohn dem Großfürsten zusenden. Fürst Olg gehorchte indessen dem Großfürsten nicht, woraus nicht geringe Mißhelligkeiten entstanden.

 

Um diese Zeit fielen die Korßuner verschiedene rußische Schiffe an, und bemächtigten sich derselben nebst allen darauf befindlichen, den Unterthanen des Großfürsten und des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch gehörigen Waaren. Der Großfürst und Fürst Wladimir ließen beym Kaiser Alexis und bey den Korßunern um Entschädigung

 

 

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ansuchen, da sie aber keine hinlängliche Genugthuung erhielten, zog Fürst Wladimir Wsewolodowitsch nebst den Fürsten David Igorewitsch und Jaroslaw Jaropoltschitsch mit großfürstl. Truppen und Torken und Kosaren gegen Korßun, und schlug bey Kaffa das korßunische Heer, worauf die Korßuner allen Schaden und alle Kosten bezahlten, und um Frieden baten,Fürst Wladimir Wsewolodowitsch aber mit großer Ehre und Reichthum zurück kehrte.

 

Als der Großfürst Swätopolk erfuhr, daß Fürst Olg Swätoslawitsch von Tmutarakan und seine Brüder das rostowische und susdalische Gebiet mit gar zu übermäßigen Abgaben beschwerten, fand er für gut, den Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch aus Smolensk nach Rostow und Susdal zu versezen, worauf er den Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch von einigen zuverläßigen Großen begleitet, nach Smolensk sandte.

 

In demselben Jahre kam ein großer Haufe Polowzer vor Jurjew und stand daselbst den ganzen Sommer über. Da indessen die Einwohner in die Gefangenschaft zu gerathen befürchteten, verliessen sie die Stadt Jurjew und begaben sich nach Kiew und andern Städten; der Großfürst aber ließ für sie auf dem Hügel Wätitschew (auf der westlichen Seite des Dniepers unterhalb Tripol) eine neue Stadt bauen, die er nach seinem Namen Swätopoltsch nannte.

 

Fürst David Swätoslawitsch von Nowgorod, der zwar ein sanftmüthiger, gütiger und gerechter

 

 

 

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Mann war, aber den Nowgorobern, bey ihrer Unbeständigkeit und ihren innerlichen Uneinigkeiten nicht alles zu Dank machen konnte, begab sich aus Nowgorod nach Smolensk und übernahm die Regierung dieses Fürstenthums, aus welchem er den Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch vertrieb. Die Nowgoroder liessen hierauf um den Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch von Rostow und Susdal bitten, welcher ihnen auch zugesandt wurde, doch nach vorläufigem Versprechen von Seiten der Nowgoroder, daß sie keinen andern Fürsten verlangen und diesen bis an sein Lebensende in Ehren halten wollten, worauf die Nowgoroder ihm und allen seinen Nachkommen den Eid der Treue leisteten. Fürst Wladimir vermählte seinen Sohn Mstislaw von Nowgorod mit des Poßadniks Tochter Christine und kehrte selbst nach Perejaslawl zurück; Fürst Isäslaw Wladimirowitsch erhielt Murom, Fürst David Swätoslawitsch aber wurde in dem ruhigen Besitz von Smolensk gelassen. Da Fürst David Swätoslawitsch erfuhr, daß Fürst Mstislaw Wladimirowitsch nach Nowgorod gesandt worden wäre, verließ er Smolensk und reisete wiederum nach Nowgorod, die Nowgoroder aber liessen ihm sagen, er möchte nicht zu ihnen kommen, weil sie einen Fürsten hätten, mit welcher Nachricht er wiederum nach Smolensk zurück kehrte.

 

Fürst Isäslaw Wladimirowitsch wurde bey seiner Ankunft in Murom mit vieler Ehre empfangen; er fand zwar daselbst einen Stadthalter des Fürsten Olg,

 

 

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der sich ihm wiedersezke, den er aber festnehmen und ins Gefängnis sezen ließ.

 

In eben diesem Jahre kamen zu Ende des Augustmonaths wiederum Heuschrecken nach Rußland, die nach Osten zogen, und sowohl das Gras als Getreide verzehrten.

 

Im Jahre 1096 schickte der Großfürst Swätopolk nach genommener Verabredung mit dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch zum Fürsten Olg Swätoslawitsch, um ihn zur Versammlung der Fürsten nach Kiew einzuladen, wobey er ihm zugleich folgendes schrieb: Da er nebst seinen Brüdern (den Fürsten David Swätoslawitsch, Roman Swätoslawitsch und Jaroslaw Swätoslawitsch) mehr als alle übrige Fürsten mit andern wegen ihren Besizungen in Streit und Feindschaft lebe, und ohne seine Beschwerden dem Großfürsten anzuzeigen, Polowzer nach Rußland bringe, die das Land verheereten und verwüsteten, so habe er, der Großfürst, für gut befunden, daß alle Fürsten in Kiew zusammen kommen möchten, wo ihre Streitigkeiten durch eine Versammlung der vornehmsten geistlichen und weltlichen Personen untersucht, und hierauf mit beygefügtem Schluß dem Großfürsten vorgelegt werden sollten. In dieser Absicht berufe er ihn, Fürsten Olg, um das etwa ihm oder seinen Brüdern zugefügte Unrecht anzuzeigen, damit solches untersucht und gehoben, gutes Vernehmen, Eintracht und Freundschaft gestiftet, und endlich Rußland mit

 

 

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vereinigten Kräften gegen die Anfälle fremder Völker vertheidiget werden könne.

 

Fürst Olg nahm diese seiner Denkungsart gar nicht gemäße Gesandtschaft mit Stolz auf und antwortete: es wäre ihm nicht anständig, von Unterthanen gerichtet zu werden, auch sey dergleichen nie geschehen; wenn jemand wider ihn Beschwerden habe, könne er solches mit ihm selbst abmachen. Er gehorchte also dem Großfürsten nicht und reisete nicht nach Kiew, sondern berathschlagte sich vielmehr mit Schmeichlern, die alles loben was die Fürsten nur sagen und thun, er nahm die Schmeicheley für Wahrheit auf, ward dadurch stolz und verachtete alle andre. Der Großfürst Swätopolk schrieb hier auf zum zweitenmale an ihm: Man könne aus seinem Verfahren deutlich ersehen, das er weder gegen die Polowzer habe zu Felde ziehen mögen, noch auf der zur Bestimmung und Beendigung der innern Fehden und Streitigkeiten angesezten Versammlung der Fürsten in Kiew erscheinen wolle, woraus man schliessen müsse, daß er böse Gesinnungen hege, und den Polowzern Hülfe zu leisten gedenke; da man nun dieses nicht zugeben könne, so müsse man zur Beruhigung des Vaterlandes solchem Uebel mit Gewalt zuvorkommen. Bald nach diesem versammelte der Großfürst Swätopolk ein Heer, und unternahm mit den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, David Igorewitsch und Jaroslaw Jaropolkowitsch einen Feldzug gegen Tschernigow. Fürst Olg Swätoslawitsch ließ, sobald er hievon Nachricht erhielt, einen

 

 

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Feldherrn und Truppen in Tschernigow zurück, und flüchtete selbst am 3ten May an einem Sonnabende nach Starodub. Als der Großfürst vor Tschernigow ankam, und erfuhr, daß Fürst Olg davon gegangen sey, rückte er mit der ganzen Armee vor Starodub. Er traf den Fürsten Olg in dieser Stadt und befahl selbige von allen Seiten anzugreifen; Fürst Olg aber vertheidigte sich aufs äußerste. Es riethen zwar einige die Stadt mit Holz zu umlegen und anzustecken, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch aber, der ein sehr menschenfreundlicher Mann war, widersezte sich diesem Vorschlage und sagte: daß man dadurch unschuldige Leute zu Grunde richten würde. Die Belagerung währete also 33 Tage. Die Bürger und Truppen die sich sehr in die Enge getrieben und in grosser Noth sahen, baten zwar den Fürsten Olg er möchte mit dem Großfürsten Swätopolk und den übrigen Fürsten Frieden schliessen, sie konnten ihn aber lange nicht dazu überreden; endlich ließ er doch seinen Stolz fahren und schickte zu dem Großfürsten Swätopolk, um bey ihm Verzeihung und Frieden zu erbitten. Man antwortete hierauf, er möchte die Stadt verlassen und den Großfürsten persönlich bitten, wobey man versicherte, daß ihm kein Leid geschehen solle. Fürst Olg kam in Begleitung einiger Großen aus der Stadt zum Großfürsten Swätopolk, wo auch die übrigen Fürsten versammelt waren, bat um Verzeihung und versprach dem Großfürsten inskünftige gehorsam zu seyn; der Großfürst schloß mit ihm Frieden und befahl ihm,

 

 

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sich zu seinem Bruder David Swätoslawitsch nach Smolensk zu begeben, um mit ihm gemeinschaftlich zur Berichtigung aller Streitigkeiten auf der Versammlung der Fürsten in Kiew zu erscheinen.

 

Indessen beschloß der Großfürst nebst dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch und den übrigen bey ihm befindlichen Fürsten, Tschernigow dem Fürsten David Swätoslawitsch zu geben, den Fürsten Olg Swätoslawitsch seines unruhigen Gemüths wegen nach Murom zu versezen, dem Fürsten Jaroslaw Jaropoltschitsch Nowgorod-Sewerski, dem Fürsten Swätoslaw Tmutarakan zu geben, und den Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch wiederum in Smolensk einzusetzen, welches alles dem Fürsten Olg nicht vor der Versammlung der Fürsten bekannt gemacht wurde. Nachdem man alles dieses festgesezt, und von dem Fürsten Olg eine Versicherung genommen hatte, giengen die Fürsten jeder in seine Besizung, der Großfürst Swätopolk aber nach Kiew zurück.

 

Um diese Zeit war der polowzische Fürst Bonak mit einem Heere vor Kiew erschienen, und ein anderer polowzischer Fürst Namens Kurä gegen Perejaslawl vorgerückt. Als der Großfürst hievon Nachricht erhielt, ließ er seine Kriegsvölker nicht auseinander gehen, sondern zog sogleich in Begleitung des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch gegen die Polowzer, welche auf die Nachricht von dem Anzuge des Großfürsten unverzüglich die Flucht ergriffen. Nach diesem kam der polowzische Fürst Tugorkan,

 

 

 

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des Großfürsten Schwiegervater, am 31sten May vor Perejaslawl und blieb neben der Stadt stehen. Die Perejaslawer verschlossen ihre Stadt, vertheidigten sich tapfer, und fertigten sogleich jemanden mit der Nachricht an den Fürsten Wladimir nach Kiew ab, daß die Polowzer seine Stadt belagert hielten. Der Großfürst zog ohne Verzug mit dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch längst dem Dnieper, bis an eine vom Walde entblößte Stelle vor Perejaslawl, wo sie in solcher Stille über den Fluß sezten, daß die Polowzer nichts davon erfuhren, worauf sie ihre Völker am 19ten Julius bey Anbruch des Tages in Schlachtordnung stellten und sich der Stadt näherten, die Einwohner aber sobald sie dieses gewahr wurden, ihnen mit großer Freude entgegen kamen. Die Polowzer, die damals jenseit der Trubesh standen, stelleten sich, als sie von der Ankunft der Fürsten höreten, in Schlachtordnung, und erwarteten sie. Der Großfürst hielt sich nicht bey der Stadt auf, sondern gieng mit dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch gerade über die Trubesh gegen die Polowzer. Fürst Wladimir wollte seine Truppen jenseit des Flusses in Schlachtordnung stellen, diese aber wurden die Polowzer nicht sobald ansichtig, als sie ohne Befehle abzuwarten auf selbige zustürzten, sie in Verwirrung brachten, und in die Flucht trieben. Fürst Tugorkan, sein Sohn und verschiedene andere ansehnliche polowzische Fürsten blieben auf dem Platze; einige andere wurden gefangen.

 

 

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Als der Großfürst des Morgens erfuhr, daß man die Leichname seines Schwiegervaters und Schwagers auf dem Schlachtfelde gefunden habe, befahl er selbige nach Kiew zu bringen, sie bey Berestow zwischen den Wegen zu begraben, und über ihrem Grabe einen großen Erdhügel aufzuschütten.

 

In demselben Monathe kam der polowzische Fürst Bonak wiederum unvermuthet vor Kiew und plünderte das petscherische Kloster nebst verschiedenen andern Oertern.

 

Fürst Olg Swätoslawitsch verfügte sich nach seinem gegebenen Worte aus Starodub nach Smolensk, um in Gesellschaft seines Bruders des Fürsten David Swätoslawitsch auf der vom Großfürsten angesezten Versammlung zu erscheinen; da aber Fürst David sich damals nicht in Smolensk befand, sondern nach Toropez verreiset war, liessen die Einwohner von Smolensk, die des Fürsten Olgs unruhigen Geist kannten, und sich zu ihm nichts gutes versahen, ihn nicht in die Stadt. Er begab sich also nach Räsan, brachte daselbst ein Heer zusammen, und zog nach Murom gegen den Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch, welcher auf diese Nachricht aus Rostow, Susdal und Belo-Osero Truppen kommen ließ, und sich zu seiner Vertheidigung anschickte. Fürst Olg Swätoslawitsch kam gerades Weges vor Murom, und ließ dem Fürsten Isäslaw sagen: dieses Gebiet gehöre ihm, er möchte also selbiges

 

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verlassen und zu seinem Vater gehen, dem er neulich Tschernigow abgetreten habe. Fürst Isäslaw Wladimirowitsch schlug dem Fürsten Olg seine Forderung ab, und stellete seine Völker vor der Stadt in Schlachtordnung, worauf es zwischen ihnen zum Treffen kam. Die Truppen des Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch fingen schon an die Oberhand zu gewinnen, als dieser, der ein junger Mann war und noch kein Treffen gesehen hatte, aus Unvorsichtigkeit mit wenigen Leuten mitten unter die Feinde ritt, wo er umringt und erschlagen ward. Dieses geschahe am 6ten September. Als seine Truppen dieses sahen, verliessen sie das Treffen und flohen, einige über den Fluß Leßia andere in die Stadt. Fürst Olg Swätoslawitsch hielt hierauf seinen Einzug in die Stadt, und ward von den Muromern mit Ehren empfangen. Der Leichnam des Fürsten Isäslaw Wladimirowitsch ward in dem Heilands Kloster begraben, von da ihn nachher sein Bruder Mstislaw Wladimirowitsch nach Nowgorod bringen, und in der Kirche der heiligen Sophia begraben ließ.

 

Fürst Olg Swätoslawitsch begab sich nach der Eroberung von Murom unverzüglich ins Susdalische Gebiet, und bemächtigte sich der Stadt Susdal und anderer Städte; hierauf kam er vor Rostow, dessen Einwohner sich ihm ohne Widerstand unterwarfen, ferner bemächtigte er sich des ganzen Gebiets von Jurjew- Polskoi, sezte in

 

 

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den Städten seine Stathalter ein, und befahl für sich Tribut zu heben. Als Fürst Mstislaw Wladimirowitsch von Nowgorod hievon Nachricht erhielt, ließ er dem Fürsten Olg Swätoslawitsch sagen, er möchte sein Gebiet in Ruhe lassen und nach Murom zurück kehren, indessen wolle er sich beym Großfürsten Swätopolk und bey seinem Vater Wladimir Wsewolodowitsch verwenden, um zwischen ihnen allen Frieden zu stiften. Fürst Olg Swätoslawitsch der auf sein Glück stolz geworden war, verwarf nicht nur diesen Vorschlag des Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch, sondern gedachte ihn selbst aus Nowgorod zu vertreiben, und sich dieser Stadt zu bemächtigen. In dieser Absicht schickte er sogleich seinen Bruder Jaroslaw Swätoslawitsch mit einigen Truppen die Wolga herauf ins nowgorodsche Gebiet, und blieb selbst in Rostow, um ein größeres Heer aufzubringen, mit welchem er ins Feld rückte und vor der Stadt stehen blieb. Da Fürst Mstislaw Wladimirowitsch die Absicht des Fürsten Olg erfuhr, berief er die vornehmsten Nowgoroder zusammen, machte ihnen das vorgefallene bekannt, verlangte dabey ihren Rath und sprach: wenn sie ihm keine Truppen geben und dem Fürsten Olg zuvor kommen wollten, so würde er gezwungen seyn, sie ehe Fürst Olg ankäme, zu verlassen, und sich zu seinem Vater zu begeben. Die Nowgoroder beschlossen hierauf einmüthig ein Heer aufzubringen, gegen den Fürsten Olg Swätoslawitsch

 

 

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zu Felde zu ziehen, und ihn aus den Besizungen des Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch, seines Vaters und seiner Brüder zu vertreiben. Sie zogen eiligst Truppen zusammen, mit denen sie zum voraus einen gewissen Dobrüna Raguilowitsch abfertigten, der gegen die Wolga vorrückte und in Kimera und andern Orten die Steuereinnehmer des Fürsten Olg aufhob. Fürst Jaroslaw Swätoslawitsch stand damals mit seinen Truppen an der Medwediza (welcher Fluß dreißig Werste unterhalb Kimera von der Nordseite in die Wolga fließt) und kehrte auf die Nachricht, daß die nowgorodsche Armee näher komme, und die Steuereinnehmer aufgehoben habe zu seinem Bruder Olg zurück. Bald darauf schlugen die Truppen des Fürsten Mstislaw von Nowgorod bey Gorodischtsche den Vortrab des Fürsten Olg, welcher sich, ohne den Fürsten Mstislaw näher zu erwarten, nach Rostow, und als ihm Fürst Mstislaw dahin folgte, weiter nach Susdal und von da nach Murom zurück zog. Als Fürst Mstislaw sahe, daß Olg vor ihm flohe, ließ er ihm Friedensvorschläge thun, welche Fürst Olg annahm. Fürst Mstislaw verlegte in Zuversicht auf die Friedensunterhandlungen seine Truppen auf die umliegende Dörfer, und behielt aus Mangel an Lebensmitteln nur wenige Leute bey sich. Als er hierauf am Sonnabende der ersten Fasten-Woche mit seinen Großen des Mittags zu Tische sas, kam eiligst die Nachricht an,

 

 

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daß Fürst Olg gegen Susdal im Anzuge sey und schon die Kläsma erreicht habe. Fürst Mstislaw von Nowgorod, welcher zwar jung aber scharfsichtig und in gefährlichen Fällen von geschwinder Entschliessung war, ließ sogleich alle bey ihm befindliche Leute zusammen kommen, und schickte geschwinde Boten auf die Dörfer, um die Truppen eiligst zu ihm zu versammeln, welche sich auch ohne Verzug bey ihm in Susdal einfanden. Da Fürst Olg bey seiner Ankunft vor Susdal die Truppen des Fürsten Mstislaw vor der Stadt in guter Ordnung fand, erstaunte er und wagte es nicht sie anzugreifen. Man blieb also vier Tage lang in derselben Stellung, in welcher Zeit Fürst Mstislaw Nachricht, daß sein Vater Fürst Wladimir Wsewolodowitsch ihm seinen Sohn Wetscheslaw Wladimirowitsch mit Truppen und Polowzern zu Hülfe schicke, weshalb er keinen Angrif that, sondern vielmehr die Friedensunterhandlungen mit dem Fürsten Olg fortsezte. Fürst Wetscheslaw Wladimirowitsch vereinigte sich am Donnerstage der zweiten Fasten- Woche so vorsichtig mit seinem Bruder Mstislaw von Nowgorod, daß Fürst Olg nichts davon erfuhr, welcher seine Truppen zusammenzog und sie am Freytage bey Anbruche des Tages gegen Mstislaw, den er unbereitet zu finden hofte, anführte. Fürst Mstislaw hatte ihm inzwischen selbst zuvorkommen wollen, und hatte deshalb seine Truppen vor Anbruche des Tages auf folgende Art in Schlachtordnung

 

 

 

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gestellt: Zur rechten stand das nowgorodische Fußvolk 2), welches er der Anführung eines tapfern und kriegserfahrnen Feldherrn Wladimir Polowtschin genannt Kuman, übergeben hatte; in der Mitte stand Fürst Mstislaw selbst mit den Rostowern 3) und Susdalern; zur linken aber gegen das Feld Fürst Wetscheslaw mit der ganzen Reuterey und den Polowzern 4). Als beyde Heere einander nahe kamen, führte der Feldherr Wladimir Kuman sein Fußvolk dem Fürsten Olg in die Flanke, bemächtigte sich der ganzen dasigen Anhöhe, und ließ unter Olgs Fußvolk Pfeile abschiessen, wodurch selbiges in Unordnung gerieth und zurück wich. Als Fürst Olg dieses gewahr ward, konnte er seine Völker nicht mehr in die gehörige Ordnung stellen, sondern war gezwungen sie so wie sie standen ins Treffen zu führen. Er selbst stand in der Mitte gegen den Fürsten Mstislaw, Fürst Jaroslaw aber gegen den Fürsten Wetscheslaw. Fürst Mstislaw von Nowgorod gewann bald über den Fürsten Olg die Oberhand; schlug sein Fußvolk, drang in die Mitte desselben und theilte die feindliche Armee in zwey Theile. Nun fiel Wladimir Kuman dem Fußvolk des Fürsten Olg in den Rücken, worauf Fürst Olg selbst das Schlachtfeld verließ. Nachdem Fürst Mstislaw

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2) Nachkommen der Slawen und Russen.

3) Nachkommen der Meren.

4) Nachkommen der Scythen.

 

 

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Mstislaw nebst dem Feldherrn Wladimir Kuman das Fußvolk zum Weichen gebracht hatten, halfen sie dem Fürsten Wetscheslaw die Reuterey vom Plaz vertreiben, worauf alle die Flucht ergriffen. Fürst Mstislaw von Nowgorod befahl, die Flüchtigen nicht zu verfolgen. Fürst Olg kam nach Murom, ließ daselbst seinen Bruder Jaroslaw zurück, und begab sich selbst mit wenigen Leuten nach Räsan, Fürst Mstislaw, der den Fürsten Olg zum Frieden zu zwingen wünschte, zog mit seinen besten Truppen gegen Murom, als er aber erfuhr daß Fürst Olg nach Räsan geflüchtet wäre, schloß er einen besondern Frieden mit dem Fürsten Jaroslaw Swätoslawitsch, befreyete seine in Murom gefangen gewesene Leute, ließ den Leichnam seines Bruders Isäslaw von da nach Nowgorod führen, und sezte seinen Zug an der Oka gegen Räsan fort. Fürst Olg verließ auf die Nachricht von der Annähernng des Fürsten Mstislaw Räsan und flohe ins Feld, Fürst Mstislaw kam nach Räsan, befreyete seine Gefangene, blieb einige Zeit daselbst, und ließ dem Fürsten Olg sagen: Er solle nicht weiter fliehen, und nicht Schuz bey den Polowzern suchen, sondern vielmehr zurück kommen, und seine Brüder um Frieden bitten, die ihm eine anständige Besizung in Rußland nicht versagen würden; wobey er zugleich versprach, daß er selbst zu seinem Vater schicken und für ihn bitten lassen wolle. Als Fürst Olg seinen verlassenen Zustand und die Großmuth des Fürsten Mstislaw in Erwägung zog, welcher jezt alle Besizungen des

 

 

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Fürsten Og in seiner Gewalt hatte, ohne die ihm zugefügte Beleidigungen an den Unterthanen desselben zu rächen, und ohne sie zu plündern und zu Grunde richten zu lassen, so wie Olg mit Mstislaws Unterthanen im susdalschen und rostowschen Gebiete gethan hatte, über dieses aber auch Olgs Gemahlin und Kinder mit Achtung und Freundschaft begegnete und aufnahm, ward er durch diese Großmuth und Mäßigung des Fürsten Mstislaw gerührt, versprach alles was er ihm auftragen würde zu erfüllen, und kam nach Räsan zurück. Fürst Mstislaw kehrte nach Susdal und von da mit großem Ruhm und Ehre nach Nowgorod zurück.

 

Im Jahre 1097 berief der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch alle Fürsten nach Kiew, um die Angelegenheiten des Landes zu berichtigen, worauf die Fürsten David Swätoslawitsch von Tschernigow, und sein Bruder Olg Swätoslawitsch von Tmutarakan, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Perejaslawl, Fürst David Jgorewitsch von Wladimir (in Wolhynien) und Fürst Waßilko Rostislawitsch von Terebowl in Lubitsch zusammen kamen. Nach dem sich die Fürsten versammelt hatten, redete der Großfürst Swätopolk sie in seinem Zelt folgendermassen an: „Geliebte Brüder und Söhne! Ihr wisset und sehet selbst was für eine Unordnung unter uns in Rußland herrschet; die Enkel und Urenkel Jaroslaws sind wegen geringer Besizungen in Streit gerathen, bekümmern sich nicht um die Entscheidung des Aeltesten ihres Stammes

 

 

 

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und verschaffen sich selbst Recht mit den Waffen in der Hand, so daß ihr einander zu Grunde richtet und mordet. Die Polowzer unsere gemeinschaftliche Feinde sehen diese Verwirrung und freuen sich, sie fallen von allen Seiten ein, verheeren unser Vaterland, erschlagen viele Leute und schleppen andre in die Gefangenschaft, wodurch schon so viele Oerter wüste und öde geworden sind; ihr aber bemerkt die Verminderung eurer Einkünfte und sucht eure Besizungen durch ungerechte Beraubung anderer zu vergrössern. Dieserwegen habe ich euch gebeten, daß ihr zusammen kommen, und einem jeden das was ihm mit Unrecht genommen worden zurück geben möchtet, damit ein jeder mit seinem Gebiete zufrieden sey; gegen unsere gemeinschaftlichen Feinde aber müssen wir so einig gesinnt seyn, daß wir alle einmüthig die Grenzen eines jeden unter uns gegen die Anfälle der Fremden schüzen und vertheidigen, und nicht die geringste Verheerung statt finden lassen.“ Als die Fürsten diese Anrede des Großfürsten Swätopolk angehört hatten, berathschlagten sie sich ein jeder mit seinen Großen, und sezten durch einen gemeinschaftlichen Schluß fest:

 

1) Daß ein jeder das von seinem Vater erhaltene Erbtheil ohne es zu überschreiten besitzen sollte, nemlich:

 

2) Der Großfürst Swätopolk, als Isäslaws Sohn, und die Enkel Isäslaws, Turow, Sluzk,Pinsk und alle Städte diesseit Pripet bis zum Bug. )

 

 

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3) Der Grosfürst Swätopolk, als Großfürst, Kiew und das ganze dazu gehörige Gebiet bis zum Flusse Gorünä, wie auch Groß-Nowgorod.

 

4) Die Söhne des Fürsten Swätoslaw Jaroslawitsch, die Besizthümer ihres Vaters, Tschernigow, Nowgorod-Sewerskii, die Wätitschen, Murom und Tmutarakan (Räsan).

 

5) Fürst Wladimir Wsewolodowitsch, Rostow, Smolensk und Susdal.

 

6) Fürst David Igorewitsch, Wladimir (in Wolhynien) und Luzk an der Gorünä.

 

7) Die Enkel des Fürsten Wladimir Jaroslawitsch von seinem Sohne Rostislaw Wladimirowitsch, die tscherwenischen Städte, Tscherwen, Peremüschl, Terebowl, Swenigorod u. s. w.

 

Als die Fürsten dieses festgesezt hatten, gaben sie sich darauf ihr eidlich Wort, und verbanden sich zu mehrerer Sicherheit, daß wenn einer von ihnen die Waffen ergriffe, alle gemeinschaftlich gegen ihn zu Felde ziehen sollten, bis der Beleidigte geschüzt und der Beleidiger zum Frieden gezwungen worden. Hierauf gingen sie alle freundschaftlich und vergnügt auseinander, und jeder in seine Besizungen zurück, und es war deshalb große Freude und Ruhe in ganz Rußland.

 

Der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch kehrte in Begleitung des Fürsten David Igorewitsch von Wladimir in Wolhynien nach Kiew zurück. Hier bemerkten die Leute, welche in den Streitigkeiten und Mißhelligkeiten der Fürsten ihren Vortheil

 

 

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fanden, daß Fürst David Igorewitsch von Wladimir in Wolhynien ein wankelmüthiger und zu Fehden geneigter Mann sey, weil er gerne Verläumdern sein Ohr lieh, und selbige weder von sich entfernte, noch die Verläumdungen zu vernichten oder zu verachten wußte; sie fingen also an ihn mit folgender Verläumdung zu unterhalten: Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Rostow und Smolensk habe sich mit dem Fürsten Waßilko Rostislawitsch von Terebowl gegen den Großfürsten Swätopolk und gegen ihn den Fürsten David von Wladimir in Wolhynien verbunden, um beide aus ihren Besizungen zu vertreiben. Der leichtgläubige Fürst David von Wladimir nahm diese Lüge für Wahrheit auf, fing an den Großfürsten gegen den Fürsten Waßilko Rostislawitsch einzunehmen, und ihn durch folgende arglistige Reden zu beunruhigen: Man habe Verdacht, daß Fürst Jaropolk des Großfürsten Bruder, auf Anregen des Fürsten Waßilko umgebracht worden sey. Die vermeintliche Ursache die man deshalb angab war, weil Jaropolks Vater Großfürst Isäslaw I. dem Fürsten Waßilko und seinen Brüdern Wladimir in Wolhynien genommen, und solches dem Fürsten Jaropolk gegeben habe. Diesem fügte man ferner hinzu, daß die treulosen Diener des Fürsten Jaropolk sich zu den Fürsten Wolodar und Waßilko nach Peremüschl geflüchtet hätten. Fürst David rieth also dem Großfürsten, er möchte darauf denken sich selbst zu schützen und keinem unerwarteten Zufalle auszusezen.

 

 

 

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Der Großfürst wollte dieses nicht glauben und sagte zum Fürsten David: „er wisse nicht ob die Sache wahr oder eine von den Feinden der öffentlichen Ruhe ausgedachte Verläumdung sey und wolle nicht leichtsinnig glauben, auch könne niemand ohne offenbaren Nachtheil Krieg anfangen, weil alle Fürsten und er der Großfürst selbst ihr Wort darauf gegeben hätten.“ Fürst David Igorewitsch hörte nun zwar auf mit dem Großfürsten weiter davon zu reden, dieser aber fing selbst an wankelmüthig zu werden und sich mit dem Fürsten David zu berathschlagen, wie man die Macht des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Rostow und Smolensk zu gedachtem seinem vermeintlichen Unternehmen, vermindern könnte, worauf sie mit einander verabredeten, daß man den Fürsten Waßilko Rostislawitsch ausser Stand sezen müsse ihm Hülfe zu leisten.

 

Die Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch und Waßilko Rostislawitsch wußten nichts davon, wie man sie in Kiew verläumdete. Fürst David Igorewitsch aber der den Großfürsten in seinem Gemüthe beunruhiget sahe, rieth ihm den Fürsten Waßilko nach Kiew zu rufen. Indessen traf sichs, daß Fürst Waßilko, der sich bey dem Fürsten David Swätoslawitsch von Tschernigow verweilt hatte, am 4ten November nach Kiew kam. Sobald der Großfürst Swätopolk und Fürst David Igorewitsch erfuhren, daß Fürst Waßilko Rostislawitsch in Kiew angekommen sey, und mit seinem Gepäcke bey Rudniza stehe,

 

 

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stehe, schickten sie des Morgens zu ihm und liessen ihn auf den Namenstag des Großfürsten zum Mittagsmal einladen. Fürst Waßilko, den häusliche Geschäfte zu eilen zwangen, entschuldigte sich und ließ den Großfürsten bitten, er möchte ihm dieses seiner äusersten Eile wegen nicht übel nehmen. Fürst David schickte hierauf seinen Bedienten zum Fürsten Waßilko, und ließ ihn bitten, er möchte dem Willen des Großfürsten nicht zuwider seyn, Fürst Waßilko aber entschuldigte sich wieder mit der Unmöglichkeit länger zu verweilen. Der Großfürst Swätopolk und Fürst David nahmen diese abschlägige Antwort für eine Beleidigung und für eine Art der Bestätigung vorgedachter Verläumdungen auf. Dieses verursachte eine große Bewegung in den Gemüthern der sie umgebenden Heuchler und Schmeichler, die sich verlauten ließen: Es wäre jezt deutlich genug, wie wenig Achtung Fürst Waßilko für den Großfürsten habe, weil er in dessen eigener Residenz und sogar zum Namensfeste eingeladen, nicht zu ihm kommen wolle; hieraus schlossen sie dann ferner, daß er aus keiner andern Ursache in solcher Eile nach seinem Fürstenthume reise, als um sich zu einem unversehenen Anfalle gegen den Großfürsten vorzubereiten. Fürst David trat selbst dieser Meinung bey und rieth dem Großfürsten, er solle zu ihrer beider Sicherheit dem Fürsten Waßilko zuvorkommen, ihn zu sich rufen und gefangen nehmen lassen. Der Großfürst war unentschlossen und wußte nicht was er thun sollte; seine getreuesten Räthe zusammen zu rufen

 

 

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hielt er für bedenklich, weil Fürst Waßilko da durch etwas von dem Geheimnis erfahren könnte, er folgte also dem Rathe des Fürsten David, und ließ den Fürsten Waßilko bitten, er möchte nur auf eine kurze Zeit zu ihm kommen, weil er mit ihm etwas zu sprechen habe, und sich nebst dem Fürsten David mit ihm wegen einer nöthigen Sache berathschlagen wolle. Fürst Waßilko sezte sich zu Pferde und begab sich von wenigen seiner Leute begleitet zum Großfürsten. Er begegnete zwar unterweges einem seiner Hofbedienten, der ihn versicherte, er habe von zuverläßigen Leuten erfahren, daß der Großfürst und Fürst David ihn festzunehmen beschlossen hätten; Fürst Waßilko aber hielt dieses für ungegründet und kam beym Großfürsten an, der ihn nach damaligen Gebrauch empfing. Bald darauf fand sich auch Fürst David ein. Der Großfürst bat den Füsten Waßilko, er möchte bey ihm bis zu seinem Namenstage (den 8ten November) verweilen, Fürst Waßilko aber erwiederte darauf: es würde ihm sehr angenehm seyn wenn er dem Großfürsten hierin gefällig seyn könnte, er habe aber große Ursache nach Hause zu eilen, weil sich in seinen Besizungen Unruhen entsponnen hätten; während dieser Zeit saß Fürst David stumm und sprach kein Wort. Da der Großfürst sahe, daß Fürst Waßilko sich mit gutem Grunde entschuldige, und nicht wußte was er darauf sagen sollte, bat er ihn mit ihm zu frühstücken, welches sich Fürst Waßilko gefallen ließ. Hierauf sagte er zu ihm, er möchte sich vom Fürsten David Gesellschaft leisten

 

 

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leisten lassen und gieng selbst aus dem Zimmer. Fürst Waßilko fing an mit dem Fürsten David von seiner Abreise zu sprechen, dieser aber saß nach dem Bericht der Geschichtschreiber, von seinem Gewissen geängstiget wie taub und stumm und gieng bald davon, worauf sogleich die Bedienten des Großfürsten die Thüre verschlossen, dem Fürsten Waßilko doppelte Ketten anlegten und Wache zu ihm stellten. Dieses geschahe am 5ten November; Fürst Waßilko blieb den ganzen Tag und die folgende Nacht bis zum Morgen in diesem Zustande, und bat beständig man möchte ihm sein Verbrechen anzeigen. Am 6ten November berief der Großfürst Swätopolk die ansehnlichsten Großen zusammen, und machte ihnen bekannt was Fürst David Igorewitsch ihm von den Fürsten Waßilko und Wladimir gesagt habe. Die Großen hörten die Rede des Großfürsten an und antworteten: „Es gebühret einem Fürsten seine Ehre mit Recht zu schüzen, nur muß er vorher die Wahrheit der Sache untersucht haben. Wenn David Dir die Wahrheit gesagt hat, so verdient Waßilko für sein Verbrechen gegen Dich hart gestraft zu werden; wenn dieses aber Verläumdung und Waßilko unschuldig ist, so muß der Verläumder gestraft werden.“ Ferner riethen die Großen dem Großfürsten er möchte so lange bis die Sache völlig untersucht und die Wahrheit entdeckt wäre, die Fürsten David und Waßilko auf gleiche Art begegnen, und ohne Verzug die übrigen Fürsten zusammen rufen, um ein Gericht zu veranstalten, in welchem

 

 

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die Sache untersucht und aufgeklärt, und die Strafe des Schuldigen festgesezt werden könnte. Zu eben der Zeit kam auch die von der gefänglichen Haft des Fürsten Waßilko benachrichtigte Geistlichkeit zum Großfürsten und bat um seine Befreyung, wobey sie die Worte der heiligen Schrift anführte: „Es geziemet sich nicht mit Unrecht über seinen Bruder zu zürnen;“ auch zeigte sie viele zu seiner Rechtfertigung dienende Umstände an. Der Großfürst gedachte und wünschte nach dem Rath der Großen und den Bitten der Geistlichkeit zu handeln (welches auch geschehen wäre, wenn er Zutrauen zu sich selbst gehabt und seinem Gewissen gehorcht hätte); Fürst David aber der in dem Rathe der Großen für sich keine Sicherheit fand, und befürchtete der Großfürst möchte in dieser Sache anders verfahren, als es ihm angenehm, nüzlich und nöthig war, ließ ihn nicht zur Ueberlegung kommen, und stellte ihm vor: seine, des Großfürsten, eigene Sicherheit erfordere, das der Stöhrer derselben ungesäumt und andern zum Beyspiele gestraft werde. Der Großfürst willigte zwar hierin, wollte aber durch Milderung der Strafe die Vorwürfe derer die anders dachten, vermindern. Fürst David ließ sich vernehmen: wenn der Großfürst den Fürsten Waßilko in Freyheit sezen oder in Kiew gefangen halten wollte, so möchte er sich daran erinnern, und bedenken wie es seinem Vater in einem ähnlichen Fall mit dem Fürsten Wseslaw von Polozk ergangen sey. Hier entstand nun die Frage: wo Fürst Waßilko am

 

 

 

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sichersten in Verwahrung gehalten werden könnte, da dann Fürst David leicht behaupten konnte, er müßte ihm übergeben werden, weil ihm selbst äußerst daran gelegen war, das Fürst Waßilko sicher bewacht würde. Nach vielem hierüber entstandenem Streite ward der Großfürst Swätopolk zu einer solchen Geistes Schwäche gebracht, daß er den Rath der weisen Großen verachtete, und den Fürsten Waßilko seinem Feinde dem Fürsten David übergab, welcher ihn in derselben Nacht unter guter Begleitung heimlich nach Belograd führen ließ, wo man ihn, damit niemand etwas davon erführe, in eine leere Hütte brachte. Hier verübten fünf Bediente des Großfürsten und des Fürsten David an ihm eine bis dahin in Rußland unerhörte That, indem sie ihn seines Gesichts beraubeten. Die Geschichtschreiber erwähnen, Fürst Waßilfo sey so stark gewesen, daß er sich von allen diesen fünf Leuten befreiet haben würde, wenn er einige Waffen zur Hand gehabt hätte, auch habe er sich ohne Waffen, so gut er konnte, vertheidiget. Als man ihn hierauf am sechsten Tage nach Wladimir in Wolhynien gebracht hatte, kam auch Fürst David daselbst an, welcher ungesäumt ein Heer versammelte, in die Besizungen des Fürsten Waßilko einfiel, und sich der Stadt Terebowl und anderer Städte bemächtigte, die Waßilko‘s Bruder, Fürst Wolodar Rostislawitsch nicht vertheidigen konnte.

 

Die Geschichtschreiber melden, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch habe die ungerechte Verläumdung

 

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gegen ihn, und die daher erfolgte Blendung des Fürsten Waßilko mit Abscheu vernommen, und sich sehr über ein Unglück betrübt, dergleichen vorher nie in Rußland vorgefallen war; er habe dabey überlegt, das wenn man ein solches Uebel einreissen liesse, solches den Fall und Untergang des ganzen Reichs nach sich ziehen müsse, in welcher Rücksicht er an die Fürsten David Swätoslawitsch und Olg Swätoslawitsch geschrieben habe: „Der Großfürst Swätopolk und David Igorewitsch hätten sich an dem Fürsten Waßilko Rostislawitsch aus blossem Neide vergangen, um ihn seines väterlichen Erbes zu berauben, ohne solches ihnen den übrigen Fürsten anzuzeigen (wie solches bey der Versammlung der Fürsten festgesezt und eidlich bekräftiget worden). Wenn sie nun dieses ungestraft liessen, so möchten sie alle darunter leiden, den Polowzern aber ihren gemeinschaftlichen Feinden werde durch die Uneinigkeiten der rußischen Fürsten Gelegenheit gegeben werden, das Reich desto mehr und ungehindert zu verheeren. Da sie nun auf der Versammlung zu Ljubetsch festgesezt hätten: wenn einer der rußischen Fürsten gegen den andern mit Unrecht die Waffen ergriffe, so sollen alle Fürsten den Unschuldigen schüzen und den Schuldigen zum Frieden zwingen, und wenn es ihr Wille sey solches ins Werk zu richten, so rathe er ihnen sich bey Gorodez einzufinden, wohin er sich ungesäumt mit seinen Truppen verfügen werde.“ Die Fürsten David Swätoslawitsch und Olg Swätoslawitsch,

 

 

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die schon lange die heimliche Feindschaft des Großfürsten fürchteten, und die Eintracht zwischen ihm und dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch mit neidischen Augen betrachtet hatten, entschlossen sich sogleich die Truppen auszurüsten, die sie gegen die Polowzer geworben hatten, und zogen gerades Weges vor Kiew, wo Fürst Wladimir einen Tag vor ihnen angekommen war, und seine Stellung bey einer Furth gegenüber der Stadt genommen hatte. Die Fürsten hielten gleich nach ihrer Zusammenkunft einen Rath; Fürst Olg rieth, und drang darauf, man möchte gerade nach Kiew gehen; Fürst David aber rieth, man sollte ehe keinen Krieg anfangen bis man den Großfürsten Swätopolk befragen lassen, warum er mit dem Fürsten Waßilko so umgegangen sey; denn sagte er, einen Menschen unbefragt verurtheilen und strafen, ist wider Gottes Gesez. Die Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch und Olg Swätoslawitsch liessen sich diesen Vorschlag gefallen, und fertigten einige ihrer Großen mit gedachtem Auftrage an den Großfürsten Swätopolk ab.

 

Der Großfürst schob in seiner Antwort die Schuld auf den Fürsten David Igorewitsch, welcher ihm hinterbracht hätte, daß Waßilko in seinem Gebiet die treulosen Knechte seines, des Großfürsten, Bruders Jaropolk Isäslawitsch verberge, und das Waßilko sich mit Wladimir Wsewolodowitsch verbunden habe, um ihm, dem Großfürsten, Turow, Pinsk, Brest und Pogorünä zu nehmen; er habe also seinen Feind blos zu seiner Selbstvertheidigung

 

 

 

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gedemüthiget, und ihn dem Fürsten David Igorewitsch übergeben, welcher ihn mit sich genommen habe, und mit ihm nach seinem Gutbefinden verfahren sey. Die Gesandten erwiederten, sie wüßten sehr wohl, das Fürst Waßilko in Kiew im Hause des Großfürsten gefangen genommen worden, und das mit ihm nichts ohne des Großfürsten Willen geschehen sey, worauf sie ohne weitere Antwort zu erhalten zurück kehrten.

 

Nach der Rückkunft der Gesandten beschlossen die Fürsten David, Olg und Wladimir am folgenden Morgen gegen Kiew vorzurücken, und liessen den Kiewern bekannt machen: wenn sie nicht zugleich mit Swätopolk zu Grunde gerichtet seyn wollten, so möchten sie sich seiner als eines Eidbrüchigen und Uebertreters der Geseze nicht annehmen. Als der Großfürst von der Annäherung der Fürsten Nachricht erhielt, und sich auf die Kiewer, bey denen er nicht beliebt war, nicht verlassen konnte, wollte er aus Kiew entweichen, einige Kiewer aber hielten ihn auf und riethen ihm, seinen Hochmuth fahren zu lassen, Stadt und Land nicht der Verheerung auszusezen, sondern vielmehr auf Mittel zu denken, sich mit den Fürsten zu verSöhnen. In dieser Gesinnung sandte man die Großfürstin Anna, zweyte Gemahlin des Großfürsten Wsewolod Jaroslawitsch und Stiefmutter des Fürsten Wladimir, nebst dem Mitropoliten Nikifor an Wladimir ab, mit der Bitte: die Fürsten möchten keinen Krieg

 

 

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anfangen, und die Residenz ihrer Väter und Großväter nicht verwüsten, damit die ungläubigen Feinde keine Gelegenheit fänden sich über die innerlichen Unruhen (zwischen den rußischen Fürsten) zu freuen; denn sagten sie, wenn die Fürsten Krieg anfangen sollten, so würden die Feinde, die Polowzer, bald gerüstet erscheinen, und sich des Landes bemächtigen, das ihre der Fürsten Väter und Vorfahren mit vieler Mühe und Tapferkeit erworben und in Ordnung gebracht hätten. Ferner sagten sie, der Großfürst Swätopolk erkenne sein Vergehen, bereue das Geschehene und verspreche, so weit es ihm möglich seyn werde nach der Fürsten Willen zu handeln, sie bäten daher, als Gesandte, für ihn und für sich selbst, wobey sie die Fürsten umständlich zur Bruderliebe und Erhaltung des Reichs ermahnten. Fürst Wladimir wurde durch diese Vorstellungen gerührt und sprach: „Wohl wahr, daß unsere Väter und Vorfahren Rußland beschüzt, vergrößert, und in gute Ordnung gebracht haben, wir aber suchen es zu Grunde zu richten, indem der Großfürst Swätopolk und Fürst David Igorewitsch jezt eine solche Frevelthat begangen haben, dergleichen bisher in Rußland unerhört gewesen ist; wenn wir sie also jezt nicht zähmen, so müssen wir noch grösseres Unheil befürchten; Noth und Selbsterhaltung zwingen uns also zu einem Kriege, von dem wir nicht unverrichteter Sachen, und ohne gehörige Anordnungen zu

 

 

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treffen abstehen können.“ Nachdem Wladimir Wsewolodowitsch die Sache mit dem Fürsten Olg und David reiflich überlegt hatte, gab er endlich den Bitten und Ermahnungen seiner Stiefmutter nach, die er aus Ehrerbietung gegen seinen Vater als seine eigene Mutter ehrte, er bezeigte zugleich seine Hochachtung für den heiligen Stand des Mitropoliten, und versprach für sich und die Fürsten Olg und David Frieden zu schliessen, wenn der Großfürst Swätopolk ihren gerechten Forderungen nicht zuwider seyn würde.

 

Die Großfürstin Anna und der Mitropolit kehrten mit dieser Antwort der Fürsten nach Kiew zurück, und machten selbige dem Großfürsten Swätopolk und den vornehmsten Großen bekannt.

 

Der Großfürst fürchtete vor allen den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, welches man den Gesinnungen zuschrieb, die Fürst David Igorewitsch bey ihm erregt hatte. Die Großfürstin Anna, der Mitropolit und die mit ihnen gewesenen Großen versicherten ihm zwar, daß Fürst Wladimir ihn vor allen andern bedaure, und den Frieden zu befördern suche, sie konnten ihn aber kaum bewegen ihren Worten zu glauben. Indessen riethen ihm alle Großen zum Frieden, worauf er den Fürsten Wladimir ersuchen lies, die Fürsten möchten Gesandte zur Schliessung eines Vertrages abfertigen. Die Fürsten schickten hier auf ihre Gesandte nach Kiew, die nach vielem Streit folgenden Vertrag zu Stande brachten:

 

 

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1) Der Großfürst Swätopolk soll selbst gegen den Fürsten David Igorewitsch, von dem er so arglistig betrogen worden, zu Felde ziehen, und ihn als einen Friedensstöhrer gefangen den Fürsten zum Gericht überliefern, oder ihn aus Wladimir in Wolhynien vertreiben. 2) Er soll den Fürsten Waßilko Rostislawitsch befreyen, und ihm seine Besizungen mit Vergütung alles Schadens wiedererstatten. Beide Theile bekräftigten diesen Vertrag mit einem Eide und giengen auseinander.

 

Unterdessen ward Fürst Waßilko zu Wladimir in Wolhynien scharf bewacht und niemand zu ihm gelassen, damit er nicht etwas erfahren und mit den Fürsten Unterhandlungen anfangen möchte. Als sich hierauf die Zeit der Großen Fasten näherte, traf sichs, daß Silvester Abt des widobischen Klosters zum heiligen Michael, zur Besuchung der Schulen und Unterweisung der Lehrer, nach Wladimir in Wolhynien kam. Fürst David Igorewitsch hatte indessen vernommen, daß die Fürsten Wladimir, Olg und David gemeinschaftlich gegen den Großfürsten zu Felde gezogen wären, selbigen zum Frieden gezwungen und gegen ihn, den Fürsten David, gemeine Sache gemacht hätten; er gerieth hierüber in große Verlegenheit und begann darauf zu denken, wie er sich mit dem Fürsten Waßilko verSöhnen könnte. Er sandte in einer Nacht nach dem Abt Silvester und bediente sich seiner zur Vermittelung des Friedens. Der Abt Silvester schreibt,

 

 

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daß er einsmals da er mit dem Fürsten Waßilko Rostislawitsch allein gewesen von ihm unter andern folgendes gehört habe: „Er, Fürst Waßilko, höre von den Bedienten des Fürsten David, daß dieser ihn den Polen, mit denen er im beständigen Streit gewesen, übergeben wolle; er fürchte den Tod nicht und habe jederzeit dafür gehalten, daß fürs Vaterland zu sterben eine löbliche und ewigen Ruhms würdige That sey. Da er erfahren hätte, daß die Berenditschen, Torken und Petschenegen freiwillig in seine „Dienste treten wollten, sey er Willens gewesen, den Großfürsten Swätopolk, nebst den Fürsten Wladimir und David um Truppen zu bitten, um mit selbigen zuerst gegen die Polen zu Felde zu ziehen, und sie dergestalt zu schwächen, daß sie Rußland inskünftige keinen Schaden thun könnten; nach diesem habe er die Bolgaren an der Donau bekriegen und die gemachten Gefangenen in seinen Besizungen ansezen, hierauf aber die Polowzer bändigen und schwächen wollen, um dadurch Rußland von allen Seiten Ruhe zu schaffen; wider seine Brüder aber und die übrigen Fürsten habe er nie etwas im Sinne gehabt.“

 

Nach einigen Unterhandlungen in welchen Fürst David dem Fürsten Waßilko die Freyheit und Wiedergabe einiger Städte versprach, erbat sich Fürst Wailko vom Fürsten David einen seiner Bedienten und sandte selbigen an den

 

 

 

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Großfürsten Swätopolk und den Fürsten Wladimir, mit der Bitte; sie möchten seinetwegen kein Christenblut vergiessen, da er ihnen bekannt mache, daß er mit dem Fürsten David einen Vertrag und Frieden zu schliessen gesonnen sey. Da der Großfürst und Fürst Wladimir erfuhren, daß Waßilko und David sich verSöhnen wollten, und dabey die Beschwerlichkeiten des Weges in Betrachtung zogen, kehrten sie ohne den Frieden abzuwarten zurück.

 

Sobald Fürst David von dieser Rückkehr hörete, vergaß er das dem Fürsten Waßilko gegebene Wort, und faßte den Entschluß anstat der versprochenen Befreyung und Wiedergabe der Städte, im Frühlinge die übrigen Städte des Fürsten Waßilko und seines Bruders Wolodar einzunehmen, wozu er mit einem Heere aufbrach. Fürst Wolodar Rostislawitsch versammelte auf die hievon erhaltene Nachricht sogleich so viele Truppen als er habhaft werden konnte, rief die Ungarn zu Hülfe, und zog dem Fürsten David entgegen, welchen er bey Bushk antraf. Die Geschichtschreiber berichten, daß Fürst David Igorewitsch wenig Herzhaftigkeit und Tapferkeit besessen und deshalb sich in Bushk eingeschlossen habe. Fürst Wolodar hatte zwar viel weniger Truppen, erschien aber ohne Verzug vor Bushk, umringte die Stadt, so daß niemand weder herein noch heraus konnte, und ließ dem Fürsten David sagen: er solle seinen Bruder zu ihm

 

 

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entlassen und ihm die eroberten Städte wiedergeben, in welchem Fall er mit ihm Frieden schliessen, widrigenfalls aber ihn als einen Räuber behandeln werde. Fürst David schickte hierauf sogleich nach dem Fürsten Waßilko, ertheilte ihm die Freyheit und versprach dabey, ohne Verzug alle Städte zurück zu geben, worauf der Friede geschlossen wurde und alle auseinander giengen.

 

Fürst Waßilko blieb in Terebowl, Wolodar aber kehrte nach Peremüschl zurück. David kam nach Wladimir in Wolhynien und bemühete sich die übrigen Städte, welche er nach dem Vertrage den Fürsten Waßilko und Wolodar erstatten sollte, für sich zu behalten, weil, wie er sagte, Fürst Waßilko bey seinem Auffenthalt zu Wladimir in Wolhynien ihm selbige abgetreten hätte.

 

Als die Fürsten Wolodar und Waßilko diese Zweyzüngigkeit und Unbeständigkeit des Fürsten David sahen, brachten sie im Anfange des folgenden Frühlings ein Heer auf, zogen gegen ihn zu Felde und ließen den Fürsten Wladimir, den sie von dem arglistigen Verfahren des Fürsten David benachrichtigten, um Hülfe bitten.

 

Fürst David brachte zwar ungesäumt ein Heer zusammen, und zog den Fürsten Wolodar und Waßilko bis Wsewolosh entgegen, da sich aber gedachte Fürsten näherten, wagte es David nicht ihnen im Felde die Spize zu bieten, sondern kehrte nach Wladimir in Wolhynien zurück

 

 

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und schloß sich mit seinen Truppen in dieser Stadt ein, auf deren Befestigung er sich verließ.

 

Die Fürsten Wolodar und Waßilko kamen vor Wsewolosh und bemächtigten sich ungesäumt dieser Stadt mit stürmender Hand, hierauf rückten sie vor Wladimir in Wolhynien, umringten die Stadt und liessen den Einwohnern kund thun: daß sie nicht gegen die Stadt noch gegen die Einwohner derselben ausgezogen wären, sondern gegen den Fürsten David und seine bösen Rathgeber Tjurjuck, Lasar und Waßilii, die den Fürsten David zum Bösen verführt hätten und auf deren Rath er einen der Brüder geblendet, und sich ihrer Städte bemächtiget, hierauf nach geschlossenem und eidlich bekräftigten Frieden sein gegebenes Wort gebrochen habe und die gedachten Städte nicht abliefern wolle; sie forderten also daß diese bösen Rathgeber ihnen ausgeliefert würden, wogegen sie den Wladimiren und ihrer Stadt Frieden versprachen. Die Bürger hielten einen öffentlichen Rath, schickten zum Fürsten David Igorewitsch und liessen ihm die Forderung der beyden fürstlichen Brüder bekannt machen. Fürst David dem dieses sehr nahe gieng, befahl den Räthen heimlich davon zu reisen, und sagte denen an ihn abgefertigten Personen, daß diese Räthe nicht bey ihm wären. Da er aber hierauf befürchtete das Volk möchte sich empören und den Fürsten die Thore öffnen, ließ er sie wieder zu sich rufen und überlieferte die Räthe Tjurjuck, Lasar und Waßilii dem Volke, dieses aber schickte sie den Fürsten

 

 

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Wolodar und Waßilko zu, welche noch an denselben Tage einen Frieden schlossen und die bösen Rathgeber henken liessen.

 

Im Jahre 1098 erfuhr der Großfürst Swätopolk, daß Fürst David Igorewitsch von den Fürsten Wolodar und Waßilko überwunden wäre, und brach mit einem Heere gegen Berest auf, um nach seinem den Fürsten gegebenen Worte den Fürsten David zu vertreiben, mehr aber um seinem Sohne den Besiz von Wladimir in Wolhynien zu verschaffen. Fürst David reisete auf diese Nachricht nach Polen zum Könige Wladislaw, um von ihm Hülfe zu erbitten. Die Polen empfingen von ihm viele Geschenke und funfzig Griwen Gold, wogegen sie ihm Truppen zu geben versprachen, nachher aber sagten sie, der Großfürst Swätopolk habe den König Wladislaw zu einer Zusammenkunft in Berest eingeladen, wohin er ihn begleiten möchte; sie versprachen dabey zwischen ihm und dem Großfürsten Frieden zu stiften. Fürst David war zwar hiemit nicht sehr zufrieden, reisete aber doch mit dem Könige nach Berest ab. Als sie da selbst ankamen, stand der Großfürst Swätopolk in der Stadt, dem Könige Wladislaw aber und seiner Begleitung, war eine Gegend am Flusse Bug angewiesen. Am folgenden Morgen kam König Wladislaw mit vielen seiner Großen in die Stadt; der Großfürst Swätopolk schickte ihm seinen Sohn bis zum Hofplaz entgegen, empfing ihn selbst mitten im Saale, und veranstaltete ihm zu Ehren ein großes Gastmal.

 

 

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Am folgenden Tage lud König Wladislaw den Großfürsten Swätopolk zu sich zur Mittagstafel, der Großfürst kam mit allen seinen Großen zu ihm über den Bug, und ward vom Könige und seinen Großen am Ufer empfangen, und man belustigte sich den ganzen Tag. Des Abends begleitete König Wladislaw den Großfürsten wiederum bis zum Ufer des Bugs. Nach diesem hatten sie öftere Zusammenkünfte um sich ihre Angelegenheiten zu besprechen, bey welcher Gelegenheit unter andern die Vermählung des königlichen Prinzen Boleslaw mit einer Tochter des Großfürsten Swätopolk verabredet, weil aber beyde noch in Kindesjahren waren, die Vermählung auf fünf Jahre verschoben wurde.

 

Die Polen vergaßen die vom Fürsten David erhaltene Geschenke und versprachen dem Großfürsten gegen diesen Fürsten gemeinschaftliche Sache zu machen, ihn aus Wladimir in Wolhynien zu vertreiben, und wenn er von da nach Polen flüchten sollte, ihn nicht aufzunehmen, oder ihn dem Großfürsten gefangen zu überliefern, welcher Vertrag mit einem Eide bekräftiget wurde. Nach diesem machte König Wladislaw dem Fürsten David bekannt, er habe den Großfürsten nicht zum Frieden bewegen können, weshalb er nach Hause reisen und sich zum Kriege anschicken möchte; er verspreche indessen ihn im äußersten Nothfalle nicht zu verlassen. Fürst David kehrte also unverrichteter Sache nach Wladimir in Wolhynien zurück, der Großfürst Swätopolk aber schickte nach gehaltenem Kriegsrathe einen

 

 

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Theil seines Heeres gegen Pinsk und begab sich selbst nach Dorogobusch, wo er seine Truppen abwartete und mit ihnen gegen Wladimir in Wolhynien vorrückte. Fürst David besaß weder Macht noch Herzhaftigkeit genug um dem Großfürsten Swätopolk im Felde zu widerstehen, und schloß sich daher in die Stadt ein, welche der Großfürst umringte und sieben Wochen lang belagert hielt. Als Fürst David Igorewitsch endlich sahe, daß er weder von den Polen noch sonst von irgend jemand Hülfe erwarten könne, daß die Einwohner von Wladimir wegen der Enge des Raums und des Mangels an Lebensmitteln große Noth litten, und die Großen ihm beständig zum Frieden riethen, schickte er Gesandte an den Großfürsten und ließ ihn um Frieden, um einen freyen Abzug aus Wladimir in Wolhynien und um die Abtretung von Tscherwen bitten. Der Großfürst wollte sich zwar anfangs nicht hiezu bequemen, willigte aber nach vieler Bitte darin, da denn der Friede geschlossen und eidlich bekräftiget wurde. Fürst David zog mit seiner Gemahlin, seinen Kindern und Bedienten und seinem ganzen Vermögen aus der Stadt, und begab sich nach Tscherwen, der Großfürst aber hielt seinen Einzug in Wladimir, wo er von den Bürgern mit großen Feyerlichkeiten empfangen wurde.

 

Als Fürst David Igorewitsch in Tscherwen angekommen war und den geringen Umfang seiner Besizung sahe, war er zwar sehr betrübt, er ließ aber nicht alle Hofnung fahren, sondern dachte vielmehr

 

 

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darauf, wie er den Großfürsten unversehens aus Wladimir in Wolhynien vertreiben könnte, weshalb er sich wiederum zum Könige Wladislaw nach Polen begab.

 

Nachdem der Großfürst Swätopolk den Fürsten David vertrieben und mit ihm Frieden geschlossen hatte, beschloß er die Macht der Fürsten Wolodar und Waßilko zu schwächen. Weil er nun dieses für sehr leicht hielt, so schickte er zu ihnen und ließ ihnen kund thun: Wladimir in Wolhynien und das ganze Land Tscherwen habe zum Gebiet seines Vaters und seines Bruders Jaropolk Isäslawitsch gehört, sie möchten also so lange bis ihnen andere Besizungen angewiesen würden Peremüschl behalten und ihm alle tscherwenischen Städte ohne Krieg abtreten.

 

Die Geschichtschreiber melden, die Fürsten Wolodar und Waßilko hätten hierauf folgendes geantwortet: „Unser Großvater Fürst Wladimir Jaroslawitsch war der älteste Bruder Deines Vaters Isäslaw Jaroslawitsch und unser Vater Fürst Rostislaw Wladimirowitsch hatte das Alter vor Dir. Nach unsers Großvaters des Fürsten Wladimirs Tode gab Dein Vater der Großfürst Isäslaw Jaroslawitsch unserm Vater die Stadt Wladimir in Wolhynien mit dem ganzen Lande Tscherwen, wogegen die Fürsten Swätoslaw Jaroslawitsch und Wsewolod Jaroslawitsch weit größere Besizungen als unser Vater erhielten; was aber verliehen wurde das ward durch einen Eid bestätiget, worüber

 

 

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wir Deines Vaters Briefe haben. Nach dem Tode unsers Vaters blieben wir zwar klein nach, Dein Vater aber gedachte des unserm Vater gegebenen Worts, und nahm uns Wladimir in Wolhynien nicht; da aber Dein Vater verstorben war, achtete Dein Bruder Fürst Jaropolk Isäslawitsch weder der eidlichen Versicherung seines Vaters, noch der Ermahnung seines Vetters des Großfürsten Wsewolod, und raubte uns Wladimir in Wolhynien, wir aber ließen uns daran genügen was wir damals erhielten, und uns Dein Bruder mit einem Eide zusicherte. Wir verlangen jezt nichts mehreres von Dir, wenn Du aber mit dem Deinigen nicht zufrieden, uns unsers väterlichen Erbes berauben willst, so stellen wir dieses dem Gerichte Gottes anheim; er gebe es wem er wolle, wir aber werden Dir kein Dorf geben, sondern bitten ergebenst, Du wollest der Versicherung Deines Vaters und Deines auf der Versammlung der Fürsten gegebenen Wortes gedenken und uns in Ruhe lassen; wir aber die Dich mit nichts beleidiget haben, und Dich jederzeit als den Großfürsten und Aeltesten unsers Stammes ehren, versprechen in diesen Gesinnungen zu beharren.“

 

Der Großfürst Swätopolk ließ sich indessen nicht zur Aenderung seines Entschlusses bewegen, sondern zog mit einem Heere gegen sie. Die Fürsten Wolodar und Waßilko zogen alle ihre Truppen zusammen und trafen den Großfürsten auf dem Felde Roshie, wo beyde Heere sich in Schlachtordnung stelleten,

 

 

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und sich einander näherten. Da Fürst Waßilko nicht selbst fechten konnte, nahm er anstatt der Waffen ein Kreuz in die Hand, hob selbiges in die Höhe, ritt vor dem Heere umher und sprach: „Swätopolk hat mir bey Küssung dieses Kreuzes versprochen, uns zu schüzen und zu lieben, er ist aber dessen nicht eingedenk, sondern hat mich zuerst meines Gesichts beraubt und will mich jezt auch meines Lebens und meines Erbes berauben; Gott sey Richter zwischen uns! , Hiedurch flößte Fürst Waßilko seinen Truppen so vielen Muth ein, daß sie alle mit großer Begierde, und mit dem Entschluß zu sterben oder zu siegen ins Treffen giengen, welches sogleich seinen Anfang nahm. Fürst Wolodar that ungeachtet der überlegenen Macht des großfürstlichen Heeres einen herzhaften Angriff, seine Truppen folgten seinem Beispiele, Fürst Waßilko ritt unter dem Heere herum, munterte die Truppen auf und stärkte sie durch seine Ermahnungen, so daß die Armee des Großfürsten bald zum Weichen gebracht ward. sobald die Fürsten Wolodar und Waßilko das großfürstliche Heer völlig geschlagen hatten, blieben sie auf dem Schlachtfelde stehen, verboten die Flüchtigen zu verfolgen und sprachen: „Wir sind nicht gekommen fremde Länder zu verheeren und Leute zu erschlagen, sondern uns und unser Gebiet zu vertheidigen; da uns nun Gott hierinnen seine Hülfe gezeigt hat, so sind wir nicht gesinnt unsern Fuß in ein fremdes Gebiet zu sezen.“

 

Vierter Band 1783.

 

 

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Der Großfürst Swätopolk begab sich in Begleitung seiner von einer Beyschläferin erzeugten Söhne Mstislawez und Jaroslawez, seines Neffen des Fürsten Jaroslaw Jaropoltschitsch und des Fürsten Swätoscha Davidowitsch, eines Sohnes des Fürsten David Swätoslawitsch, nach Wladimir in Wolhynien, wohin ihm seine übriggebliebene Truppen folgten. Nach einem kurzen Aufenthalt daselbst, ließ er seinen Sohn Mstislawez in dieser Stadt, schickte seinen Sohn Jaroslawez nach Ungarn um von seinem Eidame Hülfe zu erbitten, und kehrte selbst nach Kiew zurück. Jaroslawez erbat vom Könige Koloman von Ungarn ein Heer, bey welchem sich zwey Bischöfe Koman und Laurentius befanden, und zog mit selbigem über die Gebürge ins Gebiet der Fürsten Wolodar und Waßilko. Fürst Wolodar der hievon Nachricht erhielt befestigte Peremüschl und bereitete sich mit allem möglichen Eifer zur Gegenwehr.

 

In demselben Jahre legte Fürst Mstislaw Wladimirowitsch in Nowgorod in der alten Stadt eine Kirche zur Verkündigung der heiligen Mutter Gottes an.

 

Im Jahre 1099 kam Fürst David Igorewitsch unverrichteter Sachen aus Polen zurück, und fand für gut mit den Fürsten Wolodar und Waßilko gemeine Sache zu machen, und sich mit ihnen zu verbinden. Er reisete in dieser Absicht nach Peremüschl wo man ihn mit Ehre und Freundschaft aufnahm, und sich mit ihm gemeinschaftlich wegen der

 

 

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Vertheidigung gegen die Ungarn berathschlagte. Fürst Wolodar Rostislawitsch gedachte ohne die Polowzer zu Hülfe zu rufen sich in der Stadt zu vertheidigen, und ließ zugleich den König Koloman von Ungarn mit folgenden Worten um Frieden bitten: „Du bist unser naher Verwandter von Seiten unserer Mutter der Fürstin Anna; da wir Dich nun nicht beleidiget haben, so solltest Du uns Wohlthaten erzeigen, Du hilfst aber Swätopolken in seinem Unrecht, der uns versprochen hat mit uns in Frieden zu leben, und uns gegen unsere Widersacher zu schüzen, jezt aber ohne alle unsere Schuld uns unsers väterlichen Erbes berauben will.“ Die Geschichtschreiber melden, der König von Ungarn sey zum Frieden geneigt gewesen, Swätopolk aber habe nicht eher Frieden schliessen wollen, bis er die beyden Fürsten aller ihrer Besizungen beraubt hätte, weshalb Fürst Wolodar gezwungen gewesen sich den Vorschlag des Fürsten David Igorewitsch, daß man die Polowzer zu Hülfe rufen sollte, gefallen zu lassen. Fürst David ließ seine Gemahlin bey ihrem Bruder dem Fürsten Wolodar, und reisete selbst ohne Verzug zu den Polowzern.

 

Um diese Zeit kam Jaroslawez mit dem Könige Koloman von Ungarn vor Peremüschl, welches sogleich umringt ward. Der König stand mit seinem Gepäcke an dem Flusse Wagrutsch, Fürst Wolodar aber schloß sich in die Stadt ein. Fürst David Igorewitsch begegnete auf seinem Wege den polowzischen Fürsten Bonak, welcher

 

 

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auf Ansuchen der großfürstlichen Gesandten mit 8000 Mann anrückte.

 

Fürst David Igorewitsch brachte den polowzischen Fürsten durch Verheissung einer von den Ungarn zu machenden reichen Beute auf seine Seite, und kam mit ihm nach Peremüschl zurück.

 

Der polowzische Fürst Bonak theilte am frühen Morgen sein Heer in drey Haufen, von welchen er zwey mit dem Fürsten David Igorewitsch im Hinterhalte ließ, den dritten aber selbst gegen die Ungarn, anführte, zugleich fertigte er den Fürsten Altunop mit 50 Mann ab, um die ungarische Armee auszukundschaften und zu dieser Absicht Gefangene zu machen. Altunop erschien vor dem ungarischen Heer, ließ seine Leute einmal ihre Pfeile abschiessen und kehrte zum Fürsten Bonak zurück. Bonak näherte sich der ungarischen Armee und grief sie an, schien aber nach einem kurzen Gefechte zu weichen. Die Ungarn die solches für eine wirkliche Flucht hielten, rückten vor, verliessen ihre Schlachtordnung und verfolgten ihn, wurden aber als sie den Hinterhalt vorbey waren, vom Fürsten David Igorewitsch und den bey ihm befindlichen Truppen im Rücken angegriffen; sie wollten sich zwar hierauf wieder in Ordnung stellen, die Polowzer aber liessen sie nicht dazu kommen, und versperreten ihnen von allen Seiten den Weg.

 

Um diese Zeit erfuhr auch Fürst Wolodar Rostislawitsch, daß Fürst David Igorewitsch mit den Polowzern angekommen wäre, und that aus der

 

 

 

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Stadt einen Ausfall aufs ungarische Lager, wodurch die Ungarn völlig in Unordnung geriethen, ihr Gepäcke verliessen und flohen. Fürst David Igorewitsch und Fürst Bonak verfolgten sie zwey Tage lang und machten viele Gefangene; auch kamen viele Ungarn bey der Ueberfahrt über die Flüsse San und Wagrutsch ums Leben, andre aber und unter diesen die beiden ungarischen Bischöfe waren auf dem Schlachtfelde geblieben. Der König Koloman von Ungarn rettete sich selbst nicht ohne Mühe und kam mit wenigen Leuten in sein Land zurück.

 

Nach diesem Siege über die Ungarn feierten die rußischen Fürsten Gott dem Herrn ein Dankfest.

 

Die Fürsten Wolodar und Waßilko dankten dem Fürsten David Igorewitsch sehr, daß er die Polowzer herbey geführt hatte.

 

Die Polowzer wurden nach dem Siege über die Ungarn von den rußischen Fürsten beschenkt, und mit Ehren entlassen.

 

Als der Großfürst Swätopolk hievon in Wladimir in Wolhynien Nachricht erhielt, ließ er seine Söhne daselbst zurück und begab sich selbst nach Kiew. Fürst David Igorewitsch versäumte nun keine Zeit, er nahm die Truppen der Fürsten Wolodar und Waßilko zu sich, bemächtigte sich sogleich der Städte Tscherwen und Suten und erschien vor Wladimir in Wolhynien, worauf sich Swätopolks Sohn Jaroslawez nach Polen begab, dessen Bruder Mstislawez aber sich mit den bey ihm

 

 

 

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befindlichen Berestern, Pinskern, und Wügoschewzern in die Stadt einschloß. Fürst David umringte die Stadt und that öftere Angriffe. Einsmals rückten seine Truppen vor den Schießplaz, und es kam zu einem Gefechte, in welchem es von allen Seiten Pfeile regnete und Mstislawez Swätopoltschisch unversehens von einem Pfeile unter der Achsel getroffen ward, wovon er gleich nach dem Gefecht am 12ten Junius in der Nacht starb. Da die Anführer der Truppen besorgten, die Leute möchten hiedurch zur Uebergabe der Stadt bewogen werden, hielten sie seinen Tod drey Tage lang geheim, und machten ihn am vierten Tage des Abends dem Volke mit folgenden Worten bekannt: „obgleich unser Fürst umgekommen ist, so müssen wir doch die Stadt nicht übergeben so lange wir uns noch halten können.“ Sie liessen den Fürsten David um einen freyen Durchzug bitten, schickten hierauf zum Großfürsten Swätopolk und liessen ihm sagen, das sein Sohn erschossen worden, und die Leute in der Stadt vom Hunger entkräftet wären, wenn er ihnen nicht Truppen zu Hülfe schicken würde, so würden sie gezwungen seyn, sich dem Fürsten David zu übergeben.

 

Der Großfürst war über diese Nachricht sehr betrübt, fertigte aber bald seinen Feldherrn Putäta mit einigen Truppen ab, und ließ zugleich den damals in Luzk befindlichen Fürsten Nikola Swätoscha bitten, er möchte zum Entsaze der Stadt Wladimir in Wolhynien behülflich seyn.

 

 

 

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Fürst David Igorewitsch hatte damals Gesandte an den Fürsten Nikola Swätoscha geschickt, um mit ihm einen Vertrag und Bündnis gegen den Großfürsten Swätopolk zu schliessen. Fürst Nikola Swätoscha hatte sich zwar zu keinem Bündnisse mit den Fürsten David entschliessen wollen, hatte ihm aber versprochen keinen Antheil am Kriege zu nehmen. Sobald indessen der Feldherr Putäta mit seinen Truppen vor Luzk ankam und die Bitte und Versicherung des Großfürsten bekannt gemacht hatte, änderte Fürst Nikola Swätoscha seine Meynung, ließ die Gesandten des Fürsten David festnehmen und ins Gefängnis sezen, vereinigte sich sogleich mit Putäta, zog mit der Armee gegen den Fürsten David zu Felde, und erschien am 5ten August zur Mittagszeit vor Wladimir in Wolhynien. Fürst David Igorewitsch, der sich auf die Versicherung des Fürsten Nikola Swätoscha verließ und die Antwort des Großfürsten wegen eines zu schliessenden Friedens erwartete, stand ohne Vorsicht vor der Stadt und hielt selbst Mittagsruhe, als ihn Fürst Nikola Swätoscha unversehens überfiel und das Gefecht anfing, worauf auch die Belagerten einen Ausfall thaten und seine Truppen angriffen. Fürst David Igorewitsch gewann kaum so viele Zeit um sich mit seinem Neffen Mstislaw und einigen wenigen seiner Leute mit der Flucht zu retten, seine übrige Truppen aber verliefen sich. Fürst Nikola Swätoscha hielt seinen Einzug

 

 

 

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in Wladimir in Wolhynien, sezte daselbst einen gewissen Waßilii zum großfürstlichen Stadthalter ein, und kehrte selbst nach Luzk zurück.

 

Fürst David der sehr darüber aufgebracht war, das Fürst Nikola Swätoscha sein Wort gebrochen hatte, reisete wiederum ins polowzische Gebiet zu dem polowzischen Fürsten Bonak, schloß mit selbigem einen Vertrag, erschien hierauf ungesäumt vor Luzk, und belagerte die Stadt. Da Fürst Rikola seine Schwäche sahe, und überdem wußte, daß die Einwohner von Luzk ihn haßten und die Stadt ohne seinen Befehl übergeben wollten, war er gezwungen um Frieden zu bitten. Fürst David entließ ihn zu seinem Vater nach Tschernigow, nahm selbst Luzk in Besiz und zog gegen Wladimir in Wolhynien. Jezt verließ der großfürstliche Stadthalter die Stadt und gieng davon, Fürst David zog in sein voriges Fürstenthum Wladimir wieder ein, und der Krieg erreichte hiemit von beyden Theilen sein Ende.

 

Bald darauf berief der Großfürst die Fürsten zu Recht und Gericht nach Kiew.

 

Am 18ten August desselben Jahres legte Fürst Wladimir Wsewolodowitsch Gorodez an der Wstra an, welches vorher von den Polowzern verheeret worden war, und besezte es mit neuen Einwohnern.

 

Im Jahre 1100 am 10ten Junius gieng Fürst Mstislaw ein Neffe des Fürsten David Igorewitsch zur See um Kauffahrer aufzufangen.

 

 

 

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In demselben Jahre lud der Großfürst Swätopolk, der seinen Krieg mit dem Fürsten David Igorewitsch nicht länger fortsezen wollte, die Fürsten zur Berathschlagung ein. Die Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, David Swätoslawitsch und Olg Swätoslawitsch kamen am 30sten Junius bey Wätitschew zusammen, Wolodar Rostislawitsch schickte Gesandte um seine Beschwerden anzubringen, auch fand sich am 2ten Julius Fürst David Igorewitsch bey ihnen ein, worauf man sich wegen Beendigung der durch David Igorewitsch erregten innerlichen Unruhen berathschlagte. Um diese Zeit kam Fürst David Igorewitsch ins Zelt, in welchem alle Fürsten auf einem Teppiche saßen, und ward nach gewöhnlicher Begrüßung auf den selben Teppich zum Sitzen genöthiget. Da er aber sahe, das ihm niemand etwas von der Ursache der Zusammenkunft eröfnete, fragte er: „wozu habt ihr mich hieher berufen? hat jemand eine Sache zu mir, so zeigt mirs an, ich bin bereit euch zu antworten.“ Hierauf erwiederte Fürst Wladimir Wsewolodowitsch: „Du hast zu uns geschickt und uns sagen lassen, daß Du von dem Großfürsten Swätopolk beleidiget seyst, und daß wir zusammen kommen und die Sache untersuchen möchten, um derentwillen Du selbst zu uns zu kommen versprochen hast. Da wir nun Ruhe und Frieden zu sehen wünschen, haben wir uns auf Dein Verlangen versammelt; nun bist Du angekommen und erwähnest Deiner

 

 

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Beschwerden nicht, wir aber haben keine Ursache Dir solche anzuzeigen.“

 

Fürst David Igorewitsch hörte dieses an, konnte aber nichts darauf antworten, weil er, seines Unrechts bewußt, von dem Großfürsten vor allen Fürsten überwiesen zu werden befürchtete. Jezt giengen alle Fürsten aus dem Zelt, sezten sich zu Pferde, und berathschlagten sich, jeder Fürst besonders mit seinen Großen, so wie es damals im Gebrauch war, daß man sich zu Pferde sezte, wenn etwas nöthiges zum Schluß gebracht werden sollte. Fürst David Igorewitsch saß von allen abgesondert, weil über ihn Gericht gehalten wurde, und die Fürsten ihn nicht zu sich liessen. Sie kamen hierauf nach gepflogener Berathschlagung alle zusammen und sezten fest: Fürst David Igorewitsch solle des Besitzes von Wladimir in Wolhynien entsezt werden, und Bushesk erhalten, mit welchem Schluß man von Seiten des Großfürsten den Feldherrn Putäta, von Seiten des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, die Feldherrn Orgost und Ratibor, und von seiten der Fürsten David Swätoslawitsch und Olg Swätoslawitsch den Feldherrn Tortschin an den Fürsten David abschickte, die ihm folgendes bekannt machten: „Da er den Saamen schwerer Zwietracht in Rußland ausgestreuet, das Schwerd unter die Brüder geworfen, und dadurch viel unschuldiges Blut vergossen habe, so sey es nicht anständig ihm Wladimir in Wolhynien zu ertheilen,

 

 

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der Großfürst Swätopolk gebe ihm aber für sich anstatt dessen Bushesk, Ostrog, Dubno und Tschertorüsk (alles Städte in Wolhynien); Fürst Wladimir gebe ihm aus brüderlicher Liebe zur Vergütung der Unkosten 200 Griwen Silber, und die Fürsten Olg und David gleichfalls 200 Griwen, womit er zufrieden seyn, und in Ruhe leben müsse, wenn er nicht alles verlieren wolle.

 

Hierauf schickte man mit den Deputirten der Fürsten Wolodar Rostislawitsch und Waßilko Rostislawitsch Gesandte an diese Fürsten, und ließ ihnen bekannt machen, daß die Fürsten im Rath beschlossen hätten, dem Fürsten Wolodar Peremüschl mit dem dazu gehörigen Gebiet zu ertheilen, seinem Bruder Fürsten Waßilko aber die Wahl zu lassen, ob er bey seinem Bruder bleiben oder nach Kiew kommen wolle, wo er eine anständige Versorgung erhalten sollte, Wladimir in Wolhynien aber habe man dem großfürstlichen Prinzen Jaroslawez gegeben. Die Fürsten Wolodar und Waßilko waren mit diesem Schlusse nicht zufrieden, und befolgten ihn nicht; Fürst David Igorewitsch aber nahm Bushesk in Besitz und erhielt hiezu von dem Großfürsten Swätopolk noch Dorogobusch wo er bis an seinem Tode verblieb.

 

In diesem Jahre war in Kiew und Wladimir in Wolhynien ein Erdbeben und es zeigte sich im Winter ein Stern in Norden, mit einem großen und langen Schweif (ein Komet)

 

 

 

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Im Jahre 1101 am 14ten April starb Fürst Wseslaw Brätschislawitsch von Polozk, und ward in Polozk begraben.

 

Am 3ten May dieses Jahres legte Fürst Wladimir Wsewolodowitsch in Smolensk eine der heiligen Mutter Gottes gewidmete steinerne Hauptkirche an.

 

In eben diesem Jahre bekriegte Fürst Jaroslaw Jaropoltschitsch von Berest, ein Enkel des Großfürsten Isäslaw Jaroslawitsch, seinen Vetter den Großfürsten Swätopolk, welcher aber auf die erste Nachricht hievon mit einer Armee gegen ihn auszog, ihn in Berest belagerte, sich seiner bemächtigte und ihn gefangen nach Kiew brachte, wo er ihn doch nach vielen Bitten des Mitropoliten und anderer Großen auf sein gegebenes Wort in Freyheit sezte.

 

In demselben Jahre berief der Großfürst Swätopolk die Fürsten Wladimir, David, Olg und Jaroslaw mit ihren Brüdern nach Solotitschi, wo Gesandte von allen polowzischen Fürsten angekommen waren, um mit allen rußischen Fürsten Frieden zu schliessen. Der Großfürst berathschlagte sich mit den Fürsten seinen Brüdern, und gab hierauf den Gesandten zur Antwort, daß ihre Fürsten selbst bey Sakowa zusammen kommen möchten, welches sie auch ungesäumt thaten, worauf man nach vielen Unterhandlungen den Frieden am 15ten September zu Stande brachte, von beyden Seiten ansehnliche Geisel gab, und auseinander gieng.

 

 

 

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Im Jahre 1102 entflohe Fürst Jaroslaw Jaropoltschitsch, welcher in Kiew auf freyen Fuß lebte, am ersten October aus der Stadt, ward aber von Jaroslawez, einem Sohne des Großfürsten Swätopolk bey dem Flusse Nur aufgefangen und am 20sten December wieder nach Kiew gebracht, wo er deshalb ins Gefängnis gesezt wurde.

 

Der Großfürst Swätopolk berief sich auf den alten Gebrauch, nach welchem Groß-Nowgorod zum Antheil der Aeltesten des fürstlichen Stammes oder ihrer Kinder gerechnet ward, wie auch auf den im Jahre 1096 geschlossenen Vertrag, und verlangte durchaus den Besitz gedachter Stadt, wo damals Fürst Mstislaw Wladimirowitsch ein Sohn des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch seinen Auffenthalt hatte, und zur großen Zufriedenheit der Nowgoroder regierte. Die Nowgoroder wollten zwar niemand anders als Mstislaw Wladimirowitsch zu ihren Fürsten haben, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch aber ließ seinen Sohn zu sich rufen, und machte den Nowgorodern bekannt: Groß-Nowgorod gehöre dem Großfürsten Swätopolk als dem ältesten des fürstlichen Stammes, dem Fürsten Mstislaw aber sey der Besitz von Wladimir in Wolhynien verliehen worden. Die Nowgoroder sandten hierauf einige ihrer ansehnlichsten Männer ab, und liessen den Großfürsten Swätopolk und den Fürsten Wladimir um die Rückkehr des Fürsten

 

 

 

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Mstislaw bitten. Fürst Wladimir Wsewolodowitsch schickte den Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch mit einem Gesandten nach Kiew, und ließ dem Großfürsten sagen, Fürst Mstislaw wäre aus Nowgorod gekommen, er möchte also Befehle ertheilen ihn nach Wladimir in Wolhynien zu begleiten, die Nowgoroder aber baten den Großfürsten unabläßig, er möchte ihnen den Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch wiedergeben, und sprachen: „Fürst Mstislaw wäre ihnen von dem Großfürsten Wsewolod als ein Kind übergeben worden, sie hätten ihn erzogen, und in allen einem Fürsten nöthigen Kenntnissen unterrichtet, und wären mit seiner Regierung und seinem ganzen Betragen zufrieden.“ Der Großfürst stritte lange mit den Nowgorodern, erlaubte ihnen aber endlich zu ihrem großen Vergnügen nach Hause zu reisen und den Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch mit sich zu nehmen. Am 8ten August dieses Jahres starb Fürst Jaroslaw Jaropoltschitsch im Gefängnisse und hinterließ einen Sohn namens Jurji.

 

In eben diesem Jahre ward Sbislawa eine Tochter des Großfürsten Swätopolk ihrem Gemahl dem polnischen Prinzen Boleslaw zugesandt.

 

In eben diesem Jahre ward dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch ein Sohn Andrei gebohren.

 

In eben diesem Jahre zog Fürst Boris Wseslawitsch von Polozk gegen die Jatwägen,

 

 

 

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besiegte sie und legte auf seinem Rückzuge eine Stadt an, die er nach seinem Namen Borisow nannte und mit Einwohnern besezte.

 

Da die Polowzer nicht lange Frieden hielten und beständig neue verheerende Einfälle in Rußland thaten, kamen der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch, und Fürst Wladimir Wsewolodowitsch im Jahre 1103 bey Dolobsk zusammen, um sich wegen eines gemeinschaftlich zu unternehmenden Feldzuges gegen die Polowzer zu berathschlagen. Bey dieser Zusammenkunft saßen der Großfürst mit seinen Großen und Fürst Wladimir mit den seinen jeder in einem besondern Zelte.

 

Die Räthe des Großfürsten Swätopolk hielten für gut den Feldzug bis zum Herbst und nach der Erndte aufzuschieben, weil die Bauern bey einem Feldzuge im Frühlinge ihre Aecker versäumen und dadurch nicht geringen Schaden leiden würden *); Fürst Wladimir aber hielt dieses für sehr unüberlegt und sprach: „ist es denn besser, wenn wir um der Bauern zu schonen uns von den Polowzern bekriegen lassen, die bey ihren Einfällen die Ackersleute, sammt ihren Weibern, Kindern, Pferden und Vieh gefangen nehmen, und mit sich wegführen, welches sie

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*) Man hatte damals keine andere Kriegsvölker als Bauern, die in demselben Jahre vom Pfluge genommen wurden, und nach Endigung des Feldzuges wiederum dahin zurückkehrten.

 

 

 

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sie fast jedes Jahr thun, je nachdem die Leute irgendwo fahrläßiger sind, und sich mehr um ihre häusliche Geschäfte als um die gemeine Vertheidigung bekümmern, wodurch dann die Verwüstung von Jahr zu Jahr größer wird; brechen wir jezt auf, so werden zwar einige Aecker nicht gepflügt werden, wenn wir aber den Feind in schrecken sezen, und ihn von Einfällen abhalten, so werden die Nachbleibende, hiedurch gesichert, zuverläßig doppelt so viel pflügen und ärndten; wenn uns dann Gott hilft unsre Feinde besiegen, so werden sie lange keine Einfälle und Verheerungen des Landes wagen. Auch ist der Frühling darin für uns vortheilhaft, das unsre Pferde bey Kräften sind, die polowzischen aber sich noch nicht erholet haben und mit den unsrigen nicht gleiche Dienste thun können. *)“ Man kam endlich nach langem Streit überein dem Rathe des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch zu folgen, und ertheilte Befehl, daß sich die Truppen versammeln sollten.

 

Hierauf sandte man zu dem tschernigowschen Fürsten Olg und David, um sie zur Vereinigung mit den Fürsten Swätopolk und Wladimir einzuladen; Fürst David machte sich sogleich auf, und kam zu ihnen, Fürst Olg aber entschuldigte sich mit Krankheit.

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*) Hieraus bemerkt man, daß die polowzischen Pferde im Winter und Sommer im Felde geblieben, die rußischen aber zur Winterzeit im Stalle gehalten worden sind.

 

 

 

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Fürst Wladimir Wsewolodowitsch brach nach getroffener Verabredung zuerst auf, und nahm seinen Weg über Perejaslaw; ihm folgte der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch mit seiner Armee, und mit ihm Fürst David Swätoslawitsch, Fürst David Wseslawitsch von Polozk, Fürst Mstislaw Igors Enkel, Fürst Wseslaw Jaropoltschitsch des Großfürsten Neffe und Fürst Jaropolk Wladimirowitsch mit den Smolenskern. Die Fürsten selbst zogen zu Pferde, liessen das Fußvolk und schwere Gepäcke auf dem Flusse bis zu den Wasserfällen herabführen, und machten bey Tortschi neben der Insel Chortitsch unterhalb der Wasserfälle und oberhalb Konskiewodü Halt, wo sie sich bewafneten, eine Wache bey den Fahrzeugen zurückließen, in die Step vorrückten und am vierten Tage den Suten erreichten. Als die Polowzer erfuhren, daß die Russen gegen sie im Anzuge wären, versammelten sie gleichfalls einen Kriegsrath, zu welchem sich viele polowzische Fürsten einfanden, die mit einander überlegten was zu thun sey. Fürst Urußoba, ein bejahrter Mann, betrachtete den schlechten Zustand der polowzischen Pferde, und rieth vor allen, man sollte den rußischen Fürsten Gesandte schicken, und sich um einen Frieden bemühen, die jungen Fürsten aber widersezten sich diesem und sprachen zu ihm mit Verachtung: „Du fürchtest die Russen, wir aber fürchten sie nicht und wollen ihnen herzhaft entgegen gehen; anstatt sie zu beschenken und den Frieden zu kaufen, können wir lieber von ihnen gute Beute machen.“ Diese jungen

 

Vierter Band 1783.

 

 

 

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Fürsten trafen also einen gemeinschaftlichen Schluß, giengen dem rußischen Heere entgegen, und schickten den berühmten polowzischen Fürsten Antunop vor sich her. Indessen war von rußischer Seite Fürst Jaropolk Wladimirowitsch gleichfalls mit dem Vortrabe abgeordnet worden, welcher auf die Polowzer traf und sie mit solchem Vortheile angrif, daß Fürst Antunop mit allen seinen Leuten völlig geschlagen ward, und sich kaum selbst mit der Flucht retten konnte. Dieser Vorfall munterte die rußischen Truppen sehr aus, die Polowzer aber, die von diesem ihrem Verluste nichts erfuhren, näherten sich dem rußischen Heere, erreichten es am 4ten April bey Anbruch des Tages, und fingen das Treffen an, ergriffen aber bald die Flucht und wurden von den Russen so weit als es thunlich war verfolgt, die viele Gefangene zurück brachten. In dieser Schlacht blieben zwanzig polowzische Fürsten auf dem Plaz, unter welchen die Fürsten Urußoba, Araslanop, Kotschei, Kitanop, Kuman, Pukitan, Asup, dem damals Asow zugehörte, Kurkatsch, Tschenegrep, Surbar etc. die vornehmsten waren; Fürst Weledus aber ward gefangen. Von der rußischen Armee waren nur wenige und unter diesen keiner von vornehmen Stande geblieben. Man erbeutete viele Pferde, Vieh und Kameele, nebst dem polowzischen Lager mit Weibern und Kindern und andern Leuten; auch kamen die bey den Polowzern befindliche Torken mit ihren Hausgenossen und ihrem Vieh zum Großfürsten und brachten verschiedene rußische Gefangene mit sich.

 

 

 

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Nach diesem versammelten sich alle rußische Fürsten, feierten Gott dem Herrn ein Dankfest, und kehrten ungesäumt mit vieler Beute und großem Ruhm siegreich in ihr Land zurück.

 

In demselben Jahre fanden sich im Anfange des Augusts Heuschrecken ein, die vielen Schaden auf den Feldern verursachten.

 

In demselben Jahre zog Fürst Jaroslaw Swätoslawitsch von Räsan gegen die Morduanen und ward von ihnen in einer großen Schlacht überwunden.

 

Im Jahre 1104 am 20sten Julius reisete die Prinzeßin Maria, eine Tochter des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, nach Konstantinopel, um mit dem Prinzen Leo, einem Sohne des Kaiser Alexis vermählt zu werden.

 

Am 21sten August dieses Jahres reisete die Prinzeßin Predslawa, eine Tochter des Großfürsten Swätopolk zu ihrer Vermählung mit dem königlich ungarischen Prinzen Emmerich aus Rußland ab.

 

Gegen das Ende des Sommers schickte der Großfürst Swätopolk seine Truppen nebst dem Fürsten Jaropolk Wladimiritsch gegen den Fürsten Gleb Wseslawitsch von Minsk, welchem Feldzuge auch Fürst Olg Swätoslawitsch in Begleitung des Fürsten David Wseslawitsch beywohnte, sie kamen aber alle zurück, ohne etwas von Wichtigkeit unternommen zu haben.

 

In demselben Jahre ward dem Großfürsten Swätopolk ein Sohn gebohren, welcher den Namen Brätschislaw erhielt.

 

 

 

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Am 16ten December starb Fürst Wetscheslaw Jaropoltschitsch.

 

In demselben Jahre zeigte sich ein Komet welcher einen ganzen Monath lang zu sehen war.

 

Im Winter überfiel der polowzische Fürst Bonak die Torken und Berendeer in ihren Wohnsizen im Walde.

 

Im Jahre 1106 that ein Haufe Polowzer einen Einfall in der Gegend von Sarezk; der Großfürst Swätopolk aber sandte den Feldherrn Jan Sacharjitsch wieder sie, der sie einholte und die befreiten Gefangene nach Kiew brachte.

 

Am 17ten Februar dieses Jahres ließ sich Fürst Nikola Swätoscha, ein Sohn des Fürsten David Swätoslawitsch von Tschernigow im petscherischen Kloster zum Mönche aufnehmen.

 

In diesem Jahre ward Ewpraxia eine Tochter des Großfürsten Wsewolod Jaroslawitsch zur Nonne eingekleidet.

 

In diesem Jahre war eine Sonnenfinsternis.

 

In demselben Jahre unternahmen die polozkischen Fürsten, Söhne des Fürsten Wseslaw, einen Feldzug gegen die Simegolen (die Semgallen in Kurland) diese aber versammelten sich in großer Menge, überfielen die Polozker unversehens aus den Wäldern und überwanden sie.

 

Im Jahre 1107 erschien der polowzische Fürst Bonak vor Perejaslawl, und kehrte mit einem Haufen erbeuteter Pferde zurück, bald darauf aber kam er nebst dem Fürsten Schurakan dem ältern wieder

 

 

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und nahm seine Stellung bey Luben. Der Großfürst Swätopolk vereinigte sich mit dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Perejaslawl, Olg Swätoslawitsch von Tschernigow, Wätscheslaw Wladimirowitsch, und Jaropolk Wladimirowitsch von Smolensk, und brach mit ihnen und ihren Truppen nach Luben auf. Die Fürsten giengen am 12ten August in der sechsten Tages-Stunde (nach jeziger Rechnung um 11 Uhr Vormittags, weil man damals die Stunden von Aufgang der Sonnen bis zum Untergange, und vom Untergange der Sonnen bis zum Aufgange zählte) über die Sula, griffen die Polowzer ehe sie sich in Ordnung stellen konnten ohne Verzug mit ihrer ganzen Macht an, und besiegten sie, erbeuteten viele Pferde und verfolgten sie bis Chorol. In diesem Treffen blieb der polowzische Fürst Tasa, Bonaks Bruder, auf dem Plaze, Fürst Sugra wurde mit seinem Bruder gefangen, Fürst Schurakan aber rettete sich kaum mit der Flucht, auch erbeutete man das ganze Gepäcke.

 

Der Großfürst feierte mit allen übrigen Fürsten ein Dankfest, und kam am 15ten August mit Sieg und Beute nach Kiew zurück, wo dieses Sieges wegen große Freude herrschte.

 

Die Geschichtschreiber erzählen, daß Fürst Wladimir Wsewolodowitsch, als der weiseste und tapferste aller Fürsten (seiner Zeitgenossen) gerathen habe, daß man ungeachtet dieses Sieges auf Mittel denken müßte, um völlige Ruhe und Frieden mit den Polowzern zu gründen, wozu unter andern in Vorschlag gebracht ward, daß die Fürsten

 

 

 

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Wladimir und Olg jeder einen seiner Söhne mit einer polowzischen Prinzeßin vermählen sollten, weil man dadurch die Polowzer nicht nur zur Freundschaft, sondern auch zur Annahme der christlichen Religion und zu einer ruhigen gesitteten Lebensart zu bewegen hofte. Als dieses für gut befunden worden, wurde die Sache durch Gesandte berichtiget, die polowzischen Fürsten versprachen sich mit ihren Familien beym Chorol einzufinden, die Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, David Swätoslawitsch und Olg Swätoslawitsch erschienen mit vieler Pracht am besagten Ort und bestätigten den Vertrag. Fürst Wladimir nahm für seinen Sohn Jurii Wladimiritsch eine Tochter des Fürsten Aepin, Fürst Osenews Enkelin, Fürst Olg aber für seinen Sohn Swätoslaw Olgowitsch eine Tochter des Fürsten Aepa, Grigrenews Sohn; die Vermählung ward den 12ten Januar 1108 vollzogen, und man reisete von beiden Seiten vergnügt auseinander.

 

Am 4ten Januar des J. 1108 starb die Gemahlin des Großfürsten Isäslaw, des Großfürsten Swätopolks Mutter.

 

Am 5ten Februar dieses Jahres in der Abend-Dämmerung war in Kiew ein Erdbeben.

 

Am 7ten May starb die zweite Gemahlin des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch.

 

Am 11ten Julius legte der Großfürst Swätopolk die Kirche zum heiligen Michail mit der goldenen Spize an, welche nach seinem Namen benannt wurde, weil er in der heiligen Taufe den Namen Michail erhalten hatte.

 

 

 

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In diesem Jahre stand das Wasser in den Flüssen Dnieper, Desna und Pripet so hoch, als es bey Menschengedenken nicht gestanden hatte.

 

Am 20sten Julius starb Irina die Tochter die Tochter des Großfürsten Wsewolod Jaroslawitsch.

 

Im Jahre 1109 am 1oten Julius verstarb in ihrem Kloster Ewpraxia die Tochter des Großfürsten Wsewolod Jaroslawitsch.

 

Im J. 1110 zog des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch Feldherr Dmitrii Woronitsch gegen die Polowzer an den Donez, und kehrte nach einem am 1 Febr. gegen sie erfochtenen Siege wieder zurück.

 

Da man die Polowzer durch nichts zur Ruhe bringen, noch ihren Einfällen Einhalt thun konnte, so zogen der Großfürst Swätopolk, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch und Fürst David Swätoslawitsch nach genommener Verabredung im Frühlinge dieses Jahres gegen sie zu Felde, wurden aber durch große Kälte und Pferdesterben zum Rückzuge gezwungen. Bald darauf erschienen die Polowzer in großer Menge unvermuthet um Perejaslaw, machten bey Tutschin an der Sema viele Gefangene, und kehrten in ihr Land zurück.

 

Im Jahre 1111 sandte Fürst Wladimir Wsewolodowitsch zum Großfürsten Swätopolk und ließ ihm, in Betracht der öftern Einfälle der Polowzer und dadurch verursachten Verheerungen des Reichs, den Vorschlag thun, er möchte im Frühlinge die Fürsten zusammenberufen und Rath halten, welches der Großfürst zu thun versprach. Fürst Wladimir reisete ohne Zeitverlust selbst nach Kiew die Fürsten

 

 

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kamen bey Dolobsk zusammen, und faßten nach reifer Ueberlegung den Schlus, im Winter gegen die Polowzer zu Felde zu ziehen, welches sie auch dem Fürsten David in Tschernigow anzeigen ließen, der die sache gut hieß, und seinen Brüdern und Neffen sagen ließ, daß sie sich bereit halten sollten. Die Fürsten versammelten ihre Kriegsvölker und machten sich bald auf den Weg, nemlich der Großfürst Swätopolk mit seinem Sohne Jaroslawez, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch mit seinen vier Söhnen Wetscheslaw, Jaropolk, Andrei, und Jurii, Fürst David Swätoslawitsch mit seinen Söhnen und Neffen; sie vereinigten sich am Freytage der zweyten Fasten-Woche an der Alta, und brachen an demselben Tage auf. Am Sonnabende kamen sie an den Chorol, wo sie des wenigen Schnees wegen, und um das Gepäcke zu vermindern die Schlitten stehen ließen. In der dritten Fasten-Woche kamen sie an den Psel und von da an die Worskla; sie machten jenseit der Worskla am Fluße Goltwa Halte, und warteten daselbst die nachgebliebenen Truppen ab, hierauf brachen sie Mittwochs in der vierten Fasten-Woche wieder auf und sezten über viele Flüsse. Am Dienstage der sechsten Fasten-Woche kamen sie zum Donez, legten daselbst ihre Waffen an, ordneten die Stellung der Truppen und sezten ihren Zug weiter fort. sie kamen des Abends zur Stadt des Fürsten Schurakan *) und liessen die Einwohner befragen

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*) Am Donez findet man bis jezt viele alte verfallene Städte.

 

 

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ob sie sich wehren wollten; diese brachten Brod, Fische und Honig heraus und baten um Gnade und Schonung ihrer Stadt; die Fürsten nahmen von ihnen Brandschazung, blieben daselbst nur eine Nacht, und kamen Mittwochs zur Stadt des Fürsten Sugrow. Sie ließen die Bewohner gleichfalls zum voraus befragen: ob sie sich vertheidigen wollten; diese aber die sich auf die Festigkeit ihrer Stadt und auf die Menge der Einwohner verließen, unterwarfen sich nicht, sondern gaben eine stolze Antwort, worauf die Fürsten die Stadt von allen Seiten umringten, und sich derselben bald bemächtigten. Am Donnerstage kamen sie zum Fluße Donez-Sewerskoi, wo sich die Polowzer am Freytage als am 24sten März in großer Menge vor dem rußischen Heere sehen ließen. Als die rußischen Fürsten sie näher kommen sahen, giengen sie ihnen sogleich entgegen, ermahneten ihre Truppen zur Tapferkeit und stelleten sich, der Großfürst Swätopolk. mit seinen Leuten in der Mitte, Fürst Wladimir Wsewolodowitsch und seine Söhne auf den rechten, die tschernigowischen und alle übrige Fürsten auf den linken Flügel. Sie riefen Gott zu Hülfe und fingen das Treffen an; die Russen erhielten nach einiger Zeit die Oberhand, die Polowzer verliessen das Schlachtfeld, und das Treffen endigte sich mit einbrechender Nacht. Am Morgen des folgenden Sonnabends, als am Tage des heiligen Lazarus, und der Verkündigung der heiligen Mutter Gottes, feierten die Fürsten alle versammelt das Fest, und brachten Gott dem Herrn Lob und Dank der ihnen Sieg verliehen -

 

 

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hatte; sie blieben zwey Tage nemlich Sonnabend und Sonntag an diesem Ort, und bereiteten sich zu neuen Thaten, weil sie vernommen hatten, daß die Polowzer von der andern Seite des Dons herüber gekommen wären, und sich zusammen zögen. Am Montage der Charwoche, als am 27sten März, ka men sie zum Fluße Salniza und wurden eine große Menge Polowzer gewahr. Die Polowzer fingen an sich um das rußische Heer herum zu ziehen, um es von allen Seiten anzugreifen, die rußischen Fürsten aber gaben ihnen hiezu keine Zeit, sondern giengen sogleich in wohlgeordneten Haufen auf sie zu, da denn Fürst Wladimir Wsewolodowitsch zur Rechten den ersten Angrif that. Jezt erhob sich von der rechten Seite ein finsteres Gewitter, mit starkem Donner. Fürst Wladimir kehrte sogleich seinen rechten Flügel gegen den Feind, und wandte sich gegen das Feld, so daß seine Truppen das Ungewitter im Rücken hatten; er ritte zwischen den Reihen herum, und ermahnete alle, sie sollten auf Gottes Gnade hoffen und herzhaft vordringen. Das Gefecht ward nun allgemein und währete lange, die rußischen Truppen und Pferde fingen an zu ermatten, die rußischen Fürsten aber ritten unter ihren Truppen umher, beschworen sie inständig, und flößten ihnen durch ihr Beispiel neuem Muth ein, indem sie ungeachtet des fortwährenden finstern Gewitters und ungewöhnlich heftigen Donners, und ungeachtet ihrer Ermüdung, selbst in die Haufen der Polowzer eindrangen, sie auseinander trieben, und die Widerstehende herzhaft angriefen. Als Fürst Wladimir

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Wsewolodowitsch sahe, daß die Truppen des Großfürsten Swätopolk sehr ermüdet schon zu weichen anfingen, übergab er die seinigen seinem Sohne Jaropolk Wladimirowitsch, nahm seine Söhne und einige seiner Truppen zu sich, ritte vor dem großfürstlichen Truppen mitten unter die Polowzer, und rief mit starker Stimme: Wo ist ein Gott, groß wie unser Gott! Da dieses die großfürstlichen und seine eigene Leute gewahr wurden, stürzten sie alle hinter ihm her, in den Feind, wodurch das polowzische Fußvolk getrennt ward, und in Unordnung gerieth. Jezt ergriffen die Polowzer die Flucht, die Russen sezten ihnen nach und brachten einige tausend Gefangene und noch weit mehr Pferde und Vieh nach Rußland. Die rußischen Fürsten behielten nichts für sich, sondern überliessen die ganze Beute dem Heere und begnügten sich mit einem Siege, desgleichen sie bisher nie erfochten hatten. Sie ließen solches dem griechischen Kaiser, wie auch den Königen von Ungarn, Polen, Böhmen und andern bekannt machen; in Rußland aber ward auf ihren Befehl in allen Kirchen ein Dankfest gefeiert.

 

Am 7ten October desselben Jahres starb die Fürstin Anna, Stiefmutter des Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, und Mutter des Fürsten Rostislaw, welche im Kloster des heiligen Andrei begraben ward.

 

Im Jahre 1112 zog Fürst Jaroslawez ein Sohn des Großfürsten Swätopolk zum zweitenmal gegen die Jatwägen und besiegte sie. Nach seiner Rückkunft aus diesem Kriege sandte er nach Groß-Nowgorod

 

 

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zum Fürsten Mstislaw Wladimirowitsch und ließ sich dessen Tochter zur Gemahlin ausbitten, welche am 29sten Junius in Kiew ankam, wo man die Vermählung mit großer Freude feierte.

 

In demselben Jahre vermählte Fürst Wladimir Wsewolodowitsch seine Tochter Sophia mit einem königlich ungarischen Prinzen.

 

Am 13ten May starb Fürst David Igorewitsch.

 

Am 6ten November starb Anna eine Tochter des Großfürsten Wsewolod, und ward in der Kirche des Klosters zum heiligen Andrei (in Kiew) begraben, in welchem sie als Nonne in aller Gottseeligkeit und Enthaltsamkeit gelebt hatte.

 

Im Jahre 1113 den 19ten März in der ersten Tages-Stunde sahe man in Kiew eine Sonnenfinsternis.

 

Im demselben Jahre ward der Großfürst Swätopolk Isäslawitsch bald nach dem Osterfeste krank, und starb am 16ten April in Wüschegorod seines Alters im 54sten Jahre.

 

Er ward in Kiew begraben. Er hatte zwanzig Jahre regiert. seine Gemahlinnen waren:

 

1] Helena, eine Tochter des polowzischen Fürsten Tugorkan, von welcher 1) Fürst Mstislaw, 2) Fürst Isäslaw, 3) Fürst Jaroslaw, 4) Fürst Brätschislaw und zwey Töchter, nemlich Sbislawa Gemahlin des Königs Boleslaw III. von Polen, und Predslawa Gemahlin des Königs von Ungarn.

 

2] Eine zweite Gemahlin deren Name unbekannt ist, von welcher 1) Fürst Mstislawez, 2) Fürst Jaroslawez.

 

 

 

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Geschlechts-Register Swätopolks II.

Isäslaw I. Großfürst von ganz Rußland vom Jahre 1054 bis 1078.

oo Dessen Gemahlin eine polnische Prinzeßin, von welcher:

 

Swätopolk II. zuerst Fürst von Turow, nachher Großfürst von ganz Rußland vom Jahre 1093 bis 1113

oo Dessen Gemahlinen:

 

I. Helena, eine Tochter des polowzischen Fürsten Tugorkan, von welcher :

1) Fürst Mstislaw 2) Fürst Isäslaw 3) Fürst Jaroslaw 4) Fürst Brätschislaw 5) Die Prinzeßin Sbislawa, vermählt mit dem Könige von Polen Boleslaw III. 6) Die Prinzeßin Predslawa, vermählt mit dem Könige Emmerich von Ungarn.

 

II. Eine zweite Gemahlin deren Name unbekannt ist, von welcher: 7) Fürst Mstislawez 8) Fürst Jaroslawez.

 

Swätopolks Zeitverwandte, vom Jahre 1093 bis 1113 waren:

 

In Griechenland. Kaiser. Alexis I. von 1081 bis 1118.

 

In Deutschland. Kaiser. Heinrich IV. von 1056 bis 1106. Heinrich V. von 1106 bis 1125.

 

In Polen. Könige. Wladislaw I. von 1081 bis 1102. Boleslaw III. von 1102 bis 1139.

 

In Böhmen. Fürsten. Bretschislaw II. von 1093 bis 1100. Borsiwoi II. v. 1100 bis 1107. Swätopolk II. v. 1107 bis 1109. Wladislaw III. v. 1109 bis 1125

 

 

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In Sachsen. Fürsten. Magnus von 1073 bis 1106. Lothar von 1106 bis 1136.

 

In der Pfalz. Fürsten. Heinrich von 1045 bis 1095. Siegfried von 1095 bis 1113.

 

In Brandenburg. Fürsten. Udon II. von 1087 bis 1106. Rudolf I. von 1106 bis 1115.

 

In Baiern. Fürsten. Welf I. von 1071 bis 1102. Welf II. von 1102 bis 1119.

 

In Braunschweig. Fürst. Gertrud von 1090 bis 1113.

 

In Ungarn. Könige. Wladislaw I. von 1077 bis 1095. Koloman von 1095 bis 1114.

 

In Dänemark. Könige. Olg oder Olaus IV. von 1086 bis 1095. Erick III. von 1095 bis 1106. Nikolaus von 1106 bis 1135.

 

In Arabien. Kalifen. Mostadi Wamrilla XLVI Kalif von 1075 bis 1094. Mostader XLVII Kalif von 1094 bis 1118.

 

In Egypten. Kalifen. Awu Tamin Mostaser von 1036 bis 1094. Awul Kasem Mostali von 1094 bis 1101. Awul Mansor Amer von 1101 bis 1130.

 

In Ikonium. Sultane. Kilidsche Arslan von 1085 bis 1107. Saisan von 1107 bis 1117.

 

In Alepo. Sultane. Tutusch von 1078 bis1095. Redwan von 1095 bis 1114.

 

In Damask. Sultane. Dekak von 1095 bis 1103. Togtegin von 1103 bis 1127.

 

 

 

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In Frankreich. Könige. Philipp I. von 1060 bis 1108. Ludwig VI. von 1108 bis 1137.

 

In England. Könige. Wilhelm II. von 1087 bis 1100. Heinrich I. von 1100 bis 1135.

 

In Schottland. Könige. Donald VI. von 1093 bis 1094. Dunkan II. von 1094 bis 1095. Donald VI. von 1095 bis 1098. Edgar von 1098 bis 1107. Alexander I. von 1107 bis 1124.

 

In Spanien. Könige. Alphons VI. von 1065 bis 1109. Wraka und Alphons VII. von 1109 bis 1126.

 

In Toskana. Groß-Herzog. Matilda von 1076 bis 1115.

 

Patriarchen zu Konstantinopel. Nikolaus von 1084 b. 1111. Johann von 1111 bis 1134.

 

Römische Päbste. Urban II. von 1088 bis 1099. Paschal II. von 1099 bis 1118.

 

Mitropoliten zu Kiew. Ephrem von 1091 bis 1097. Nikolai von 1097 bis 1107. Nikifor von 1107 bis 1122.

 

In Rußland. Abgetheilte Fürsten.

 

In Tschernigow. Wladimir Wsewolodowitsch von 1078 bis 1094. Olg Swätoslawitsch von 1094 bis 1096. David Swätoslawitsch von 1096 bis ___.

 

In Perejaslawl. Rostislaw Wsewolodowitsch von 1078 bis 1093. Wladimir Wsewolodowitsch von 1093 bis ___.

 

In Smolensk. Mstislaw Wladimirowitsch von ___ bis 1094. Isäslaw Wladimirowitsch von 1094 bis 1095: David Swätoslawitsch von 1073 bis ___.

 

In Rostow. Olg Swätoslawitsch von 1073 bis 1094.

 

In Nowgorod. David Swätoslawitsch von 1087 bis 1095. Mstisaw Wladimirowitsch von 1095 bis ___.

 

 

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In Murom. Isäslaw Wladimirowitsch von 1095 bis 1096.

 

In Räsan. Jaroslaw Swätoslawitsch von 1078 bis ___.

 

In Wladimir in Wolhy. David Igorewitsch von 1087 bis 1100.

 

In Peremüschl. von 1095 bis 1096. Wolodar Rostislawitsch von 1078 bis ___.

 

In Terebowl. Waßilko Rostislawitsch von 1078 bis ___.

 

 

Im Jahre 1096 wurden die Besizungen der Fürsten folgendermaßen bestimmt:

 

1) Dem Großfürsten Swätopolk: als Isäslaws Sohn Turow, Sluzk, Pinsk, und alle Städte disseits des Pripet bis zum Bug.

2) Demselben als Großfürsten das Fürstenthum Kiew mit dem dazu gehörigen Gebiethe bis an den Fluß Gorün, und Groß-Nowgorod.

3) Den Söhnen des Fürsten Swätoslaw Jaroslawitsch, Olg, Jaroslaw, Boris, Gleb, Roman, David Igor und Swätoslaw, Nowgorod-Sewerskoi, die Wätitschen, Murom, und Tmutarakan (Räsan).

4) Dem Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch, Perejaslaw, Rostow, Smolensk und Susdal.

5) Dem Fürsten David Igorewitsch, Wladimir in Wolhynien und Luzk bis an den Gorün.

6) Den Enkeln des Fürsten Wladimir Jaroslawitsch von dessen Sohn Fürst Rostislaw Wladimirowitsch den Fürsten Wolodar, Waßilko, Rurik, die tscherwenischen Städte Tscherwen, Peremüschl, Terebowl, Swenigorod und andre mehr;

 

In Polozk. Wseslaws Söhne, David, Roman, Gleb, Swätoslaw, Georg und ihre Vettern Boris, Roman und Rochwold.

 

In Buschsk und Dorogobusch. David Igorewitsch.

 

In Wladimir in Wolhy. Jaroslawez Swätopoltschisch.

 

 

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32.

Großfürst Wladimir II. in der heiligen Taufe Feodor genannt mit dem Zunamen Monomach.

Nach dem im Jahre 1113 erfolgten Tode des Großfürsten Swätopolk Isäslawitsch sandten die kiewschen Großen sogleich zu den rußischen Fürsten um ihnen selbigen bekannt zu machen. Die Kiewer wünschten insgesammt den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch von Perejaslawl auf dem kiewschen Throne zu sehen, weil er vor allen rußischen Fürsten seiner Zeit mit Tugenden geschmückt und mit Siegen gekrönt war. Die Geschichtschreiber sagen: die benachbarten und die seiner Herrschaft unterworfenen Völker fürchteten und liebten ihn, er war nicht stolz, erhob sich nicht im Glück und verzagte im Unglück nicht, er war gegen alle gnädig und freygebig, richtete Recht nach den Gesezen, bestrafte zwar das Verbrechen, milderte aber jederzeit das Schicksal des Schuldigen; er war schön von Gesicht, hatte große Augen, gelbliches krauses Haar, eine hohe Stirne und einen starken Bart; er war nicht sehr groß von Wuchs aber von festem Gliederbau und sehr stark, in Kriegssachen erfahren und tapfer. Er war nur einmal, nemlich bey Tripol, überwunden worden, und mochte dessen nie erwähnen, theils aus Mitleid über seinen damals ertrunkenen Bruder Rostislaw den er

 

Vierter Band 1783.

 

 

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sehr geliebt hatte, theils aus Scham, daß er durch Swätopolks unordentliches Betragen dazu gebracht worden war.

 

Als Fürst Wladimir Wsewolodowitsch von Perejaslawl den Tod des Großfürsten Swätopolk erfuhr, war er sehr betrübt und weinete bitterlich, weil sie einander als leibliche Brüder geliebt hatten. Die Fürsten Olg Swätoslawitsch und David Swätoslawitsch konnten zwar, als Söhne eines ältern Bruders des Großfürsten Wsewolod, Wladimirs Vaters, Ansprüche auf den kiewschen Thron machen, der größte Theil der Kiewer aber wollte nichts von Swätoslaws Nachkommenschaft hören, weil sie dem Großfürsten Isäslaw und seinem Sohne Swätopolk wider diese Fürsten gedient hatten und sich daher zu ihnen nichts gutes versahen. Diese Feindschaft ging in der Stadt Kiew selbst so weit, daß die Häuser derer die Swätoslaws Söhne auf den kiewschen Thron zu bringen suchten, geplündert wurden, unter welchen auch das Haus des Tüsäzki Putäta war. Nach diesem fiel man die Juden an, die unter Swätopolk