Clemens Schwarte 1905: Die neunte Kur und Braunschweig-Wolfenbüttel

MÜNSTERSCHE BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSFORSCHUNG

 

IN VERBINDUNG MIT DEN MÜNSTERSCHEN FACHGENOSSEN


HERAUSGEGEBEN VON DR. ALOYS MEISTER,


PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ZU MÜNSTER

 

NEUE FOLGE. VII. (DER GANZEN REIHE 19. HEFT).

 

DIE NEUNTE KUR UND BRAUNSCHWEIG-WOLFENBÜTTEL

 

VON DR. CLEMENS SCHWARTE.

 

1905. COPPENRATHSCHE BUCHHANDLUNG, MÜNSTER (WESTF.)

 

 

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Vorliegende Arbeit stützt sich auf Archivalien der Staatsarchive zu Hannover und Münster, sowie des Herzoglichen Braunschweig. - Lüneburg.

Landeshauptarchives zu Wolfenbüttel, deren Leitern und Beamten ich an dieser Stelle meinen besten Dank abstatte. Nicht unerwähnt möchte ich dabei lassen, daß Herr Archivrat Dr. Zimmermann-Wolfenbüttel die große Güte hatte, mir auch brieflich manche Erläuterung und Aufklärung zu geben. Ganz besonders bin ich aber Herrn Prof. Dr. Meister verpflichtet, der mich zu dieser Arbeit anregte und mir mit seinem Rate zur Seite stand.

 

Bei der Benutzung des wolfenb. Materials habe ich einiges beiseite lassen können, wenn mir die hannoverschen Archivalien schon eine einwandsfreie Information boten. Trotz der Fülle der einschlägigen Quellen in Hannover und Wolfenbüttel glaubte ich aber die im Königl. Staatsarchiv zu Münster befindlichen Akten und Korrespondenzen betreffend die neunte Kur einsehen zu müssen, weil mir hier wichtige Aufschlüsse über die Stellung der deutschen Kirchenfürsten zur hannoverschen Kur geboten wurden. Die Beteiligung der geistlichen Kurfürsten und Fürsten an der Opposition wurde indes nur in soweit in Betracht gezogen, als es zum Verständnis des allgemeinen Verlaufes des Kurstreites notwendig war, und vor allem die nahen Beziehungen der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel zu dem Bischof von Münster es erforderten.

 

Mit Bezug auf die dänische Politik gegenüber der hannoverschen Kur gab mir die Korrespondenz Münsters mit Dänemark einige Winke. Im übrigen empfand ich den Mangel an dänischen Quellen in gleicher Weise, wie A. Schulte („Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden.“ Karlsruhe 1692. 1, 168, Anmerkung 3.) Über die wichtigen Verbindungen

 

 

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des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel zu Ludwig XIV. hoffe ich auf Grund der wolfenbüttelschen Archivalien hinreichende Aufklärung geben zu können. Ziel und Zweck dieser Arbeit aber legten mir nicht nur in diesem Punkte, sondern auch im allgemeinen oft weitgehende Beschränkungen auf.

 

Bei den näher mitgeteilten Schriftstücken habe ich womöglich den alten Wortlaut genau wiedergegeben, jedoch habe ich bei manchen -- vornehmlich Abschriften -- einige unbedeutende Korrekturen in der Interpunktion und Orthographie vornehmen müssen. Was die Angabe der Archivalien betrifft, so habe ich besonders vermerkt, ob Sie Konzepte oder Abschriften sind; fehlt dieser Hinweis, so sind es meistens Originale.

 

 

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Abkürzungen:

 

H. St. = Hannov. Staatsarchiv.

M. St. = Münst. Staatsarchiv.

W. L. = Wolfenbütt. Landeshauptarchiv.

Z. d. hist. Ver. f. Nieders = Zeitschrift des histor. Vereins für Niedersachsen.

 

R. d. I. = Recueil des instructions données aux ambassadeurs et ministres de France depuis les traités de Westphalie jusqu‘ à la revolution française. Paris 1884 ff.

 

 

Übersicht über das benutzte ungedruckte Material:

 

Königl. Staatsarchiv zu Hannover: Calbg. Br. Des. 24. Wolfenbüt Nr. 121 (1692/93), Nr. 122 (1692/97), Nr. 123 (1692--1706), Nr. 124 (1694), Nr. 125 (1695), Nr. 126 (1698), Nr. 127 (1698-1702), Nr. 128 (1698--1703), Nr. 129 (1699-1700), Nr. 130 (1699--1701), Nr. 140--143 (1702), Nr. 147 (1703), Nr. 149 (1703/04), Nr. 152 (1705/06), Nr. 153 (1706), Nr. 155 (1706), Nr. 156 (1706/07), Nr. 157 (1706/08), Nr. 161 (1707).

 

Calbg. Br. Arch. Des. 11. Nr. 586, 588, 589, 591, 593, 596 (1692), Nr. 600, 601 (1692/93).

 

Celle Br. Arch. Des. 68 (Konferenzprotokolle). Nr. 55 (1690-1699), Nr. 56 (1700-1705).

 

Königl. Staatsarchiv zu Münster: M. L. A. 473 (Reichssachen Nr. 103, 104 (1692), Nr. 105, 106 (1693), Nr. 107, 108 (1693), Nr. 109, 110, (1694), Nr. 111, 113 (1696), Nr. 113--116 (1696/97), 116, 117 (1698/99), Nr. 118--125 (1700), Nr. 126--127 (1701--1708).

 

F. M. (Verträge): Nr. 4761 (1691), Nr. 4769 (1692), Nr. 4770 (1692), Nr. 4771, 4774 (1693), Nr. 4780 (1694), Nr. 4780 (1694), Nr. 4782--4784 (1695), Nr. 4798 (1698), Nr. 4805 (1699).

 

Herzogl. Braunschw.-Lüneburg. Landeshauptarchiv. „Neunte Kur“ Nr. 5 (1692), Nr. 7 (1692--1697), Nr. 8 (1693/94), Nr. 10 (1682, 1697), Nr. 11 (1692--1697), Nr. 14 (1693-1694), Nr. 15 (1694-1696), Nr. 16 (1694), 17 (1694-1695), Nr. 19 (1696--1696), Nr. 21 (1696-1698), Nr. 22 (1697), Nr. 23 (1697), Nr. 24 (1697--1698), Nr. 26 (1698), Nr. 29 (1698), Nr. 30 (1700), Nr. 31 (1700), Nr. 32 (1701), Nr. 33 (1700), Nr. 34 (1700/01), Nr. 35--38 (1701), Nr. 39, 45 (1702), Nr. 46 (1704), Nr. 47 (1692--1703), Nr. 48 (1705), Nr. 49 (1705-1712), Nr. 50 (1692-1708), Nr. 52 (1707/08).

 

 

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Inhalt.

 

Einleitung.

Die Primogenitur und die Kurwürde im hannoverschen Fürstenhaus . . 1

 

I. Von der Verleihung der Kurwürde bis zur Investitur Ernst Augusts . . 10

1. Die ersten Auseinandersetzungen im Welfenhause wegen der Kur . . 10

2. Der wolfenb. Hof findet Unterstützung beim Fürstenstande . . 18

 

Il. Von der Investitur bis zum Tode Ernst Augusts . . 35

1. Die Folgen der Investitur: Declaratio nullitatis, Fürstenverein . . 35

2. Umschwung der kaiserlichen Politik . . 37

3. Bündnisse der Hauptopponenten und der Streit um Ratzeburg . . 39

4. Englische-holländische Mediation und Schwanken der wolfenb. Herzöge . . . . 42

5. Der Fürstenkongreß zu Frankfurt . . 49

6. Die Abnahme der Opposition und kleinere diplomatische Aktionen . . 57

 

III. Vom Regierungsantritt Georg Ludwigs bis zur Introduktion Hannovers . . . 69

1. Erneute Versöhnungsversuche im braunschweig. -lüneburgischen Fürstenhause . . 69

2. Wiederbelebung der Opposition im Reiche und völliger Anschluß Wolfenbüttels an Ludwig XIV. . . . 72

3. Die Neubelehnung Georg Ludwigs, die Fürstenkongresse zu Goslar und Frankfurt, sowie die Requisition der Garanten des Westfälischen Friedens . . . 79

 

 

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VIII

 

4. Die kriegerischen Verwicklungen im Norden Deutschlands und das Vorhaben Herzog Anton Ulrichs . . 91

5. Herzog Anton Ulrich und die französische Neutralitätspartei im spanischen Erbfolgekrieg . . . 95

6. Invasion der wolfenbüttelschen Lande . . . 108

7. Beilegung der Streitigkeiten im Welfenhause und Anerkennung der neunten Kur im Reich . . . 114

 

Schluß: Die Gründe für die lange Dauer des Streites um die neunte Kur und die Bedeutung der Teilnahme der wolfenbütt. Herzöge an der Opposition . . . 129

 

 

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Einleitung.

 

 

Die Primogenitur und die Kurwürde im hannoverschen rstenhaus.

 

Von den deutschen Fürstengeschlechtern hat das Welfenhaus am meisten unter der Uneinigkeit seiner Mitglieder zu leiden gehabt. 1) Der dreißigjährige Krieg ließ die Fürsten der braunschweigisch-lüneburgischen Lande zu einer besseren Einsicht kommen, denn nur durch ein einträchtiges Zusammenarbeiten konnte das Land von den Schlägen des unglückseligen Krieges geheilt werden.

 

Der Staatsstreich Johann Friedrichs aber fachte den Hader im fürstlichen Gesamthause wieder an. Glücklicherweise kam in dem Vertrag von Hildesheim am 2.12. September 1665 eine Einigung zustande : Georg Wilhelm erhielt das Fürstentum Celle mit den Grafschaften Diepholz und und Hoya, während Johann Friedrich Calenberg, Göttingen und Grubenhagen zuerkannt wurden.

 

Nach dem Tode Johann Friedrichs (1679) erlangte Ernst August die Regierung im Fürstentum Calenberg und den dazu gehörigen Gebieten. Mit scharfem Blick erkannte er, wie sehr die beständigen Teilungen die Macht des braunschweigisch-lüneburgischen Hauses zersplittert hatten. Deshalb

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1) Vergleiche: Havemann: „Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg.“ Göttingen 1857, III, 200 ff., 284 ff.

Köcher: „Geschichte von Hannover und Braunschweig.“ Leipzig 1884. I, 343 ff.

Heinemann: „Geschichte von Braunschweig und Hannover.“ Gotha 1892. III, 102 ff.

Klopp: „Die Werke von Leibniz.“ Hannover 1866. V. Einltg.

 

 

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strebte Ernst August eine Einigung und Vergrößerung seines Besitzes mit großer Energie und starrer Konsequenz an.

 

Die Verwirklichung seiner Pläne wurde ihm wesentlich durch das Entgegenkommen und die Willfährigkeit seines älteren Bruders Georg Wilhelm erleichtert. Die beiden Brüder hatten manche Charaktereigenschaften gemeinsam, wenn auch Georg Wilhelm im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder der Ehrgeiz fehlte. Von Natur aus leichtlebig und genußsüchtig, jedoch eines ritterlichen Sinnes nicht entbehrend, schlossen die Fürsten desto leichter treue Freundschaft für das Leben. Einen Beweis seiner brüderlichen Liebe gab Georg Wilhelm mit dem Versprechen, keine standesgemäße Heirat einzugehen, so daß nach seinem Tode der cellische Besitz Ernst August anheimfallen mußte.

 

Als der Herzog von Celle später trotz dieser Verpflichtung seine Heirat mit der Eleonore d'Olbreuse von seiner Familie anerkannt wissen wollte, räumte er ausdrücklich Ernst August und dessen Nachkommen die Nachfolge in seinen Landen ein (14. Juni 1680). 1) Bald darauf gab er auch seine Zustimmung zu der Primogenitur in den nach seinem Tode zu vereinenden beiden Fürstentümern (21. Oktober 1682) 2). Eine Heirat seiner Tochter Sophie Dorothea mit dem Erbprinzen von Calenberg sollte die Bande zwischen den beiden fürstlichen Familien noch enger knüpfen, während die kaiserliche Garantie des Primogeniturstatuts das erlassene Hausgesetz gegen etwaige Angriffe sichern sollte (1. Juli 1683).

 

Die Notwendigkeit dieser Maßnahme zeigte sich, als die jüngeren Söhne Ernst Augusts, die nur mit Apanagen bedacht worden waren, das Übereinkommen ihres Vaters mit Georg Wilhelm anfochten. Der Widerstand der Prinzen drohte um so gefährlicher zu werden, da sie von der älteren Linie Braunschweig-Wolfenbüttel in ihrem Unternehmen ermutigt wurden.

 

In die Regierung des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel teilten sich seit 1685 die Herzöge Rudolf August und

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1) Havemann: III, 288 ff. 2) ebenda S. 295 ff.

 

 

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Anton Ulrich. 1) Beide Fürsten hatten von ihrem Vater, Herzog August dem Jüngeren, die Liebe zu gelehrten Studien geerbt. Sonst waren die Brüder von Charakter grundverschieden. Rudolf August fand Freude an einem stillen, ruhigen Leben und überließ deshalb am liebsten die aufregenden Regierungsgeschäfte seinem jüngeren Bruder, der ihn körperlich und geistig weit übertraf.

 

Schon die äußere Erscheinung Herzog Anton Ulrichs verriet den Regenten. Die scharfen Züge um die Lippen und das starke Kinn wiesen auf Tatkraft und Entschlossenheit, seine schöne, hohe Stirn auf Klugheit und Verstand hin, während sein Auge forschend und scharf blickte. 2). Seine stattliche Gestalt, sein selbstbewußtes und doch liebenswürdiges Benehmen, seine gewandte, vielseitige Unterhaltungsgabe nahmen den Besucher des wolfenbüttelschen Hofes gefangen. 3) In regem, geistigen Verkehr stand der Fürst mit Leibniz, dem er die Bibliothek zu Wolfenbüttel unterstellte. 4) Durch seine eigene, bedeutende literarische Tätigkeit aber wurde Anton Ulrich bald weit über die engen Grenzen seines Fürstentums hinaus bekannt. 5)

 

Ein noch größeres Interesse brachte der hochtalentierte Herzog dem glänzenden Hofleben und den verschlungenen Pfaden der Diplomatie entgegen. In seiner Jugend hatte Anton Ulrich mehrere Monate am Hofe Ludwigs XIV. zugebracht und die französische Staatskunst, Galanterie und Verschwendung kennen gelernt. Das Leben und die Anschauungen zu Versailles nahm er nun in manchen Punkten zum Vorbild; all' sein Sinnen war auf glänzende Herrschermacht

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1) Siehe: Köcher, Havemann, Heinemann und Klopp an den schon erwähnten Stellen.

2) Nach einem Porträt Herzog Ant. Ulrichs im herzogl. Residenzschloß zu Braunschweig. Vergleiche ferner Sonnenburg: „Herzog Anton Ulrich von Braunschweig als Dichter.“ Berlin 1896. S. 94 ff.

3) Gregoire Leti: „Abregé de l'histoire de la Maison Serenissime et Electorale de Brandebourg.“ Amsterdam 1687. S. 354.

4) Bodemann: Leibnizens Briefwechsel mit dem Herzog Anton Ulrich.“ Z. d. hist. Ver f. Nieders. 1888.

5) Sonnenburg a. a. O.

 

 

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gerichtet. Ein unbändiger Ehrgeiz ließ Anton Ulrich stets auf die Vergrößerung seines Hauses bedacht sein, wodurch er von selbst in eine feindliche Stellung zum Herzog Ernst August geriet, der für die jüngere Linie dasselbe Ziel verfolgte. Die in Aussicht stehende Vereinigung von Hannover und Celle erregte in hohem Maße seinen Neid, zumal er auf dem besten Wege gewesen war, sich die reiche cellische Erbschaft durch eine Heirat seines ältesten Sohnes August Friedrich mit der einzigen Tochter Georg Wilhelms zu sichern. Durch den frühen Tod des hoffnungsvollen Prinzen und die beschlossene Verbindung des hannoverschen Erbfolgers mit Sophia Dorothea ging der wolfenbüttelschen Linie die Aussicht auf die Erwerbung von Celle verloren. Anton Ulrichs Erbitterung wandte sich nun um mehr gegen Ernst August von Hannover, da er glaubte, daß dieser die Einwilligung seines Bruders zu der Heirat erlistet habe. 1)

 

Gesteigert wurde sein Groll noch durch einige Vorkommnisse, wie die Anbringung des wolfenbüttelschen Wappens in den gemeinsamen Städten des Harzes unter dem hannoverschen und zum Teil auch seine völlige Entfernung, Ereignisse an und für sich nicht von großer Bedeutung, die aber die wahren Absichten Ernst Augusts kennen ließen. Kurze Zeit nachher überbrachte ein cellischer Abgesandter dem wolfenbüttelschen Hofe den Vorschlag, die Altersrechte gegen eine Abfindungssumme der jüngeren Linie auf immer zu überlassen. 2)

 

Nun war es Herzog Anton Ulrich völlig klar, daß eine Erstarkung der Macht des hannoverschen Fürstenhauses nur auf Kosten der älteren Linie geschehen konnte und sollte. Dieses Opfer aber wollte der tatkräftige Fürst seinen Verwandten nicht bringen, er war vielmehr darauf bedacht, bei Zeiten seine Gegenmaßregeln zu treffen.

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1) Köcher: „Die Prinzessin von Ahlden.“ Sybels hist. Zeitschr. Bd. 48.

2) Hoeck: „Anton Ulrich und Elisabeth Christine.“ Wolfenbüttel 1845. S. 40.

 

 

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Unter diesen Umständen fanden die jüngeren hannoverschen Prinzen mit ihren Klagen über die durch das Primogeniturgesetz erlittene Zurücksetzung bei Anton Ulrich bereitwillig Gehör. Der Fürst nahm keinen Anstand, für die Söhne Ernst Augusts einzutreten und zu erklären, daß er auf Grund des Testaments von Herzog Georg und des von seinem Vater garantierten Vergleichs von Hildesheim die Primogenitur, die Vereinigung der beiden Herzogtümer und die von den Prinzen geforderte eidliche Verzichtleistung in seinem Gewissen nicht gutheißen könne. 1) Der kindliche Gehorsam -- so ließ sich Anton Ulrich weiter vernehmen -- ginge nicht soweit, daß man sich zum Nutzen seiner Brüder unterdrücken lassen sollte. 2)

 

Solche Worte erregten in Hannover natürlich die größte Entrüstung. Jedoch gelang es Rudolf August, seinen Bruder zu dem Versprechen zu bewegen, sich in die häuslichen Angelegenheiten der Vettern nicht einzumischen und dem Prinzen Friedrich August zur Unterwerfung unter den väterlichen Willen zu raten. 3)

 

An diese Verpflichtung hielt sich Anton Ulrich bald nicht mehr. Mit allen Mitteln unterstützte er nach dem Tode des Prinzen Friedrich August den Protest des drittältesten Sohnes des Herzogs von Hannover, Maximilian Wilhelm. Der wolfenbüttelsche Sekretär Blume und der Oberstleutnant Moltke vermittelten die Korrespondenz des Prinzen mit seinem Oheim. Auch der Oberjägermeister Otto Friedrich v. Moltke war in die Verschwörung verwickelt. Man gedachte die Hülfe des Auslandes zu requirieren und Maximiliar Wilhelm durch Vermittlung des dänischen Königs eine Pension Ludwigs XIV. zu verschaffen. Der Plan wurde entdeckt, der Sekretär Blume in Haft genommen, der Oberjägermeister Moltke hingerichtet, während Anton Ulrich „der Mitanstifter und Direktor“ natürlich nicht zu fassen war. Letzterer verlor

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1) Havemann III, 300.

2) Klopp V, 114/115. Anderseits gestand Anton Ulrich, daß er nicht den Mut gehabt hätte, so gegen den eigenen Vater aufzutreten, wie die Söhne Ernst Augusts es getan hätten. (ebenda.)

3) Havemann III, 301.

 

 

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in dieser kritischen Situation nicht einen Augenblick seine Fassung. Jede Teilnahme an dem Anschlage stritt er ab und verlangte mit eindringlichen Worten die Auslieferung des Sekretärs und seine Vernehmung in Wolfenbüttel in Gegenwart eines hannoverschen Abgesandten. 1)

 

Herzog Ernst August von Hannover aber hatte den Widerstand gegen die Primogenitur glücklich gebrochen, jedoch sollte dieses wichtige neue Hausgesetz nur die Vorstufe bilden zu einem weit größeren Unternehmen -- der Erwerbung der Kurwürde für Hannover.

 

Die Errichtung einer hannoverschen Kur hatten bei der steigenden Macht und Bedeutung des braunschweigisch-lüneburgischen Fürstenhauses schon lange einsichtsvolle Staatsmänner vorausgesehen. 2) Eine greifbarere Gestalt nahm diese Frage an, als im Jahre 1685 die protestantische Kurstimme von Pfalz-Simmern an die katholische Linie von Pfalz-Neuburg kam, und den protestantischen Kurfürsten die Übertragung einer neuen Kur an einen ihrer Glaubensgenossen nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig

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1) „Extract deßen was in der Primogenitursache, soviel Anthon Ulrichs Dchlt. betrifft, passiret . . .“ (H. St.) Beglaubigte Erkl. Anton Ulrichs im wolf. Geheimen Rat 22./1. 1694. (W. L.): Anton Ulrich versicherte auch jetzt noch, daß er seinem Versprechen gemäß mit Friedrich August nicht mehr korrespondiert habe, obwohl ich -- so fuhr der Herzog fort -- auf sein Ansuchen Ihm einen Advocaten zugewiesen, der die vom Kayser Ihm zur Beantwortung communicirte Schrift refutiren möchte, so hab Ich Ihm doch dazu keinen Raht gegeben, wiewohl Ich dazumahl, da dieses geschehen, an mein Wort auch so stricte nicht mehr gebunden gewesen, da Bekannter maßen der Herzog von Hannover sein gegenversprechen gar wenig beobachtet, sondern zu völliger abaissirung meines Hauses die Chur schon zu Augspurg gesuchet.“ Auch den Prinzen Maximilian Wilhelm habe er nicht unterstützt, sondern seine Klagen nur angehört, wie die eidlichen Aussagen des Sekretärs Blume es bestätigten. Vergleiche auch: Havemann III, 302 ff.

2) Erdmannsdörffer: „Deutsche Geschichte vom westfäl. Frieden bis zum Regierungsantritt Friedrichs des Grossen.“ Berlin 1892. 1, 168. Schaumann: Geschichte der Erwerbung der neunten Kur für die hannoverschen Lande.“ Z. d. hist. Ver. f. Nieders. 1874.

 

 

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erschien. Unter anderen riet deshalb der Große Kurfürst dem Herzog von Hannover sich um die Kurwürde zu bewerben, da durch die Einführung eines neuen katholischen Kurfürsten die evangelische Religion gefährdet werde. 1)

 

In der Tat hielt Ernst August auf dem Reichstag zu Augsburg 1689 1690 bei Gelegenheit der Königswahl um die Kurwürde an. Die Majorität der Mitglieder des Kurfürstenkollegiums war dem Gesuch günstig gestimmt. Der kaiserliche Bescheid vom 22. Januar 1690 war jedoch ausweichend. 2) Er gestand dem Herzog von Hannover weder die Kurwürde zu, noch schlug er sie ihm ab. Die Bedenken Leopolds I. wurden zum Teil durch die ablehnende Haltung Georg Wilhelms dem Kurgesuche seines Bruders gegenüber hervorgerufen. 3) Hinzu kam noch, daß, wie nicht anders zu erwarten war, der wolfenbüttelsche Hof nichts von einer Erhebung Hannovers zur Kur wissen wollte. Ernst August sah nun wohl ein, daß er vor allem seinen Bruder gewinnen mußte, bevor er an einen neuen Vorstoß in der Kursache denken konnte.

 

Ende November 1691 berieten sich die beiden Brüder in der Kurfrage zu Harburg und Hamburg, und schon im folgenden Monat gab Georg Wilhelm seine Zustimmung. 4)

 

Die politische Konstellation war zu dieser Zeit einem erneuten Bemühen Hannovers um die Kurwürde günstig. Der Wiener Hof war nämlich in großer Besorgnis wegen der Bildung einer sogenannten französischen „dritten“ Partei

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1) Schaumann a. a. O.

2) Klopp VI, Einleitung S. 51

3) Der Kaiser an Cöln 27. Mai 1692 (M. St. Absch.)

4) Schaumann in dem schon erwähnten Aufsatz stellt die Sache so dar, als wenn eine befriedigende Einigung zwischen Georg Wilhelm und Ernst August Ende des Jahres 1689 erfolgt sei. Daß die ersten Unterhandlungen Hannovers in der Kurfrage zum Teil an der Uneinigkeit der Brüder scheiterten, vermerkt er gar nicht, wie überhaupt ein ganz einseitiger hannoverscher Standpunkt den Artikel kennzeichnet. Havemann III, 327 setzt die Verständigung zwischen den beiden Herzögen Ende November 1691 an. Zu diesem Zeitpunkt fanden in der Tat nähere Besprechungen statt; die eigentliche Entscheidung Georg Wilhelms erfolgte aber erst im Dezember 1691. (Georg Wilhelm an Wolfenbüttel Juli 1692. H.St. Absch.)

 

 

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und der Türkengefahr in Ungarn. Ernst August und Georg Wilhelm ließen daher im Januar 1692 durch ihre Unterhändler dem Kaiser eine ansehnliche Hülfe gegen die Türken anbieten und um Verleihung der Kurwürde an Hannover bitten.

 

Die Mehrzahl der Mitglieder des kaiserlichen Geheimen Rates sprach sich für die Annahme der hannover-cellischen Anträge und die Erfüllung des Wunsches Ernst Augusts aus, obgleich einige umsichtige Ratgeber, wie der Graf Öttingen und der Fürst Salm schwere Bedenken äußerten, wie sie tatsächlich später dem Kaiser fast genau so von den opponierenden Fürsten unterbreitet wurden. 1) Die letzten Zweifel Leopolds wurden aber durch theologische Gutachten zerstreut, zumal das Oberhaupt des Reiches hoffte, Hannover vielleicht für den Katholizismus gewinnen zu können, und außerdem England sowohl wie Holland für das Welfenhaus eintraten. 2)

 

Im Februar 1692 waren die Verhandlungen soweit diehen, daß die hannoverschen Minister in einer gemeinsamen Konferenz den cellischen Kollegen den Entwurf des Haupttraktats mit dem Kaiser vorlegen und sich mit ihnen über die Kostenfrage und die Führung des cellischen Votums im Fürstenkollegium weiter beraten konnten. 3)

 

Am 22. März 1692 kam der Vertrag mit Leopold I. zu Stande. 4) Dem Herzoge von Hannover und dessen männlichen Nachkommen wurde die Kurwürde verliehen, die mit den Fürstentümern Celle, Calenberg und Grubenhagen nebst den zugehörigen Ländern verbunden sein sollte. Dafür versprachen Hannover-Celle dem Kaiser, für die nächsten beiden Feldzüge 6000 Mann auf eigene Kosten zu stellen und 500000 Gulden als Unterstützung zu zahlen. In einem

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1) A. Schulte: „Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden.“ Karlsruhe 1892 Il, No. 4.

2) ebenda. 3) Conferenzprotokoll 6. Februar 1692. (H. St.)

4) M. St. Absch. Abgedruckt im „Theatrum Europaeum“ XIV, 313 ff.; Lünig, Reichsarchiv. Pars spec. V, 167 etc.

 

 

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dritten Rezeß sagten Sich beide Teile ewige Freundschaft und gegenseitige Hülfe zu. Hannover stellte ferner dem Kaiser seine Unterstützung in dem etwaigen Streit um die spanische Krone in Aussicht und verpflichtete sich, seine Curstimme stets für das Haus Habsburg abzugeben. In religiöser Hinsicht war Ernst August den Wünschen des kaiserlichen Hofes schließlich weniger entgegengekommen. Der Herzog von Hannover versprach nur, keinen Gewissenszwang in seinem Lande dulden und den Katholiken die Ausübung ihrer Religion und den Bau von Kirchen gestatten zu wollen.

 

 

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I. Von der Verleihung der Kurwürde bis zur Investitur Ernst Augusts.

 

Die Verhandlungen um die Kurwürde waren von der hannover-cellischen Diplomaten mit der größten Heimlichkeit geführt worden. Die Herzöge von Wolfenbüttel hatten nicht das geringste von der nochmaligen Bewerbung Ernst Augusts um das Elektorat gewußt. Man war in Wolfenbüttel um so weniger hierauf gefaßt, da man glaubte, daß Georg Wilhelm noch immer diesbezüglichen Wünschen seines jüngeren Bruders entgegen sein werde. 1) Erst durch private Nachrichten von Wien und aus dem Haag wurden die wolfenbüttelschen Vettern von der vollzogenen Tatsache in Kenntnis gesetzt. 2)

 

Mit heftigen Worten beschwerten sich nun Rudolf August und Anton Ulrich bei Georg Wilhelm, dem Inhaber des Seniorats im braunschweigisch-lüneburgischen Fürstenhause. 3)

 

Über die Art und Weise, wie Hannover das Ziel zu erreichen gewußt hatte, gaben sie ihrer Entrüstung lauten Ausdruck. Obschon sie nicht auf Grund der Bestimmungen der Hausverträge eine gemeinsame Beratung in der Kurangelegenheit fordern konnten, 4) so mußte nichtsdestoweniger

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1) Wolfenbüttel an Celle 9. Mai 1692. (H. St. Absch.)

2) Wolfenbüttel an Celle 26. März 1692. (H. St. Absch.)

3) Correspondenz zwischen Celle und Wolfenb. März-Sept. 1692 (H. St. Absch.)

4) Wolf. an Celle 15. Juni 1692. Sie gestanden zu, daß „der gegenwärtige casus ad literam in den pactis domus nicht enthalten sei.“

 

 

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die vollständige Geheimhaltung der Unterhandlungen und die Tatsache, daß dem nahverwandten wolfenbüttelschen Hof auch nach geschehener Kurverleihung die Mitteilung hiervon erst von dritter Hand gemacht wurde, die Herzöge verletzen und mißtrauisch machen. In der Tat glaubten sie durch diese Handlungsweise von Hannover und Celle vor den Augen der ganzen Welt und des Kaisers herabgesetzt zu sein. 1) Herzog Anton Ulrichs leidenschaftlicher Ehrgeiz aber erlitt durch die Ausschließung der älteren Linie von der Kurwürde einen noch stärkern und empfindlicheren Schlag als durch die frühere Festsetzung der Vereinigung der cellischen mit den hannoverschen Landen.

 

Der Leiter der wolfenbüttelschen Politik war es aber gerade gewesen, der die hannoversch-cellische Regierung zu diesem Vorgehen gezwungen hatte. Sein Widerstand gegen das Primogeniturgesetz und vor allem seine gefährlichen Quertreibereien mit den jungen hannoverschen Prinzen hafteten den leitenden Staatsmännern in Hannover und Celle noch frisch im Gedächtnisse. Anderseits hatte Anton Ulrich aus seiner Abneigung gegen eine Verleihung der Kurwürde an Ernst August kein Hehl gemacht und sich offen dahin geäußert, 2) „daß er besonders die Erhebung Hannovers zur Kur als den äußersten und inevitablen Ruin der wolfenbüttelschen Linie, wobei selbe nicht bestehen könnte, noch würde, ansehen müßte.“ 3) Wollte sich daher die Gegenseite bei den erneuten Versuchen, die Kurwürde zu erlangen, vor

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1) Wolf. an Celle 9. Mai. Ihnen könne nichts Empfindlicheres passieren, als sich „coram facie Imperatoris und des ganzen kayserlichen Hofes meprisirt zu sehen.“ Ferner 15. Juni:

Sie wollten es dem Urteile eines Unpassionierten überlassen, ob sie durch ein solches Verfahren „nicht coram facie Imperatoris und überall, wo die Sache bekandt worden, einen mépris und despect erlitten,“ ja ob sie nicht „endlich auf solche weise bey männiglichen die concept verfallen mögten,“ als wenn sie nicht mehr nach ihrem Recht, „sondern andere über sich disponiren und herrschen lassen müßten.“

2) Celle an Wolf. 24. Mai.

3) Dieser Äußerung wußte sich Anton Ulrich nicht mehr zu erinnern; er gab aber sonst seine feindliche Stellung zur hannoverschen Kur zu. (Wolf. an Celle 15. Juni.)

 

 

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einem lästigen Widersacher bewahren so mußte Sie das größte Stillschweigen über ihr Vorhaben gerade vor eigenen Verwandten üben. 1)

 

Mehr noch als ihre Ignorierung bei dem Kurgeschäft verletzte die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel die Tatsache, daß Hannover bei dem Übereinkommen mit den Wiener Hof zu der dem Kaiser als Lohn für die Verleihung der Kurwürde versprochenen Truppenhülfe 1000 Mann wolfenbüttelscher Truppen gerechnet hatte. Wolfenbütte hatte sich zwar verpflichtet, diese Truppenzahl mit der hannoverschen und cellischen Regimentern nach Ungarn zu schicken, jedoch war der hannoversche Gesandte v. Bothmer, der die Interessen des gesamten Welfenhauses in Wien wahrnahm, ausdrücklich angewiesen worden, in ihrem Namen die Unterstützung anzubieten und gewisse Bedingungen hieran zu knüpfen. 2) Man war nun am wolfenbüttelschen Hofe nicht wenig entrüstet, als in den Kurtraktaten von dem wolfenbüttelschen Truppenangebot und den näheren Vorbehaltungen nicht das geringste zu finden war, Ernst August aber offenbar seine neue Würde, wenn auch zum geringen Teil, mit ihren Mannschaften bezahlt hatte. Bestärkt wurden die Herzöge in ihrem Verdacht, daß Bothmer die Truppen in ihrem Namen am kaiserlichen Hofe gar nicht offeriert habe, als es zum Vorschein kam, daß der Abgesandte Leopolds, Graf Breuner, der die braunschweigisch-lüneburgischen Truppen abholen sollte, keine Instruktion hatte, wolfenbüttelsche Truppen in Empfang zu nehmen. Die Herzöge von Hannover und Celle bestritten dies und wiesen

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1) Wie die hannover-cellischen Staatsmänner gehandelt hatten, die Herzöge von Wolfenbüttel nicht mit ins Vertrauen zu ziehen, erhellt am besten aus den eigenen Worten Anton Ulrichs und Rudolf Augusts:

(Wolf. an Celle 9. Mai) Also haben wir nicht unbillig zu beklagen, daß wir durch unsere confidence allem ansehen nach das tempo verloren, darinnen wir den Electorat entweder hatten abwenden helfen, oder bey dessen erlangung für unß undt unßere posterität vigiliren können.“

2) Wolf. an Celle 7. Januar 1692. (H. St. Absch.)

 

 

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darauf hin, daß der Graf seine Bevollmächtigung erst nach dem Passieren von Wolfenbüttel bekommen habe. Dann suchten Sie den Sachverhalt durch den Umstand zu erklären, daß die Anweisungen von dem kaiserlichen Hofkriegsrat, dem allerdings Bothmer von der von ihren Vettern versprochenen Hülfe keine Mitteilung gemacht habe, erlassen eien. 1)

 

Dieser Erklärung brachten Rudolf August und Anton Ulrich berechtigte Zweifel entgegen. Noch ungläubiger verhielten sie sich zu der Ausrede, daß v. Bothmer den beiden Kanzlern in Wien zwar Mitteilung von dem besonderen wolfenbüttelschen Truppenangebot gemacht habe, die Minister sich jedoch dieses Anerbieten im Drange der Geschäfte „aus dem Sinne hätten fallen lassen“. 2) Sie waren vielmehr der Meinung, daß der Bevollmächtigte erst nach ihrer Beschwerde den leitenden Staatsmännern in Wien ihr Hülfskontingent speziell offeriert habe. 3)

 

Auf jeden Fall läßt sich in diesem Punkte die Berechtigung der Beschwerden der wolfenbüttelschen Regierung nicht bestreiten. Die hannoverschen Minister gestanden auch selbst in einem Schreiben an die cellischen Räte, die 6000 Mann, ohne Wolfenbüttels Erwähnung zu tun, dem Kaiser versprochen zu haben 4) und mußten sogar einige „Versehen“ und „Culpae“ ihres Gesandten in Wien anerkennen. 5)

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1) Celle an Wolf. 9. Mai. Der wolfenbüttelsche Hof berief sich auf die Aussagen Breuners, das Zeugnis der kaiserlichen Minister und ein Antwortschreiben vom Kaiser. (Wolf. an Celle 9. Mai.)

2) Celle an Wolf. 24. Mai.

3) Wolf. an Celle 15. Juni.

4) Hannover an Celle 19. April 1692: Den Kaiser zu bitten, die von Wolfenbüttel nach dem Rhein bestimmten Truppen nicht anzunehmen hielten Sie nicht für nützlich, weil der kaiserliche Hof entweder dadurch irre gemacht würde oder wie billig darauf bestehen würde, daß, gleichwie von ihnen beiderseits allein und ohne Wolfenbüttels zu gedenken, die 6000 Mann versprochen worden, der kaiserliche Hof sich auch blos an dieselben zu halten habe. (Gekürzt.)

5) Celle an Wolf. 24. Mai.

 

 

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Erregte schon das Verfahren der hannover-cellischen Diplomaten bei den Kurverhandlungen den größten Unwillen der wolfenbüttelschen Herzöge, so erschien ihnen die Auszeichnung Ernst Augusts mit der Kurwürde Selbst als eine unheilvolle Schädigung ihrer Interessen. Sicherlich hätten sie die Übertragung der Kurstimme an Hannover mit allen Mitteln zu hindern versucht, wenn sie von den schwebenden Beratungen rechtzeitig Kenntnis bekommen hätten. Jetzt, wo sie sich einem fait accompli gegenüber sahen, hüteten sie sich wohl, sofort eine schroffe, ablehnend Stellung zu dem vom Oberhaupt des Reiches errichteten Kurwerk einzunehmen. Sie begnügten sich vorerst damit, auf die Gefahr hinzuweisen, die eine solche Stärkung der hannoverschen Macht für ihr Haus mit sich führen müsse, denn Ernst August werde sich mit dem errungenen Vorteil nicht zufrieden geben, sondern versuchen, die Vorrechte, die der älteren Linie zuständen sowohl in Reichs-, Kreis- und Lehnssachen, wie auch im Vorsitz bei den Beratungen des Gesamthauses, zu schmälern. 1) Hiergegen glaubten sie unbedingte Sicherheit notwendig haben zu müssen.

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1) Schon am 26. März (H. St.) Schrieben die wolfenbüttelschen Herzöge, die zu dieser Zeit noch nicht den genauen Inhalt des hannoverschen Kurtraktates kannten: „Wir hingegen, dem numehrigen ansehen nach, sowoll durch die etablirende künftige zusammenziehung aller Zell- und Hannoverischen Lande, als auch durch der, zweifelsohn mit Unßer exclussion gesuchten Electorat, unß und unßerer Posterität in einen solchen Standt reduziren lassen sollen, wobey wir unß des genußes der alten rechte Unseres Hauses und mithin der effectuum dignitatis et Senii nicht gesichert finden, sondern im gegentheill darob alle die ungelegenheiten und bedrückungen, so die praepotenz eines mächtigen Nachbarn mit sich zu führen pfleget, zu befürchten haben müßen, gestalt wir dann, daß wir einiges gutgemeinte absehn für Unß und Unßere Posterität hierbey geführet werde, um so weniger vermuhten können.“ Wolf. an Celle 15. Juni: Sie wollten es dem Urteile jedes Unpassionierten überlassen, ob sie nicht fürchten müßten, „daß dieses Hauß (Hannover) nach etablirtem Electorat und zusammengesetzten landen sich über ihr Hauß erheben, undt wie vorhin in vielen Stücken angefangen, alßo auch künftig bey habender praepotentz daßelbe desto mehr drücken und sich aller habenden Gelegenheiten gebrauchen mögte.“

 

 

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Anstatt aber klugerweise sich ruhig und streng sachlich mit den Verwandten deswegen auseinanderzusetzen, ließen sich die beiden Fürsten von ihrer Leidenschaft immer weiter fortreißen.

 

Den leitenden Kreisen in Hannover und Celle kam es sehr auf die Stellung der wolfenbüttelschen Hülfstruppen zu dem Feldzuge gegen die Türken an, weil sie einerseits hierdurch Kosten sparten, und anderseits eine Verzögerung der dem Kaiser versprochenen Unterstützung die sonstigen getroffenen Vereinbarungen mit dem Wiener Hof rückgängig machen konnte. Ein Entgegenkommen Wolfenbüttels diesem Punkt hätte eine Verständigung zwischen den beiden Häusern erleichtert. Rudolf August und Anton Ulrich aber faßten den Entschluß, ihr Truppenkontingent nach dem Rhein zu schicken, 1) „damit -- wie sie später verlauten ließen 2) -- man am kaiserlichen Hofe und an anderen Orten wisse und sehe, daß sie noch in der Welt seien.“ Ferner benachrichtigten sie den Bevollmächtigten des Welfenhauses am Kaiserhofe, Bothmer, daß er sich nicht mehr für sie zu bemühen brauche, da er ihre Aufträge nicht ausgeführt habe. 3)

 

Die jüngere Linie ließ es an Versuchen, die Bedenken der Verwandten zu zerstreuen, nicht fehlen. Georg Wilhelm wandte sich in mehreren Schreiben an die Vettern und suchte in versöhnendem Sinne auf sie einzuwirken. 4) Am 10. April 1692 trafen sich cellische und wolfenbüttelsche Minister zur gemeinsamen Beratung in Burgdorf. 5)

 

Die Bevollmächtigten Georg Wilhelms bemühten sich, die Handlungsweise ihrer und der hannoverschen Regierung

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1) Die wolfenbüttelschen Räte an die cellischen. 4. April 1692. (H. St. Absch.) 2) Wolf. an Celle 16. Juni 1692.

3) Wolf. an Bothmer 4. April 1692. (H. St Absch.)

4) Die schon oft zitierte Korrespondenz zwischen Celle und Wolfenbüttel.

5) Conferenzprotokoll (H. St.) Celle war bei dieser Konferenz durch die Geheimen Räte Bernstorff und Fabricius, ferner durch den Oberhofmarschall Bülow vertreten. Von Wolfenbüttel war anwesend der Großvoigt Hammerstein und der Kanzler Wendhausen.

 

 

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zu rechtfertigen und wiederholten mehrmals die Versicherung, daß die alten Hausgesetze, wie Wolfenbüttel befürchte, von ihnen nicht verletzt werden würden. Sie verlangten von den wolfenbüttelschen Räten eine genaue Erklärung, ob ihre Herren es bei der festgesetzten Vereinigung von Hannover und Celle bewenden lassen, gegen das Kurwerk nicht mehr opponieren und sich an der vereinbarten, gemeinsamen Sendung der Truppen nach Ungarn beteiligen wollten. Die Antwort der Vertreter Rudolf Augusts und Anton Ulrichs war ausweichend. Mit Bezug auf die beiden ersten Punkte beteuerten sie, ihnen hierin keinen Widerstand leisten zu wollen, wenn ihnen nur ihre alten Rechte in genügender Weise gesichert würden. Die Angelegenheit der Truppensendung aber wollten sie gern den Herzögen nochmals unterbreiten.

 

Auf einer zweiten Konferenz 1) setzte der hannoversche Minister Graf Platen die Unterhandlungen fort, indem er erklärte, man könne sich weiter verständigen, wenn Wolfenbüttel die zuerst nach Ungarn bestimmten Truppen, anstatt zum Rhein, mit den ihrigen nach den Niederlanden schicke. Hannover sah die Erfüllung dieser Forderung als eine conditio sine qua non an und erschwerte hierdurch von vornherein eine Aussöhnung mit den Verwandten. Der wolfenbüttelsche Hof lehnte den Vorschlag des Grafen Platen ab, da der Kaiser die Sendung ihrer Truppen nach dem Rhein schon angenommen habe, und der Marsch ihres Kontingents nicht mehr geändert werden könne. 2)

 

Dieser abschlägige Bescheid steigerte das gespannte Verhältnis zwischen beiden Parteien noch mehr.

 

Die schriftlichen Auseinandersetzungen Rudolf Augusts und Anton Ulrichs mit Georg Wilhelm nahmen beiderseits einen immer gereizteren Ton an, 3) zumal nun Wolfenbüttel

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1) Pro Memoria, Burgdorf 4. Mai 1692; Wolf. an Celle 15. Juni 1692. (H. St. Absch.)

2) ebend.

3) Wolf. an Celle 15. Juni 1692: Auf ihr letztes Schreiben hätten, sie eine Antwort „voller wiedriger empfindungen*“ erhalten, die gegen sie „in so harten terminis* gerichtet sei, daß, wiewohl sie gern von weiterer Korrespondenz abstrahieren wollten, sie sich dennoch genötigt sähen, in einem und anderen freundvetterlich zu antworten. Georg Wilhelm seinerseits (Schreib. vom Juli 1692) tadelte in der Erwiderung der wolfenbüttelschen Herzöge einige Ausdrücke als „ziemlich herbe“ mit denen man „ihn billig zu verschonen“ hätte.

 

 

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auf die früheren, unerquicklichen Vorkommnisse zwischen beiden Familien zurückgriff und die Erledigung dieser Beschwerden zur Grundlage für weitere Verhandlungen über die Kurangelegenheit nahm. 1)

 

Man kann es den hannover-cellischen Ministern nicht verübeln, wenn sie diese Forderungen: Mitteilung der Blumeschen Prozeßakten und Aufhebung der Kommunion der Bergwerke am Harz und des Herzogtums Lauenburg abschlugen. Durch die Übersendung der Prozeßakten hätte man nämlich nur die bedauerlichen, intimen Familienverhältnisse wieder aufgefrischt und noch mehr Stoff zu gereizten Debatten und neuen Zänkereien geboten. Auch muß man ihnen Recht geben, wenn sie weitere Grenzregulierungen und die Aufhebung der gemeinsamen Verwaltung der Bergwerke nicht für dringend hielten, denn man hatte trotz dieser so viele Jahre in Frieden gelebt, und Wolfenbüttel früher selbst die großen Schwierigkeiten der Ordnung dieser Angelegenheit zugestanden. 2)

 

Diese Verquickung der ehemaligen Streitobjekte mit den Verhandlungen über die neunte Kur mußte der hannover-cellischen Regierung immer mehr den Glauben an den guten Willen der wolfenbüttelschen Herzöge zu einer Versöhnung nehmen. Berechtigte Zweifel mußten sich Ernst August und Georg Wilhelm aufdrängen, ob ihre Vettern inzwischen nicht anderweitige Verpflichtungen eingegangen waren, die eine völlige Aussöhnung mit ihnen nicht mehr zuließen. Deshalb richteten sie an ihre Verwandten die Anfrage, ob sie noch im stande seien, eine volle Union mit

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1) Correspondenz zwischen Celle und Wolf. 9. Mai, 24. Mai, 15. Juni etc.

2) Conferenzprotokolle vom 27., 31. Juli 1692. (H. St.) In dem letzteren Punkte aber wollten Hannover und Celle geeignete Vorschläge entgegennehmen.

 

 

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ihnen einzugehen, und welche Sicherheit sie ihnen dafür bieten könnten. 1)

 

Mit diesem Schritt hatte man den wunden Punkt der ganzen Verhandlungen berührt, denn Rudolf August und Anton Ulrich hatten sich inzwischen der hochgehenden Bewegung im Reiche gegen die Errichtung der neunten Kur angeschlossen. Die führende Stellung, die sie in der Opposition der Fürsten bald eingenommen hatten, machte ihnen in der Tat einen einseitigen, völligen Vergleich mit Hannover und Celle unmöglich. Wolfenbüttel hütete sich wohl, dies dem Gegner einzugestehen. Die Versöhnungsveruche hatten jedoch hiermit vorläufig auf beiden Seiten ihr Ende erreicht. -- --

 

Als die Herzöge von Wolfenbüttel sich im März 1692 den zwischen ihren Verwandten und Kaiser Leopold I. geschlossenen Verträgen gegenüber sahen, waren sie nicht mehr in der Lage, die Erhebung Hannovers zur Kur hindern zu können. Mit um so größerer Eile suchten sie sich nun für die künftigen harten Differenzen mit der jüngeren Linie zu rüsten.

 

Schon am 6. April 1692 schlossen sie mit Dänemark ein Bündnis, in dem beide Teile sich gegenseitig Hülfe zusagten. 2) In einem Geheimartikel versprach der Kopenhagener Hof den Herzögen die im Hauptvertrage festgesetzte Hülfe auch für den Fall, daß bei einem Versuche Hannovers, alle cellischen und hannoverschen Lande unter eine Herrschaft zu bringen, Wolfenbüttel in die entstehenden Unruhen verwickelt werden sollte. Kurze Zeit darauf sicherte sich der wolfenbüttelsche Hof auch die Unterstützung Brandenburgs gegen etwaige Angriffe und Bedrückungen seitens der Verwandten. 3)

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1) ebend.

2) 6. April 1692. (H. St. Absch.)

3) 11./21. April 1692. (Moerner: „Kurbrandenburgs Staatsverträge“ Berlin 1867. S. 567/568.) In einer besonderen Convention zw. Kurf. Friedr. III. u. Ant. Ulr. versprach Brandenburg, „jedwedes Attentat auf die Festungen Braunschweig u. Wolfenb. mit aller Macht zu verhindern“.

 

 

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Inzwischen erhoben sich im Reiche mehr und mehr Stimmen gegen die neunte Kur. Der Kaiser, der den Kurfürsten in einem Rundschreiben Mitteilung von der Verleihung der Kurwürde an Hannover machte, rechnete auf ihre einmütige Zustimmung ohne ordnungsgemäße Verhandlung der Kurangelegenheit in den Reichskollegien. Es lag Leopold viel an einer raschen Erledigung der Sache, weil Ernst August von Hannover erst nach vollzogener Investitur die versprochenen Truppen abliefern wollte. 1)

 

Leopold I. hatte sich aber geirrt. Die Kurfürsten waren mit dem Vom Reichsoberhaupt angewandten Verfahren durchaus nicht einverstanden und verlangten einen förmlichen Kollegialbeschluß. Selbst diejenigen, die einer Vermehrung der Zahl der Kurstimmen an und für sich nicht abgeneigt waren, stellten diese Forderung auf. Am günstigsten sprach sich noch Brandenburg aus, denn Friedrich Wilhelm versicherte dem neuen Kurfürsten seine Bereitwilligkeit, sich „mit allem möglichen Eifer“ des Kurwerkes anzunehmen. 2)

 

Nächst Brandenburg zeigten Sachsen und Baiern das größte Entgegenkommen. 3) Die übrigen katholischen Kurfürsten machten aber schwerwiegende Einwände geltend,

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1) Pribram: „Oesterreich und Brandenburg 1688--1700“. Prag. Leipzig 1885. S. 92,

2) Brandenburg an Hannover 9. Juni 1692. (H. St. Absch.) Friedrich Wilhelm dankt für die Mitteilung von der Kurverleihung und fügt hinzu: „Ich werde denmehro, gleichwie Ich schon bey dem jüngsten Wahltage zu Augsburg und sonsten in anderer occasion gethan, mich des Werks mit allem möglichen Eifer annehmen und mir nichts lieber seyn laßen als wan es damit bald zu einem solchen ende und ausschlag, wie es Ew. Ld. selbsten wünschen, wird können gebracht werden.“ Seine wahre Absicht aber war, selbst mit Waffengewalt die Investitur Hannovers zu verhindern, wenn die ihm noch unbekannten Abmachungen Ernst Augusts mit dem Wiener Hofe seine Interessen gefährdeten. (Pribram a. a. O.)

3) Relation v. d. Schulenburgs Sept. 1692. (W. L.) Vergl. f. d. Folg.: Bodemann: „Jobst Hermann von Ilten Z. d. hist. Ver. f. Nieders. 1879. Schaumann a. a. O. Pribram a. a. O. S. 92 ff. Schulte a. a. O. I, 163 ff.

 

 

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denn durch die Einführung eines neuen protestantischen Kurfürsten hielten sie bei dem etwaigen Aussterben der katholischen Linien von Kurbaiern und Kurpfalz ihr Übergewicht im Kurfürstenkollegium für gefährdet.

 

Sie baten daher den Kaiser um Aufklärung, wie ihre Bedenken gegen die neunte Kur gehoben werden könnten. 1) Leopold beruhigte sie und gab ihnen die Versicherung, er habe das Interesse ihrer Religion wohl im Auge und wolle den Katholiken die Majorität im kurfürstlichen Kollegium erhalten. Er bat sie aber, ihre Gegenforderungen erst nach der Investitur des neuen Kurfürsten zu stellen.

 

Schroffer gingen die Mitglieder des Fürstenkollegiums zu Werke, 2) obschon Sie bei der ersten Bewerbung Ernst Augusts um die Kurwürde keinen Protest erhoben hatten. 3) Die katholischen Fürsten waren nun ebenfalls wegen der vermeintlichen Benachteiligung ihrer Religion in großer Sorge. Ihre protestantischen Kollegen waren mit ihnen aber in dem Gedanken einig, daß durch eine Vermehrung der Zahl der Kurfürsten die Freiheiten und Rechte des Fürstenkollegiums mit der Zeit eine Beeinträchtigung erleiden würden. Zu diesen Befürchtungen glaubten sie besonderen Grund zu haben, weil der Kaiser entgegen den Bestimmungen der Goldenen Bulle, des Westfälischen Friedens und früherer Erklärungen seiner Vorgänger die Kurwürde an Hannover eigenmächtig verliehen habe. Ihre Entrüstung steigerte sich noch, als Leopold nachträglich die Zustimmung der Kurfürsten einholte, ohne auch jetzt im geringsten das Kollegium der Fürsten zu Rate zu ziehen. Bei manchen mußte sich auch wohl Unmut und Neid regen, daß gerade der Fürst mit der Kurwürde ausgezeichnet wurde, der bis dahin in ihren Reihen am meisten gegen die kurfürstliche „Präeminenz“ gefochten hatte, und an dem sie nun einen mutigen Vorkämpfer der fürstlichen Rechte und Privilegien verloren.

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1) Trier an d. Kaiser 4. Aug.; desgl. Köln 21. Aug. 1692.

2) Relationen Weselows Juni-Dez. 1692. (H. St.) Siehe ferner die Belege S. 19, Anmerkung 3.

3) Regensburg. Relat. Sept. 1692. (H. St. Absch.)

 

 

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Diese Stimmung in den Kreisen der alten Fürstengeschlechter war den Herzögen von Wolfenbüttel hoch willkommen, denn an ihnen mußten sie in ihrem Widerstande gegen die hannoversche Kur einen starken Rückhalt finden. Der wolfenbüttelsche Hof nahm zuerst enge Fühlung mit den Hauptstützen der französischen „dritten“ Partei, Münster und Dänemark, 1) die durch ihre Vertreter in Regensburg am heftigsten gegen die Erhebung Hannovers zur Kur hatten Einspruch erheben lassen.

 

Die Vorschläge, die der wolfenbüttelsche Abgesandte v. Krossigk 2) dem Bischof von Münster unterbreitete, waren äußerst scharf. So empfahl er eine Erklärung „der Illegialität oder Nullittät der auf den Neunten Elektorat gerichteten Praetension,“ die Anrufung Schwedens als Garanten des westfälischen Friedens und Agitation bei den noch schwankenden Fürsten. Wenn auch der günstige Augenblick für die Ausführung der beiden ersten Maßnahmen noch nicht gekommen war, so mußte doch dieses rücksichtslose Vorgehen der eigenen Verwandten des Herzogs von Hannover die übrigen Fürsten in ihrer Opposition bestärken, zumal Wolfenbüttel sich nun auch in Regensburg immer heftiger gegen die hannoversche Kur vernehmen ließ.

 

Schon im Juni 1692 hatten Rudolf August und Anton Ulrich den Geheimen Rat Stisser v. Wendhausen zum Reichskonvent gesandt. Dieser war beauftragt, „in allem, was circa modum agendi und sonst zur Hintertreibung solches affektierten neunten Elektorats gutgefunden werden

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1) Münster hatte am 6. April 1691 mit Ludwig XIV. eine Neutralitätsallianz geschlossen, die am 16. Dez. 1692 erneut wurde. (F. M. 4761 u. 4770 M. St.) Auch Dänemark unterhielt die engsten Beziehungen mit Frankreich. (R. d. J. . . .“ XIII. Danemark).

2) Instruktion 14. Juli 1692. (W. L. Absch.)

Der Gesandte sollte ihre Meinung über die neunte Kur dahin erklären, „daß dieselbe absque suffragio et consensu Imperii und in specie Principum gantz nulliter intendiret würde, und wegen solches essentiellen defects nimmer zu einiger legalitet und perfection kommen könte.“

 

 

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möchte, beizutreten, und besonders mit Münster vertrauliche Korrespondenz zu pflegen.“ 1)

 

Der wolfenbüttelsche Bevollmächtigte trat denn auch sofort nach seiner Ankunft in Regensburg mit den dortigen fürstlichen Gesandten in private Beratungen ein. 2) Der sachsen-gothasche und der hessen-kasselsche Vertreter teilten ihm nun den Operationsplan der Opponenten mit. In einem feierlichen Protest wollten sie den Kaiser und die Kurfürsten auf den Widerspruch der hannoverschen Kur mit den Bestimmungen der Reichsverfassung verweisen, zugleich aber selbst Anspruch auf die Kurwürde erheben, da Ernst August sich im letzten Kriege und sonst um das Reich keine größeren Verdienste erworben habe, als die übrigen Fürsten. 3)

 

Wenn hierin auch tatsächlich Wahres enthalten war, so mußte dieses Vorgehen an sich doch alles eher als Erfolg versprechen, denn taktisch wäre es ein schwerer Fehler gewesen, einerseits auf Grund der Reichsgesetze die Unzulässigkeit der neuen Kur festzustellen, anderseits die angefochtene Würde selbst zu beanspruchen.

 

Der wolfenbüttelsche Hof erkannte dies sofort und wies seinen Vertreter in Regensburg an, vor allem darauf zu dringen, daß die Frage der Notwendigkeit eines Reichskonsenses bei der Vermehrung der Kurstimmen dem Reichskonvent unterbreitet oder wenigstens im Fürstenrate bejaht werde. Im letzteren Falle solle man dem Reichskonvent und der kaiserlichen Kommission die Unvollkommenheit der hannoverschen Kur zu erkennen geben. Wollten einige Fürsten privatim die Kurwürde für sich beanspruchen, so stehe ihnen das frei, jedoch seien beide Unternehmen scharf von einander zu trennen. 4) Herzog Anton Ulrich, dem Leiter

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1) Enthalten in der Instruktion an Krosigk 14. Juli 1692.

2) Relationen Wendhausens Juni u. Juli 1692. (W. L. Absch.)

3) Der hess.-kasselsche Gesandte erklärte Wendhausen auch im höchsten Vertrauen, daß dem Bischof von Münster von Wien aus geraten sei, in dieser Weise vorzugehen. Die münsterschen Akten enthalten aber hierüber nichts Näheres.

4) Instruktion an Wendhausen 23. Juni 1692. (W. L. Absch.)

 

 

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der wolfenbüttelschen Politik, kam es also hauptsächlich darauf an, daß der gesamte Fürstenstand durch einen Majoritätsbeschluß dem sich die Minderheit fügen mußte, zum Träger der Opposition gemacht und vornehmlich das willkürliche Vorgehen des Reichsoberhauptes scharf hervorgehoben wurde.

 

Die Opponenten führten die vom wolfenbüttelschen Gesandten in Vorschlag gebrachte Taktik tatsächlich aus, wenn auch nicht direkt alle Punkte des Angriffsplanes Anton Ulrichs zur Ausführung gebracht wurden. Von einer „multitudo praetendentium“ ließen die Fürsten nichts mehr verlauten 1); sondern sie begnügten sich damit, auf die Ermahnungen des Kaisers bei seiner Kommission in Regensburg, sowie bei Leopold selbst darauf hinzuweisen, daß die Notwendigkeit für die Errichtung einer neuen Kur nicht vorhanden sei und selbständige Maßnahmen des Reichsoberhauptes dieser Richtung die Grundgesetze des Reiches verletzen würden. 2)

 

Dieselben Gedanken brachte am 22. August ein Majoritätsbeschluß des Fürstenkollegiums unter dem Direktorium Salzburgs zum Ausdruck, der aber zugleich eine Beratung über die Kurangelegenheit in allen drei Reichskollegien mit Nachdruck verlangte. 3) In einem feierlichen Protest hatten die Herzöge von Wolfenbüttel schon kurz vorher Leopold erklären lassen. „keine Kurwürde und Präeminenz“ in ihrem Hause anerkennen zu wollen. 4)

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1) Nur vom Bischof Friedrich Christian von Münster hieß es später noch, daß er nach der Kurwürde trachte, denn zu Hannover glaubte man „die ganz gesicher Nachricht“ zu haben, „daß der Bischof von Münster für sich die Kurwürde verlange und solches am kaiserlichen Hofe zu erkennen gegeben, auch darauf wirklich habe antragen lassen.“ Instruktion an Weselow 13. Sept. 1692. (H. St. Ccpt.) Die münsterschen Archivalien gaben mir hierüber keinen Aufschluß.

2) Schreiben an den Kaiser 23. Juli 1692; 16. Juli 1692. (H. St. Absch.)

3) Relation Weselows 25. August 1692. (H. St.)

4) Rudolf August und Anton Ulrich an den Kaiser 11./21. Aug. 1692. (W. L. Absch.)

 

 

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Die hannover-cellischen Staatsmänner gaben trotz alledem die Hoffnung auf eine Verständigung mit den Opponenten nicht auf. Sie wurden zu wiederholten Malen bei den Kurfürsten vorstellig und suchten die obwaltenden Bedenken auf jede Weise zu zerstreuen. Der Vertreter Ernst Augusts in Regensburg, Weselow, unterließ es nicht, den dortigen kurfürstlichen Gesandten reiche Belohnungen in Aussicht zu stellen. 1) Von großem Vortei aber war es für Hannover, daß Kurfürst Friedrich von Brandenburg in einer persönlichen Unterredung mit Ernst August den Inhalt des Kurvertrages kennen lernte und von nun an für die Ansprüche seines Schwiegervaters mit Entschiedenheit eintrat. 2)

 

In Wien war man ebenfalls nicht müßig. Leopold hatte schon verschiedentlich die Kurfürsten zu einer Entscheidung in der Kurfrage aufgefordert 3) und seine Kommission in Regensburg angewiesen, Rücksprache mit den kurfürstlichen Bevollmächtigten zu nehmen. Wenn nicht bald -- so lautete schließlich die Instruktion 4) ein Beschluß im Kurfürstenkollegium erzielt werde, so könne man es ihm nicht verdenken, wenn er nichtsdestoweniger die Investitur Hannovers vornehmen werde. Die opponierenden Fürsten aber machte Leopold darauf aufmerksam, daß er Hannover den Vorrang vor seinem eigenen Hause überlasse, weil die Not der Christenheit und die Wohlfahrt des Reiches dieses Opfer forderten. Zugleich spielte er darauf an, daß ihr Protest gegen die neue Kur auf Machinationen auswärtiger Mächte zurückzuführen sei.

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1) Instr. an Weselow 7./8., 25./8. 1692. (H. St. Ccpt.)

2) Pribram a. a. O. S. 94 ff., Relation des cellischen Gesandten Schrader 15. Sept. 1692. (H. St.) Durch das Bündnis mit Hvr.-Celle vom 13./23. Dez. 1692 (Moerner a. a. O. 577/578) brach Brandenburg vollständig mit den Opponenten.

3) Leopold an Mainz 22./6., 17./7. 1692, desgl. an die übrigen Kurfürsten Juli 1692 etc. (H. St. Absch.)

4) Relation aus Regensburg 5. Sept. 1692. (H. St. Absch.)

 

 

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Diese Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung auf die Opponenten, 1) der Hinweis aber auf die Hülfe des Auslandes erregte böses Blut. Die fürstlichen Gesandten beriefen sich auf frühere kaiserliche Verpflichtungen bei Gegenheit der Festsetzung der achten Kurwürde und suchten die von dem kaiserlichen Vertreter vorgebrachten Gründe zu widerlegen.

 

Wirklich gelang es ihnen, durch heftige Drohungen den kaiserlichen Konkommissarius einzuschüchtern. Dann wandten sie alles auf, den kurmainzischen Bevollmächtigten von der Proponierung der „quaestio an“ im Kurfürstenkollegium abzuhalten, indem sie versicherten, ihre Herren würden nach einem etwaigen Beschluß der Kurfürsten in betreff der hannoverschen Kur ohne Befragen des fürstlichen Kollegiums das mainzische Direktorium nicht mehr anerkennen und ihre Hülfstruppen vom Rhein zurückziehen. 1)

 

Von Tag zu Tag nahm die Zahl der opponierenden Fürsten zu, und vorzüglich waren die Verwandten des neuen Kurfürsten bemüht, der Opposition immer mehr Anhänger zuzuführen. So waren wolfenbüttelsche Abgesandte aufs eifrigste in Dresden und Mecklenburg tätig. 2) nicht minder Wendhausen in Regensburg, der hier an dem dänischen Gesandten Piper eine gute Stütze fand; denn dieser verstand es ausgezeichnet, die Vertreter der Fürsten anzufeuern. 3) In Regensburg kursierten die verschiedensten Gerüchte. Da hieß es, Hannover habe dem Kaiser wichtige Konzessionen gemacht. Jesuiten und andere katholische Ordensleute würden nun ihren Einzug in die hannoverschen Lande halten, und Ernst August werde später für die Errichtung einer zehnten, katholischen Kur stimmen. Auch gaben die Verträge Hannovers mit dem Ausland und einigen

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1) Relationen aus Regensburg 5. u. 8. Sept. 1692. (H. St. Absch.)

2) Instruktionen an v. der Schulenburg (Sept. 1692) und v. Steinberg (1. Okt. 1692.) (W. L.)

3) Relation Weselows 1. Sept. 1692. (H. St)

 

 

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deutschen Fürsten Anlaß zu großen Übertreibungen und Befürchtungen. 1)

 

So steigerte sich die Erregung der Fürsten immer mehr. 2) Ihre Bevollmächtigten kamen täglich zu Beratungen zusammen und verpflichteten sich sogar, über ihre Verhandlungen Stillschweigen zu bewahren. Dem Kaiser sowohl wie den Kurfürsten und den noch schwankenden Fürsten trugen sie beständig ihre Bedenken gegen die neunte Kur vor. 3) In der Tat fand man kaum einen Fürsten, der mit den opponierenden Standesgenossen nicht wenigstens sympathisiert hätte. 4) Beim Ausland aber fand die Opposition, abgesehen vom König von Dänemark, der als Fürst der holsteinischen Lande seine Rechte wahrnahm, vorläufig keine Unterstützung; denn England und Holland hatten sich mit Hannover aufs engste verbündet, 5) während der König von Schweden seinen Gesandten in Regensburg angewiesen hatte, alles zur Beförderung des Kurwerke zu tun. 6)

 

Die hannover-cellischen Diplomaten hatten sich indessen alle erdenkliche Mühe gegeben, die Zustimmung der Kurfürsten zu erlangen. Sämtliche Mitglieder des Kurfürstenkollegiums zu gewinnen, erschien ihnen aber immer aussichtsloser, daher griff man auf den Vorschlag zurück, 7) den Grote, der gewandte hannoversche Gesandte am Wiener

 

1) Die hannoverschen Diplomaten hatten vollauf zu tun, allen diesen Gerüchten entgegen zu treten. Unermüdlich war Weselow tätig, die fürstlichen Gesandten aufzuklären. Nach Dresden und Berlin wurden v. dem Busch und Ilten gesandt. (Instruktion an Weselow 24. u. 29. Sept. 1692. H. St. Ccpt.)

2) Relationen Weselows Sept. 1692. (H. St.)

3) Relationen Weselows. (H. St.); Schreiben an den Kaiser 4. Sept 1692, (W. L. Absch.)

4) Relation Weselows 1. Sept. 1692. Sogar der kaiserliche Konkommissarius gestand ein, daß er kaum einen Fürsten finde, „der nicht ein penchant zu der kontradizirenden Partei habe.“

5) Vertrag vom 30. Juni 1692. (W. L. Absch.)

6) Schweden an Hannover 29. Juni 1692. (W. L. Absch.)

7) Pribram a. a. O. S. 94 ff.

 

 

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Hof, schon im August gemacht hatte: Die Beratungen im Kurfürstenkollegium zu eröffnen und durch einen Majoritätsbeschluß eine Erledigung des hannoverschen Kurgesuches herbeizuführen. Für diesen Ausweg war auch Brandenburg. 1) Eberhard v. Danckelmann wandte daher im Verein mit Grote alles auf, die einflußreichen Minister am Kaiserhofe Strattmann, Königsegg und Kinsky dem neuen Plane günstig zu stimmen. Vergebens aber waren ihre Bemühungen bei dem Fürsten Salm und dem Grafen Öttingen.

 

So schnell, wie man erwartet hatte, 2) kam man auch jetzt noch nicht zum Ziele, denn der Kurfürst von Mainz, auf den es hauptsächlich ankam, machte noch einige Schwierigkeiten. Trotz aller Anstrengungen und Drohungen der Gegenseite gelang es aber Hannover, seine Unterhandlungen mit Mainz glücklich zu Ende zu führen. 3) Am 13. Oktober wurde die „quaestio an“ vom mainzischen Direktorium dem Kurfürstenkollegium unterbreitet. Die Bevollmächtigten der Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz verlangten jedoch einen weiteren Aufschub der Angelegenheit und verließen die Sitzung, als ihnen dies abgeschlagen wurde. Die übrigen setzten die Beratungen fort und sprachen sich für die Belehnung und Investitur Hannovers mit der Kurwürde aus. Ausdrücklich wurde aber die Bedingung aufgenommen, daß eine neue katholische Kur errichtet werden sollte, falls die katholischen Linien von Baiern und Pfalz ausstürben oder auch sonst die Majorität im Kurfürstenkollegium an die Protestanten überginge. 4) Die opponierenden Kurfürsten blieben auf diesen Beschluß die Antwort nicht schuldig:

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1) ebenda

2) Hannover hatte den 19. oder 20. Sept. 1692 für die Investitur in Aussicht genommen. Hvr. an Celle 26. Aug. 1692.

3) Instruktionen an Weselow Sept.1692. (H. St. Ccpt.); Schaumann:

Geschichte der Erwerbung der neunten Kur . . .“; Pribram a. a. O. S. 97.

4) Kollegialgutachten vom 17. Okt. 1692. (W. L.)

 

 

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Sie erklärten ihre Rechte für verletzt und Einstimmigkeit für unbedingt erforderlich. 1)

 

Auch die Mitglieder des Fürstenkollegiums waren über das Vorgehen der hannoverschen Partei entrüstet und hatten schon vor der eigentlichen Entscheidung des Kurfürstenkollegiums bekannt gegeben, daß sie die geschehene „Proposition, deliberationes und weiteren Ergebnisse für unkräftig, unbündig, null und nichtig“ hielten. 2) Auch dem Kaiser selbst wurden vom wolfenbüttelschen Oberhofmeister v. Imhoff, der schon seit Monaten mit anderen fürstlichen Gesandten eine heftige Agitation am Wiener Hofe führte, gleichlautende Proteste überreicht. 3) Im übrigen betonten die Opponenten von neuem mit heftigen Worten, Sie seien verpflichtet, für die fundamentalsten Reichsgesetze einzutreten. Auch drohten sie wieder mit der Abberufung ihrer Hülfskontingente vom Oberrhein, worauf der Kurfürst von Brandenburg nicht verfehlte, ihnen eine scharfe Erwiderung zu geben. 4) Tatsächlich trugen sich einige Fürsten schon jetzt ernstlich mit dem Gedanken, die Garanten des Westfäl. Friedens um Schutz ihrer Rechte zu bitten. 5)

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1) Trier an Münster 30. Okt. 1692. (M. St.) Pfalz an Münster 19. Okt., 5. Nov. 1692. (M. St.)

2) Protestatio et Declaratio Nullitatis 5./15. Okt. 1692. (W. L. Absch.)

3) Drei fürstliche Schreiben dem Kaiser durch Imhoff überreicht. 17. Okt. 1692. (W..L. Absch.)

4) Erklärung Brandenburgs in der kurfürstlichen Gesandtenkonferenz. Regensburg 26. Okt. 1692. (M. St. Absch.) Kurbrandenburg und Kursachsen besäßen noch die Macht, die Truppen der Opponenten zu ersetzen. Sie würden dadurch für sich und die Evangelischen das meritum erwerben, „daß, da einige Kath. Bischöfe auß einem unzeitig resentiment ihr Vaterland so viel an ihnen sey, unter das frantzösische joch bringen wolten, die Evangelischen Churfürsten selbiges mit Göttlicher Hülf davon liberirt und frey gemachet.“

5) Münster an den wolfenb. Hofmarschall v. Krosigk 6. Nov. 1692: „es würden die außwärtige Potentaten, die den Westphatischen Friedensschluß zu garantiren übernohmmen, die garantie woll in der Thaat prästiren, und dörften solchen falls im Reich nicht geringen beyfall finden.“

 

 

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Vorläufig aber glaubten sie zu diesem Schritt ihre Zuflucht noch nicht nehmen zu brauchen, da der Mehrheitsbeschluß des Kurfürstenkollegiums noch der Bestätigung des Kaisers unterlag. An diesen wandten sie sich nun mit der Bitte, das hannoversche Kurgesuch, wenn nicht gänzlich abzuweisen, so doch wenigstens auf eine tunlichere Zeit zu verschieben. 1) Zugleich boten sie alles auf, die Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz in ihrer ablehnenden Haltung zu bestärken. 2) Die geistlichen Fürsten, die schon vorher beim päpstlichen Nuntius in Wien Vorstellungen erhoben hatten, schrieben auch an den Papst. Dieser sollte sich beim Kaiser verwenden und Mainz sowie anderen der hannoverschen Kur günstig gestimmten Fürsten zu Gemüte führen, was sie ihrer Kirche, der Religion, der Wohlfahrt des Reiches und sich selbst zu tun schuldig seien. 3)

 

Den opponierenden Fürsten mußte es indes darauf ankommen, ihre Reihen fest zu schließen, damit nicht der eine oder andere von den Gegnern durch Drohungen oder Versprechungen leichter Hand gewonnen, und der Widerstand gegen das verhaßte Kurwerk mit um so größerem Nachdruck geführt werden konnte. Wolfenbüttel, Münster und Dänemark hielten daher vor allem einen Fürstenverein für unbedingt notwendig und faßten auch eine Defensivallianz sämtlicher Opponenten ins Auge. 4) Herzog Anton Ulrich betrieb die Agitation hierfür mit aller Macht. Er wies sogar Wendhausen in Regensburg an, unter der Hand für die Bildung zweier fürstlichen Armeen zu werben. 5)

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1) Schreiben an den Kaiser von den Gesandten mehrerer Fürsten und Stände. 13. 23. Nov. 1692. (W. L. Absch.)

2) Münster an Trier und Pfalz 11. Sept. 1892, desgl. an Trier, Köln und Pfalz 21. Okt. 1692. (M. St. Cept.)

3) Theat. Europ. XIV, S. 329 ff.

4) Korrespondenz Münsters mit Dänemark Nov./Dez. 1692; Münster an Bamberg, Würzburg, Hildesheim und Paderborn 14. Nov. 1692 (M. St.)

5) Instruktionen an Wendhausen 20. u. 24. Okt. 1691 (W. L. Absch.); Mémoire presenté à Mons. B. R. 27. August 1693. (W. L. Absch.)

 

 

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Auf diese Weise glaubte der Fürst die französischen Staatsmänner, die durch die Sendung des wolfenbüttelschen Truppenkontingents zum Rhein verstimmt waren, zu versöhnen und zu einem Eingreifen in den Kurstreit zu bewegen. 1)

 

Die Verwirklichung all' dieser Pläne stieß aber auf große Schwierigkeiten. Nach langen, mühevollen Unterhandlungen und Beratungen 2) verständigte man sich schließlich nur über die Bestimmungen des Fürstenvereins, die am 18. Dezember 1692 von dem sachsen-gothaschen Bevollmächtigten Schönberg, dem wolfenbüttelschen Wendhausen, dem dänischen Pieper und dem münsterschen Plettenberg zu Regensburg unterzeichnet wurden. 3)

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1) ebenda.

2) Schon im November 1692 überreichte der wolf. Abgesandte v. Alvensleben dem Bischof von Münster ein Projekt des Fürstenvereines und drang zugleich auf Unterzeichnung der besonderen Defensivallianz. Münster war hierzu nicht bereit. Deshalb kam man überein, die Verhandlungen von den Gesandschaften in Regensburg weiter führen zu lassen und vor allem eine Verständigung über den Hauptvertrag herbeizuführen. (Münst. an Dänemark 19. Nov. 1692. M. St. Absch.)

3) F. M. 4769 Original (M. St.) Soweit ich aus der einschlägigen Literatur konstatieren kann, ist bisher die Tatsache nicht bekannt, daß der Fürstenverein auf den Rezeß vom 18. Dez. 1692 zurückgeht. Die Vereinbarungen, die hier getroffen wurden, stimmen mit dem Inhalt, zum Teil sogar mit dem Wortlaut des Bündnisses vom 1./11. Febr. 1693 überein. Als Unterschied ist aber zu erwähnen, daß in dem Rezeß vom 18. Dez. nicht ausdrücklich der frühere Fürstenverein erwähnt, sondern nur allgemein festgestellt wurde, ein Fürstenverein sei nach den Reichsgesetzen erlaubt und von den Vorfahren schon errichtet. Dem Kaiser sagten sie ihre Unterstützung zur Aufrechthalt seiner Ehren, Rechte und Autorität zu und versprachen auch, ihm „mit allen Kräften und Vermögen“ gegen diejenigen beizustehen, „so zu deren schmähler- und unterbrechung etwas vorzunehmen sich unterfangen möchten.“ Dieser Passus wurde in dem späteren Übereinkommen ausgelassen, ein Zeichen wie sehr inzwischen die Erbitterung gegen den kaiserlichen Hof zugenommen hatte. Bemerkenswert ist ferner in dem Vertrage vom 18. Dez. noch das Versprechen, nach Ratifikation des Fürstenvereins „eine auf den effect solcher Vereyn gerichtete defensiv-Alliantz oder schutz-Verfassung biß auf allerseiten genehmhaltung concertiren zu lassen.“ Auch diese Bestimmung wurde in den Hauptrezeß nicht als direkte Verpflichtung aufgenommen. Über die in den beiden Traktaten übereinstimmenden Vereinbarungen vergleiche S. 37. -- Welche Stimmung in den Kreisen der kathol. Fürsten herrschte, ersehen wir am besten aus einem Briefe des Bischofs von Münster an Bamberg, Würzburg, Paderborn und Hildesheim 14. Nov. 1692. (M. St. Ccpt.) Durch die etwaige Investitur Hannovers werde „tota Imperii facies et forma auffeinmahl über hauffen geworffen, denen Churfürstlichen daß arbitrium rerum gerundarum allein zugespielet, und den übrigen Reichs Ständen nur ein bloßer schatten gelaßen. Diese aber einem solchen unwesen mit stillsitzen zuzusehen ohne verletzung ihrer ehren auch vor der werthen posterität ohne hinterlaßung einiger ewigen blame nicht verantworten können, sondern dergleichen zu veracht- und unterdrückung deß Fürstenstandtes gereichende fatale neuerungen und immerwehrendt ohnwiederbringliche praejudicia Wir Catholische und Geistliche umb so mehr mit allen Kräfften zu verhindern und abzukehren vor Gott und im gewißen verbunden alß gewiß und ohnaußbleiblich der Religion auch denen Ertz- und Stiftern darauß die schädlichste consequentz früe oder spaht zu befahren.“

 

 

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Inzwischen zögerte Leopold I., die Investitur Hannovers vorzunehmen in der Hoffnung, die opponierenden Kurfürsten für den Majoritätsbeschluß des Kurfürstenkollegiums doch noch gewinnen zu können. 1) Im Anfang Dezember ließ er Trier, Köln und Pfslz durch seine Kommission in Regensburg nochmals zur Einwilligung in die Belehnung und Investitur Hannovers mit der Kur auffordern. Auch dem Fürstenstande wurden wieder beruhigende Versicherungen zu teil. Alle Bemühungen der kaiserlichen Minister fruchteten aber nichts; 2) sie sahen vielmehr ein, daß, je länger man die Investitur aufschob, desto größer nur die Schwierigkeiten einer Verständigung mit der Opposition wurden; denn nun verlautete auch, daß Frankreich Anstalten treffe, sich in den Kurstreit einzumischen, und der Papst ebenfalls Stellung zu der neuen protestantischen Kur nehmen wolle. 3)

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1) Pribram a. a. O. S. 98 ff.

2) Theatr. Europ. XIV, S. 332 ff.

3) Pribram a. a. O.; die Befürchtungen des Kaisers waren in dieser Hinsicht tatsächlich nicht unbegründet; denn die französische Diplomatie schickte sich Ende des Jahres 1692 an, den durch hannoverschen Kurstreit vorgerufenen Hader für ihre Interessen auszunutzen. (R. d. J. II, 169.)

 

 

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Für die Vornahme der Investitur sprach ferner der Umstand, daß die hannover-cellischen Truppen auch für das nächste Jahr unentbehrlich waren. Anderseits glaubte der Wiener Hof, die opponirenden Kurfürsten dächten an keinen ernsthaften Widerstand und von den Mitgliedern des Fürstenkollegiums sei das Äußerste nicht zu befürchten. Im Ernstfalle hoffte man aber leichter mit ihnen fertig werden zu können, als mit der mächtigen hannoverschen Partei. Auch die Tatsache, daß nur vier Kurfürsten für die hannoversche Kur gestimmt hatten, rief bei den Kaiserlichen Ratgebern kein allzugroßes Bedenken hervor, konnten sie doch nun um so leichter eventuell noch einen katholischen Fürsten in das Kurfürstliche Kollegium bringen. 1)

 

Alle diese Erwägungen waren für Kaiser Leopold maßgebend, als er Mitte Dezember den Entschluß faßte, dem neuen Kurfürsten die Investitur zu erteilen. Erst zwei Tage vor dem für den feierlichen Aktus anberaumten Termin gab man das Vorhaben des Kaisers bekannt, um jedem weiteren Widerspruche der Opponenten vorzubeugen. Die Gegenseite war aber auf ihrer Hut, und noch am Morgen der Investitur legten der wolfenbüttelsche, dänische und münstersche Bevollmächtigte zu Wien Verwahrung ein und baten das Reichsoberhaupt, wenigstens auf einige Wochen der Investitur Aufschub zu geben. 2) Zu jedem Opfer waren sie bereit und sogar willens, die hannoverschen Truppen zu ersetzen, falls Ernst August sie bei unterbleibender Investitur zurückziehen würde. 3) Die Opposition war auch der Meinung, daß der Kaiser wegen der nicht erfolgten Zustimmung des Reiches an sein Versprechen nicht gebunden sei. Direkten Schaden werde Hannover nicht erleiden, weil die für die Verleihung der Kurwürde versprochenen Geldsummen erst nach der Investitur zahlbar seien. Sollte sich der

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1) Pribram a. a. O. S. 98 ff.

2) Theatr. Europ. XIV. Schon am 18. Dez. (W. L. Absch.) hatte Imhoff dem Kaiser ernste Vorstellungen gemacht. Vergl. ferner Relat. Imhoffs 10./20. Dez. 1692. (W. L.)

3) Die Gesandten Dänemarks, Münsters und Wolfenbüttels an Stahremberg 2./12.. Okt. 1692. (W. L. Absch.)

 

 

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Herzog von Hannover aber dann von neuem zu der französischen Partei schlagen, so sei er als Reichsfeind zu behandeln. 1)

 

Leopold blieb jedoch in seinem Enschlusse fest und vollzog am 9./19. Dez. 1692 in feierlicher Weise an den hannnoverschen Gesandten Grote und Limbach als Stellvertretern des neuen Kurfürsten die Investitur 2).

 

Wenn hiermit auch nicht alles erreicht war, und vor allem die Einführung Ernst Augusts in das Kurfürstenkollegium noch ausstand, so konnten die hannover-cellischen Staatsmänner mit dem Erfolge wohl zufrieden sein. Besonnen und energievoll hatten hatten sie inmitten der vielen Intriguen ihr Ziel verfolgt und ein scharfes Vorgehen gegen die Opponenten vermieden, um nicht deren Widerspruch noch mehr hervorzurufen. 3) Auch jetzt nach der geschehenen Investitur reizten sie die unterlegenen Gegner nicht, sondern ließen ihnen erklären, sie seien bereit das Vorgefallene zu vergessen und die Ruhe im Reiche, sowie besonders ein gutes Einvernehmen zwischen den beiden höheren Reichskollegien allen anderen Rücksichten nachzusetzen. 4)

 

Solche versöhnliche Gedanken aber hegte die Gegenpartei nicht, vielmehr war der Hauptleiter der Opposition, Herzog Anton Ulrich, mit dem Bischof von Münster ganz einverstanden, „daß man besagter Investitur halber an einiger Redressirung des Werks nicht zu desperiren, noch die Hände dabei sinken zu laßen habe.“ 5) Der wolfenbüttelsche

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1) Diese Gedanken geben: „Wolfenbüttels unmaßgebliche sentiments über einige Punkte“ wieder. Dieselben Anschauungen waren wohl in den Kreisen der Mitopponenten maßgebend. Jedoch ist es zweifelhaft, ob die übrigen Reichsstände mit dem wolfenbüttelschen Vorschlag übereinstimmten, Hannover statt der Kurwürde die erbherzogliche Würde zu verleihen. (ebenda)

2) Theat. Europ. XIV, S. 333 ff.

3) Instruktion an Weselow 25. August 1692. (H. St. Ccpt.)

4) desgl. 29. Dez. 1692.

5) Ant. Ulrich an Bischof Friedrich Christian 29. Dez. 1692 (M. St.)

 

 

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Hof konnte auch mit Vertrauen den weiteren Ereignissen entgegen sehen, denn seine seit Monaten mit Eifer betriebenen Rüstungen waren nahezu vollendet und seine Bundesgenossen zu tatkräftiger Hülfe bereit. 1)

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1) ebenda:

. . . wobey E. Ld. wir versichern können, daß Wir mit Unser defensionsverfassung nun in ziemlichem stande seyn, und zum wenigsten eine Zeitlang abwarten können, was der lauff der conjuncturen Uns für mesures zu nehmen veranlaßen werde, jedoch wollen Wir Uns dabey allenfalls E. Ld. kräftigen astistenz ohnzweiffentlich versehen, gleich Uns dann auch Ihre Königl. May. zu Dennemark der Ihrigen zuverläßig versichern laßen.“

 

 

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II. Von der Investitur bis zum Tode Ernst Augusts.

 

Ernst August von Hannover wurde nach der Investitur von vielen Seiten in seiner neuen Würde anerkannt. Graf Breuner überbrachte die Glückwünsche des Reichsoberhauptes. Englische und holländische Botschafter, sowie bayrische, sächsische und einige fürstliche Minister statteten die Gratulation ihrer Herren ab. Auch der König von Schweden empfing den Bevollmächtigten Hannovers als kurfürstlichen Gesandten und versicherte Ernst August seines weiteren Beistandes. 1)

 

Um so mehr Grund hatten nunmehr die opponierenden Fürsten, ihre Anstrengungen zu verdoppeln. In Regensburg ging es unter den Opponenten äußerst lebhaft her. Die fürstlichen Gesandten hielten sich den Beratungen des Reichskonvents völlig fern und waren desto eifriger in ihren eigenen Versammlungen tätig, in denen sich bald alles politische Leben konzentrierte. Hin und her beriet und debattierte man über energische Maßnahmen gegen die hannoversche Partei, wofür natürlich vornehmlich Wolfenbüttel, Münster und Dänemark eintraten. Die wolfenbüttelschen Herzöge bemühten sich in dieser Hinsicht um so mehr, da sich der leitende Minister von Celle, Graf Andreas Gottlieb v. Bernstorff, zu einigen Repressalien gegen die wolfenbüttelsche Regierung hinreißen ließ, indem er den cellischen Untertanen die Holz- und Kornausfuhr nach den wolfenbüttelschen

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1) Theat. Europ. XIV, 507 ff.

 

 

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Landen verbot. Rudolf August und Anton Ulrich gerieten in große Aufregung und glaubten, daß ihre Verwandten hierdurch den offenen Kampf mit ihnen einleiten wollten. In bewegten Worten schilderten Sie daher ihren Bundesgenossen ihre Not und baten sie, Hülfstruppen bereitzuhalten. 1) Glücklicherweise sah Celle seinen Fehler noch rechtzeitig ein und hob den übereilten und unklugen Erlaß auf Vorhaltungen Brandenburgs und Englands schon bald wieder auf. 2) Nichtsdestoweniger mußte dies Vorkommnis die Spannung zwischen den nahverwandten Höfen noch steigern und bei den übrigen Fürsten Besorgnisse wegen eines bewaffneten Einschreitens der hannoverschen Partei gegen die Opponenten wachrufen. Desto leichter waren diese nun zu einem geschlossenen Vorgehen gegen Hannover zu bewegen. Gemeinsam legten die angesehensten Mitglieder des deutschen Fürstenstandes gegen die Investitur Hannovers Einspruch ein, da doch ein solches Verfahren wegen der nicht erfolgten Zustimmung des Fürstenkollegiums gegen die Reichsverfassung verstoße und eine Nichtigkeitserklärung ihrerseits zur Wahrung des höchsten fürstlichen Rechtes, des „juris liberi suffragii“ erfordere. 3) Hessen-Kassel 4) und

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1) Wolf. an Brandenburg 14./1. 1693. (H. St. Absch.) Desgl. an Münster 14. u. 25. Jan. 1693. (M. St.)

2) Brandenburg an Celle 17./27 Jan., desgl. an Hvr. 18./28. Jan. ferner Celle an Brandenburg 21. Jan. 1693. (H. St.)

3) Declaratio Nullitatis. 15./25. Jan. 1693 unterzeichnet von Dänemark, Münster, Sachs.-Gotha, Wolfb. und Hessen-Kassel. (W. L. Absch.) Die „declaratio nullitatis“ wurde der kaiserlichen Kommission, dem Reichshofrat und Reichskammergericht unterbreitet. Da man überall die Annahme verweigerte, und die Opponenten die Schriftstücke nicht zurücknehmen wollten, begab sich ein kaiserlicher Kanzleidirektor in die Wohnung des dänischen und baden-badischen Gesandten in Regensburg und zerriß die übersandten Erklärungen. Die fürstlichen Bevollmächtigten ließen darauf die zerfetzten Schriftstücke dem kaiserlichen Abgesandten wieder vor die Tür legen, von wo der Wind Sie in alle Richtungen zerstieb. (Relation aus Regensburg 14. April 1693. H. St. Absch.)

4) Ant. Ulrich an Münst. 29. Dez. 1692 (M. St.); Instruction Ant. Ulrichs an Imhoff 20. Jan. 1693, Relat. Lüdeckes aus Cassel. Mitte Januar 1693. (W. L.)

 

 

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Sachsen-Gotha traten nun dem Fürstenverein bei, dessen Bestimmungen noch einmal durchgesehen, erweitert und auch von den alten Mitgliedern wieder unterzeichnet wurden: In dem Rezeß vom 1.11. Februar 1693 1) erneuerte man den Verein vom Jahre 1662 zur alleiniger Aufrechthaltung der fürstlichen Freiheiten und Rechte und wiederholte das frühere Versprechen, sich gegenseitig mit Rat und Tat beizustehen, falls Hannover sich die Kurwürde öffentlich anmaßen und mit Hinzuziehung auswärtiger Mächte zu behaupten trachten werde. In berechnender Weise hatte man die Vereinbarungen auch diesmal so gehalten, daß die dem Kaiser ergebeneren Mitglieder des Fürstenkollegiums kein großes Bedenken haben konnten, sich dem Fürstenverein anzuschließen. In der Tat mußte sogar ein kaiserlicher Abgesandter gestehen, daß mit Ausnahme eines Abschnittes selbst der Kaiser als Erzherzog den Rezeß unterschreiben könne. 2)

 

Am kaiserlichen Hof regten sich allmählich doch schwere Bedenken und Sorgen wegen der Haltung der Opposition, denn der Streit um die hannoversche Kur hatte nicht allein die Reichsmaschine ins Stocken gebracht, sondern auch die Einigkeit unter den deutschen Fürsten selbst bedroht, die in dem schwebenden Reichskriege gegen Frankreich so hoch not tat. An der Donau sah man aber wohl ein, daß ohne Konzessionen an die Opponenten eine Verständigung in der Kursache nicht zu erzielen war. Die „drei Väter der neunten Kur“, die Minister Strattmann, Kinsky und Königseck, glaubten am besten den opponierenden katholischen Kurfürsten entgegenkommen zu können und stellten zu diesem Zwecke als neue Forderung auf: die Zulassung Böhmens -- das bis jetzt nur an der Kaiserwahl teilnahm -- zu den Reichsberatungen und die eventuelle Errichtung einer neuen katholischen Kur. Diese Schwenkung der kaiserlichen

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1) M. St. Münster (Plettenberg), Sachsen-Coburg und Wolfenbüttel (Wendhausen), Sachsen-Gotha und Dänemark (Piper), Hessen-Cassel (Malsburg).

2) A. Schulte a. a. O. I, 169.

 

 

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Politik führte im Kurfürstenkollegium eine Einigung nicht herbei; im Gegenteil, man hatte es jetzt auch mit den protestantischen Kurfürsten verdorben, deren Unterstützung man bis dahin sicher gewesen war, die aber solche Zugeständnisse ihren katholischen Kollegen doch nicht machen wollten. 1)

 

Noch größer war der Fehler der kaiserlichen Ratgeber, daß Sie die übrigen Forderungen der Opponenten mit der Erklärung glaubten abtun zu können, die Verleihung der Kurwürde an Hannover sei als eine vollendete Tatsache hinzunehmen und könne keinen Gegenstand der Diskussion mehr bilden. 2) Wenn sie dabei auch die Versicherung gaben, jeder berechtigten Klage Abhilfe zu verschaffen, so waren die Opponenten über diese Worte mit Recht höchst ungehalten und nun natürlich den aufreizenden Reden der Hauptschürer noch zugänglicher.

 

Unklugerweise gaben dabei die österreichischen Diplomaten von vornherein jeden Versuch einer Verständigung mit Wolfenbüttel, Münster und Dänemark auf. 3) Bemühungen in dieser Richtung waren gewiß nicht leicht, aber ein Gebot der Notwendigkeit; denn nur dadurch, daß man diese maßgebenden Opponenten von einander trennte, konnte man darauf rechnen, die übrigen Fürsten zu beruhigen und zufrieden zu stellen und die Gefahr einer starken französischen Partei, die niederzuhalten man Hannover ja gerade mit der Kur ausgezeichnet hatte, zu beseitigen. So aber setzten diese erbitterten Gegner unbehelligt ihre Agitation bei den An- gehörigen des Fürstenstandes fort, hetzten stets von neuem die Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz gegen den Kaiser auf und suchten Unterstützung bei Ludwig XIV. 4)

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1) A. Schulte a. a. O. I, 168 ff. Arneth: „Graf Guido Starhemberg“. Wien 1853, S. 146 ff.

2) ebenda.

3) ebenda.

4) Münster an Bamberg und Würzburg 3. April 1693; desgl. an Trier 13. April 1693; Korrespondenz zw. Mst. u. Dänemark April/Mai 1693. (M. St.)

 

 

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Die kaiserlichen Gesandten Starhemberg, Hohenlohe und Zeil, die die deutschen Fürstenhöfe für das neue Programm des Ministeriums in Wien gewinnen sollten, fanden denn auch, daß eine Einigung mit den Opponenten von Tag zu Tag schwerer wurde. 1) Starhemberg, der nach Trier und Düsseldorf geschickt wurde, vermochte hier nicht, eine bindende Zusage zu erlangen. Hohenlohe und Zeil aber bemühten sich vergebens, den Landgrafen von Hessen-Kassel und den Markgrafen von Baden-Baden von der Opposition abzubringen. Die Bevollmächtigten Leopolds waren nur im Stande, den fränkischen Kreiskonvent vom Anschluß an den Gegner abzuhalten. Sie konnten nicht verhindern, daß Bayreuth, Bamberg, Eichstädt und sogar der kaiserliche Generalleutnant Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden die Bestimmungen des Fürstenvereins unterschrieben. Dann folgte noch Württemberg und Baden-Durlach. Nur Schweden weigerte sich beharrlich, der „declaratio nullitatis“ zuzustimmen und Mitglied des Fürstenvereins zu werden. 2)

 

Mittlerweile brachten die Herzöge von Wolfenbüttel ihre Unterhandlungen mit den übrigen Hauptopponenten zwecks einer besonderen Defensivallianz glücklich zum Abschluß. Am 1. März 1693 3) verpflichteten sich die wolfenbüttelschen Herzöge und der König von Dänemark, zum gegenwärtigen Kriege des Reiches gegen Frankreich keine Truppen und Geldmittel mehr zu liefern und sich gegenseitig mit 6000 Mann beizustehen, falls sie wegen ihres Widerstandes gegen die neunte Kur „molestiert“ werden sollten. Ähnliche Vereinbarungen trafen Wolfenbüttel und Dänemark mit Hessen-Kassel. 4) Von größter Wichtigkeit

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1) A. Schulte a. a. O. I, 169 ff.; Arneth a. a. 0. S. 147 ff.

2) Instruktion an den Schwed. Gesandten Snoilsky 11. Februar 1693. (M. St. Absch.)

3) W. L. Absch.)

4) Defens.-Allz. zw. Dänemark und Hess.-Kassel 3. März 1693, desgl. zw. Wolf. u. H.-Kass. 19. Mai 1693. (M. St. Absch.) Die Verhandlg. Wolfenb. mit H.-Kassel hatten Imhoff (Instr. 20. Jan. W. L.) u. Lüdecke (Instr. 2. Mai W. L.) geführt. Aber auch Herzog Ant. Ulr. hatte in pers. Unterredung den Landgrafen „bearbeitet“. (Protokoll vom 27. April 1693. M. St.)

 

 

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jedoch war es, daß Frankreich am 1. März 1693 dem Vertrage Dänemarks mit Wolfenbüttel beitrat und versprach, die Interessen der wolfenbüttelschen Herzöge im künftigen Frieden mit dem Reiche gegen deren Vettern zu schützen und die hannoversche Kurwürde nicht eher anzuerkennen, als bis ein einmütiger Reichsbeschluß sie angenommen habe. Anton Ulrich schloß Sich jetzt völlig der „dritten“ Partei an und bezog durch Vermittlung des Kopenhagener Hofes französische Subsidien. 1) Ein paar Wochen später trat Bischof Friedrich Christian von Münster den Abmachungen zwischen Wolfenbüttel und Dänemark bei. 12000 Mann wollten nun diese drei Fürsten in steter Bereitschaft halten. 2)

 

Der Widerstand der Fürsten gegen die neunte Kur war hiermit in ein neues Stadium getreten. Die Opposition fand jetzt nicht nur in dem Fürstenverein, sondern auch in den besonderen Verträgen der hartnäckigsten Verfechter der Fürstenrechte eine festgeschlossene Organisation, die wiederum an Frankreich eine sichere Rückendeckung hatte.

 

In der Tat schien es schon bald zu einem ernsten Kampf kommen zu sollen. 3) Das braunschweig-lüneburgische Fürstenhaus hatte nämlich das Erbe der Sachsen-lauenburgischen Herzöge angetreten und in Ratzeburg starke Befestigungen anlegen lassen. Hierüber gerieten Hannover und Celle mit Dänemark hart aneinander. Da bei diesem Streite sich nun die Hauptgegner in der hannoverschen Kursache trafen, so lag die Gefahr nahe, daß die auf beiden Seiten aufgespeicherte Erbitterung zu schweren, kriegerischen Verwicklungen führen würde. In Wolfenbüttel war man auch entschlossen, einem Angriff Dänemarks auf die Verwandten untätig zuzusehen. 4) Zum Glück war aber der Bischof von

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1) Extr. Tract. (W. L.) Siehe ferner S. 45/46 (nebst Anmerkungen).

2) Vertrag vom 14./24. März 1693. (M. St.)

3) Bodeman: „Jobst Hermann v. Ilten.“ Z. d. hist. Ver. f. Nieders. 1879. Havemann III, 337 ff.

4) Vertrag zw. Dänemark u. Wolfb. 10. März 1693. Ww.

 

 

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Münster nicht willens, den Bundesgenossen bei seinem Unternehmen zu unterstützen, wiewohl er sich sonst mit scharfen Worten über die „unordentliche ambition und Begierde“ der Herzöge von Hannover und Celle äußerte. 1) Auch der wolfenbüttelsche Hof wurde bald wegen der Nähe des Kriegsschauplatzes um die Sicherheit und den Wohlstand des eigenen Landes besorgt und riet dem dänischen König, den Streit auf friedliche Weise zu schlichten. Schließlich legten sich der Kaiser, die Seemächte, Schweden und Brandenburg ins Mittel und ihren gemeinsamen Bemühungen gelang es, die Differenzen beizulegen. 2)

 

Durch die drohende Kriegsgefahr im Norden war die Agitation für oder gegen die neunte Kur für eine kurze Zeit unterbrochen worden. Beide Parteien nahmen nun ihre Propaganda in Wien und im Reiche wieder auf. Diesmal versuchten die hannoverschen Gesandten es beim Kaiser Leopold mit dem Hinweis, daß Ernst August für die Readmission Böhmens stimmen werde, sobald er seinen Sitz im Kurfürstenkollegium einnehmen könne. Diesem Argumente trat die Opposition mit Geschick entgegen, denn die Möglichkeit sei nicht ausgeschlossen, daß die übrigen protestantischen Mitglieder des Kurfürstenkollegiums nach Einführung Hannovers die Wiederaufnahme Böhmens hintertreiben würden. 3) Vor allen anderen zeichnete sich wiederum Herzog Anton Ulrich aus. Im Verein mit Münster und Hessen-Kassel sandte er Imhoff nach Stockholm, der hier für den Fürstenverein agitieren und über zwei in Aussicht genommene fürstliche Armeen nähere Vereinbarungen treffen sollte. 4) Sein Intimus, der Geh. Rat Hertel, war in derselben Absicht in Anhalt tätig, 5) während Wendhausen sich in Regensburg bemühte, die Mitglieder des Fürstenkollegiums auch fernerhin

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1) Münst. an Dänemark 5. Juni 1693. (M. St.)

2) Havemann III, 338.

3) Korrespdz. Münsters mit Trier und Pfalz. Dez. 1693. (M. St.)

4) Instruktion an Imhoff von Rudolf August und Anton Ulrich. 22. Juni 1693 (W. L.); desgl. von Wolf. und Münst. 3. Sept. 1693 (M. St. Ccpt.)

5) Instr. u. Relat. Hertels Okt.-Dez. 1693 (W. L.)

 

 

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von einer Teilnahme an den Reichsberatung abzuhalten und den französischen Friedensvorschlägen geneigt zu machen. 1)

 

Trotzdem so die wolfenbüttelsche Regierung den rührigsten Anteil an den Quertreibereien der opponierenden Fürsten nahm, so regten sich doch in Kopenhagen und Münster Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit, 2) denn der ältere Regent, Herzog Rudolf August, zeigte sich endlich den Anträgen der Seemächte geneigt, die sich seit langem um eine Versöhnung im Welfenhause bemüht hatten. 3) Schon im Dezember 1692 boten englische und holländische Gesandte ihre Vermittlung zur Beilegung der Differenzen an. 4) Die jüngere Welfenlinie acceptierte die Mediation, und auf Anraten des hannoverschen Hofes wurde Brandenburg zu den Verhandlungen hinzugezogen. 5) Die hannover-cellischen Staatsmänner waren sicherlich zum Frieden geneigt, wie aus ihrem ganzen Verhalten nach der Investitur klar hervorgeht. 6) Sie stellten auch auf Wunsch der Mediatoren die schriftliche Erklärung aus, nichts „via facti et armorum“ gegen ihre Verwandten zu unternehmen. Diese sollten aber die nämliche Verpflichtung eingehen, zugleich die Truppenwerbungen einstellen und nicht mehr als 2000 Mann im Lande halten. 7)

 

Die wolfenbüttelschen Herzöge konnten die Vorschläge der befreundeten Mächte nicht rundweg ablehnen, weil sie hierdurch dem Gegner den offenbaren Beweis geliefert hätten,

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1) Instruktion an Wendhausen 19. Okt. 1693 (W. L. Absch.).

2) Korrespondenz zwischen Münster und Dänemark Nov. und Dez. 1693 (M. St.).

3) Die Triebfeder hierzu war Wilhelm III. von England, den aufrichtige Freundschaft mit den Herzögen von Hannover und Celle verband. Der Hauptumstand aber, der England und Holland zu den Verständigungsversuchen veranlaßte, war die Weigerung sowohl der hannover-cellischen als auch der wolfenb. Regierung bei den gespannten Verhältnissen im fürstlichen Gesamthause den Seemächten Hilfstruppen zu überlassen. (Siehe die folg. Belege.)

4) Konferenzprotokolle 22. und 23. Dez. 1692 (H. St.).

5) Brandenburg an Hannover 31. Dez. 1692 (H. St.).

6) S. S. 33.

7) Celle an Hannover 5./1, 9./1., 12./1. u. s. w. 1693; Konferenzprotokoll 22. Jan. 1693 (H. St.).

 

 

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daß es ihnen um eine Verständigung nicht zu tun sei. Deshalb gingen sie auf Unterhandlungen mit den Mediatoren wohl ein, machten aber die Einschränkung, über die Kur und die dabei in Frage stehenden Rechte des Fürstenstandes sich nicht einseitig mit den Verwandten auseinandersetzen zu können. 1) Bei einer solchen Haltung der wolfenbüttelschen Regierung war an eine Versöhnung nicht zu denken; denn ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Familien konnte doch nur in einer Einigung über die Kurfrage, die den erneuten Streit im Welfenhause heraufbeschworen hatte, begründet werden. Noch deutlicher aber zeigten die leitenden Kreise in Wolfenbüttel ihre geringe Neigung zu einer Verständigung mit Hannover-Celle, als sie wieder auf die früheren, von der Gegenseite schon abgelehnten Forderungen 2) zurückgriffen. 3)

 

Die cellischen Zwangsmaßregeln 4) gaben Anton Ulrich dann den gewünschten Grund, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen und den engen Zusammenschluß der deutschen Fürsten gegen die neunte Kur herbeizuführen. 5) Ein Zurück von der Opposition, deren eigentlicher Führer er war, gab es nun nicht mehr für Anton Ulrich, wenn er

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1) Wolf. an England und Holland 12./22. Jan. 1693 (H. St. Absch.), „Was Wir -- so erklärten die wolf. Herzöge den Mediatoren -- mit denen gesampten Stenden des Heyl. Röm. Reichs, insonderheit aber mit dem Churf. Collegio in dem punct wegen vermehrung der Churfürsten und praetendirten Neunten Chur Würde gemein haben, Wir alß in einer Sache, daran des Reichs und deßen glieder hohe Vorrechte sehen und Freyheiteniten theils hangen, vor unß allein und ohne der anderen Reichsfürsten und Stände einwilligung nicht das geringste, wodurch solche gemeinsahme Sache einigen anstoß leiden konte, zu thun oder zu laßen vermogen, dahero Unß auch in keinerley wege ermächtigen konnen, Solche newe Chur Würde ehe und bevohr was durch deren praetendirten einführung vornehmlich circa modum agendi bewolten Churf. Collegio für eintrag und prejuditz zugefuget, vollig repariret und dem nechst die Sache an sich von denen Reichß Gesetzen fundirten herkohmen gemäß approbiret worden, zu agnosciren“.

2) S. S. 17

3) Actum in Consilio 2. Januar 1693 (W. L.).

4) S. S. 35/36.

5) S. S. 35 ff., 39 ff.

 

 

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nicht seine Ehre und sein Ansehen beim gesamten Fürstenstande aufs Spiel setzen wollte. Daran dachte der Herzog auch nicht im mindesten, vielmehr war er entschlossen, alle weiteren Bemühungen der Mächte ein für allemal zum Scheitern zu bringen.

 

Dieses war ihm um so leichter, da Rudolf August, der persönlich eine Aussöhnung mit den Verwandten wohl gewünscht hätte, die Entscheidung seinem Bruder überließ. Anton Ulrich lehnte nun die verlangte schriftliche Erklärung ab, und auf die Frage des Bevollmächtigten der Generalstaaten, ob er denn nach Erfüllung ihrer alten Forderungen die hannoversche Kur und Primogenitur anerkennen und die deswegen geschlossenen Bündnisse aufheben würde, gab er eine ausweichende Antwort. Auch weigerte er sich entschieden, die wolfenbüttelsche Truppenmacht zu verringern, da er glaubte, daß die hannoversche Partei es hierbei nur auf ihre Entwaffnung abgesehen hätte. 1) Als die Mediatoren jedoch mit ihren Vorstellungen nicht nachließen, beantragte Anton Ulrich die Hinzuziehung Dänemarks zu den Beratunge 2). Ihren erbittertsten Gegner und den Verbündeten Wolfenbüttels konnten Hannover und Celle als Vermittler denn doch nicht annehmen. 3) Zur Genüge war ihnen und den vermittelnden Mächten aber hierdurch klar geworden, daß Anton Ulrich eine Verständigung mit seinen Verwandten weder möglich noch erwünscht war.

 

Die letzten Zweifel über die wahre Gesinnung der wolfenbüttelschen Regierung wurden dem holländischen Unterhändler Hopp durch die schriftlichen Beschwerden genommen, die Rudolf August und Anton Ulrich ihm einhändigen ließen. 4) Mit den schärfsten Worten wiederholten die Herzöge in diesem Schriftstück die alten Anklagen gegen die jüngere

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1) Protokoll vom 3. April 1693; „Anmerkungen bey dem an Chur-Fürst Durchl. zu Br. . . . . von Hertzogen zu B.-L.-W. sub dato 14. Febr. abgesandten Schreiben“ 15. Apr. 1693 (H. St.).

2) Auszug aus d. Protokoll des wolf. Geh.-Rats vom 3. April 1693 (H. St.)

3) Actum Hannover 5. April 1693 (H. St.).

4) 15. April 1693 (H. St. Absch.)

 

 

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Linie und bestanden auf der Forderung der Übersendung der Moltkeschen Prozeßakten, denn durch die erwähnten „abominablen Beschuldigungen“ seien Anton Ulrich „eine solche Ignorie, Schmach und blâme zugefüget, die nicht größer noch herber auf der Welt vorkommen könnten.“ Klar und deutlich gaben Rudolf August und Anton Ulrich nun auch ihre Meinung bekannt, daß die Verzichtleistung ihres Großvaters auf das Lüneburgische auf „eines ungetreuen Dieners listige Persuasion und Verleitung“ zurückzuführen und mithin nicht als rechtskräftig anzusehen sei. Sie verlangten daher, „daß es mit dem Fürstentum Celle und dessen Regierung, soviel die diesseitigen Rechte erforderten, in den vorigen alten Stand gesetzt und ihnen der Besitz und Genuß ihrer völligen Rechte und ihres wahren Erbteiles eingeräumt werden möchte.“ Anton Ulrich, der allein hinter all dem steckte, hatte hiermit seine Maske abgeworfen und rückhaltlos seine Gedanken offenbart. Die Seemächte gaben daher ihre Bemühungen vorläufig auf.

 

Da es ihnen jedoch hauptsächlich auf die wolfenbütteschen Truppen ankam, so knüpften sie schon nach kurzer Zeit neue Unterhandlungen an. Diesmal war ihnen das Glück günstiger. Anton Ulrich hatte nämlich eine Versöhnung mit den Verwandten in der sicheren Erwartung ausgeschlagen, daß Ludwig XIV. ihn in seinen Ansprüchen unterstützen und dem Versprechen gemäß, die Kosten für seine verstärkte Truppenmacht ersetzen werde. Die Teilnahme des wolfenbüttelschen Kontingents an den Operationen am Rhein aber hatte die französischen Staatsmänner arg verstimmt und sie veranlaßt, die Zahlung der Hilfsgelder einzustellen. Der Leiter der wolfenbüttelschen Politik tat zwar alles, den französischen König zu versöhnen und ihn seiner Treue und Ergebenheit zu versichern. 1) Da alle seine Bemühungen

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1) Der Geh. Rat Hertel (Mémoire présenté à Mons. B. R. à Remsbourg. 27. Aug. 1693. W. L.) suchte den französ. Gesdt. Bonrepos zu überzeugen, daß seine Herren gezwungen gewesen seien, dem Reich das schuldige Truppenkontingent zu stellen. Er erinnerte B. R. aber daran, in welcher Weise Anton Ulrich in dem vergangenen Winter für die Interessen der französischen Krone eingetreten sei, wie Holland der wolfenbüttelschen Regierung noch jüngst hohe Summen für einige Mannschaften angeboten habe und dieser Vorschlag, sowie hannoverschen Verständigungsversuche im Vertrauen auf den Beistand Frankreichs zurückgewiesen seien. Hertel betonte dann ferner, daß der wolfenbüttelsche Hof eine Wahrung seiner Rechte Hannover und Celle gegenüber bei den demnächstigen Friedensverhandlungen von Frankreich erwarte und zu einem festen und „ewigen“ Bündnis mit Ludwig XIV. nach dem Frieden bereit sei. Diese Vorstellungen hatten aber ebenso wenig Erfolg, wie die Bemühungen Imhoffs, den Vertreter Frankreichs in Stockholm Comte d'Avaux für einen Vorschuß von 100000 Th. zu gewinnen. (Wijnne: „Négociations de Monsieur Comte d'Avaux.“ Utrecht 1882, I, S. 440 ff.)

 

 

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aber nichts nutzten, so mußte sich Anton Ulrich nach einem anderen Ausweg umsehen, das Manko seiner Kriegskasse zu decken. England und Holland rieten ihm von neuem, einen Teil seiner Truppen in ihre Dienste zu stellen. Anton Ulrich wies diesen Vorschlag nach wie vor ab, sein älterer Bruder aber, mit dem sich die gewandten holländischen Diplomaten während seiner Anwesenheit in den Niederlanden in Verbindung gesetzt hatten, sprach sich jetzt entschieden für die Anträge der Seemächte aus. 1)

 

Unter diesen Umständen lenkte Frankreich ein und war bereit, den früheren Vereinbarungen mit Wolfenbüttel nachzukommen, verlangte jedoch, daß die Herzöge sich von neuen verpflichteten, der französischen Friedenspartei beizutreten. Anton Ulrich traute indes den französischen Staatsmännern nicht recht und lehnte ihre Forderung ab, 2) zumal der ganze wolfenb. Geheime Rat diesmal auf Seiten des der älteren Regenten stand; daher ließ sich Anton Ulrich auch nicht auf die Vermittlungsvorschläge Dänemarks ein, 3) sondern stellte

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1) Korresp. zw. Münst. u. Dänem. Nov. 1693 bis Febr. 1694. (M. st.)

2) Anton Ulrich glaubte, daß daß „expedient der verlangten ate bloß zum schein in Vorschlag gekommen, da denn Frankreich schon alles, was es dardurch intendirten, in dem näheren tractat mit Unß (Dänemark) stipulirt hätte“ (Instr. an d. dänisch. Gesdt. Menken 4. Febr. 1694. M. St. Absch.)

3) Der dänische König wollte „Frankreich dahin disponiren, sich mit herzog Anthon Ulrichs alleinige acte und fürstlicher parole zu begnügen.“ (ebenda.)

 

 

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vielmehr den Räten die definive Entscheidung anheim und erklärte, daß er, falls sie den Zeitpunkt für eine Versöhnung mit Hannover geeignet hielten, bereit sei, „die Rechte der Fürsten zu abandonneren, die neunte Kur anzuerkennen, die cell- und hannoverschen Beschimpfungen geduldig hinzunehmen und sich also für den Frieden zu sacrificieren.“ 1)

 

Die gerade das Gegenteil besagenden Äußerungen Anton Ulrichs noch kurz vorher lassen den Schluß zu, daß es ihm mit diesen Worten nicht Ernst war. 2) Sicherlich war der Herzog überzeugt, daß seine ihm völlig ergebenen Ratgeber einen solchen totalen Bruch mit der Vergangenheit nicht gutheißen würden. Er hatte sich auch nicht getäuscht: die wolfenbüttelschen Minister waren für eine weitere Teilnahme an der Opposition, lehnten die Anträge Ludwigs XIV, ab und beschlossen, die Verhandlungen mit England und Holland weiter zu führen. 3) Zu diesem Zwecke begab sich der Kanzler Wendhausen wieder nach dem Haag und brachte den Vertrag auch glücklich zu Stande. Wolfenbüttel überließ den Seemächten einige Regimenter und verpflichtete sich, seine Widersacher nicht mit den Waffen anzugreifen und für einen Frieden mit Frankreich ohne Zustimmung Englands und Hollands nicht tätig zu sein. Letztere wollten hingegen

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1) Beglaubigte Abschrift der Erklärung Anton Ulrichs im Geh. Rat. 22. Jan. 1694. (W. L.)

2) Anton Ulrich an Münster 24. Dez. 1693 (M. St.): „So habe Ew. Ld. Ich hierdurch versichern wollen, daß bey denen einmahl Concertirten guten Principiis man alhier beständig verharren, und denen errichteten Bündnißen unverbrüchlich nachgehen, auch darvon abzusein Sich durch nichts bewegen lassen werde, allermaßen denn zu deroselben ich mich ebenmäßiger Beständigkeit, und daß Sie durch die etwan spargirende wiedrige Berichte sich nicht werden troubliren laßen, sicherlich versehe, und ohnaußsätzlich verharre.“ Desgl. am 2. Jan. 1694. (M. St.) „Wir werden zu keiner demarche schreiten, so der von Uns so angelegentlich mit befoderten Fürsten-Verein und dem mit E. Ld. besonders etablirten guten Vernehmen, und der darauf gegründeten sowoll Unserer Beyderseits alß anderer Unser mit-Reichs-Fürsten Wolfahrt im geringsten abbrüchig seyn könte.“

3) Korrespondenz zwischen Münst. und Dänem. Febr. 1694 (M. St.).

 

 

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für die Rechte der wolfenbüttelschen Herzöge eintreten und auch in Zukunft unparteiisch zwischen den beiden verfeindeten Linien des Welfenhauses vermitteln. 1)

 

Inzwischen hatte auch Kaiser Leopold die günstige Gelegenheit wahrgenommen und durch seinen Gesandten am englischen Hof, Graf Auersperg, Anton Ulrich versichern lassen, er wolle ihm und den Anderen Mitgliedern des Fürstenkollegiums gern jede Genugtuung verschaffen und ihre diesbezüglichen Vorschläge entgegennehmen. Zugleich bat Auersperg aber den Herzog, neue Hilfstruppen zum Reichskrieg gegen Frankreich zu stellen. Anton Ulrich lehnte es ab, sich über den ersten Punkt zu äußern, da dies eine Angelegenheit sei, die den ganzen Fürstenstand betreffe. Zur Erfüllung der zweiten Forderung war er erst geneigt, als Auersperg nicht mißzuverstehende Anspielungen auf die Entdeckung einer „dritten“ Partei machte und unter Vorzeigung hierfür besonders erteilter Instruktionen durchblicken ließ, daß man bei Verweigerung des schuldigen Reichskontingents den Kaiser zu anderen Entschlüssen zwingen werde. 2)

 

Durch die dem Reiche in dem Kriege gegen Frankreich nun von neuem gewährte Unterstützung und vor allem durch den Vertrag mit den Seemächten hatten die wolfenbüttelschen Herzöge sich in etwa der kaiserlichen Partei genähert. Anton Ulrich, der sich nur unter dem Druck der Umstände hierzu verstanden hatte, war aber nicht im mindesten gesonnen, die Verpflichtung des Bündnisses einzuhalten und sich nicht mehr für den Frieden des Reiches mit Frankreich zu bemühen, wie vielweniger mit Ludwig XIV., bei dem er auf die Dauer doch den besten Beistand gegen die hannover-cellischen Vettern zu finden hoffte, völlig zu brechen. Vorläufig konnte er aber nichts anderes tun, als das Mißtrauen Dänemarks und Münsters zu zerstreuen und diesen ergebenen Anhängern der französischen Krone zu zeigen, daß er nach wie vor

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1) Vertrag vom 24. Mai/3. Juni 1694. (W. L. Absch.)

2) Anton Ulrich an Münster 16. März 1604. (M. St.)

 

 

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entschlossen sei, die Rechte und Freiheiten des deutschen Fürstenstandes zu verteidigen und der „dritten“ Partei treu zu bleiben. 1) Noch vor der Ratifikation des Abkommens mit England und Holland erneuerten daher Anton Ulrich und Rudolf August ihre Bündnisse mit Dänemark und Münster und versprachen, diesen Vereinbarungen zuwiderlaufende Anerbietungen und Vorschläge anderer Mächte ablehnen zu wollen. 2) Nun herrschte bald wieder das beste Einverständnis unter den Opponenten und vertrauensvoll erwogen die dänischen und münsterschen Staatsmänner mit ihren wolfenbüttelschen Kollegen weitere Schritte gegen Hannover und seinen Anhang. -- - - -

 

Im kaiserlichen Ministerium zu Wien hatte in den letzten Monaten die hannoversche Partei durch den Tod des Hofkanzlers Strattmann und des Reichsvizekanzlers Königseck Stützen verloren. 3) Nichtsdestoweniger blieb der Wiener Hof Hannover günstig gesinnt, und die Hoffnung der Opponenten in dieser Richtung erfüllte sich nicht. Im Kurfürstenkollegium aber war nach wie vor keine Einigung zu erzielen, 4) und die Reichsberatungen wurden durch die Opposition weiterhin vollständig lahm gelegt. Dabei verbitterten die häufigen Auseinandersetzungen und Zänkereien die Gemüter auf beiden Seiten immer mehr. 5) In einem Schreiben an den Kaiser wies daher Kurfürst Friedrich von Brandenburg nicht mit Unrecht darauf hin, daß durch den Kurstreit das Vaterland bedroht und das Ansehen des Reichsberhauptes geschmälert werde. 6)

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1) Korrespondenz zwischen Münster und Dänemark Jan.-- Mai 1694. (M. St.)

2) 14./24. Mai 1694. (M. St.)

3) A. Schulte: „Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden.“ I, 233 ff.

4) Schreiben des pfälzischen u. des trierschen Kanzlers vom 16. und 21. März 1694. (M. St.), in denen diese sich zugleich für das ihnen seitens der Opposition präsentierte Geschenk von 1000 Tal. bedanken.

5) Besonders geriet Brandenburg mit den Opponenten hart aneinander. (W. L. „Neunte Kur“ 15.)

6) Bodemann: Jobst Hermann v. Ilten.“

 

 

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Diese Befürchtungen waren um so begründeter, da die Opposition sich zu einem neuen Vorstoß rüstete. Der Plan Dänemarks, Wolfenbüttels und Münsters ging dahin, auf einem Kongreß zu Frankfurt den ganzen Fürstenverein auf die Seite Frankreichs zu ziehen und ein gemeinsames Heer, zu dem jedes Mitglied ein bestimmtes Truppenkontingent oder wenigstens Subsidien beisteuern sollte, aufzustellen. Auf diese Weise glaubten sie, die Rechte des Fürstenstandes besser schützen und den Frieden des Reiches mit Frankreich erzwingen zu können. 1)

 

Der kaiserliche Hof verhehlte sich nicht, was in Frankfurt auf dem Spiele stand, und wollte das Zustandekommen des Fürstentages verhindern. Aus diesem Grunde ließ sich Leopold zu der Erklärung herbei, er werde nichts den Rechten der Fürsten Nachteiliges beschließen und sich vor der Introduktion Hannovers mit den Opponenten über einen solchen Ausweg zu einigen suchen, der sie völlig befriedigen werde. 2) Dieses Entgegenkommen des Kaisers kam den Veranstaltern des Kongresses äußerst ungelegen, denn nun mochten manchem Fürsten die Frankfurter Beratungen überflüssig erscheinen. Sie beeilten sich daher, die Mitglieder des Fürstenstandes darauf aufmerksam zu machen, daß man den kaiserlichen Versicherungen keinen Glauben beimessen könne, da sie „in ganz weitläufigen und fast unverbindlichen Ausdrücken“ gehalten seien. 3)

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1) Korrespondenz zwischen Münster u. Dänemark, desgl. Zwisch. Münster u. Wolfenbüttel Juli--August 1694 M. St.). Die Neutralitätsarmee sollte bis spätestens Ende Februar 1695 vor der Eröffnung des Feldzuges gegen Frankreich an einem gewissen, allerseits beliebten Ort am Oberrhein zusammengezogen werden. (Instr. an Lüdecke 26. Nov. 1694. W. L. Ccpt.)

2) Der Kaiser an den badischen Gesandten v. Greiffen. 7. Aug. 1694. (M. St. Absch.)

3) Münster an Wolfenb. 30. Aug. 1694. (M. St. Absch.) Falls Leopold aber die hannoversche Kurangelegenheit dem Fürstenkollegium zur Beratung überweisen werde, wollten sie auf die Notwendigkeit einer einmütigen Zustimmung bestehen und vorher auf Genugtuung wegen der dem Fürstenstande durch die Zerreißung der Nullitätsdeklaration (Siehe S. 36) zugefügten Beleidigung dringen. (Instr. an Wendhausen 13. Aug. 1694. M. St. Absch.)

 

 

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Die beruhigenden Worte des Reichsoberhauptes machten trotzdem auf viele Opponenten großen Eindruck und hielten manchen von der Beschickung des Konventes ab. Notgedrungen mußte daher die auf den 16./26. Sept. angesetzte Zusammenkunft verschoben werden. An diesem Tage fand sich zum Erstaunen der wenigen anwesenden fürstlichen Bevollmächtigten der kaiserliche Gesandte von Boyneburg in Frankfurt ein, der den Fürstenkongreß beobachten und eine Verletzung der kaiserlichen Autorität verhind sollte. 1)

 

Die Leiter der Opposition ließen sich aber weder hierdurch, noch durch die geringe Teilnahme der Fürsten einschüchtern. Geschickt legten Sie vielmehr die Anwesenheit Boyneburgs in Frankfurt dahin aus, daß der Kaiser ihnen nun auch anscheinend das Recht zu eigenen Beratungen und Bündnissen bestreiten wolle. 2) Herzog Anton Ulrich war vor allen anderen rastlos tätig und scheute weder Mühe noch Last. Persönlich begab er sich nach Gotha und gewann die dortigen Minister für den Kongreß, 3) während Vertrauter, Rudolf Christian von Imhoff, mit dem Bischof von Münster eifrig Rat hielt. In Münster kam man überein, am 7./17. Dez. die Verhandlungen in Frankfurt zu eröffnen. 4) Man war aber doch in banger Sorge, daß durch eine allzu geringe Beteiligung dem Kaiser und seinen Anhängern die Schwäche der Opposition ersichtlich würde. Diese Blöße wollte man sich auf keinen Fall geben und deshalb bei einer nicht genügenden Anzahl Teilnehmer vorschützen, nur zu einer Vorbesprechung über die Beratungsgegenstände der späteren Hauptversammlung zusammengekommen zu sein. 5)

 

In der Tat traf der wolfenbüttelsche Abgesandte, der Geheime Rat Lüdecke, zu dem festgesetzten Termin nicht einen einzigen speziell zu den Beratungen beauftragten

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1) Relation vom 27. Sept. 1694. (M. St. Absch.)

2) Wolf. an Münster 15. Okt. 1694. (M. St.)

3) Instruktion an Imhoff 29. Okt. 1694. (W. L.)

4) Relation Imhoffs 17./27. Nov. 1694. (W. L.)

5) Instruktion an Cochenheim 31. Dez. 1694. (M. St.)

 

 

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Minister in Frankfurt an. 1) Nach und nach fanden sich jedoch die Vertreter von Sachsen- Coburg, Sachsen-Meiningen, Dänemark und Münster ein. Diese beschlossen nun der Verabredung gemäß, vorläufig nur die Präliminarien festzustellen und die noch nicht durch Abgesandte vertretenen Fürsten durch gemeinsame Schreiben zur Teilnahme aufzufordern. 2) Die Aussichten der Opposition in Frankfurt besserten sich aber von Tag zu Tag, denn es kamen noch Bevollmächtigte von Sachsen-Gotha, Bayreuth und Baden-Durlach an und auch der Markgraf von Baden-Baden sagte seine Teilnahme an den Konferenzen bestimmt zu. Unter diesen Umständen war das Zustandekommen des Kongresses gesichert, und Mitte Januar 1695 traten die Teilnehmer vornehmlich auf die Bemühungen des wolfenbüttelschen und dänischen Gesandten hin in die eigentlichen Beratungen ein.

 

Bei den nun frisch in Angriff genommenen Verhandlungen arbeiteten die Bevollmächtigten von Wolfenbüttel, Münster und Dänemark einmütig zusammen. 3) Die Führung übernahm Cochenheim, der geschickte Vertreter des Bischofs Friedrich Christian. Die Anhänger Ludwigs XIV. deckten ihren mehr kaiserlich gesinnten Kollegen nicht sofort ih Hauptplan auf. Sie knüpften vielmehr an die früheren Beschlüsse an und gingen dann zu den Verletzungen der Fürstenrechte im allgemeinen über: den Übergriffen der Kurfürsten, der Benachteiligung an Titel und Würden, ferner der Gefahr, die dem Fürstenstande bei den künftigen Friedensverhandlungen drohe, und schließlich der hannoverschen Kurangelegenheit. Die erforderlichen militärischen Maßnahmen,

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1) Für den Frankfurter Kongreß habe ich die Instruktionen und Relationen sowohl des wolfenbüttelschen, als auch des münsterschen Bevollmächtigten benutzt. (W. L.: „Neunte Kur“ 16 und M. St :- M. L. A. 110-112.)

2) Nur der König von Schweden hatte schon bestimmt abgesagt, da „durch eine solche gehässige Opposition und Verwerfung aller gütlichen Mittel der Sache nicht geraten werde.“ Erklärung des Schwed. Gesandt. in Regensburg Jan 1695. M. St.)

3) Lüdecke war besonders angewiesen worden, sich an die Vorschläge des münstersch. Bevollmächt. zu halten. (Instr. vom26. Nov. 1694. W. L. Ccpt.)

 

 

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auf die es im Grunde allein ankam, brachten Sie so erst zu allerletzt zur Sprache. Auf diese Weise gelang es ihnen tatsächlich, die alten und neuen Beschwerden der Fürsten so geschickt zu gruppieren und in das rechte Licht zu rücken, daß sich den übrigen Bevollmächtigten von selbst der Gedanke aufdrängen mußte, daß man zu einem energischen Vorgehen gezwungen sei. Sehr rasch einigte man sich daher über die Bestimmungen eines neuen Rezesses, der auf die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft eines kaiserlichen Abgesandten von den Teilnehmern des Konventes unter Vorbehalt unterzeichnet wurde. 1)

 

An den den getroffenen Vereinbarungen hatte man aber sehr viel auszusetzen. Vor allem war die hannoversche Kurangelegenheit mit allen möglichen anderen Angelegenheiten verknüpft worden, eine notwendige Folge der angewandten Taktik, den Kreis der Beratungen möglichst weit zu ziehen. Ferner mußte Bedenken erregen, daß in dem Entwurf des Vertrages eine eventuelle gemeinsame militärische Aktion und sogar ein besonderes fürstliches Unionskollegium in Regensburg unter dem Direktorium von Salzburg in Aussicht genommen waren. 2) Die Leiter der Opposition sahen indes immer mehr ein, daß der neue Hauptrezeß wiederum so gefaßt werden mußte, daß jeder Reichsstand sich ohne großes Bedenken anschließen konnte. Unter diesem Gesichtspunkt mußte die Bestimmung über das Unionskollegium fallen, denn hierdurch wäre „mehr schädliche Derision und Jalousie erweckt, als Gutes gestiftet worden“. 3) Auch durfte man in dem Hauptrezeß keine näheren Abmachungen inbetreff der militärischen Maßnahmen treffen. Hatten die Fürsten aber einmal den Paragraphen des Hauptvertrages zugestimmt, so mußte es nicht allzuschwer sein, Unterschrift für einen Nebenrezeß zu erlangen, der die Einzelheiten eines gewaltsamen Vorgehens enthielt.

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1) Relationen Cochenheims u. Lüdeckes. Febr. 1695.

2) ebenda.

3) Relation Cochenheims. 8. Febr.

 

 

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Diese Gedanken waren maßgebend bei der Umarbeitung des Hauptabkommens, das schon nach kurzer Zeit den Fürsten wieder zur Begutachtung eingesandt wurde. Zu den Teilnehmern des Kongresses gesellten sich nun noch ein hessen-kasselscher und ein darmstädtscher Gesandter, 1) denen man zuerst den Präliminarrezeß vorlegte, um sich nicht direkt „mit dem Nebenrezeß bloßzugeben“. 2) Weit wichtiger aber war, daß Mitte Februar der Markgraf von Baden-Baden tatsächlich einen Vertreter nach Frankfurt gesandt hatte. Die Teilnahme des kaiserlichen Generalleutnants war der größte Triumph der Opponenten. Plittersdorff, der Minister Markgraf Ludwig Wilhelms, hatte jedoch keine Vollmacht, die vom Konvent gefaßten Beschlüsse sofort zu unterschreiben, sondern mußte sie erst seinem Herrn unterbreiten. Die Vollziehung der Rezesse mußte daher auf kurze Zeit verschoben werden.

 

Am Hofe zu Hannover war man über den Frankfurtert Kongreß aufs höchste beunruhigt. Schon bei der ersten Nachricht von dem Vorhaben der Fürsten hatte sich Ernst August sogleich an die ihm gewogenen Kurfürsten und Fürsten mit der Bitte gewandt, sich seiner anzunehmen und den Konvent zu verhindern. Seinem Gesandten Limbach erteilte er den Befehl, beim Kaiser auf eine „tumultuarische“ Introduktion zu dringen, da dies das einzige noch übrige Mittel sei, die Beratungen in Frankfurt zu stören. Nach der Einführung Hannovers in das Kurfürstenkollegium würden sich die Differenzen schon leichter beilegen lassen. So vernahmen wenigstens die Opponenten mit banger Sorge. 3) Ihre Beunruhigung und Erbitterung steigerte sich in noch höherem Maße, als das Gerücht zu ihnen drang, die kaiserliche

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1) Relation des dänisch. Gesdt. Piper 9./19. Febr. (W. L.)

2) Relation Cochenheims 3. März.

3) Relation aus Regensburg. (Beilage der Relation Cochenheims vom 2./12. Jan. 1695.) Limbach solle der Kaiserlichen Kommission erklären, „daß im fall Kays. Maj. dem h. Hertzoge von Hannover, Nachdem Er Seiner Seiths alles adimpliret durch der unirten Fürsten zu Frankfurth haltende conferentz in eine so große prostitution setzen laßen wolte, Niemandt in der weldt Kays. May. in etwas mehr fidem adhibiren könte.“

 

 

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Kommission in Regensburg habe die Ordre empfangen, daß mit oder gegen den Willen der Fürsten gleichsam mit Gewalt und ohne Zeitverlust mit der Introduktion Hannovers vorgegangen werden sollte. 1) Nun schwanden auch letzten Bedenken der noch zaudernden Fürsten. Selbst Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden erklärte sich mit den Maßnahmen des Kongresses einverstanden und erhob am kaiserlichen Hofe Remonstrationen. 2) Am 14. März 1695 3) wurde der Hauptrezeß von Münster, Koburg und Meiningen, Gotha, Wolfenbüttel, Baden-Durlach, Baden-Baden, Dänemark und Bayreuth unterzeichnet: Der Fürstenverein von 1693 wurde erneuert und der Kaiser gebeten, den „hannoverschen Kuranmaßungen“ Einhalt zu tun und die Introduktion bis nach völliger Genugtuung des Fürstenstandes zu verschieben. Die getrennten Beratungen wollte man auch in Zukunft weiter pflegen, keiner den anderen im Stiche lassen, sondern sich gegenseitig auch fernerhin mit Rat und Tat beistehen. Ein paar Tage darauf kam in einem Nebenrezeß tatsächlich auch ein Defensivbündnis zu stande, wonach Dänemark 5000, Münster 4000, Wolfenbüttel, Hessen-Kassel und Württemberg je 3000, Darmstadt, Baden-Baden und Durlach je 1000 Mann zu stellen sich verpflichteten. Den Oberbefehl sollte der Fürst führen, der zuerst angegriffen werde. 4)

 

Hiermit war der Wunsch der Anhänger Frankreichs erfüllt worden. Die Bestimmungen waren aber doch anders ausgefallen, als man im Anfange erwartet hatte. Der Vertrag vom 17. März setzte nur eine gemeinsame militärische Aktion bei einem Angriffe auf ein Mitglied des Fürstenvereins fest, wogegen die Veranstalter des Frankfurter Kongresses

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1) A. Schulte: „Markgraf Ludwig Wilhelm.“ I, 241,

2) ebenda.

3) M. St. Absch.

4) 7./17. März 1695. (M. St. Absch.) Ferner wurde beschlossen, (Actum Frankfurt 9/19. März M. St.) am 8./18. Sept. die Beratungen weiter zu führen , die Bildung einer gemeinsamen Kasse und eifrige Agitation für den Fürstenverein. Man verständigte sich auch noch über einige Schreiben an den Kaiser, den König von England und die und die Kurtürsten von Trier, Köln und Pfalz.

 

 

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anfangs die direkte Aufstellung einer Neutralitätsarmee bei der Wiederaufnahme der der Feindseligkeiten des Reiches gegen Frankreich ich ins Auge gefaßt hatten. 1)

 

Am 19. März traf endlich der schon lang erwartete Abgesandte Kaiser Leopolds, Graf Goeß, in Frankfurt ein. 2)

 

Dieser trat sofort mit den Teilnehmern des Kongresses in Fühlung und überzeugte sich bald, daß er an den Beschlüssen nichts mehr ändern konnte. Er wandte deshalb alle Mühe an, wenigstens einige Fürsten von der Ratifikation der Rezesse abzuhalten. Bei den Rädelsführern, den Gesandten Wolfenbüttels, Münsters und Dänemarks aber hielt Versuche in dieser Richtung von vornherein für aussichtslos. 3) Bei den übrigen aber brachte Goeß ernste Vorstellungen und Ermahnungen an. Niemals habe man in Wien beabsichtigt, Hannover auf jeden Fall, ohne sich an den Fürstenstand zu stören, in das Kurfürstenkollegium einzuführen.

 

Ein Solcher Befehl sei an die kaiserliche Kommission keineswegs ergangen. Ebensowenig habe das Oberhaupt des Reichs die Berechtigung der Fürsten zu separaten Verhandlungen und Bündnissen in Frage gestellt. 4) Der Kaiser richtete seinen Unwillen hauptsächlich gegen den Markgrafen von Baden-Baden. 5) Die Vorwürfe gegen diesen waren nicht ganz unberechtigt, denn Markgraf Ludwig Wilhelm hatte vom Kaiser eine beruhigende Erklärung erhalten, von der er aber erst auf dem Konvente zu Frankfurt den Vertretern der Fürsten Mitteilung machen ließ, zu einem Zeitpunkte, wo sie den gehofften Zweck und die erwartete Wirkung verfehlen mußte. Man versteht daher die Gereiztheit Kaiser Leopolds, als er seinem Generalleutnant, der sich

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1) Instruktion an Lüdecke 26. Nov. 1694.

2) Relationen Cochenheims und Lüdeckes. März 1695.

3) Relation Cochenheims 24. März: „so haben der Dhänisce, Wolfenbüttelsche undt ich fast dafür halten müßen, daß Wir mit solchen remonstrationen umb deßwillen allein verschonet worden, weillen Mann geglaubet, daß solche bey Uns wenig oder gar nicht fruchten dörfften.“

4) A. Schulte a. a. O. I, 241.

5) ebenda I, 240 ff.

 

 

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nicht scheute, dem Wiener Hof ein Schreiben des Kongresses, dessen Annahme Graf Goeß verweigert hatte, selbst zu überreichen, antworten ließ, er könne die opponierenden Fürsten, die ihn mit 24000 Mann bedrohten, nach dem Frieden schon zur Vernunft bringen. 1)

 

Zu Gewaltmaßregeln brauchte der Kaiser jedoch gar nicht seine Zuflucht zu nehmen, denn nach der hochgehenden Bewegung auf dem Fürstentage trat von selbst die Reaktion ein. Den Opponenten war es nur mit großer Anstrengung gelungen, Hessen-Darmstadt und Kassel unter Zubillung gewisser Reservationen zur Unterzeichnung der Frankfurter Beschlüsse zu überreden. 2); jetzt ernüchterten die Bedenken, die von allen Seiten gegen die Frankfurter Rezesse erhoben wurden, und die Vorstellungen der kaiserlichen Gesandten die aufgeregten Gemüter immer mehr. Große Aktionen erfolgten daher in der nächsten Zeit nicht, vielmehr beschränkte sich die Opposition darauf, in aller Stille die Maulwurfsarbeit fortzusetzen. An den größeren und kleineren Fürstenhöfen wurde mit diplomatischen Intriguen und Ränkespielen bisweilen aber noch erbitterter gefochten, als in früheren Redeschlachten zu Regensburg und Frankfurt. – - - -

 

Die Mehrzahl der Fürsten besaß keine Neigung, die auf den 8./18. Sept. festgesetzte neue Konferenz zu beschicken. Die wolfenbüttelschen Herzöge aber hielten eine Fortsetzung der Beratungen für durchaus notwendig, um die früheren Beschlüsse auszuführen und Vereinbarungen für die in Aussicht stehenden Friedensverhandlungen des Reiches mit Frankreich treffen zu können. 3) Auch Dänemark war entschlossen, sich an einem neuen Kongreß zu beteiligen. 4) Der Bischof von Münster äußerte Bedenken und schlug daher vor, entweder die Verhandlungen in Regensburg fortzuführen oder nähere

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1) ebenda S. 242/243.

2) Den hess.-kasselschen Gesandten bearbeiteten der dänische und münstersche Bevollmächtigte „mit guten und bösen Worten.“ (Relation Cochenheims 3. April 1695.)

3) Wolf. an Münster 12. Aug. 1695. (M. St.)

4) ebenda.

 

 

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Erklärungen der übrigen Fürsten abzuwarten. 1) Man mußte wohl oder übel mit dem letzteren Vorschlag einverstanden sein, denn zu Regensburg wären die Gesandten bei ihren Beratungen zu sehr der Belästigung und Agitation der Gegenpartei ausgesetzt gewesen, 2) zumal die Höfe von Wien und Hannover die Ruhe nach dem Sturm zu neuen Unterhandlungen mit den Kurfürsten und Fürsten benutzten. Es war den kaiserlichen und hannoverschen Staatsmännern schon im Juni 1694 gelungen, Kursachsen für die Readmission Böhmens zu gewinnen. 3) Im Dezember darauf gab der Kurfürst von Brandenburg hierzu seine Zustimmung, da er sonst „eine glänzliche Collision und Zerrüttung im Reich, ja einen innerlichen Krieg“ befürchtete. 4) Fast ein Jahr später folgte Mainz diesem Beispiele unter der Bedingung, daß vor der Introduktion Hannovers eine neue zehnte katholische Kur ernannt und festgestellt werden sollte. Desto eifriger versuchten nun die kaiserlichen Gesandten von neuem, auch die übrigen Kurfürsten zur Einwilligung in die Forderung des Reichsoberhauptes zu überreden. 5)

 

Die Gegenpartei sah diesem Treiben des Gegners nicht müßig zu. Wolfenbüttelsche Unterhändler waren in Wien und an den kurfürstlichen Höfen tätig. So agitierte Imhoff am kaiserlichen Hof 6) und der Geheime Rat v. der Schulenburg in Brüssel, beim Kurfürsten von Baiern. 7) Beide diplomatische Sendungen brachten der Opposition geringen Gewinn ein. Erfolgreicher waren die Bemühungen Hertels beim pfäzischen Kurfürsten, denn dieser beharrte nach wie vor bei der Meinung, daß man das bei der neunten Kur angewandte

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1) Münster an Wolf. 26. Sept., desgl. speziell an Ant. Ulrich 22. Okt. 1695. (M. St. Ccpt.)

2) Münster an Wolf. 6. Nov. 1695 (M. St. Ccpt.)

3) Bodemann: „Jobst Herm. v. Ilten.“

4) Erklärung vom 15./25. Dez. 1694. (M. St. Absch.)

5) Münster an Wolf. 6. Nov.; desgl. Correspondenz zw. Dänemark und Münster, Nov./Dez. 1695. (M. St.)

6) W. L. „Neunte Kur“

7) Relation v. d. Schulenburgs 16/26. Jan. 1696. (W. L.)

 

 

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Verfahren „in seinem Gewissen nicht billigen“ könne, und war fest entschlossen, sich auf die Vorschläge Leopolds keineswegs einzulassen. 1) Dieselbe Stimmung herrschte in Köln und Trier, wohin Hertel sich ebenfalls begab. 2)

 

Herzog Anton Ulrich lenkte nun auch seine Aufmerksamkeit dem Dresdener Hofe zu. 3) Hier hatte nach dem Tode Georgs IV. eine Hannover feindliche Strömung die Oberhand erhalten, die sich um den einflußreichen Feldmarschall v. Schöning zusammenfand, der Ernst August bitter haßte. Der eigentliche Grund der Verstimmung zwischen Hannover und Dresden lag aber in der Königsmarker Angelegenheit und der Lauenburgschen Frage. Bei dem letzten Punkte setzte Anton Ulrich ein und erbot sich, den wolfenbüttelschen Anteil am Lauenburgischen an August II. abzutreten,falls dieser die Introduktion Hannovers hindern und gegen die Vereinigung Hannovers und Celles Stellung nehmen wollte.

 

Die Unterhandlungen Anton Ulrichs mit dem sächsischen Hofe schienen den hannoverschen Staatsmännern besonders gefährlich, da Wolfenbüttel von Schöning eifrig unterstützt

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1) Instruktionen und Relationen Hertels; Nov. 1695 bis Mai 1696. (W. L.)

2) Schon im Nov. 1694 hatten sich einige geistliche Fürsten wiederum an den Papst gewandt. (W. L. „Neunte Kur“ 18.) In Köln war man nun gesonnen, diesen Schritt zu wiederholen. Man legte dem päpstl. Nuntius den Wunsch nah, der Papst möchte „die geistl. Fürsten“, die „gar eingeschläfert“ schienen, durch ein Breve zu einem schärferen Vorgehen ermahnen. Dieser befürchtete aber, daß ein solches öffentliches Eingreifen des Papstes in den Kurstreit zu „Glossen“ Anlaß geben werde. Private Ermahnungen wollte er wohl vom Papste erbitten. Er riet ihnen auch, durch einen Vertreter dem Papste persönlich die Sache vorzustellen und seine Interposition beim Kaiser anzurufen. (Relation Hertels 19./29. Nov. 1695.) Ob die katholischen Fürsten diesen Vorschlag ausgeführt haben, konnte ich nach den mir vorliegenden Akten nicht feststellen.

3) Für die folgenden Abschnitte sind benutzt: Bodemann „Jobst Hermann v. Ilten“; „Hertels Korrespondenz mit v. Schöning und seine Abschickung nach Dresden.“ Aug. 1694 bis Dez. 1695 (W. L) „Punkte über die Hertel und Imhoff zu befragen.“ „Memorial für Fabricius.“ Mai 1695. (H. St.)

 

 

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wurde und auch dänische und münsterische Gesandten ihren wolfenbüttelschen Freunden hilfreich zur Hand gingen. In nicht geringe Aufregung wurden Sie aber versetzt, als Anton Ulrich dem Kurfürsten von Sachsen im geheimen den Vorschlag machen ließ, Lauenburg durch einen Gewaltstreich in Besitz zu nehmen. Am sächsischen Hof plante man tatsächlich einen Angriff auf Ratzeburg; man erwog eine Inspizieirung der Festungsanlagen durch einen sächsischen Offizier und hielt Rat über den Plan, den Kommandanten und die Besatzung der Stadt. Der hannoversche Gesandte in Dresden v. Ilten hatte den Machinationen Schönings und seiner Anhänger gegenüber wahrlich keinen leichten Stand. Mit Geschick arbeitete er aber den Umtrieben der Gegner entgegen, wobei der brandenburgische und der englische Gesandte es an Unterstützung nicht fehlen ließen. Herzog Anton Ulrich war jedoch guten Mutes und rechnete auf vollen Erfolg. Anfang Januar 1696 traf der Fürst selbst und der Däne Rumohr mit dem sächsischen Kurfürsten in Leipzig zusammen. Den Hauptvertrag beabsichtigte Anton Ulrich seines Bruders wegen „in generalen und innocenten terminis“ zu halten. In einem Sekretartikel aber wollte er mit Sachsen in der Lauenburgischen- und der Kurangelegenheit die notwendigen Vereinbarungen treffen. Die Sächsischen Minister lehnten indes, durch den gewandten Ilten bewogen, die wolfenbüttelschen Vorschläge ab.

Schmerzlicher noch empfand es Anton Ulrich, daß der alte Geist immer mehr aus den Reihen der Opposition zu weichen schien. 1) In Regensburg konnten sogar die Reichsberatungen wieder aufgenommen werden, die seit zwei Jahren gestockt hatten. Brandenburg und Schweden unterbreiteten der Opposition bei dieser Gelegenheit Vermittlungsvorschläge. 2) Die Unterhandlungen führten aber zu keinem

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1) Münster an Wolf. 9. Jan. 1696. (M. St. Cept.) Bischof Friedrich Christian spricht sein Bedauern aus, daß man das Kurwerk „noch immer mit der größten Indifferenz ansehe und sich darum fast nichts bemühe.“

2) Schaumann: Geschichte der Erwerbung der neunten Kur.“ Schweden schlug vor, den Fürsten die Erklärung auszustellen, daß das Geschehene keinem zum Praejudiz gereichen, künftig aber kein Kurfürst wieder ohne Zustimmung aller Fürsten gewählt werden sollte.

 

 

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Resultat, obschon die hannoverischen Staatsmänner sich eifrig um eine Verständigung bemühten und manchen Taler springen ließen. Schwere Einbuße erlitt die Opposition jedoch durch die Annäherung Dänemarks an die Gegner.

 

Schon früher hatten die kaisSerlichen Staatsmänner versucht, den dänischen König durch Überlassung des Elbzolles von der Opposition zu trennen. Das Unternehmen aber war nicht geglückt. 1) Das Kunststück brachten Ende des Jahres 1696 die englischen und holländischen Diplomaten fertig, denn Dänemark sowohl wie die Seemächte hatten großes Interesse daran, den Streit um die hannoversche Kur vor der Eröffnung der Friedensverhandlungen mit Frankreich beigelegt zu sehen. Der Kopenhagener Hof verpflichtete sich nun, die Opponenten von Feindseligkeiten bei Verfolgung ihrer Ansprüche abzuhalten und sie zur Annahme der kaiserlichen Vorschläge zu bewegen. Nach der Einführung Hannovers ins Kurfürstenkollegium war der dänische König auch bereit, Ernst August in seiner neuen Würde anzuerkennen. Eine völlige Verständigung mit Hannover wollten dann die Seemächte gern in die Wege leiten. 2) Die wolfenbüttelschen Herzöge und der Bischof von Münster wollten der Nachricht von dem Abfall des Bundesgenossen anfangs keinen rechten Glauben beimessen und sandten den bewährten und mit dem dänischen Hofe wohl vertrauten Imhoff nach Kopenhagen. 3) Die dänischen Minister stritten diesem aber entschieden ab, in dem Bündnisse mit den Seemächten den opponierenden Fürsten

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1) Der Bischof von Münster hatte sich bei dieser Gelegenheit um Aufklärung an den Fürsten Salm gewandt. Der beiderseitige Briefwechsel (M. St. 25. 5. ,16. 6. 1695) zeigt, welche Stütze die Opposition in der Person dieses Ministers am Kaiserhofe besaß.

2) Extract des Sekretartikels 3. Okt. 1696. (H. St.)

3) Münster an Wolf. 27. Nov. 1696. (M. St. Ccpt.) Instruktion an Imhoff 24. Dez. 1696. (M. St.)

 

 

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Nachteiliges eingegangen zu sein und beteuerten, ihr königlicher Herr wolle lieber die Hälfte seines Reiches verlieren, als bundesbrüchig werden. Eine Mitteilung der näheren Bestimmungen des Vertrages lehnten sie aber ab, da die Ratifikation noch nicht vollzogen sei. 1) Christian V. suchte indes selbst das Mißtrauen seiner Verbündeten zu zerstreuen, indem er in einem Briefe an Anton Ulrich 2) das Gerücht seines Abfalles von der Opposition „als ein bloßes artificie und invention“ bezeichnete. Mit diesen Versicheungen mußte sich der wolfenbüttelsche und der münstersche Hof zufrieden geben. Man hatte kein Mittel in der Hand, das Gegenteil der Aussagen zu beweisen, da Dänemark seine Abmachungen mit den Seemächten auch fernerhin streng geheimhielt. Schon die nächste Zukunft zeigte aber, wie sehr der Verdacht begründet war, denn der König von Dänemark ließ immer mehr in seinem früheren Eifer für die Opposition nach.

 

Es stand dabei um die Sache der Fürsten um so schlimmer, da die hannoversche Partei den Kaiser von neuem mit ihren Anträgen bestürmte. So energisch hatten die hannoverschen Staatsmänner noch nie auf endliche Vornahme der Introduktion gedrängt. 3) Die hannover-cellische Diplomatie unterließ es aber zu ihrem eigenen Nachteil, die von den Seemächten angebahnte Verständigung mit Dänemark weiter durchzuführen und durch ein eigenes Bündnis mit dem Kopenhagener Hof die Opposition dieser wichtigen Stütze vollends zu berauben. In Hannover und Celle traute man nämlich dem dänischen König ebensowenig, wie Herzog Anton Ulrich. 4) Man gedachte auf eine andere Weise der Gegenpartei Abbruchzu tun.

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1) Relation Imhoffs 10./20. Jan. 1697. (M. St.)

2) Januar 1697. (M. St. Absch.)

3) Extract aus dem Protokoll einer Konferenz zwischen Hannover und Celle 15. August 1696. (H. St.); Münster an Trier 12. April 1697 (M. St.)

4) Instruktion an Limbach 26. Jan 1697. (H. St. Ccpt.)

 

 

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Man verhehlte sich nicht, daß, solange die wolfenbüttelschen Vetter die führende Stellung bei der Opposition inne hatten, an eine Verständigung mit dem Fürstenkollegium nicht zu denken sein werde. Die hannoverschen Räte glaubten nun, Wolfenbüttel die Teilnahme an der Opposition erschweren zu können, daß sie die bisherige Einigkeit in der älteren Welfenlinie störten. Zu diesem Zweck wollten sie dem wolfenbüttelschen Erbprinzen die Gefahr und den Schaden der Zwietracht für das Welfenhaus schildern und ihn so gegen seinen Vater, den Anstifter der Zerwürfnisse , aufhetzen. 1) Über die moralischen Bedenken eines solchen Vorgehens mochten Sich die hannoversche Staatsmänner vielleicht desto leichter bei dem Gedanken an den Unfrieden, den Anton Ulrich in der eigenen Fürstenfamilie angestiftet hatte, hinwegsetzen.

 

Der hannoversche Hof muß schon in den ersten Monaten des Jahres 1697 versucht haben, den Prinzen August Wilhelm zu einer Anerkennung der Kurwürde zu überreden, denn um diese Zeit wurde von Hannover aus das Gerücht verbreitet, der wolfenbüttelsche Erbnachfolger habe seinen Vater im Stich gelassen und sich mit seinen Verwandten verständigt. Anton Ulrich geriet über diese Nachricht in große Erregung und schenkte anfangs den Gerüchten Glauben. Sein Sohn beteuerte zwar mit beredten Worten die Unwahrheit der verleumderischen Aussagen; es es gelang ihm jedoch erst allmählich, seinen Vater von seiner Unschuld zu überzeugen und den Stachel des Mißtrauens aus seinem Herzen zu entfernen. Unsäglich aber hatte der junge Prinz unter dem schweren Verdachte seines Vaters gelitten. 2)

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1) Schreiben an den Präsidenten v. Goerz in Mainz 9. Juni 1697 (Hl. St. Ccpt.) Wolfenbüttel könne bei der Animosität gegen die Primogenitur und Kur nichts Empfindlicheres begegnen, „alß wan man ihrerseits etwa den ältesten Prinzen zu Braunschweig vom Hause Bevern an sich ziehen und durch appugirung dessen interesse dem Hause Wolfenbüttel innerliche ungelegenheit erwecken würde.“

2) „E. Gnaden -- so schrieb August Wilhelm seinem Vater am 30. Mai 1697 (W. L. „Neunte Kur“ 23) -- werden mich hoffentlich nicht verdencken, daß ich umb alles verdachts, welcher bey E. Gn. der mir imputirten agnition der Hannoverschen Chur annoch übrig bleiben mochten, vollig entlediget zu werden, und E. Gn. Meines kindlichen gehorsamß und tragenden schuldigsten respects desto mehr zu versichern, dehro als meines gerechtesten und gütigsten herrn und Vaters justice wieder diejenigen, welche diese mordliche calumnie gegen mich erfunden, anruffe, in Hoffnung E. Gn. werden mich deßelben rechts, welches Sie den geringsten von dehro untertanen nicht zu versagen pflegen, geniesen laßen; den in was betrübniß und chagrin ich eine Zeithero zugebracht, weis der, der die Hertzen kennet, und solte ich über alles vermuhten ohne beystand mich also ferner zu verlaßen sehen, mus solches meinen Thott befodern, den ich mir auch solcher gestalt lieber als ein so mühsames und verdrießliches leben wünsche, und kan ich mich bey solchem zustande der gedanken und furcht nimmer endschlagen, daß sofern meine feinde dergleichen offenbahre handgreifliche lügen und schandthaten wieder mich zu erdichten, und E. Gn. davon beglaubt zu machen, Sie vielmehr capable und mächtig seyn werden, auff andre ahrt und weise E. Gn. wieder mich in continuirlichem mistrauen, allerley verdrus und ungnaden zu erhalten.“ . . . „Ich wiederhohle dennoch voriege meine untertanige bitte, mir nemlich wieder meine feinde und angebers gndigst und nachdrucklich beyzustehen, und als ein Vatter, von den ich leben, Stand und Ehre habe, sich meiner in soweit anzunehmen, und diese sache gründlich untersuchen zu laßen, damitt zu gantzlicher confusion und decreditionirung meiner verfolgerer in E. Gn. wahrheitsliebenden gemühte meine unschuld sowoll als Ihre bosheit an den Tag kommen möge.“ In der Antwort Anton Ulrichs (W. L. eunte Kur“ 23.) heißt es unter anderem: „Die Justice, so ich E. L. hierin soll wieder fahren laßen, kann meines ermeßens nirgends in bestehen, alß in dieser declaration, daß ich E. L. wil unschuldig halten. Gegen E. L. feinden Ihr Justice zu schaffen stehet nicht in meinen kräften, dan diese seind feinde, fürnemlich auch die mer hierunter mich, alß wie E. L. verfolgen und ist hierbey die verachtung und die gedult das beste Mittel allen solchen verfolgungen obzusiegen und es nicht auf das gramen und Chagriniren zu legen, so mich längst unter die Erde würde gebracht haben, wenn ich mich denen ergeben wollen.“

 

 

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Die hannoverschen Diplomaten glaubten aber, den Erbprinzen doch noch gewinnen zu können, denn im Juni 1697 bot sich hierzu eine günstige Gelegenheit. 1) Der älteste

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1) Schreiben an den Präsidenten v. Goerz 9. Juni 1696. Per discursum solle Chauvet erwähnen, wie durch die Uneinigkeit viel Gutes für die Interessen des Gesamthauses und jedes einzelnen Mitgliedes verhindert werde und man nicht wisse, was ferner daraus entstehen könne. Nun würde die Gesinnung des Prinzen sich schon zu erkennen geben. Dann könne er hinzufügen, was dies und seinen Bruder anginge. Wenn der Prinz zeigen werde, daß er keinen Anteil an dem Hader nehmen wolle, so werde ihm dies niemand verdenken können, sondern als ein Zeichen eines sonderbaren Verstandes nehmen. „Wir würden dem Printzen freundschaft erweisen, und würde er sein avantage zweifelsohn alhie finden können.“ Es müsse aber scheinen, als wenn alles dies von der eigenen Zuneigung des Feldmarschalls herrühre. (Gekürzt.)

 

 

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Sohn Anton Ulrichs weilte zu dieser Zeit wieder am Rhein, wo er das Kommando über das wolfenbüttelsche Truppenkontingent führte. Der cellische Generalfeldmarschall Chauvet sollte nun den Prinzen zu überreden suchen und ihn der Freundschaft des hannoverschen Hofes und seines Vorteiles, den er dabei finden werde, versichern. August Wilhelm war indes schon mit seinen Truppen aufgebrochen, so daß Chauvet seinen Auftrag nicht ausführen konnte. 1)

 

Als auch dieses Vorhaben gescheitert war, wandte man in Hannover um so mehr sein Augenmerk auf die Friedensverhandlungen zu Ryßwick. 2) Man glaubte, mit Hülfe der Seemächte und des Kaisers einen Artikel über die hannoversche Kur und Primogenitur unter der Garantie der bei den Beratungen beteiligten europäischen Großmächte durchsetzen zu können; die opponierenden Kurfürsten und Fürsten würden dann unfraglich das von fast ganz Europa Anerkannte annehmen müssen. Trotzdem Hannover sich mit den Generalstaaten über diesen Punkt einigte und Sachsen sowohl wie Brandenburg um Unterstützung auf dem Friedenskongreß anging, wurden dennoch die Wünsche Ernst Augusts in Ryßwick durch die französische Diplomatie durchkreuzt.

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1) Goerz an Hannover 22. Juni/2. Juli 1697. (H. St.) Ob Hannover später Versuche in dieser Richtung erneuert hat, ist mir unbekannt. Von einer Anerkennung der hannoverschen Kur seitens des wolfenbüttelschen Erbprinzen verlautete aber später nicht das geringste mehr. August Wilhelm stand vollständig auf der Seite seines Vaters und übernahm selbst diplomatische Sendungen nach Stockholm und Paris. (Instruktion an v. d. Busch 3. Aug. 1699. (H. St.); Schreiben ohne nähere Adresse. 21. März 1701. (W. L. Ccpt.)

2) Schaumann: „Geschichte der Erwerbung der neunten Kur.“

 

 

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Der Friede von Ryßwick hatte indes auch für Herzog Anton Ulrich nicht viel Erfreuliches. 1) Nach Beendigung des Krieges sah er sich gezwungen, da er seine Truppenmacht auf keinen Fall verringern wollte, die bisher an England und Holland gegen Barzahlung überlassenen Regimenter wieder auf eigene Kosten zu unterhalten. Anton Ulrich hatte nun gehofft, daß Frankreich ihn hierzu durch Subsidien in den Stand setzen werde. Alle Vorstellungen seines intimen Ratgebers Hertel bei dem französischen Gesandten Bonrepos waren aber erfolglos. Mit tiefer Erbitterung mußte es Anton Ulrich auch erfüllen, daß trotz seines unermüdlichen Schürens die Opposition zu einem energischen Vorgehen durchaus nicht zu bewegen war, ja immer gleichgültiger die Kurangelegenheit betrachtete. Dabei schlugen ferner seine beständigen Bemühungen, die bisherigen Anhänger Hannovers, wie vor allem den König von Schweden aufzustacheln, völlig fehl. 2) Nicht wenig mußte es Anton auch kränken, daß sich Hannover und Celle inzwischen ohne Hinzuziehung der Vettern mit Sachsen in der lauenburg Frage verständigt hatten. 3)

 

Es ist uns daher verständlich, wenn Anton Ulrich Ende des Jahres 1697 mit Sorgen in die Zukunft sah und ihn trübe Ahnungen quälten. Sollte er alle die Aufregungen und Mühen der letzten Jahre umsonst durchgemacht haben und

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1) Hierüber unterrichtet uns: „Hertels Abschickung nach Stockholm und Copenhagen nebst Anton Ulrichs vertrauliche Briefe. Juli 1697 bis Jan. 1698.“ (W. L. „Neunte Kur“ 24.) Am 22. Okt. 1697 schrieb Anton Ulrich an Hertel: „Die Franzosen haben sich bei allen Teutschen stinkend gemacht, es ist aber ein unglück, das Sie nichts darnach fragen.“ „Was bekom ich für ein recompens, das ich wegen Frankreich hab (eig. Konj.) soviel austehen müßen. Mr. Bonrepos kann darnach gefragt werden, ob der desfalls keine ordres hat. Die Strasburgische Canonicaten gehen auch fort, die uns gleichwol der König sonder seinen Schaden wol laßen oder erlauben können, solche an Catholische zu verkaufen.“

2) Instruktion an Hertel 5. Juli 1697. Correspondenz Ant. Ulrichs mit Hertel Oktob. 1697. (W. L.)

3) Bodemann: „Jobst Hermann von Ilten“.

 

 

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die Waffen vor den Verwandten Strecken! 1) Trotz seiner 64 Jahre hatte sich der Fürst aber seine Tatkraft und sein Selbstvertrauen zu wahren verstanden, und neue Pläne und Hoffnungen regten sich bald in ihm. Für einen Vergleich mit Hannover und Celle war Anton Ulrich selbst bei den für die Opposition eingetretenen ungünstigen Verhältnissen nicht zu haben. 2)

 

Die hannover-cellischen Vettern kannten seinen unversöhnlichen Sinn genau und hatten schon seit Jahren erneute Versöhnungsvorschläge befreundeter Mächte abgewiesen. In den letzten Monaten des Jahres 1694 hatte sich Brandenburg um die Wiederherstellung eines guten Einvernehmens im Welfenhause bemüht. Da Hannover aber kein Entgegenkommen zeigte, stand Eberhard v. Danckelmann von seinem Vorhaben ab, „um sich nicht verdächtig zu machen, als wenn er einen guten wolfenbüttelschen Magen habe“. 3) Später schob er den holstein-gothaschen Gesandten du Cros vor. Die unbestimmten Anträge dieses Abenteurers hielten die hannoverschen Räte einer weiteren Beachtung nicht wert. 4) Einer ernsteren Prüfung mußten sie die Vermittlungsvorschläge des holländischen Gesandten in Wien Hermskerken unterziehen. Dieser wies im November 1695 auf den günstigen Augenblick einer Aussöhnung mit den wolfenbüttelschen Herzögen hin. 5) Die Bevollmächtigten der beiden Gegner am Kaiserhofe sollten die Vorverhandlungen in aller Heimlichkeit führen. Im Falle einer Verständigung sollte das Resultat dem hannoverschen und dem wolfenbüttelschen Hof mitgeteilt, zugleich die Seemächte um die Mediation gebeten werden. 6) Die hannoverschen Minister ließen sich auch auf

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1) Ant. Ulrich an Hertel 22. Okt. 1697.

2) ebenda.

3) Relation des hannoverschen Sekretärs Bauermeister aus Berlin. 24. Nov. 1694. (H. St.)

4) du Cros an Hannover 4./14. April 1696 u. s. w.; Relationen des hannoverschen Gesandten aus Berlin 25. April/5. Mai, 2./12. Mai 1696 (H. St.) Vergleiche auch Bodemann a. a. O.

5) Instruction an Oberg 26. Nov. 1695. (H. St. Ccpt.)

6) Relation an Oberg 21. Dez. 1695.

 

 

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diese Vorschläge nicht ohne weiteres ein, sondern verlangten wiederum von den wolfenbüttelschen Herzögen zuvor eine Erklärung, ob sie Ernst August als Kurfürsten anerkennen wollten und zu einem Vergleich mit ihnen überhaupt noch imstande seien. 1) Dem Vertreter der Generalstaaten war es nicht möglich, den hannoverschen Räten auf diese Frage eine völlig befriedigende Antwort zu verschaffen. 2) Ebenso erfolglos blieben die Vorschläge, die Limbach in Regensburg gemacht wurden: Hannover lehnte ein Bündnis mit Dänemark ab und hielt ebenfalls den anderen Antrag, Wolfenbüttel durch Abtretung einiger Ämter zu versöhnen, für unerfüllbar. 3)

 

Auch in der Folgezeit vollzog sich keine Annäherung zwischen der jüngeren und älteren Linie des braunschweigisch-lüneburgischen Fürstenhauses. Anton Ulrich fehlte es hierzu an ernstlichem Willen, während Ernst August sicherlich zu einer Aussöhnung geneigt war, da seine Krankheit keine Hoffnung auf Besserung mehr zuließ und er gern vor seinem Tode noch die Introduktion Hannovers vollzogen gesehen hätte. Diese Freude sollte dem ersten Kurfürsten von Hannover nicht beschieden sein. Am 24. Januar 1698 setzte der Tod seinem trüben Lebensabend ein Ende.

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1) Instruktion an Oberg 2. Jan. u.24. Febr. 1696; desgl. an Bothmer 19. Febr. 1696. (H. St. Ccpt.)

2) Relation Bothmers 8./18. Febr. 1696. (Absch.) Relation Obergs 11./21. März 1696 (H. St.); Relation Imhoffs 11./21. März 1696. (W. L.) Am kaiserlichen Hofe trieben die beiden Parteien untereinander verwegene Intriguen, an denen sich auch die Madame Hemskerken und die Gemahlin des kaiserlichen Ministers Windischgrätz eifrig beteiligten (H. St.)

3) Relat. und Instrukt. Limbachs Januar 1697. (H. St.)

4) Bodemann a. a. O.

 

 

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III. Vom Regierungsantritt Georg Ludwigs bis zur Introduktion Hannovers.

 

Dem Nachfolger Ernst Augusts eröffnete sich beim Antritt der Regierung wahrlich keine rosige Zukunft. Das Gespenst des Streites um die spanische Krone erhob sich immer drohender. Der lange, mühselige Kampf aber, den sein Vater um die völlige Anerkennung seiner Kurfürstenwürde vergebens geführt hatte, mußte Georg Ludwig für die Folgezeit das Schlimmste befürchten lassen, zumal die nun notwendig gewordene Neubelehnung die Opposition wieder beleben mußte. Den jungen, verschlossenen, wortkargen Regenten zeichnete aber ebenfalls ein hohes Maß von Energie aus, das ihn mutig das von seinem Vorgänger unvollendete Werk in Angriff nehmen ließ. Mit Vertrauen mußte es Georg Ludwig dabei erfüllen, daß Herzog Georg Wilhelm von Celle die treue Ergebenheit und Opferwilligkeit, die er seinem Vater stets erwiesen hatte, auch auf ihn übertrug. So verpflichtete Georg Wilhelm bald nach dem Tode Ernst Augusts die cellischen Landstände von neuem auf die jüngst vereinbarten Hausverträge. 1) Er hielt sogar die Zeit für gekommen, wiederum Schritte zur Wiederherstellung der Eintracht im fürstlichen Gesamthause zu tun.

 

Georg Wilhelm sandte zu diesem Zwecke seinen Sekretär Stambke nach Braunschweig, 2) der sich aber ausschließlich

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1) Havemann III, 356 ff.; vergl. S. 2.

2) „Akten der Geh. Räte zu Hannover betr. die Absendung des Fürstl. Cellischen Sekretärs Stambke an Herzog Rudolf August von Wolfenb.“ 1898; „Manualakten des Cellischen Sekretärs Stambke . . . .“ 1698--1703. (H. St.)

 

 

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an den älteren Regenten wenden sollte. Rudolf August empfing den cellischen Abgesandten aufs freundlichste und war nicht abgeneigt, auf Wunsch Georg Wilhelms die im Jahre 1686 inbetreff der Primogenitur abgegebene Erklärung zu wiederholen. 1) Nur widerstrebte es ihm, diese Erklärung unter die Garantie der befreundeten auswärtigen Mächte zu stellen, weil man darin ein offenbares Zeichen von Mißtrauen erblicken müsse. Der Vertreter Georg Wilhelms suchte diese Bedenken zu zerstreuen, indem er auf die Umtriebe Anton Ulrichs hinwies. 2) Stambke wurde jedoch bald um seine Sicherheit am braunschweigischen Hofe besorgt, als sich Anton Ulrich, der von seiner Anwesenheit Kenntnis erhalten hatte, drohend vernehmen ließ, er werde ihn an einen anderen Ort bringen lassen, aus dem er sobald nicht herauskommen sollte. 3) Als die Äußerungen des leidenschaftlichen Herzogs immer heftiger wurden und er Stambke an das Schicksal des wolfenbüttelschen Sekretärs Blume erinnerte, den man unschuldig in Hannover sieben Monate gehalten habe, 4) verließ der cellische Gesandte unverzüglich Braunschweig. Rudolf August war über die Flucht Stambkes nicht wenig erstaunt und betroffen. Er sandte ihm eiligst einen Boten nach, um ihn zur Umkehr zu bewegen. 5)

 

Nach einiger Zeit kehrte Stambke auch nach Braunschweig zurück. 6) Anton Ulrich ließ sich aber durch nichts zu der Erneuerung der Erklärung bringen, sondern wetterte und tobte, daß man nicht in allem nach seinem Willen

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1) Relation Stambkes 11. Febr. 1698.

2) Relation Stambkes 15. Febr. 1698.

3) ebenda.

4) Stambke an Rud. Aug. 18./28. Febr., desgl. an den wolfenb. Intendanten Lautenbach 21. Febr. 1698. Vergl. ferner: Havemann III, 363.

5) Rudolf August an Stambke 17./27. Febr. 1698. Er habe nicht gut daran getan, durch falsche Reden sich einschüchtern zu lassen. Der Brief schließt: „findet Er dieses etwa noch zu Ohof, so thue Er so wol und kehre er wieder umb; ich habe alles so incamiret, daß ich an guten Success nicht zweifel.“

6) Instruktion an Stambke 24. Febr. 1698.

 

 

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verfuhr. 1) Der geängstigte Rudolf August konnte deshalb vorläufig nur dem cellischen Unterhändler versichern, daß er Zeit Seines Lebens für Frieden und Einigkeit sorgen und zu keinem feindlichen Beginnen seine Einwilligung geben werde. 2) Auf seine beständigen Vorstellungen und Ermahnungen hin erfüllte Anton Ulrich aber schließlich doch den Wunsch Hannovers. 3) Im Mai desselben Jahres gaben dann die beiden Brüder dem englischen Gesandten Cresset ihren Wunsch nach völliger Aussöhnung mit ihren Verwandten kund. Sie baten den König von England nicht allein um Übernahme der Mediation, sondern waren sogar bereit, sich seinem Schiedsspruch zu unterwerfen. Anton Ulrich unterließ es nicht, dabei besonders hervorzuheben, daß er jetzt „freie Hände“ habe. 4)

 

Bei solchen Beteuerungen konnte der englische Hof mit Recht an den Erfolg weiterer Unterhandlungen glauben. Er übernahm deshalb bereitwilligst wieder die Vermittlung und setzte als ersten Beratungsgegenstand eine Verständigung über die Kur und Primogenitur fest. 5) Nicht wenig aber war man überrascht, als Anton Ulrich doch wieder Schwierigkeiten machte. Der Fürst erinnerte Cresset daran, daß ihm die Mediation seines königlichen Herrn stets angenehm sein werde; er habe sich aber nicht verpflichtet, die ganze Angelegenheit seiner völligen und ausschließlichen Entscheidung anheimzustellen.“ 6) Der englische Gesandte

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1) Relation Stambkes 27. Febr. 1698.

2) Relation Stambkes 5. März 1698

3) April 1698. Havemann III, 364.

4) Cresset an Platen 11. Mai 1698. Relation von Schütz aus London 17./27. Mai 1698. (H. St.)

5) Relation von Schütz aus London 17./27. Mai 1698. (H. St.)

6) Anton Ulrich an Cresset, 4. und 28. Juni 1698. (H. St. Absch.) Anton Ulrich fügte noch hinzu, solche Ausdrücke wie „compromis, juge et arbitre, la condition exclusive d'autres puissances,“ die er in seiner Relation an den König, erwähnt habe, seien in ihrer Unterredung niemals gebraucht worden. Als Diplomat müsse er wissen, daß solche Sachen von Bedeutung in einem Gespräche nicht abgeschlossen werden könnten, bei dem durch verschiedene Ausdrücke besonders in einer fremden Sprache leicht Mißverständnisse eintreten könnten.

 

 

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beteuerte vergebens bei seiner Ehre, Anton Ulrich habe sich zu allem bereit erklärt und anfänglich kein Streitobjekt zwischen den Verwandten von den Beratungen ausgeschlossen. 1) In Wahrheit waren die Worte des Fürsten nur leere Ausflüchte, um die Verhandlungen wieder abbrechen zu können, denn die Verhältnisse im Reich hatten sich inzwischen zu seinen Gunsten verschoben, so daß er wohl hoffen konnte, den Kampf gegen seine Vettern mit Erfolg fortsetzen zu können. 2) Den hannoverschen und cellischen Hof erfüllte es aber mit um so größerem Ärger, daß man sich wiederum, wenn auch mit großem Mißtrauen, auf die „Grimacen und Verstellungen“ des Gegners eingelassen hatte. 3)

 

Herzog Anton Ulrich fand in der Tat mittlerweile alles nach seinen Wünschen vor. Kaum hatte Ernst August die Augen geschlossen, da erneuerten seine jüngeren Söhne den Protest gegen die Durchführung des Primogeniturgesetzes. 4) Brandenburg und Dänemark boten den jungen Prinzen diesmal ihre Hilfe an. Anton Ulrich nahm daher trotz noch jüngst wiederholten Versprechens mit dem Prinzen Maximilian wieder Fühlung. Er trug auch nach einiger Zeit kein Bedenken, einem Abkommen des Königs von Dänemark mit dem Prinzen Maximilian seine Zustimmung zu geben, wodurch letzterem eine jährliche Unterstützung von

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1) Relation Wendhausens an Ant. Ulrich 27. Juli 1698. (W. L.)

2) Siehe die folgenden Abschnitte und Belege.

3) Instruktion an Schütz 15. Juni 1698. (H. St.) Sie wüßten, „daß alles waß S. Ld. (A. Ulr.) von dero gutem Willen zur Wiedervereinigun mit ihnen vorgäben, nur Grimacen und Verstellungen wären, wodurch Sie den Fremden weiß zu machen beabsichten, als ob Sie Inklination zum Frieden, Einigkeit und Billigkeit hätten und dadurch Sie alles Odium auf Sie wälzen wollten.“ Wilhelm III. von England war der Meinung, „daß Ant. Ulrich sich in dieser Occasion solcher Gestalt decouvrirt habe, daß man fürderhin schwerlich einigen Glauben demjenigen Werke beimessen könne, was von ihm komme.“ (Nach einer Relat. von Schütz aus Loo. 8./18. Juli 1698. H. St.)

4) Brandenburg entzog Dank der Bemühungen Iltens den Prinzen schon bald wieder seine Unterstützung. (Bodemann: „Jobst Hermann von Ilten.“)

 

 

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20000 Talern gesichert wurde, selbst für den Fall, daß sein Unternehmen scheitern sollte. Auch den übrigen Prinzen wurden reiche Geldmittel in Aussicht gestellt, wenn sie diesem Vertrage beitreten würden. 1)

 

Mit großer Genugtuung mußte Anton Ulrich auch den sich allmählich wieder regenden Widerstand im Reiche gegen die hannoversche Kur begrüßen. Die opponierenden Mitglieder des Kurfürstenkollegiums beharrten bei ihren alten Forderungen. 2) Der Fürstenstand hielt sich jedoch anfänglich noch ziemlich ruhig, trotzdem Imhoff schon Ende Januar in Wien eifrig bemüht war, seine Kollegen zu energischen Maßregeln gegen die Neubelehnung Hannovers zu überreden. 3) Es war aber ein großer Gewinn für Anton Ulrich, daß Dänemark nun durch keine anderweitigen Verpflichtungen von der Opposition mehr zurückgehalten zu werden schien und zu einer Erneuerung der früheren Allianzen mit Münster und Wolfenbüttel bereit war. 4) Anton Ulrich konnte jetzt wieder mit größerem Vertrauen seinen Verwandten die Spitze bieten, und wohl im Hinblick hierauf durchkreuzte er die Bemühungen Englands um eine Aussöhnung im Welfenhause. Bestärkt wurde er in diesem Verhalten, da er endlich auch bei Frankreich größeres Entgegenkommen fand und auf eine Unterstützung von dieser Seite immer mehr rechnen durfte. 5) Freilich war dieser Umschwung am Versailler Hofe weniger auf das Verdienst Anton Ulrichs zurückzuführen, als auf die

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1) Vertrag vom 23. Mai 1699. (W. L. Absch.)

2) Münster an Wolf. 14. Jan. 1698. (M. St. Cpt.)

3) Instruktion an Imhoff 27. Jan. 1698. (W. L.)

4) Rezeß vom 10./20. Juni 1698. (M. St. M. 4798). Frankreich hatte Anton Ulrich hierzu angetrieben, wie aus der Korrespondenz des Fürsten mit dem Domdechanten von Paderborn ersichtlich ist. (M. St. 21. 3., 16./4. 1698): „Ich (A. U.) habe nachricht aus Frankreich, das man daselbst die endschaft dieser tractaten auch wünschet und bin ich von dorther angemahnet worden, sie zu befodern das Er mir dan seines ohrtes wird Zeugnis geben, daß ich sie bisher stets betrieben.“

5) Briefe an Hertel von französischen Unterhändlern April--Dez.1698. (W. L.)

 

 

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durch den drohenden Streit um das spanische Erbe veränderte politische Konstellation.

 

Vergegenwärtigen wir uns die Situtation im Herbst 1698. 1) Auf dem Friedenskongreß zu Ryßwick hatte man es nicht zu ernsten Verhandlungen über die spanische Erbfolgefrage kommen lassen. Im März des folgenden Jahres aber hatte Frankreich sich auf diplomatischem Wege mit den Seemächten zu einigen gesucht. Es war denn auch bald ein Abkommen zwischen den Mächten zu stande gekommen, das den Kurprinzen von Baiern als Haupterben der spanischen Monarchie einsetzte, Ludwig XIV. Unteritalien und dem Kaiser Mailand zuwies. Obschon die erste Kriegsgefahr hierdurch abgewendet war, so trafen die französischen Staatsmänner doch alle Vorbereitungen für den Ernstfall. Eifrig waren sie darauf bedacht, den durch den Kurstreit im Reich entstandenen Hader zu schüren und die Opponenten für strikte Neutralität beim Ausbruch des Krieges zu verpflichten. Ludwig XIV. ließ daher den Mitgliedern des Fürstenkollegiums immer wieder zu Gemüte führen, bei der spanischen Erbfolgefrage sei nur der Kaiser persönlich interessiert, Leopold werde aber bei einer Beteiligung des Reiches nur noch bessere Gelegenheit zur völligen Unterdrückung und Beschneidung ihrer Freiheiten und Rechte finden, während Frankreich auf den Frieden bedacht sei und die Privilegien der Fürsten stets schützen werde. Die französische Regierung betonte dabei natürlich ihre Bereitwilligkeit, die hannoversche Kur erst nach einem einmütigen Reichsbeschluß anzuerkennen. 2)

 

Die Mehrzahl der deutschen Fürsten nahm diese Versicherungen jedoch mit Mißtrauen auf. Vor allem waren die evangelischen Reichsstände wegen der Ryßwicker

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1) Noorden: „Europäische Geschichte im 18. Jahrh.“ I. Der Spanische Erbfolgekrieg. Düsseldorf 1870 S. 97 ff., 107 ff.

2) Korrespondenz Hertels 21. Juni 1698 (W. L.): „Sa Majesté (Louis XIV.) donnera une protection particuliére à touts les Princes Protestants désirant, de rétablir avec eux l'ancienne amitié et bonne correspondance dont on s'est si bien trouvé cy-devant.“ Anton Ulrich solle sich bemühen, daß die übrigen protest. Fürsten ihre Opposition gegen die Bestimmungen des Ryßwickschen Friedens aufgeben möchten. Desgl. 12. Juli: „Sa majesté vent bien soutenir les opposans au 9me electorat comme estant une innovation opposée mesme au traite de Westphalie“, ferner 29. Juli u. s. w. Vergleiche ferner: „R. d. J.“ (Autriche) S. 139 ff.; II. (Suède) S. 189 ff.; XIII. (Danemark) S. 85 ff.; XVI. (Prusse) S. 237 ff.

 

 

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Religionsklausel gegen Ludwig XIV. erbittert. Unter diesen Umständen war es für Frankreich von hohem Wert, sich die Hilfe Herzog Anton Ulrichs, des Führers und Organisators der Opposition, zu sichern. Der Fürst konnte mit Anerbietungen, die ihm Ludwig XIV. auf schriftlichem Wege unterbreiten ließ, wohl zufrieden sein. 1) Die Unterhandlungen kamen aber in besseren Fluß, seitdem du Heron als französischer Bevollmächtigter in Wolfenbüttel weilte. 2) Diesem war der Auftrag zu teil geworden, vornehmlich sich mit dem jüngeren Regenten weiter zu beraten, denn die Abneigung Rudolf Augusts gegen Frankreich war wohl bekannt. Falls Rudolf August zu dem beabsichtigten engeren Bündnis nicht zu bewegen sein werde, so sollte du Heron mit Anton Ulrich die näheren Vereinbarungen allein treffen und es diesem überlassen, seinen Bruder zu der Ratifikation des Vertrages zu überreden. 3) Genau nach dieser Anweisung verfuhr der französische Gesandte und schon im Anfange September brachte er ein Bündnis auf drei Jahre zu stande, das auf wolfenbüttelscher Seite vom Kanzler Wendhausen und Geheimen Rat Lüdecke unterzeichnet wurde. 4) Beide Teile wollten den Westfälischen, Nymwegischen und Ryßwickschen

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1) Korrespondenz Hertels 29. Juli 1698; Projet des conditions 13. Jul. 1698. (W. L.)

2) Beglaubigung du Herons 12. August 1698. (W. L.)

3) Korrespondenz Hertels 12. Juli 1698. (W. L.) du Heron habe den Befehl erhalten, „qu'au cas que mons. le duc Rudolphe ne soit pas disposé à conclure un tel tracte que cependant mons. du Heron ne laisse pas de le conclure en particulier avec V. A. S. (Ant. Ulr.) laissant à V. A. S. de prendre son temps pour le faire agréer et ratifier à Ms. le Duc Rudolphe.“

4) 30. Aug./9. Sept. 1698, ratifiziert am 28. Sept. 1698. (W. L.)

 

 

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Frieden aufrecht halten. Louis XIV. dagegen wiederholte sein früheres Versprechen, die Kurwürde Hannovers nach völliger Befriedigung der wolfenbüttelschen und ordnungsmäßiger Beratung in den Reichskollegien anzuerkennen, während Rudolf August und Anton Ulrich sich ohne die Billigung und Zustimmung 1) Frankreichs auf keinen Vergleich mit ihren Verwandten einlassen wollten. Die Herzöge wollten ferner ihre Beschwerden gegen ihre Vettern Ludwig unterbreiten, damit dieser über die notwendige Unterstützung sicherer urteilen könne. Obschon ihnen im Vertrage auch die Möglichkeit, ihr schuldiges Truppenkontingent dem Reiche zur Verfügung zu stellen, zuerkannt wurde, so zielte diese Bestimmung doch nur darauf hin, dem reichstreugesinnten Rudolf August Sand in die Augen zu streuen. Zwischen den Zeilen liest man, daß eine solche Verpflichtung gegen den Kaiser aufhören sollte, sobald die französischen Anhänger im Reich sich den Plänen des Reichsoberhauptes widersetzen und für den Frieden eintreten würden. Die wahren Absichten waren indes so geschickt verschleiert, daß Rudolf August keinen Anstand nahm, die getroffenen Vereinbarungen zu ratifizieren, von den Subsidien aber, die seinem Bruder in einem Sekretartikel von Ludwig XIV. zugestanden wurden, erfuhr er nichts. 2) Rudolf August war sich sicherlich auch nicht recht klar darüber, daß durch die Bestimmung, die sowohl evangelischen wie katholischen Reichsständen den Beitritt zu diesem Bündnisse ermöglichte, der Grund zu einer franösischen Neutralitätspartei bei einem etwaigen Bruch zwischen dem Reiche und Frankreich gelegt war.

 

Vorläufig kam es Anton Ulrich in erster Linie darauf an, seinem Verbündeten zu einem Eingreifen in den Kurstreit

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1) Die Worte „agrément et consentemant“ wurden bei der Ratifikation durch „intervention et concurrence“ ersetzt, da die erstere Fassung bei einigen Fürsten Skrupeln erregen würde. (Erklärung der wolf. Räte v. 28. Aug. 1698. W. L.)

2) Briefliche Mitteilung des Herrn Archivrats Dr. Zimmermann-Wolfenbüttel nach wolfenbüttler Archivalien.

 

 

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zu verhelfen. 1) Schon vor der Unterzeichnung des Vertrages hatten die wolfenbüttelschen Räte du Heron erklärt, sie seien entschlossen, im Verein mit anderen gleichgesinnten Fürsten Ludwig XIV. als Garanten des Westfälischen Friedens zum Schutze ihrer Rechte und Privilegien anzurufen. 2) Anton Ulrich eröffnete für diesen Plan nun bei den Mitgliedern des Fürstenvereins eine lebhafte Agitation. Wie früher fand er aber nur bei Dänemark Zustimmung. 3) Die übrigen Fürsten hatten noch ernste Bedenken, obschon man zu ihrer Beruhigung erklärte, daß natürlich auch Schweden als Mitgarant des Westfälischen Friedens angegangen werden sollte. Zu denen, die sich ablehnend verhielten, gehörte der Bischof von Münster und der Landgraf von Hessen-Kassel. 4) Der erstere riet den vertrauteren Mitopponenten, noch einmal beim Kaiser vorstellig zu werden, denn einerseits sichere man sich hierdurch auch fernerhin die Gewogenheit der dem Kaiser ergebeneren Mitglieder des Fürstenvereines, andererseits sei man nach erneuten, vergeblichen Bemühungen am Wiener Hofe desto besser für die Zuhilfenahme auswärtiger Mächte entschuldigt. 5) Diesen zutreffenden Erwägungen konnte sich Anton Ulrich nicht entziehen. Die Schwierigkeiten aber, die seine Vertreter bei der Ausführung des münsterschen Vorschlages machten, bewiesen zur Genüge, wie wenig ihr Herr mit der Fortsetzung solcher milden Maßnahmen zufrieden war. 6) Anton Ulrich hielt in der Tat aus zwei Gründen ein ganz energisches Vorgehen für durchaus notwendig. Einmal trieb der hannoversche Gesandte v. Oberg in aller Stille den kaiserlichen Hof zur baldigen Vornahme der Neubelehnung an; 7) dann stand die Heirat König Josephs mit der

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1) Wolf. an Münster 17. Okt. 1698. (M. St.)

2) Erklärung der wolf. Minister, 28. August 1698. (W. L.)

3) Instruktion an den dänischen Gesdt. in Regensburg Oktober 1698. (M. St. Absch.)

4) Münster an Wolf. 18. Nov. 1698. (M. L. Ccpt.); Hessen-Kassel an Wolf. 6. Nov. 1698. (W. L.)

5) ebenda.

6) Wolf. an Münster 13. Dez. 1698, desgl. Münster an Wolf. 15. Dez. 1698. (M. St.)

7) Wolf. an Münster 29. Okt. 1698 (M. St.)

 

 

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hannoverschen Prinzessin Wilhelmine Amalie bevor, wodurch die Position der hannoverschen Partei am Kaiserhofe nicht wenig verstärkt wurde. Gerade durch den letzteren Umstand hatte seine Abneigung gegen seine Verwandten noch reichere Nahrung erhalten, zumal er in rücksichtsloser Weise Jahre lang alles in Bewegung gesetzt hatte, die Heirat zu hintertreiben. 1) Herzog Anton Ulrich und der König von Dänemark beeilten sich denn auch, die beiden Garanten wenigstens in ihrem Namen um Schutz der fürstlichen Rechte zu ersuchen. 2) Die französischen Staatsmänner zauderten aber, diesem Wunsche direkt nachzukommen, ohne von einer größeren Anzahl deutscher Fürsten darum gebeten worden zu sein. 3)

 

Ende Dezember brachten die übrigen Fürsten glücklich ihren schriftlichen Vortrag bei der Kaiserlichen Kommission in Regensburg an. Lange hatte sich dies verzögert, da es unter den Vertretern der Fürsten wegen des Vortrittes untereinander zu heftigen Reibungen gekommen war. 4) Schließlich war man aber doch noch erfreut, als im Vergleich zu früher eine ungewöhnlich große Anzahl Mitglieder des Fürstenkollegiums das Memorial unterzeichnet hatte 5) und ihnen

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1) Korrespendenz Anton Ulrichs mit Kurpfalz, Dänemark und Sachsen-Meiningen Nov. 1696 bis Jan. 1698. (W. L.) Hier heißt es in einigen Briefen: Die hannoversche Prinzessin werde „zu des Vaterlandes Ruin und gänzlicher Zerrüttung“ auf den Thron kommen. „Der unterdrückte Fürstenstand werde dann noch mehr unterdrückt werden, daß des Kaisers Gnade von ihnen weiche, durchaus gegen ihre Religion zunehme und tausend andere Inkonvenientien hiernächst sich hervortun würden, die jetzo noch nicht abzusehen seien.“

2) Ob Rudolf August hiervon gewußt hat, konnte ich nicht konstatieren, da mir hierüber nur eine Relation Wendhausens aus Regensburg vom 4./14. Dez. 1698 (W. L.) vorlag. Nach dieser trugen Wendhausen und der Däne Lewenkron dem franz. Gesdt. beim Reichstage am 29. Nov./9. Dez. ihre Bitte vor.

3) Vorher hatte Frankreich eine öffentliche Erklärung gegen die neunte Kur in Aussicht gestellt, wenn nur ein Mitglied des Fürstenkollegiums die Requisition der Garanten nachsuchen werde. (Beilage eines Schreib. Wolf. an Münst. 29. Okt. 1698. M. St.)

4) Wolf. an Münster 23. Okt., desgl. Münster an Wolf. 15. Dez. 1698. (M. St.)

5) Münster an Wolf. 18. Nov. 1698. (M. St. Ccept.)

 

 

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vom Kaiser der Bescheid zu teil wurde, daß er die Kurangelegenheit nur mit allseitiger Zustimmung der Reichsstände zum Austrag bringan werde. 1)

 

Leopold gedachte aber nicht, die Investitur Georg Ludwigs zu verzögern, vielmehr nahm er sie schon am 9. Jan. 1699 vor, obschon im letzten Augenblick die jüngeren hannoverschen Prinzen nochmals Einspruch erhoben. 2) Die korrespondierenden Fürsten -- dieser Name kam nun immer mehr auf -- waren hierüber bestürzt und erbittert, da sie den jüngsten Versicherungen des kaiserlichen Kommissars vollen Glauben beigemessen und eine vorherige Beratung der Kurangelegenheit in allen drei Reichskollegien erwartet hatten. In feierlichem Protest wandten sie sich wieder an das Reichsoberhaupt und erklärten sowohl die frühere, wie jetzige Investitur für nichtig. 3) Wolfenbüttel und Dänemark aber trugen von neuem den beiden Garanten des Westfälischen Friedens ihre Beschwerden vor. 4) Im übrigen wurden jedoch weitere Schritte der Opposition durch die mehr um sich greifenden Ceremonialstreitigkeiten gehemmt. Hierbei zeichnete sich vor allem der münstersche, hessen-kasselsche und sachsen-gothasche Gesandte aus, denen der Däne Lewenkron wegen ihrer „Somnia und albernen Tändeleien“ heftige Vorwürfe machte. 5) Aber auch der Verkehr der kaiserlichen und kurfürstlichen Gesandten mit denen der Opponenten wurde täglich gespannter, da sich die ersteren um gewisse Prärogativen der fürstlichen Bevollmächtigten nicht mehr kümmerten. 6) Dieses sah der Reichsfürstenstand als einen neuen Schritt zur völligen Unterdrückung seiner Rechte an, und von Tag zu Tag nahm

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1) Schreiben der fürstl. Gesandten den Kaiser. Regensburg 1699. (W. L. Absch.) Siehe auch: „Theat. Europ.“ XV., 601 ff

2) Theat. Europ. 601 ff.

3) (W. L. Absch.) Schreib. der fürst. Gesandt. an den Kaiser 1699 (ohne näh. Dat.)

4) Theat. Europ. XV, 603.

5) Der dänische Gesandte an Wolf. 15./25. März 1699. (M. St. Absch.)

6) Capita deliberanda, ad April. 1699.

 

 

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die Erregung wieder zu. Am lautesten gab wie immer Anton Ulrich seiner Entrüstung Ausdruck. Er hielt den vertrauten Fürsten die Notwendigkeit eines neuen gemeinsamen Konventes vor, auf dem man zu den letzten Ereignissen entschieden Stellung nehmen müsse; die Stadt Goslar sei wegen ihrer abgelegenen Lage zur Abhaltung der geheimen Beratungen wohl geeignet. Die meisten Mitglieder des Fürstenvereins zeigten aber noch keine Geneigtheit, den Vorschlag Anton Ulrichs auszuführen. 1)

 

Kaiser Leopold hatte inzwischen seine Verhandlungen mit den Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz eifrig fortgesetzt. Im September 1699 schrieb er nun an Mainz, er habe nie die Absicht gehabt, die Rechte und vor allem das „jus suffragii“ der opponierenden Kurfürsten im geringsten zu schmälern. Auch sei ihm genehm, wenn zu ihrer Beruhigung die „quaestio an“ dem Kurfürstenkollegium nochmals unterbreitet werde. 2) Gleichzeitig benachrichtigte Leopold das Fürstenkollegium, den Privilegien und Rechten der Fürsten solle ebenfalls kein Abbruch geschehen, er sei vielmehr gesonnen, die Kurangelegenheit den Reich zur Beratung und Beschlußfassung zu überweisen. Auch der Kurfürst von Mainz verfehlte nicht, den Mitgliedern des Fürstenstandes zu versichern, er werde darauf sehen und kraft seines Direktorialamtes beantragen, daß ihre Wünsche erfüllt würden. 3)

 

Entgegen allen diesen Versicherungen und Beteuerungen ließ Kaiser Leopold aber durch Kurmainz im November desselben Jahres den opponierenden Kurfürsten allein die frühere Erklärung wiederholen, der sich die übrigen Mitglieder des Kurfürstenkollegiums anschlossen. Darauf wurde die „quaestio an“ nochmals zur Beratung gestellt und einstimmig bejahend beantwortet. 4)

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1) Correspondenz zw. Münst. u. Wolf. Sept. 1699. (M. St.)

2) Der Kaiser an Mainz 14. Sept. 1699. (M. St. Absch.)

3) „Theat. Europ.“ XV, 605.

4) Protocoll vom 8./18. Nov. 1699. (M. St. Absch)

 

 

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Ein Sturm der Entrüstung erhob sich hierüber unter den korrespondierenden Fürsten. Ihre Anklagen richteten sich nicht nur gegen das Reichsoberhaupt, sondern auch ebensosehr gegen den Kurfürsten von Mainz, von dem man sich schmählich hintergangen wähnte. Allgemein hielt man nun einen neuen Fürstenkongreß für unerläßlich; 1) Sachsen-Gotha und Hessen-Kassel aber pflichteten nun Anton Ulrich und dem dänischen König bei, die Hülfe Frankreichs und Schwedens sofort in Anspruch zu nehmen. 2) Der Bischof von Münster gab jedoch sicherlich die Meinung der Mehrheit des Fürstenkollegiums wieder, indem er darauf aufmerksam machte, daß man durch einen voreiligen Beschluß in dieser Richtung den Kaiser und die Kurfürsten zu einer desto schnelleren Erledigung der Introduktion Hannovers treiben werde. 3)

 

Diese beiden Strömungen in der Opposition trafen auf dem Konvente in Goslar zusammen, der Ende Januar 1700

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1) Sachs.-Gotha an Wolf. 24. Nov. 1699. Desgl. Hess.-Kassel an Wolf. 27. Nov. 1699. (M. St. Absch.)

2) ebenda.

3) Instruktion an Cochenheim 17. Jan. 1700. (M. St. Ccpt.) Ant. Ulrich hatte alles versucht, Münster zu der Requisition zu überreden, schrieb er doch am 28. Nov. 1699 (M. St.): „Aus dem Beischlusdes des geheimen Rahtsdirektoris von Gotha geruhen E. E. zu ersehen, das selbigen hofes gedancken anietzo dahin ziehlen, Franckreich auf die garantie des Westphälischen friedens zu requiriren, da Wir den unseren Geheimbten Raht Ludecken sofort dahin abreisen laßen selbigen hertzog bei so guten Sentiment zu erhalten und stellen E. E. anheimb, ob Sie nicht heilsame mittel angreiffen und ohne zeitverlust bei dem de Charmoy durch ihren gesanten zu Regensburg solches wollen verrichten laßen. Es haben E. E. bisher sich so ruhmblich der nohtleiden des fürstenstandes angenommen, das ich nicht zu zweifeln, Sie werden, da es nunmehr auf das äußerste kommen, die Hände nicht sinken laßen, und sich also dieses meines ermeßens noch eintzig übrigen hülf und rettungs Mittels bedienen, und also den gäntzlichen untergang helfen verwehren, dafür die posteritet E. E. ewigen Danck wißen wird, und werde ich und meine familie E. E. stets insonderheit höchst verbunden dafür verbleiben.“

 

 

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eröffnet wurde. 1) Der wolfenbüttelsche Hof war wieder durch den Geheimen Rat Lüdecke vertreten. Dieser hatte die Instruktion, auf jeden Fall die Requisition der Garanten des Westfälischen Friedens durchzusetzen, wenn nicht vom gesamten Kongreß, so doch wenigstens von einigen Fürsten. Der wolfenbüttelsche Bevollmächtigte war ferner angewiesen, ein noch engeres Bündnis der Fürsten nach Anleitung der ehemaligen rheinischen Allianz zu stande zu bringen. 2) Lüdecke wandte im Verein mit dem dänischen Gesandten Lewencron in diesem Sinne alles auf. Der münstersche Vertreter Cochenheim arbeitete ihnen aber diesmal mit Erfolg entgegen. Durch ihn behielt das gemäßigte Element bei den Beratungen die Oberhand: Die Majorität der fürstlichen Gesandten lehnte eine sofortige Hinzuziehung des Auslandes ab und erklärte sich für eine nochmalige nachdrückliche Wiederholung der Beschwerden am Kaiserhofe. Anton Ulrich war hiermit durchaus nicht einverstanden, denn er befürchtete nicht mit Unrecht, daß nach einer auch nur in etwa günstigen Erwiderung Leopolds die meisten Mitglieder des Fürstenvereins auf die Hilfe der beiden Garanten verzichten würden. Lüdecke erhielt daher Befehl, auf der Requisition Frankreichs und Schwedens zu bestehen; 3) er konnte indes mit seinem Vorschlage nicht durchdringen und mußte zufrieden sein, daß in den Rezeß die Bestimmung aufgenommen wurde, wonach man die Garanten des Westfälischen Friedens interpellieren wollte, falls vom Kaiser keine zuverlässige Erklärung erfolgen werde. 4)

 

Wenn so die Beschlüsse zu Goslar auch nicht im entferntesten allen Wünschen und Hoffnungen Anton Ulrichs

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1) Auch für die Goslarer Beratungen habe ich die münsterschen (M. St.: M. L. A. 473 No. 118--123) und die wolfenbüttelschen (W. L.: „Neunte Kur“ 31) Instruktionen und Relationen eingesehen.

2) Instr. an Lüdecke 8. Jan. 1700.

3) Instruktionen an Lüdecke 22. u. 30. Jan. 1700.

4) Rezeß vom 5./15. Febr. 1700. (M. St.) Ferner wurden die Fürstenvereine von 1693 und 1695 erneuert, der Beschluß gefaßt, den Reichsberatungen weiterhin fernzubleiben, Einstimmigkeit für die Annahme des hannov. Kurgesuches zu verlangen und am 15. April die Beratungen in Nürnberg fortzusetzen.

 

 

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entsprachen, so konnte der Veranstalter des Fürstentages mit der Beteiligung der deutschen Fürsten an dem Konvente wohl zufrieden sein, denn selbst der Bruder der Kaiserin, der Hofmeister des deutschen Ordens, ferner Worms, Ellwangen, Würzburg, Konstanz, Fulda und das anhaltinische Fürstenhaus waren dem Fürstenverein beigetreten. 1) Der kaiserliche Hof war über die geheimen Goslarer Verhandlungen wohl unterrichtet und machte seinem Ärger vornehmlich gegen den Deutschmeister und den Markgrafen von Baden-Baden Luft. 2) Aber auch die übrigen Teilnehmer, wie Dänemark, Münster, Würzburg und andere bekamen von Leopold harte Ermahnungen und Drohungen, 3) die aber nichts fruchteten; vielmehr protestierte man fürstlicherseits energisch gegen die scharfen Verweise, die sonst nur an Reichsfeinde gerichtet würden. 4)

 

Der Hof von Wolfenbüttel war mittlerweile immer mehr unter französischen Einfluß gelangt. Du Heron verstand es ausgezeichnet, sich zu einem beliebten und gern gesehenen Gast zu machen. Als im April 1700 Bonac an seine Stelle trat, 5) blieb Anton Ulrich mit ihm in regem Briefwechsel. 6) Auch das persönliche Verhältnis der wolfenbüttelschen Herzöge zum Hofe von Versailles gestaltete sich inniger, denn sowohl Anton Ulrich als auch Rudolf August richteten an Ludwig XIV. und den Dauphin Schreiben, in denen sie ihre Dankbarkeit und Ergebenheit bekundeten. 7) Die französischen Staatsmänner drangen aber immer von neuem in Anton Ulrich, die Requisition Frankreichs bei den Opponenten durchzusetzen. 8) Vorläufig aber konnte dieser nur den

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1) ebenda

2) A. Schulte a. a. O. I, 538 ff.

3) Würzburg an Münster 7. April 1700; der Kaiser an Münster 26. Jan. 1700. (M. St.)

4) Protest des dänischen Gesandten 16. Mai 1700. (W. L. Absch.)

5) Beglaubigung Ludwigs XIV. 8. April 1700. (W. L.)

6) W. L. „Neunte Kur“ 35.

7) Schreiben vom 14. u. 19. April 1700. (W. L. Ccpt.)

8) Relation Cochenheims aus Wien 26. Mai 1700. (M. St.)

 

 

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beiden vom Goslarer Konvent nach Wien entsandten Vertretern ans Herz legen, sich nicht mit den kaiserlichen Ministern in weitläufige Konferenzen einzulassen, weil sonst eine schließliche Verständigung doch noch erzielt werden könnte. 1) Er brauchte indes um ein allzu großes Entgegenkommen der fürstliche Bevollmächtigten nicht besorgt zu sein, denn sein Vertrauter, der Oberhofmeister v. Imhoff, war für diese wichtige diplomatische Sendung von der Opposition mit ausersehen worden. Im Mai 1700 begab sich dieser zusammen mit Cochenheim nach Wien, um sich des ihnen vom Goslarer Konvent gegebenen Auftrags zu entledigen. Die beiden Abgesandten versuchten nun am kaiserlichen Hofe eine bestimmte Erklärung auf ihre Beschwerden hin zu erlangen. Sie fanden jedoch die kaiserlichen Minister wohl zu allen möglichen Versicherungen bereit, mit einer präzisen Antwort hielten diese wohlweislich zurück. 2)

 

Die hannoverschen Staatsmänner versuchten in diesem wichtigen Augenblick durch eine Annäherung an Frankreich weiteren Schritten der Opposition vorzubeugen. Ludwig XIV. wollte sich aber nicht eher auf die von Hannover angebotene Allianz einlassen, bis der Nürnberger Fürstenkongreß sich entschieden hatte. 3) Dieser hatte schon im April seinen Anfang genommen. Der kaiserliche Hof hatte geglaubt, bei der Wiederaufnahme der Beratungen durch den Kurfürsten von Mainz sich mit der Opposition noch einigen zu können. Die Vorschläge des mainzischen Gesandten wies man indes mit Entrüstung zurück, da die Fürsten alles Vertrauen zu Kurmainz verloren hatten. 3) Mit Ungeduld

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1) Instruktion an Lüdecke 13. April 1700; Ant. Ulrich an Münster14. April 1700. (M. St.)

2) Gemeinsame Relation der beid. Gesandt. 22. Mai 1700, desgl. 26. Mai. (M. St. Absch.)

3) Relation Cochenheims Juni 1700. (M. St.)

4) Relationen Lüdeckes 4. u. 8. Mai 1700. (W. L.); „Ohnverfängliche Gedanken über die von Ihrer Chur-Fürstl. Gnd. zu Mayntz zu Beruhigung Derer correspondirenden Reichs-Fürsten in der IX. Chur-Sache geschehene Vorschläge.“ Gedr. 1700. (M. St.): a) Ausstellung eines „decretum de non praejudicando“ seitens des Kaisers. b) Beratung der Kurangelegenheit in den Reichskollegien. Künftig sollte ohne Zustimmung der Fürsten und Stände keine neue Kur eingeführt werden.

 

 

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erwartete der Konvent vielmehr das Resultat der Verhandlungen in Wien, nachdem man Mitte Juli 12000 Mann zu gegenseitiger Unterstützung bereit zu halten beschlossen hatte. 1)

 

Imhoff und Cochenheim setzten am Kaiserhofe eifrig ihre Bemühungen fort. 2) Der Fürst von Salm und Pater Wolf, der Vertraute Leopolds, waren den Fürsten wohl gewogen. Auch auf den Kaiser verfehlten die erneuten Vorstellungen der Opponenten nicht jeglichen Eindruck. 3) Zu Zugeständnissen an den Reichsfürstenstand ließ er sich jedoch nicht bewegen. Er verwies die Opponenten vielmehr in dem Bescheid, der ihnen endlich nach monatelangem Warten im Anfang August gegeben wurde, von neuem an den Kurfürsten von Mainz. Im übrigen war er gern bereit, ihre weiteren Wünsche zu hören und beim Kurfürstenkollegium vermitteln zu helfen. 4)

 

Die Verweisung der opponierenden Fürsten an das Kurfürstenkollegium war ein geschickter Schachzug der kaiserlichen Politik, denn hierdurch mußten die Kurfürsten sich geehrt fühlen und vielleicht mehr als bisher für die neunte Kur interessiert und gewonnen werden. Die korrespondierenden Fürsten waren desto weniger mit der kaiserlichen

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1) Rezeß vom 15. Juli 1700. (M. St.)

2) Gemeins. Relationen Imhoffs und Cochenheims Mai-Juli 1700. (M. St. Absch.)

3) Relation Cochenheims 3. Juli 1700. (M. St.): „Imperator habe sich -- so teilte Pater Wolf den Gesandten mit -- dabei heraußgelaßen, er wolle an Hannover schreiben, daß er ihn vieler wichtiger considerationen halber mit dem Gesuch der introduktion verschonen müße biß dahier daß reich undt der Fürstenstandt wieder in statum tranquillitatis gesetzet, und die gemüther hierunter vereiniget seyn würden.“ Fürst Salm stimmte den Gesandten zu, daß ihnen kein anderes Mittel neben der Union als die Requisition Frankreichs und Schwedens übrig sei. (Relat. Cochenheims 13. Juli 1700. M. St.)

4) 3. August 1700. (M. St. Absch.)

 

 

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Erwiderung zufrieden. 1) Die Ausflüchte und die leeren Versicherungen, mit denen der Wiener Hof die Gesandten so lange hinhielt, hatten sie mit steigender Erbitterung erfüllt. 2) In Wien, so hatte sich schon Ende Juli der mit den Ansichten der leitenden Kreise an der Donau wohlvertraute Markgraf von Baden-Baden vernehmen lassen, könne man auf ein Entgegenkommen nicht rechnen. Deshalb sei er entschlossen, die Hülfe der Garanten der fürstlichen Freiheiten und Rechte nachzusuchen. Als die Voraussage des Markgrafen nun wirklich eintrat, stimmten ihm unverzüglich Würzburg, Münster, Sachsen-Koburg und Gotha, Wolfenbüttel, Baden-Durlach, Holstein-Glückstadt und Anhalt zu. 3). Die übrigen Fürsten zauderten noch. Da ließ Markgraf Ludwig Wilhelm ihnen durch seinen Vertreter in Nürnberg bekannt geben, daß er entschlossen sei, unter Umständen auch allein das „Instrumentum requisitionis“ zu unterzeichnen, und als der letzte für die Rechte seines Hauses und des deutschen Fürstenstandes einzutreten. 4) Diese energischen Worte des kaiserlichen Generalleutnants machten tiefen Eindruck. Sachsen-Eisenach, Brandenburg- Onolzbach und Hessen-Kassel schlossen sich nun an, und Ende August wurde die Requisition den Garanten zugeschickt. 5)

 

Durch diesen Schritt wurde die Kluft zwischen kaiserlich-hannoverschen Partei und der Opposition noch vergrößert, ja fast unüberbrückbar. Die kaiserliche Ungnade richtete sich vornehmlich wieder gegen den Markgrafen von Baden-Baden, während Herzog Anton Ulrich, der von Anfang an doch den Reichsfürstenstand auf diese Maßnahme hingewiesen und hingedrängt hatte, 6) unbehelligt blieb. Bei dem letzteren hielt Leopold wohl alle weiteren Remonstrationen

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1) Relation Plettenbergs 13. Aug. 1700. (M. St.)

2) Instruktionen an Lüdecke und den Dänen Lewencron 3. Juli 1700. (W. L. Ccpt.)

3) Relation Plettenbergs 6. Aug. 1700. (M. St.)

4) Dictatum Nürnberg 19. Aug. 1700. (M. St.); A. Schulte a. a. O. I, 540 ff.

5) 25. August 1700. (M. St. Absch.)

6) S. S. 21, 50, 81, 82.

 

 

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für erfolglos, seinen Generalleutnant aber glaubte er wohl noch umstimmen zu können. Alle Verweise und Ermahnungen des Wiener Hofes verfehlten aber bei dem Markgrafen ihren Zweck. Er bestritt entschieden, sich eines Vergehens gegen Kaiser und Reich schuldig gemacht zu haben, denn der vom Kaiser beschworene Westfälische Frieden habe ihnen den Weg zu den Garanten gewiesen. Auch dulde der Kaiser ja, daß England und Holland die Ansprüche Hannovers unterstützten. Lieber wollte er aber auf seine militärische Charge verzichten, als die Fürstensache aufgeben und „ein verächtlicher Sklave der Herren Kurfürsten werden“. 1)

 

Diese Worte sind so recht charakteristisch für die Stimmung im Fürstenkollegium. Einen solchen Hader hatte der verhängnisvolle Streit um die hannoversche Kur im Reiche gestiftet, daß selbst die ergebensten Anhänger des Kaisers mit Unmut und Erbitterung erfüllt waren, zu einer Zeit, wo das Reichsoberhaupt nicht die Hilfe eines einzigen entbehren konnte; denn immer drohender stieg das Unwetter am politischen Horizont herauf. Wohl hatten sich Frankreich und die Seemächte nach dem Tode des jungen bayrischen Prinzen über das spanische Erbe wieder geeinigt, jedoch weigerte sich der Kaiser entschieden, der getroffenen Vereinbarung beizutreten. Der bevorstehende Tod des dahinsiechenden Karls II. rückte die definitive Entscheidung immer näher heran. 2) Mit Freuden begrüßte daher Ludwig XIV. das Schreiben der korrespondierenden Fürsten, denn hierdurch erhielt er die lang ersehnte Gelegenheit, die Zwietracht im Reiche noch mehr schüren zu können. Den französischen Gesandten in Regensburg, Wien und an den kurfürstlichen Höfen ging sofort der Befehl zu, Protest gegen die neunte Kur einzulegen. 3) Dem Fürstenkongreß in Nürnberg überbrachte dann der französische Gesandtschaftssekretär Fromont die nähere Antwort seines königlichen Herrn.

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1) Schulte a. a. O. I, 541 ff.

2) Noorden: „Europäische Geschichte im 18. Jahrh.“ I, 111 ff.

3) Actum Nürnberg. 30.Sept. 1700. (M. St.); „R. d. J.“ VII, 113.

 

 

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Ludwig XIV. wollte den durch den Westfälischen Frieden erworbenen fürstlichen Rechten vollen Schutz angedeihen lassen und war bereit, die Opponenten auf jede Weise zu unterstützen, sobald er hierum angegangen würde. 1)

 

Diese Botschaft wurde mit Freuden aufgenommen. Die eingeweihteren Kreise in Nürnberg mochten aber doch wohl schärfere Maßnahmen von seiten Frankreichs erwartet haben. 2) Ludwig XIV. hatte sich gehütet, energisch die Sache selbst in die Hand zu nehmen, da er der überwiegenden Majorität des Fürstenkollegiums durchaus nicht sicher war. Wie leicht konnte es dem Kaiser doch noch gelingen, den einen oder anderen umzustimmen! Ferner kam für die französischen Diplomaten in Betracht, daß -- wie wir noch sehen werden -- Dänemark von der Opposition abgedrängt war und der Kurfürst von Sachsen nach wie vor zu Hannover hielt. Aus diesen Gründen machten sie alle weiteren Entschlüsse von der eigenen Initiative der korrespondierenden Fürsten abhängig, die ihnen weder zuverlässig, noch stark

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1) Relation Plettenbergs 28. Sept. 1700 (M. St.). Der französische Gesandte erklärte ferner, Marquis de Torcy habe ihm gesagt, „daß Ihro Maj. selbst genau examinirt und überzahlet hatten die nahme derjenigen H. Fürsten, welcher wegen die requisitionsacte wehren unterzeichnet worden, undt daß diejenigen, so derahn kein theil genohmen, oder noch nehmen würden, vielleicht deßen künftighin eine reu tragen dörfften : die formalia lauthen, qu'ils pourroient bien s'en repentir: den es wehre dero gnädigste Intention, alles dasienige fürkehren zu wollen, was bey Ihro die Herr. Reichsfürsten selbsten an handt geben würden.“

2) Fromont gab den vertrauten Gesandten insgeheim noch zu verstehen, „wie daß Ihro Königl. Mayst. in Franckreich noch sehr zweifelten, ob die herren fürsten bey der Correspondentz beständig verharren, und nicht etwa durch Kays. güetliche oder harte persuasiones sich trennen lassen würden, undt dies wehre die ursach, worumb Sie das memoriale so hetten dressiren lassen, daß Sie der herrn Fürsten resolutiones und liaisons souteniren, undt also dero garantie auf dasjenige qualificiren wollten, was die fürsten selbst verlangen undt unternehmen würden. Wan man aber die Correspondentz beständig machen wolte, so wehre Ihrer Mayst. meynung, daß man die Crohn Dennemark wieder gewinnen, und annebens auch mit dem König in Pohlen auff gewisse maaß sich zu allyren hette, massen solchem nach ein mehrer undt besserer effect von der praestation der garantie gehofft werden köndte.“ (ebenda.)

 

 

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genug zu sein schienen. Die Führer der Opposition mußten es daher für ihre nächste Aufgabe halten, diese Bedenken der französischen Staatsmänner zu zerstreuen und sie zu überzeugen, daß man an den Opponenten treue und ergebene Anhänger hatte. Vor allem mußte sich eine größere Anzahl Fürsten für völlige Neutralität bei den unabwendbar kriegerischen Verwicklungen zwischen Frankreich und dem Kaiser verpflichten.

 

Herzog Anton Ulrich lag dieser enge Anschluß der korrespondierenden Fürsten an Ludwig XIV. besonders am Herzen. Er begab sich selbst an die benachbarten Fürstenhöfe, um für die Neutralitätspartei zu werben. Der Fürs traf sogar incognito von Gotha beim Nürnberger Kongreß ein und nahm hier mit verschiedenen fürstlichen Gesandten Rücksprache. 1) Der Hauptzweck seiner Anwesenheit in Nürnberg war eine persönliche Zusammenkunft der angesehensten Fürsten in dem nahegelegenen Fürth zu veranstalten und mit Hilfe des Markgrafen von Baden-Baden den Herzog von Württemberg zum Beitritt des Fürstenvereins und zur Unterzeichnung der Requisition der Garanten zu überreden. Anton Ulrich leitete hierbei der Gedanke, daß der schwäbische Kreis sicherlich dem Beispiele des Herzogs von Württemberg folgen und sich Frankreich anschließen werde. Die Zusammenkunft in Fürth kam aber nicht zu stande, da Markgraf Ludwig Wilhelm, auf den es dabei am meisten ankam, am Erscheinen verhindert war. 2) Anton Ulrich mußte dies um so mehr bedauern, da er zweifellos geglaubt hatte, in einer mündlichen Auseinandersetzung mit den maßgebendsten Fürsten auch weitere Schritte im Verein mit den Garanten gegen die hannoversche Kur besser überlegen und die Neutralitätsfrage aufrollen zu

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1) Relation Plettenbergs 28. Sept., 13. Okt. 1700. (M. St.)

2) ebenda; ferner Relation Imhoffs 5. Okt. 1700 (W. L.). Imhoff gibt als Grund für das Nichterscheinen des Markgrafen „Unpäßlichkeit“, Plettenberg Familienangelegenheiten an. Tatsächlich hielt sich der Markgraf doch wohl mit Absicht der Konferenz fern, da seiner ausgesprochen reichsdeutschen Gesinnung jedes Paktieren mit dem Verbündeten Ludwigs XIV. zuwider war.

 

 

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können. Anton Ulrich muß dies beim Konvent in Fürth im Auge gehabt haben, denn bei den Beratungen, die er kurz vorher in Corvey mit dem Domdechanten von Paderborn gepflogen hatte, 1) waren diese beiden Punkte vornehmlich diskutiert worden: der Vertreter des Bischofs von Münster war damit einverstanden, Imhoff als gemeinsamen Bevollmächtigten nach Paris zu schicken, die von Frankreich erbetene Gutheißung der geschehenen Teilung Spaniens und seiner Nebenländer abzulehnen, beim Ausbruch des Kriege neutral zu bleiben und auf Reichs- und Kreistagen dafür zu sorgen, daß das Reich sich nicht an dem Streit beteilige. Anton Ulrich hätte auch gern gesehen, daß schon jetzt ein Oberbefehlshaber der fürstlichen Truppen ernannt und diese gemustert und vereidet würden, damit Frankreich den guten Willen der Opponenten erkenne. Münster befürchtete aber, daß dies ein zu großes Aufsehen erregen würde. Gegen die übrigen Vorschläge Anton Ulrichs hatte der münstersche Bevollmächtigte nichts einzuwenden, wie den König von Polen durch Übernahme der Garantie seiner sächsischen Lande zu gewinnen und den Nürnberger Konvent zu verlängern.

 

Der letzte Punkt war vorläufig der wichtigste, da durch die Fortsetzung der separaten Beratungen des Fürstenkollegiums dem Kaiser die größte Unannehmlichkeit bereitet wurde. Der französische Bevollmächtigte Charmoy wandte sich daher aus schon früher erwähnten Gründen 2) energisch gegen den von einigen Fürst geäußerten Vorschlag, die Konferenzen in Regensburg fortzusetzen. 3) Die meisten Vertreter der Fürsten verließen aber doch allmählich Nürnberg und die noch anwesenden zeigten große Lust, dem Beispiele ihrer Kollegen zu folgen. Der französische Resident in Regensburg bat den dänischen, sachsen-gothaschen und münsterschen Gesandten, trotz alledem den Kongreß in die Länge zu ziehen. Chamoy betonte auch von neuem, daß

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1) 16. Sept. 1700 (M. St.) a) Namenlose Schrift, b) Puncta so bei der Conferenz vorgekommen, c) Resolutiones.

2) S. S. 58.

3) Relationen Plettenbergs Okt./Nov. 1700 (M. St.). „R. d. J.“ VII, 113.

 

 

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Ludwig XIV. eine besondere Gesandtschaft der korrespondierenden Fürsten sehr willkommen sein werde. 1) Obschon die drei fürstlichen Vertreter von diesen Vorschlägen nicht sehr erbaut zu sein schienen, so brachte der Däne Lewencron sie doch in Nürnberg vor. Seine Anträge fanden lebhafte Unterstützung beim wolfenbüttelchen Gesandten Imhoff, der auf der Reise nach Paris begriffen war. Dieser erklärte sich sofort bereit, die Kreditive der übrigen korrespondierenden Fürsten mitzuübernehmen. Der Kongreß war zwar nicht abgeneigt, dem König von Frankreich für sein Entgegenkommen geziemenden Dank abstatten zu lassen, zu einer Mitakkreditierung Imhoffs am Versailler Hofe entschlossen sich aber nur Würzburg, Münster und Sachsen-Gotha. 2) Hiermit war die Geduld der Kongreßmitglieder vollends erschöpft. Trotz aller Bemühungen des französischen Gesandten löste sich der Konvent Mitte November auf. 3) --

 

Auf dem Fürstentage zu Nürnberg hatte noch eine andere Angelegenheit, die wir schon mehrmals gestreift haben, hohes Interesse und ernste Befürchtungen wachgerufen. Friedrich IV. von Dänemark war in die Gebiete des Herzogs von Holstein-Gottorp, des Verbündeten Karls XII. von Schweden, eingebrochen. Hannover und Celle sahen sich nun auf Grund eines früheren Vertrages in den Streit verwickelt. 4) Dänemark bot daher alles auf, die korrespondierenden Fürsten zu einem Eingreifen zu bewegen. Lewencron fand in Nürnberg jedoch nur Geneigtheit beim wolfenbüttelschen und würzburgischen Bevollmächtigten. Die übrigen wollten mit der holsteinisch-dänischen Angelegenheit nichts zu tun haben und verwiesen sie an die Fürsten selbst, die indes nicht gesonnen waren, für Dänemark die Kastanien aus

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1) Relationen Plettenbergs Nov. 1700 (M. St.); desgl. Imhoffs Nov. 1700. (W. L.)

2) Relationen Plettenbergs Nov. 1700. Instruktion an Imhoff 8. Nov. 1700.

3) Relationen Plettenbergs u. Lüdeckes Nov. 1700.

4) Havemann III, 358 ff. Bodemann: „Jobst Hermann v. Ilten.“

 

 

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dem Feuer zu holen. 1) Nur in Wolfenbüttel war man zu tatkräftiger Hilfeleistung bereit.

 

Schon im Februar 1696 hatten sich die wolfenbüttelsct Herzöge verpflichtet, einen etwaigen Angriff auf Dänemark wegen der holsteinschen Angegenheiten als „casus foederis“ anzusehen. Im Anfange des Jahres 1700 versprachen sie dem Dänenkönig sogar, ihn bei einem Einfall in Holstein indirekt zu unterstützen. Die näheren Vereinbarungen aber waren wieder einmal so getroffen, daß Rudolf August die wahren Absichten seines Bruders verborgen blieben. 2) Anton Ulrich glaubte nämlich, nun den entscheidenden Schlag im Bunde mit Dänemark gegen die hannover-cellischen Verwandten führen und ihnen einige Gebietsteile entreißen zu können. Er nahm daher keinen Anstand, mit dem Könige von Dänemark noch weitere geheime Abmachungen hierzu zu treffen. Anton Ulrich war willens, die wolfenbüttelschen Truppen mit sächsischen und anderen dänischen Hilfskontingenten zu vereinigen, den Verbündeten den Durchzug durch wolfenbüttelsches Gebiet zu gestatten und treu zu Dänemark zu halten. Als Lohn hierfür sollten Anton Ulrich die eroberten Orte der lüneburgischen Lande vermöge „alter Rechte“ zufallen. Auch sollte der dänische General bei seinen Operationen dem Herzog in allem gehorchen. 3)

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1) Relationen Lüdeckes Juli/Aug. 1700 (W. L.)

2) Rezeß vom 16. Jan. 1700. (W. L. Ccpt.) Die Herzöge wollten in Braunschweig und Wolfenbüttel so starke Besatzungen halten, daß die benachbarten Fürsten Rücksicht darauf nehmen müßten. Sollten diese sich dem widersetzen und Wolfenbüttel mit Gewalt zur Neutralität zu zwingen suchen, so wollte Dänemark polnische und andere Hilfstruppen in wolfenb. Gebiet schicken. Für den Unterhalt dieser Truppen versprach Dänemark das Geld zu liefern. Die Defensivoperationen sollten bis zur völligen Genugtuung der beiden Verbündeten fortgeführt werden. (Gekürzt.)

3) Schriftl. Versicherung Friedrichs IV. 23. Januar 1700. (W. L. Absch.) Erklärung Ant. Ulrichs 16. Febr. 1700. (W. L. Ccpt.) Für das ihm durch den Separatvertrag vom dänischen König erwiesene Vertrauen verspricht Anton Ulrich, sich die dänischen Interessen treulich angelegen sein zu lassen, „damit nicht allein auf erheischendem fall und ergehende requisition denen Königl. Sächsisch. Trouppen der transitus durch die hiesigen lande verstattet, sondern auch, wan hiesige Nachbahrn zu der assistentz für gottorff sich moviren werden, so viel Wappen, alß ohnmercklich hiesiger vestungen detachiret werden können, mit den Königl. Sächs. Conjugiret, und im übrigen alles, was die Alliance erfordert, aufrichtig prästiret werden soll.“

 

 

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Mit Eifer betrieb Anton Ulrich jetzt die weiteren Vorbereitungen zum Kriege. In Braunschweig wurden große Proviantmagazine errichtet, zu denen Dänemark das Geld gab. Am Berliner Hofe war der wolfenbüttelsche Geheime Rat v. Alvensleben bemüht, die Erlaubnis zu Kornausfuhren aus dem Halberstädtischen und Magdeburgischen zu erwirken und womöglich Preußen zu einer Teilnahme an dem Kampf zu bewegen. 1) Über die eigentlichen militärischen und strategischen Maßnahmen hielt ein dänischer General mit den wolfenbüttelschen Räten eifrig Rat, wobei Anton Ulrich von neuem versicherte, den Vereinbarungen aufrichtig nachzukommen. 2)

 

Die hannover-cellischen Staatsmänner waren über die Pläne Anton Ulrichs völlig im klaren. Auf die Nachricht von dem geheimen Abkommen Anton Ulrichs entschlossen sie sich, dem älteren Regenten rückhaltlos die Wahrheit aufzudecken. Zu dieser wichtigen diplomatischen Sendung wurde der hannoversche Berghauptmann von dem Busch ausersehen, da er sich bei Rudolf August eines hohen Vertrauens erfreute. 3) Von dem Busch entledigte sich mit Geschick seiner schwierigen Aufgabe und schilderte dem Fürsten mit eindringlichen Worten die ernste Gefahr, in der das ganze Welfenhaus sich befände. Rudolf August blieb aber bei seinen früheren Versicherungen, daß ihr Bündnis mit Dänemark keinen offensiven Charakter trage. Er war um so weniger den Worten des hannoverschen Abgesandten zugänglich, da er glaubte, daß man in Hannover und Celle einen Anschlag auf die Verwandten plane. Auch trat sein

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1) Instruktionen und Relationen v. dem Buschs. Febr. 1700. (H. St.)

2) Konferenzprotokoll vom 9. Febr. 1700. (W. L.)

3) Instruktionen und Relationen v. dem Buschs. Jan./Aug. 1700.

 

 

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Schwiegersohn, der Herzog von Holstein-Ploen, mit heftigen Worten für den dänischen König ein. 1) Als der Gesandte indes mit Nachdruck immer wieder auf geheime Abmachungen Anton Ulrichs und die Kriegsrüstungen in Braunschweig hinwies, regte sich doch allmählich Rudolf Augusts Mißtrauen gegen seinen Bruder. Verschiedentlich gab er nun die schriftliche Erklärung ab, er wolle unentwegt zu seinen Vettern stehen und fremden Truppen keinen Durchzug gestatten. 2) Daß es dem Fürsten mit dieser Versicherung wirklich ernst war, sollten schon die nächsten Ereignisse erhärten.

 

Im Juni brach in der Tat der dänische General Ahlefeld mit würzburgischen und polnisch-sächsischen Hilfstruppen in cellisches Gebiet ein. Die Angreifer wurden mit blutigen Köpfen heimgeschickt und als sie sich auf wolfenbüttelsches Gebiet begaben, ließ Rudolf August die Pässe mit Infanterie besetzen und ihnen den Durchzug wehren. 3) Der dänische Resident am wolfenbüttelschen Hof drang mit Ungestüm in Anton Ulrich, sein Versprechen einzuhalten und den Truppen Passage und Unterkommen zu gewähren. Anton Ulrich vermochte aber bei seinem Bruder nichts auszurichten; auch alle Bitten und Hinweise des Dänen selbst auf die schriftliche Verpflichtung der wolfenbüttelschen Regierung wies Rudolf August mit harten Worten ab. 4) Als dieser schließlich drohte, im Notfalle cellische Regimenter zu Hilfe zu nehmen, gab Anton Ulrich nach und mußte sogar eine Verfolgung des Feindes durch cellische Truppen im Wolfenbüttelschen gestatten. 5)

 

Inzwischen kamen Hannover und Celle dem bedrängten Bundesgenossen zu Hilfe. Sie besetzten Altona und zogen

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1) Relation v. dem Buschs 16. Febr. 1700.

2) Relation v. dem Buschs. April/Mai 1700.

3) Rud. Aug. an v. dem Busch 1./12. Juli 1700. Relation v. dem Buschs 13. Juli 1700. (H. St.)

4) Relation v. dem Buschs 9. Aug. 1700. Eine solche Zusage, bemerkte Rud. Aug., könnte nur „ein Schelm“ getan haben. Wenn Anton Ulrich etwas versprochen hätte, so möchte er sich an ihn halten.

5) Relation v. dem Buschs 25. Aug. 1700.

 

 

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mit einem starken Heere ins Holsteinsche, ohne daß es ihnen gelang, den Feind zu einer Schlacht zu zwingen. Die kühne Landung Karls XII. auf Seeland brachte aber die Entscheidung herbei. 1) Bei den Friedensverhandlungen richtete der unterlegene Gegner all' Sein Bemühen darauf, die hannoversche Kurfrage aus dem Kreis der Beratungen auszuscheiden. Der Fürstenkongreß in Nürnberg nahm sich jetzt Dänemarks an und wandte sich um Unterstützung an Ludwig XIV. Diese Bemühungen erfolgten aber zu spät; Friedrich IV. hatte schon in dem Frieden von Travendahl die Rechte des Herzogs von Holstein anerkennen und den Widerstand gegen die hannoversche Primogenitur und Kurwürde aufgeben müssen. 3) In Hannover und Celle konnte man mit diesem Ergebnis wohl zufrieden sein; denn man hatte einen der erbittertsten Gegner und lautesten Agitatoren, wenn auch nicht völlig zum Schweigen gebracht, so doch empfindlich gedemütigt. Anton Ulrich hatte dabei seinen Verwandten seine Karten vollständig aufgedeckt. Den hannover-cellischen Räten mußte sich aber die Überzeugung aufdrängen, daß sie auch in Zukunft von ihrem rücksichtslosen Feind nur das Schlimmste zu erwarten hatten. Diesmal hatte Rudolf August die Gefahr noch rechtzeitig abgewandt. Zweifelhaft war es jedoch, ob der ältere Regent auch fernerhin seinen Bruder an der Ausführung seiner gefährlichen Pläne zu hindern im stande sein werde. Die bittere Notwendigkeit zwang sie daher, sich immer mehr mit dem Gedanken vertraut zu machen, selbst den wolfenbüttelschen Verwandten gegenüber Gewalt mit Gewalt zu begegnen.

 

Die nächste Zukunft zeigte schon, daß Anton Ulrich das Heft wieder in Händen hatte. Was ihm im Verein mit Dänemark nicht gelungen war, gedachte er nun mit Hilfe Ludwigs XIV. verwirklichen zu können. Die Zeitverhältnisse kamen ihm hierbei außerordentlich zu statten. Am

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1) Havemann III, 359 ff.

2) Relation Plettenbergs Aug. 1700. (M. St.)

3) Havemann III, 359.

 

 

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1. November 1700 trat nämlich das Ereignis ein, dem die ganze zivilisierte Welt mit Spannung entgegensah der Tod Karls II. von Spanien. 1) Die letzten Verfügungen des Herrschers hatten dem Herzog von Anjou den spanischen Thron zuerkannt und die Hoffnungen des Kaisers und der Seemächte zerstört. Die Entscheidung konnten jetzt allein die Waffen bringen. Die weiteren diplomatischen Verhandlungen benutzten beide Parteien lediglich zu dem Zweck, die Vorbereitungen zu dem gewaltigen Ringen zu Ende zu führen. In Norddeutschland schlossen sich Friedrich I. von Preußen und das hannover-cellische Fürstenhaus dem Kaiser an. In Mitteldeutschland waren die hessischen Fürsten und das waldecksche Haus die ergebensten Anhänger Leopolds. Am Rhein unterstützten die Kurfürsten von Trier und von der Pfalz, ferner der Markgraf von Baden-Baden und der Herzog von Württemberg das Reichsoberhaupt. Im September 1701 schloß die „Große Allianz“ den Kaiser und die Seemächte eng zusammen. 2)

 

Aber auch Ludwig XIV. war nicht untätig, vielmehr boten die deutschen Fürstenhöfe den Schauplatz der heftigsten Agitation der zahlreichen französchen Gesandten. Durch die rheinischen geistlichen Kurfürsten, einige nord- und süddeutsche Fürsten und die angesehensten Kreise gedachte man eine Barriere aufrichten zu können, die den Kaiser an Truppensendungen zum Rhein und gemeinsamer Aktion mit den Holländern hindern sollte. 3) Die Wittelbacher kamen vor allem der französischen Krone bei diesen Unterhandlungen entgegen. 4) Kurfürst Joseph Clemens von

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1) Noorden a. a. O. I, 114 ff.

2) Noorden I, 223 ff.

3) „R. d. J.“ VII, 108: „Elle (Sa Maj.) sera contente qu'ils (les princes) prennent leur mesure, de manière que l'Empereur trouve une barrière suffisante au passage des trouppes qu'il voudroit envoyer vers le Rhin; l'association des cercles et l'union des deux electeurs ecclesiastiques produira ce bon effet.“

4) Vergleiche für diesen Abschnitt: Ennen: „Der spanische Erbfolgekrieg und der Kurfürst Joseph Clemens von Köln.“ Jena 1851 52 ff. Noorden a. a. O. I, 125ff.

 

 

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Köln verpflichtete sich Ludwig im Februar 1701. Sein Bruder, Max Emmanuel von Bayern, der zugleich Statthalter der spanischen Niederlande war, lieferte den französischen Truppen die belgischen Festungen aus, schloß dann mit Frankreich ebenfalls ein Neutralitätsbündnis und traf mit Hilfe französischer Subsidien die umfangreichsten Rüstungen. Im Osten und Norden Deutschlands setzten die französischen Staatsmänner auf August II. von Polen-Sachsen und die wolfenbüttelschen Herzöge die größte Hoffnung; denn deren vereinigte Truppenmacht konnte gegebenen Falles Hannover, Preußen und andere kaiserliche Verbündeten in Schach halten. 1) Den Hauptstützpunkt fand Ludwig XIV. indes an Herzog Anton Ulrich, da der polnische König von den nordischen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Die Beziehungen Anton Ulrichs zu Frankreich wurden immer enger, seitdem Imhoff als wolfenbüttelscher Bevollmächtigter am Hofe zu Versailles weilte. Imhoff überreichte Ludwig ein Schreiben des Nürnberger Konventes 2) und stattete ihm auch mündlich den Dank der korrespondierenden Fürsten für die Übernahme der Garantie ihrer Rechte und die „generose Deklaration“ gegen die neunte Kur ab. Zugleich

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1) „R. d. J.“ IV. (Pologne) S. 247. VII. (Bavière etc.) S. 115.

2) Schreiben der fürstlichen Bevollmächtigten zu Nürnberg an Ludwig XIV. 8. Nov. 1700 (W. L.):

Votre Majesté a fait voir en cette occasion à toute la terre, qu'Elle sçait soutenir l'authorité d'un veritable garant, en tenant la main à l'execution exacte des traittés de Westphalie, dont la Conservation inviolable est aussi avantageuse à toute Europe, qu'Elle est necessaire pour maintenir la tranquillité generale, que la Paix de Riswick a restablie et qui seront infalliblement troublés, si l'on continuoit à blesser la forme de Gouvernement de l'Empire, par la pretendue erection du neuvieme Electorat, qui n'est nullement necessaire, ny en aucune façon utile, comme Votre Majesté la fait remarquer dans la declaration publiée dans toutes les Cours d'Allemagne sur ce sujet. Les Princes, nos Maitres, Sire, sont infinement redevables à Votre Majesté de ces marques evidentes de son affection et de sa generosité ordinaire envers ceux, qui ont recours à Elle, ainsi Ils nous ont ordonné tres expressement d'en rendre leurs très humbles actions de grace à Votre Majesté et de l'assurer, qu'ils n'oubliront jamais des bienfaits si considerables, dont Elle vient de les combler . . . . „

 

 

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ersuchte er die französische Regierung nochmals, den Kurfürsten von Hannover zur Niederlegung seiner Würde zu nötigen und fügte seitens der wolfenbüttelschen Herzöge die Bitte bei, falls Hannover sich mit den Waffen bei der Kurwürde behaupten wolle, „den beleidigten und alsdann zur wirklichen Defension gedrängten Reichsfürsten“ mit zureichender Macht beizustehen. 1) Der Hauptauftrag aber, den Imhoff von seinen Herren hatte, betraf die Erneuerung der früheren Allianz. Es kam dem wolfenbüttelschen Hof dabei vornehmlich auf eine Erhöhung der französischen Subsidien an, um die weiteren Kriegsrüstungen ausführen zu können. Eine starke Armatur Wolfenbüttels aber war auch für Frankreich von vitalster Bedeutung. Daher gelang es dem gewandten wolfenbüttelschen Gesandten, schon Anfang März die Verhandlungen glücklich zum Abschlusse zu bringen. 2) Wolfenbüttel verpflichtete sich für zehn Jahre zu strikter Neutralität, Ludwig XIV. aber zu einer jährlichen Subsidienzahlung von 240000 Talern, die die wolfenbüttelschen Herzöge in stand setzen sollten, 8000 Mann auf den Beinen zu halten. Über die Verwendung dieser Truppen wollten beide Teile gemeinsam entscheiden, wenn ihre Bemühungen, den Frieden zu erhalten, vergebens sein würden oder die wolfenb. Herzöge sie zu ihrer eigenen Verteidigung nötig hätten. Der französische König wollte sich ferner als nunmehriger Garant des Hildesheimer Vertrages 3) der jüngeren hannoverscherschen Prinzen in jeder Weise annehmen. Sollten diese aber auf ihre Rechte verzichten, so wollte Ludwig die Ansprüche Wolfenbüttels nach Prüfung ihrer Berechtigung sekundieren. Auch stellte er den Beitritt des Königs von Spanien zu diesem Abkommen und dessen öffentliche Erklärung gegen die hannoversche Kur in Aussicht.

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1) Instructio particularis (ohne Dat. und Unterzeichnung) wahrsch. von Ant. Ulrich allein gegeben. (W. L.)

2) Hauptrezeß 4. März 1701 (W. L.) Sekretartikel 4. März 1701. (W. L. Absch.)

3) S. S. 1.

 

 

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Im Dienste Frankreichs spannte Anton Ulrich nun alle seine Kräfte an. Dänemark und Polen für die Neutralitätspartei zu gewinnen, hielt er für seine nächste Aufgabe, da Ludwig XIV. hiervon weitere Maßnahmen gegen die hannoversche Kur abhängig gemacht hatte. 1) In einem Handschreiben setzte er daher Friedrich IV. von Dänemark von den mit Frankreich getroffenen Abmachungen in Kenntnis und bat ihn, sich der bewaffneten Neutralität anzuschließen und auch in Zukunft die Fürstenrechte zu verteidigen. 2) Dann schickte Anton Ulrich den Geheimen Rat Hertel nach Kopenhagen, die Verhandlungen an Ort und Stelle weiterzuführen. Dieser gewiegte Diplomat konnte aber mit den dänischen Staatsmännern keine Verständigung erzielen. 3) Hertel suchte dann mit demselben Eifer die schon früher angeknüpften Unterhandlungen mit Polen-Sachsen zu Ende zu bringen. Seine Bemühungen schienen hier bessere Aussicht auf Erfolg zu haben, da ihm der französische Gesandte du Heron hilfreich zur Seite stand. 4)

 

Inzwischen waren auch beim deutschen Fürstenstand französische Agenten eifrig an der Arbeit. Sie stellten den Fürsten reiche Subsidien in Aussicht und suchten sie für den Vorschlag zu gewinnen, mit Gewalt die Anhänger des

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1) Siehe S. 88.

2) Ant. Ulrich an Dänemark 30. April 1701. (W. L. Ccpt.) „Ich halte mich für schuldig,“ so schrieb Ant. Ulrich, „Ew. Königl. Maj. nicht nur vertraulich zu entdecken, das mit Ih. König. Mayst. von Frankreich, meines bruders Ld. und ich numehr eine auf die maintenue des Teutschen friedens und derobehuef bey der Hispanischen Successionssache zu haltenden exacten neutralité eingerichtete alliance geschloßen, vermöge deren wir zu jetzt gewoltem Zweck ein Corps von 8000 Man würklich auf den Beinen halten, undt zu verpflegung deshalb einigen Zuschuß zu empfangen haben, sondern auch deroselben die nachricht zu geben, wie ich bei letzter Pariser post versichert worden, das man am Königl. Hofe daselbst jetzo mehr alß jemahlen verlange den mit Ew. Königl. May. angefangenen tractat ohnverzüglich zu schließen.“

3) Korrespondenz Anton Ulrichs mit Hertel April--Juli 1701. (W. L.)

4) Sendung Hertels nach Warschau 1700/1701. Relationen Lüdeckes März--Nov. 1701. (W. L.); „R. d. J.“ IV. (Pologne) S. 247. Korrespondenz Ant. Ulrichs mit du Heron April--Aug. 1701. (W. L.)

 

 

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Kaisers zu strikter Neutralität zu zwingen. Natürlich betonten sie dabei, man werde nur im äußersten Notfalle mit den Waffen einschreiten, wenn alle friedlichen Bemühungen vergeblich seien. 1) So geschickt die französischen Diplomaten auch zu Werke gingen, einen so beredten Anwalt sie auch an Herzog Anton Ulrich hatten, großen Erfolg erzielten sie mit ihren Vorschlägen nicht. Selbst die früheren ergebensten Anhänger Frankreichs lehnten die Anträge ab: der Bischof von Münster wagte nicht aus Furcht vor dem nachbarten Holland, sich Ludwig XIV. anzuschließen, 2) während der König von Dänemark gegen Überlassung des Elbzolles zur kaiserlichen Partei trat. 3) Nur der Anton Ulrich befreundete Herzog von Sachsen-Gotha verpflichtete sich für strikte Neutralität und empfing von Frankreich als Lohn hierfür versprochenen Unterstützungsgelder. 4)

 

Die französischen Staatsmänner glaubten indes noch auf eine Verstärkung der Neutralitätspartei rechnen zu dürfen, da ihnen die schon im März in Frankfurt wiederaufgenommenen Konferenzen der fürstlichen Gesandten die beste Gelegenheit zu erneuter Propaganda boten. 5) Die Zahl der Teilnehmer an dem Konvent blieb aber anfänglich wiederum so gering, daß man glaubte, „mit Schimpf und Schande unverrichteter Sache“ auseinandergehen zu müssen. Wie bei früheren Gelegenheiten stellten sich jedoch die übrigen Gesandten nach und nach ein. Auch ein Bevollmächtigter Ludwigs XIV. erschien in Frankfurt und überreichte dem Kongreß sein Kreditiv, das die Eingeweihten vor dem hessen-kasselschen, dem badischen und anderen Vertretern

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1) Projekt an Dänemark, Gotha und Münster (ohne Datum. W. L. Absch. „Neunte Kur“ 35.)

2) Sonderprojekt an Münster (W. L.) „R. d. J.“: VII. Bavière etc.) S. 115.

3) Havemann III, 360 ff.

4) Siehe die Belege S. 105.

5) Für den zweiten Frankfurter Kongreß haben mir die Relationen des münsterschen Gesandt. Plettenberg (M. St.: M. L. A. 126) und des wolfenb. Gesandt. Lüdecke (W. L.: „Neunte Kur“ 32) vorgelegen.

 

 

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kaiserlich gesinnter Fürsten verbargen. 1) Der Wiener Hof hatte diesmal rechtzeitig den Reichshofrat Graf Binder nach Frankfurt entsandt. Dieser legte den Kongreßmitgliedern mit Freimut dar, dem Kaiser sei wohl bekannt, welche Pläne die Anhänger Frankreichs zu verwirklichen gedächten. Nachdrücklich betonte er dann, das Reichsoberhaupt wolle nach wie vor ohne eine vorherige Verständigung mit dem Fürstenkollegium die Introduktion Hannovers nicht vollziehen und der Opposition gern jede tunliche Genugtuung geben. Er sei daher bereit, die näheren Vorschläge der Fürsten entgegenzunehmen, falls ihnen die seitens des Kurfürsten von Mainz unterbreiteten nicht genügten. Binder ermahnte zum Schluß die fürstlichen Gesandten, ihre Beratungen in Regensburg fortzusetzen, da die separaten Zusammenkünfte „die Gemüter mehr alienirten und zwischen Kurfürsten und Fürsten Mißtrauen erweckten.“ 2) Dem Reichshofrat kam es sehr zu statten, daß der Vertreter des Markgrafen von Baden-Baden, der bei allen anderen Konventen eine so hervorragende Rolle gespielt hatte, seine Bemühungen unterstützte und versicherte, der Kaiser beabsichtige nicht, wegen der Requisition des Auslandes und des bisherigen Vorgehens der Fürsten Gewalt anzuwenden; zugleich machte der Gesandte nicht mißzuverstehende Anspielungen auf „privat emolumenta“ einiger Fürsten, die die Wohlfahrt und Ruhe des Reiches bedrohten.

 

Unter dem Druck aller dieser Vorstellungen traten selbst der wolfenbüttelsche und der würzburgische Gesandte für eine Verweisung der Kongreßberatungen nach Regensburg ein 3) Diesem Antrage widersetzten sich der französische

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1) Relation Plettenbergs 5. Mai (M. St.); Creditiv Obrechts 21. April 1701. (M. St. Absch.)

2) Beilage 1 der Relation Plettenbergs 2. Juni 1701.

3) Schon früher waren der wolfenbüttelsche, würzburgische und münstersche Gesandte zu der Überzeugung gekommen, daß selbst bei einer Beratung in den Reichskollegien noch sichere Aussicht vorhanden sei, das Kurwerk zu vernichten. Sie hofften nämlich, die Kurfrage als eine reine Religionsangelegenheit zu behandeln und dann die „amicabilis compositio“ leicht unmöglich machen zu können. Dem münst. Bevollmächtigten mochten nun doch wohl Bedenken gegen diesen Plan aufsteigen. (Relat. Plettenbergs 12./5., desgl. Lüdeckes 4./6., 8./6., 11.6. 1701.)

 

 

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und der münstersche Bevollmächtigte mit aller Macht. In Regensburg werde man die Opposition bald „einschläfern“ und trennen, alsdann versuchen, ohne zulängliche Genugtuung an den Reichsfürstenstand einen Majoritätsbeschluß durchzusetzen. 1) Mit dieser Ansicht drangen sie jedoch nicht durch. Die Mehrheit des Konventes ging schließlich 2) auf die kaiserlichen Wünsche ein und entschloß sich, die Antwort des Reichsoberhauptes in Frankfurt entgegenzunehmen. 3) Diese wurde den Opponenten eher zu teil, als man sonst gewohnt war; denn dem Kaiser mußte eine Auflösung des Konventes je eher, desto lieber sein. 4) Von neuem beteuerte Leopold I. seine Geneigtheit, die opponierenden Fürsten zufrieden zu stellen und verwies sie wiederum auf die mainzischen Vermittlungsvorschläge. Eine Entscheidung hierüber stand indes den Gesandten nicht zu. Sie verließen daher Frankfurt, um ihren Herren Bericht zu erstatten und ihnen die weiteren Schritte zu überlassen.

 

Obschon so die französische Partei auf dem Frankfurter Konvent Fiasko erlitten hatte, blieben Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha nichtsdestoweniger der französischen Krone treue Bundesgenossen. Herzog Anton Ulrichs Eifer für die Interessen Ludwigs XIV. wurde durch die jüngsten Erfolge des hannoverschen Fürstenhauses noch mehr angestachelt: Kurfürst Georg Ludwig war es nämlich gelungen, seine jüngeren Brüder mit den durch das Primogeniturgesetz geschaffenen Verhältnissen auszusöhnen. Mit welchem Neid

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1) Instruktion an Plettenberg 10. Juni 1701.

2) Die Antwort, die Binder zuerst zugestellt wurde, enthielt nur die zum Überfluß bekannten Beschwerden des Fürstenstandes ohne eine nähere Erklärung, ob man auf die Vorschläge von Kurmainz eingehen und alles weitere auf dem Reichskonvent erledigen wolle. Graf Binder weigerte sich daher, diese Erklärung anzunehmen und bat um eine kürzere Angabe ihrer eigentlichen Wünsche.

3) Relation Plettenbergs 23. Juni.

4) Kais. Resolution 8. Aug. 1701. (W. L.)

 

 

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mußte es aber Anton Ulrich erfüllen, als der jüngeren Linie des Welfenhauses nun sogar die Nachfolge auf dem englischen Königsthron gesichert wurde! 1) Je länger er wartete, desto weniger konnte er sich der steigenden Macht seiner Verwandten erwehren. Frankreich allein aber konnte ihm behilflich sein, seine mit der kaiserlichen Partei verbündeten Verwandten noch zu demütigen. Anton Ulrich war deshalb darauf bedacht, Ludwig XIV. einen sicheren Beweis seiner Ergebenheit zu bieten und schickte zu diesem Zwecke seinen ältesten Sohn zum VerSailler Hofe. 2) Im Juli sowohl, wie im November wurde dann das Bündnis Wolfenbüttels mit Frankreich auf weitere zehn Jahre erneuert. 3)

 

Eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte Anton Ulrich nun, alles für den Entscheidungskampf in gehöriger Bereitschaft zu haben. 4) Fleißig wurden die wolfenbüttelschen Truppen einexerziert, die Landmilizen zu Übungen herangezogen, die Festungsanlagen besichtigt, schadhafte Stellen ausgebessert und die alten Landwehren wiederhergestellt; den Einwohnern von Wolfenbüttel befahl man sogar, sich mit einem Proviant für wenigstens drei Monate zu versehen. Wohl erwog man anfangs im wolfenbüttelschen Geheimen Rat, einen deutschen General an die Spitze der Truppen zu stellen; jedoch nahm diesen verantwortungsvollen Posten bald ein Franzose, der

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1) „Ursachen warumb das Haus Braunschweig-Lüneburg Cellischer Linie gegen die vom Hause Braunschweig-Lüneburg Wolf.-Linie vorgenommene ungemeine Armatur seine Sicherheit zu beobachten und dem von solcher Armatur antrohendem Unheil vorzubauen gemüssigt wurden.“ Eine Gegenschrift Wolfenbüttels lautete: „Fürstlich Braunschweig-Wolf Widerlegung der Ursachen . . .“ (H. St.)

2) Ein Schreiben ohne nähere Adresse 21. März 1701 (W. L. Ccpt.); Relationen v. dem Buschs 24. Jan., 5. April 1701: In Hannover verlautete auch, Anton Ulrich sei willens gewesen, durch den Erbprinzen dem Herzog von Anjou zu seiner Erhebung zum spanischen Königsthron zu gratulieren, wenn man ihn offiziell hiervon in Kenntnis gesetzt hätte.

3) Allianzen vom 22. Juli und 3. November 1701. (W. L.)

4) Conclusum in Consilio 16. Aug. 1701 (W. L.), an dem außer den Räten Anton Ulrich, der wolf. Erbprinz und der Herzog von Holstein-Ploen teilnahmen.

 

 

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Offizie

 

Marquis d'Usson, ein. Offiziell führte dieser zwar nicht das Kommando, da Rudolf August sich dem entgegengestellt hatte, vielmehr weilte er als französischer Geschäftsträger in Wolfenbüttel. Tatsächlich inspizierte d'Usson die Befestigungen und Truppen in Braunschweig und Gotha, zog sorgfältige Nachrichten über die strategische Lage und Eigentümlichkeiten der Lande ein und traf die letzten Rüstungen. 1)

 

Rudolf August ahnte nicht, welches gefährliche Unternehmen sein Bruder im Bunde mit Frankreich plante. Es gelang sogar der französischen Clique an seinem Hofe, ihn zu der Erklärung zu überreden, alle in seiner Abwesenheit vom Geheimen Rat gefaßten Beschlüsse gutzuheißen. Nun glaubte Anton Ulrich, keinen lästigen Einspruch seines Bruders in der entscheidenden Stunde mehr fürchten zu brauchen 2) und suchte sich mit seinen Bundesgenossen über den eigentlichen Operationsplan zu einigen.

 

Den französischen Staatsmännern mußte der Gedanke nahe liegen, eine Verständigung zwischen der nord- und süddeutschen Neutralitätspartei herbeizuführen und durch eine gemeinsame Aktion der Verbündeten den Kampf einzuleiten. Im Anfang des Jahres 1700 hatten sie der Tat einen ausführlichen Kriegsplan hierzu entworfen.

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1) Hannover: „Ursachen warumb . . . „Relationen v. dem Buschs Okt. 1701. (H. St.)

2) Lettre du Roy à Msr. le Marquis d'Usson 24. Nov. 1701. (W. L. Absch.)

Jay receu vos lettres du premier et du 8. de ce mois; la premiere confirme ce que je remarque depuis la Paix de Ryswijck des bonnes intentions du Duc Antoine Ulrick. Je n'ay jamais le mesme fonds sur le Duc Rodolphe Auguste, mais j'ay lieu de croire que sa facilite à changer de sentiment ne pourra nuire au bien des affaires depuis la deliberation qu'il a signée de souscrire desormais a tout ce qui seroit arreté dans le Conseil, quand il n'y auroit pas assisté. Vous marques, que le Chancelier de Wolf. à contribute à luy faire signer cette deliberation et comme le Duc Antoine Ulrick croit, qu'il est bon et pour le bien des affaires, et meme pour es propres interets d'attacher encor d'avantage le Chancelier par une pension de 3000 livres, je veux bien l'accorder. Le Sr. Imhoff en avoit deja parlé. Vous luy direz que je les ferey payer avec les subsides.“

 

 

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10000 Mann wolfenbüttelscher Infanterie mit einem Zug Artillerie sollten durch Grubenhagen, über den Harz ziehen und sich in den Ebenen zwischen diesem Gebirge und dem Thüringer Wald mit der sachsen-gothaschen Streitmacht vereinigen. Die Festungen Braunschweig und Wolfenbüttel würden wohl im stande sein, sich mit 2000 Mann regulärer Truppen und der Miliz gegen einen vereinten Angriff von Hannover-Celle und Brandenburg zu halten. Sollten die kaiserlichen Verbündeten aber alle Truppen zu einem Angriffe auf die wolfenbüttel-gothasche Hauptmacht zusammenziehen, so sollte letztere durch bayrischen Zuzug bis auf 35000 Mann verstärkt werden. Von Dänemark habe man nichts zu befürchten, während Brandenburg von Schweden in Schach gehalten werde. 1)

 

So verlockend und leicht auszuführen dieser Operationsplan schien, so basierte er doch auf einem genauen und zuverlässigen Zusammenarbeiten der Verbündeten. Die großen Schwierigkeiten einer tatkräftigen Unterstützung von Bayern aus erregten aber in Wolfenbüttel und Gotha Bedenken. Auch war man im Osten gegen etwaige Bedrohungen von Polen-Sachsen noch nicht gesichert. Last not least mochten die eigenen Streitkräfte im März 1701 zu einem solchen Unternehmen noch nicht ausreichend erscheinen. Im Dezember desselben Jahres waren Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha ebenfalls noch gegen eine Kooperation mit dem Kurfürsten von Bayern. Auf einer Konferenz zu Volkerode tauschten der gothasche Generalleutnant v. Wartensleben und Geheime Rat v. Aremann mit dem wolfenb. Bevollmächtigten Lüdecke ihre Gedanken hierüber aus. 2) Durch ein Bündnis mit Bayern eine direkte Vereinigung der bayrischen Streitkräfte mit den ihrigen festzusetzen, hielten sie nach wie vor für bedenklich und wegen der weiten Entfernung der Lande von geringem Wert. Vorteilhaft erschien

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1) W. L. („Neunte Kur“ 35) „Memoire sur ce qui se peut faire en Allemagne en cas de ruptur (Diesem Schriftstück hat Imhoff selbst die Bemerkung beigefügt: „Projet de France qu'on a refuse entierement.“

2) Actum Volkerode 10. Dez. 1701. (W. L.)

 

 

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ihnen jedoch eine nähere Vereinbarung mit dem bayrischen Kurfürsten inbetreff der Neutralität und der demnächstigen Beratungen zu Regensburg über die Teilnahme des Reiches am spanischen Erbfolgekriege. 1)

 

Die Unterhandlungen, die nun Imhoff mit dem bayrischen Gesandten in Paris, Graf Monasterol, eröffnete, gingen über die Verabredungen der Volkerodschen Konferenz nicht hinaus. In dem Vertrage vom Januar 1702, 2) der solange dauern ollte, bis die Ruhe im Reich völlig gesichert sei, versprachen sich Bayern und Wolfenbüttel gegenseitige Hilfe; von einer direkten gemeinsamen Aktion aber war keine Rede. 3) Sie wollten indes den Reichsständen die ernste Gefahr und die Folgen des Krieges schildern und sie von einer Teilnahme daran abhalten. Alles Interesse der Verbündeten konzentrierte sich nun auf die Unterhandlungen mit Polen. Du Herons und Hertels Bemühungen in Warschau aber führten nicht zum Ziel, 4) ebensowenig waren die Konferenzen des französischen Hofes mit dem polnischen Gesandten Jordan in Paris erfolgreich. Am 16. Januar 1702 schloß sich August II. von Polen-Sachsen dem Kaiser an. 5)

 

Durch den Beitritt Polens zur kaiserlichen Partei hatte sich die Lage zu Ungunsten der französischen Anhänger im Reiche verschoben. An einer Kriegserklärung des Reiches war nicht mehr zu zweifeln, vor allem aber hatten Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha jetzt einen gefährlichen Gegner im Rücken. In Wolfenbüttel befürchtete man auch, daß nunmehr

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1) Zu einer Kriegserklärung des Reiches Sei ihrer Meinung nach keine „ratio necessitatis, utilitatis vel iustitiae et honestatis“ vorhanden.

2) 13. Januar 1702. (W. L. Absch.)

3) „on s'engage reciproquement de tenir un corps de trouppes suffisant tousjours pret pour l'assistance mutuelle.“ (§ 2.)

promettant d'ailleurs de se procurer reci quement tout le bien possible et detourner le mal les uns des autres . . .“ (§ 6.)

4) Anton Ulrich hatte den polnischen König besonders noch darauf hingewiesen, er sei zur kräftigen Hilfeleistung stets bereit und werde die in seinem Vertrage mit Frankreich festgesetzte Truppenmacht auf Befehl sofort ausrücken lassen. (Anton Ulrich an den König von Polen 30. Juni 1701. (W. L. Ccpt.)

5) „R. d. J.“ IV. (Pologne) S. 265.

 

 

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die kaiserliche Partei schon vor der eigentlichen Kriegserklärung des Reiches die Anhänger Frankreichs mit Gewalt zur Aufgabe der Neutralität zwingen würde. Imhoff wurde daher angewiesen, 1) dem französischen Hofe die Frage vorzulegen, wie Bayern, Gotha und Wolfenbüttel unter diesen Umständen neutral bleiben und sich behaupten könnten. Zugleich sollte der Gesandte hinzufügen, ihr Entschluß sei, gestützt auf französische Subsidien auch fernerhin treu zu Frankreich zu halten, selbst wenn sie dem Reich das schuldige Truppenkontingent zu stellen gezwungen würden.

 

Der Marquis de Torcy der französische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, dem Imhoff die Sachlage auseinanderlegte, 2) war indes guten Mutes und hoffte noch, Polen gewinnen zu können. Er war auch bereit, die wolfenbüttelschen Truppen auf 20000 Mann zu verstärken, damit die Herzöge auch nach der Kriegserklärung die Neutralität wahren könnten. Frankreich rechnete dabei auf ein einmütiges Zusammenarbeiten seiner Verbündeten und wollte Bayern beständig mahnen, Wolfenbüttel in der Not zu Hilfe zu kommen. Falls Polen sich gegen Sachsen-Gotha wenden würde, sollte Max Emanuel Truppen gegen die obersächsische Grenze marschieren lassen. Die wolfenbüttelschen Herzöge sollten hauptsächlich ihre Aufmerksamkeit auf die hannover-cellischen Truppen richten, da Preußen durch Schweden in Anspruch genommen werde. Französische Truppen aber sollten den Gegner am Ober- und Unterrhein bedrängen und bei den Operationen die Verbündeten Ludwigs XIV. im Auge behalten.

 

Hiermit gab sich Anton Ulrich jedoch nicht zufrieden; er beabsichtigte vielmehr, Frankreich zu einer sofortigen Diversion vom Niederrhein zum Schutz seiner Verbündeten zu veranlassen. Französische Hilfstruppen sollten durch das Kölnische, Westfälische zum Hildesheimschen heranrücken während er durch die Besetzung von Goslar, Osterode und

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1) Instr. Imhoffs 21. Febr. 1702. (W. L. Absch.)

2) Relat. Imhoffs 7. März 1702. (W. L.)

 

 

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Duderstadt die Verbindungslinie zwischen dem französischen Hauptheer und der wolfenbüttel-gothaschen Truppenmacht offen halten wollte .Gemeinsam wollte man dann den Kampf gegen die kaiserlichen Verbündeten, vornehmlich Hannover-Celle. aufnehmen. -- -- -- --

 

Die hannover-cellischen Räte waren von dem Vorhaben des Führers der Opposition wohl unterrichtet. Man muß ihnen zugestehen, daß sie es an gütlichen Versuchen, die von Anton Ulrich im Verein mit Frankreich drohende Gefahr zu beseitigen, nicht haben fehlen lassen. Schon seit den Vereinbarungen Wolfenbüttels mit Frankreich im Sept. 1698 hatten sie beständig versucht, Rudolf August über die wahren Absichten seines Bruders aufzuklären. Der Berghauptmann von dem Busch hatte sich wiederum mit Geschick dieser Aufgabe unterzogen, wobei ihm der wolfenbüttelsche Hofrat Seidensticker und der Intendant Lautenbach, ferner die Gemahlin Rudolf Augusts, „Madame Rudolphine“, zur Seite standen. 1) Vergebens aber wies der hannoversche Abgesandte den älteren Regenten auf die geheimen Abmachungen und Subsidienverträge Anton Ulrichs mit Ludwig XIV. hin. Rudolf August brach in Klagen über sein Los aus, blieb aber dabei, daß ihre Bündnisse unverfänglich seien. Allmählich regte sich doch sein Verdacht gegen den Kanzler Wendhausen. Er stellte diesen zur Rede und forderte von ihm Aufklärung. Der Kanzler beteuerte indes mit beredten Worten, daß Sie keine Subsidien von Frankreich bezögen, wenigstens ihm hiervon nichts bekannt sei. In gleicher Weise hielt der französische Gesandte mit der Wahrheit zurück und bemühte sich, das Mißtrauen Rudolf Augusts zu zerstreuen, indem er ihn daran erinnerte, daß sein königlicher Herr von etwaigen Subsidien an Anton Ulrich keinen Nutzen habe und deshalb nicht so töricht sein werde, für nichts und wieder nichts Gelder an ihn auszuzahlen. Diese Worte beruhigten Rudolf August wieder,

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1) Manualakten des Berghauptmanns von dem Busch 1698 bis 1702. (H. St.)

 

 

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als bald nachher der kaiserliche Hofkriegsrat von Rappach ihn ernstlich warnte, nahm er seinen Bruder entschieden in Schutz und sprach die Hoffnung aus, Kaiser Leopold möge mehr auf die von Anton Ulrich und ihm so oft bewiesene Ergebenheit zu Kaiser und Reich sehen, als „allerhand widrigen traductiones“ Gehör schenken. 1)

 

Man hätte aber meinen sollen, daß die Aufdeckung der gefährlichen Machinationen Anton Ulrichs mit Dänemark im August 1700 2) Rudolf August veranlaßt hätte, nun auch auf die Beziehungen seines Bruders zur französischen Krone ein schärferes Auge zu halten und seinen Umtrieben ein für allemal ein Ende zu machen. Weit gefehlt! Dem schwachen Regenten gebrach es dazu völlig an Einsicht und Kraft. Man kann es ihm zwar nicht verübeln, daß auch er für eine Requisition Frankreichs zum Schutz der Fürstenrechte war; einen Tadel jedoch kann man ihm nicht ersparen, daß er bei den überzeugendsten Beweisen und den eindringlichsten Worten von dem Buschs, 3) sich nicht zu einer energischen Untersuchung der schweren Verdächtigungen seines Bruders aufraffte, sondern sich immer mehr in die Intriguen der französischen Partei an seinem Hofe verstricken ließ.

 

Aber nicht nur die ernsten Vorhaltungen seiner eigenen Verwandten, sondern auch die anderer Fürsten verfehlten jeglichen Eindruck auf Rudolf August. So ermahnte ihn Wilhelm III. von England, sich offen dem Vorhaben Anton Ulrichs zu widersetzen, das er unmöglich billigen und das

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1) Relat. v. d. Buschs 31. Aug. 1699.

2) Siehe S. 92 ff.

3) Instr. an v. d. Busch 24. Jan. 1701. „In Summa, wenn H. Anth. Ulrich ein französ. Minister oder Vasal were, so würde er nicht mit mehrem fleiß und Eyfer sich angelegen seyn lassen können, Frankreich zum Meister und Oberherrn in Teutschland zu machen, alß er thäte.“ v. d. Busch sollte ferner vorstellen: „Wie die Teutsche Freyheit, die Evangel. Religion, das gewissen eines Ihrer Kayserlichen Maj. und dem Reich mit pflichten verwandten Fürsten, und die allgemein auch Unseres Gesambt Hauses besondere Wollfahrt bey dergleichen würde bestehen können, auch wie es um die Reichsfürsten stehen würde, wan Frankreich das dominium über gantz Europa erlangen sollte.“

 

 

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so traurige Folgen nach sich ziehen könne. Er allein sei noch im Stande, die so verhängnisvollen Verbindungen seines Bruders zu lösen und das daraus entstehende Unheil von seinem Fürstenhause abzuwenden. 1) Diese Worte des großen Oraniers richteten ebensowenig aus, wie die Bemühungen Friedrichs I. von Preußen. 2)

 

Unter diesen Umständen konnten nur noch die Waffen die Entscheidung bringen. In Hannover und Celle hatte man bei der Aussichtslosigkeit eines Eingreifens Rudolf Augusts schon seit Monaten den Plan erwogen, den unversöhnlichen Gegner mit Gewalt unschädlich zu machen. Schon im März 1700 schlug Celle energische Maßnahmen mit Hilfe des Kaisers gegen Wolfenbüttel vor. Die hannoverschen Räte hielten indes die Zeit noch nicht für gekommen. 3) Der verwegene Anschlag Anton Ulrichs im August 1700 mußte die letzten Bedenken der leitenden Kreise in Hannover gegen ein bewaffnetes Einschreiten zerstreuen. Man wartete jetzt nur mit Ungeduld auf eine günstige Gelegenheit, den vernichtenden Schlag gegen Anton Ulrich auszuführen. Im Juli 1700 kamen die hannoverschen und cellischen Räte überein, die wolfenbüttelsche Kavallerie aufzuheben und die Verwandten zu zwingen, einige Regimenter in den Dienst des Kaisers zu stellen.Vorerst wollten Sie jedoch hierzu die Zustimmung des Kaisers und des englischen Königs einholen. 4) Im Februar 1702 waren die letzten Vorbereitungen getroffen. Von großem Nutzen war es für Hannover, daß man den Herzog von Holstein-Ploen, den Schwiegersohn Rudolf Augusts, für den Plan gewonnen hatte. Dieser wurde von Kaiser Leopold zum kaiserlichen Kommissar ernannt und mit Mandaten gegen die wolfenbüttelschen Herzöge versehen. 5)

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1) Schreiben vom 20. Dez. 1701. (W. L.)

2) Havemann III, 371.

3) Konferenzprotokoll 10. März 1701. (H. St.)

4) Konferenzprotokoll 2. Juli 1701. (H. St.)

5) Kaiserliche Mandate vom 8. Febr. 1702. (W. L.)

 

 

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Mitte März 1) begab sich dann der Herzog von Holstein-Ploen nach Braunschweig, teilte Rudolf August die kaiserlichen Befehle mit und forderte ihn auf, seinen Bruder von der Regierung auszuschließen. Anfangs war Rudolf August hierzu bereit, jedoch brachten ihn die Vertrauten Anton Ulrichs bald wieder von diesem Entschlusse ab. Auch die drohenden Worte des englischen Gesandten Cresset blieben wirkungslos. Der Augenblick zum Einschreiten war nun für die hannover-cellischen Staatsmänner gekommen. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 1702 brachen cellische Truppen von ihren angrenzenden Gebieten und hannoversche Regimenter von der Weser und dem Grubenhagschen aus in die wolfenbüttelschen Lande ein. Die zerstreut liegenden Truppen wurden mit geringer Mühe aufgehoben, Peine und Goslar besetzt, sowie Braunschweig und Wolfenbüttel eingeschlossen. Nirgends fand man Widerstand, denn der Gegner war vollständig überrumpelt worden.

 

Während dieser Vorgänge weilte Anton Ulrich in heiterer Tafelrunde in Wolfenbüttel. 2) Auf das Gerücht von dem

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1) Für diesen Abschnitt habe ich folgende Quellen benutzt: „Unmaßgeblicher Aufsatz fürstlichen Holstein-Ploenschen Schreibens an Kaiserl. Majestät“ (H. St. Ccpt.) Daß der Bericht des kaiserl. Kommissars von den hannoverschen Staatsmännern entworfen wurde, zeigt, wie sehr der Herzog auf der Seite der jüngeren Welfenlinie stand. In dem Aufsatz selbst wird die Sache so dargestellt, als wenn dieser von dem Vorhaben Hannovers und Celles nichts gewußt habe. Man habe wolf. Lande besetzt, um den Verhandlungen des kaiserl. Bevollmächtigten größeren Nachdruck zu geben. Ferner Bericht des Überfalles von einem ungenannten Autor 30. März 1702 (W. L.) der die Vorgänge mit scharfen Ausfällen gegen Hannover und Celle schildert. Vergleiche auch: Havemann III, 373 ff.

2) Wie sehr Anton Ulrich überrascht wurde, ersehen wir aus einem Briefe, den er Du Heron zwei Tage vorher sandte (17. März 1702 W. St.): Der Wiener Hof scheine mit seinen Verhandlungen mit Polen doch noch auf Schwierigkeiten zu stoßen; ferner verlaute, daß Polen nicht für den Krieg stimmen werde. Vorgestern Abend habe der Herzog von Ploen in Begleitung Cressets seinen Bruder bearbeitet. Er und d'Usson hätten mit Ploen deswegen Rücksprache genommen, der, wie es scheine, des Franzosen Anerbietungen nicht verworfen habe. Als Cresset mit einem Briefe an seinen Bruder gekommen sei, habe er erklärt, daß er sich nicht verraten lasse. Hoffentlich würden die Versuche bei Rudolf August nicht gelingen. (Gekürzt.)

 

 

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Überfall begab er sich in höchster Eile nach Braunschweig. Auf dem Wege dorthin traf er einen hannoverschen Trompeter, der dem cellischen Oberst ein Schreiben des englischen Gesandten Cresset bringen sollte, worin dieser gebeten wurde, den jüngeren Herzog, da Rudolf August gewonnen sei, festzunehmen und durch Einschüchterung zum Frieden zu zwingen; denn Anton Ulrich könne nur noch Hilfe vom „Empire de la lune“ erwarten. Mit Mühe entging Anton Ulrich der Gefangennahme. Als er Braunschweig erreichte, mußte der englische Bevollmächtigte sofort die Stadt verlassen. Hier hatte inzwischen der Herzog von Holstein-Ploen das an die wolfenbüttelschen Untertanen gerichtete kaiserliche Mandat veröffentlicht, in dem diese aufgefordert wurden, Anton Ulrich keine Teilnahme an der Regierung mehr zu gestatten. 1) Rudolf August dachte nicht an einen ernsthaften Widerstand und hatte die Ordre gegeben, nichts gegen den Feind zu unternehmen. Anton Ulrich aber wollte sich bis zum Äußersten verteidigen. Auch der Marquis d'Usson drang mit Ungestüm darauf, die Ruhestörer von den Wällen mit Kugeln zu empfangen. Selbst in der braunschweigischen Bürgerschaft wurden Stimmen laut, den Kampf mit dem Feinde aufzunehmen. Rudolf August wollte von all' dem nichts wissen, und grollend mußte sich Anton Ulrich schicken. 2)

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1) Da der Kommissar indes einen Aufstand und arge Mißhandlungen befürchtete, so ließ er es dabei bewenden, daß das Mandat den Geh. Räten, der Miliz und Landschaft übergeben wurde, deren Deputierte aber es Rud. Aug., ohne den kais. Befehl gelesen zu haben, wieder einhändigten. (Bericht des Überfalles . . . .)

2) Die Darstellung des ungenannten Autors, die beiden Brüder seien „nie einiger als jetzo miteinander gewesen“, und hätten sich entschlossen „bis auf den letzten Blutstropffen beyeinander zu halten“, kann keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben. Gewiß ist nur, daß die Herzöge beim Kaiser gemeinsam gegen das Verfahren des Gegners protestierten (Beschwörungsschreiben an den Kaiser 20. März 1702. W. L. Ccpt.)

 

 

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Man kann sich lebhaft vorstellen, in welchem Gemütszustande der leidenschaftliche Herzog war. Unter dem überwältigenden Eindruck seines Unglücks mochte er für den Augenblick geneigt sein, ohne weiteres die Flinte ins Korn zu werfen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Doch bald faßte er sich wieder und schaute der Sache ruhiger und kühler ins Antlitz. Noch war ja nicht alles verloren, noch konnte ihn Ludwig XIV. und die übrigen Verbündeten aus der mißlichen Lage befreien. Sein regsamer Geist hatte bald einen neuen Plan entworfen. Seinen Bruder und dessen Anhänger wollte er festnehmen, um freie Hand zu haben und sich auf den Gegner stürzen zu können. In Paderborn gedachte er dann die wolfenbüttelsche und die gothasche Streitmacht nit französischen Hilfstruppen zu vereinigen, während Bayern von Süden aus die Operationen unterstützen sollte. 1)

 

Eiligst wandte sich Anton Ulrich daher an den Marquis de Bouflers, den Befehlshaber der französischen Armee am Rhein und in Holland. 2) Auch seinen königlichen Gönner selbst ging er um Hilfe und Schutz an. Wenn er im Streit unterliegen werde, so empfehle er ihm seine Kinder und seine untröstliche Frau. Er sehe voraus, daß die Freiheit Deutschlands, die Ludwig XIV. allein wiederherstellen könne,

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1) „Lettre de Monsieur d'Usson à Mons. le Marechal de Bouflers le 14. d'Avril 1702.“ (W.L. Absch.) „ . . . Je Sçai Monsgr., que je puis vous confier toutes choses; le dessein de Mons. le Duc Antoine Ulric est de faire arreter Mons. le Duc Rod. Auguste, et toutes ses Creatures et ainsi ces deux Places (Wolf. und Braunschg.) et 18000 hommes qu'on pourroit joindre aux 20000 françois feroient trembler l'Empire, Mons. l'Electeur de Baviere agissant de son côté, et toutes les troupes des Alliez de l'Empereur et des Hollandois reviendroient au milieu de l'Empire ou le Roi trouveroit plus d'Alliez que l'Empereur n'en a trouvés.“ Zu den 18000 Mann rechne er 6000 gothasche Truppen. Der gothasche Minister v. Schleinitz versichere ihm, daß sein Herr festbleiben wolle, wenn Frankreich Hilfe senden werde. „Monsieur le Duc Ant. Ulric est dans le meme sentiment et doutant que le Roy veuille, ou le puisse secourir, il a ete sur le point de passer tout seul en France deguisé, tant il est prevenu du mauvais Traittement que l'Empereur lui feroit, s'il tomboit entre ses mains.“

2) ebenda.

 

 

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mit ihm untergehen werde. 1) Zugleich setzte Anton Ulrich im Verein mit seinem Bruder die Mitglieder des Fürstenvereins von allem in Kenntnis und bat sie um Unterstützung. 2)

 

Anton Ulrich aber sah sich in seinen Erwartungen bitter getäuscht. Er konnte es nicht wagen, Rudolf August für kurze Zeit von der Regierung zu drängen, da die hannover- cellischen Truppen die wolfenbüttelschen Lande und Festungen besetzt hielten. In Güte jedoch vermochte er jetzt bei seinem Bruder nichts auszurichten, obschon sich der Geheime Rat Anton Ulrich anschloß und der Meinung war, daß man die Verpflichtungen der französischen Bündnisse einhalten müsse. 3) Aber gerade Frankreich ließ seinen Bundesgenossen völlig im Stich. Auch die übrigen Fürsten, wie Sachsen-Gotha, Münster, Dänemark und andere, rieten zum Vergleich, während Preußen und Hessen-Cassel sich sogar als Vermittler anboten. Rudolf August nahm die Mediation an und hielt es für seine Pflicht, sich mit dem Gegner möglichst rasch zu einigen, um nur die Okkupationstruppen aus seinem Lande los zu werden. 4)

 

Der Bevollmächtigte Ludwigs XIV., Marquis d'Usson, tat sein möglichstes, Rudolf August aufzumuntern und zur Aufnahme des Kampfes zu überreden. Er verfehlte auch nicht den Herzog darauf aufmerksam zu machen, daß er ohne Einwilligung Frankreichs und Anton Ulrichs keine Vereinbarung

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1) Schreiben ohne nähere Datierung (Ccpt. W. L.):

Je supplie V. M. de m'assister de son Conseil et de sa protection de la manière qu'elle le jugera convenable à sa gloire, à ses interets et à ma consolation, supposé que celle-cy lui importe quelque chose. Si je succombe je recommende à V. M. mes enfans et une femme (Eig. Konj.) desolée. Je prevois que la liberté d'Allemagne perira avec moy. V. M. en pourra estre le seul restaurateur, je ne souhaite de survivre ces malheurs que pour faire connoitre au monde que je luy dois ma vie et mon tout qui serait eternellement devoir à son service et je mourriray glorieusement, si je me conserve la qualité d'estre

Sire de V. M . . . .“

2) Schreib. vom 27. März 1702. (W. L. Ccpt.)

3) Schreib. vom 21. März 1702. (W. L.)

4) Schreib. Brandenburgs 29./3., “Kassels 3./4., Dänemarks 8./4., Münsters 8./4. 1702 u. s. w. (W. L.)

 

 

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mit dem Feinde treffen dürfe. Dem Franzosen war es dabei hauptsächlich um die wolfenbüttelschen Truppen, die mit französischem Gelde angeworben waren, zu tun. 1) Rudolf August war auch gern bereit, die Regimenter Ludwig XIV. zurückzugeben, wenn der Gegner es gestattet hätte. Im übrigen blieb er dabei, daß er der äußersten Not weichen müsse, und nahm keinen Anstand, den wolfenbüttelschen Räten aufzutragen, fernerhin den Befehlen seines Bruders keine Folge zu leisten. 2) Es gelang Marquis d'Usson indes noch, die Unterhandlungen Rudolf Augusts mit dem Gegner durch die Erklärung auf einige Zeit hinzuhalten, die französischen Truppen seien nunmehr auf dem Marsche begriffen, und Ludwig wolle die wolfenbüttelschen Herzöge und ihre Untertanen den erlittenen Schaden entschädigen. 3) Als entgegen diesen Versicherungen keine Hilfe von Frankreich eintraf, unterzeichnete Rudolf August den Vertrag mit seinen Verwandten. In diesem trat er zwei Regimenter Infanterie und fünf Regimenter Kavallerie an die kaiserliche Partei ab. Die Invasionstruppen sollten sofort das Land räumen und die im Wolfenbüttelschen erhobenen Kontributionen zurückgezahlt werden. Anton Ulrich gab man eine Bedenkzeit von zwei Monaten. Wenn er nach Ablauf dieser Frist nicht dem Abkommen seines Bruders beigetreten sei, sollte er keinen Anteil an der Regierung mehr haben. Anfang Mai trat Rudolf August der „Großen Alliance“ bei. 4)

 

Anton Ulrich war aber nicht im mindesten gesonnen, den Vertrag zu unterzeichnen. Den Kampf gegen das hannoversche Fürstenhaus und alle Verkleinerer der Rechte und Privilegien des deutschen Fürstenstandes bis zum letzten Atemzuge fortzusetzen, war er fest entschlossen. Da ihm in seinem eigenen Lande aber fürs erste alle Hände gebunden waren, so begab er sich nach Gotha, um von hier aus die weiteren Schritte zu tun. Der französische Hof billigte seine Flucht,

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1) d'Usson an Rudolf Aug. 3., 5., 7., 11., 15. April 1702. (W. L.)

2) Rud. August an d'Usson April 1702. (W. L.)

3) Rud. August an d'Usson 14. April 1702. (W. L.)

4) Vertrag vom 19. April 1702. (H. St. Absch.)

 

 

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denn dem gewandten und tatkräftigen Herzog konnte es nicht schwer fallen, seine vertrauten Gesinnungsgenossen aufzustacheln und zu einem Eingreifen zu bewegen. Ludwig XIV. aber konnte sich an Imhoff und dem wolfenbüttelschen Erbprinzen schadlos halten, falls man sich in der Abwesenheit Anton Ulrichs an dem französischen Gesandten in Wolfenbüttel vergreifen würde. 1) Anderseits war Frankreich selbst nicht in der Lage, seinem Verbündeten mit Truppen zu Hilfe zu eilen, da alle seine Kräfte am Rhein, in Holland und in Italien ausschließlich in Anspruch genommen wurden. Nur mit reichen Geldmitteln konnte man dem bedrängten Verbündeten unter die Arme greifen. 2)

 

Anton Ulrich mußte indes bald die traurige Wahrnehmung machen, daß auch von den übrigen Bundesgenossen keiner bereit war, das Schwert für ihn in die Wagschale zu werfen: die harte Bestrafung des Führers der Opposition hatte auf die korrespondierenden Fürsten lähmend gewirkt. Hinzu kam noch, daß der Kaiser inzwischen Anstalten getroffen hatte, mit Hilfe holländischer und brandenburgischer Truppen die festen Plätze des Kölner Erzstiftes zu besetzen und den Kurfürsten Joseph Clemens zur Raison zu bringen. 3) Fast gleichzeitig mit der Auseinandersprengung der französischen Liga im Norden waren auch die kleineren Reichsstände in Süddeutschland der Agitation Bayerns entzogen worden. Am 20. März schlossen sich der fränkische, schwäbische, österreichische, Kur- und oberrheinische Kreis zu einer festen Assoziation zusammen. Kurze Zeit darauf traten

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1) Relat. Imhoffs aus Paris 28. April 1702. (W. L.)

2) Anton Ulrich an seinen Bruder 1. Sept. 1702. (W. L.) Anton Ulrich verwahrt sich gegen den Vorwurf, von Frankreich weiterhin Subsidien angenommen zu haben. Er habe sieben Wechsel zu je 20000 Taler zurückgeschickt, wie auch einige, die Ludwig XIV. ihm aus besonderer Zuneigung zugesandt habe. Rudolf August gab sich mit dieser Erklärung zufrieden: „Der liebe Gott wird alles wohl schicken, daß noch alles gut werde.“ (Schreib. Vom 22. Aug./2. Sept. 1702. W. L.)

3) Ennen: „Der spanische Erbfolgekrieg und der Kurf. Joseph Clemens von Cöln“, Jena 1851 S. 88.

 

 

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sie der „Großen Allianz“ bei und am 28. September erfolgte die Kriegserklärung des Reiches an Frankreich. 1)

 

Mit tiefer Erbitterung mußte Anton Ulrich alle seine Hoffnungen scheitern sehen. Die bewegten Bitten der wolfenbüttelschen Landstände, dem Vertrage seines Bruders zuzustimmen, 2) blieben daher nicht ohne Eindruck auf ihn. Auch der Geheime Rat redete dem Fürsten nun ernstlich ins Gewissen, seinen Widerstand aufzugeben. Er erinnerte Anton Ulrich daran, daß er von anderen, besonders von Frankreich keine Hilfe zu erwarten und die täglich stärker werdende kaiserliche Partei gegen sich habe. Bei einem unerwarteten Tode seines kränkelnden Bruders könne man ihm aber härtere Bedingungen stellen, und der Kaiser sogar Veranlassung nehmen, bis zur völligen Verständigung mit ihm den hannover-cellischen Verwandten das Land zur Administration zu überweisen. 3)

 

Diese Erwägungen schlugen bei dem Fürsten durch. Anton Ulrich kehrte aus seinem freiwillig erwählten Exil zurück und unterzeichnete am 16. Mai 1702 den früheren Vertrag. 4) Die beiden Brüder machten dem Reichsoberhaupt hiervon Mitteilung mit der Bitte, die kaiserliche Ungnade aufzuheben und die Garantie über das Abkommen zu

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1) Noorden: „Europäische Geschichte . . .“ I, 235.

2) Schreiben vom 2. Mai 1702. (W. L.)

3) Aktum des wolf. Geh. Rates 15. Mai 1702 (W. L.): Frankreich werde ihm keinen Vorwurf machen können, denn es habe selbst ja erklären lassen, „daß wenn man auch noch 4 Wochen die Traktaten trainiret hätte, der secours wohl schwerlich hätte anlangen können.“

4) Anton Ulrich an Ludwig XIV. (Ccpt. ohne Datierung, W. L.)

Sire,
Ce n'est que sur les advis et sollicitations de Mr. N. (Marquis d'Usson), l'Envoyé de V.M. et les prieres tres humbles de mes Etats que je me suis porte à la fin de revenir de mon exil; le Ministre de V. M. ayant creu que je pouvois etre plus utile à V. M. icy, que si je continuois d'errer dans le monde. Il aura au reste representé sans doute à V. M. tout ce qui s'est passé depuis et entre autres l'etat malheureux auquel l'on m'a reduit à la fin. Ce qui me console est que j'espere que la vive representation de mon desastre aura touché V. M. qui sa trop genereuse, je le sçay, que de refuser à un Prince malheureux la continuation de ses bonnes graces, qui d'ailleurs est tres parfaitement etc.“

 

 

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übernehmen. 1) Leopold kam diesem Wunsche gern nach; 2) Hannover war jedoch mit der von Anton Ulrich ausgestellten Erklärung nicht zufrieden und wünschte eine Aufnahme des Wortlautes des früheren Vergleiches mit Rudolf August samt den Nebenartikeln in die Ratifikationsakte. 3) Unter dem Druck cellischer Truppenzusammenziehungen kam Anton Ulrich auch diesem Begehren nach. Aber auch hiermit waren die hannoverschen Staatsmänner noch nicht zufrieden, denn eine Garantie über diese neue Form der Erklärung glaubten sie den Garanten nicht zumuten zu können, da ihnen die darin enthaltenen Nebenartikel nicht vorgelegen hätten. 4) Auf Zureden seines Bruders stellte Anton Ulrich eine dritte Ratifikationsakte seiner früheren Erklärung und des Hauptvertrages Rudolf Augusts aus. 5) Der hannoversche Hof mochte durch diese Vorsicht einem Vertragsbruch auf alle Fälle vorbeugen wollen, es waren aber empfindliche Nadelstiche für den unterlegenen Gegner. 6)

 

Anton Ulrich hoffte in der Tat, sich von seinem tiefen Fall wieder erholen zu können und seinen Verwandten alle die Schmach und Unbill, die er erlitten, wieder zu vergelten. Er gab aus diesem Grunde seine Beziehungen zu Ludwig XIV. keineswegs auf, ließ ihm vielmehr erklären, mit demselben

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1) Schreiben vom 30. Mai 1702. (W. L. Ccpt.) Zugleich führten sie Beschwerde über die hannover-cellischen Truppen, die „sechs ganze Wochen in ihren Landen nach Willen gelebt, ihre Unterthanen durch gewaltsame Exactionen an Geld, Viktualien, Korn und Fourage ruiniert, auch an teils Orten mit Niederschießen, Rauben und anderen verderblichen Aktionen verfahren hätten.“

2) Leopold an Wolf. 3./4. Juli 1702. (W. L.)

3) Georg Wilhelm an die cellisch. Räte 21. Mai 1702. (H. St. Ccpt.)

4) Hannover an Celle 6. Juni 1702. (H. St. Ccpt.)

5) Rud. Aug. an Georg Wilh. 24. Juli 1702. (W. St. Ccpt.)

6) Hannover versuchte dann noch, die beiden Imhoffe -- den wolf. Kammerpräsidenten und den vielfach genannten Gesandten -- und den Kanzler Wendhausen vom wolfenb. Hofe zu entfernen. Mit diesem Plan hatten die hannoverschen Diplomaten aber kein Glück. (Relat. v. d. Buschs 12./5., Obergs 28./5. 1702. H. St.)

 

 

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Eifer wie früher für seine Interessen eintreten zu wollen. 1) Marquis d'Usson verließ indes den wolfenbüttelschen Hof, und Imhoff wurde von Paris abberufen. Anton Ulrich wagte auch nicht mehr, sich gegen die Anordnungen seines älteren Bruders aufzulehnen -- der „Großen Allianz“ aber beizutreten, weigerte er sich beharrlich. 2)

 

Rudolf August war es um eine völlige Aussöhnung und einen dauernden Frieden mit den Verwandten aufrichtig zu tun. Letztere hatten sich wohlweislich gehütet, die Notlage der wolfenbüttelschen Herzöge auszunutzen und sie zur Anerkennung der Kurwürde zu zwingen, denn hierdurch hätten sie dem Verdachte neue Nahrung gegeben, den Gegner vorwiegend aus diesem Grunde überfallen zu haben, und die ganze Schar der opponierenden Fürsten gegen sich aufgebracht. Man war daher nur übereingekommen, auch über die alten Differenzen später in Beratungen einzutreten. 3) Nachdem nun Anton Ulrich seinen Widerstand gegen den Vertrag aufgegeben hatte, hielt Rudolf August den Zeitpunkt zu neuen Unterhandlungen mit den Verwandten für günstig. Er selbst scheute trotz seiner Krankheit die Strapazen der

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1) Der wolfenbüttelsche Gesandte Imhoff an Ludwig XIV. (Ccpt. ohne nähere Datierung, W. L.)
„Le Prince, Sire, Supplie V. M. que, comme sa conduite a l'avenir et l'attachement inviolable qu'il aura toute sa vie pour les interets de V. M. fera connoitre de plus en plus son innocence, il plaise à V. M. de continuer à honorer sa personne et ses heritiers de sa haute Protection, a laquelle il met toute sa confiance, pour se remettre un jour et relever sa maison de la chute qu'elle vient je faire, assurant de plus V. M. que son malheur n'empechera point qu'il n'ait toute l'attention possible pour tout ce qui pourra regarder les services de V. M. et qu'il m'agisse avec la meme vivacité comme cy devant pour ses interets.“

2) Rud. August an den Kaiser 16. Juni 1702; Paß für Imhoff 30. Mai 1702. (W. L.); Holstein-Ploen an Fabricius 21. Juli 1702 (H. St. Absch.) „ . . . Au reste tout va bien à Brunswick. Mon Beau-Père ordonne et dispose tout à sa fantaisie, et l'autre accorde tout, les Ministres, qui ont le mal français, seront tout chassés, et on verra en peu de temps beaux yeux . . . “

3) Vertrag vom 19. April 1702. (H. St. Absch.)

 

 

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Reise nicht und suchte Georg Wilhelm auf, um durch eine mündliche Aussprache eine völlige Aussöhnung anzubahnen.

 

Obgleich die Zusammenkunft der beiden bejahrten Fürsten aufs beste verlief, so nahmen die hannover-cellischen Räte doch nicht sofort weitere Beratungen mit den wolfenbüttelschen Kollegen in Angriff. 1) Die alte Animosität und das geringe Entgegenkommen Anton Ulrichs, auf den es doch hauptsächlich ankam, mochten sie von Versuchen in dieser Richtung abhalten. Rudolf August geriet aber wegen dieser Verzögerung in große Unruhe und befürchtete einen neuen Überfall seitens seiner Verwandten. 2) Glücklicherweise kamen die Unterhandlungen zwischen den beiden Linien des Welfenhauses wegen der noch schwebenden Streitobjekte im Anfang des Jahres 1703 in Fluß. Am 22. April versprach Rudolf August, sich nicht der hannoverschen Primogenitur zu widersetzen und die Kurwürde anzuerkennen. Ferner verzichtete er auf seinen Anteil am Lauenburgischen gegen eine jährliche Entschädigung von 10000 Talern. 3)

 

Anton Ulrich bestätigte diesen neuen Vergleich nicht, trotzdem die wolfenbüttelschen Stände und sein Bruder ihn inständig darum baten. 4) Er fuhr vielmehr aufs eifrigste mit seiner Agitation gegen Hannover fort und ging mit dem Plane um, Preußen, Dänemark, Hessen-Kassel, Sachsen-Gotha und Münster zu einem neuen Bunde gegen seine Verwandten zusammenzuschließen. Am preußischen Königshofe fand er tatsächlich lebhafte Unterstützung. Anton Ulrich eilte daher selbst nach Oranienburg und sicherte sich hier in einem Vertrage die Hilfe Friedrichs I. Er trug dabei kein Bedenken, die Verpflichtung einzugehen, ohne Preußens Gutbefinden sich nicht mit seinen Verwandten auszusöhnen. 5) Vorläufig

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1) Schreiben aus Ebsdorf 9. Okt. 1702. (H. St.)

2) Instrukt. u. Relat. v. d. Buschs, Aug., Okt., Dez. 1702. (H. St.)

3) Vertrag vom 22. Apr. 1703. (H. St. Absch.)

4) Schreib. der wolf. Landstände 3. Mai 1703; Relat. von Fabricius 12. Mai 1703. (H. St.)

5) Ant. Ulrich an seinen Bruder 24. April u. 24. Mai 1703. (W. L.) Im letzteren Briefe heißt es: „Was mich betrifft, so hat die conduite, die man nun über Jahr und tag mit mir geführet, mich bewogen, das ich die vom Könige von Preußen ultro mir angebothene Freundschaft und assistentz angenommen, und da einmahl mit Ihr. Maj. die ver- bündliche abrede genommen worden, das ich mich mit Zell und Hannover vor der hand ohne des Königes guttfinden nicht einlaßen wolle, so werde und mus ich solches abwarten, und kan mich ehe, ohne des Königes amitié zu verliehren, weder in dem einen noch dem anderen, so den vergleich betrifft, nicht auslaßen.“ Ferner: Friedrich I. an Ant. Ulrich 18. März 1703 (W. L. Absch.): „ . . . alßo versichere Ich auch dieselbe (Ew. Lbd.) hingegen, daß Sie in allen Ihren angelegenheiten und absonderlich wan man Ihn in dem Consortio der dortigen Landesregierung einigen Eintrag thun, oder sie davon gar verdrängen wolte, Ich mich Ihrer nach anweisung der mit deroseiben habenden Alliantz dargegen nachdrücklich annehmen und sie nebst Meinen anderen Alliirten, die sich auß Ew. Lbd. conservation gewiß ein sonderbahres Interesse machen, darwieder allemahl kräftig, und in der That appuyiren werde.“ Brandenburg war schon Ende des Jahres 1697 wieder auf die Seite Wolfenbüttels getreten und hatte gegen „jede Kränkung, Beeinträchtigung, Angriff des Hauses Hannover“ seine Hilfe zugesagt. (Mörner: Brandenburgs Staatsverträge S. 637.)

 

 

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mußten sich die beiden Verbündeten indes darauf beschränken, die Verminderung der wolfenbüttelschen Streitkräfte zu verhindern. Ihre Quertreibereien verzögerten auch den Abmarsch der den Generalstaaten versprochenen Truppen. Infolge der Vorstellungen und Mahnungen der hannover-cellischen Abgesandten von dem Busch und Fabricius blieb Rudolf August aber seinem Bruder gegenüber fest und setzte schließlich seinen Willen durch. 1)

 

Um so weniger war Anton Ulrich nun gesonnen, dem zweiten Vertrag seines Bruders mit den hannover-cellischen Vettern seine Zustimmung zu geben. 2) Bei einer neuen Konferenz cellischer und wolfenbüttelscher Minister ließ er durch letztere die Erklärung abgeben, er könne keinen Anteil an den Verhandlungen und Vereinbarungen nehmen, da die früheren Beratungen einseitig mit seinem Bruder gepflogen seien und mit ihm auch wegen seiner Ansprüche auf Lauenburg

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1) Instr. und Relat. von Fabricius Mai 1703. (H. St.)

2) Relat. von Fabricius Juni 1703. (H. St.)

 

 

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keine Rücksprache genommen sei. 1) Diese Gründe ließ Anton Ulrich dann öffentlich im Lande bekannt geben. 2)

 

Es konnte ihm daher nur höchst willkommen sein, daß schon in kurzer Zeit das freundschaftliche Verhältnis zwischen seinem Bruder und der jüngeren Welfenlinie wieder getrübt wurde. Hierbei handelte es sich um den Vorrang, den Rudolf August dem Kurfürsten von Hannover eingeräumt hatte. Ersterer behauptete, seinem Verwandten als Kurfürsten die „Präzedenz“ zugestanden zu haben; im übrigen aber, wo dieser nur als braunschweigischer Herzog auftrete, müsse es bei den Bestimmungen der Hausverträge bleiben. 3) Georg Wilhelm suchte ihn zwar zu überzeugen, daß es doch nicht angängig sei, dem Kurfürsten in der eigenen Familie die ihm zustehenden Rechte vorzuenthalten, wie ja auch in den übrigen kurfürstlichen Stammeshäusern die Inhaber der Kurwürde die ihnen durch ihre Stellung zukommenden Prärogativen genössen. Rudolf August ließ sich aber eines Besseren nicht belehren. 4) Alle Bemühungen des cellischen Sekretärs Stambke waren umsonst, und selbst dem geschickten Grafen Bernstorff gelang es nicht, ihn zum Nachgeben zu überreden. Daher hielten Hannover und Celle den letzten Vertrag nicht mehr für bindend und bestanden auf Rückgabe des Amtes Campen. Die schriftlichen Auseinandersetzungen zwischen Georg Wilhelm und Rudolf August wurden wieder von Tag zu Tag schärfer und verbitterten beiden Fürsten den kurzen Lebensabend, der ihnen noch beschieden

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1) Auszug a. d. Konferenzprotokoll 17. Juli 1703. (H. St.)

2) „Instrumentum Publicum Super exhibitis Protestationibus des durchläuchtigsten Fürsten und Herrn Anth. Ulrich . . . an die lauenburg. Landdrosten und Räte, das wolf. Consistorium, die Ritter und Landschaft 24. Juli 1703. H. St.)

3) Georg Wilh. an Rud. August 6. Sept. 1703. Der betr. Artike lautete: „Die Präzedenz wird von Wolfenb. Hannover alß Electori gelaßen. Im übrigen allen bleibt es bei denen Pactis Sermi. domus und denen darin auf der observanz gegründeten Juribus Senii und denen effectibus . . .“ (Rud. Aug. an Georg Wilh. 17. Sept. 1703. H. St. Absch.)

4) Korrespondenz zw. Georg Wilh. und Rud. Aug. Sept., Okt. 1703. (H. St. Absch.)

 

 

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war. 1) Die heftigen Aufregungen und beständigen Sorgen, die Rudolf August in den letzten Jahren durchzukämpfen hatte, zehrten seine durch Krankheiten ohnedies angegriffenen Lebenskräfte auf. Am 20. März 1704 starb er und hinterließ seinem Bruder die Regierung. 2)

 

Da Anton Ulrich nun völlig freie Hand hatte, so nahm er um so eifriger die Unterhandlungen mit anderen Fürsten zwecks eines größeren Bundes gegen die Verwandten wieder auf. Vornehmlich dachte er dabei an seinen alten Intimus den König von Dänemark. 3) Es war jedoch verlorene Mühe! Die ehemals so heftige Opposition des deutschen Fürstenstandes gegen die hannoversche Kur vermochte Anton Ulrich nicht mehr anzuschüren. Das gewaltige Ringen des Reiches und der Seemächte gegen die Bourbonen drängte den Kurstreit vollends in den Hintergrund und ließ die Mehrzahl der Opponenten alle Kräfte gegen den gemeinsamen Feind anspannen. Anton Ulrich kam es immer mehr zum Bewußtsein, daß der Verfall des von ihm errichteten Bundes der korrespondierenden Fürsten nicht aufzuhalten war. Der weitere Verlauf des spanischen Erbfolgekrieges nahm ihm auch jede Aussicht auf eine Unterstützung der französischen Krone und ihrer Verbündeten. Der glänzende Sieg des Prinzen Eugen und Marlboroughs bei Höchstädt, „die erste große Niederlage Ludwigs XIV.“ 4), mußte seine Hoffnungen in dieser Richtung völlig begraben. Hinzu kam noch ein rein persönliches Moment. Sicherlich hatte der Tod seines Bruders Anton Ulrich schmerzlich getroffen

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1) Georg Wilh. an Rud. Aug. 29. Nov. Er bitte ihn, „demjenigen, welche für ihn hierunter die Feder führe, zu bedeuten, daß er bei Abfassung seiner Schriften sich in terminis halten und wenigstens das decorum, so Herrn ihres Standes und so nahe Verwandte zu observiren pflegen, hinfüro besser beobachten möge.“ Rud. August 15. Dez.: Die beanstandeten Ausdrücke seien Georg Wilh.'s eigene Worte aus früheren Briefen. Auf den Vorwurf „gekünstelter“ Interpretation antwortete er: „Wer warheit und recht liebet und sucht, hat nicht ursach sich Kunsteleven zu gebrauchen.“

2) Havemann III, 190.

3) Instruktion an Hertel 11. Febr. 1704. (W. St.)

4) Noorden: „Europäische Geschichte . . .“ I, 569.

 

 

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und ihn vielleicht sogar das schwere Unrecht, das er dem Verstorbenen angetan, erkennen lassen. Einige Tage nachher hatte er aber an der Bahre seiner Gemahlin gestanden. 1) Diese Schicksalsschläge mußten Anton Ulrich weicher stimmen. Ferner, auch der im übrigen noch körperlich und geistig so rüstige Fürst mußte dem zunehmenden Alter seinen Tribut zahlen: Ruhiger und leidenschaftslose lernte er nun die Beziehungen seines Hauses zu den Verwandten beurteilen.

 

Im August 1705 starb Herzog Georg Wilhelm und die Kombination der beiden Fürstentümer vollzog sich ohne weitere Hinderung seitens Anton Ulrichs. An Georg Wilhelm aber verlor dieser den beständigen Vermittler mit den hannoverschen Hof. Nun drohte ein völliger Abbruch jeglicher Beziehungen zwischen den beiden verfeindeten Linien des Welfenhauses einzutreten. So weit konnte es Anton Ulrich allein schon seiner Kinder wegen doch nicht kommen lassen. 2) Entscheidend war für Anton Ulrich jedoch folgender Umstand. Als gewiegter Staatsmann sah er bald ein, daß bei der veränderten politischen Lage nur ein Zusammengehen mit dem Kaiser seine Interessen fördern konnte. Er schloß sich daher der kaiserlichen Partei an, zumal die geplante Verbindung seiner Enkelin Elisabeth Christine mit Karl, dem jüngeren Sohne Leopolds I., seinem Ehrgeize hohe Befriedigung bot. Leicht aber wurde Anton Ulrich die Annäherung an das Haus Habsburg nicht gemacht, verlangte doch der Wiener Hof vorerst eine Aussöhnung des Fürsten mit seinen Verwandten. 3)

 

Aus allen diesen Gründen finden wir Anton Ulrich Mitte des Jahres 1705 zu einer Verständigung mit Hannover bereit. Im August kamen die hannoverschen Geheimen Räte Bernstorff und Fabricius mit den wolfenbüttelschen Vertretern, dem Kanzler Wendhausen und Geh. Rat Stein, zu näheren

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1) Havemann III, 194 ff.

2) Ant. Ulrich an die Mitglieder des Fürstenvereines 3. Febr. 1706. (W. L. Absch.)

3) Hoeck: „Anton Ulrich und Elisabeth Christine.“ Wolfenb. 1845.

 

 

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Beratungen zusammen. 1) Die Bevollmächtigten Anton Ulrichs eröffneten in einem eingereichten Projekt die Vorschläge ihres Herrn. Anton Ulrich wollte die hannoversche Kurwürde anerkennen und sich auf keine Weise dem Primogeniturgesetz und der Vereinigung von Hannover und Celle widersetzen. Der Fürst war auch willens, Hannover den Vorrang zu lassen, doch sollte bei Verhandlungen im Gesamthause, sowie auf den Reichs- und Kreistagen die „Präzedenz“ dem Hause zustehen, bei dem das Senium sei. Schließlich wollte er seinen Anteil an Lauenburg abtreten, zwar für einen höheren Preis, als sein Bruder gefordert hatte.

 

Mit diesen Anträgen konnte die Gegenpartei wohl zufrieden sein und eine weitere Verständigung versuchen. Hannover beanstandete eine besondere Anerkennung der Primogenitur und der Kombination der beiden Fürstentümer, weil beides schon in Kraft sei und ein Zweifel darüber nicht bestehen könne. Man war auch nach wie vor der Meinung, daß dem Kurhause überall und vornehmlich auf den Kreistagen der Vortritt gebühre. Ferner sah man die für Lauenburg geforderte Entschädigung für zu hoch an. Die weiteren Einwände der hannoverschen Minister waren von geringerer Bedeutung und boten keine Schwierigkeit zu rascher Einigung. 2)

 

Über die „Präzedenz“ Hannovers konnte man sich indes nicht verständigen. Daher beantragten die wolfenbüttelschen Räte, diese Frage auszuscheiden und erst die Verhandlungen über die Kur und Lauenburg zu Ende zu führen. Dies lehnte Hannover ab, da es dem Ansehen der Kurwürde schaden und bei den Verwandten den Eindruck erwecken könne, als ob man in diesem wichtigen Punkte zu Eingeständnissen bereit sei. Trotzdem wurden auf Veranlassung Anton Ulrichs die Beratungen fortgesetzt. Aber erst eine mündliche Auseinandersetzung Bernstorffs mit Anton Ulrich

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1) Konferenzprotokoll 17. Aug. 1705 (H. St.)

2) Instrukt. für Bernstorff und Fabricius 13. Okt. 1705. (H. St.)

 

 

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führten eine Verständigung herbei. 1) Im Januar 1706 wurde der denkwürdige Vertrag unterzeichnet, der dem langjährigen Streit und der erbitterten Feindschaft im Welfenhause ein Ende setzte: Die alten Gegner wollten den früheren Hader vergessen, in Zukunft wahre Freundschaft pflegen und etwaige Differenzen nach Anleitung der alten Hausverträge schlichten. Diese und die damit verbundenen Rechte und „Prärogativen Senii“ sollten unverändert in Kraft bleiben. Anton Ulrich erkannte die Kurwürde Hannovers an, behielt sich jedoch das Recht vor, im Verein mit den übrigen Fürsten für die Rechte des Fürstenstandes einzutreten. Hannover versprach dagegen, für die Aufnahme der Seitenlinie in die Kurbelehnung bei der nächsten Erneuerung der Investitur Sorge tragen zu wollen. Mit Bezug auf die Präzedenz“ Hannovers fand man einen Ausweg dahin, daß diese im Prinzip dem Kurfürsten zugestanden wurde, jedoch sollte Wolfenbüttel im Fürstenkollegium Stimme und Sitz vor den Verwandten führen, wenn bei ihm das Senium Sei. Anton Ulrich wollte aber auf seine Rechte beim niedersächsischen Kreiskonvent verzichten, falls Hannover von einem der abwechselnden Mitdirektoren der Vorsitz überlassen werde. Schließlich gab Wolfenbüttel seine Ansprüche auf Lauenburg gegen das frühere hannoversche Angebot 2) und gegen eine einmalige Barzahlung von 20000 Talern auf. 3)

 

Anton Ulrich setzte nun die Mitglieder des Fürstenvereins von seinem Schritte in Kenntnis, jedoch keine Entrüstung ließ sich in ihren Reihen vernehmen. Früher hätte die Anerkennung der neunten Kur den Herzog um alles Ansehen beim Fürstenstande gebracht. So war die Stimmung jetzt abgeflaut! 4)

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1) Relat. der hannov. Gesandten 17. Okt., desgl. Instrukt. vom 20. Nov. 1705 und 4. Jan. 1706. (H. St.)

2) S. S. 120.

3) Vertrag vom 17. Jan. 1706 (H. St. Absch.), ratifiziert am 5. Febr. 1706 (H. St.).

4) Schreib. Ant. Ulrichs vom 3. Febr. 1706; Antwortschreiben verschiedener Fürsten Febr./März 1706. (W. L.)

 

 

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Zwei Jahre dauerte es noch, bis Kurfürst Georg Ludwig die Anerkennung des Reiches erhielt. Im Juli 1706 brachte ein Kommissionsdekret Kaiser Josephs I. die hannoversche Kurangelegenheit an das Fürstenkollegium. Anton Ulrich stachelte die Fürsten nicht zu erneutem Widerstande auf. Er lehnte sogar anfangs den Vorschlag einiger Fürsten ab, seine Zustimmung auf dem Reichstag von der Mitbelehnung

der wolfenbüttelschen Linie abhängig zu machen. 1) Als aber die Katholiken aus den schon oft erwähnten Gründen eine genügende Bürgschaft zur Wahrung der Parität im Kurfürstenkollegium verlangten, die Evangelischen aber um gleichmäßige „Substitutio“ einer evangelischen Kur einkamen, hielt es Anton Ulrich für seine Pflicht, für sein Haus die Mitbelehnung zu fordern, weil sonst andere ihm in dieser Hinsicht zuvorkommen würden. 2) Georg Ludwig bat aber seinen Verwandten dringend, von seiner Forderung abzustehen, da er sonst die schwebenden Unterhandlungen zum Scheitern bringen werde. Der hannoversche Kurfürst wies dabei Anton Ulrich darauf hin, daß die Ansprüche der Katholiken wohl berechtigt seien, denn diese hätten „aus freiem, guten Willen gegen das Interesse ihrer Religion“ die Errichtung einer neuen protestantischen Kur gebilligt. 3)

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1) Schreib. der wolfenb. Räte an die cellischen 10. Nov. 1706. (H. St.)

2) Ant. Ulrich an Hannover 18. April 1707. (H. St.)

3) Georg Ludwig an Ant. Ulrich 25. April 1704. (H. St. Ccpt.) Die Forderungen der Katholiken seien berechtigt, „inmaßen das Fundament der sache darin bestehet, daß die Katholischen aus freyem guten willen gegen das interesse Ihrer religion bei der einführung unserer als einer gantz neuen Evangel. Chur consentiret. Die Catholischen seyn also nicht zu verdenken, wan sie zum besten und sicherheit ihrer religion dagegen hinwiderumb etwas fordern und auf deßen feststellung ihren consens in unserer Chur conditioniren, vielmehr hat man Evangelischer seiten ursache, mit Catholicis zufrieden zu seyn, daß Sie zur compensation desjenigen ersprieslichen (Lesart zweifelhaft) gegenwärtigen und realen vortheils, welchen die Evangelischen durch unsre Evang. neunte Chur erlangen, nicht auch die erigirung einer neuen Cath. Chur von neuem ausstipuliren (Lesart zweifelhaft), sondern sich damit begnügen wollen, daß alsdann erst eine neue Cathol. Chur zu substituiren, wan die bezeigte Churlinie wird abgegangen mithin auch die Pfälzische Chur auf eine Evangelische Pfalzgräfliche Linie gekommen seyn, welche beide casus existentz zusammen so ungewiß und weit entfernt ist, daß sie sich vielleicht nimmer begeben könte.“

 

 

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Anton Ulrich stand aber von seinem Anspruch nicht ab, ging verschiedene Fürsten um Unterstützung an und befahl seinen Vertretern in Regensburg und Wien, die Mitbelehnung zu beantragen.

 

In dieser Haltung Anton Ulrichs hat man keine Veranlassung, ein Aufflackern seines alten Grolles gegen Hannover zu suchen. Man kann vielmehr mit Berechtigung annehmen, daß der Herzog für seine Familie nur das beanspruchen wollte, was nach seiner Meinung sonst einem anderen zuerkannt werden würde. 1) Tatsächlich gerieten jedoch die Kurverhandlungen wieder für Monate ins Stocken. Anton Ulrich gab dann seine Forderung auf, als andere protestantische Fürstenhäuser mit keinem diesbezüglichen Anspruch hervortraten. Er unterstützte von jetzt an die hannoverschen Gesandten in jeder Weise, verfehlte aber auch nicht, nachdrücklichst für die fürstlichen Rechte einzutreten. 2) Alle drei Reichskollegien sprachen sich bald darauf zu Gunsten der hannoverschen Kur aus und am 30. Juni 1708 setzte ein gemeinsamer Beschluß der drei Reichskollegien fest, daß, falls die pfälzische Kur an die protestantische Linie kommen sollte, den Katholiken ein „votum Supernumerarium“ gestattet werden sollte. 3) Dieser Beschluß wurde vom Kaiser bestätigt und am 7. September 1708 fand die Einführung Böhmens und Hannovers in das Kurfürstenkollegium in feierlicher Weise statt. 4)

 

1) Ulrich an Hannover 5. Mai, desgl. an verschied. Fürsten 2. Mai 1707. (H. St.)

2) Ant. Ulrich an Hannover, 16. Juni 1707. (H. St.)

3) Protokoll vom 30. Juni 1708. (W. L.)

4) Schaumann: „Geschichte der Erwerbung der neunten Kur . . .“ Der neue Kurfürst erhielt das Reichserzschatzmeisteramt, da gegen das zuerst in Aussicht genommene Amt eines Reichsbannerherrn der Herzog von Württemberg protestiert hatte.

 

 

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Schluß.

 

Neunzehn 1) Jahre lang hatte der oft maßlos erbitterte Streit um die neunte Kur gewährt! Suchen wir uns die Gründe hier noch einmal zu vergegenwärtigen und dabei den Teil, der den Herzögen von Braunschweig-Wolfenbüttel zukommt, im Zusammenhange festzustellen.

 

Es sind die Jahre tiefer Erniedrigung für das deutsche Volk. Die französische Staatskunst hatte die größten Triumphe feiert, und mit unermüdlichem Eifer suchte das Ausland den Stachel der Zwietracht im deutschen Reiche zu schärfen. So bot auch die Opposition gegen die hannoversche Kur den fremden Mächten willkommene Gelegenheit zur Ausführung ihrer eigennützigen Pläne. Der Streit um die neunte Kur wurde immer mehr in den Bereich der übrigen politischen Ereignisse gezogen und hierdurch heillos verwirrt. Vor allem verstand es die französische Diplomatie vortrefflich, aus dem leidenschaftlichen Kampfe der streitenden Parteien für ihre Interessen Kapital zu schlagen und die Reichsstände zu immer neuen Angriffen auf das Haupt des Reiches zu hetzen. Nicht minder war Dänemark tätig; denn ein starkes hannoversches Fürstenhaus bedrohte direkt seine Stellung. Das Eintreten Schwedens, Englands und Hollands für den neuen Kurfürsten machte den Kurstreit vollends zu einem internationalen.

 

Dem Auslande wurde es um so leichter, sich in diese innerdeutsche Angelegenheit zu mischen, weil das alte Reichsgebäude immer mehr aus den Fugen zu gehen drohte. Der Westfälische Frieden hatte den Schutz der deutschen

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1) Gerechnet von den Unterhandlungen zu Augsburg 1689/1690.

 

 

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Fürstenrechte Frankreich und Schweden übertragen. Unter den deutschen Fürsten selbst war der religiöse Hader nicht verstummt, und mit eifersüchtigem Auge achtete jede Konfession auf den geringsten Vorteil der anderen. Einig nur war der gesamte Fürstenstand, wo es sich um Wahrung seiner alten Freiheiten und Privilegien handelte. In diesem Punkte kannten die alten Fürstenhäuser weder den „Herren“ Kurfürsten, noch dem Kaiser gegenüber die geringste Nachsicht. Mit unerbittlicher Rücksichtslosigkeit verlangten sie vom Oberhaupt des Reiches, sein Hannover gegebenes Versprechen zu brechen oder ihnen völlige Genugtuung widerfahren zu lassen. Dem Kaiser aber im letzteren Falle auf halbem Wege entgegenzukommen und ihm so den Rückmarsch zu erleichtern, daran dachten sie nicht im geringsten.

 

Der Kampf um die hannoversche Kur hätte zweifellos ein früheres Ende genommen, wenn ein anderer als Leopold I. den Kaiserthron inne gehabt hätte. 1) Mit Geistesgaben nur mäßig ausgestattet, war er argwöhnisch und abergläubisch, in seinen Entschlüssen langsam und zaudernd. „Am liebsten gefiel er sich in unbestimmten Äußerungen, die eine Hintertüre oder dergleichen offen ließen.“ 2) War er aber einmal zu einem Entschlusse gekommen, so vermochte ihn nichts von demselben abzubringen, zumal wenn geistlicher Zuspruch ihn darin bestärkte.

 

In der hannoverschen Kursache sehen wir ihn nach diesen Gesichtspunkten verfahren. Nach langem Zögern sprach er sich für die Errichtung einer neunten Kur aus, nachdem seine religiösen Bedenken von den Theologen zerstreut waren. Nun blieb er seinem gegebenen Worte treu, mochte die Opposition im Reiche zu scharfen Deduktionen, entrüsteten Protesten, drohenden Resolutionen und gefährlichen Bündnissen ihre Zuflucht nehmen. Statt auf die berechtigten Wünsche des Fürstenkollegiums einzugehen,

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1) Gädeke: „Die Politik Österreichs in der spanischen Erbfolgefrage“ Leipzig 1877 II, 58 ff. Noorden a. a. O. I, 150; Edmannsdörffer a. a. O. II, 209.

2) Gädeke a. a. O. II, 59.

 

 

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gedachte er auf Umwegen sein Ziel zu erreichen. Diesem Zwecke diente die Forderung der Readmission Böhmens zum Kurfürstenkollegium und der eventuellen Errichtung einer zehnten Katholischen Kur, wodurch die Einigung nur erschwert wurde. Die fürstlichen Opponenten wurden indes mit vagen Versicherungen so lange hingehalten, bis sie alles Vertrauen zum kaiserlichen Hofe verloren hatten, späteren wirklich ernstgemeinten und reellen Versöhnungsvorschlägen berechtigte Zweifel entgegenbrachten und sich dem Ausland in die Arme warfen.

 

Zu der Hartnäckigkeit Leopolds I. in der neunten Kursache trug aber nicht wenig bei, daß Ernst August und später auch sein Sohn sich nicht einen Augenblick durch den heftigen Widerstand der Fürsten beirren ließen, sondern mit frischem Mut und fester Energie durch die aufgeregten Wogen zu steuern verstanden. Hatte sich der Sturm in etwa wieder gelegt, dann bedrängten sie Leopold von neuem mit Bitten und Vorstellungen, erinnerten den persönlich frommen Herrscher an seine Verpflichtung und boten ihm immer von neuem Truppen an. Sicherlich wäre es den tatkräftigen und umsichtigen hannover-cellischen Staatsmännern, die weder Mühe noch Geld sparten, auch gelungen, eher die Introduktion durchzusetzen und eine Einigung mit den Opponenten zu erzielen, wenn nicht gerade die eigenen Verwandten des neuen Kurfürsten so energisch gegen die Auszeichnung Hannovers angekämpft und die übrigen Fürsten sich hierdurch um so mehr in ihrem Widerstande berechtigt und bestärkt gefühlt hätten.

 

An Herzog Anton Ulrich traf die kaiserlich-hannovers Partei einen Gegner, der an Energie und Ausdauer keinem nachstand. Er ist der eigentliche Organisator und Führer der Opposition gewesen. Anton Ulrich hat zuerst lebhaftere Bewegung in die Reihen der Reichsfürsten gebracht und hat auch im Verein mit dem Bischof von Münster die opponierenden katholischen Kurfürsten immer von neuem aufgereizt. Die Nichtigkeitserklärungen, der Verein der korrespondierenden Fürsten und die Fürstenkonvente sind vorwiegend sein Werk. Die Hineinziehung Frankreichs in den Kurstreit hat

 

 

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Anton Ulrich nicht nur zuerst angeregt, sondern dank seiner beständigen Propaganda auch zu erreichen gewußt. Beim Beginn des spanischen Erbfolgekrieges nahm er dann, gestützt auf ein schlagfertiges Heer, starke Befestigungen und eine von Frankreich gefüllte Kriegskasse, eine für Kaiser und Reich äußerst gefährliche Stellung ein. Wie, wenn es ihm gelungen wäre, den französischen Truppen im Westen oder Max Emmanuel von Bayern zum vernichtenden Schlage die Hände zu reichen!

 

Anton Ulrich ist psychologisch eine sehr interessante Persönlichkeit. Auf den ersten Blick scheinen in seinem Charakter nicht zu vereinende Widersprüche nahe bei einande zu liegen. Zur Zeit, als er durch seine maßlose Agitation gegen die hannoversche Kur das Reich in so großer Spannung hielt und die Leidenschaften der Parteien anfachte, trug er sich zusammen mit Leibniz mit dem Gedanken, -- die religiöse Einigkeit, eine Wiedervereinigung der Katholiken und Protestanten herzustellen. 1) Wenn der große Philosoph aus uneigennützigen Gründen, aus Liebe zum Menschentum diesen Plan verfocht, so war bei Anton Ulrich das Motiv wirksam, unter dem er Zeit seines Lebens stand, -- die Befriedigung seines schrankenlosen Ehrgeizes. 2) Nur selbstsüchtige Beweggründe waren auch maßgebend bei seinem Lebenswerk, dem Ankämpfen gegen das aufstrebende hannoversche Fürstenhaus. Gerade weil sein hochgespannter Ehrgeiz sich durch die Verwandten so empfindlich gekränkt

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1) Bodemann: „Leibnizens Briefwechsel mit dem Herzoge Anton Ulrich.“ Z. d. hist. Ver. f. NiederSachsen 1879. Klopp: „Die Werke von Leibniz“ VIII, Einleitung S. 18 ff.

2) Gewiß mochte der Fürst bei diesen religiösen Einigungsbestrebungen wegen seiner Abneigung gegen alles orthodoxe Kirchentum in hohem Maße interessiert sein, machte er sich doch oft über die „Ortho-Ochsen“ -- so nannte Anton Ulrich die Orthodoxen – lustig, aber im Grunde dachte er wohl nur hierdurch sich höheres Ansehen und größeren Ruhm zu erwerben. In welcher Weise er die Religion seinen ehrgeizigen Plänen dienstbar machte, zeigte sein späterer Übertritt zur Katholischen Kirche. (Siehe Bodemann und Klopp an den erwähnten Stellen.)

 

 

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und beleidigt fühlte, führte er die Opposition gegen die neunte Kur mit solcher Erbitterung, wenn nicht mit Haß.

 

Erschwerend fällt dabei für Anton Ulrich der Umstand ins Gewicht, daß sein Tun und Handel eigener Initiative zum größten Teil entsprang. Persönlich ersann und leitete er alles selbst. Seine Minister waren im wahren Sinne des Wortes nur Ratgeber. Gewiß hörte er auf die Meinungen und Vorschläge der beiden Imhoffe, des Geheimen Rates Hertel, des Kanzlers Wendhausen und vor allem der französischen Gesandten an seinem Hofe. Aber nicht einen Augenblick konnte sich einer dieser Vertrauten eines ausschließlichen Einflusses auf Anton Ulrich rühmen. 1) Mit scharfem Blick wußte dieser vielmehr jeden seiner Ratgeber auf den Posten zu stellen, der ihm nach seinen Fähigkeiten und Neigungen zukam. Durch reiche Geschenke spornte er ihren Eifer an und in geselliger Tafelrunde suchte er ihre persönliche Zuneigung zu gewinnen. 2) Stets war Anton Ulrich aber darauf bedacht, seinen eigenen Willen durchzusetzen, und nach der Katastrophe im Jahre 1702 sehen wir ihn nicht nur in scharfem Gegensatz wie immer zu seinem Bruder, sondern auch entgegen der Ansicht des ihm völlig ergebenen Geheimen Rates und selbst der Stimmung der wolfenbüttelschen Landstände eine Zeitlang seine eigenen Pläne weiter verfolgen. Seine herrische, impulsive Natur konnte alles eher, als Widerspruch vertragen. Wehe dem Ratgeber, der sich seiner Meinung und seinem Vorhaben aufzulehnen wagte. In einem solchen Augenblick kannte seine Leidenschaft keine Grenze und konnte ihn fast so

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1) In der Beischrift des Testamentes Anton Ulrichs (Havemann: Geschichte . . .“ III, 587 ff.) heißt es: „Laß dich nie durch Andere regieren, denn es ist einem Fürsten keine größere Schande, als wenn man von ihm glaubt, daß Einer bei ihm Alles vermöge.“

2) Ebenda rät Anton Ulrich seinem Sohn: „Sei gegen treue Diener freigiebig, damit sie nicht kaltsinnig werden; gönne ihnen zuweilen eine Lustbarkeit und fetten Mund bei Hofe. Sei gastfrei, so gewinnst du viele Herzen.“ Vergleiche dort ebenfalls die kurze, aber vortreffliche Charakterisierung der wolf. Minister, die eine vorzügliche Menschenkenntnis voraussetzt.

 

 

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weit bringen, daß er den armen Minister einfach vor die Türe warf. 1)

 

Geistreich, gewinnend, ausdauernd, verschlossen in seinen Plänen und rasch in der Ausführung, besaß Anton Ulrich die wahren Eigenschaften eines Parteiführers, der es nicht verschmähte, auf Seitenwegen sein Ziel zu erreichen und die Hilfe von Frauen bei Staatsgeschäften in Anspruch zu nehmen. 2) In meisterhafter Weise verstand er es, für eine Sache zu werben und Gleichgesinnte um sich zu scharen. Wenn trotz alledem die meisten seiner Pläne fehlschlugen, und er vor allem die Opposition gegen die neunte Kur nicht zu vollem Erfolge führen konnte, so lag die Schuld nicht an ihm, sondern an den für Hannover günstigen Zeitverhältnissen und an seinem Bruder, der ihm in allen entscheidenden Augenblicken die Hände band.

 

Anton Ulrichs Verhältnis zu dem eigentlichen Regenten der wolfenbüttelschen Lande und den hannoverschen Verwandten bildet den dunklen Fleck seines Lebens. In skrupelloser Weise stiftete er Unfrieden in der Familie Ernst Augusts und veranlaßte die hannoverschen Staatsmänner zu

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1) Rudolf August klagte dem cellischen Sekretär Stambke gegenüber oft über die Heftigkeit seines Bruders: Anton Ulrich habe sich nicht anders angestellt, als wenn er ganz toll wäre. Die Minister wären übel mit ihm daran, wenn er ihnen nicht den Rücken hielte, müßten sie abdanken. Wenn das Geringste Anton Ulrich vorgebracht würde, das nicht nach seinem Kopfe wäre, so emportiere er sich wie ein Unsinniger und wolle sofort Arm und Bein entzwei schlagen. (Gekürzt. Relat. Stambkes 27. Febr. 1698. H. St.) Mit seinem Bruder sei nichts auszurichten. Er stelle sich an, als wenn er halb toll wäre. Gestern habe er den Kanzler aus der Kammer jagen wollen. (Relation Stambkes 5. März 1698.) Anton Ulrich sei ein wunderlicher Mensch, und könne keiner von seinen Leuten mit ihm zurecht kommen. (Relat. Stambkes 4. März 1698.)

2) „Beunruhigen wichtige Angelegenheiten dein Gemüth, so schütte dein Herz gegen niemand aus als deine Gemahlin; da bleibt das Geheimniß am sichersten verwahrt und ist der Frauen Rath nicht immer zu verwerfen. Gönne ihr auch wohl, wie ich es gethan, mitunter einen kleinen Antheil an den Geschäften; laß durch sie zuweilen Andern den Kopf zurecht rücken, was die Frauen am besten verstehen.“ (Testament Anton Ulrichs.)

 

 

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ebenso tadelnswerten, unerquicklichen Gegenaktionen. Um seine Pläne zur völligen Vernichtung des verhaßten Kurwerkes verwirklichen zu können, scheute Anton Ulrich nicht, seinen Bruder in grober Weise zu hintergehen. Die wolfenbüttelschen Gesandten erhielten von ihm Sonderinstruktionen und sandten ihm auch eigene Relationen ein, während in den offiziellen Berichten nur das Unverfängliche, das Rudolf August wissen durfte, mitgeteilt wurde. Noch Schlimmer täuschte er das Vertrauen seines älteren Bruders durch seine einseitigen Abmachungen mit deutschen und fremden Fürsten. 1)

 

Dieses gelang Anton Ulrich um so leichter, da die ganze Leitung der Geschäfte vorwiegend bei ihm ruhte. Havemann 2) verzeichnet mit Befriedigung, daß Rudolf August von den Umtrieben seines Bruders nur teilweise Kenntnis bekommen habe. Gewiß, für das Gegenteil läßt sich kein Beweis erbringen. Rudolf August hatte auch im Gegensatz zu seinem Bruder eine ausgesprochene Abneigung gegen alles Französische und hielt viel auf seine Treue zu Kaiser und Reich. 3) Es muß aber dabei in Betracht gezogen werden, daß Rudolf August ebenso wie sein Bruder über die Erhebung Hannovers zur Kurwürde höchst erbittert war und die Proteste, Fürstenvereine, Kongresse und Bündnisse gegen die Verwandten

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1) Die Belege hierfür siehe an den betreffenden Stellen in den Hauptkapiteln nach. Wie früh aber Anton Ulrich schon eine eigene Korrespondenz mit den von beiden Herzögen bevollmächtigten Ministern unterhielt, zeigt folgender eigenhändiger Brief Anton Ulrichs, wahrscheinlich an Hertel gerichtet. (2. Okt. 1693. W. L.) „Monsieur. Sein Schreiben ist mir wohl geworden und hat niemand als ich, obgleich es andere gesehen deßen inhalt verstanden. Er kan nun jeh eh jeh lieber wieder herkommen und mündlich berichten, was Er alda ausgerichtet, was den mir allein nur gesaget werden, wird Er in seiner öffentlichen relation schon auslaßen. Ich verbleibe etc.“

2) a. a. O. III, 366 ff.

3) Rudolf Augusts zweite Gemahlin äußerte sich zu v. dem Busch (Relation 31. Aug. 1699, H. St.) dahin, dem Fürsten seien die französischen Weisen so zuwider, daß er noch jüngst gesagt habe, „wenn er wüßte, daß er einen Blutstropfen hätte, der franzögisch wäre, so wolle er sich das ganze Blut abzapfen lassen.“

 

 

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entschieden gebilligt hat. Auch war er mit der Requisition der Garanten des Westfälischen Friedens einverstanden. Ihm waren ferner die späteren Hauptverträge des wolfenbüttelschen Hofes mit Ludwig XIV. wohl bekannt. Die Vorschläge Anton Ulrichs zwecks eines Anschlages auf Hannover-Celle aber wollte er „nicht mal anhören, vielweniger annehmen, so inständig dieser ihn auch darum bat.“ 1)

 

Zweifellos wäre es aber nicht zu der Katastrophe beim Beginn des spanischen Erbfolgekrieges gekommen, wenn Rudolf August von Anfang an es mit seinen Regentenpflichten ernst genommen hätte. An den aufregenden Staatsgeschäften fand er kein großes Gefallen. Erst als die verhängnisvolle Politik Anton Ulrichs schwere Verwicklungen heraufbeschwor und er vernahm, daß sein Bruder zur leichteren Durchführung seiner ehrgeizigen Pläne an den fremden Höfen hatte erklären lassen, Rudolf August habe nichts mehr mit der Regierung zu tun und alles ihm übergeben, wandte er den Staatsangelegenheiten größere Aufmerksamkeit zu. Er vermochte aber vorläufig nicht viel auszurichten, geschweige denn der wolfenbüttelschen Politik sofort einen anderen Kurs zu geben, denn fast der ganze Geheime Rat stand auf Anton Ulrichs Seite. Erhob der ältere Fürst, wenn es ihm nicht nach Wunsch ging, bei den Ministern Beschwerde, so zogen diese die Achseln und „keiner wollte den Fuchs beißen“. 2) Wohl kam es dann zwischen den beiden Brüdern zu scharfen Auseinandersetzungen, aber Rudolf August überließ doch dem Jüngeren das Steuer des Staates. Zeitweilig beschränkte sich der Verkehr der Herzöge, wenn sie zusammen in Wolfenbüttel oder Braunschweig weilten, auf das allernotwendigste, wobei

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1) Testament Anton Ulrichs nach einer brieflichen Mitteilung des Herrn Archivrats Dr. Zimmermann.

2) Relat. v. dem Buschs 4. März 1698. (H. St.) Rudolf August gestand dann selbst, daß man ihn als „solem occidentem“ und seinen Bruder als „solem splendentem“ ansehe. Der Erbprinz sei „sol oriens“, dürfe sich indes nicht blicken lassen. Er habe zwar Zutritt zu den Beratungen, müsse aber dabei sitzen, als wenn er aufs Maul geschlagen wäre.

 

 

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sie es vermieden, über Staatsgeschäfte zu sprechen, aus Furcht, „sich bei den Köpfen zu kriegen“. 1)

 

Herzog Rudolf August mangelte es jedoch sowohl an Einsicht wie auch an Tatkraft. Über die verhängnisvollsten Bestimmungen der wolfenbüttelschen Bündnisse mit anderen Mächten war es ein leichtes, ihn hinwegzutäuschen. Blieben ihm dabei gewisse Befürchtungen, so begnügte er sich damit, die Angelegenheit auf den Schutz des Allerhöchsten zu stellen und seine Bedenken in der Form eines frommen Wunsches zu äußern. 2) Nur in einem Punkte ließ er nicht mit sich spaßen, -- wenn es sich um Frieden oder Kampf handelte. Jedem kriegerischen Unternehmen war er abhold und vor gefährliche Situationen gestellt, griff er unerbittlich in die Ausführung der Pläne seines Bruders ein. In dem entscheidenden Augenblick konnte sich Rudolf August zu einer Entschlossenheit aufraffen, die man sonst an ihm zu sehen nicht gewohnt war. Weder die Bitten Anton Ulrichs, noch die Vorstellungen und Drohungen fremder Gesandten vermochten ihn dann zu beeinflussen. Mit Energie und Konsequenz aber den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, seinen Bruder zum völligen Aufgeben seiner gefährlichen Pläne zu zwingen, um hierdurch die Quelle alles Unheiles ein für alle Male zu verstopfen, dazu fehlte ihm doch die ausdauernde Kraft. War die erste Gefahr beseitigt, so verfiel er bald wieder in seine alte Schwäche. Dann gab er sich wieder zufrieden, indem er dem Lenker aller Geschicke die Entscheidung überließ und von ihm Hilfe erwartete, ohne selbst mutig das Werk in Angriff zu nehmen. 3)

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1) Relat. v. dem Buschs 17. April 1700. (H. St.

2) Ganz charakteristisch sind hierfür die Worte mit denen Rudolf August den inhaltsschweren Rezeß mit Dänemark zeichnete (S. S. 92) unterzeichnete (W. L. neunte Kur“ 44), abgedruckt bei Havemann III, 366. Siehe ferner: „Anton Ulrich und Elisabeth Christine“. S. 49, Anmerkung 3.

3) Rudolf August an den Kanzler Wendhausen 31. März/11.April 1703 (W. L.): „Ich verwundere mich über die Pharaonische Verstockung, bitte Gott, daß Er meinen Bruder bekehren, oder wenns nicht anders seyn kann, mir eine Hilfe schaffen wolle auß diesem Labyrinth zu kommen.“ Rud. Aug. an seinen Bruder 14./25. April 1703 (W. L.): „Gott erbarme sich über Euere große blindheit, bekehre Euch, und laße Frieden und Treue in unserm Vaterlande zu unsern Zeiten seyn.“

 

 

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Der Widerspruch Rudolf Augusts genügte aber, um die entscheidenden Schläge Anton Ulrichs gegen die Verwandten zu verhüten. Während die regierenden Fürsten in Hannover und Celle mit der größten Einmütigkeit ihrem Gegner begegneten scheiterte der Ansturm des braunschweigisch-wolfenbüttelschen Hauses auf die hannoversche Kur an der Zwietracht der beiden Herzöge, die in dem verschiedenen Charakter und in dem ungleichen Temperament der Brüder begründet lag. Nicht mit Unrecht setzte daher Anton Ulrich an erster Stelle in seinem Testament seinen Söhnen eine Ermahnung zu brüderlicher Eintracht, hinsichtlich derer er „ein betrübtes Exempel an sich selbst verspürt“. 1)

 

Der Widerstand gegen die neunte Kur hatte aber auch für die inneren Verhältnisse der braunschweigisch-wolfenbüttelschen Lande schwere Folgen. Die Schuldenlast, die der Vater den beiden Herzögen hinterlassen hatte, wurde durch die ungeheuren Ausgaben, die der Streit mit den hannover-cellischen Verwandten erforderte, sehr gesteigert. Die über jedes Maß der Leistungsfähigkeit des Landes vermehrte Wehrmacht verschlang riesige Summen obschon ein großer Teil durch die französischen Subsidien gedeckt wurde. Aber auch die Neubefestigungen des Landes, die durch den Zwiespalt mit den Verwandten nötig gewordene eigene Vertretung des wolfenbüttelschen Hofes an Orten, wo früher ein gemeinsamer Gesandter die Geschäfte des ganzen Welfenhauses wahrgenommen hatte, ferner die oft monatelangen besonderen diplomatischen Sendungen wolfenbüttelscher Minister an die deutschen Fürstenhöfe und ins Ausland stellten große Ansprüche an die Staatskasse. Die doppelte Hofhaltung, die infolge des mit der Zeit immer

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1) Anton Ulrich fährt in seinem Testament fort: „Mir liegt dieser Punkt desto schwerer am Herzen, da ich aus kläglicher Erfahrung gelernt, daß Wohl und Wehe davon abhängt; könnte auch nicht ruhig sterben, bis ich ihn zuvor einem Jeden in's Besondere mündlich zu Gemüthe geführt.“

 

 

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mehr schwindenden Einverständnisses der beiden Herzöge trotz früherer Abmachungen aufrecht gehalten wurde, und zugleich die Prachtliebe Anton Ulrichs konnten nur durch neue Anleihen und Besteuerungen bestritten werden. 1) So gibt die Opposition der wolfenbüttelschen Herzöge gegen die hannoversche Kur den Grund mit ab für die am Anfang des 18. Jahrhunderts überall zu Tage tretende Verarmung ihrer Lande. Für die Mitglieder des braunschweigisch-wolfenbüttelschen Fürstenhauses wie auch für ihre Untertanen zeitigte der Kampf Rudolf Augusts und Anton Ulrichs gegen die Erhebung der verwandten jüngeren Linie zur Kurwürde nur die nachteiligsten Folgen.

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1) Havemann III, 592. Heinemann III, 162 ff.

 

Berichtigungen.

Lies S. 8 „cellischen“ statt „celzlischen“, S. 27 „Strattmann“ statt ( „Stratmann“, S. 71 „König“ statt „Königs“, S. 93 „Magdeburgischen“ statt „Magdeburgischem“.

 

 

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Druck der Westfälischen Vereinsdruckerei vorm. Coppenrathschen Buchdruckerei, Münster i. W.

 

 

 

 

 

Quelle:

Die neunte Kur und Braunschweig-Wolfenbüttel / von Clemens Schwarte

Verfasser Schwarte, Clemens

Erschienen Münster (Westf.) : Coppenrath, 1905

Serie Münsterische Beiträge zur Geschichtsforschung; 19 = N.F. 7

Das Buch ist als eingescannte Online-Ausgabe der Univ.- und Landesbibliothek Münster unter der URN urn:nbn:de:hbz:6:1-147106 verfügbar.

Link: https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/titleinfo/3137206

 

 

 

Leibniz und Peter I.

 

Der große Sohn von Hannover ist der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz.

 

Spuren des Universalgelehrten zeigt ein kleiner Stadtführer mit Orten Hannovers, an denen Gottfried Wilhelm Leibniz lebte, wirkte und die heute noch an ihn erinnern

 

https://www.visit-hannover.com/Sehenswürdigkeiten-Stadttouren/Stadttouren/Rundgänge-Stadttouren-auf-eigene-Faust/Leibniz-Rundgang-Hannover

 

Der Nachlass des Universalgelehrten wird in der Landesbibliothek Niedersachsens aufbewahrt, die seit 2005 Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek heißt. Damit ist eine Verbindung zu den Ursprüngen hergestellt: Denn die Bestände gehen auf die Hofbibliothek der Welfen zurück, die Leibniz einst selbst als Bibliothekar betreute.

 

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) war ein Freigeist, ein Denker, aber auch ein gesuchter Gesprächspartner. Mit mehr als 1.300 Personen stand Leibniz in internationalem Briefkontakt; mehr als 20.000 Briefe sind überliefert.

Ob Philosophie, Jura, Geschichte, Technik oder Mathematik – auf allen Gebieten entwickelte dieser Freigeist Ideen und diskutierte sie mit den Koryphäen seiner Zeit. Viele seiner Ideen inspirierten sein Umfeld, andere wurden verworfen.

 

Begegnungen zwischen Leibniz und Peter dem Großen werden in dem Artikel:

Leibniz und Rußland

Link: http://www.mnemeion.studien-von-zeitfragen.net/Leibniz/LEIBNI_1/leibni_1.HTM und im folgenden Buch beschrieben:

 

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PETER DER GROSSE und Leibnitz.

 

Dr. Moritz C. Posselt.

 

Dorpat und Moscau Verlag von Friedrich Severin. 1843.

 

 

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Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

 

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Seiner Hohen-Excellenz

dem Herrn

Minister der Volks-Aufklärung

Sergei Semenowitsch Uwaroff,

 

wirklichem Geheimen-Rathe, Mitgliede des Reichs-Rathes, Senateur, Präsidenten der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Präsidenten der Commission zur Organisation der Lehranstalten und der Ober-Censurverwaltung, Ehren-Curator der Universität zu Krakau, Ehrenmitgliede der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und der Künste, der Universitäten zu Moscau, Dorpat, Kasan und verschiedener anderer gelehrten Anstalten des Russischen Reiches, Mitgliede des französischen Instituts, des archäologischen Instituts zu Rom, der Akademie zu Madrid, der gelehrten Gesellschaften zu Göttingen, Copenhagen und anderer ausländischen gelehrten Societäten, Ritter des Ordens des heiligen Alexander-Newski, des weissen Adlers, des Grosskreuz des Ordens des heiligen Wladimirs II. Classe, der heiligen Anna I. Classe mit Diamanten und der Kaiserkrone und des heiligen Johann von Jerusalem

 

ehrfurchtsvoll gewidmet

 

vom

 

Verfasser.

 

 

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Ew. Hohen-Excellenz

 

habe ich nicht ohne Begorgniss diese Arbeit zu überreichen die Ehre, welche den Zweck hat, die grossen Gestalten der Weltgeschichte, deren Namen an der Spitze dieser Schrift stehen, würdig und wahr in das lebendige Bewusstsein der Gegenwart zurückzurufen.

 

Wie hätte ich mir die unnennbaren Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens verhehlen können! Allein durch Ew. Hohen-Excellenz aufmunternde Theilnahme an meinen gewagten Bestrebungen und die gütige Beförderung, deren ich mich dabei zu erfreuen hatte, fühlte ich mich so sehr beglückt und ermuthigt, dass ich den Wunsch, mich in der Bearbeitung des gedachten Thema's zu versuchen, nicht unterdrücken konnte.

 

Die Veranlassung und die Grundlage vorliegenden Werkes nenne ich Geistesprodukte einer genialen Persönlichkeit, die ihren Lebensberuf darin fand, die höchsten und heiligsten Interessen des Menschengeschlechtes abzuwägen und mit aller Kraft zu verfolgen, des Weltweisen Leibnitz. Dieselben sind abgefasst im Dienste eines gleichzeitigen, welthistorischen Genius, der dem an ihn ergangenen Schöpferrufe zur Begründung einer neuen Aera in der Entwickelungsgeschichte eines grossen und mächtigen Volkes willig und heilbringend Folge leistete, Peter des Grossen. Es sind die

 

 

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sprechendsten Denkmähler einer innigen Wechselwirkung zweier bevorzugter Geister, deren ganzes Leben einer erhabenen Idee, der Beförderung der Humanität und Cultur angehörte und welche einen Ueberfluss an Mitteln, körperlich und geistig, besassen, um die mannigfaltigsten, erstaunenswürdigsten Gestalten aus sich hervorgehen zu lassen.

 

Lägen selbst keine anderen Zeugnisse über Peter den Grossen vor den Augen der Welt, als die, welche ein Leibnitz voll Bewunderung über diese ganze Erscheinung, voll Freude, ihm seine Kräfte leihen und mit ihm gemeinschaftlich im Interesse der Menschheit wirken zu können, der Mit- und Nachwelt ertheilte und überlieferte, -- miratus in tanto Principe non tantum humanitatem, sed el notitiam rerum et judicium acre, lautet es z. B. in einem Briefe an Kortholt; -- jeder Wissbegierige müsste schon das Verlangen hegen, diesen hochgestellten Geist, dieses ungewöhnliche Werkzeug in der Hand der Vorssehung, näher kennen zu lernen und tiefer in sein inneres Leben einzudringen. Nun aber werden wir in einem der grössten Weltreiche der Geschichte stets, wohin wir unseren Fuss nur stellen, unseren Blick nur wenden mögen, auf dieselbe eminente Persönlichkeit hingeleitet, die vor einem verhältnissmässig so kurzem Zeitraume der Anfang, die Triebfeder und der Begründer aller derjenigen Schöpfungen war, welche in

 

 

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der kräftigsten und erspriesslichsten Entwickelung, in dem erfreulichsten Fortschreiten ihre Früchte getragen haben und nicht aufhören werden, in dieser Bestimmung ihrem Ziele entgegen zu gehen.

 

Wer nur irgend eine Ahnung von der Bedeutung einer welthistorischen Persönlichkeit für seine eigene intellektuelle und moralische Ausbildung besitzt, der wird sich schwerlich dem entziehen: mit tiefem Ernste, mit redlichem Willen und Eifer solche grossartige Charaktere aufzusuchen und nach Möglichkeit zu ergründen, welche, zum Spiegel unseres eigenen Inneren angewendet, die Schwächen und Mängel desselben zurückstrahlen und dadurch das kräftigste Mittel zur Besserung werden.

 

Indem ich den eben so geistreich als schön ausgesprochenen Worten Ew. Hohen - Excellenz: „die Waffe des Gedankens und der Ueberzeugung wirkt jederzeit mächtig auf denjenigen ein, der sich dem Dienste der Wissenschaft und des Geistes gewidmet hat;“ die Anerkennung eines jeden Strebens der bezeichneten Art zu entnehmen nicht umhin kann; glaube ich nicht befürchten zu dürfen, von Ew. Hohen - Excellenz missverstanden zu werden, wenn ich das Bekenntniss ablege mich bemüht zu haben, gemäss der heiligsten Pflicht und Forderung, mit Herz und Geist mich näher an den Weltgeist hinzudrängen und diesem das Licht zu entlehnen, welches unsere alleinige Leuchte sein

 

 

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muss, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, der blossen äusseren Verbindung und Folge der einzelnen Erscheinungen, welche uns zur Bewunderung nöthigen mögen, anstatt der in ihnen verhüllten und sich offenbarenden Kraft, die alles so verbunden und zur Wirklichkeit gebracht hat, mit Triumph zu huldigen.

 

Der Anschein, als ob die gährende Gewalt entgegengesetzter fieberhafter Principien selbst in unserem Welttheile die Pforten des verschlossenen Janustempels sprengen könnte, hat mich um so mehr die Nothwendigkeit erkennen lassen, eine Weltanschauung zu gewinnen, welche, dem Menschen seine Stellung über das Chaos von Widersprüchen und leidenschaftlichen Partheiansichten anweisend, mir die einzig zuverlässige Stütze bei einer Arbeit bieten kann, die über die Tendenzen und Spannungen der Zeit sich erheben möchte.

 

Geruhen Ew. Hohe - Excellenz hierin den Ausdruck der tiefsten Ehrerbietung und des gehorsamsten Dankes zu erkennen, mit der ich verharre als

 

Ew. Hohen - Excellenz

 

Dorpat unterthänigster

im October 1842. Possell.

 

 

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Peter der Grosse

 

und

 

Leibnitz.

 

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ἐν τᾥ μαϑεἵν
ἔν
εστιν ηὐλάβεια τῶν ποιονμένον.

 

 

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I.

 

Im Menschen liegt verhüllt der Keim der Weisheit;
Er forscht, bis dass er kommt zur letzten Einheit.
Als Einzelwesen bleibt er vor sich stehen, I.
Fragt, wer er ist, muss über sich hinausgehen.

 

 

Zwei Namen von ganz besonders hell- und volltönendem Klange führen die nachfolgenden Betrachtungen ein, der des Kaisers Peter des Grossen und der des Philosophen Leibnitz. Welcher Gebildete ist wohl nicht schon zum Voraus unterrichtet, dass es die Namen zweier Persönlichkeiten von einer welthistorischen Bedeutung sind, welche als Männer der Geschichte und als eminente Werkzeuge ihrer Entwickelung eben so einzig und eben so gross sind, als irgend eine andere Persönlichkeit, an welche die Geschichte ihre Epochen knüpft, und welche nicht minder durch eine besondere Erhöhung oder Stimmung der gesammten Seeleneigenthümlichkeit Grosses und Ewiges pflanzten und in diesem der Nachwelt Schöpfungen hinterlassen haben, in denen sich ihr ganzes Sein und Denken spiegelt.

 

Die Geschichte, dieses grosse Lehrbuch der Menschheit, führt uns an die Wiege der Bildung, wo der Mensch am Gängelbande der Natur, der individuellen Bedürfnisse, instinktmässig geleitet wurde; sie zeigt uns das Aufkeimen eines freien thatkräftigen Geisteslebens; sie zeigt uns einen

 

 

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Höhepunkt von ganzen Völkern, aber noch mehr von einzelnen Menschen, vor denen wir staunend gefesselt stehen. ist die Weltgeschichte wirklich das Weltgericht, zugleich aber auch eine weise Verkündigung, die lauteste Zusprache der Gottheit an die Menschen, welchen Weg diese zu wandeln haben; und lesen wir in ihr mit Flammenschrift die grosse Wahrheit geschrieben, dass ein ewiges Fortschreiten, eine Vervollkommenung des Menschen Bestimmung ist: ist sie ein Schlüssel, der schon so manches Räthsel erklärend löste, ein magischer Spiegel, der die verworrensten Erscheinungen geistig geordnet zurückstrahlt; so glauben wir schon hinreichend die Ueberzeugung für begründet halten zu dürfen, dass dieses wunderbare Buch der Geschichte auf allen unseren Lebensgängen, in Schmerz und Unglück nicht weniger und nicht mehr, als in Freude und Glück uns begleiten, und ein treuer, rathender Freund sein muss. Es ist nothwendig ein Gegenstand der tiefsten Betrachtung, der ausdauerndsten Beschäftigung für jeden denkenden Menschen, welcher zu der Einsicht gelangt ist, von welcher Bedeutung es ist, zum klaren Bewusstsein des Zusammenhanges zwischen dem inneren Leben und der äusseren Gestaltung einer grösseren Anzahl von Menschen, wie einer Individualität zu gelangen, alles Einzelne, Temporäre und Lokale, also Formelle nicht höher zu würdigen, als es werth ist, nur das Wesentliche, das Allgemeine und Nothwendige zusammenzufassen und zu überschauen; damit die höchste Aufgabe für den Menschen gelöst: sein Verhältniss zur Welt und Gottheit möglichst wahr erkannt werde.

 

Der Verfasser begnügt sich hiermit, sein Bestreben und seinen Eifer, so wie sein Bedürfniss bezeugt zu haben, dieses gewaltige Buch der Geschichte der Menschheit stets aufzuschlagen und in demselben zu lesen und zu studiren.

 

Wer sollte nicht in der gegenwärtigen Zeit, die offenbar einen neuen Akt des grossen, verhängnissvollen Drama's darzustellen scheint, sich gedrungen fühlen, die von

 

 

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dem Selbstbewusstsein ausgesprochenen, unabänderlichen Principien klar und bestimmt in sich zu erforschen und zu finden. Nur dadurch wird es ihm gelingen in seinem Innern Ruhe und Freudigkeit zu schaffen und die gefahrvolle Lebensbahn zu ebenen, gleich wie die in Zwiespalt und Zerrissenheit begriffenen Gemüther möglichst mit sich selbst zu versöhnen, sie zum Ziele der Uebereinstimmung und Harmonie mit sich zu verbinden. Indem wir Menschen als geistige Wesen gar nicht umhin können, uns als Glieder eines Vernunftreiches zu betrachten, und die Berechtigung zu irgend einer Erkenntniss in dem Selbstbewusstsein zu suchen und zu finden, die massgebende Wahrheit in ihren Gesetzen zu erforschen und zum Bewusstsein zu bringen; indem wir dann aber auch in einem bestimmten nationalen Kreise uns befinden, wo der jedesmalige Ideenkreis, in dem wir leben, uns unwillkührlich von dem Verständniss und der Vereinigung unter einander entfernt und als einziger Massstab und Prüfstein für die Beurtheilung und das Erfassen der Individualität, dieses sittlichen Elementes im Dasein eines Volkes, nicht weniger als für die Darstellung der Eigenthümlichkeiten dieses letzteren, wie es in der staatlichen Organisation sowohl, als in allen anderen Lebensbethätigungen zur Erscheinung kommt, sich aufdrängt, werden wir nothwendig und unaufhaltsam, zu jeder Zeit und an allen Orten, trotz gar manchen Widerstrebens, zum Studium der Philosophie und Geschichte hingeführt. Aber freilich ist die Lage der Geschichte wie der Philosophie, inmitten der Verwickelungen der menschlichen Gesellschaft, eine äusserst schwierige.

 

Vor nicht gar langer Zeit sprach der bekannte Philolog Heyne ein Glaubensbekenntniss aus, und meinte unstreitig eine wichtige, weise Lehre gefunden zu haben, die er in folgenden Worten seinem Schwiegersohne mittheilte: „Im Grunde geht Alles so, wie es unter Menschen gehen kann, gegangen ist, und gehen wird, wenn auch noch einmal

 

 

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6000 Jahre verflossen sein werden. Das Leben des klügsten Menschen besteht aus einem Gewebe von Unvollkommenheiten, Thorheiten, Uebereilungen, Kurzsichtigkeiten, und die ganze Gesellschaft bleibt vielleicht in ewiger Minderjährigkeit. Das ist mein Credo.“ Wenn dem wirklich so wäre, wenn also jedes Ringen und Streben der Menschen ewig tantalisch wäre, so würden diese folglich auch zu keiner Zeit mehr oder weniger wissen und gewusst haben, was Wahrheit oder was Irrthum sein sollte. Wer würde noch begreifen, dass von der Morgenröthe des Menschengeschlechts her, unter allen ungebildeten und rohen, geschweige gebildeten und gesitteten, Völkern, jedes, auch das verkehrteste, Zeitalter einen Werth auf Grundsätze der Erziehung gelegt hat, weil dieser aus keines Menschen Brust zu bannen war und ist? Wozu würde irgend ein Erforschen der Vergangenheit, irgend ein Blick in die Zukunft nützen? wozu die Frage nach dem höchsten und letzten Zwecke des Lebens, nach der freien geistigen und sittlichen Ausbildung unseres Geschlechtes, deren Lösung mit allen Kräften zu erstreben der zum wahren Leben erwachte Mensch nur durch Abstumpfung und Erstickung aller heiligen Regungen seines Innern von sich abwehren kann? ist es nichts, oder ist es eine Lüge, dass so viele Menschen vor uns es für ihre heiligste Pflicht gehalten haben, nicht nur über jene Frage nachzuforschen, sondern derselben ihre edelsten Kräfte zu opfern, ja selbst in dem Kampfe für Lösung derselben den schmerzlichsten Tod nicht zu scheuen?

 

Jedes einzelne Ding hat seine Bestimmung, die darin besteht, dass es sein Wesen darstelle, verwirkliche. Nicht weniger in der That der Mensch; nur mit dem grossen Unterschiede, dass die Verwirklichung seines Wesens durch geistige Entwickelung zum Vollkommnerem, d. i. durch Bildung und Erziehung geschieht. Er allein unter allen lebenden Wesen fühlt und weiss, dass er etwas werden soll, was er noch nicht ist, dass er nicht ist, was er werden

 

 

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soll. Diese Thatsache kündigt sich in seinem Innern so laut und bestimmt an, dass er nicht umhin kann, es für seine erste Pflicht und wichtigste Aufgabe in diesem Leben zu erachten, jenes grosse Thema stets vor Augen und im Herzen zu behalten, um in dem Streben nach seiner Bestimmung, nach Wahrheit, endlich auch das ihm bestimmte einzige Ziel zu erreichen. Jedes Hinwenden und Einkehren des Menschen auf und in sich selbst führt ihn zur Selbstorientirung in der Umgebung aller Dinge, zur Selbsterkenntniss und demnach auch zum Selbstbewusstsein. So nur lernt er dasjenige, was irgend er bestimmt ist zu sein, den inneren Grund aller seiner Eigenschaften, sein Wesen kennen.

 

Der Mensgch steht im Mittelpunkte der ihm bekannten Schöpfung und stellt deren Idee in sich am vollendetsten dar, so dass alle Elemente und Kräfte derselben in ihm nicht nur wiederholt, sondern zu einem vollständigen, harmonischen Gebilde des Ganzen, zu einem Mikrokosmus im Makrokosmus, verbunden erscheinen. Wenn nun alle Radien des grossen Naturzirkels in seiner Natur zusammen laufen, und alle Punkte der Universalperipherie nothwendig auf ihn als ihr Centrum bezogen werden müssen; wenn ferner der Mensch durch sein Erkennen Jegliches, was sich ihm darbietet, in sich aufnimmt, aber auch Jegliches, was er aufgenommen hat, in sein Leben handelnd und wirkend wieder abdrückt; so müsste in der That kein Zweifel obwalten dürfen, welcher unter allen Gegenständen, die sich dem Menschen zur Erkenntniss darbieten, ungeachtet der vielfachen und grossen Verirrungen, der erste und der letzte, der wichtigste ist und bleibt. So weit auch des forschenden Geistes Blick in der Natur der Dinge herumschweifft, immer kehrt er zurück, von wannen er ausgesandt ward, zum Menschen. Denn das eifrigste und erspriesslichste Studium der äusseren Natur mit allen ihren erhabenen Kräften mag immerhin ein grosses Reich von

 

 

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Vorurtheilen, Unwissenheit und Untugenden zerstören, die Mühen und Leiden des menschlichen Lebens vermindern; es mag, von dem hohen Gedanken ausgehend, dass die Erde nur in der schönen, ewigen Harmonie des Universums erkennbar ist, die glänzendsten phänomenologischen Entdeckungen im Gebiete der Materialität der staunenden Menschheit vorlegen; aber die Quelle der inneren Zustände der wahren Freudigkeit, Zufriedenheit und Frömmigkeit ist es nimmermehr. Nur aus der Harmonie der geistigen Gesammtheit, des Geisterreiches, durch Erforschung der unumstösslichen Wahrheiten, die sich in das gesammte geistige Leben des Menschengeschlechtes ausdrücken, kann dieses sein Ziel erkennen und sich dessen bewusst werden, wie sittliche Besserung und Vervollkommenung unter den Bewohnern des Erdkreises geschaffen werde. Es ist eine heilige Pflicht für den Menschen, sich stets hinzuwenden zu dem vollständigsten, harmonischen Gebilde der Schöpfung und die Enthüllung der stillen, durch alle Geister sich hindurchziehenden, aber dem gewöhnlichen Auge so tief verborgenen, Harmonie mit allen Kräften zu erringen. Deshalb singt auch der Dichter:

 

Nicht Meer, nicht Niederung, noch Fluss kann es begränzen,
Was als der Menschheit Gut, als Erbtheil Aller gilt;
Des Geistes Schranken sind allein die wahren Gränzen,
Und nur durch Aufklärung erstebt der Einheit Bild.“

 

Der in seiner Hand die Spindel der forttreibenden Zeit von Ewigkeit her hält und dreht, schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde. Unsere Abkunft ist aus einem unendlichen Geisterreiche. Das Weltgesetz, welches die Sterne schuf und ihre Bahnen zeichnete, welches ewig schaffend sie hält und trägt, ist kein anderes, als dasselbe, welches die Geister aus ewigem Urquell hervorrief und ewig noch ruft. Es ist die Gottheit, welche in uns lebt, und durch welche wir, geboren und sterbend, ewig leben werden. Unser Leben ist also eine Flamme der Ewigkeit, und das erste und einzige,

 

 

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welches kühn die Unsterblichkeit fordert. Die Bestimmung dieses Lebens an den Erscheinungen des unendlichen Raumes ist mithin die Bestimmung eines ewigen Momentes, als eines Wechsels, eines Ueberganges unendlicher Vergangenheit in unendliche Zukunft. Werden wir demnach noch zweifelnd fragen dürfen: wo unser Heimathland? ob es die Wahrheit ist? Wie dürfen wir uns sträuben, der Einen Sonne uns zuzuwenden, die uns allen leuchtet, die alle Wesen zum Leben erwecket und ihnen die Bahn vorschreibt, die sie in ihrem Lichte zu wandeln haben!

 

Das Räthsel des Sphinx ist gelöst. Mag auch im Einzelnen und in grossen Epochen das menschliche Erkennen und Handeln in der Aeusserlichkeit befangen sein, stets wendet es sich doch im Ganzen und nach Verlauf einer cyclischen Zeitdauer zu seiner Heimath zurück. Es widerspricht zu sehr der Bestimmung und der wahren Natur des Menschen, dass die Entwickelung seiner Gemüthskräfte keine andere Triebfeder als Lust und Unlust kennt; dass jede Beschäftigung so gut wie Müssiggang ist, die nicht den ausschliesslichen Zweck hat, diese Triebfeder zu befördern, nur physische Bedürfnisse zu befriedigen, Materielles zu produciren; dass der Verstand nur für den Dienst dieser vergänglichen, stets sich verändernden Neigungen aufgeklärt wird und die Vervollkommenung seiner Begriffe in ihrer Thätigkeit zur Verfeinerung und Vervielfältigung der Genüsse, die Richtigkeit seiner Ueberzeugungen in ihrer Angemessenheit zu den stets abwechselnden Bedürfnissen der Sinnlichkeit, und das Streben nach Wahrheit in der Geschmeidigkeit der Urtheilskraft, die Verstandesregeln der Veränderlichkeit der äusseren Umstände anzupassen, besteht. Nichts bliebe dem Menschen übrig, als auf Grundlage solcher Widersprüche im Dünkel herzloser Ueberweisheit und im Selbstbetruge kurzsichtiger Verzweiflung zu behaupten, dass die Menschheit in ihrem Leben und Weben

 

 

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nur einem Sumpfe vergleichbar sei, welcher unter dem Winde des Zufalls dumpf und ziellos hin und her wogt, d. h. dass die Idee einer Entwickelung und Fortbildung des Menschengeschlechtes ein eitler Wahn sei. Wer keine Vorstellung davon hat, dass die Gegenwart, in die er Alles hineinversetzt, die ihm Alles in Allem ist, nur ein phantasmagorisches Bild darstellt; der vermag offenbar nicht die unvollkommenste Einsicht sich zu erwerben, wie Vergangenheit und Zukunft so nahe an einander gränzen, dass die Gegenwart eigentlich erloschen ist, wie eine Minute die andere treibt, und unvermerkt und kaum geahnet die Spindel der forttreibenden Zeit fortrollt und den Faden der Menschheit unabänderlich fortspinnt.

 

Der Mensch als ein sinnlich vernünftiges Wesen vermag vermöge seiner Sinnlichkeit nur den Moment zu fassen, an welchen seine physische Existenz gebunden ist. So wenig er aber den Forderungen der Materialität, die er mit jedem organischen Geschöpfe der Erde gemein hat, entweichen kann, eben so wenig vermag er sich den Gesetzen und Ansprüchen der geistigen Hälfte zu entziehen. Und diese ist es, die ihn nur an Vergangenheit und Zukunft knüpft. Denn aus Vergangenheit und Zukunft gestaltet sich nur, was wahrhaft ist, in der augenblicklich vorüberschwindenden Gegenwart, nach den unveränderlichen, ewigen Gesetzen der Vernunft. Die materielle Welt, auf deren Wahrnehmung und Erfassen der Sterbliche so fest vertraut, mag ihre Rechte haben und geltend machen; aber wahrhaft und über allen Wechsel der Zeiten erhaben besteht alleine, was geistig geboren wurde. Und auch dieses nicht blos dadurch, dass es in die Welt trat und gleichsam verkörpert wurde, sondern dadurch, dass es in tausend Formen über die Erde fliegend sich entwickelt und ausbildet, und als etwas Unwandelbares zum Bewusstsein des Menschengeschlechtes gelangt. Alle Erscheinungen und Thätigkeiten im Menschenleben, wie verschieden Sie auch von uns genannt

 

 

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werden, erhalten erst dadurch ihre wahre Bedeutung und ihren ausgleichenden Gehalt, dass sie aus dem Geiste hervorgegangen und von diesem bearbeitet über jegliches Gemüth eine rein sittliche Nachwirkung ausüben.

 

Welcher Selbstbetrug also, dass der denkende Mensch so häufig, so sehr häufig sich nur bestimmt hält, den Gedanken zu verwirklichen: in immer freierer und rascherer Bewegung auf der Bahn des Beobachtens und Geniessens vorwärts zu schreiten; die materiellen Interessen der Industrie, des Handels, des Gewerbes jeder Art als normgebende, als das Lebensprincip anerkannt zu sehen. Das materialistische Princip soll das Gesetz der Entwickelung und Regelung, das Heilmittel für alle Uebelstände in sich selbst tragen! Freilich nur durch Anerkennung eines solchen Hebels ist es heut zu Tage dahin gekommen, dass ganze Länder nichts als grosse Fabriken mit einem grossen Bazar geworden; dass die ganze Verwaltung derselben sich einzig und allein um commerzielle und industrielle Verhältnisse dreht und Alles nach ökonomischem Gewinne und Nutzen berechnet wird. Der ganze Mechanismus des Staates wird darnach gewürdigt, ob und wie er die Interessen des Handels und des Gewerbfleisses begünstigt, welchen Einfluss er auf die Fonds ausübt. Selbstsucht, gränzenlose Selbstsucht ist die Triebfeder aller dieser Handlungen und Bewegungen. Kleinliche, augenblickliche Rücksichten beherrschen die Gemüther. Veränderlich, launenhaft und nur den Moment erhaschend drängt die Masse dieser Strebsamen an Alles sich heran, um schnell von dem Einen zu dem Anderen zu fliegen. Der Ernst, die Grundlage alles Gedeihens in jedwedem menschlichen Beginnen, ist gewichen, und man darf wohl mit Recht sagen, unsere Zeit will spielen, „spielen mit Staat und Haus, mit der Religion und mit der Freiheit, mit dem Vermögen der Seele, wie mit dem Vermögen in Fonds.“ Wer noch irgend das Ergebniss dieser neueren ökonomisch-politischen Weisheit, die Zerwürfnisse aller

 

 

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Verhältnisse, den aufgelösten Zustand aller höheren Tendenzen, die Zerrissenheit aller sittlichen Bande, kurz die gänzliche Verknöcherung einer Nation in materiellen Interessen bezweifeln, oder schonender und nachsichtiger beurtheilen wollte; den weisen wir hin auf die höchste Extravaganz des Geistes in gegenwärtiger Zeit, auf die Ansicht, dass das Christenthum, diese Lehre des Heils und der Wahrheit, mit Staatssachen nichts zu thun habe; auf die Thatsache, dass tausende von Menschen in einem, nach solchen Principien organisirten, Staate Europa's, dieses von der Vorsehung so sehr begünstigten Welttheiles, herumirren, ohne den Namen des göttlichen Verkündigers jener Lehre zu kennen, dass dieses Volk sich wundert, bei einer ganz besonderen Veranlassung vom Throne herab die Vorsehung angerufen, den Namen Gottes genannt zu hören. ist denn der Staat eine reine Sache, eine res, welche in den unglaublichsten Abstraktionen ihren Stütz- und Haltpunkt finden könnte? ist das Volk nicht eine moralische Person, welche nimmermehr durch materielle Beobachtungen und Experimente, durch Betrachtung der äusseren Natur, durch Benutzung aller ihrer Kräfte und Stoffe, durch die Idee der Selbstregierung den ihr stets drohenden Uebelständen und Gefahren vorbeugen oder diese aufheben und absorbiren kann?

 

So wie der einzelne Mensch ohne Religion kein wahrhafter Mensch mehr ist, so kann auch kein Staat ohne Religion, ohne Gottesfurcht, bestehen. Dieses erkannte schon der alte heidnische Philosoph Cicero, und sagte deshalb (de Natura Deorum lib. I. c. 2.): atque haud scio an, pietate adversus Deos sublata, fides etiam et societas generis humani et una excellentissima virtus, justitia, tollatur. Die wesentliche Aufgabe des Staates ist die Realisirung der Rechtsidee. Diese wurzelt in der moralischen und religiösen Natur des Menschen. Was kann also der Gemeinschaft, wie dem Einzelnen Wichtigeres obliegen, als diese Natur

 

 

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zu erforschen, diese Wesenheit des Menschengeschlechts nach Möglichkeit zu ergründen?

 

Das einzige und wesentliche Lebensprincip der Staaten liegt im Christenthume. Auf der Bewahrung, Pflege und Verbreitung der christlichen Erkenntnisse beruht ihre ganze Existenz in ihrer Besonderheit und Eigenthümlichkeit, aber auch ihre ganze höhere Berechtigung zu einer vollkommneren Existenz. Diesem Gesetze, welches aus dem eigenen besseren Bewusstsein, Wesen und Berufe der Gesammtheiten, wie der Einzelnheiten hervorgeht, dessen Verwirklichung sie selbst als ihre Aufgabe anerkennen, sind sie unbedingt pflichtig und unterworfen.

 

Das Wesen des Christenthums beruht auf Erziehung und Vervollkommenung; denn die Schrift sagt: „werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Das Gesetz der Erziehung und Vervollkommenung ist uns zugleich dargelegt als das der Aufhebung gewissenloser Verweltlichung, d. i. der Zerstörung, der Verwirrung und Verflachung der Begriffe, des dürren Formalismus, der sittlichen Selbstrechtfertigkeit oder Schlaffheit, des unbedingten rohen Hervortretens der materiellen und politischen Interessen. Mit der Bildung durch Religion ist uns also auch die allgemein wissenschaftliche Bildung geboten, welche beide stets in der Erziehung Hand in Hand gehen müssen. Die Wissenschaft im wahresten Sinne des Wortes ist es, welche die Aufgabe hat, die verkümmerten und getrübten Gestalten des Lebens rein und gediegen an das Licht zu heben und die Momente zur Herstellung der wahren Menschennatur, zur Realisirung der Idee der Heiligung klar und bestimmt zu zeigen. Wer möchte sich noch überreden, dieses durch den Hebel der materiellen Welt oder durch leere, todte Abstraktionen zu Wege zu bringen? Wo haben wir diese zur Religion, zur Tugend führen sehen?

 

Nichts steht fester als dieses dass der Mensch immerdar dahin zurückkehre, von wo er ausgesandt ward, dass

 

 

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er stets sein Heimathland suche, d. i. die Wahrheit. Die höchste Geschichte seines Geistes ist wahrlich etwas Besseres als ein Wahn, als die Geschichte der menschlichen Verirrung; es ist das Reich der Wahrheit und des Geistes, wie er sich in seinen einzelnen Momenten entfaltet. Dafür sind andere Quellen, Grundlagen, Bestandtheile und Dimensionen zu betrachten, als die vereinzelten Erscheinungen einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Raumes. Das eifrigste und selbst das erspriesslichste Studium der äusseren Natur mit allen ihren erhabenen Kräften ist nur ein sekundäres im Verhältnisse zu dem der allgemein gültigen Principien für das Leben und Handeln, für die sittliche Besserung und Vervollkommenung des Menschengeschlechts, welche wir nur in dem Wesen dieses selbst finden.

 

Wir lassen uns nicht irre machen durch die unendliche Verschiedenheit der Seeleneigenthümlichkeit der Menschen. Wir erblicken den unnennbaren Abstand zwischen einem Troglodyten, einem menschlichen Wesen, welches kaum bis zur Zahl Sechse zu zählen vermag und einem Geiste, welcher das Gesetz entdeckte, nach welchem das Weltall sich bewegt; zwischen einem Menschen, welcher einem Automaten gleicht, und einem Genius, dessen Thaten-Schauplatz nicht hier oder dort, in diesem oder jenem beschränkten Raume verzeichnet ist, sondern sich weit hin über eine ganze Welt ausdehnt, tief und innig verzweigt in alle Verhältnisse des Lebens, so dass dem gewöhnlichen Menschenverstande oft treffende und kräftige Worte selbst fehlen, um sie entsprechend zu bezeichnen und zu schildern und der klügelnde Verstand sich gar häufig daran versündigt, dass er alles nur mit dem Masse messen will, welches ihm zu Gebote steht. Wir kennen sehr wohl die beklagenswerthe Kluft, welche zwischen einem menschlichen Wesen, in dem jeder Wissenstrieb, jedes Wahrheitsgefühl nicht alleine gelähmt, sondern völlig erstickt und begraben, in dem keine Spur einer heiligen Regung mehr zu finden

 

 

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ist, und zwischen dem geistig Erleuchteten befestigt ist, der mit Geistesklarheit und Besonnenheit seine glühende Liebe für Wahrheit, Recht und Menschenwohl stets und allenthalben bezeugt, der trotz aller möglichen traurigen, jedes edle Gefühl verletzenden Erfahrungen doch den Glauben an die Menschheit nicht verliert und bis zum letzten Hauche seines Lebens ein starker, wahrhafter Kämpfer für das Wahre und Gute bleibt.

 

Wovon zeugt denn aber dieses? Was will man Nachtheiliges für das Wesen der Menschennatur daraus folgern? -- Höchst sinnreich ist in dieser Beziehung Goethe's Ansicht über die Seelen der Menschen, die er beim Tode seines Freundes Wieland äusserte. Es giebt, sagte er, verschiedene Classen und Rangordnungen der letzten Urbestandtheile aller Wesen, gleichsam der Anfangspunkte aller Erscheinungen in der Natur, die er Seelen, aber lieber, Monaden nennt. Einige von diesen Monaden oder Anfangspunkten sind, wie die Erfahrung zeigt, so klein, so geringfügig, dass sie höchstens zu einem untergeordneten Dienste und Dasein sich eignen; während andere stark und gewaltig sind, die Alles, was sich ihnen nahet, in ihren Kreis zu reisssen und in ein ihnen Angehöriges zu verwandeln pflegen, so dass diese eigentlich nur Seelen genannt werden können. Diese Weltseelen, Haupt- oder Weltmonaden sind durch ihren Fleiss, durch ihren Eifer, durch ihren Geist, womit sie so viele weltgeschichtliche Zustände in sich aufnahmen, zu Allem berechtigt und besitzen deshalb auch eine wahre Fortdauer von Persönlichkeit; sie stellen ihre Thätigkeit im Momente der Auflösung selbst nicht ein, oder verlieren sie, sondern setzen sie in demselben Augenblicke wieder fort, aus den alten Verhältnissen mit mächtiger Intention scheidend, um wieder neue einzugehen. Sie rufen und locken alle niederen Seelenerscheinungen, um diese durch Aufhebung des Mangels tausendfacher Kenntnisse, namentlich der ersten und wichtigsten, der Selbsterkenntniss

 

 

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zur Monas einer gebildeten Menschenseele zu erheben.

 

Auf solche Weise besteht der ewige Kampf gegen die Unwissenheit, das Unrecht, den Irrthum, gegen die Unordnung und das Uebel, welcher die ewig dauernde Anstrengung aller Seelenerscheinungen, des Menschengeschlechts ist, durch Befreiung aus einem verworrenen, thierischen Zustande zu einem neueren und höheren Kreise der Schöpfung, durch eine seiner Natur entsprechende Entwickelung zu einem besseren Zustande zu gelangen. Welch ein unermessliches Feld eröffnet sich hier in der Welt- oder vielmehr Menschengeschichte! Aber auch zugleich welch' ein unermesslicher Kampf mit widerstrebenden Kräften ist uns auf dieser Laufbahn angesagt!

 

Wir Menschen haben ein Werk zu vollenden, das unermessliche Werk, welches unser gegenwärtiges Sein mit unserem zukünftigen Sein verbindet.“ Möchte Jemand glauben, diese Aufgabe zu lösen ohne beständige Verjüngung, d. i. ohne Entfaltung und Entwickelung seines ganzen Wesens, ohne Erziehung? Und könnte diese irgend eine feste Basis haben, wenn sich nicht alle Fragen der Wirklichkeit in die Frage nach der nothwendigen Ursache, nach dem unendlichen Wesen, welches Alles hält und regiert, nach seinen inneren Gesetzen auflösten?

 

Wenn also irgendwo klare Einsicht, aufrichtiges Einverständniss und treues Wirken nothwendig und für die Menschheit erspriesslich ist und war, so ist es gewiss, wie wir kurz sagen können, im Fache der Erziehung des Menschengeschlechts; denn nur hier erblicken wir die geistigen und sittlichen Bande, welche alles Wesen als Glieder des grossen totalen Weltorganismus an einander ketten. Auf diesem Gebiete haben wir eben so weite Entdeckungsreisen zu machen, als wir grosse Schätze auf diesen in Besitz zu nehmen und von dorther mitzubringen haben. Wo wir nun Individuen antreffen, welche die grössten Mühen und Anstrengungen

 

 

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solcher Reisen nicht gescheut und ihre eingesammelten Schätze Allen mitgetheilt, zum Gemeingut ihres Geschlechtes gemacht haben; da müssen wir inne halten in der Weltgeschichte, und an ihrem Leben und Handeln uns stärken.

 

Mit Recht sagt Herm. Reuchlin in seiner Geschichte vom Port-Royal Bd. I. pag. 355: „Der Geist stärkt sich am anderen Geiste, aber die grösstmöglichste Stärkung und Stählung und Bereicherung liegt in dem Wechselverkehr bedeutender Männer mit einer gewaltigen moralischen Persönlichkeit, in dem Wechselverkehr Einzelner und eines grossen historischen Mittelpunktes geistigen, socialen und religiösen Lebens.“ Die Weltgeschichte mag der Beispiele mehrere eines Wechselverkehrs eminenter, bevorzugter Persönlichkeiten aufgezeichnet haben; aber vielleicht keins ist so erspriesslich und bedeulungsvoll für die Geschichte der Entwickelung eines mächtigen Geschlechtes gewesen, als das zwischen dem Russischen Kaiser Peter dem Grossen und dem deutschen Philosophen Leibnitz.

 

Wir nehmen keinen Anstand zu behaupten, es war ein wichtiger Tag, wohl würdig in die Gedächtnisstafel aller Zeiten eingetragen zu werden, an welchem der kühne Herrscher, mit grossen Schöpfungen schwanger gehend, den einfachen Lebensweisen, den von allen Zeitgenossen hochgepriesenen Gelehrten und Menschen, welchem das Reich der Wissenschaften und des Lebens im Geiste auferstanden war, empfing und ihn einlud, mit hin zu ziehen in jene Regionen, wo eine neue Gestaltung der Dinge, eine ganz neue Zeitperiode für ein grosses Yolk begonnen habe und fest begründet werden solle, damit er auch hier seine seltene Kraft in vollem Masse thätig sein lasse, um eine organische Umgestaltung dieses Volkes mit befördern zu helfen. Je inhaltsreicher die Gedanken und Bestrebungen der ganzen gebildeten, und zum Theil auch der ungebildeten Welt auf das westliche und östliche Europa sich beziehen,

 

 

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von deren Entwickelung, Verständigung und Vereinigung für die Erreichung Eines Zieles so unendlich Vieles abhängig ist; um desto entschiedener müssen sie hingelenkt werden auf die hinreissende Uebereinstimmung der Gesinnungen und der Willenskräfte jener beiden Repräsentanten zweier grosser Völkerstämme, welche, von einem gemeinsamen Impulse für das Wohl und die Erziehung der Menschheit getrieben, in ein möglichst inniges Wechselverhältniss traten und im urplötzlichen Einklange aller Hauptgedanken, der erhabensten aller Harmonien, unvergängliche Schöpfungen entstehen liessen.

 

Es war kein Zufall oder blindes Ungefähr, dass diese in Beziehung auf ihre schöpferische Kraft so verwandten Geister sich fanden und gegenseitig ergänzten. Nur dadurch, möchten wir behaupten, wurde es auch möglich, ein Werk in weniger als vierzig Jahren vollendet zu sehen, zu dem es in anderen Regionen und zu anderen Zeiten der Arbeit von wenigstens zwei Jahrhunderten bedurft hätte. Denn Peter der Grosse, ganz ein Sohn seiner Zeit, hervorgegangen aus der Gesammtheit seines Volkes, wurde erst dadurch der wahrhafte Reformator, dass in ihm die geheimnissvolle Fackel des Wissens angezündet wurde und hell aufflammte, dass er mit und durch dieses Licht den Zeitgeist tief zu erfassen und frei zu beherrschen lernte. Wenn irgend ein Zeitgenosse ihm hierin als Vorbild dienen konnte, so war es Leibnitz, welcher damals gleichsam der Haupterbe aller Schätze des früher errungenen Wissens war und das ihm verliehene Unterpfand nicht in die Erde vergrub, sondern mit demselben kräftig und frisch Wucher irieb und für die Zukunft arbeitete. Er konnte und musste seinem geistigen Ebenbürtigen von dem Gute mittheilen, welches er zur Entwickelung der glänzenden Gaben des Schöpfers empfangen hatte; so wie dieses Mitgetheilte, weil lebendig und entwickelungsfähig, von dem Empfänger gepflegt werden, und in ihm, sein ganzes

 

 

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geistiges und materielles Sein befruchtend, sich ausbreiten musste.

 

Wer nicht aus anderen Gründen den Gedanken zu fassen vermag, dass Peter der Grosse eben so wenig, wie Alexander von Macedonien und Carl der Grosse, ein blosser Eroberer war, der nur daran dachte, sein Reich nach Aussen zu vergrössern und gegen äusserliche Anmassungen sein Eigenthum zu schützen, oder seine Herrschaft Fremden aufzudringen; sondern dass er berufen war, durch den inneren Kern des Lebens eine für alle Fälle nachhaltige Kraft in der geistigen Höherstellung seines Volkes zu gründen, die innere Verwaltung seines Reiches nach unvergänglichen Gesetzen festzustellen; den weisen wir hin auf den Wechselverkehr zwischen ihm und Leibnitz. In diesem finden wir eine solche gegenseitige Begeisterung, welche nur aus der Anerkennung höherer Gedanken und geistiger Bestrebungen für die heiligen Interessen der Menschheit entspringen kann; -- und nimmer mit der Marktelle des Materiellen und Praktischen gemessen werden darf.

 

Es bedurfte von Seiten Leibnitz's nicht der Worte Cuvier's, welche dieser an Napoleon richtete, um dessen Unterstützung für eine wissenschaftliche Unternehmung zu erlangen: Sir, les conquêtes d' Alexandre ont été perdues bientôt après sa mort, mais les oeuvres d' Aristote se lisent encore tous les jours, damit er den von ihm bewunderten grossen Herrscher zur Uebernahme und Begünstigung unzerstörbarer Arbeiten gewinne; denn dieser kam ihm selbst mit der Erklärung entgegen, die einst Alexander der Grosse seinem unvergesslichen Lehrer schrieb: dass er sich lieber durch Kenntnisse des Besten, als durch Macht und Herrschaft auszeichnen wolle (vid. Aulus Gellius, Noctes Atticae lib. XX. cap. 5.). Aus eigener Neigung und innerem Triebe wurden von Peter dem Grossen die Ideen ergrifffen, und bewegten sich im Grunde seines Wesens, welche, aus dem schöpferischen Geiste des für das

 

 

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Wohl seines ganzen Geschlechtes so jugendlich arbeitenden Zeitgenossen entsprossen, ihm vorgelegt wurden. Und wenn es für ihn der Aufmunterung dazu, der Antriebe bedurft hätte, Russlands Verhältnisse im Brennspiegel der Civilisation und Bildung zusammen zu fassen, so war es gewiss stets der Beherrscher dieses weithin ausgedehnten Landes selbst, der in seiner Seele das Grösste wie das Kleinste verarbeitete, und durch die immer neu gewonnenen, höheren Gesichtspunkte, unter denen er das niedere Spiel der Welterscheinungen mit allen ihren Gegensätzen zusammenzufassen strebte, den grossen Leibnitz als seinen Lehrer erkannte. Durch einen solchen Austausch der Gedanken, durch einen solchen Wechselverkehr der Einsichten und Ideen, wie zwischen Peter dem Grossen und Leibnilz stattfand, gestützt auf einen eisernen Willen und die unermüdlichsten Kraftanstrengungen, musste ein Werk schnell gedeihen und vollendet werden, welches wohl zu der Frage drängt, wo ist der Sterbliche, der sich rühmen dürfte, ein schwierigeres und grösseres geschaffen zu haben.

 

Mag Alexander der Grosse am Grabe Achilles, diesen Helden am meisten um den Sänger, der ihn verherrlicht hatte, beneidet haben; mag die Nachwelt diesen grossen macedonischen König, den Beherrscher eines Weltreiches, so vielfach glücklich gepriesen haben, dass er einen Lehrer und Erzieher in der Person des Aristoteles besass, dessen Name gewiss stets neben dem Alexanders genannt werden wird, wenn von demjenigen die Rede ist, was dieser gefeierte Heros des Alterthums für die Entwickelung des Menschheitlichen erstrebt und gethan hat. Wir preisen mit demselben Rechte den ebenfalls von der Weltgeschichte, d. i. dem Weltgerichte, mit dem Beinamen des Grossen belegten Beherrscher Russlands, den Gründer eines noch grösseren Weltreiches, nicht weniger hoch, dass er, zu grossen Dingen geboren und Grosses schafffend, nicht blos Leibnitzen fand, sondern auch in ihm die kräftigste Stütze,

 

 

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die erspriesslichste Hülfe auf dem Wege zum Ziele einer genetischen Umgestaltung und einer organischen Entwickelung seines noch so niedrig stehenden Volkes erkannte, und erhielt.

 

Was ist übrig geblieben und besteht noch als Denkmal der untergegangenen Weltreiche längst vergangener Zeit? -- Nichts, als was die Wissenschaft aufzuweisen hat, was in ihr lortlebt und ewig fortschreitet. Die Liebe und die Begeisterung für diese Wissenschaft war das Lebensprincip Leibnitzens, aus dem alle seine Produkte hervorgingen. Dasselbe auch bei dem im Norden herrschenden Gönner wuchern zu lassen, wie es ihm gelungen war, schon manches gekrönte Haupt für den reinen Dienst der Göttin Minerva zu gewinnen, musste demnach auch sein einziges Bestreben sein. Bedurfte es von seiner Seite nicht der eindringlichen Darstellung vom Nutzen der Wissenschaften und der durch sie zu begründenden Bildung, um einen in der Person Peter des Grossen daran Zweifelnden zu überführen, dessen Genius einen solchen Gedankenschwung genommen hatte, dass ihn nur ein ähnlicher Geist, wie er in Leibnitz verkörpert war, verstehen und wahrhaft fassen konnte; so entstand doch für ihn aus dem nothwendigen Verkehr dieser gleichzeitigen Genien die Aufgabe, dass er alle, durch sein Sinnen, Streben und Leben möglichen Materialien zu dem grossen Baue eines auf den Grundpfeilern der Wissenschafften und der fortschreitenden Bildung zu errichtenden Gebäudes, dessen auserkohrener Baumeister nicht allein für bestimmte Zeitmomente, sondern für die Menschheit zugleich gebaut haben wollte, herbeiführte.

 

Dass und wie Leibnitz, bis zum letzten Lebenshauche voll frischer Lust am Forschen und Bilden, diese seine Aufgabe löste, darüber sind die sprechendsten Zeugnisse aufbehalten, welche, wie ähnliche Zeugnisse des Aristoteles über seinen Alexander dessen Andenken am würdigsten erhalten haben, auch stets ein nicht unbedeutendes Blatt in

 

 

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dem Lorbeerkranze des Russischen Helden ausschmiicken werden.

 

Es ist zur Genüge bekannt, dass Leibnitz der Einladung Peter des Grossen, sich nach Russland überzusiedeln, nicht Folge leistete. Er sah sich aus mehrfachen Gründen genöthigt, für die ihm vom Zaren mit dem grössten Vertrauen gemachten glänzenden Anerbietungen zu danken. Aber gewiss mit der reinsten Freude und der aufrichtigsten Bereitwilligkeit vernahm er hierauf die Aufforderung Peter's, für die Begründung der Bildung und für die Beförderung der Kenntnisse und Wissenschaften in dessen Reiche nach Kräften behülflich zu sein. Nichts konnte ihm willkommener sein, und nichts war ihm willkommener nach der ganzen Eigenthümlichkeit seines stets forschenden und strebsamen Geistes, der schon seit längerer Zeit in jene entfernte Gegenden hinüber gestreift war und hier ein unermessliches Gebiet für rein geistige Thätigkeiten, für die Gewinnung der wichtigsten Kenntnisse erkannt hatte. Denn wir finden in manchen Briefen an seine Freunde aus einer früheren Periode, wie er in dieser Beziehung dachte. So lesen wir in einem Briefe an La Croze *), aus dem Jahre 1709, wie er, nachdew er sich mehrmals vergebens bemüht hatte, Probestücke der Sprachen der, dem Russischen Scepter unterworfenen, Völker und der benachbarten Länder aus Russland zu bekommen, sich in dieser Angelegenheit an

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*) Dieser Mathurin Veysiere de la Croze, geb. 1661 zu Nantes, lebte seit 1696, in welchem Jahre er zur protestantlischen Kirche überging, in Berlin, und starb daselbst als königlich preussischer Rath, Bibliothekar und Antiquar, geschätzt und genügend bekannt durch mehrere historische Schriften über das Christenthum in Indien, Aethiopien und Armenien. Er interessirte sich ebenfalls sehr für das Studium asialischer Sprachen, so dass Leibnitz ihn aufforderte, seine Wünsche in dieser Beziehung auszusprechen, die er dann dem Fürsten Kurakin vorlegen würde. -- Diesen Briefwechsel finden wir in dem Werke: Viri illustris Godefredi Guil. Leibnitii epistolae ad diversos etc. divulgavit Chr. Kortholtus. Lipsiae 1734.

 

 

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den nach Hannover gekommenen Gesandten des Zaren, den Fürsten Kurakin wendet und diesen recht sehr bittet, ihm doch solche Muster zu verschaffen. Eben so sehr interessirte er sich für die durch Peter selbst zu Königsberg aufgefundene Chronik des Nestor, die er noch nicht kannte, und strebte dieselbe, wenn es irgend möglich, gleichfalls durch den Fürsten Kurakin sich zu erwerben.

 

Als endlich Leibnitz das Glück hatte, den von ihm bewunderten Zaren in Torgau, wohin dieser bekanntlich gegen Ende des Jahres 1711 aus dem Türkischen Feldzuge geeilt war, um der Vermählung seines Sohnes Alexei mit der Prinzessin Charlotte von Wolfenbüttel beizuwohnen, und wohin auch Leibnitz aus dem einzigen Antriebe, Peter zu sehen, gereist war, -- non tam ut solennia nupliarum, quam ut magnum Russorum Czarem spectarem; sunt enim ingentes magni Principis virtutes; schreibt er an den Abt Fabricius vom 8. December 1711, -- persönlich kennen zu lernen und eine längere Unterredung mit ihm zu pflegen, eröffnete sich für beide, vom In- und Auslande gleich gefeierte Genien ihres Zeitalters, ein neues Feld grossartiger Thätigkeiten, welches eben so fruchtbringend ausgebeutel wurde.

 

Es bedurfte von Seiten Leibnitz's nur der Anregung und des Vorschlages, um den Zaren sogleich vollkommen bereit zu finden, die wichtigsten Untersuchungen in seinem grossen Reiche bis nach Sibirien, ja selbst bis China hin mit Freuden zu unterstützen. J'ay eu l'honneur, schreibt er in dieser Beziehung hoch erfreut an La Croze, am 14. Dec. 1711, de parler au Czar à Torgau, et sa Majesté fera faire des observations magnetiques dans ses vastes Etats. Elle paroit encore disposée à favoriser d'autres recherches, el si vous vouléz, Monsieur, marquer des points, qui meriteront d'être recherchés dans la Russie, dans la Siberie et dans la Chine méme, j'espere que ce Monarque donnera des ordres pour nous favoriser. So rein und

 

 

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gross nun aber das Verlangen Leibnitz's war, die Gränzen des mensehlichen Wisssens nach Möglichkeit zu erweitern, so gewiss hätte es auch nicht erst seiner Anstellung im Dienste des Kaisers bedurft, um für dessen Interessen alle seine Kräfte in Anspruch genommen zu sehen. Dieser entliess ihn nicht allein bei dem ersten Zusammentreffen in Torgau reichlich beschenkt, sondern versicherte sich auch sogleich seiner thatkräftigen Thätigkeit, welches er während seines zweiten Aufenthaltes zu Carlsbad im Jahre 1712, wohin er nochmals zur Befestigung seiner Gesundheit gereist war, durch das ihm verliehene Patent eines Kaiserlich Russischen geheimen Justizrathes nebst der Zusicherung eines Jahresgehaltes von 1000 Thaler Species aussprach: um „Uns seiner zu dem habenden Zweck, die Studien, Künste und Wissenschaften in unserem Reiche mehr und mehr floriren zu machen, zu bedienen;“ wie es in diesem am 1. November 1712 ausgefertigten und vom Kaiser selbst unterschriebenen Patente heisst.

 

Leibnitz befand sich gleichzeitig in Carlsbad, dorthin in der Eigenschaft eines Ambassadeurs beim Kaiser Peter I. vom Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel gesandt, um die Präliminarien eines Friedens zwischen dem Russischen und Römischen Kaiser zu ordnen. Er hatte behufs dieses Zweckes ein diplomatisches Schreiben dem Kaiser Peter I. überreicht, worauf ihm dieser auf der Rückreise von Dresden aus eine Antwort zukommen liess.

 

Von der Zeit dieser persönlichen Bekanntschaft zwischen Peter I. und dem deutschen Weltweisen sehen wir letzteren, voll aufrichtiger Bewunderung gegen den grossen Herrscher Russlands und über dessen Vielseitigkeit der wichtigsten Bestrebungen, eine höchst erfreuliche und bedeutungsvolle Thätigkeit entwickeln, um, wenn auch zuvörderst, den Wünschen und den reinsten Absichten des majestätischen Reformators eines hoffnungsvollen Geschlechtes, der ihm ein unbedingles Vertrauen schenkte, zu entsprechen,

 

 

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doch gewiss auch die ihm so günstig dargebotene Gelegenheit im Interesse der Menschheit zu benutzen und auszubeuten. Welches letztere ihm um so leichter wurde, als die in ersterer Beziehung ihm gestellten Aufgaben auch nur den, ihm stets vor Augen schwebenden, Zielpunkt hatten und haben konnten.

 

Peter I. hatte ihm in seiner Bestallung als geheimen Justizrath die Mittheilung aller, zur Aufnahme und Beförderung der Studien und Wissenschaften in seinem Lande nothwendigen und dienlichen, Nachrichten zugesagt und dabei hinzugefügt, dass „er auf seine (Leibnitz's) Vorschläge und recommodationes eine besondere reflexion nehmen“ werde. Wenn er sich nun freilich in den ersteren darauf folgenden Jahren durch unaufhörliche Reisen und Feldzüge verhindert sah, diese seine Absicht auszuführen, so dass Leibnitz in einem Briefe an ihn selbst vom 26. October 1713 sich veranlasst sah, aufzuzählen, wie er in der Zwischenzeit thätig gewesen sei, auf die Lösung welcher wichtiger Probleme er insbesondere Bedacht genommen und deshalb auch an mehrere vornehme Personen am Kaiserlichen Hofe mit der Bitte um Nachrichten sich gewandt habe, ohne aber von diesen eine Antwort erhalten zu haben; so verlor der Zar denn doch eben so wenig den Philosophen mit seinen Plänen aus den Augen, wie dieser in seinem Eifer durch die sofortige Nichtausführung seiner Vorschläge und Wünsche keineswegs erkaltete.

 

Wir wissen leider noch nicht anzugeben, welche Antworten Leibnitzen von Peter, ohne Zweifel durch seine Gesandten, zu Theil wurden; wie überhaupt in Beziehung auf den brieflichen Verkehr zwischen beiden noch Manches dunkel ist und Lücken darbietet, weil die gesandtschaftlichen Berichte, welche den Ausdruck der Erwiderungen und der Gedanken des Kaisers enthalten, nicht, wie gar sehr zu wünschen übrig bleibt, bis jetzt benutzt worden sind; aber wir sehen aus den vorliegenden Briefen und

 

 

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besonderen Ausarbeitungen Leibnitzens zur Genüge, mit welchem gesteigerten Eifer dieser Alles aufbietet, das erforderliche Material zur Erlangung sicherer und genauer Erkenntnisse über die fern liegenden und ihm noch so unbekannten Verhältnisse sich zu erwerben, und darauf basirt seine erleuchtenden Ideen auszusprechen. Er wandte sich nicht weniger an die Kriegsleute, als an den Metropoliten des Zaren, um von ihnen in demselben Masse Licht und Belehrung zu empfangen, als er sie wiederum für das grosse Werk, welches ihm im Interesse seines Herrschers wie der Menschheit am Herzen lag, zu gewinnen strebte.

 

Wie wir Leibnitz während seines ganzen vielbewegten, thaten- und erfolgreichen Lebens erblicken: dass er stets mit vollem Eifer und reiner Lust für das Aeusserliche, Individuelle und Einzelne, doch nur das Innerste, Allgemeine und Ideale suchte und zu einem lebendigen Gesammtbilde harmonisch vereinigt zu sehen trachtete; so sehen wir ihn auch jetzt noch, im hohen Alter, mit jugendlicher Schwungkraft des Geistes, mit urkräftiger Thatkrafft, alle Erscheinungen und Begebenheiten, die in der Natur und dem menschlichen Geiste liegen, emsig wie eine Biene sammeln und mit ihnen zur innerlichsten Beschauung in die Tiefe und Stille seines Geistes einkehren, um neue Gestalten daraus hervorgehen zu lassen. Sein ganzes Leben war darauf gerichtet gewesen, das Menschengeschlecht in seinen individuellen Gestaltungen und in seinem gesetzmäßigen Entwickelungsgange in anschanlicher Vorstellung aufzufassen, wissenschaftlich zu erkennen und über die Beschränktheit eines persönlich-zufälligen Horizontes zu einer höheren Einsicht in das menschlich Wahre, Schöne und Gute sich zu erheben. Es war ihm gelungen, --- die Geschichte hat darüber entschieden und die Nachwelt wird seinen Ruhm und sein Verdienst nur noch steigern, -- in das Innere des menschlichen Geistes, den ganzen Organismus seines Lebens, seine Entwickelungsstufen und deren

 

 

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Gesetze, die Natur und das Wesen aller höheren, geistigen Thätigkeiten ungleich tiefer einzudringen, als es bis dahin geschehen war. Indem er stets den feineren Ursprungs- und Entwickelungsfäden aller Erscheinungen nachforschte, war es ihm unmöglich, die beschränkte, isolirte und einseitige Lebenserfahrung in den Mittelpunkt seiner geistigen Thätigkeit zu setzen, oder sich mit einem willkührlichen Herausgreifen einzelner Erscheinungen irgend zu begnügen. Das Ganze, Einheit und Harmonie, trachtete und rang er auf allen seinen Wegen zu erfassen. Und nur dadurch war ihm der geniale, scharfe Weltblick, verbunden mit einfacher Grossartigkeit der Gesinnung, mit einer Fülle wahrer Liebe und tiefster Frömmigkeit geworden, mit dem er, ein wahrer Liebling der Götter, in allem Thun und Bilden wiederum stets seine Aufgabe erkannte.

 

Leibnitz, sagt Dr. Guhrauer mit vollkommenem Rechte (vid. dessen verdienstvolles Werk: Leibnitz's deutsche Schriften. Berlin 1838) „war gelehrter, als alle Gelehrten, und doch kein Gelehrter; er war von Beruf ein Staatsmann, doch von welthistorischer Wirksamkeit. Seine Thaten gehen nicht, wie bei den meisten Gelehrten, in seine Schriften auf: denn er bedeutet uns keinen blossen Gelehrten. Sie sind auch gar nicht seine Thaten, denn diese liegen anderswo. Sie mögen uns auch nicht überall sowohl dasjenige gelten, was sie an sich sind, als was sie bedeu- ten. Wie todt scheint uns vielleicht ein beträchtlicher Theil dieser Schriften, wie abseits von unseren gegenwärtigen geistigen Interessen: aber man befreie sie aus ihrer starren Isolirtheit, welche keine Brücke zu unserem Bewusstsein zulässt; man sammele sie um den lebendigen Mittelpunkt, den unsterblichen Geist, dem sie gleich Fulgurationen entströmten, und ein Hauch von diesem Geiste vermag sie für uns mit Leben und Wärme zu beseelen.“ Aus diesem Gesichtspunkte haben wir auch sein Verhältniss zu Peter dem Grossen, und seinen begeisterten Antheil an dem Werke

 

 

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dieses Reformators im ächten Sinne des Wortes zu begreifen.

 

Durch die Bemühungen des Dr. Guhrauer haben wir erst vor Kurzem kennen gelernt, wie Leibnitz schon als junger Mann von vier und zwanzig Jalwen den staats- und völkerrechtlichen Zustand Europa's mit Genialität auffasste, und wie er sich das Feld bestimmte und verzeichnete, auf welchem wahre Erkenntniss, ein grosses, innig verbundenes Ganzes menschlicher Erkenntniss, zu suchen ist, -- das immer grüne Feld der Geschichte des Menschengeschlechts. Wie er auf diesem Felde gearbeitet, was er von demselben geerntet hat, davon vermochten alle Wissenschaften göttlicher und menschlicher Dinge nicht zu schweigen. Nimmermehr konnten die Staaten von Hannover und Preussen den ausgezeichneten Platz verkennen, den er in der Geschichte ihrer intellektuellen und damit so eng verbundenen politischen Entwickelung einnimmt. Und namentlich Preussen vergass nicht zu gedenken, welcher „eifrige, ja leidenschaftliche Antheil an der Beförderung des Flors und der Glorie des jungen preussischen Königshauses den langen Abend seines Lebens verherrlichte.“ Aber unbegreiflicher Weise konnte bis jetzt fast gänzlich übersehen werden und ohne gehörige Würdigung bleiben, mit welcher Freudigkeit, mit welcher Begeisterung er bis zum Schlusse seines Lebens auf der Höhe seines Bewusstseins, wir möchten sagen, noch die ganze Welt umfasste, und sich stets im Geiste hin versetzte in Regionen, wohin weder der Name Homer's, noch der seinige, als Schiboleth menschlicher Bildung und geistiger Aufklärung, gedrungen war, damit er auch hier eben so thätig sammele, als seine bewährte welthistorische Wirksamkeit walten lasse.

 

Eine neue Welt mit ungewöhnlichen, grossartigen und vielversprechenden Erscheinungen in der östlichen Hälfte Europa's bis nach Asien hinein hatte sich noch am Abend seinem Geiste aufgeschlossen. Stets beweglich in der Bewegung

 

 

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der Dinge, erfasste er dieselbe und ruhete nicht, mit dem grossen Reichthume der ihm zu Gebote stehenden Mittel eine geniale Erkenntniss und freie Uebersicht aller Verhältnisse derselben sich zu erwerben. Und als er in den hier stattfindenden Bewegungen und Erschütterungen die Symptome einer grossen Entwickelung, welche in der Person Peter des Grossen ihr Centrum fand, erkannt hatte, war ihm alsbald der Massstab überliefert, mit dem alles dasjenige, was hier vorging, gemessen werden musste; so wie er in seinem Innern die helltönende Stimme vernahm, auch dieses neue Feld mit der noch jugendlich treibenden Fruchtbarkeit seines Geistes zu bearbeiten und zu beschwängern, damit den tief gezogenen Furchen nicht blos grünende Frühlingssaaten, sondern auch üppig reifende Erntefelder einst entsprossen möchten.

 

Er sah mit freudiger Verwunderung eine ungewöhnliche Lebenskraft, ein jugendfrisches, glückverheissendes Auflammen der Geister, die Verjüngung einer Nation. Er erkannte hier sogleich seinen Beruf. Wie jedes wahrhafte Genie war er nicht auf die Hinwegräumung gewisser Aeusserlichkeiten bedacht; er wandte sich nicht allein gegen die nächsten Folgen, gegen die hervorstechendsten momentanen Erscheimungen und Formen gleichsam vergangener und zerfallener Verhältnisse; sondern er drang sogleich mit aller Kraft auf den Kern, auf das Wesen des zu lösenden Problemes ein. Denn die Garantie dafür, dass aus dem Wechsel der Gesinnungen, Zustände und Thaten, dass aus der durch- und übereinander wogenden Masse sich bewegender, kreuzender und bekämpfender Kraftäusserungen etwas Fertiges und Probehaltiges sich gestalte, ein folgerechtes Fortstreben sich stets behaupte, vermochte er nur darin zu erkennen, dass alle Thätigkeiten das Gepräge edler Kraft, tiefen Ernstes, wahrer Würde und die beständige Richtung auf das einzig wahre Ziel erhielten und immer an sich trügen. Dafür war ihm, wie jedem Gliede des Menschengeschlechts

 

 

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kein anderes Mittel erkennbar, als die innerliche Anschauung und Begründung aller Thatsachen und Erscheinungen, als die Erforschung des Wesentlichen und Nothwendigen, als die unerbittliche Durchdringung der zahllosen Aeusserlichkeiten mit dem in der höheren Natur des Menschen ewig Begründeten.

 

Ein neues Blatt in dem Buche seiner eigenen Geschichte, wie der Russlands und des Menschengeschlechts füllte Leibnitz in der That dadurch aus, dass er dem Stifter und Repräsentanten eines sich verjüngenden, neu organisirenden Staates, mit rühmlicher Weisheit und eines reinen Willens sich bewusst, vorzuführen und ans Herz zu legen, auf jede Weise bemüht war: wodurch die wahren, unzerstörbaren Staatskräfte wachsen, wodurch sie siegreich, selbst unüberwindlich werden, und, sofern sie dem aufgefundenen und eingeschlagenen rechten Wege treu bleiben, in glorreicher Entwickelung fortschreiten. Muthvoll und mit gerechtem Vertrauen auf die siegende Kraft des Wahren und des Guten sparte er kein Wort und keine Schrift, um die feste Ueberzeugung zu begründen, dass, so wie der einzelne Mensch, so auch der Staat nicht in Anderen und in Zufälligkeiten, nicht in momentanen Erscheinungen, sondern in seinem Innern selbst, in seinem ureigenen Wesen, die Quellen des Wachsthumes, der aufblühenden Macht und Grösse zu suchen habe; dass in völliger Selbsterkenntniss die Bedingung der gesetzmässigen Entwickelung einer Nation in christlich-religiöser, wie intellektuell-politischer Beziehung bestehe.

 

Mochte etwa Peter I. von ihm zuvörderst nur die Beförderung des Praktischen, der materiellen Interessen, die Herbeiführung der Mittel erwarten, um die im Schoosse seiner Erde verborgenen grossen Reichthümer, die im Räumlichen und Ausgedehnten schwebenden Schätze seines Landes ans Licht zu ziehen und nach Möglichkeit zu benutzen; denn wir brauchen uns nicht zu wundern, dass

 

 

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selbst der grösste Staatsmann damaliger Zeit noch so sehr Empirist war. Leibnitz aber, der bei allen seinen Bestrebungen nur die Menschheit vor Augen hatte, oder, wie er sich selbst ausdrückt, „allezeit sein Hauptabsehen dahin gerichtet habe, wie die Ehre Gottes und das Beste des menschlichen Geschlechts durch Aufnahme der Studien, Künste und Wissenschaften zu befördern, zu erhalten und auszubreiten sei;“ Leibnitz, sagen wir, war auch hier in der That allein darauf bedacht, die Keime einer folgerechten Entwickelung, der Aufklärung und Bildung wahrhaft zu pflanzen und zu verbreiten. Deshalb war er gleichfalls nur dafür bemüht, die Mittel anzugeben und die Gesetze festzustellen, durch welche und nach welchen der Russischen Nation eine geistige Erhebung und der Gebrauch geistiger Waffen zu Theil werden könnte, vermittelst derer sie die unermessliche Aufgabe ihrer Zukunft zu lösen vermöchte.

 

Leibnitz's constituirender Seherblick ahnete, ja erkannte unstreitig, dass Russland berufen sei, weit über seine damaligen Gränzen hinaus zu wirken, „der Menschheit das Schauspiel einer Entwickelung zu geben, wie die Geschichte keines einzigen der grossen Weltreiche sie aufzuweisen vermag.“ Aus dieser Ansicht seines prophetischen Geistes gingen die Anstrengungen hervor, dem erkohrenen Reformator dieses Landes in scharf gezeichneten Grundzügen nicht allein die klarsten Ideen für eine genetische Umgestaltung seines Reiches zu überliefern, sondern ihm auch das heilige gemeinschaftliche Band, welches alle Völker der Erde umschlingen und zu einem erhabenen Zwecke verbinden soll, in Religion, Gesittung und Sprache, den Manifestationen wahrer Vereinigung und Verständigung, finden zu lassen. In ihm selbst sollte nicht nur die geheimnissvolle Fackel des reinen Wissens angezündet, sondern ihm auch das Material, mit dem er auf seinem Gebiete zu streiten und sich zu verständigen hatte, zugeführt werden, um an diesem der Eigenthümlichkeit und Wahrheit seiner,

 

 

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wie seines Volkes Richtung und Bestimmung sich recht bewusst zu werden. Wir brauchen nur die Arbeiten uns anzusehen, welche der geniale Weltweise mit Begeisterung für das Wahre und Gute abfasste und seinem ebenbürtigen, gekrönten Zeitgenossen, der mit der entschlossensten Thatkraft, der unternehmendsten Kühnheit das einzig Mögliche unternahm und das Wünschenswerthe zu erringen suchte, vorlegte; und es muss uns sicherlich einleuchten, dass hier eine uns zur Bewunderung hinreissende Uebereinstimmung der Gesinnungen und der Willenskräfte grosser Genien, ein urplötzlicher Einklang aller Hauptgedanken, die erhabenste aller Harmonien, stattfand, welche nur zum Vorspiel für unvergängliche Schöpfungen dienen konnte.

 

Diese Arbeiten, oder diese Thaten, „wenn man die schriftlichen Leistungen eines Gelehrten seine Thaten nennen kann,“ welche den ausschliesslichen Zweck hatten, den innersten Keim eines zukünftigen frischen, mächtigen Lebens eines grossen Volkes zu pflanzen und zu pflegen, d. i. im reinsten Interesse für dessen Wohl und Zukunft, durch Vervollkommenung der Gesetze, durch Errichtung von Schul- und Erziehungsanstalten, durch Verbreitung von Kenntnissen höherer und niederer Art, durch Einführung der Wissenschaften im edelsten Sinne des Wortes, kurz durch Begründung einer wahrhaften Erziehung und Bildung Sorge zu lragen; sind ohne allen Zweifel sehr wichtige Aktenstücke für das richtige Verständniss des erhabenen Geistes ihres Urhebers nicht allein, sondern eben so sehr für die Geschichte Russlands und dessen unsterblichen Herrscher insbesondere, der seiner Schöpfung dadurch die Krone aufsetzte, dass er jenem, „gleich einem, des Friedens und der Liebe wegen vom Himmel gesandten Geiste“ so willig und einsichtsvoll folgte. Sie waren es, -- wir scheuen uns nicht, es auszusprechen, -- welche dem Geiste Peter des Grossen in seiner letzten Entwickelungsstule neue segensreiche Richtungen und neue Schwungkraft ertheilten, und

 

 

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deshalb die bestimmtesten Anknüpfungspunkte für die geistige Richtung dieses Mannes, für die eigentliche Genesis seines Gedankenkreises darbieten.

 

Der denkende Künstler wird nie so wahnwitzig oder albern sein, blos um etwas Neues hinzustellen, blindlings in den Farbentopf zu tauchen, und Natur und Anatomie zu verschmähen. In gleichem Maasse jeder vernünftige Mensch in seiner Lage. Peter der Erste war kühn mit dem Kühnsten; er trug eine Welt von Arbeiten auf seinen Schultern. Aber gewiss nicht dadurch, dass er von Neuerungssucht getrieben täglich in die Büchse der Pandora griff, dass er nur den einzelnen, äusserlichen Erscheinungen, dem mathematisch Erkennbaren und Berechenbaren fröhnte und sich mit diesem gleichsam übersättigte, sondern allein dadurch fand er in seinem Herkules-Berufe weder Ermüdung, noch Erschlaffung, noch Ueberdruss, im Gegentheil stets grössere Anspannung und Freudigkeit, dass er die zahllosen Bewegungen und Schwingungen seiner Seele, die immer von Neuem nach wahrer Gestalt suchten, geistig befruchten liess, dass er ihnen Sicherheit und Festigkeit, einen unerschütterlichen Mittelpunkt durch die Richtung auf das lebendig Allgemeinste ertheille. Dieser Brennpunkt lag auch darin, dass er wusstle, was er wollte; dass er einen eigenen bestimmten Zweck hatte, den er unablässig verfolgte. Unmöglich konnte er sich dabei mit jugendlich sprudelnden, ja übermüthigen Kraftäusserungen, mit zersplitterten Erscheinungen begnügen. Nicht daran vermochte seine Seele sich wahrhaft zu erfreuen und dadurch gehoben zu werden, dass sie irgend einen vorübergehenden, scheinbar lebendigen Effekt hervorlockte und hervorzauberte. Gewiss nicht also. Aus dem innersten Wesen seines Geistes ging der unwiderstehliche Impuls hervor, die Spuren der Ordnung, des Zusammenhanges, eines Einheitspunktes zu suchen und zu erkennen; Gedanken, jeden Widerstand überwältigende, in sich emporwachsen zu lassen; seine Blicke in die

 

 

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Zukunft zu versenken, und für diese zu leben und zu arbeiten.

 

Nicht durch Zauberformeln und im kühnen Fluge wird ein neues Zeitalter, das der reineren und freieren Thätigkeit, das des tieferen und geläuterlen Bewusstseyns, das der wahreren Kralftäusserung, heraufbeschworen. Dieses will erkämpft, errungen sein. Und der Erste wie der Letzte, und tausend und abermals tausend Menschen, die bestimmt sind, auf eine Solche Periode freibildend einzuwirken, haben zuvörderst in ihren Busen zu greifen und sich die Frage zu beantworten: was ist das Bleibende, das Ewige? was ist das Vergängliche? Sie haben sich Rechenschaft zu geben, mit welchem von diesem beiden sie es in ihrem Leben halten; sie haben in den Mittelpunkt jeder Erscheinung nach Maassgabe der Möglichkeit einzudringen, und mit dem, dadurch gewonnenen, Verständnisse jeder neuen Schöpfung Lebenskraft und Elemente der Entwickelung einzuflössen.

 

Wer in seinem Inneren diesen Kampf nicht durchgekämpft hat, sondern den eitlen Wahn hegt, diesen Lebensprocess in übermüthigen Sprüngen, mit Verschmähung aller leitenden Mittelstufen, durchführen; ihn durch gewisse, aus dem Momente geschöpfte und geborgte Lichtfunken ersetzen zu können; der wird schwerlich eben so wenig durch das chaotische Gewirre der sich stels drängenden Meinungen, Behauptungen und Kraftäusserungen sich hindurch winden, als er die Stufe erreichen wird, auf der wir ihn mit Bewusstsein, Entschlossenheit und Beharrlichkeit irgend eine Hauptaufgabe des Lebens verfolgen sehen.

 

Indem wir nun Peter den Grossen, -- denn wer möchte es wagen, ihm dieses Verdienst, diesen Ruhm zu schmälern, -- als Schöpfer des Heeres und der Flotte, als Feldherrn und Krieger zu Wasser und zu Lande, als Gesetzgeber und Gründer der Schulen und der Wissenschaften in seinem Reiche erblicken; und wenn wir ferner auf die Frage: was hat er für seine Zeit gethan, was hat er für

 

 

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die Nachwelt, für die Ewigkeit gewirkt, worauf erstreckten sich seine Handlungen, was war in ihnen Inneres, was Aeusserliches; hier nur die kurze Antwort zu geben brauchen: Vieles und Grosses hat er gethan und vollendet, aber zu noch viel Grösserem lagen die Anfänge und Bürgschaften in ihm; so dürfen wir nimmermehr in Abrede stellen, wie dieser nie erschlaffende und ermüdende, stets sich verjüngende und immerdar fortstrebende Genius nicht ruhte, seine Lanze zu schärfen und zu brechen, um, seine Aufgabe verstehend, das Allgemeine und Unvergängliche zu erfassen, und darnach mit Gründen handelnd, wahre Schöpfungen aus sich hervorgehen zu lassen. Und hierzu fand er, und ergriff mit Freuden die Stütze, welche ihm von einem gleichzeitigen Genius, der „die Harmonie, welche er in seinem Gottesbewusstsein schaute, durch rastlose Vermittelungen unter den Menschen, als Christen, als Gliedern des bürgerlichen, wie des gelehrten Standes, überhaupt aber als Menschen zu verwirklichen strebte,“ mit Begeisterung geboten wurde. Gleichwie die eigenthümlichsten, genialsten Geister nie rein aus sich selbst und von vorne anfangen, sondern ihnen von der Vorsehung in ihrer Zeil eine gewisse Vorgängerschaft und Meisterschaft geordnet ist, woran sie sich ihrer recht bewusst werden, sich bilden und orientiren sollen, um ohne Zeit- und Kraftverlust gleich den rechten Weg und ihre besondere Aufgabe zu treffen; so war für Peter den Grossen diese Meisterschaft in Leibnitz verkörpert, der treulich auch seine Bestimmung löste.

 

Indem wir auf die weiter unten mitgetheilten, glücklich erhaltenen, handschriftlichen Denkmäler, welche das unverkennbare Zeugniss von diesem Wechselverkehr jener beiden Genien ablegen, verweisen; können wir nicht umhin, das Bedauern auszusprechen, dass die eine Hälfte dieses Wechselverhältnisses noch keineswegs in das erwünschte Licht gesetzt ist, d. i. dass wir zwar deutlich genug erkennen, welche Arbeiten in dem Kopfe des Kaisers statt hatten

 

 

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und gährten, welche Befruchtungen seines Geistes unablässig ausgeübt wurden; aber nicht daraus erschen und erfahren, welche Geburten aus allem diesen hervorgingen, wie das geistig zugeführte und geistig errungene Material in sinnlichen Formen ins Leben überging und verarbeitet wurde; kurz wie die grossen Gedanken und Pläne für eine neue Gestaltung eines Reiches nicht nur, sondern der Wissenschaften überhaupt, realisirt wurden. Wer die in jenen Schriften des Leibnitz angeregten, wichtigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die mannigfaltigen Vorschläge zu grossartigen Unternehmungen nicht sowohl für praktische und nützliche Zwecke, als vielmehr, und ganz insbesondere, für den ersten und erhabensten Zielpunkt des Menschengeschlechts liest; kann sich der Frage nicht erwehren: was ging aus diesen geistigen Bemühungen Wirkliches hervor; wie gestalteten sich die ersten, urplötzlichen Bestrebungen für die Realisirung so schwieriger, umfangsreicher Aufgaben; wie wurden die frischen, in Gemässheit der drängenden Themata noch ungeübten Kräfte in Anspruch genommen, und was leisteten sie. Gewiss um so begieriger wird er die Beantwortung dieser Fragen wünschen, als er gegenwärtig den, aus diesen Fruchtkeimen entsprossenen, Baum erkennt, und ihm täglich die Bemühungen, jenen Plänen des weisen Leibnitz und deren erster Verwirklichung durch Peter den Grossen eine stets grössere Weihe zu geben, entgegen treten.

 

Wir wissen, wofür Leibnitz begeistert war. Wissenschaftliche Arbeiten sollten in dem weiten Russischen Reiche ausgeführt, die Wissenschaft sollte auf diesen Boden verpflanzt werden, um vermittelst ihrer das Nichtige und Werthlose, das Temporelle und Lokale im wahren Wesen zu würdigen, um durch ihre Bestrebungen die, durch intellektuelle, sociale und politische Verhältnisse und Zustände gezogene, Scheidewand zwischen den Völkern fallen zu sehen. Das umfangsreiche Gebiet der Erziehung und

 

 

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des Unterrichtes im wahren Sinne des Wortes sollte in Russland bearbeitet und gepflegt werden; das Grundprincip aller menschlichen Thätigkeiten, wahre Gottesfurcht und Sittlichkeit, sollte sich rein und kräftig durcharbeiten und als Leitstern für die Begründung des grossen Werkes der Civilisation und der Humanität weit über die damals gesteckten natürlichen Gränzen hinaus unabänderlich und standhaft festgehalten werden. Diese Ideen in ihrer Einheit und Nothwendigkeit bildeten den geistigen Mittelpunkt, dem Leibnitz alle Erscheinungen unterordnete, und sie dadurch zu einem Ganzen zu gestalten trachtete. Sie waren es, welche ein eigenes Leben, eine abgerundete Welt aus sich herausschaffen sollten, in welchem grossen Drama alle Gestalten sich zwar frei und individuell bewegen können, aber sämmtlich nach jener Einheit, von welcher sie ausgegangen sind, zurückstreben müssen.

 

Seitdem Peter der Grosse, der mit dem zweischneidigen Schwerte umgürtet, durch Talente, Thatkraft und Glück in kürzester Zeit ungeheuere Länderstrecken erobert hatte, auch die Hand ans Werk legte, um jene Ideen zu verwirklichen, um in einer ganz anderen Sphäre Eroberungen zu machen, ist stetes Fortschreiten die Lebensbedingung und das Lebensprincip Russlands geworden. Es musste sich zur Politik der Intelligenz und der Entlwickelung bekennen, und nichts konnte es mehr hindern, seinem Geschicke gemäss unaufhaltsam auf dieser Bahn mächtig vorwärts zu schreiten. Die durch jenen grossen Reformator ins Leben getretene Gesetzgebung für Erziehung und Unterricht ward das Palladium für den unwiderruflichen Umschwung und Fortschritt dieses gesegneten Landes in allen seinen Verhältnissen und Zuständen. Die Begebenheiten und Zeiten rollen fort; die ewig waltende Vorsehung und der nie rastende, ewig fortstrebende Menschengeist lassen sich niemals vorgreiflich mit Entwickelungen und Gestaltungen begnügen, die von heute und gestern entstanden und

 

 

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morgen wieder verschwunden sind. Aber was einmal wahrhaft geboren wurde, was den Gesetzen der Menschheit gemäss in die Welt eintrat, kann und wird nie mehr untergehen, muss seinem Ziele unwiderstehlich entgegen schreiten. Die Macht der Natur und der Verhältnisse mag überall und jeder Zeit zwingend sein; Alles mag seine Zeit verlangen, um zu reifen; aber was wahrhaft geistig den Keim der Reife in sich trägt, wird auch irgend wie und wann diesen Endpunkt erreichen.

 

Wenn wir Russland so schnell, in einer verhältnissmässig so kurzen Zeit, seine welthistorische Stellung einnehmen sehen, so wissen wir ohne Widerrede den wahrhaften Grund darin zu finden, dass der innerliche Impuls, das Princip, der geistige Quell zu einer selbstständigen und bewussten Entwickelung, der durch Peter den Grossen schöpferisch erfasst wurde, den Lebensprocess dieser neuen Welt bedingte. Seit diesem Momente sehen wir das ganze grosse Gerüste für die Erziehung eines Volkes, für die Läuterung eines Nationalcharakters, für die Entfaltung zahlloser, kaum geahneter, materieller und geistiger Kräfte, für die Verherrlichung des Menschengeschlechts mit solcher Begeisterung aufbauen, dass „man Aehnliches noch bisher in der Weltgeschichte bei keinem Volke erlebte.“ Wir erblicken in dem ganzen Russischen Staatskörper das Bild einer Thätigkeit nach Aussen und einer Thätigkeit nach Innen, vereinigt in einer Einheit, dass wir nicht einer philosophischen Schule oder einer Parthei anzugehören brauchen, um die Behauptung zu rechtfertigen, dass in Thätigkeit des Ichs, des Geistes, ein wahrhaftes Leben besteht.

 

Wie man immerhin über Russland urtheilen möge, so viel steht fest und muss in den Vordergrund jeder Betrachtung dieses Landes gestellt werden: wie des denkwürdigen Russischen Reformators Ziel nur dieses war, seines Volkes Glück zu begründen und Alles für dessen höhere Bildungsstufe zu unternehmen; so ist seitdem Erziehung und

 

 

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Unterricht seiner Nation stets als die wichtigste Angelegenheit des Russischen Staates betrachtet worden. „Bildung wurde als ein Hauptelement der Macht des Staates anerkannt;“ und nach allen Richtungen hin haben die Inhaber dieses mächtigen Thrones keine Mühe und keine Anstrengung gespart, um dieselbe für ihre Völker zu erringen. Und was die Gegenwart betrifft, so muss selbst der Tourist Kohl (in seinem Werke: Petersburg in Bildern und Skizzen. Dresden 1841) bekennen? „es ist nicht möglich, dass ein unparteiischer Fremdling die Bestrebungen und Mühen, die man sich von oben herab in der genannten Beziehung (der Civilisation) giebt, ohne Bewunderung bemerke;“ -- wobei wir freilich nicht umhin können, uns gar sehr zu wundern, dass Herr Kohl wiederum in seinen zahlreichen und besonders ausführlich über Russland abgefassten Schriften über diesen wichtigen Gegenstand so flüchtig und nichtssagend, ja häufig ganz ohne Kenntniss, und deshalb unwahr, sich aussprechen mochte. Hatte er z. B. während seines seines kurzen Aufenthaltes zu Moscau keine Zeit oder Neigung, sich um den Zustand des Erziehungs- und Unterrichtswesens, der niederen und höheren Bildungsanstallen zu bekümmern, so hätte er es auch gewiss für vernünftiger halten sollen, seiner weitläufigen Beschreibung Moscau's nicht, ein kleines Capitel mit der Ueberschrift „Universität“ einzuverleiben, in welchem er fast nur ein Paar aufgefangener Anekdoten mitzutheilen wusste. Es verbietet die Bescheidenheit, -- auch ist hier keineswegs der Ort dazu, -- die Namen derjenigen Männer zu bezeichnen, welche, an dieser Lehranstalt sich befindend, mit Begeisterung für ihre Wissenschaft erfüllt sind, und schon deshalb ganz anders und erfolgreicher gewirkt haben und wirken werden, als Kohl es der Welt glauben machen möchte. Lebt doch auch noch der, durch seine Leistungen zur Genüge bekannte, berühmte Fischer von Waldheim.

 

Wenn freilich durch eine, Gott mag wissen wie, gefärbte

 

 

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Brille, zum wenigsten nicht mit den reinen Augen der Unpartheilichkeit, der ruhigen, sorgfältigen Untersuchung und der besonnenen Reflexion die Verhällnisse und Zustände Russlands in Rücksicht seines Lebensprocesses, seiner intellektuellen, moralischen und socialen Entwickelung angeschaut und beurtheilt werden; so brauchen wir weiter gar nicht zu fragen, wie das Resultat dabei ausgefallen ist. Es wird so vielfach gepredigt, dass unsere Zeit, unsere vielbewegte und in allen Phasen des Lebens innerlich erschütterte Zeit darnach ringe, den Zusammenhang aller menschlichen Thätigkeiten und sämmtlicher Erscheinungen zu begreifen. Aber darin können wir in der That nicht die Lösung dieser grossen, wichtigen Aufgabe erkennen, dass gegenwärtig in den mannigfaltigsten geistigen, moralischen, religiösen und politischen Kämpfen Alles schwanken, stürzen und zusammenfallen soll; dass man das Reinste und Höchste antastet, in den Staub hinab zu ziehen, an Allem irre zu machen strebt und Nichts in dem wahren Lichte, nach der einzig gültigen Gesetzmässigkeit betrachtet und beurtheilt. Wie kann es demjenigen gelingen, der alle Verhältnisse des Lebens, geistige wie materielle, nur durch schwarz gefärbte Augengläser, durch die Brille der Politik und des Partheigeistes, aus Selbstsucht ansieht, mit klaren, unbefangenen und unpartheiischen Blicken über die verschiedenartigsten, unendlich verwickelten Erscheinungen und Zustände sich eine genetische Rechenschaft zu geben und eine feste, objektive Ansicht zu gewinnen? Die Kritik des Augenblickes und der Subjektivität, welche sich zufolge eines herrschenden, gränzenlosen Egoismus so gewaltig gebährdet, wird wahrlich nicht das innere Wesen der Dinge erfassen, und deshalb eben so wenig sich dauernde Geltung erwerben. Ihre gewaltige negative Macht beruht darauf, dass sie sich nur, auf den Alles zersetzenden und verflüchtigenden Verstand, der hier alleine zum Tadeln, Herabsetzen und Raisonniren gebraucht

 

 

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wird und nicht vermögend ist etwas Wahrhaftes und Bestehendes aufzubauen, stützt. Das wahre Leben und das Wesen des Menschen besteht nicht in dem individuellen, äusseren Sein, in der unumschränkten Subjektivität, welche das innere Leben und die Zukunft nimmermehr umfassen, sondern sich jeder Zeit durch die Gegenwart und das äussere Leben täuschen lassen wird.

 

Hätte unser Leibnitz, nicht sowohl seinem bewunderten Peter dem Grossen, als vielmehr dem grossen Russischen Reiche, dieser nicht weniger für ihn als für ganz Europa neuen Welt, gegenüber, nur im Geringsten so gedacht; hätte er nicht sogleich, das göttliche Geistergesetz im Grossen und Ganzen anschauend, auf diesem neuen Gebiete in allen Richtungen des Daseins die Spuren der Ordnung, des Zusammenhanges, der Vorsehung zu begreifen und auf diese Art seine Aufffassung und Beurtheilung der schwierigsten und verwickeltesten Verhältnisse und Zustände zu bedingen gestrebt und gewusst; er würde nimmermehr einen kaum geahneten Schatz wissenswürdiger Beziehungen gefunden, und gewiss noch weit weniger die erhabenen Ideen erzeugt und mit aller Wärme ausgesprochen haben, nach denen ein grosser Staatskörper durch historische Begründung, durch Vermittelung und langsames, gesetzmässiges Werden zu Macht und Ruhm gelangen und seinen, ihm von der Vorsehung angewiesenen, Platz in der Weltgeschichte einnehmen sollte.

 

Indem wir uns befleissigt haben, diesen Heros der Wissenschaften, diesen begeisterten Kämpfer für die Wahrheit, wo und wie sie sich findet, zum Vorbilde hingestellt zu haben und ihm auf seiner Laufbahn nach dem erstrebten Ziele nach Möglichkeit unserer Kräfte gefolgt zu sein, glauben wir eines Theils den richtigen Massstab für die hier mitgetheilten Betrachtungen gefunden zu haben, und hoffen anderen Theils in unseren Urtheilen gewissenhaft, unpartheiisch und gerecht geworden zu sein, Wir haben es uns nicht verhehlt, welch' kühnes Unternehmen es ist, eine

 

 

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welthistorische Erscheinung, über welche die Akten bei weitem nicht, ja nur zum geringsten Theile geschlossen sind, und die noch der widersprechendsten Beurtheilung unterliegt, in ihrem ganzen Umfange und ihrer vollen Wirklichkeit aufzufassen. Wir haben uns nicht angemasst, die Individualität Peter des Grossen, wie sie im Kampfe mit der Umgebung vom Reime bis zum organischen Gebilde sich gestaltete, darzustellen und lebendig zu verzeichnen, so dass wir einen Geist gewiss werden, in dessen künstlerischer Darstellung wir nichts vernehmen, was sich nicht im harmonischen Verhältnisse zur Idee des Ganzen verhält.

 

Denn wenn es schon ungemein schwierig ist, einen weniger grossen und minder verwickelten Charakter zu erfassen, wie er wahrhaft ist oder wie er war; ihn treu und ganz zu halten und ihn vor den Augen der Mit- und Nachwelt sich entfalten zu lassen, indem stets grosse Klippen zu überwinden sind, um beider Geschichte der Ausbildung eines fremden Geistes alle die feinen Fäden und Verschlingungen zwischen Ursache und Wirkung, welcher dieser während seiner Handlungen sich selbst nicht immer bewusst ist, aufzufinden; so wird Jeder bekennen müssen, welcher weit bedeutenderen Schwierigkeit es unterliegt. eine Persönlichkeit richtig aufzufassen und sich vollkommen abspiegeln zu lassen, die mit so üppiger Fülle der Geistes- und Thatkraft da steht, dass ihr an grossen und gewaltigen Ideen nicht genügt, sondern auch in allen sichtbaren und sinnlichen Werkzeugen ihre kühne und mächtige Stärke abzudrücken strebt, so dass der innere Geist des Ganzen auch aus jedem der einzelnen äusseren Theile hervorleuchtet. In der That nur ein verwandter, ähnlich organisirter Geist vermag ein solches irdisches und höheres Leben vollkommen zu schildern, indem es ihm gelingt eine grossartige Masse des Stoffes im harmonischen Verhältnisse zu einer Idee zu begreifen, den schöpferischen Geist einer seltenen Persönlichkeit in allen Fasern zu verstehen, derselben in allen Sphären, in denen

 

 

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sie sich bewegte zu folgen, und auf diese Weise das ganze innere und äussere Leben derselben treu auffassend, ein entsprechendes Gesammtbild von einem ausserordentlichen Denken und Sein zu entwerfen.

 

Es haben Männer wie Lomonossow, Karamsin und Puschkin, ihrer Zeit die ersten Schriftsteller Russlands, würdige Söhne ihres Vaterlandes, vom Beginne der Russischen Literatur an bis in die Gegenwart, lebendig die Grösse und Erhabenheit der Verdienste und Thaten Peter des Grossen gefühlt und versucht, das Volksgefühl der Dankbarkeit und der Bewunderung des grossen Herrschers auszudrücken und ihm ein würdiges Denkmal zu errichten; -- allein das neidische Geschick hat ihnen jedes Mal, wann sie das Werk zu vollenden gedachten, die Leier und das Papier aus den Händen gerissen. Es war die grosse, heldenmüthige und geistesverwandte Kaiserin Catharina II., noch vor ihrem Regierungsantritte, von dem Wunsche und Streben beseelt, dem von ihr bewunderten Ahnherrn ein ähnliches, des Wohlthäters ihres Volkes würdiges, seine Heldenthaten verewigendes Denkmal zu errichten. In Stein und Erz ist es ihr gelungen; aber in Schriftzügen nicht. Denn Voltaire, der gefeierte Schriftsteller der Zeit, dieser feine und geschmeidige Franzose, der stets das Gemüth eines jeden um so mehr verletzte und erkältete, je höher er ihn hielt, war keineswegs der Mann, um eine solche Aufgabe zu lösen. Voltaire, der kein Mass für das Grosse und Idealische des Schicksals und der Menschen besass, liess sich durch den reichen Lohn und die ausserordentlichen Geschenke blenden, und übernahm es, aber nur für Ehre und Gold, -- die Geschichte Peter des Grossen zu schreiben, -- für welche Nichts blos ersehen oder aber gleichsam als Fläche und Räumlichkeit, als Aeusseres behandelt werden, sondern Alles von dem Finger des harmonischen Mitgefühls und der inneren Verständigung durchtastet sein muss, als ob es nochmals durchlebt werde

 

 

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und gleichsam aus den Händen des künstlichen Schöpfers frisch hervorkäme. Voltaire war auch ohne viele Arbeit mit der Sache bald fertig und überreichte dem Publikum ein Werk, welches nichts weniger als ein Meisterwerk der Russischen Geschichte ist, als welches es damals mit Ungeduld und Sehnsucht in St. Petersburg erwartet wurde. Es ist wohl nur sehr wenig bekannt, welche eifrige Bemühungen und besondere Anstrengung mehrerer namhafter Gelehrter zu St. Petersburg und Moscau, auf Antrieb und mit ausserordentlicher Unterstützung des Cammerherrn Schuwalow, der die Scele des ganzen Unternehmens war, statt hatten, um alle möglichen Hülfsmittel aus den Archiven, Behörden, Cabinetten u. s. w. zu sammeln und dem erkohrenen Geschichtschreiber zu übersenden, damit es ihm an den nöthigen Kenntnissen und sicheren Nachrichten, an dem ganzen erforderlichen Material für ein unstreitig dem Franzosen schwieriges Werk, nicht im Geringsten mangele; denn keine Mittel und keine Anstrengungen sollten gespart werden, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Man mag auch die Frage aufgeworfen haben, wie es möglich gewesen, dass insbesondere nach Einsicht des Geschichtswerkes über Carl XII. Voltairen noch die Abfassung der Lebensbeschreibung Peter des Grossen, den er hier schon so absonderlich charakterisirt hatte, anvertraut und übergeben werden konnte. Ohne Zweifel ist es deshalb nicht uninteressant und unwichtig die Masse der sorgfältig und mühsam abgefassten Papiere zum Behufe und in Betreff der in Frage stehenden Geschichte, welche im Reichsarchive zu Moscau aufbewahrt wird, sich genau anzusehen. Und wir befürchten keinen Undank, wenn wir diesen Papieren ein Schreiben des besonnenen und gründlichen Forschers auf dem Gebiete der Russischen Geschichte, des Historiographen Müller, welches sogleich nach dem Erscheinen des Voltaire'schen Werkes abgefasst ist, als einen Beitrag zur richtigen Beurtheilung

 

 

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Voltaire's und seines Produktes entnehmen und zur öffentlichen Kenntniss bringen. Es wird am Schlusse dieser Arbeit in Begleitung eines eigenhändigen, charakteristischen Briefes Voltaire's selbst an eben genannten Cammerherrn Schuwalow abgedruckt werden.

 

Wenn also diese unter ganz besonders günstigen Auspicien, unter der Aegide der grossen Kaiserin unternommene Arbeit so wenig den Anforderungen einer kritischen, genetischen Biographie Peter des Grossen entspricht; so dürfte es wohl wenig befremden, dass alle die mannigfaltigen Bestrebungen bis in die neueste Zeit, eine Lebensgeschichte Peter's zu liefern, welche sich keiner solchen oder auch nur ähnlicher Unterstützungen und Hülfsmittel zu erfreuen hatten, sie mögen aus dieser oder jener Nation, in dieser oder jener Sprache hervorgegangen sein, ebenfalls noch weit hinter der Erreichung des zu stellenden und gewünschten Zieles zurückgeblieben sind. Ueberhaupt ist es wohl nicht zu verkennen und zu läugnen, dass die Lebensgeschichte des nordischen Heros, eines unbestreitbaren Genie's, dem vollen Begriffe gemäss noch ein Ideal ist, und gewiss so lange ein Ideal bleiben wird, bis sich der seltene Geist finden wird, welcher, einen solchen Reichthum des Stoffes, wie über Peter den Grossen vorliegt, in organischer Zergliederung und abermaliger reiner Verbindung gänzlich bewältigend, alle einzelnen Sprossen, Blüthen und Blumen mit den Dornen und Stacheln zu einem ganzen grossen Strausse harmonisch und der Wahrheit gemäss zusammen zu binden im Stande ist.

 

Aber man muss sich zugleich überzeugt halten, dass dieses nicht eher geschehen wird, als bevor für ein solches Werk mannigfache und verschiedene Vorarbeiten, gar viele vereinzelte Untersuchungen vorausgegangen und ausgeführt sind; so dass, das Hauptthema in besondere Aufgaben aufgelöst und diese verschiedenen, entsprechenden Kräften zur Bearbeitung überliefert, auf diese Weise durch specielle Kraftanstrengungen der Boden gleichsam geebnet, das

 

 

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Material von allen Seiten herbeigeführt werde, damit durch vollständige Specialgeschichten vollgültige Gesammtwerke über irgend eine wahrhaft historische Erscheinung vorbereitet und endlich ans Tageslicht befördert werden. Man vergegenwärtige sich nur, wie selbst dann, wenn die Vorsehung vermittelst Einer ausserordentlichen, hochbegünstigsten Persönlichkeit Grosses, Wahres und Rechtes in die Welt treten und sich verwirklichen lässt, doch noch stets und überall tausendfältige Kräfte erforderlich sind, um dasselbe anzuerkennen und zum Bewusstsein gelangen zu lassen.

 

ist es doch auch die beständige Behandlungsweise der Geschichte gewesen, dass sie, wenn sie etwas mehr als eine chronikenartige Zusammenstellung verschiedener Begebenheiten und Thaten liefern wollte, nie unmittelbar auf das Ganze eines Volkes oder einer welthistorischen Person losging und wähnte, das eine wie die andere in der Gesammtheit und harmonischen Einheit ohne weitere vielfache Zurüstungen und Vorarbeiten auf einmal ganz zu erfassen, zu begreifen und in ihrer Wahrheit vor sich hintreten lassen zu können. Wie haben in Betreff der alten Russischen Geschichte im gemeinsamen Interesse der Wissenschaft die verdienstvollen Männer Bayer, Müller, Schlözer und viele andere gearbeitet? Gewiss nicht anders darf das Verfahren sein, wenn wir irgend hoffen dürfen, einstmals eine vollständige, unpartheiische, gerechte, organische Lebensgeschichte einer Persönlichkeit zu erhalten, von der eine ganze Welt von Begebenheiten und Thaten ausging, von der man wohl mit Recht sagen kann: . . . . „Il ne fut ni Alexandre, ni Auguste, ni Napoleon; -- il fut Pierre - le - Grand seul et unique.

 

Indem wir hiermit über eine unermessliche Arbeit wie die Lebensbeschreibung Peter des Grossen unsere Ansicht dargelegt, und ausgesprochen haben, was in dieser Beziehung Noth thut, hoffen wir überzeugt sein zu dürfen, in

 

 

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unseren Urtheilen über diesen einzigen, eminenten Mann, diesen „Schatz der Russischen Geschichte,“ wie ihn Herr Prof. Pagodin nennt, nicht missverstanden zu werden.

 

Als wir mit lebhaftem Verlangen aus einem höheren kulturhistorischen Gesichtspunkte auf diesem Gebiete zu arbeiten und zu forschen, uns nach Moscau begeben hatten, um die gnädigst erhaltene Erlaubniss möglichst erspriesslich zu benutzen: in dem Kaiserlichen Haupt- und Reichsarchive, in welchem ein Schatz von Urkunden und Dokumenten sich befindet, die den Gründer einer neuen Aera für Russland nicht blos als Monarchen, als Gesetzgeber, als Russen, als Staatsbürger, sondern auch als Vater, als Gatten, als Menschen abspiegeln lassen, unserem Drange nach tieferer Anschauung dieses Heros Genüge leisten zu dürfen; zogen uns zuvörderst und ganz besonders diejenigen Aktenstücke an, welche uns die mannigfaltigsten Bewegungen, die mächtigsten Schwingungen der Seele, die Stürme des Gemüthes dieser grossartigen Persönlichkeit am entschiedensten und psychologisch reinsten entfalteten. Wir glauben sie in diesem Material auf das Bestimmteste gefunden zu haben, welches uns nicht sowohl von seiner eigenen Bildungs- und Entwickelungsgeschichte, als vielmehr davon Zeugniss ablegt, wohin sein höchstes Lebensziel gerichtet war und wie er den richtigen Weg darnach durch Erziehung und Unterricht, durch Kenntnisse und Wissenschaften, nie aus den Augen verloren und standhaft bis zum letzten Athemzuge verfolgt hat.

 

Indem wir seine Thätigkeit auf diesem Gebiete zu verfolgen suchten, wie er seine Angriffspläne gegen intellektuelle Mängel, gegen Unkenntniss und Unwissenheit, entwarf, wie er über seine Beweisstücke Musterung hielt und flugs in geschlossener, nicht in durchbrochener Schlachtlinie vor und auf sein Ziel losrückte; wähnten wir schon das Mark und den Kern seines Lebens erkannt und begriffen zu haben. Wir wurden zur Verwunderung hingerissen,

 

 

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als wir den Schwung, die Kühnheit, die Originalität seiner Gedanken, die Wahrheit seiner Beobachtungen, die schlagende Kraft seiner Raisonnements, kurz Alles, was dieser Riesengeist lernte, behielt, wusste, unternahm, worüber wir bei tausendfältigen Arbeiten und Erscheinungen schriftliche Belege fanden, näher kennen lernten. Und alles dieses war es, was wir uns zu einem allgemeinen Bilde von Peter dem Grossen zusammenstellten und verwebten, welches wir in dieser Arbeit wiederzugeben uns erlaubt haben, eingedenk des Wortes des Prof. Pagodin: dass je mehr man über ihn nachdenken, sprechen und schreiben wird, desto klarer die ganze Russische Geschichle werden wird.

 

Man wird uns deshalb mit Recht nicht vorwerfen können, dass wir alle seine Leistungen und Schöpfungen als tadellos, als unfehlbar bezeichnet, dass wir sein ganzes Denken und Handeln in Lob verwandelt, dass wir seine Irrthümer und Mängel übersehen, kurz dass wir seine ganze Erscheinung überschätzt hätten; dass Peter der Grosse nicht rein objektiv von uns erfasst, und unser Geist jenem gegenüber nicht frei geworden sei. Nicht ihn selbst, noch alle seine Kraftäusserungen, noch das ganze von ihm aufgeführte Gebäude haben wir nach diesem oder jenem Principe, nach diesem oder jenem Resultate beurtheilen, sondern nur den allgemeinen Geist bezeichnen wollen, der ihn, von dem fast jeder Tag seines Lebens eine Thatsache aufzuweisen hat, wie alle seine Thätigkeiten charakterisirt. Wir beabsichtigten nur den geistigen Mittelpunkt hinzustellen, dem die hier in Frage stehenden tausendfachen Erscheinungen untergeordnet werden müssen, um sie dadurch zu einem Ganzen sich gestalten zu sehen.

 

Sollte es uns gelingen, wornach wir gestrebt haben und nicht ablassen werden ferner zu streben, den vorhandenen, zum Theil kaum geahnelen Schatz des handschriftlichen und aktenmässigen Materials, welches allein nur uns

 

 

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über die Bestrebungen und Schöpfungen Peter des Grossen in Beziehung auf den Unterricht, die Erziehung und die Bildung seines Volkes das gehörige Licht liefern kann, sorgfältig auszubeuten; so schmeicheln wir uns mit der Hoffnung, tiefer und wahrhaftiger in das ganze Wesen und Sein dieses Reformators eindringend, eine Schilderung von ihm zu liefern, welche ihn zwar nur in Einer Richtung seiner vielfältigen Thätigkeiten auffassen und beleuchten, aber sicherlich ein wesentliches Moment für seine ganze Lebensgeschichte und deren Kritik abgeben wird. Wenn wir bedenken, welcher mühsame Fleiss, welche Anstrengung und kunstreiche Fertigkeit noch immer angewendet wird, um Lebensbeschreibungen grosser Männer des Alterthums, wie der jüngst verflossenen Vergangenheit zu liefern, so finden wir uns doppelt angespornt, jenem Ziele nachzustreben.

 

Die Gegenwart fordert ein solches Werk, und zwar um so mehr, als vielleicht kein Zweig seiner Bemühungen, kein Produkt seines Strebens mit grösserer Sorgfalt und Anstrengung von seinen Nachkommen fortwährend gepflegt und ausgebildet worden ist, als das Erziehungs- und Unterrichlswesen im weitesten Sinne des Wortes, die Beförderung der reinen Wissenschaft mit inbegriffen. Diese Bemühungen haben ihre unverkennbar heilsamen Früchte getragen, und es ist Zeit, dass die Culturgeschichte im Interesse des Menschengeschlechts ihre gerechte Anerkennung ausspricht. Mag immerhin der grosse Teppich, dessen Blumen das vollkommen entwickelte Leben der menschlichen Cultur und Bildung schmücken sollen, in Russland noch nicht vollendet sein; denn wer wollte dieses bezweifeln, aber welches andere Land dürfte sich auch dessen rühmen? -- es bezeugen dennoch zur Genüge und unläugbar die vollen Knospen und die entfalteten Blüthen den erfreulichsten und bedeutungsvollsten Fortgang des Werkes, welches in jener Beziehung von Peter dem Grossen gegründet wurde.

 

 

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Dürfte mit Recht wohl eine andere Ursache genannt werden, weshalb die Aufmerksamkeit und die Gedanken nicht blos der gebildeten, sondern zum Theil auch der ungebildeten Welt dem grossen, mächtigen Reiche im Osten Europa's sich zuwenden? Dürfte die inhaltsschwere Frage über das Verhältniss des westlichen und des östlichen Europa's, d. i. der verschiedenen westlichen Staaten und Russlands, über ihre Verständigung und Vereinigung, von denen in der Weltgeschichte unnennbar Vieles abhängig sein wird, in Wahrheit etwas Anderes betreffen, als wie beide Theile sich geistig entwickeln und fortschreiten, wie sie ihre Aufgabe im grossen Weltdrama lösen?

 

Peter der Grosse und Leibnitz legten einen wahren Grund zur Lösung dieser Frage. Sie waren keine einseitigen, verschwimmenden Kosmopoliten, welche keine Nationalitäten gelten lassen, alle Völker über einen Kamm geschoren wissen wollten. Beide dachten nicht daran, alle politischen und socialen Eigenthümlichkeiten, Beziehungen und Bethätigungen zu vertilgen, die unendliche Mannigfaltigkeit, welche wie allenthalben in der Natur, so auch unter den Völkern bestanden hat und bestehen wird, zu zerstören. Sie gingen nur darauf aus, die angestammten Nationalitäten festhaltend, das innere geistige Leben in jedem Lande und unter jedem Volke auf seine unabänderliche Gesetzmässigkeit hinzuleiten, und dadurch die Ideen des Wahren, Guten und Schönen allenthalben triumphiren zu lassen, so wie dadurch wiederum den Einklang der Gedanken, die Uebereinstimmung der Willensbestrebungen zu begründen, welche einzig zum Heile der Völker dienen.

 

Die Völker haben in diesem Geiste gekämpft, nach diesem Endziele gerungen. Wenn aber gegenwärtig in ihrer Mitte diese Ansicht die vollste Geltung erlangen, den Sieg davon tragen sollte, dass sämmtliche Verhältnisse der Länder, alle Beziehnngen der Völker nur aus einem engherzigen, völlig missverstandenen Gesichtspunkte, der sich

 

 

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fast ausschliesslich nach den Erscheinungen der Tagespolitik, der materiellen Interessen und Privilegien gestaltet, aufgefasst und beurtheilt, kurz Alles in das Gebiet des Lokalen und Temporellen, der Isolirung und des Vergänglichen hineingezogen werden müsste, so möchten wir alsbald statt eines Fortschrittes einen Rückschrilt wahrzunehmen uns genöthigt sehen. Die Gottheit, in dem tiefsten Grunde des Herzens ruhend, und in den gestaltenden und umgestaltenden Ideen sich offenbarend und mächtig, führt die Völker einem ihr lichten, uns aber dunklen Ziele entgegen. Vermögen wir als vernünftige Wesen, von einer mahnenden Stimme im Innern bewegt, mitten im Wogen und Gähren der treibenden Gegenwart, mitten im Getümmel der Menschen von der westlichen Endspitze Europa's bis zu den Gränzen Asiens, irgend einen tieferen Blick auf jenes zweifelhafte Ziel hinzuwerfen, so ist es uns nur dadurch verstattet, dass wir uns hinwenden mit voller, reiner Kraft zu der bewegenden Seele des allgewaltigen Getriebes, und dass wir in dieser Stimmung die gestaltenden und umgestallenden Ideen zu verstehen uns bemühen. Dabei darf doch wahrlich nicht der politsche Sinn den Ton angeben und den Takt schlagen. „Was haben nur die ewigen Gesetze des Schönen und des Wahren mit den stets bewegten Wogen politischer Meinungen, mit den kaleidoskopischen Täuschungen des Parteigeistes gemein?“ -- Doch, es sind nur Afterpriester des Zeitgeistes, die solche Behauptungen glauben geltend machen zu können; die aber mit ihrem Rigorismus, mit ihrer fanatischen Eifersucht, mit ihren grundsatzlos hin und her schwankenden Raisonnements solche Geister nur gewinnen und bethören werden, welche eine momentane Richtung theilen und ihr folgen, ohne dass sie eigentlich wissen, was mit ihnen vorgeht.

 

Indessen mit diesen Behauptungen sehen wir uns unabwendbar hineingeführt in einen Kreis, der ein wahres Chaos von Meinungen und Ansichten, eine buntscheckige

 

 

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Masse von Interessen umschliesst, welche uns so gewaltig umkreisen und in den Strudel mit fortreissen, in die gefahrvollsten Verwickelungen des Lebens hineinziehen, dass wir uns unmöglich in diesem Rauschen und Rollen aufrecht erhalten und vor dem Untergange retten können, falls wir nicht den Mittelpunkt, und damit den Schwerpunkt, das Gleichgewicht zu erreichen vermögen und mit aller Macht zu erreichen streben. Ohne einen solchen Mittelpunkt giebt es für den Menschen zwar Strahlen, aber keine Sonne, von welcher jene ausgehen und zu der sie wieder zurückkehren. Diese Strahlen können ebensowenig erwärmen, als erleuchten. Sie geben nur ein schwaches Licht für die Erwerbung und Benutzung äusserlicher, d. i. ausserhalb des Mittelpunktes liegender, Güter, für die Entwickelung und Behandlung einer Körperwelt, die nur in diesem gewaltigen Raume zwischen Peripherie und Mittelpunkt anzutreffen ist, und ihren Eingeborenen zu ihrem Dienste zwingend, demselben in ihrer Sphäre das Ziel aller seiner Wünsche und Bestrebungen festsetzt.

 

Wer möchte mit Recht bezweifeln, dass hier Alles unsicher, schwankend und unklar ist? -- Und doch giebt es der Menschen so viele, die sich mit diesem begnügen, und wenigstens ihrer Handlungsweise nach, sich nur als vorübergehende Genossen dieser sinnlichen Welt betrachten wollen. Da hört dann aber auch jeder vernünftige Begriff eines Fortschrittes, einer wahren Entwickelung, eines Geisterreiches auf, und es kann dann auch nur die Frage aufgeworfen werden, wie das Menschengeschlecht in dem Leben, welches sich von Stadium zu Stadium kreisend fortwälzt, ohne lavinenartig Alles, was es auf seinem Wege findet, aufzuheben, mit sich zu führen und zu verschmelzen, seine natürlichen Kräfte und Talente entwickelt, seine socialen und politischen Verbältnisse und Zustände gestaltet.

 

Wir haben im Vorhergehenden schon so häufig der Begriffe: Entwickelung, Fortschritt, Vervollkommenung,

 

 

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Erwähnung gethan, und auf sie unsere ganze Ansicht nicht allein von einer Erscheinung wie Peter der Grosse und Leibnitz, sondern auch von dem Zustande ganzer Reiche basirt; dass wir, insbesondere aus dem Grunde, weil wir uns noch eifrig beschäftigen einen Abschnitt derjenigen Bestrebungen zu bearbeiten und ausführlich und gewissenhaft darzulegen, durch welche eben, nach unserer Ueberzeugung, Fortschritt, Entwickelung und Vervollkommenung einer grossen Nation begründet worden ist, und diese einem höheren Ziele entgegen schreitet: glauben Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, wie wir jene Begriffe gefasst, wie wir in dem Kampfe der hier waltenden Principien für das ganze menschliche Denken und Handeln die Grundsätze gewonnen haben, nach denen alle Bewegungen im Universum, namentlich die geistigen, begriffen werden können und sollen. Zwar hätten wir uns davon abschrecken lassen sollen durch die ungemeine Schwierigkeit eines solchen Unternehmens; aber die grosse Wichtigkeit drängte uns. Mag denn auch das unermessliche Thema den Forderungen der strengen Wissenschaft gemäss nicht behandelt sein, worauf wir hier auch keineswegs ausgegangen sind; so wird die Behandlung desselben in einigen Grundzügen doch zur Genüge darlegen, welchen Weg wir in unseren Beschäftigungen eingeschlagen haben und festhalten; darlegen, was uns am Herzen liegt und was wir für unseres Lebens Zweck erachten. Die Manen eines Leibnitz haben uns vorgeschwebt bei dem Erforschen nach dem Wahren; die Energie und Thatkraft eines Peter des Grossen, der sich niemals durch Schwierigkeiten in seinen Unternehmungen abschrecken liess, haben uns zum Muster gedient. Und so möge man denn das Folgende nur hinnehmen als eine genauere Hinweisung auf die Fragen, welche bei der Betrachtung einer welthistorischen Erscheinung, bei der Beurtheilung jeglichen höheren Zustandes und Ereignisses

 

 

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der Gegenwart wie der Vergangenheit nicht abgewiegen werden können und dürfen.

 

Manches, was sich ausschliesslich auf gegenwärtige Verhältnisse und Personen bezieht, haben wir aus dem Grunde nur unserer Betrachtung einverwebt, weil wir es als dem dargelegten und wahr anerkannten Ziele eines höheren, gemeinsamen Strebens nachtheilig und widerstrebend nicht unerwähnt lassen zu können glaubten. Möchte es Keiner aus einem anderen Gesichtspunkte auffassen und beurtheilen.

 

 

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II.

 

Es giebt eine Gewalt über alle Gewalten;
Dies ist die Gewalt der Ideen. Joh. v. Müller.

 

Mag immerhin mit einem gewissen Eifer in neuerer Zeit die comparative Zoologie und Anatomie dahin gearbeitet haben, den Gedanken einer grossen Metamorphose der Natur bis zum Menschen incl. durchzuführen; wir können dieses für natürlich und nothwendig erachten, damit die Vergleichung und Systematisirung aller Wesen, die wir als lebende im engeren Sinne betrachten, nicht aus den Augen gelassen werden. Aber dennoch ist die Wahrheit unumstösslich: Ein Glied in der unendlichen Kette der Natur entzieht sich der unbedingten Unterwerfung unter dieses allgemeine Geselz; Ein Wesen findet neben dem empfundenen Zusammenhange seiner selbst mit der Natur überhaupt eine Selbstständigkeit, ein tiefes, unverkennbares und unauslöschliches Bedürfniss, die Thätigkeit und die Bestimmung seines eigentlichen Seins nicht in der unvollkommenen, sich auflösenden und vergänglichen Bildung in der Räumlichkeit zu suchen, und also nicht dem Messer des Anatomen oder dem Mikroskopen des Physiologen oder dem Schmelztiegel des Chemikers sich zu unterwerfen; sondern den dichten Schleier, der durch diese Materialität

 

 

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gezogen wird, zu lüften und hinter demselben die Lichtgestalt zu erkennen, die aus einer ganz anderen, höheren Region, als der materiellen Welt, ihre Strahlen empfängt und dorthin auch wieder zurücksendet. -- Es ist der Mensch, dieses wundervolle, geheimnissvolle, in so vielen Erscheinungen räthselhafte Wesen, welches nach seinem wahrhaften Sein ganz anders untersucht und gefasst sein will.

 

Auf keine Weise vermögen die Phänomene des menschlichen Organismus den richtigen Begriff von dem Wesen des Menschen herauszustellen. Die Chemie weiss die nächsten Bestandtheile des menschlichen Körpers auf allgemeine chemische Elemente zurückzuführen; Sie vermag die körperlichen Ueberbleibsel des Wesens, dessen seelenvoller Blick noch jüngst auf das Unendliche gerichtet war, und welches sich im Geiste so eben als die höchste Darstellung einer göttlichen Idee betrachtete, uns klar vor Augen zu legen. Sie, wie ihre Schwester-Wissenschaften aus ähnlichen anderen Gründen, behauptet deshalb so gerne und bereitwillig, dass der Mensch, gleich wie die Blume, nur entstehe, bis zur Blüthe sich entwickele und wieder vergehe, sich in die allgemeinen Naturstoffe auflöse, um einem andern Platz zu machen; und dass damit sein ganzer lebender Cyklus erreicht und vollendet sei.

 

Wir Menschen reden von Sein, Werden, Kraft und Leben. Diess vermögen wir aber einzig und allein als Inhaber und Bewahrer eines Glanz- und Lichtfunkens,-- des Geistes, der in uns wohnt. Weder das Eine noch das Andere würde für uns vorhanden sein, wenn wir es nicht mit den uns verliehenen geistigen Kräften finden könnten und gefunden hätten. Je tiefer unser Bewusstsein in das Innere der Dinge eindringt; je mehr wir uns in die Natur hineinleben, hineindenken und hineinfühlen, desto reicher geht uns das Bewusstsein ihres Wesens und Lebens auf. Wer sich nicht hineingelebt, wird nie das Leben und

 

 

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Wesen der Natur verstehen lernen. So lange das Bewusstsein das Innere der Dinge ausser sich hat, ist ihr Inneres ihm blos ein Aeusserliches, Räumliches, Körperliches, welches nur mit allen möglichen materiellen Mitteln aufgelöst und zergliedert werden kann. Als Wesen, als wahrhaft Inneres kann es ihm alleine aufgehen, wann der Geist in Beziehung auf die körperliche Welt die Schranke des Nebeneinander und des Zusammengesetzten durchbrochen hat und in die Dinge selbst eingegangen ist.

 

Je mehr die Betrachtungen, die sich nur in die materielle Welt versenken, von der Wahrheit abführen und nimmermehr den richtigen Begriff des Geistes, des wahren Wesens des Menschengeschlechtes, finden lassen; um so nothwendiger und dringender tritt uns die Pflicht entgegen, uns über die Natur zu erheben und im Gegensatze gegen diese dasjenige Etwas zu suchen und so bestimmt wie möglich zu begreifen, wodurch der Mensch erst Mensch ist und wird, und wodurch er sich von jedem anderen Lebendigen charakteristisch unterscheidet.

 

Nur zu häufig hören wir die Behauptung, der Wahrheit zum Hohne, dass nichts willkührlicher und zufälliger erscheine als dieses Etwas, dieses Innere, -- die Idee oder Ideen. Man erklärt diese für leere Einbildung, für eine leere Phrase oder eine wesenlose Abstraktion. Freilich liegt es einer äusseren, blos sinnlichen und empirischen Betrachtungsweise nur zu nahe, dass sie die äussere Erscheinung aufgreift, und sie der in ihr sich realisirenden Idee entgegensetzt, und so diese selbst in Miskredit zu bringen sucht. Es ist zwar dieses das leichteste, aber auch nur der Geist- und Ideenlosigkeit eigenthümliche, Verfahren, seine eigene Unfähigkeit etwa zu verbergen, in die Idee einzudringen, sie zu durchdringen und sie in ihrer Entäusserung, in der Zerstreutheit des Zeit- und Raumlebens, in allen Momenten, verwirklicht zu finden.

 

Allein consequent durchgeführt würde diese Ansicht

 

 

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sich entsetzlich an der Menschheit rächen. Denn sie führt zu keinem anderen Ziele als zur völligen Läugnung der reinen Selbstthätigkeit des Geistes, der von der Gottheit verliehenen Thätigkeit der Vernunft; sie führt zum Abschwören der Wahrheit, d. h. der Gottheit; denn Gott ist die Wahrheit.

 

Die Gottheit wohnt in uns; dieses ist uns durch eine höhere, über allen Zweifel erhabene Verkündigung zur Gewissheit geworden; denn in ihm leben, weben und sind wir. Muss also nicht auch die Wahrheit dem menschlichen Wesen wesentlich inwohnend sein, so dass er sich nur in seinem wahren Sein erkennt, wenn er sich in ihr gefunden und begriffen hat? Gleich wie der Mensch an einen Gott nicht wahrhaft glauben kann, wenn er diesen Glauben nicht in sich selbst findet, oder, wie Jacobi sich trefflich ausspricht: „Niemand einen Gott hat, oder einen haben kann, als der ihn in sich selbst geboren hat, in dessen Brust Gott erst Mensch wurde;“ ebenso entsteht aus dem menschlichen Geiste der Drang des Bewusstseins, die Wahrheit in ihren Höhen und Tiefen zu ermessen, um an ihr zum Bewusstsein seines eigenen Wesens zu gelangen. Wir haben uns daher selbst aufgegeben, sowie wir die Realität der Wahrheit aufgegeben haben. Es ist das unverwerflichste Zeugniss unseres eigenen Geistes, dass wir in keinem äusseren, sondern in dem innersten und innigsten Verhältniss zu derselben stehen.

 

Mag das raffinirteste, mit allen Künsten der Sophistik ausgerüstete Verstandes-Raisonnement, diese Thatsache dadurch zu entkräftigen suchen, dass es mit den glänzendsten, verlockendsten Farben ausmalt, wie alles Leben, in uns sowohl, als ausser uns, nichts Anderes ist, als ein unaufhörliches Regen und Bewegen von Kräften, die einander suchen und sich meiden, sich verbinden und wiederum scheiden, sich stören und wieder herstellen, so dass die Ordnung des Ganzen und das allgemeine Gleichgewicht, die

 

 

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unendliche Harmonie, nur in der Unordnung und dem Widerstreite der einzelnen Theile bestehe und sich erhalten könne. Wir können nicht umhin, mit voller Ueberzeugung die Behauptung dagegen aufzustellen: „wenn an dem menschlichen Leben nichts mehr wäre, als was davon gerade auf diese Weise Anderen erscheint, es nicht der Mühe werth wäre, zu leben oder gelebt zu haben.“

 

In der Natur der Sophistik und der Skepsis liegt es aber, dass sie selbst gegen ihren Willen der Wahrheit Zeugniss geben müssen. Denn nur die Ohnmacht des Geistes ist es, wenn er vor dem erscheinenden Widerstreite und Kampfe in der ganzen Natur erschrickt; während es die Macht und Bestimmung desselben ist, dass jene überwunden und als Momente der Wahrheit in der Idee erkannt werden.

 

Was wir damit gewonnen haben, frägt man hohnlächelnd und bedauernd? und glaubt schon mit der Widerlegung fertig zu sein, indem man nur auf die Thatsache hingewiesen, wie viele verschiedene Versuche der Geister, jenes Ziel zu erreichen, im Laufe der Zeiten und unter mannigfaltigen Verhältnissen ans Tageslicht hervorgetreten seien, welche weiter nichts an sich getragen und geleistet hätten, als dass sie sich einander widerlegten, und sich somit einander aufhoben. Was sei denn durch alle möglichen Kämpfe und Anstrengungen für die Vermittelung der Gegensätze erlangt? Sei nicht jeder neue Versuch, jedes neue Bemühen die niederschlagendste Bestätigung, dass die Geister, und demnach auch die von ihnen aufgeführten Lehrgebäude, zu keiner Einheit und somit nicht zur Wahrheit, gelangen könnten? Sei es nicht dadurch zur Genüge bewiesen, dass die Idee der Wahrheit keine Realität habe, als etwa diese, dass der menschliche Geist ein Bedürfniss nach Wahrheit habe und auch fortwährend Versuche mache, sie zu erringen, dass er aber stets unbefriedigt ausgehe, und dass es demnach auch durchaus eitel und vergeblich sei,

 

 

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noch immer an den Sisyphusstein wieder Hand anzulegen.

 

So befinden wir uns denn noch in derselben Lage, in welcher das Menschengeschlecht sich vor mehr als zwei tausend Jahren befand, und müssen gegenwärtig fast dieselben Demonstrationen vernehmen, welche die berüchtigten Sophisten vorbrachten, um den Wahrheitssinn der Menschen zu betäuben, das Streben nach Wahrheit in den tiefsten Wurzeln anzugreifen, als nichtig darzustellen, und auf diese Weise den Geist auf das Tiefste niederzudrücken. Aber gab nicht auch schon damals die Vorsehung eine scharfe, die schlagendste Waffe in die Hand edeldenkender Männer, welche, erleuchtet durch das Licht wahrer Weisheit, die dunklen Irrgänge des Irrthums, der Unsittlichkeit durchdrangen und die verkappte Lüge bis in ihre letzten Schlupfwinkel verfolgten? Wurde nicht der hochmüthige Dünkel jener feilen Männer, die mit schamlosester Dreistigkeit behaupteten, dass sie im Besitz alles Wissens wären, entlarvt? Und dieses geschah dadurch, dass in einem anspruchslosen, aber aufrichtigen und wahrhaften Kampfe man das Leben für die Ueberzeugung opferte, dass der Mensch die Weisheit lieben, mit allen Kräften der Wahrheit nachstreben und mit ununterbrochenem Fortschreiten sich ihr immer mehr zu nähern suchen solle, wenn es auch wegen der Beschränktheit aller Thätigkeiten und Kräfte seines Wesens ihm nicht verstattet sei, dieses höchste Ziel zu erreichen und sich in den vollen Besitz der Wahrheit zu setzen.

 

Das Wesen der Wahrheit an und für sich ist etwas Ewiges, über dem Strome der Zeiten, dem Flusse des Werdens Erhabenes. Aber die Idee der Wahrheit, welches eben dieses Wesen ist, stellt in einem zeitlichen Verlaufe dar, was sie an und für sich ewig ist; sie offenbart sich auf verschiedene Weise und zwingt die Menschheit, ihr zu folgen.

 

 

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Mag nun in dem zeitlichen Verfolgen, in dem Streben nach dem bewussten Innewerden der Idee der Wahrheit, diese häufig noch so sehr getrübt und verdunkelt zur Erscheinung gelangen; mag sich die menschliche Liebe zur Wahrheit noch so sehr unter der Form des Zufalles, der Ausschliesslichkeit und des Widerspruches darstellen; -- diese Erscheinungen haben doch nur zu ihrem Mittelpunkte die Eine Wahrheit, „die ihre Substanz und ihr Geist ist.“ Kein Versuch, kein Bestreben, auch nur einen Theil des Wahren sich darstellen zu lassen, lässt sich ausser der Gemeinschaft mit einem allwaltenden, gemeinsamen Gotte, d. i. der Wahrheit denken. Das Bewusstsein hiervon ist und bleibt das innere Band, das wahrhaft Menschliche; und es ist für den Geist des Menschen in der That nichts vorhanden, welches diesen wahrhaft lebendig und wach erhalten könnte, als der stete Hinblick auf dieses Höchste, als das fortwährende Streben, dasselbe zu erkennen und zum klaren Bewusstsein gelangen zu lassen.

 

Jeder, der sich nur mit der Beobachtung der Erscheinungen begnügt; der diese ausser aller Idee und ausser ihrem Wesen betrachtet; der sich nicht im Geringsten bemüht, das Wie und das Warum des Daseins zu begreifen, wird natürlich nur eine chaotische Masse von Erscheinungen finden, die ihm stets ohne Mittel- und Einheitspunkt, ohne Halt und Ruhe entgegen treten. Ihm ist begreiflicherweise allenthalben, in seiner geistigen, wie materiellen Umgebung, eine innere Verwirrung, und die Gemeinschaft der Geister ein Phantom; er ist durch obige, ohne Sinn und Halt gebildete, Reflexionen vollkommen überführt, dass das Streben nach etwas Höherem, als die Erscheinung mit ihrer einfachen Kraft ist, tantalisch sei.

 

Durch das allmächtig schaffende und Alles allweise erhaltende Wesen treten die Gegensätze und Widersprüche in der Natur hervor; denn das Leben kann sich nur entwickeln, indem es in Gegensätzen fortschreitet; aber diese

 

 

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bestehen nicht für jenes, welches nur als eine Einheit zu fassen und in der Einheit zu begreifen ist. Denn in der Einheit ist die Kraft, die Stärke und die Macht. Ein Widerspruch also zwischen diesen Erscheinungen, dem zeitlichen Sein und Werden, und der ewigen Idee lässt sich daher auch nicht denken. Die Idee und ihre Erscheinung setzen sich voraus, sie tragen, ergänzen, erhalten sich gegenseitig, und wir können eben sowohl von der Idee aus die Erscheinungen, die Erfahrung, beleuchten, als wir von der Erfahrung aus uns zur Idee erheben sollen. Eben deshalb werden wir uns auch leicht davon überzeugen, dass es nur die gänzliche Trennung, das vollkommene Auseinanderhalten oder Auseinanderfallenlassen der Idee und Erscheinung ist, welches die Widersprüche und Verwirrungen erzeugt, die nicht an sich bestehen, sondern nur in unserer Auffassung und Darstellung liegen.

 

Es ist der Geist der Menschheit selbst, der aus einem wahrhaften und innersten Bedürfnisse sich und die Welt in und aus ihrem letzten Grunde zu begreifen strebt und ringt. Wenn das Streben, zu diesem Selbstbewusstsein zu gelangen, „nicht ein Bewegen des Geistes inabgestandenen Formeln, sondern vielmehr ein Wiedererschaffen der Urformen des Lebens im geistigen Abbilde“ ist; wenn dasselbe nicht im Aeusseren stehen bleibt, sondern den wahren, geistigen Inhalt in diesem zu erblicken, die Erscheinungen in ihrem inneren Zusammenhange in der Gesammtentwickelung der Lebendigkeit zu begreifen sucht; so muss für dasselbe die Wahrheit eine lebendige, reale sein.

 

Der Geist sucht nur das Unveränderliche und das rein Menschliche. Er kann nicht eine Willkühr, noch weniger einen Zufall in seiner Entwickelung zulassen. Dieses Unveränderliche sind das Ewige, das wahrhaft Seiende, die Ideen; desshalb behaupten wir mit vollkommenem Rechte von ihnen, --- wie Goethe im Tasso sich ausspricht: –

 

 

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es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte; ich weiss, sie sind ewig, denn sie sind.“

 

Der sicherste und feste Grund nämlich ist uns doch wohl in dem empfundenen und erkannten Dasein selbst geworden. Wir erkennen unmittelbar mit Gewissheit, dass elwas sei, wenn auch nicht so unmittelbar, was und wie dieses Alles sei, dessen Dasein uns absolut gewiss ist.

 

Frägt man doch noch wiederum: Was ist denn die Wahrheit? -- indem man sich nicht in das Reich der Ideen zu versenken vermag; so machen wir nur, ohne uns im Geringsten auf die tiefere Lösung dieser Frage einzulassen, auf Folgendes aufmerksam.

 

Der Begriff der Wahrheit hat eine objektive und subjektive Bedeutung. In der objektiven Bedeutung haben wir unter Wahrheit überhaupt zu verstehen eine Uebereinstimmung, eine Wirklichkeit, eine ewige Dauer des Daseins in sich selbst. In der subjektiven aber muss uns die Wahrheit die auch gewusste oder erkannte Uebereinstimmung des Erkennens und Denkens mit dem Gegenstande desselben, so wie auch die Uebereinstimmung der Gedanken und Erkenntnisse unter sich heissen. Ueberall in der Natur unterscheiden wir Wahrheit vom blossen Scheine. Die Planeten scheinen sich hin und her zu bewegen; die Sonne scheint um unsere Erde sich zu drehen; die Wahrheit aber ist, dass die Planeten nur in einer einfachen Richtung fortlaufen, und dass die Erde sich um die Sonne bewegt. Wenn diese objektive Wirklichkeit im Gegensatze gegen die blos scheinbare erkannt worden ist, so heisst dieses nun die Wahrheit in der Erkenntniss oder in dem Subjekte selbst.

 

Zwar hat auch der Schein als solcher seine eigenthümliche Wahrheit, weil er seine Wirklichkeit hat als Schein; wenn aber dieser als solcher erklärt worden ist, so ist auch diese Erkenntniss eine wahre Erkenntniss des Scheins. Die blosse Erkenntniss und Behauplung der objektiven Wahrheit oder Wirklichkeit ist

 

 

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für das Subjekt selbst erst dann Wahrheit, wenn es von dieser ein Selbstbewusstsein besitzt, und entweder diese objektive Wahrheit als eine unmittelbare behaupten darf, oder sie aus Gründen erkennt. Für ein anderes Subjekt kann die Behauptung vollkommen wahr sein; für das behauptende selbst aber ist es nur zufällig wahr, so lange nicht das volle Selbstbewusstsein oder die Ueberzeugung vorhanden ist.

 

Daher muss die Wahrheit in uns überall in sich selbst harmonisch oder übereinstimmend sein mit dem grossen Systeme aller übrigen Wahrheit, -- mit der Wahrheit überhaupt. Die Erkenntniss soll allerdings mit dem Sein, dem Gegenstande, übereinstimmen; aber sie soll auch in sich selbst übereinstimmen. Dann wird sie die höhere, überall begründete Wahrheit.

 

Der Irrthum ist entweder ein Mangel der Uebereinstimmung des Gedankens mit dem Gegenstande, eine Verwirrung der Wirklichkeit, oder er ist ein Mangel der inneren Uebereinstimmung; wie wenn man eine objektive Wahrheit subjektiv durch einen Paralogismus beweisen wollte, oder umgekehrt aus Wahrheiten etwas Unwahres, Unwirkliches herleitete.

 

Der Irrthum liegt als eigentlicher Irrthum der Erkenntniss vorzüglich im Urtheilen des Verstandes über die Erscheinung; oder er liegt in der Verknüpfung der Urtheile; in dem übereilten Schliessen. Jeder Irrthum hat aber seine zureichenden Gründe, seine innere psychologische Nothwendigkeit für das irrende Subjekt. Er ist etwas Wirkliches und Wahres, insofern er als Irrthum erkannt worden ist. Allein es giebt keinen absoluten Irrthum, sondern jedem liegt eine Wahrheit zum Grunde, eine objektive Wirklichkeit wenigstens, er ist ein Phänomen in der Seele. Eben deshalb vermag der Mensch, sich aus jedem Irrthume wieder herauszufinden, wenn er nur seine Ursachen, seinen objektiven oder subjektiven Grund gefunden hat.

 

 

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Der Mensch musste überhaupt erst vielfältig irren, bevor er zur Erkenntniss einer Wahrheit gelangte, weil die Natur der Dinge sich ihm mit einem gewissen Schein bekleidet darstellt, der jederzeit erst aufgeklärt, vertrieben werden muss von der Wirklichkeit des Daseins. Ueberall bemerkt man den Faden der Ariadne, der aus dem Labyrinthe dieser Irrthümer sicher hinausführt. Der Geist braucht sich nur der ruhigen, wahrhaften Betrachtung mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln hinzugeben, und der Schein verschwindet allmählig.

 

Der Zustand der Seele ist mithin zuerst und ins Unendliche fort der des Strebens nach reiner Wahrheit; folglich muss auch unsere Erkenntniss nothwendig Grade oder Stufen der Gewissheit und der inneren Ueberzeugung von ihrer Wahrheit selbst inne halten. Und der vernünftige Geist nähert sich bald zweifelnd, bald ahnend, bald aus Gründen glaubend, bald Vieles schon wissend einer allgemeineren und höheren Vollkommenheit seiner ganzen Erkenntniss, -- der Wahrheit, die wir oben kurz als die innere oder erkannte Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, und des Denkens mit sich selbst erklärten.

 

Der Geist weiss und bezweifelt nicht sein eigenes denkendes Wesen, eben so wenig wie die unendliche Natur der Dinge, auf welche sein Gedanke gerichtet ist. Selbst wenn er dessen nicht unmittelbar gewiss wäre, entfaltete sich unwiderstehlich durch tausendfache Bewegungen und Bethätigungen diese Ahnung des geistigen Wesens doch allmählig zu einem Wissen von sich. Denn nur wenn er von sich selbst weiss, weiss er auch, dass er nicht aus sich selbst, sondern aus einem unbedingten Sein, aus dem Unendlichen, Unnennbaren, aus Gott ist, welcher der Anfangspunkt, das Mittel und Endziel seiner Existenz ist; und zwar weiss er sich „als Leben aus dem Urleben, als geistiges Leben aus dem Urgeiste.“

 

Dieses Wissen also ist die erste Voraussetzung und

 

 

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Bedingung, des menschlichen Daseins Beruf und Pflicht zu erfüllen. Wenn der Mensch auch diese in ihrer wahren Bedeutung des unaufhörlichen Strebens, „aus einem dunklen Produkt der Natur ein klares Produkt seiner Selbst, d. i. der Vernunft zu werden,“ noch nicht erkannt hat; er bildet sich doch unaufhaltsam einen Kreis von Begriffen und Erkenntnissen, die, so lange er im Besitze der freien Denkthätigkeit ist, sich vermehren und immer weiter und weiter ausdehnen. Es bilden sich von selbst gewisse Cyklen des Gewonnenen; denn unter und verloren geht Nichts, was wahrhaft geistig geboren und gewonnen wurde. Es entstehen einzelne bestimmte Theorien, Systeme, Wissenschaften, bald diese zuerst, bald jene. Aber jede Theorie, jede Wissenschaft als solche muss einen sicheren Grund haben, und kein einziger Theil derselben darf dieses Grundes entbehren wollen; keiner darf gleichsam isolirt im Leeren, Unendlichen schweben wollen. Die mehreren Wissenschaften streben eben so sehr zu einer Verbindung unter sich, als jeder Gedanke, jeder Satz der einzelnen Wissenschaft, diese Verbindung fordert. Sie können für eine gewisse Zeit und in einer gewissen Beziehung sich wohl isolirt haben und halten; bald aber, sowie im Menschen nur im Geringsten das Bewusstsein einer Einheit und Allgemeinheit erwacht ist, tritt das Bedürfniss dieser allgemeinen Verbindung hervor, und bei einem tieferen Eindringen in dieselbe stellen sich alle Wissenschaften dar als Glieder oder organische Theile einer allergemeinsten Wissenschalt. Wenn auch diese zwar ein Ideal ist; so giebt es dennoch ein wahres und wirkliches Streben des Geistes, dieses Ideal zu verwirklichen.

 

Es ist ein innerer Geistes-Ruf, den der Mensch so wenig als sein Wesen selbst ganz aufheben kann, dass er neben den Naturgesetzen ganz anderen, höheren, göttlichen Geboten unterworfen, dass er zum Denken und Erkennen bestimmt ist. Allein seine „Seele ist auch in

 

 

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sich bewegt, sich selbst und ihr Verhältniss mit einer inneren Veränderung ihres Wesens fühlend;“ sie ist desgleichen nach Aussen strebend und begehrend, handelnd.

 

Das Gefühl ist ein Erstes, Anfangendes in der Seele; ein innerer, wechselnder Moment des Daseins der Seele selbst, sofern sie dieses Dasein selbst setzt oder sich bewusst ist. Bezeichnend nennt Feuerbach diese dem Menschen wesentliche Kraft des Herzens die „Liebe;“ von der Jean Paul sagte: dass der Himmel selbst ihr die Schöpfung der Erde anvertraut habe.

 

Es mag dieses Setzen oder Bewusstsein der Seele vom momentanen Dasein so dunkel, so schwach gedacht werden, dass es nicht eigentlich ein Gefühl mit Bewusstsein heissen darf; nach und nach aber erhält dasselbe zufolge gewisser Gesetze des Lebens überhaupt diejenige Stärke, in welcher wir es ein Gefühl im bestimmteren Sinne nennen, ein Gefühl, welches zugleich ein Bewusstsein in sich schliesst. Ein solches stärkeres Gefühl des Bewusstseins ist nun ein höheres, ideales Dasein im Inneren der Seele selbst, mit irgend einer Bestimmung oder Eigenthümlichkeit, welche zuletzt aus dem objektiven Zusammenhange der Seele mit der Welt erklärt werden muss.

 

Was das Gefühl weiter sei, lässt sich nicht sagen, weil es gerade das Allererste, unmittelbar Gewisse in der Seele ist, und deshalb nicht weiter abgeleitet, sondern nur aufgeklärt werden kann. In diesem inneren, unmittelbaren Sein der Seele, worin sie fühlt, findet sich aber wiederum ein, wie es scheint, unüberwindlicher Gegensatz und Zwiespalt; der Gegengatz nämlich der Lust und der Unlust, des Positiven und des Negativen, der Harmonie und des Widerspruches der Seele und ihrer Welt. In dem einen Augenblicke der Lust oder der Freude ist die Seele zwar bewegt, und dieses nach Umständen stark und tief; aber sie ist zugleich in sich selbst friedlich oder ganz daseiend nach ihrer Natur. Sie ist wohl leidend, aber zugleich thätig,

 

 

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und dieses Leiden so wie diese Thätigkeit stimmen so genau zusammen, dass die Seele dieses Leiden nicht von sich abweist, nicht entfernen will, und dadurch offen erklärt, dass sie in dieser Thätigkeit fortwirken möchte. In einem anderen Augenblicke ist die Affektion der Seele von der Art, dass ihr inneres Leben und Wirken einen Widerstand in der Affektion selbst findet, so dass die Affektion und die Thätigkeit nicht in einem Punkte zusammenwirken; die Seele deshalb diesen Zustand wieder durch eine verstärkte Thätigkeit aufzuheben sucht. In beiden Momenten findet also gewiss sowohl eine Veränderung der Seele von Aussen, als ein inneres Wirken derselben, eine Thätigkeit, Statt; nur möchte wohl im Momente der Lust oder der Freude die Thätigkeit, das innere Leben der Seele, überwiegend sein; während in dem anderen das Verändertwerden oder das Leiden der Seele mehr hervortritt. Denn ein Uebermass der Lust geht so leicht in Schmerz über, und je freier die Seele sich im Gefühle findet, um so dauernder und sicherer wird auch dieser ihr Zustand sein.

 

Der Wechsel der Lust und der Unlust schreitet nach aller Erfahrung durch das ganze Leben hindurch. „Unvermischt mit Schmerz gaben die Götter den Sterblichen Nichts.“ Die höchste Gottheit, sagte Socrates, konnte Schmerz und Freude nicht versöhnen; sie konnte sie nur an einander knüpfen, so dass, wo das eine vorhanden ist, das andere gleich auf dem Fusse nachfolgt. Gänzlich fehlt also der Gegensatz nirgends, wenn er gleich nicht überall gleich scharf, heftig und zerstörend da ist.

 

Das Fühlen ist auf dieselbe Weise zu entwickeln, wie das Denken. Denn Denken und Fühlen entsprechen sich, sinken und steigen nach denselben Stufen. Der eigentliche Inhalt, das Objektive im Gefühle ist aber nichts Geringeres als die Unendlichkeit des Daseins selbst; denn Alles und Jedes, müssen wir sagen, lebt und regt sich zu allererst in unseren Gefühlen, von dem materiellen, äusseren Dasein

 

 

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bis zur höchsten Idee eines Geistes, eines göttlichen Wesens selbst.

 

Das Gefühl an sich ist immer nur ein Gefühl der Seele oder des Princips des Lebens in uns; und deshalb sind auch alle besondere Gefühle eingeschlossen im unendlichen Gefühle der Gottheit, worin sie alle ohne Vernichtung oder Schwächung gehoben, veredelt und in Harmonie gebracht werden. „Verhallet nicht und verschwindet in den Hymnen des Lebens zuletzt und auf ewig der aufgelöste Miston der Klage, und kann etwas Anderes ewig sein, denn allein die Harmonie?“

 

Das ganze Gefühls-Leben unserer Seele geht aus einer unendlichen Fülle des Naturlebens ausser uns hervor. Hier ist gleichsam das Verhältniss eines unendlich kleinen, unendlich zarten Wesens zu dem unendlich grossen und mächtigen. Die fühlende Seele will und muss die Unendlichkeit selbst in sich aufnehmen; sie kann sich dem Einströmen dieser äusseren Macht nicht widersetzen. Alle Wesen dringen unaufhaltsam auf die erst werdende zarte, empfindende Seele ein. Je lebendiger diese in sich selbst ist, um so mächtiger fühlt sie diese Unendlichkeit ausser sich. Hierin liegt nun ohne Zweifel der ewige Grund jenes unaufhörlichen inneren Wechsels oder Gegensatzes des Gefühles in sich selbst; welches mithin des Gefühles nothwendiges Gesetz ist. Es ist als wenn die empfindende Seele die ganze Natur zu einem Kampfe aufgefordert hätte; und je lebhafter die Seele selbst ist, um so lebhafter muss dieser Kampf werden.

 

Praktisch kann man sich etwa damit begnügen, die Wirklichkeit dieses Gegensatzes anzuerkennen. Aber eine höhere Betrachtung gebietet die Lösung dieses Räthsels.

 

Da der Kampf ohne eine gewisse Einheit als Ausgangspunkt und ohne Einigung als Zielpunkt nicht gedacht werden kann; so muss auch jenem Kampfe der Gefühle eine Einheit zum Grunde liegen, gleichwie er sich in eine, in

 

 

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sich selbst harmonische, Einheit auflösen muss. Mithin können wir das Gefühl als solches uns nur denken als eine Einheit, eine Vereinigung des Leidens und der Thätigkeit, als eine Durchdringung des Endlichen und Unendlichen in einem Wesen, welches selbst ein unendliches heissen kann, gleichwie die Seele oder das Princip des Lebens ein unendliches genannt wird. Freilich besteht dieses Gefühl nur in der Idee, -- aber in einer Idee, welche dieselbe Realität und Wirklichkeit hat, wie die Idee der Wahrheit. Man nennt dieselbe gewöhnlich wegen der Congruenz dieser inneren Gesetzmässigkeit, der Harmonie und der inneren Schönheit mit der äusseren, sinnlichen Vollkommenheit, den Formen der Schönheit --- die Idee des Schönen.

 

Das Gefühl ist eine gleichsam noch ungeschiedene Einheit des Leidens und der Thätigkeit. In demselben ist immer zugleich eine innere, stille Thätigkeit, sei sie auch noch so geringe, weil ohne sie die Seele im Gefühle untergehen würde, -- welche nicht anders als mehr oder weniger in eine wenigstens anfangende Causalität des Vermögens der Seele übergehen kann. Denn im Gefühle will die Seele entweder diesen Zustand erhalten, oder sie will den Zustand ihres inneren Lebens noch erhöhen, oder sie will endlich eine Veränderung, eine Aufhebung dieses inneren Momentes ihres Lebens. Mithin ist stets im Gefühle auch eine Thätigkeit nach Aussen, welches Aeussere aber auch den Zustand der Seele selbst bezeichnen kann. Eine solche „anfangende, äusserlich noch unvollendete Thätigkeit nennen wir ein Streben, und das Princip desselben in der Seele ihren Trieb, der in der Kraft überhaupt wurzelnd, durch den allgemeinen Gegensatz des Daseins bald aufgeregt, bald beruhigt, somit nur wechselnd, und in seiner mannigfaltigen Naturbestimmtheit, treiben und wirken kann.“

 

Der Trieb ist demnach nichts Anderes als eine einfache Folge des Daseins eines Wesens überhaupt. Jedes

 

 

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Wesen will sich selbst als solches erhalten; es will sich erweitern, verwirklichen, vervollkommnen; es will endlich alles Uebrige sich und seiner Natur anpassen oder unterwerfen, so weit es seine Kraft vermag, oder es will der äusseren Natur das Bild seines Gepräges aufdrücken. In der ganzen lebenden Natur erkennen und bewundern wir dieses Princip des Triebes.

 

Also auch im Menschen müssen wir dieses Princip der Thätigkeit und des Strebens anerkennen, wenn gleich es auch neben dem mit Nothwendigkeit wirkenden Naturtriebe, einen, wir möchten sagen, unendlich viel höheren Charakter in dem göttlichen Triebe nach Erkenntniss, nach Vollkommenheit annimmt. Eine Mehrheit der, dem Menschen zukommenden, Triebe ist hierdurch schon ausgesprochen. Wenn wir aber das Bewusstsein und die äussere Erfahrung der Welt betrachten, so scheint wenigstens eine sehr genaue Verbindung, ein innerer geheimnissvoller Zusammenhang zwischen den mehreren Trieben Statt zu finden; es scheint die Mannigfaltigkeit mehr ihren Grund zu haben in der gegenständlichen Beziehung. Denn im lebenden Wesen selbst müssen wir doch nur eine Einheit, einen Zusammenhang der Thätigkeit überhaupt annehmen; wir bemerken ja tets wie die Thätigkeit überhaupt umgelenkt und auf ein Anderes hingewandt werden kann, während das Prineip nur eins ist.

 

Zwar ist man häufig geneigter, die Ansicht zu verfolgen und allenthalben bestätigt zu finden, als wenn es einen ursprünglichen Zwiespalt, einen Gegensatz, einen Dualismus des Triebes, als des Princips der Thätigkeit, in der menschlichen Natur gebe. Man spricht von Sinnlichkeit und Vernunft, von Fleisch und Geist. -- Einfach und natürlich ist aber doch die Ansicht, dass eine Harmonie der Thätigkeit unseres Wesens gleichsam der geheime Gedanke der Natur und der Vernunft selbst sei. Nehmen wir eine innere Verwandtschaft dieser Principien an, so eröffnet sich

 

 

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uns eine natürliche Aussicht, dass im ganzen Wesen diejenige Einheit und Uebereinstimmung hervorgebracht werden könne, welche wir als die sittliche Vollkommenheit bezeichnen. Wäre das Grundprincip der Thätigkeit in sich selbst zerrissen, oder wäre eine ursprüngliche Feindschaft des Triebes da, so möchte der Mensch gar leicht an seiner eigenen Natur verzweifeln und irre werden.

 

Die Beziehung des inneren Princips der Thätigkeit der menschlichen Seele auf die Aussenwelt im weitesten Sinne des Wortes ist eine erste, ursprüngliche Thatsache; es ist ein Ausdruck des ewigen Räthsels der geistigen Welt in Bezug auf die Natur. In dieser objektiven oder gegenständlichen Beziehung liegt das Begehren. Der ganze Begriff des Begehrens drückt also überhaupt ein Verhältniss aus, -- ein Verhältniss eines endlichen Wesens zu gewissen Gegenständen der Unendlichkeit. In der empfindenden, fühlenden Seele ist, wie wir gesehen haben, ein Princip der Thätigkeit nach Aussen. Wenn das Dasein nicht in sich selbst widersprechend sein soll, so wird diesem Principe nothwendig Etwas vollkommen entsprechen müssen. Es muss für das begehrende Wesen ein System des Guten geben.

 

Eine ursprüngliche Harmonie der fühlenden und wollenden Natur in sich selbst ist unstreitig der natürliche Gedanke, von dem man stets auszugehen hat. Weil die Seele begehren muss, wird auch Etwas diesem Begehren entsprechen oder gut sein müssen; und umgekehrt, weil Etwas gut ist in der Natur, wird auch das fühlende Wesen dieses Gute wollen.

 

Aber was ist dieses Gute? welcher ist der höchste Zweck alles Lebens und Handelns? aus welchem Princip und nach welchem Gesetz muss das vernünftige Handeln sich entwickeln? -- Man bedenke wohl, es wird hiermit gefragt: welches ist gleichsam das letzte, höchste Wort in der Schöpfung, das Wort des Geistes selbst, das göttliche Wort in einem endlichen Geiste vernommen, von ihm aber

 

 

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sich selbst und der Welt ausgesprochen? Wie dürfen wir uns verwundern, dass die Denker aller Zeiten die angestrengtesten Untersuchungen über diese Fragen angestellt haben, und zu den verschiedensten, ja widersprechendsten Resultaten gelangt sind? -- Soll nun aber blos deshalb dieses praktische Gesetz gänzlich unbestimmt und schwankend sein?

 

Mag die Erde mit ihren Bewohnern sechs tausend Jahre bestanden haben; so lange unter den letzteren die Menschen waren, haben diese jene Fragen nicht von sich abweisen und fern halten können, wenn dieselben auch nur in dunklen, völlig unbewussten Gefühlen und gewissen Ahnungen hervortraten und fortwährend schwebend blieben. Wir kennen nicht die Entwickelungsgeschichte des Bewusstseins in der Kindheit des menschlichen Geschlechtes. Aber wir wissen, dass von dort an auch geistig gekämpft und gestrebt wurde, denn sonst würde das geistige Leben sich selbst zerstört haben. Durch und in diesem Kampfe trat zuerst mit Socrates eine verständige und erhabene Ansicht hervor. Er stellte das Gesetz einer harmonischen Ausbildung aller Kräfte des Geistes auf, eines Strebens nach Verähnlichung mit der Gottheit selbst. Diese höhere Idee hielt Plato fest, der zugleich dem Pythagoras hierin folgte, welcher schon diese Einheit gefasst hatte. Die ewigen Ideen sollen hienieden verwirklicht werden, das an sich Gute, das Eine, das Zusammenstimmende soll im menschlichen Leben dargestellt, abgebildet werden; -- dieses wurde als der höchste Zweck alles Lebens und Handelns ausgesprochen. Plato's ethische Idee knüpfte sich mithin an eine höhere Welt an, und sie hatte ein Moment der religiösen Begeisterung in sich. In Rücksicht der Wahrheit derselben möchten wir nur erinnern an die erhabene und göttliche Lehre Christi: liebe Gott über Alles und den Nächsten wie dich selbst; in welcher die zwei Hauptmomente der Sittenlehre ausgesprochen sind, nämlich die

 

 

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Beziehung des endlichen Geistes auf die Gottheit selbst, und das grosse Gesetz der Liebe.

 

Andere Denker haben auf andere Weise den Endzweck des Handelns gesucht und ihn in der augenblicklichen und flüchtigen Lust des Lebens gefunden; noch andere in einer strengen Bedürfnisslosigkeit, Freiheit, Unabhängigkeit; wiederum andere suchten ihn unmittelbar in einer anderen, höheren Welt. Wenige erkannten hier in diesem ersten Wirkungskreise des irdischen Lebens diejenige ewige Harmonie, welche, obgleich sie hier sich nicht vollenden kann, dennoch hier schon anheben und sich äusseren muss und kann. Schon auf dieser Erde soll der Mensch das Höchste zu denken wagen; schon hier soll er diesem Höchsten nachstreben. Es darf dem Menschen, so gewiss er ein denkendes und erkennendes Wegen ist, nicht genügen, seine Glückseligkeit erst in einer anderen Welt zu erwarten.

 

Die alten heidnischen Forscher fragten mehr nach dem letzten Zwecke der Handlung oder nach dem höchsten Gute; die neuesten vorzüglich nach der inneren Triebfeder, nach dem Princip. Beide Gesichtspunkte sind aber unzertrennlich, und man kann nur relativ, bald aus dem einen, bald aus dem anderen Gesichtspunkte, das Problem betrachten. Gehen wir von der Frage nach dem inneren Principe aus, oder nach dem allgemeinen Gesetze aller Handlungen, so werden wir einfach sagen können, dass wir im Handeln und Wollen eben so wohl mit uns selbst übereinstimmen sollen, und zwar „durchgängig nach Gesetzen des erkannten Guten,“ als wir im Denken und Erkennen mit uns selbst übereinstimmen müssen. Die Idee der inneren Harmonie aller verschiedenen Handlungen ist auch von jeher anerkannt worden. Das vernünftige Wollen darf sich nicht selbst widersprechen; man darf nicht nach blos subjektiven, partikulären Einfällen oder Eingebungen handeln wollen, sondern nach Begriffen und Gesetzen, welche für alle Vernunftwesen und für alle Zeiten Gültigkeit haben. Demnach

 

 

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muss der Mensch, um mit sich selbst übereinstimmend und gesetzmässig handeln zu können, die Welt und sein Verhältniss in ihr und zu anderen vernünftigen Wesen nach der Wahrheit zu erkennen, und diese seine Erkenntniss zu verwirklichen streben. In sich und ausser sich selbst soll der Geist eine zweite, bessere, eine harmonische Natur gründen und hervortreten lassen. Der innere Friede der Gedanken, der Neigungen und Kräfte soll sich ausser dem Geiste in den weitesten Kreisen, in denen er überhaupt wirken kann, entfalten und verbreiten. Auf diese Weise wird der vernünftige Geist auch ausser sich Erkenntniss, Vervollkommnung und Tugend zu befördern suchen, und dieses Alles in der Begeisterung der Liebe, ohne welche das Gesetz der Kraft, der Freiheit und Schönheit, welche das sittliche Handeln bezeichnen, entbehren würde.

 

So strebt der Geist ewig nach Oben, zur Verähnlichung und Vereinigung mit dem göttlichen Geiste selbst, oder mit dem Guten an sich, weil das Gute nur eins und ein unendliches, eine Idee ist, welche keine Beschränkung in sich dulden kann. Also hat die Vernunft ihre Kraft des Handelns und Wirkens an ein ewiges Gesetz der Vollkommenheit für die ganze unendliche Zukunft gebunden.

 

Auch hier ist, wie für die Idee des Wahren, der Widerspruch, der Zwiespalt und der Kampf nicht ausgeschlossen. Wir kennen ihn zur Genüge als den Kampf des Guten mit dem Bösen, der Tugend mit dem Laster. Er liegt nothwendig in dem Emporsteigen des Wollens aus der niederen, persönlichen Sphäre zu der Gottheit als dem höchsten Gute, worauf alle Motive und Entschliessungen hinzublicken haben. Er ist der einzige Weg, den der Sterbliche zu wandeln hat, um aus dem Zustande einer flüchtigen Erscheinung hienieden, eines Sohnes der Zeit -- ein Mitglied eines Vernunftreiches, ein unsterbliches Wesen zu werden, dessen Befreiung und geistige Entwickelung in einer anderen Welt wieder angeknüpft wird. Wir wiederholen es, dieser

 

 

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Kampf ist kein leerer Wahn, ist nicht ein tantalisches Bemühen, -- er kann es nicht sein; denn wir endliche Geister haben unendliche Ideen. -- Wer dieses nicht anerkennen will, für den möge denn das unergründliche Chaos von Irrthümern aller Art, von niederen, sinnlichen Gefühlen und individuellen, persönlichen Begierden bestehen und die einzige Wirklichkeit haben. Aber er wird auch nicht anders können, als der Zweifelsucht und der Verzweiflung verfallen sein.

 

In jedem Menschen wechselt das Wahre mit dem Unwahren, die Tugend mit der Untugend, die Freiheit des Geistes mit der Knechtschaft; aber alle sind ursprünglich und in Ewigkeit dieselben Wesen, d. i. zum Wahren und zum Guten Berufene. Es giebt in der Erscheinung Grade des Wahren und des Unwahren, des Guten und des Bösen; es giebt mannigfaltige Uebergänge der Charaktere; Keiner ist vollkommen oder vollkommen wahr und gut zu nennen, -- denn nur die Gottheit ist die Wahrheit und das Gute; -- allein eben deshalb ist auch Keiner als absolut unwahr und böse zu denken.

 

Wem also nicht das klare Bewusstsein aufgegangen ist von der Mitgliedschaft an dem himmlischen Reiche, der fasst und versteht auch nicht in seiner vollen Bedeutung eins der grössten und lichtvollsten Worte, die je gesprochen sind: „Selig sind, die reines Herzens sind.“

 

 

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III.

 

Manches können wir nicht versteh'n!
Lebt nur zu! es wird schon geh'n.
Goethe.

 

Wir haben in dem Vorhergehenden das Wesen des Menschen, wie es sich ihm im Bewusstsein unverkennbar offenbart, entwickelt und ausgesprochen. Es besteht in der Kraft des Denkens, in der Kraft des Fühlens und der Kraft des Wollens, welchen dreien Kräften die drei Ideen des Wahren, Schönen und Guten entsprechen. „Wollen, Lieben, Denken sind die höchsten Kräfte, sind das absolute Wesen des Menschen qua talis, als Menschen, und der Grund seines Daseins. Der Mensch ist, um zu denken, um zu lieben, um zu wollen.“ Dieses Wesen ist das Menschheitliche im Menschen, denn es ist das Ewige und Unvergängliche in ihm, weil von des Himmels klaren Räumen diese seine Natur herabgekommen ist, und deshalb auch immerdar das freie Antlitz dem Quell des Lichtes zuwendet. Was in lichter Besonnenheit sich im Menschen bildet, die Bewegung und die Harmonie, der Gedanken Blitzschlag, der Vorstellungen rasches Treiben, des Bewusstseins lichte Durchsichtigkeit, es wird in dieser Sphäre gebildet. Und wieder alle höhere Begeisterung des Gemüthes geht von dieser Quelle aus; alle Wunder der Poesie sind

 

 

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in diesem Wunderreiche geworden; gleichwie alle Handlungen, die mit höchster Aufopferung für das Gute hervorgegangen sind. -- In diesen lichten Räumen ist die Urquelle aller Wahrheit, aller Schönheit, aller Tugend, aus der der Mensch das Lieben, Streben und Ringen nach dem Wahren, Schönen und Guten empfangen hat, wodurch er alleine dem höheren Leben entgegensteigen und seinen Endzweck erfüllen kann. Hier ist sein eigentliches Vaterland. --

 

Einen Menschen, dieses individuelle organische und vernünftige Wesen, glaubt man gewöhnlich völlig erkannt und begriffen zu haben, wenn man ihn sich vergegenwärtigt hat, wie er aus dem Schoosse der unendlich schaffenden Natur hervorgegangen ist; wie er sich fest anklammert an den Stamm, von dem er entspross; wie er sich stets hinflüchtet unter den Schatten des Baumes, der nur seine Wurzeln in die Mutter-Erde schlägt; wie er immerdar das verschleierte Antlitz nach dem Erden-Centrum hinwendet, wo das Herz seiner Zeit schlägt; wie er wächst, fortschreitet und sich bildet; wie aber dieser Fortschritt aus dem Sinnlichen zu seinem Ziele gelangt, sich nun in sich selber wendet und zum Regressus wird; die Kräfte, aus den vielfachen Besonderheiten, in die sie sich erschlossen halten, zurückkehrend, sich in sich selbst zurückversenken und sich in das flammende Centrum des Lebens, aus dem sie so fröhlich hervorgegangen waren, wieder zusammen ziehen, wo dann die Entfaltungen des lebendigen Gewächses mehr und mehr hinwelken, und endlich völlig in sich ersterben, so dass die ganze Erscheinung der scheinbarsten Vernichtung anheim gefallen ist. Die Erde ergreift ihre Gebilde wieder und zieht sie hinab in den dunklen Schooss, um zu seiner Zeit neue Gestalten wiederum zu produeiren. Nichts bleibt von ihnen übrig, als eine unbestimmte Masse; denn das hier zum Grunde liegende Princip will stets Masse nur zu Masse häufen.

 

Die niedrigste und traurigste, -- aber leider auch die

 

 

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gewöhnlichste Ansicht, insbesondere wenn wir von den Handlungen und Thätigkeiten der Menschen auf ihre Erkenntnisse zurückschliessen! -- Die Natur ist der Quell des Lebens, die Lust des Schaffens; aber dieses ihr Leben ist nur Ein Moment. Nur was in der Natur sie selbst dem Menschen verlieh, das hinfällige Organ, schwindet dahin, folgsam ihren ewigen Winken. Aber „mitten in dem Reiche des seins stehet eine Sonne, welche Alles trägt und hält, Alles belebt und bewegt, und es ist ein Auge selber von Sonnennatur für jene Sonne gemacht. Die Sonne ist Gott, das Auge ist die Seele,“ durch welche der Sterbliche und Vergängliche selbst ewig und unvergänglich wurde.

 

Waltet auch über alle Gestalten und Formen ein mächtiges Verhängniss, dem jedes Einzelne als Opfer fallen muss, es bleibt doch unverrückt die Gattung bestehen, in welchem das Individuelle nur fortlebt, und dessen Wesen wahrhaft erkannt wird; gleichwie auch nur in der Gattung der volle Endzweck erfüllt wird. Diesemselben Gesetze ist zwar nicht weniger der Mensch, wie jedes andere lebende Wesen unterworfen. Aber seine Doppelnatur, die Sinnliche und die vernünftige, obgleich diese wie zwei Töne zu einem einzigen Accord zusammenklingen, in den kein einzelner für sich mehr trennbar ist, und es die göttliche Sympathie ist, die sie in ihrer Durchdringung zusammenhält, folgt unverkennbar zweien besonderen Bedingungen, wie ihre Fortexistenz in zweien Richtungen zu suchen ist.

 

Die beiden Naturen treten mit dem ersten Momente zuvörderst ein ins Fleisch, in die Materie, und stellen sich als eine concrete, ganz und gar im Sinnlichen befangene, gediegene Besonderheit, ganz und gar der Erde und allem Irdischen angehörend, dar. Mit dem Fortschritte des Lebens aber entfaltet sich der Keim nach den beiden entgegengesetzten Richtungen; es steigt die verborgene Kraft im Innern auf und drängt das Gebildete aus der Individualität hervor; es brechen alle Knospen und giessen den verborgenen

 

 

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Reichthum aus; es läutern sich immer höher die Gestaltungen; es gewinnen die Naturen immer mehr innere Allgemeinheit und äusseren Wirkungsraum, treten mehr und mehr aus ihrer sinnlichen Befangenheit hervor, und streben gegen das Uebersinnliche an, und wollen in das Sonnenreich den Blätterschmuck entfalten. Was Art im Menschen ist, fliesst ansteigend zur Gattung in einander; es verliert das Individuum fortdauernd den Charakter der sinnlichen Vereinzelung, und in ihm erblühen immer höhere und weiter hinauf geläuterte Blüthen der inneren lebendigen Kraft und Thätigkeit, und damit der Bestimmungsfähigkeit.

 

Es kann und darf den Geist nicht irre machen, sich in einer relativ dunklen Welt zu finden, seinen Anfang wie Ausgang geheimnissvoll zu erkennen, in der Zerstreutheit in Raum- und Zeitleben sich zu finden; denn es winkt in ihm sein eigenes leuchtendes Wesen im ewigen Lichte. Mag es auch das Gesetz sein für alle Geister, auszugehen aus der Natur; in ihr und mit ihr fortan fortzuschreiten; sie schauen und fassen doch ihre ewige Bahn, welche Sie zu wandeln haben zu dem ewigen Urquell des Lebens. Wie könnte hier das kurze irdische Leben, welches häufig kaum begonnen hat, als es Seine materielle Form schon wieder aufgelöst Sieht, das Ziel und die Wahrheit der Bestimmung des Geistes darstellen?

 

Aeusserliches, Räumliches und Körperliches ist das messende Mass in der materiellen Sphäre, in der wir stets den Fortschritt und die Entwickelung aus dem Sinnlichen zu einem bestimmten Ziele in sich selber wenden, und nun zum Regressus werden sehen; wir nehmen allenthalben ein Entstehen und Vergehen der verschiedenartigsten Organisationen in der ganzen grossen Schöpfung wahr; wir bemerken nur ein Pulsiren derselben in der Periodicität der Natur, ein unabänderliches Verwandeln der unendlich mannigfaltigen Formen, deren Wesen als eine Stille, feste Beharrlichkeit in der allgemeinen Trägheit erscheint.

 

 

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Aber wer möchte und dürfte dieses Pulsiren, dieses Entstehen, Fortschreiten und Entwickeln mit den analogen Erscheinungen des Geistes vergleichen, oder gar diese als mit jenen identisch nennen? ist nicht der Geist ein gerade jene materielle Welt in sich aufnehmendes, beherrschendes und bildendes Princip, welches stets neu, aber fortstrebend aus dem reichen vollen Lebensstrome hervortritt? Waltet nicht in demselben ein ausschliesslich inneres Leben, eine erzeugende und fortpflanzende Kraft, eine Kraft der Gestaltungen und Erscheinungen völlig raumloser Art? -- In sich selbst geistig, übersinnlich will dieses Leben nicht elementarisch nur den Elementen dienen; es will sich zum eigenen geistigen Elemente gestalten, und von hier aus ein überirdisches Reich erbauen.

 

So muss also „die Bestimmung des Menschen weit über die Lebenszeit des Einzelnen, und weit, während derselben, über seine Person hinausreichen.“

 

Und wenn nun Alles, was wir thun und denken; Alles, was wir sind und sein werden, nicht eine Folge unseres durch die allgemeine Natur bestimmten Seins genannt werden kann; sondern es der Keim eines besseren höheren Lebens ist, in welchem das eigentliche innerste, geistige Mysterium unseres Daseins liegt und erkannt werden muss, so können wir die feste Ueberzeugung hegen, dass dieses Etwas, was nicht unterzugehen vermag, zuverlässig einst triumphiren wird.

 

Diese innere Unendlichkeit des menschlichen Geistes bedingt nothwendig das Streben nach dem Unendlichen, das immerwährende Verlangen der menschlichen Natur nach etwas Höherem, als das, was sie schon erlangt hat, jenen Trieb zur Vervollkommenung, dem nur durch das Streben nach dem Vollkommenen genügt werden kann. Das irdische Leben ist in Wahrheit nur der Zustand, in dem sich ein freies und vernünftiges Wesen unter bitteren Kämpfen für das Wahre, Schöne und Gute bestimmen und nach Vollendung

 

 

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streben soll; es ist der immer von Neuem beginnende, mit jedem Moment sich belebende, vergeistigende Kreis der Bestrebungen in der Richtung nach der Vernunft oder dem Uebersinnlichen. -- Zwar ist dasselbe ein Ideal; -- aber kein unerreichbares, kein phantastisches, kein unaufhörliches Hinausgehen oder Nachjagen nach einem leeren Etwas; es hat Wirklichkeit und Wahrheit, denn wir müssen es uns so denken, wie es sich einem jeden Denkenden als etwas Unbedingtes und Nothwendiges ankündigt und ihn zur Befriedigung verpflichtet.

 

Vollkommen sind die Menschen, deren eine Hälfte des Seins der materiellen Welt ausschliesslich angehört, keineswegs; und werden es in dieser Sphäre auch nie werden; -- wer erkennt nicht ihre grosse Gebrechlichkeit und Schwäche an? wer weiss nicht, wie er selbst über Ruinen fortwandert? wie er ein unvollkommenes Glied eines grossen, unendlichen Reiches ist? Allein nach Wahrheit, nach dem Schönen, nach dem Guten wird immerdar gesucht werden, so lange es Menschen giebt. Denn stürbe dieses Streben aus, so erstürbe die Menschheit in sich selbst, in ihren eigentlichsten, heiligsten Anlagen. -- Die Sphinx stürzte sich vom Felsen herab, als Oedipus das Räthsel vom Menschen vollkommen gelöst hatte. -- Was würde aus dem Menschen werden, wenn sein wahrhaftes Wesen aufgehoben würde? -- ein Skelet ohne Fleisch und Blut, ohne Leben und Bewegung. Das Fleisch und Blut aber ist dem Menschen was der Geist der Vernunft; das Brod, durch welches dieser genährt wird, -- die Wahrheit, welche lebendig macht.

 

Wer also nur die geringste Ahnung von einem besseren Sein hat, -- und wer hat nicht diese? -- der muss bei einigem Nachdenken schon zu der Ueberzeugung gelangen, dass nicht alleine in den menschlichen Gedanken und Thaten, sondern auch in jeder, durch diese bedingten, reichen Fülle von Umwandlungen und Umbildungen ein Fortschreiten,

 

 

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ein Entwickeln Statt findet. Die tausendfachen Oscillationen und Kraftäusserungen haben nur dieses Ziel: „dass der Mensch aus einem dunklen Produkte der Natur ein klares Produkt seiner selbst, d. i. der Vernunft werde.“ Wer dieses nicht in der Tiefe seines Verstandes und Herzens erkannt und gefühlt hat, der wird auch nimmermehr des menschlichen Daseins Beruf und Pflicht, die Bestimmung einer stets fortschreitenden inneren Ausbildung, fassen und erfüllen.

 

Wenn nun der einzelne Mensch schon mit allen seinen Wünschen, Leiden, Hoffnungen und Freuden, der einzelne Mensch mit seinen Anlagen und Kräften in der Entwickelung der Gegenstand der göttlichen Liebe, das Ziel der Vorsehung ist; wie viel mehr werden wir dieses von der Gesammtheit, der Menschheit, behaupten können und müssen. Denn wie im Menschen, so auch in der Menschheit. Der Mensch ist ja der Mikrokosmus im Makrokosmus.

 

Den so wichtigen Begriff der Menschheit fassen wir ebenfalls nur in der Idee, in welcher der Begriff des Fortschreitens erst seine volle und wahre Bedeutung empfängt. Denn die Menschheit ist das vernünftig-sinnliche Sein überhaupt, oder das ewig fortgehende Streben zur bewussten Darstellung der Idee des menschlichen Daseins. „Der Begriff der Menschheit ist intellektuelles und sittliches Leben im besten und vollkommensten Sinne, die zur Erscheinung gebrachte Blüthe höchster Denk- und Thatkraft in allen Gebieten des Daseins, die Summe aller Bestrebungen der Vortrefflichsten und Ausgezeichnetesten aller Zeiten und Völker.“

 

So ist also in der Verwirklichung die Menschheit das Ideal des Menschen oder des menschlichen Wesens. Und wir leben im Begriffe der Menschheit, wenn wir alle Kraft unseres Inneren an die Idee setzen, dass jede Anlage des Wahren, Guten und Schönen, die dem Menschen eingepflanzt ist, immer vollständiger und harmonischer zur Entwickelung

 

 

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komme, auf dass immer mehr das Reich der Vernunft sich ausbreite, und alle die da sind und sein werden, sich immer mehr dem Vernunftleben anschliessen.

 

Die Gestalt des Menschen wandelt, ein heiliger Fremdling, geistig, unter träumenden und täuschenden Erscheinungen. Aber das Vergängliche soll doch durch ihn ewig und unvergänglich werden. Dieser Organismus, und nur dieser, wird in jedem Momente durch den inwohnenden Geist der Sterblichkeit und Endlichkeit gleichsam entrückt. Diese Metamorphose in ihrem Cyklus und Durchgangspunkte muss also in der ewigen Vernunft als ihr Gesetz begründet sein; und wir können als nächsten Beziehungspunkt nur die Harmonie des ganzen Systems, die Einheit sämmtlicher Geister, betrachten und begreifen. So sehr der Mensch sich als ein gesondertes, individuelles Wesen erscheint, so verschwindet er doch sich selbst, sobald er aus der unendlichen Kette der ihm Gleichen sich herausdenken will.

 

Alles im Individuum, was in tiefer Beschlossenheit in sich zurückgedrängt nimmer sich selbst klar und durchdringlich zu werden vermag; alles, was in ihm sich nicht selbst versteht und sich nicht beherrscht; alle die dunklen Wahrnehmungen und Gefühle, die sich ewig ein Räthsel bleiben; alle Funktionen, zu denen die höhere Willenskraft nicht hinabreichen kann, sind nur in dem dunklen Naturstadium befangen; -- finden aber ihre Lösung in der ewigen Harmonie und werden vermittelt durch die Verwirklichung der Menschheit. Das Leben im Zeitwechsel ist unmittelbar nur als Bild dieses Ewigen erkennbar.

 

Das Weltall ist im Blicke der Individualität unendlich vervielfältigt; die Idee d. i. das Wesen, desselben ist aber nur durch das Universum in seiner Totalität ausgedrückt und erkennbar. So muss auch das individuelle, persönliche Dasein, welches uns eben so mannigfaltig erscheint, damit es aufhöre ein endliches, räthselhaftes zu sein, nur in seiner ewigen Beziehung zum ganzen Dasein, in der Einheit der

 

 

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Geister oder in der Ganzheit des menschlichen Geistes, erfasst werden.

 

In dieser Sphäre erkennen wir nur Gedanken durchgreifend die Gedankenwelt. Hier ist es, wo die freie Macht der Idee, die über allen Gegensätzen ihres Werdens oder ihres zeitlichen Verlaufes jedem geistigen Wesen vorschwebt, selbst nie in den Strom der Vergänglichkeit und der Wandelbarkeit des zeitlichen Verlaufes hineingerissen wird; wo stets alle Widersprüche, die in dem Ausser- und Nebeneinandersein des zeitlichen Werdens sich darstellen, in sich als ihrer wesentlichen Einheit ausgeglichen werden, und was die blos zeitlich-räumliche Betrachtungsweise ausser und neben einander stellt und so stehen lässt, in und durch einander vermittelt wird, und somit der zeitliche Process sich in einen ewigen umwandelt.

 

Alles, was geistig geboren wurde, was Wahrhaft Menschliches erstrebt wurde, geht nicht unter; „was in der Gessammtheit des menschlichen Geschlechtes Menschheitliches errungen, geschaffen und gewirkt ward, dauert fort und wirkt mit gesteigerter Kraft in anderen neuen daseinlichen Formen, welche selbst nichts sein können, als eine stufenartige unendliche Formentwickelung. Denn ohne Form keine daseinliche Vermittelung. Nur das ganze Dasein in seiner Unendlichkeit ist ohne Form.“ Das ewige Wesen dieses letzteren nach Massgabe der Kräfte zu ergründen, ist eben aller Geister selbstergriffene Bestimmung, und nur in dem Masse als ihnen dieses gelingt, als sie das klarste Bewusstsein erlangt haben, und dieses den möglichst vollkommenen Einfluss auf alle ihre Bethätigungen ausübt, leben sie und haben gelebt; eröffnet sich ihnen die heilige Tiefe der göttlichen Vernunft.

 

Die Menschheit würde in den Staub gedrückt sein, und ein kläglicheres, bedauerungswertheres Leben haben, als das kleinste Gewürm, welches auf der Erde kreucht, im Falle es Wahrheit wäre, dass Sie nur den irdischen Interessen,

 

 

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der Fahne des Materialismus und den daraus hervorgehenden, so hoch gepriesenen Theorien zu folgen habe. Keck und kühn zu behaupten, das materialistische Princip trage das Gesetz der Entwickelung, das Heilmittel für alle scheinbar oder wirklich aus ihm sich erzeugenden Uebelstände in sich selbst, und es bedürfe nur einer consequenten und vorurtheilslosen Durchführung dieses Princips, um statt der Gefahren, die man damit verbunden glaubt, die wohlthätigsten Wirkungen für den Staat und die Gesellschaft daraus hervorgehen zu sehen; zeugt offenbar nur davon, wie wenig, oder richtiger gesagt, wie gar nicht das Wesen des Menschen verstanden ist, und wir wissen nichts Besseres, als mit den Worten des Salis darauf zu erwidern:

 

Heilige, reine Vernunft, vergieb den Blinden am Wege,
Die dich verfolgen und schmäh'n; wahrlich sie kannten dich nie!“

 

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Unläugbar findet der Mensch seine Abkunft aus Einem, d. i. aus dem Wesen seines Geschlechtes, und sein Streben zu Einem, d. i. zu einem unendlichen Geisterreiche, zur Gottheit. Diese seine Bahn bezeichnet aller Geschichte unendlichen Sinn. Denn nur der Mensch hat im eigentlichen Sinne eine Geschichte, weil er ein lebendes, handelndes und strebendes Wesen ist.

 

Demnach ist der Begriff der wahren Weltgeschichte nur zu fassen als die Geschichte des menschlichen Geistes, oder die Darstellung und Entwickelung des menschlichen Wesens in der Erscheinung, d. i. die Geschichte der ewigen Menschheit, -- des Ganzen, in welchem die Bestimmung des Menschen in Erfüllung gehen soll.

 

So betrachtet die eigentliche Geschichte das Menschengeschlecht nur, wie es sich in geistigen Thaten und Bethätigungen offenbart, und wie alle Völker und Zeiten darnach gestrebt haben, die ewige ldee des Geistes zu verwirklichen.

 

 

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Denn das ist keine Geschichte, die nicht den Reflex eines höheren Daseins auf die Wirklichkeit wirft; die nicht in dem Lichte des durch alle Gegensätze sich hindurch ziehenden, rothen, ewig leuchtenden Fadens die Hebungen und Senkungen alles Lebens anschaut.

 

Wer wüsste nicht, dass, so weit der menschliche Blick in die Urzeit zurückreicht, ein beständiges Wogen der Dinge und Verhältnisse Statt gefunden hat; dass Individuen nicht blos, sondern auch Nationen, ja ganze Geschlechter untergegangen sind, während andere wiederum auf die Bühne des Lebens auftraten, -- wo dann wieder bald dieser, bald jener oben schwebte, und abermals von der folgenden Welle hinabgestürzt ward. Aber eine Kenntniss des inneren geistigen Princips dieser Bewegungen, dieser Stürme und Wogen suchen und fassen die Menschen so selten und schwer. Und doch ist es nur die Darlegung dieses inneren Princips, welches wir in der Weltgeschichte, so wie in jedem Theile derselben verlangen. Wir müssen und wollen erkennen, wie dieses allgemeine Princip in organischer Form bis an das kleinste Geäder des grossen Baumes sich gestaltet; es treibt und drängt uns zu wissen, welchen einzigen Zweck all' dieses Durcheinanderströmen und Wogen für die Menschheit habe. Denn je tiefer und wahrer wir dieses erkannt, je klarer und eindringlicher wir begriffen haben, was in der Zeit und der Menschheit gährt, desto entschiedener und segensreicher werden wir uns einigen, und zu der, im Bewusstsein so bestimmt angekündigten, Verständigung und Harmonie, in der die Wahrheit liegt, gelangen.

 

Wie in der ewigen Natur alle Wesen in Einem Lichte wandeln, und, das grosse Werk des Lebens vollbringend, in des Einen Lichtes Strahlen sich verklären, so denken und erkennen auch alle Geister in Einem unendlichen Geiste, aus welchem sie sind, und welchen zu erkennen allein ihr Wesen ist.

 

 

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Es waltet still und verborgen dieses ewige Geselz. Ihm gehorchen die flüchtigen Gedanken, und wohin sie sich verirren mögen, es beherrscht sie und leitet sie doch in sicherer Bahn. Nicht willkührlich oder zufällig ist irgend eine Erscheinung hier oder dort, in dieser oder jener Gestalt. Denn derjenige, der ursprünglich die Zeiten und die Räume schuf, bestimmte auch seine Erscheinung in jedem Zeitraume und unter jeglichem Volke; er erkohr die unsterblichen Söhne der Erde, dass sie in eigener Gestalt und mit hörbaren Worten der Begeisterung von ihm Zeugniss gäben, und Zeiten und Räume schaffen und beleben möchten nach seinem Wesen.

 

Ein Gesetz, ein Princip, und zwar ein göttliches, liegt also allen Erscheinungen und Formen zum Grunde, diese mögen dem menschlichen Auge, welches sich nur in die volle Gegenwart versenkt, noch so trostlos, unerforschlich und mit dem offenbarsten Widerspruche behaftet, entgegentreten. Aber die Erscheinung ist nicht das Wesen, die Form nicht der Gehalt, das Aeusserliche nicht das Innerliche irgend eines Objektes. Wer nun dieses beides mit einander verwechselt, wer das Erstere in das Andere aufgehen lässt, wer allenthalben nur beim Aeusseren stehen bleibt und keinen wahren, geistigen Inhalt in diesem erkennt, der bewegt sich in der That in einem faulen und leeren Empirismus, welcher gedankenlos nur Erscheinungen und Thatsachen ergreift, nicht wissend, wie er mit ihnen daran ist, und worauf sie hindeuten. Was ist ein Aeusseres ohne ein Inneres?

 

Der Mensch gleicht nur zu oft einem Wanderer, der in seinem flüchtigen Laufe zwar das auf dem Boden und an der Oberfläche Liegende aufnimmt und zu erfassen strebt, aber das Tiefere, das Höhere und Entferntere unbeachtet lässt. Was hat er nun aber an seinen Sammlungen, und wenn sie auch noch so vollständig wären? -- Nichts als Erscheinungen und Formen, Thatsachen, unter denen er

 

 

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mit verbundenen Augen herumtappt, und deren Masse ihn gar erdrückt, wenn er nicht die allen zum Grunde liegende, Alles belebende Idee, oder ihr Princip, zu erfassen weiss; wenn er nicht zu der Einsicht gelangt ist, dass die einzelne Erscheinung an und für sich sehr geringen Werth hat, und erst ihre volle Bedeutung durch den Zusammenhang und die Wechselwirkung mit den übrigen, als ein bedeutsames Glied in einem unendlichen Organismus, erhält.

 

Es sind nicht einzelne Kräfte, geistige, Leben hervorbringende, die wir in der Entwickelung der Menschheit, wie des ganzen Naturreiches, sehen. Alle diese Kräfte gehören zusammen; sie haben eine Einheit und streben in all ihrer Vielheit zur Vollendung, zur weiteren Fortbildung dieser Einheit. In dieser Arbeit, in diesem Streben zum gemeinschaftlichen Ziele besteht nicht weniger die Aufgabe der einzelnen Völker und Geschlechter, als die des einzelnen Menschen. Jedes Glied, wir mögen es ein grosses, als eine gewisse Gesammtheit oder ein kleines als ein einzelnes nennen, trägt seinen Theil dazu bei; und wenn es seine Aufgabe vollendet hat, hinterlässt es das geistige Produkt seiner Arbeit kommenden Geschlechtern.

 

Diese verschiedenen Aufgaben bilden die verschiedenen Nationalitäten, deren Entwickelung, deren inneres Sein und Wesen uns der Historiker zu enthüllen hat. Es wird sich etwas Gemeinsames in dem Entwickelungsgange aller Völker und Staaten nachweisen lassen, denn diese bestehen nur aus Individualitäten, deren Wesen und wahrhaftes Sein ein einziges, allen gemeinsames ist. Wir behaupten darum noch nicht eine Uniformität; denn wie der einzelne Mensch trotz seiner Individualität nie den allgemeinen Charakter seiner Zeit, seines Volkes verläugnen kann, so wird die Bildung der Gesammtheit je nach Umständen der Zeit und des Ortes auch sehr verschiedene Formen annehmen.

 

Dieses Allgemeine aber in dem Fortschritte und der Entwickelung der verschiedenen Völker zu erkennen; darzustellen,

 

 

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wie gerade die Verschiedenheit dazu beiträgt, dieses Allgemeine, das wahre Wesen des einzelnen Menschen, wie der Menschheit, zu entwickeln, weiter zu fördern, ist die Bestimmung und die Aufgabe der Geschichte, will sie etwas mehr als des äusseren Thuns und Treibens äusseren Zusammenhang erfassen und begreifen.

 

Wenn wir uns also die blutigen Kämpfe und Verfolgungen, die in der Rohheit und Zerrüttung aufgelöster Zeitalter lagen; wenn wir uns den Blutstreifen, das Märtyrerthum, das sich innerhalb des Menschengeschlechtes hinzieht, vorführen und betrachten; wenn wir Zustände der Geschlechter erblicken, die Jean Paul „das ekle Verfaulen der Nationen“ nennt; -- so haben wir nur Erscheinungen und Fakta, die für den menschlichen Geist keine weitere Bedeutung haben, als dass er das Gesetz, welches jene zu offenbaren streben, erkenne; dass er das oft tief verborgene Verschlungensein derselben ergründe, und sich zur Anschauung der Idee erhebe, welche alle Phänomene belebt und zu Manifestationen eines Geistigen macht.

 

Wahrheit, Schönheit und Güte sind die drei nothwendigen, in sich rein unterschiedenen Abtheilungen der unendlichen, unerschöpflichen Verhältnisse, unter welchen die Welt, und jeder Mensch -- als durch sein Bewusstsein sich äussernder Gegenstand -- mit inbegriffen, dem menschlichen Geiste vermittelst des Ich's sich darbietet.“ In diesem Spiegel blicken wir nur stets die Phänomene der Welt und der Menschheit an; und jener wird diese auf uns so reflektiren, dass wir gewiss erkennen werden, wie die Menschheit in allen Bewegungen und Strebungen wohl ahnete, dass es sich um die Wahrheit, um ihr höchstes Interesse, handelte, und um Thaten, die den einzigen Zielpunkt haben, des Menschen Pflicht und Beruf zu erfüllen.

 

Wir wissen zum Voraus, dass die Wahrheit nicht immer Siegerin blieb, dass die Tugend so häufig unterlag; wir geben zu, dass beide gewöhnlich im Nebelgewande

 

 

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ihrer Zeit auftraten, dass sich vieles Schlechte, Frivole, den Menschen Entwürdigende an sie hing. Allein das ganze Leben von Jahrtausenden deshalb für ein Skandalum zu erklären, und zu behaupten, dass der auf den ersten Blick so grosse und tiefe Gedanke an ein Fortschreiten und Entwickeln der Menschheit niederschmetternd und vernichtend sei, das heisst offenbar die Geschichte der Menschheit nicht im Geringsten begreifen. ist der einzelne Mensch in seiner Entwickelung und Ausbildung der Gegenstand der göttlichen Liebe, das Ziel der Vorsehung, trotz der, der Individualität nothwendig angehörenden Schwäche und Unvollkommenheit; wie vielmehr müssen wir die Entwickelung der ewigen Menschheit im Ganzen, in der sich nur die einzelnen Kräfte austauschen und ausgleichen, für den Zweck der Gottheit erkennen. Denn „jener kann seines Zieles fehlen, kann der Ungunst der Umstände, der Einseitigkeit seines Wollens, der Uebermacht der Begierden erliegen, der Nichtigkeit und dem Bösen zur Beute werden. Nicht so die Gesammtheit, insofern in ihr die Menschheit in objektiver Allseitigkeit erscheint. Hier gleicht sich die Verkehrtheit des Einzelnen und Besonderen durch die Vernunft und Kraft des Ganzen aus. Während da und dort Individuen und Nationen untergehen in Unwahrheit und endlicher Verwirrung, bleibt der Gattung ihr Ziel unverrückt gesteckt.“

 

Jedes Zeitalter und jedes Volk hat seine Tugenden und Sünden; es giebt kein für das Wahre, das Gute und Schöne privilegirtes Geschlecht; so wie es keins giebt, welches zum Gegentheil verdammt wäre. Eine gemeinschaftliche Gesittigung und eine höhere Bildung kommt dem ganzen Menschengeschlechte auf dem ganzen Erdenrunde zu. Deshalb haben auch von jeher einzelne Menschen, Völker und Geschlechter ein wirkliches oder geistiges Eldorado ihrer sehnlichsten Wünsche gehabt, wohin sie immer eilten und strebten, -- obschon sie es nie erreichten. Mag es gewesen sein ein Zauberland bald irdischer, schwellender Fülle,

 

 

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bald der Unschuld und Freiheit, bald ein tausendjähriges Reich höchster Seligkeit, bald dieses oder jenes herrliche Ziel, wohin der Einzelne wie Generationen auf ihrer Lebensbahn mit glänzendem Auge sahen; war es auch ein Luftgebilde, das in Nebel zerfloss, wenn sie sich ihm nahten; -- es war und ist auch nicht das Ziel selbst; es ist der Weg, der den Menschen zur Vollendung führt; es ist das Bewusstsein des Ideals des Göttlichen, und der innere Drang, sich ihm zu nähern. Ohne dasselbe wäre der Mensch nicht Mensch; er kann nicht widerstehen, sich und seine Nachkommen zu einem Ideale, wie es ihm vorschwebt, zu erziehen.

 

Wo sich nun der Geist zum Unendlichen selbst wendet, von dem ausgegangen und geleitet er sich bewusst wird, und dieses Bewusstsein, diese Ahnung zur helleren Erkenntniss zu bringen strebt, um das Räthsel des menschlichen Daseins und des Daseins überhaupt zu lösen, da erhebt sich, -- mag dieses mit oder ohne Bewusstsein geschehen, gleichviel, -- der wahrhafte Kampf, die ganze Masse der Thätigkeit und Begierden, -- das eigentliche Leben. Die Gegenwart befriedigt nicht mehr. Sie reisst mich mit sich fort unwiderstehlich in ein Ungewisses, ein Unnennbares, zu neuen, zukünftigen Gestaltungen. Ich werde fortgetrieben, dem Drange meiner unendlichen Natur folgend, das Ideal meines eigenen Wesens in allen Beziehungen zu gestalten und zu verwirklichen.

 

Dieser in Schmerz und Kampf mit der Gemeinheit des Irdischen, mit der Unvollkommenheit des Zeitlichen und Räumlichen fortschreitende, ewige, nothwendige und so tragische Gang der Individuen wie der Geschlechter zum Ewigen, zur Wahrheit, -- stellt uns dar das Wesen und die Bedeutung der Geschichte. Es ist das Leben eines organischen Ganzen, eines Geisterreiches, in seiner Entwickelung nach göttlichen Gesetzen, in seinem ewigen Fortschreiten nach allen Richtungen und Verhältnissen, welches

 

 

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die Geschichte jedem Denkenden zu enthüllen und darzulegen hat. Denn jenes ist das Allgemeine, der Grundtypus, der allen Erscheinungen jeder Zeit zum Grunde liegt, den wir stels bei der Beschäftigung mit der äusseren Form der politischen Entwickelung und Gestaltung zu verfolgen haben.

 

Würde nur der Wahn verschwinden, als sei unsere Erkenntniss willkührlich, oder zufällig die Erscheinung der Weisen und Denker aller Zeiten; wir würden den ewigen Gesetzen der Geisterwelt ahnungsvoll nachforschen und ihre Offenbarungen in stiller Anbetung vernehmen. So aber, im Reiche des Zufalls und der gesetzlosen Willkühr uns wähnend, und der Eingebung des Augenblickes selbst nur zu willig folgend, übersehen wir, in Bewunderung des eigenen Geistes verloren, des höchsten Geistes Winken und rechten zürnend mit der Welt, die zu unserem Gedanken nicht stimmen will, nicht fragend, ob auch dieser mit sich selbst und mit der Harmonie des Ewigen übereinstimmend sei.

 

Ueberall, hier und jetzt lebt und wirkt in uns derselbe Geist. Er alleine geleite uns, wenn wir die Physiognomien der Völker und Menschen umschreiben; wenn wir erkennen, dass der Mensch zu Veränderungen gemacht ist, und das Leben in diesem Durchgange durch Verschiedenes besteht. Durch ihn haben wir die erhabene Wahrheit, die Goethe in folgenden Versen so meisterhaft ausspricht:

 

Nichts von Vergänglichem,
Wie's auch geschah!
Uns zu verewigen
Sind wir ja da.“

 

Ohne Zweifel liegt hierin auch der grosse Werth und die gewaltige Bedeutung der Geschichte ausgedrückt. Sie ist so wesentlich, um das träge Pflanzenleben unserer Gedanken aufzufrischen; „in ihr liegt die starke Gewalt aller

 

 

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Bildung; die Vergangenheit treibt vorwärts, alle Keime der Entwickelung in uns sind von ihrer Hand gesäet. Sie ist die Eine der beiden Welten der Ewigkeit, die in dem Menschengeiste wogt, die andere ist die Zukunft; daher kommt jede Gedankenwelle und dahin eilt sie! Wäre der Gedanke blos der Moment, in uns geboren? -- Diess ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er zu dir heran durch die Vergangenheit. Wo willst du dich fassen, wenn du keinen Boden unter dir hast?“

 

Individuen und Geschlechter beschreiben ihre bestimmten Kreise, aber von immer grösseren Peripherien. Der Mittelpunkt bleibt ewig derselbe; nur die Radien, die von diesem leuchtenden Punkte ausgehenden Strahlen ziehen immer weiter und weiter; und stets über die verschiedenen Kreise hinstreifend, erhalten sie immerwährend gegenwärtig und lebendig, was sie einmal wahrhaft befruchtet und belebt haben. Deshalb können wir mit vollkommenem Rechte mit Dr. Riemer sagen: „Wie spricht man doch von veraltet, als wenn Etwas Nichts wäre, wenn es gewesen ist? Gerade dadurch ist es, dass es war. War es denn nicht einmal, gegenwärtig, lebendig, sei's im Thun, im Wissen, im Glauben? War das nicht Etwas, was und wie man lebte, liebte, dichtete, philosophirte, Gott und Menschen diente? Wäre das der Fall, dass alles Vergangene in Kunst, Wissen, Leben so gut wie Nichts sein sollte, weil es jetzt nicht mehr gilt, -- nach dem eigennützigen Grundsatze: „„Nur das Lebende hat Recht,““ -- so ist auch für unser jetziges Wissen, Können und Thun nicht ein Deut zu geben: denn es ist aus Nichts, und wird Nichts gewesen sein für die Nachkommenden, wenn sie eben so albern denken und reden.“

 

Es wäre traurig, wenn der jedesmalige Ideenkreis, in dem wir leben, uns unwillkührlich von der Möglichkeit eines Verständnisses entfernen und den einzigen Massstab abgeben sollte für die Beurtheilung und das richtige Erfassen

 

 

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der Individualität, dieses sittlichen Elementes im Dasein eines Volkes, so wie für die Darstellung der Eigenthümlichkeiten dieses letzteren, wie sie in seiner staatlichen Organisation nicht weniger, als in allen anderen Lebensbethätigungen zur Erscheinung kommen.

 

Und doch, -- wir müssen es leider aussprechen, -- ist dieses nur zu häufig der Fall. Immer frägt man nur nach Namen, Jahreszahlen und äusseren Begebenheiten, -- das freie und schöpferische Wort, das unmittelbare Verkündigen göttlicher Lehre in der freudig vernehmenden Welt gänzlich überhörend, oder unter Spott und Hohn völlig missverstehend. Stets von Neuem wundert man sich, woher Einem die Zuversicht komme, dass die gesammte Geschichte bis auf den heutigen Tag nichts anderes als jene Verkündigung sei, da die Geschichte selbst, -- so wähnet man, -- bisher noch sie Lügen strafe. -- Und sie mögen wohl fragen und sich wundern, da sie ja gelehrt sind, die Weisheit in leiblicher Gestalt zu suchen, und das freie und ewige Wort in todten Schriftzügen erstarret zu erblicken; da sie an dem völlig unverstandenen und leeren Satze stabil festhangen, dass, -- um uns der immer wiederholten, in der Jetztzeit so sehr urgirten Phrase zu bedienen, -- Theorie und Praxis in einem ewigen, unauflöslichen Gegensatze und Widerspruche bestehe; dass zwischen beiden eine unausfüllbare Kluft obwalte; und dass diess nur ein wahrhaftes Leben sei, wenn man sich der letzteren in die Arme werfe, und nur diese an seine Brust drücke.

 

Gerne würden wir diesen wichtigen und einflussreichen Gedanken beleuchten; müssen uns aber begnügen, hier nur diese wenigen Worte hinzuzufügen. -- Glaubt man, den Geist des Ungehorsams und der frechen Widerspenstigkeit, welcher alle feste Lebensordnung, alles Gesetz und alle Autorität verachtet und niedertreten möchte, durch alle möglichen Erscheinungen der Praxis zu bannen? Meint man, den unbestimmten Trieb nach Veränderung ohne Ziel

 

 

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und Zweck, einen ungeregelten Freiheitssinn, welcher unzufrieden mit der gegenwärtigen Lage der Dinge und gequält von meist selbstverschuldeter Noth, weil er nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen hat, mit Wohlgefallen und Begierde einer Zerstörung der bestehenden Verhältnisse entgegen sieht und dafür thätig ist, -- durch das Leben selbst ins rechte Gleis zu führen und zu erhalten?

 

Wahrlich, es möchte das geistige Leben der Menschheit einen blutigen Tribut fordern, wenn wir nur auf der Bahn der Gegenwart, des täglichen Lebens mit seiner Nützlichkeit und Brauchbarkeit fortschreiten wollten. Es möchten Tage daher gezogen kommen, wo das armselige Geschlecht „erbangen müsste in den tiefsten Tiefen seines Webens und Lebens; wo die platte, schale Lehre der Nützlichkeitstheorien zerschellte vor dem schnaubenden Odem der Eumenide;“ und wo dann das zerknirschte Geschlecht flehendlich rufen würde: wende dich zu uns, heilige Weisheit, die nicht zu kaufen ist mit schnöder Münze des Marktes, die sich nur dem reinen Gemüthe, der tugendhaften Gesinnung, der entsagungsvollen Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne aufschliesst und zu eigen giebt.

 

Wir erkennen keinen Widerspruch an zwischen Theorie und Praxis, oder, wie man auch so häufig sagt, zwischen Ideal und Wirklichkeit. -- Alle theoretischen Wissenschaften führen zu praktischen Anwendungen, und umgekehrt bedarf jede Praxis des Lebens einer Theorie, einer Erkenntniss. Die Theorie ist selbst eine Praxis, und vielleicht die höchste und vollkommenste, die es geben mag. So lehrten schon die Alten: durch die Erkenntniss nähern wir uns dem göttlichen Wesen am Meisten; dieses sei die höchste Thätigkeit.

 

Es werden also nirgends Theorie und Praxis als ganz getrennte Bestimmungen unseres Wesens betrachtet werden dürfen, soferne irgend ein Bewusstsein mit der Thätigkeit

 

 

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verbunden ist. Es ist hier nur das Verhältniss des mehr Aeusseren und des mehr Inneren; es sind auf der einen Seite vorzugsweise Thätigkeiten, die in äusseren sinnlichen Wirkungen erscheinen, während auf der anderen der innere, unsichtbare Gedanke des Geistes selbst das Herrschende ist. Dieser, d. i. Wissenschaft und Theorie, muss der äusseren That, d. i. der Praxis, offenbar vorleuchten, ihre Schritte leiten und sichern. So war es auch von Anbeginn der Geschichte der Menschheit, und so wird es auch fortgehen bis zur Vollendung. Die ächte Theorie, die dieses Namens würdig ist, kann auch gefasst werden als eine Anschauung, eine Erkenntniss des Idealen, welches zugleich das Ewige und wahrhaft Seiende ist. Betrachten wir nur die Weltgeschichte, so werden wir es bald inne werden, dass es Theorien oder Ideen waren, welche die Gestalt der Welt und der Staaten für lange Zeit bestimmten und regelten. Die Ideen grosser, bevorzugter Geister waren es, welche dem Schicksale der Völker häufig für lange Zeiträume das Gepräge gaben, ungeachtet dessen, dass sie als menschliche Gedanken nie von aller Beimischung des Irrthums und der Mängel frei waren. Denn die reine praktische Wahrheit ist in dem Gedanken eines Menschen selbst, ein Ideal. Dennoch bleibt die Forderung des Ideals dieselbe.

 

Mögen noch so viele Theorien auf allen Gebieten des Wissens zum Vorschein kommen und gekommen sein, so dass die Gefahr derselben sprichwörtlich geworden ist; sind es blose Phantasien, Träumereien, Vorschläge ohne scharpfe Urtheilskraft und Einsicht: Sie verdienen dann nicht im Geringsten den Namen der Theorie, und werden auch sehr schnell ihr Schicksal erleben. Die Wahrheit bleibt dennoch Wahrheit, und wird sich im Praktischen im Laufe der Aeonen entwickeln.

 

Theorie und Praxis sind in der That überall in irgendeinem Verhältnisse verbunden. Wo wir beide in einem

 

 

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Streite mit einander begriffen zu gehen glauben, da ist es in Wahrheit nicht blos zwischen Theorie und Praxis, sondern ein Streit zweier Theorien mit einander und zugleich zweier Arten der jetzigen oder künftigen Praxis. Der Streit würde für jedes denkende Individuum für immer geschlichtet sein, wenn er den Blick auf das Ideale mit dem Blicke auf die Wirklichkeit, die Gegenwart, im möglichst vollkommenen Grade verbände. Jede Wahrheit bricht nothwendig und unmittelbar aus in Thaten; sie veredelt wenigstens das Individuum, welches die Wahrheit erkannte, zum klaren Bewusstsein derselben gelangte. Und Wort und Beispiel dessen, dem dieses beschieden wurde, muss auch selbst Wahrheit, Recht und Tugend hervorrufen.

 

Immer also kommen wir darauf zurück, dass wir Menschen uns nur dadurch entzweien, in der Zerstückelung und dem Widerspruche bestehen, und folglich zu keiner Einheit gelangen, in der die Kraft und die Wahrbeit liegt, -- dass wir stets nur eine Ansprache an einen einzelnen Theil, an ein Glied des Ganzen thun, dieses atomistisch von den übrigen Verbindungsgliedern isoliren, und so in seinem lebendigen Zusammenhange mit denselben gänzlich missverstehen.

 

All unser Wissen und Handeln gestaltet sich darnach und ist ein anderes, je nachdem wir als Grund der Dinge eine ewige Einheit annehmen, und alle Erscheinungen darauf zurück führen, oder je nachdem wir die Erscheinungswelt aus eben so ewigen Einzelnheiten zusammengesetzt denken, diese mögen nun Elemente, Kräfte, Atome oder wie sonst genannt werden, und Alles in der Isolirung, in dem scheinbaren Zwiespalte bestehen lassen. Das Auge des nach Wahrheit Strebenden und Forschenden bewegt sich nach allen Seiten hin, durchläuft den Raum nach allen Dimensionen; es sucht den höchsten Standpunkt, von wo aus es den Zusammenhang unter den mannigfaltigen, einzelnen Gliedern des grossen Ganzen, die einzelnen Theile

 

 

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in ihrer Wechselwirkung zu einander zu erkennen vermag. Denn der menschliche Geist, indem er in sich die Einheit in der Vielheit erkennt, kann nicht umhin, den Gedanken zu fassen, dass auch ausser ihm, in dem grossen Bereiche des Daseienden, eine Einheit in der unendlichen Vielheit sei, und dass überall das Eine Ewige, Unendliche, die allbelebende Kraft des Ganzen, sich in seinem Wissen abspiegeln müsse.

 

Der einzelne Geist darf sich nicht beklagen, wenn die Antwort auf seine Fragen an die Natur ihm häufg so mangelhaft, isolirend und ausweichend erscheint; denn sein Leben und Streben ist selbst nur ein Moment. Aber er darf auch nie vergessen, dass er ein organisches Glied in der unendlichen Kette des Geisterreiches ist, dem das ewige Gesetz gegeben, die Wahrheit zu entwickeln, und schon hienieden die annäherungsweise erreichbare Vollendung zu begründen. Was er als individuelles Wesen nicht zu erreichen vermag, das erreicht die Gesammtheit, und zwar immer kräftiger, lebendiger und wahrer, je nachdem der Einzelne wahrhaftiger und treuer an dem grossen ewigen Gebäude der Wahrheit gearbeitet hat.

 

Redet nicht von der Wandelbarkeit unserer Erkenntniss, von der Zertrümmerung bewunderter Systeme, von ihrem stündlichen Wechsel, oder von den hassenswerthen Fehden der berühmtesten Denker. Wandeln sich auch die ewigen Gestirne mit den verworrenen Bildern dieser Welt? -- und was sahet ihr in Trümmer sinken, als ein Luftgebäude, welches gewoben aus lichtem Dunst auch gefahrlos wieder in sich selbst zerfliesset? --- Nennet uns die Gedanken, welche stündlich wechseln sollen. Zuvor aber denket sie, -- und findet ihr, dass Schalten nur und wesenlose Bilder der Gedanken wechselten, so wundert euch ferner nicht, dass Schatten sich fliehen und jagen, und erkennet im Wechsel des Nichtigen tiefer den Bestand des Wesens. Oder -- wenn euch der Denker laute Zwietracht

 

 

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empört, -- zürnet ihr, dass sich das Feindliche und Zeitliche selbst vernichte? Dürfte es bleiben und wurzeln in der Ideen stiller Heimath? Freudig vielmehr sehet es in der Opferflamme vergehen, und hoffet, dass junge Lebensblüthen seiner Asche entspriessen werden. Denn es ist der Denker, wie allmächtig auch in ihm der Genius sich befreie, mit leiblichen Angen leiblich erblickt ewig doch ein Sohn seiner Zeit, und er fühlt in sterblicher Brust ihre Verwirrung und ihren Schmerz. Sein Wort und seine That spiegeln seines Lebens ewiges Verhängniss wieder. Wolltest du zürnen, dass aus sterblicher Brust göttliche Weisheit dir ertönte? Zürne nimmer. Siehe, sie athmet unsterbliche Sehnsucht. In höheren Strahlen will sich der sinkende Blick verklären.“

 

Schon zu weit, fürchten wir, sind die vorhergehenden Betrachtungen in Rücksicht der Tendenz dieser Arbeit, ausgesponnen, obgleich sie noch immer so Vieles zu wünschen übrig lassen. Sie sollten freilich nur Grundzüge enthalten, um unsere Ueberzeugung von der Wahrheit des so wichtigen Gedankens zu entwickeln, dass unabweislich jeder Geist, der über die Erscheinungen jeder Art in der Vergangenheit sowohl, als in der Gegenwart irgend eine Erkenntniss sich zu erwerben strebt und sich ein Urtheil erlauben will, welches Wahrheit und Wirklichkeit enthalten soll, sich zuvor über die aufgestellten Probleme Rechenschaft gegeben haben, und über dieselben möglichst ins Reine gekommen sein muss; dass also die Beschäftigung mit jenen Problemen die erste, wichtigste und höchste ist.

 

Möge man uns hiergegen einwenden, -- wir sind ganz gefasst darauf, -- dass diese Forderung unausführbar, ja dass sie von Jedem abzuweisen und zu meiden sei, indem die Erfüllung derselben eines Theils nichts nütze, anderen

 

 

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Theils, nur zur Verwirrung führe; wir bitten doch nur zuvörderst ein Wenig zu erwägen, ob nicht Leben und Lieben die ersten Regungen des Menschen sind, die ersten nothwendigen Momente seines frei zu entwickelnden vernunftmässigen Daseins, seine schönsten, höchsten Güter, die ihn unablässig und unwiderstehlich hindrängen zur Urquelle alles Lebens, die ihn nicht rasten und ruhen lassen, unbefangen und gleichsam lernend die Natur aller Dinge, die äussere, wie die innere, zu umfassen und zu befragen, bis er sich allmählig zu der höchsten, Alles erklärenden Idee erhebe.

 

Wozu noch irgend ein Wort verlieren gegen die Einwürfe und das Geschrei derjenigen Individuen, die mit sehenden Augen blind, mit hörenden Ohren taub sind, die als Erben eines geistigen Vermächtnisses dieses nicht anerkennen, geschweige benutzen können und wollen? -- Ihr Wesen und Sein ist noch in die Tiefe des Organismus versenkt; sie leben nur noch ein Nachtleben, in dem alle Träume die dunkelsten Hieroglyphen sind; ihnen ist nicht die Lichtnatur erwacht, welche die kalte Finsterniss durchwärmt und ihre Herrschaft aufhebt. Was können wir Stärkeres, aber auch Wahreres sagen, als dieses: dass ihr Leben kaum pulsire zwischen den beiden Gegensätzen des Schlafes und des Wachens.

 

Wir bleiben also mit voller Zuversicht bei obiger Behauptung stehen, und ziehen daraus die Folgerung, dass die Misskennung, die Verachtung jenes Gesetzes es ist, welche die heftigsten Klagen über die Zerwürfnisse aller Verhältnisse der Gegenwart unter jedem gebildeten Volke hervorruft, welche die allgemeine Unzufriedenheit, die fieberhafte, ja häufig gespenstische Unruhe in den Gemüthern erzeugt. Diese haben keinen Halt und Hort mehr, indem sie sich nicht bemühen, durch Aufstellung und Anerkennung der von dem Selbstbewusstsein angekündigten und ausgesprochenen Principien den Weg zu bahnen, um den Zwiespalt

 

 

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und die Gegensätze möglichst aufzuheben, und so zum Ziele möglichster Aussöhnung, Uebereinstimmung, Harmonie zu gelangen.

 

Es ist die Atomistik der Geister, die wir zu bedauern, zu beklagen haben. Denn diese löst alle Bande, möchten sie auch noch so fest geknüpft sein. Sie war es, welche die stärksten Staatenverbande auflockerte, und bald darauf gewaltsam zerriss; sie ist es, welche jeden noch so schönen, geheiligten Familien- und Freundschafts-Bund zerstört, die Glieder desselben nach den verschiedensten Richtungen aus einander sprengt, und diese dann bald zu irgend einem Extreme gelangen lässt.

 

Was kann und muss daraus entstehen, wenn jedes Individuum sich in einen Mittelpunkt stellt und zu stehen glaubt, um den herum alles Uebrige nur seinetwegen kreiset? wenn jedes einzelne Subjekt in seiner Isolirung das Gesetz und die Richtschnur aufstellen zu können wähnt, denen alle übrigen sich beugen, und die überall eingehalten werden sollen? Wenn hier Einer uns sogenannte Ideale als „phantasmagorisirte Schemen, wie von einer laterna magica an die Wand geworfen und zu Kolossen aus einander gereckt,“ vorhält; dort ein Anderer „aus luftgefüllten Blasen zusammengeleimte Figuren“ bildet; noch ein Dritter mit übertünchten Gräbern sich begnügt und nun verlangt, dass alle Menschen sich darein niederlegen sollen; und so immer fort und fort: so werden wir doch wohl bekennen, dass die Bedingungen unseres Bestehens und Gedeihens, kurz unsere ganze wahrhafte Existenz an der Wurzel angegriffen werden; dass es kein kühnes Wagstück, oder wiederum kein eitler Wahn ist, unbedingt zu behaupten, wie diese excentrische Geltendmachung der Persönlichkeit oder der Subjektivität nur aus einer inneren Verwirrung des eigentlich Menschlichen im Bewusstsein hervorgehen kann!

 

Das eigentlich Menschliche im Bewusstsein ist die

 

 

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Gemeinschaft desselben;“ es ist ein inneres Band, welches die Menschen mit dem allwaltenden, gemeinsamen Urwesen, und sie selbst unter sich auf das Engste verknüpft. Wenn dieses gewaltsam zerrissen wird, so lösen sich natürlich alle Glieder los, und fliessen nach allen Richtungen dahin, ohne sich kaum wieder zu treffen, geschweige sich einmal wieder zu vereinigen für ein Ziel, welches unverrückt dasteht und seine magnetische Kraft nimmer ruhen lässt. Wir möchten diesen Zustand vergleichen mit der Sprachverwirrung im südlichen Amerika, wo die Sprachen nicht blos von Küste zu Küste, sondern auch von Hütte zu Hütte wechseln, so dass kaum zwei Nachbarn sich in ihrer Ausdrucksweise verstehen. Hier kann von einer Sprache des Selbstbewusstseins eben so wenig die Rede sein, wie von einer Wahrheitsliebe, die der wahrhafte Mensch unbedingt eben so sehr gegen sich, als gegen Jeden seines Gleichen zu behaupten trachtet.

 

Nur in der Einheit und Einigkeit, in der Allseitigkeit, wir möchten sagen, Congenialität, der mehreren, in sich zwar verschieden organisirten, aber darum zur Ergänzung einander bedürfenden Naturen, von einerlei Triebe des Schaffens und Bildens beseelt, und in der gegenseitig wechselnden Co- und Subordination derselben liegt alleine die Möglichkeit eines Gesammtwirkens aus Einem Princip, aus der Wahrheit nach verschiedenen Seiten. Die Anerkennung und das Bewusstsein einer inneren geistigen und sittlichen Würde, die Festigkeit eines Charakters muss sich auch äusserlich ausprägen und in Thatkraft umschlagen.

 

Aber wer will sich in unserer Zeit coordiniren, und nun gar denn subordiniren? -- Ich bin Ich, und indem Ich denke und rede, regiere Ich die ganze Welt; -- diess ist die eigentliche Sprache und der Grundsatz des masslosen Egoismus, des grenzenlosen Dünkels, die wir in der Jetztzeit so weit verbreitet sehen. -- Wir haben uns also nicht zu verwundern, wenn Alles basirt wird auf die Lehre,

 

 

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dass im individuellen Leben das einzige Leben und das Wesen des Menschen bestehe, dass nichts Objektives, Substantielles und Nothwendiges, kurz keine Idee herrsche und dass in dieser Welt Alles durch subjektive Willkühr, verständige Consequenz, Schlauheit, Raffinirtheit und Intrigue abgemacht werde, Es ist mehr als natürlich, dass bei einem so vollendeten, ausgebildeten Princip der Subjektivität, des Egoismus und des Empirismus Alles nur in einem Zauberspiegel partikulärer und persönlicher Interessen ohne allen inneren Zusammenhang angeschaut werde; dass nur Leidenschaften und Affekte jeglicher Art für die Behauptung und Geltendmachung jener Phantome lebendig sind; dass die Corruption und Depravation aller weltlichen und göttlichen Verhältnisse eine absolut nothwendige Folge von dieser Verirrung des menschlichen Geistes ist.

 

In der That, wenn jene unerquickliche und barbarische Vorstellung, nach welcher in unbehülflichen Zeiten schwermüthige Orientalen sich einredeten, dass neben dem gütig gesinnten, wohlthätigen Schöpfer Himmels und der Erden ein besonderer, jenen gleichsam parodirender Genius des Bösen sein heimtückisches Wesen treibe. der nun fort und fort der Sterblichen kurzsichtigen Verstand in seine Fallstricke ziehe, -- wenn diese gespenstische Einbildung durch irgend eine Wahrnehmung für die Vernunft zu rechtfertigen wäre, so würde es durch Hindeutung geschehen können auf so schnöde, unglückschwangere, ungöttliche Wechsel, welche die Idee der höchsten menschlichen Interessen unter der plumpen Hand persönlicher Willkühr und rohen Eigennutzes zu leiden hat.“

 

Indess:

 

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,“

 

lässt Goethe die Engel verkünden; und ob uns gleich das Herz zersprengen möchte in der Anschauung jener Verblendung

 

 

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und der finsteren Erscheinungen der Gegenwart, voll Vertrauen auf eine allweise und allmächtige Weltregierung, wissen wir uns durch das Bakonische Axiom zu beruhigen: veritas saepe oritur ex errore, nunquam ex confusione, d. h. während Halbheit der Ansichten selten zur Aufklärung führt, bringen Extreme des Irrthums, je ausgesprochener sie erscheinen, um so sicherer eine bessere Erkenntniss herbei.

 

Man erhebe sich nur aus den Nebeln unerfreulicher, den Geist unterdrückender und demüthigender Zeitereignisse auf eine heitere Höhe; und jeder, der nur irgend die Vorzeichen geistiger Geburten kennt, wird begreifen, was in der Zeit und in der Menschheit gährt; er wird nicht in Abrede stellen, dass unsere Zeit in einer geistigen Geburt begriffen ist, aus der eine neue Weltanschauung mit ihren Folgen sich bilden wird. Wie immerhin die Frucht sein möge, die sich diesen Kämpfen entwindet, darf ihn nicht beunruhigen; er kann fest darauf bauen, dass sie eine Vorbereitungsperiode, eine Unterlage für eine neue umfassendere Entwickelung, ein neues Blatt in der Geschichte der Menschheit sein wird.

 

Mag also die Selbstvergötterung des individuellen Ich noch so unverschämt und weit verbreitet, mag die sittliche Entartung der Gegenwart noch so sehr beklagungswerth sein, mögen die Gedanken noch so häufig und stark ausschweifen, und in leeren, hohlen Floskeln Deduktionen keck und kühn verkünden, wie z. B. die des anonymen Verfassers der Europäischen Triarchie sind: dass die deutsche Philosophie ihre Sendung erfüllt, dass sie uns in alle Wahrheit geführt habe; -- wir können und werden doch nimmveritas saepe oritur ex errore, nunquam ex confusioneer der Ansicht des bekannten, gelehrten Historikers Polewoi beipflichten: dass der Westen Europa's seinen Kreislauf vollendet habe und im Absterben begriffen sei. „Es ist klar und unverkennbar,“ behauptet Herr Polewoi in einer Abhandlung über Peter den Grossen im

 

 

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Сынъ отечества и северный архивъ. Журналъ словесности, истори и политики, Санктпетербургъ 1838,“ dass die Zeit neuerer Geschichte ihre Periode vollendet hat. Rasche Veränderungen in der Politik, Erfüllung desjenigen in Jahren, wofür früher Jahrhunderte nothwendig waren; eine alles Mass überschreitende Bewegung und Ausdehnung des socialen Lebens, Untergang aller positiven Gründe in der Kunst, irgend eine unbestimmte, sich selbst unbegreifliche Strömung zu irgend einem Neuen, und Ungewissheit in Allem beweisen, dass der Westen veraltet und abgestumpft ist. Seine Bildung verfiel in die höchste Extremität der Analyse, wenn wir uns so ausdrücken dürfen. Seine Bildung ist aller Theorie verlustig geworden; die gesellschaftlichen Kräfte kämpfen bewusstlos mit einander, und aus allem Diesen kann nichts Allgemeines sich herausbilden, Nichts für ein neues, positives, synthetisches Leben der Menschheit.“

 

Wir können nicht glauben, dass es dem Herrn Verfasser Ernst gewesen ist mit seiner Folgerung aus den zum Theil nicht abzuläugnenden Gründen. Fassen wir seinen Standpunkt, den er für die Beurtheilung der Zeiterscheinungen, und des Verhältnisses zwischen dem Osten, d. i. Russland, und dem Westen Europa's, von welchem letzteren er Russland ausgeschlossen sehen will, dahin ausspricht: „Wollen wir uns über die temporäre Geschichte erheben, wollen wir das Vergangene mit dem Zukünftigen zusammenlegen, und durch diese Verbindung uns bemühen, unsere Zweifel zu lösen;“ wird uns dieser Standpunkt noch näher durch folgende Gedanken bezeichnet: „jede Idee soll durch den Kampf hindurchgehen, sie soll durch Materialität gebrochen werden, und sich nachher im höheren, besseren Geiste entwickeln; Eins giebt dem Anderen das Leben; Eins wird durch das Andere gebrochen; Eins übergiebt dabei dem Anderen seinen Vorrath für neues Sein und für neue Erscheinungen, wie in der Natur, so

 

 

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im Menschen;“ -- so möchten wir uns überzeugt halten, dass er doch wohl Wesentliches von dem Unwesentlichen, Aeusseres von dem Inneren, Nothwendiges von dem Zufälligen (wenn wir uns des Wortes bedienen dürfen), Bedingendes von dem Bedingten zu trennen, und beides in allen Erscheinungen auseinander zu halten wissen wird. Er wird sicherlich die Lehre W. v. Humboldt's (in seiner berühmten Abhandlung über die Aufgabe des Geschichtsschreibers) begriffen haben: „Wie man es immer anfangen möge, so kann das Gebiet der Erscheinungen nur von einem Punkte ausser demselben begriffen werden, und das besonnene Heraustreten ist ebenso gefahrlos, als der Irrthum gewiss bei blindem Verschliessen in demselben. Die Weltgeschichte ist nicht ohne eine Weltregierung verständlich.“

 

Und wenn nun der wahrhafte und denkende Mensch, -- von diesem kann überhaupt nur in der Weltgeschichte die Rede sein, -- nach einer höheren, philosophischen Erkenntniss und Ueberzeugung aufrichtig strebt und ringt, ohne welche die Geschichte bei der Beurtheilung der Begebenheiten und Zeiten „jedes eigentlichen Zieles wie der inneren Einheit ermangeln würde, ohne welche die Masse gleichzeitiger und auf einander folgender Thatsachen sich niemals zu einem sinnvollen Ganzen verbinden könnte;“ wenn er auf diese Weise die Weltregierung zu begreifen trachtet und sein ganzes Leben dem Forschen widmet, wie er die Gottheit wahrhaft erkenne, damit er dieselbe im Geiste und in der Wahrheit anbete; so können wir unmöglich mit unserem Geschichtsforscher die, auf dieser von der Vorsehung geleiteten Bahn errungenen, wahren und irrigen oder verkehrten Resultate „einen babylonischen Thurm von Meinungen und Streitigkeiten, in denen nicht die Stimme der Wahrheit zu hören sei,“ nennen. Das nur ist die babylonische Verwirrung, diese Sünde der Trennung der Erscheinung von ihrem Wesen. Es ist „die Erbsünde des

 

 

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Denkens, das ohne Gott, ohne die einzige Wahrheit wissen möchte, was der Dinge wahres Wesen sei.“

 

Ist es doch ein unbestreitbares Gesetz, dass der Geist zuvörderst von jeder Thatsache, von jedem Bestehenden und ihm Entgegentretenden sich eine klare Einsicht verschaffen muss, und dass er diese nur auf wissenschaftlichem und geschichtlichem Wege, und nicht auf blind empirische Weise erlangen kann. Erst wenn wir erfahren, woher Dieses oder Jenes stammt, wie es sich entwickelt hat, was es den früheren Zeiten gewesen, in welchem Verhältnisse es zu den Bedürfnissen und dem Zustande der Gegenwart steht, erst dann erhalten wir das Verständniss von dem, was heute ist und geschieht, und erkennen dadurch immermehr das Wesen der Sache. -- Kann man sich nun vernünftigerweise wundern, oder darf man dem Geiste einen Vorwurf daraus machen, dass er bei diesen wichtigen und erhabenen Operationen Zweifel hegt? ist Dieses nicht vielmehr seine erste Pflicht, damit er sich wohl hüte, leichtsinnig ein Gebäude aufzuführen oder an einem Gebäude zu arbeiten, welches keine Basis, keinen festen Grundstein hat? -- Von einem Zweifeln aber, oder gar Läugnen der Existenz der Gottheit, welches Herr Polewoi von dem Westen behauptet und ihm zum unverzeihlichen Vorwurf macht, kann in der That nicht weiter die Rede sein. Dass dieses einmal in einem Zustande der Verzweiflung, der Raserei und des Wahnsinns von einer grösseren Menge Menschen, die wirklich ohne Religion zu leben versuchten, geschah, ist bekannt genug und darf wegen der obwaltenden Umstände am allerwenigsten ein Urtheil über die Gegenwart bedingen. Wenn auch häufig genug gesagt wird: la France, c'est Paris; so ist doch Paris nicht der ganze Westen.

 

Ueberhaupt scheint uns der Herr Verfasser grössten Theils nur gewisse Zustände und Erscheinungen in Paris vor Augen gehabt zu haben, als er sein allgemeines Urtheil

 

 

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über den ganzen Westen abfasste, -- als er von den verderblichen Ausschweifungen der Gedanken, von den listigen Sophismen, von der gänzlichen Disorganisation dieser Hälfte eines schönen, verherrlichten Welttheiles sprach. Wir möchten deshalb seine Deduktion zuvörderst nur als eine Replik gegen gewisse marktschreierische, und deshalb so hohle und widrige Raisonnements betrachten, von denen ein merkwürdiges und charakteristisches Beispiel hier anzuführen wir uns nicht enthalten können. Bei seiner Einführung als Mitglied der französischen Akademie hält Victor Hugo folgende Rede: „Frankreich bestimmt die Tagesordnung des allgemeinen Gedankens. Was es in Vorschlag bringt, wird alsbald von der ganzen Menschheit berathen; was es beschliesst, wird sofort Gesetz. Mit Heilkraft durchdringt allgemach sein Geist die Regierungen. Alle edle Regungen der übrigen Völker, all die langsamen Uebergänge vom Schlimmen zum Guten, wie sie sich heute in der Menschheit bemerklich machen, und den Staaten heftige Erschütterungen ersparen, -- sie sind Ausflüsse Frankreichs. Die Völker, die mit klugem und besorgtem Blicke in die Zukunft schauen, sehen zu, wie sie in ihr verstocktes Blut das heilsame Fieber französischer Ideen bringen, nicht als Krankheit; nein, wenn ich mich so ausdrücken darf, als Kuhpockenstoff, der den Fortschritt einimpft und vor Revolutionen schützt. Frankreichs materielle Grenzen sind vielleicht für den Augenblick etwas beschränkt, keineswegs auf der ewigen Karte, deren Abtheilungen Gott mit Flüssen, Meeren und Gebirgen gezeichnet, sondern nur auf dem blau und roth bemalten Menschenwerke, welches durch Eroberung und Staatskunst alle 20 Jahre wieder anders wird. Was liegt daran? -- Nach bestimmter Frist bringt die Zukunft immer Alles in Gottes Modell zurück. Frankreichs Umriss ist verhängt. Weit hinaus über ihre sichtbaren Grenzen hat die grosse (?) Nation unsichtbare (?) Grenzen, und diela France, c'est Parisse sind erst da zu suchen, wo das Menschengeschlecht

 

 

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nicht mehr ihre Sprache spricht (?!) und eben dort steht auch der Markstein der civilisirten Welt. -- Zu dieser Stunde lodert und lebt in der Welt nur eine einzige Literatur, die französische (!!). Von Petersburg bis Cadix, von Calkutta bis Neu-York liest man nur noch französische Bücher. Die Welt begeistert sich daran; Belgien lebt davon. Ueberall, wo auf den drei Continenten eine Idee keimt, hat ein französisches Buch den Saamen gelegt. -- Nach dem Rathschlusse des Herrn ist nach einander für die Menschen der alten Welt Rom geschaffen, so wie für die der neuen Welt -- Paris (!!).“

 

Verwundern kann man sich in der That doch nur darüber, dass von der Rednerbühne einer Akademie der Wissenschaften herab solche Expektorationen posaunt wurden; denn im Uebrigen möchte noch jetzt auf die Franzosen mit Recht angewendet werden können, was Friedrich der Grosse von ihnen sagte (Oeuvres posthumes. IX. pag. 142.): „was man immer thun mag, -- die Franzosen werden schreien, schimpfen und zuletzt mit einem Epigramm oder einem Gassenlied sich erholen. Der Kardinal Mazarin, wenn er etwas Neues unternommen hatte, pflegte zu fragen: singen die Pariser? -- wurde dies bejaht, so war er vergnügt.“

 

Wie die Erscheinungen und der Thatbestand der Kultur im westlichen Europa von der Schattenseite aufgefasst immerhin betrübend sich darstellen mögen; so ist doch keineswegs zu läugnen, dass sie auch ihre Lichtseite haben, die so bedeutungsvoll und mächtig wirkend ist, dass nach einer vorurtheilsfreien, aufrichtigen Prüfung und Würdigung derselben schwerlich ein, das Wesen der Menschen erkennender, die höheren Zielpunkte der Menschheit vor Augen habender, Mensch im Osten sich zu der Behauptung berechtigt finden wird: „die Richtung des Westens widerspricht ganz unserem Lebensprincipe. Wir müssen unsere Verbindung mit dem Westen ganz abbrechen;“ wie ein solches Urtheil

 

 

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vom Herrn Professor Schewyrow zu Moscau in einem Aufsatze, betitelt: „Blicke eines Russen auf die derzeitige Cultur Europa's,“ gefällt worden ist.

 

Was die allgemeine historische und wissenschaftliche Ansicht betrifft, auf welche diese und ähnliche, zum Theil noch viel stärker ausgesprochene, Urtheile unter den slavischen Völkern basirt sind, so wollen wir diese hier nicht weiter zergliedern. Wir hoffen den Standpunkt einer ruhigen, der einzig möglichen Würdigung derselben in den obigen Entwickelungen, die wir deshalb hier vorausgesandt, festgestellt zu haben. Denn diese enthalten nur unumstössliche Thatsachen des Bewusstseins, wie sie jeder vernünftige Geist in sich finden wird und muss, wenn er auf sich selbst und die Natur überhaupt reflektirt; indem er nur so die psychischen Processe und Gesetze fassen kann, welche heute noch sind, wie sie vor Jahrtausenden waren, und nach Jahrtausenden sein werden. Wir erinnern hier nur daran, dass wir es für die höchste Aufgabe des Menschen erklärten, von der Menschheit als einem Ganzen, als einem ideellen Organismus einen Begriff zu erlangen, aufzuhören, sich als ein einzelnes Stück unter Einzelnen zu fühlen, und gewahr zu werden, dass der Mensch nur als ein Glied eines höheren Ganzen eine bleibende und tiefere Bedeutung erreichen und behaupten kann; -- und dass wir hier wahrlich nicht eine „Zweiheit der Principien,“ wie sie nach der Ansicht des Herrn Schewyrow unter den Deutschen nur herrschen und ihr Verderben sein soll, aufgestellt haben.

 

Wenn wir nun in der Anerkenntniss dieses Gedankens zugleich den erhabenen Begriff der Religion, als einer allgemeinen Verbindung aller Menschen begründet finden, „des Höchsten der menschlichen Güter, ja der Bedingung aller übrigen,“ deren erstes Gesetz die Liebe ist; so muss es uns wohl gar sehr befremden, den Ausspruch zu vernehmen, dass Völker, Gesellschaften in dem gegenwärtigen

 

 

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Europa sich meiden, jede Verbindung mit einander abbrechen sollen.

 

Sollte irgend ein Russe, geschweige die ganze Nation, das grosse Beispiel ihres edlen, jüngst dahin geschiedenen ruhmgekrönten Herrschers, der zu Paris dem Lacretelle, dem Ersten der Abgeordneten des Instituts von Frankreich sagte; „der Menschheit zu dienen, macht mein höchstes Glück,“ so schnell vergessen haben? oder nur irgend vergessen können? Und handelte der Westen unwürdig und abstossend, als er die Thaten und Gesinnungen dieses Kaisers lobend und dankend anerkannte, und von ihm erklärte: „Tous les interêts de l'humanite étaient chers et sacrés au genereux Alexandre?“ als er die Frage dieses für das Wahre und Gute Begeisterten: „Wie mache ich meine Völker glücklich,“ -- aufrichtig und ohne jedes niedere Interesse zu beantworten, eifrigst sich bemühte? -- Verdient deshalb der Westen den scharfen und bitteren Vorwurf, den unser Herr Verfasser in den Worten ausstösst: „der Westen liebt uns nicht, ja er hasst uns sogar“?

 

Unstreitig kann eine solche Beschuldigung nur auf Thatsachen begründet werden; und da möchten wir Herrn Schewyrow doch gerne fragen, woher er die Belege seiner so sicheren Behauptung entnommen habe? -- Ohne Zweifel höchstens nur aus dem Journalismnus, aus den politischen Pamphlets, aus dem Geschrei der Unvernünftigen und Unmündigen. Denn schwerlich möchte er namentlich unter den Deutschen irgend eine Stimme nachzuweisen im Stande sein, die das Gepräge der Wahrheit und der durch eine gründliche und sorgfältige Kenntniss aller Verhältnisse gewonnenen Ueberzeugung an sich tragend, nur im Entferntesten sich dahin geäussert habe, dass sie als eine Bestätignng jenes Ausspruches betrachtet werden könnte. Wir glauben zur Genüge zu kennen, auf welche Erscheinungen der neuesten Zeit Herr

 

 

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Schewyrow hinzielt; hätten aber nicht gedacht, dass derselbe so wenig die Sprache der Leidenschaft, der völligen Unkenntniss und der Böswilligkeit, und des materiellen Interesses, welche in diesen Erscheinungen mehr oder weniger unverkennbar hervorgetreten sind, zu erkennen vermochte oder fassen wollte. Die Unwahrheit verräth sich ja gemeiniglich von selbst, und wenige Schriftsteller wissen ihre Leidenschaftlichkeit so geschickt zu verbergen, dass vernünftige Leser sie nicht darnach beurtheilen könnten.

 

Wir werden uns wohl hüten, in dieses Wespennest zu stechen; denn was würden wir am Ende mehr dadurch erlangen, als ein abermaliges Geschrei und Gezänk über Servilität, Knechtschaft, Barbarei und was dergleichen mehr. Haben doch die Personen oder die Instanzen, welche in diesen Klopffechtereien am heftigsten angegriffen wurden, mit grösster Gelassenheit und verachtendem Stillschweigen über sich ruhig ergehen lassen, dass ihre Worte und Absichten nicht alleine völlig missverstanden, sondern mit böswilliger Absicht auf jede mögliche Weise verdreht wurden. Denn sie wussten wohl, dass sie durch irgend eine Demonstration den Redaktoren der Zeitungen und Zeitschriften nur einen erwünschten Stoff für neue Artikel liefern würden. Ist es nicht bekannt genug, dass diese nicht im Geringsten nach Wahrheit oder Unwahrheit der ihnen mitgetheilten Geschichte, des, entweder mit dem höchsten Lobe oder dem bittersten Tadel ausgeschmückten, Thatbestandes fragen und stets nur darauf bedacht sind, wie sie die Gemüther ihrer eifrigen Leser kitzeln, und denselben ein Material für extravagante Redensarten und Raisonnements darbieten? Schreit deshalb doch der Eine immer gegen den Anderen an; aber ohne zu einem sicheren, begründeten Resultate zu gelangen.

 

Wir vermöchten nicht wenige der Beispiele anzuführen, wo über Russische Verhältnisse und Zustände, über

 

 

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Personen, welche solche leiten, die merkwürdigsten Anekdoten, die offenbarsten Lügen gedruckt, und aus einer Zeitschrift oder Broschüre in die andere immer von Neuem mit aufgewärmter Sauce übergetragen worden sind; wie dieselben häufig die Grundlage für vermeinte Ansichten und Urtheile über die wichtigsten und bedeutungsvollsten Fragen des Lebens bilden. Allein es widersteht uns zu ehr, mit diesen Schwächen und Mängeln der Zeit uns ernstlich zu beschäftigen; wir wissen gar wohl, wie es ein undankbares Geschäft ist, einen Menschen, und insbesondere solche Menschen, die von dergleichen Anekdoten und Geschichten gleichsam ihre Existenzmittel erwerben, ad absurdum zu führen. Und die politischen Kannegiesser, die ihre ganze Weisheit aus jener Quelle schöpfen und sich zu sehr darin gefallen, über den in dieser ihrer einzigen Lektüre mit jedem Tage frisch und neu vorkommenden Artikel zu salbadern, das Schicksal der Völker und Staaten zu bestimmen, und flugs in einer mit Sieben-Meilen-Stiefeln ausstafierten Schrift dem Publikum ihre Forschungen und tiefen Gedanken vorzupredigen; -- diese bilden gar eine eigenthümliche und halsstarrige, leider auch nur zu weit verbreitete, Classe von Menschen, die nicht ruhen, Jeden zu verurtheilen und zu verdammen, der sich erkühnt ihnen zu widersprechen, wie sie Herrscher niederschmettern und Reiche untergehen lassen, wenn jene ihnen nicht gefallen, und diese nicht nach ihrem Sinne handeln und sich gestalten. Ueber Alles und Jedes massen sie sich ein Urtheil an, und Nichts verstehen Sie! -- sie, die sich nicht einmal bemühen wollen, und zum Theil auch nicht können, eine Einsicht in irgend einen Thatbestand sich zu erwerben. -- Für Alles mag der Mensch zu alt sein, nur nicht für das Wahre; dieses zu erfassen, ist die Bestimmung seines ganzen Lebens. At peccatur intra et extra muros.

 

Wenn dem nun also ist, so kann gar nicht die Rede davon sein, dass diese Männer die Dolmetscher einer Nation

 

 

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sind, dass ihre wetterwendischen Expektorationen oder ihre geschrobenen und erkünstelten Demonstrationen die Stimme des Volkes repräsentiren. Sie besitzen keine Fahne, die gleichsam in das Lager des Feindes geworfen ist, damit sie sie da heraus holen. Ihre Eintags- oder höchstens Einjahrs-Produkte tragen das Gepräge der Vergänglichkeit und Ohnmacht an der Stirne, trotz dem, dass Sie den eitlen Wahn immer vorausstellen und verkünden, als wenn sie für die Menschheit Gut und Blut aufopferten.

 

Die Repräsentanten eines Volkes, auf deren Stimme alleine zu achten ist, sind in Wahrheit nur die hochbegabten, auserwählten Individuen, in denen sich die Entwickelung der Menschheit bethätigt, welche sich nie in der gesammten Vielheit zugleich darzustellen vermag. Denn „indem die Idee der Menschheit keine andere als eine organische sein kann, sagt Carus, wird dadurch eine unendliche Mannigfaltigkeit ihrer Glieder, und dieweil diese als organische sich auf eine ideelle Einheit beziehen müssen, ein centrales Verhältniss unter diesen Gliedern nothwendig vorausgesetzt, woraus dann abermals folgt, dass der centralen Glieder nur wenige und einzelne, der auf diese sich beziehenden unendlich viele sein werden.“

 

Es sind die Menschen von dem Sschönsten, edelsten Metall, welche Grosses und Segensreiches gewirkt, welche ewige Eroberungen in dem unendlichen Reiche der Gedanken, des Schönen und des Guten vollführt haben; deren Namen stets einen reinen, volltönenden Klang behaupten werden; deren Geister ihren Zeitgenossen auf der schwierigen Bahn zum grossen Ziele der Menschheit siegreich voranschritten und vorleuchteten.

 

Will man etwa noch fragen, woran man diese Auserwählten erkenne? -- Daran, sagen wir mit voller Zuversicht, wie ihre Seele ergriffen worden ist von den Anklängen des Göttlichen, die in leiser, geheimnissvoller Fortleitung durch Natur und Geschichte uns überall die Gewissheit einer

 

 

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himmlischen Obhut geben, uns durchdringen mit dem Hauche der Liebe, uns begeistern zu freudiger That für der Menschheit höchste und unvergängliche Interessen; -- daran, wie das Herz offen geworden für jede Klage, jede Noth der Mitmenschen, wie es erfüllt worden vom heiligen Mitgefühl für alle diejenigen, die um und neben uns hinringen, wenn auch häufig im Nebelgewande, nach dem grossen Ziele der Erkenntniss unserer Selbst, der Heiligung unseres Willens, der Annäherung unseres Wesens an Gott; daran, wie der Geist erschlossen worden zu klarer Einsicht von der Bestimmung der gesammten menschlichen Gattung, wie er geläutert worden zur Empfindung des Edlen, geschärft in der Auffindung des Rechten, gestärkt zur Erfüllung des Guten.

 

Wahrlich, wenn Einer mit Recht behaupten könnte, dass unser Jahrhundert und selbst die Gegenwart keine Erscheinungen von „rein menschlicher Gesinnung, von sicher ausgeprägter Sittlichkeit, von tiefer Weisheit und innigem religiösen Bewusstsein“ d. h. Nichts aus dem immer von Neuem beginnenden, mit jedem Moment sich belebenden, vergeistigenden Kreise des Gemüthsleben in der Richtung nach der Vernunft oder dem Uebersinnlichen, aufzuweisen im Stande wäre; dass eine gegenwärtige Nation Europa's nichts weiter der Welt vorzulegen vermöchte als Erfindungen des mechanischen Geschickes; dass ihre Geister, von der Materialität als dienende Sklaven an deren schimmernden Siegeswagen gefesselt, nur „unter ehernen Augenlidern“ aufblickten und lediglich realistische und materielle egoistische Interessen verfolgten; -- dann könnte man nicht umhin, der Ansicht beizustimmen, „dass Deutschland eine Ruine sei, und die deutsche Nation sich selbst überlebt habe;“ ihre letzte Stunde möchte bald geschlagen haben, sie möchte einem sicheren Untergange schnell entgegen gehen. Aber dann hätten wir auch keinen anderen Trost, als den Oxenstierna seinem Sohne bei der Abreise zum Friedenscongresse in Münster ertheilte: „Crede, mi fili,

 

 

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mundus regitur minima sapientia“ und wir müssten uns in die traurige Wahrheit ergeben: „dem Narrenkönige gehört die Welt! -- dem tollen Ross des Aberwitzes an den Schweif gebunden.“

 

Doch fort von diesem verzweifelten Gedanken ! -- Wissen wir doch, dass es auf der einen Seite die übertriebene Schätzung und die masslose Verheissung einer superfeinen Spekulation sind, so wie auf der andeven die Bemühungen eines, Alles verflüchtigenden und in das Niedrige und Zufällige herabziehenden, Verstandes, welche den Menschen zu jeder Excentricität führen, ihn in den scheinbarsten Widerspruch hinstellen, und ihn dadurch an seinem eigentlichsten und wahrsten Wesen irre machen. Wer wagt es aber zu leugnen, dass namentlich in Deutschland noch gar manche Männer leben, die jene, nur Verderben bringenden Klippen zu vermeiden wissen, welche, die Natur der Elemente und die Vorzeichen eines nahenden Sturmes, die verführerischen Zeichen eines glänzenden Scheines wohl kennend, das Schifflein ihres Lebens ruhig auf der hohen See halten und am Ende glücklich in den Hafen des Friedens und der Liebe einlaufen. -- Nur wer den heiligen Ernst lauterer Wahrheitsliebe nicht kennt, nur wer einzig und allein Unterhaltung sucht und die Spiele des Witzes, nur wer die, weder Licht noch Wärme darbietenden, Funken der modernen, sogenannten geistreichen Erscheinungen erfreuen, nur wer keinen Begriff hat von einem Werke der Fortbildung auf dem Gebiete der Wissenschaft mit den der Wissenschaft alleine würdigen Mitteln, nämlich einer, zu ruhiger Ueberzeugung anstrebenden Verständigung; -- der alleine kann und wird einer solchen Ansicht Worte verleihen.

 

Indem wir jene bevorzugten Männer stets thätig sehen, nicht lokalen oder temporären Interessen zu dienen, sondern Zeugniss abzulegen für die urschöpferische, unversiegbare Kraft des Menschengeistes, in immer neuen Gestalten das Leben der Menschheit der Vollendung entgegen zu bilden;

 

 

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möchten wir noch ganz besonders auf die Fragen Schleiermacher's (in den Monologen, letzter Abschnitt) aufmerksam machen: „Hat etwa der Geist sein endliches Mass und Grösse, dass er sich ausgeben kann und erschöpfen? Nützt sich ab seine Kraft durch die That, und verliert Etwas bei jeder Thätigkeit? Die des Lebens sich lange freuen, sind es nur die Geizigen, welche wenig gehandelt haben? Was hilft Haushalten mit dem Handeln und Ausdehnen in die Länge, wenn doch am Ende das nichts mehr ist, was du gehabt hast? Aber es ist nicht so unser Loos und Mass; es vermag nicht solch irdisch Gesetz unter seine Formen zu bannen den Geist. Woran sollte sich brechen seine Gewalt? Was verliert er von seinem Wesen, wenn er handelt und sich mittheilt? Was giebt's, das ihn verzehrt? Klarer und reicher fühle ich mich jetzt nach jedem Handeln, stärker und gesunder. Denn bei jeder That eigne ich mir Etwas an von dem gemeinschaftlichen Lebenselement der Menschheit, und wachsend bestimmt sich genauer meine Gestalt.“

 

Diess ist das Wahre, das Charakteristische und der Triumph jener Männer, dass sie, in den Begebenheiten der Gegenwart die Zerwürfnisse in Wissenschaft und Kunst, die Zerrissenheit unseres gesellschaftlichen Zustandes mit Betrübniss wahrnehmend, sich dadurch doch nicht irre machen lassen und sich wohl hüten, die Grösse des Augenblicks an sich selbst zu verkennen; zu verkennen, dass jede Erscheinung Mächtiges fordert an die menschliche und persönliche Fassung eines Jeden. Und indem sie sich darauf stützen, nicht durch todte Gelehrsamkeit, nicht durch pedantische Vorurtheile, nicht durch absichtliche Bevormundung und geistigen Hochmuth, sondern durch die Eminenz und die Energie des Geistes, durch sichere Beurtheilung dessen, was werden muss und kann nach dem, was einst gewesen und was für jetzt ist, durch Thatkraft,

 

 

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die überall ihre Stellung begreift, -- das jederzeit Allen Heilsame, Allen Gebührende, Allen Nothwendige zu erfassen und stets in die Welt der Erscheinung hervortreten zu lassen, haben sie nur Ein Ziel vor Augen und reichen sich begeistert, Einer dem Anderen, die Hände. Alle Geister, welche nach Wahrheit forschen, welche in die Tugend das Glück ihrer Seele setzen, welche Grosses und Segensreiches wollen, umschlingt durch alle Welt ein einziges zartes Band, welches sich insbesondere auch darin an den Tag legt, dass sie sich, trotz der mannigfachen Individualitäten, der verschiedenen, nicht genug zu beachtenden Eigenthümlichkeiten und Specialitäten in allen Verhältnissen des Lebens, gegenseilig anerkennen, fördern, treu und aufrichtig stets Hand in Hand für das Beste der Menschheit fortschreitend eine Stütze bieten.

 

Auf Grundlage dieser Thatsachen des Bewusstseins können wir nicht umhin zu fragen, was denn wohl Herr Polewoi darunler verstanden haben möchte, wenn er behauptet; „für Russland ist eine selbstständige Philosophie und ein selbstständiges Denken durch die Vorsehung prädestinirt.“ Wir müssen bekennen, nicht im geringsten einzusehen, wie dieses Adyton des Tempels mit der Aufschrift: Philosophie, beschaffen sein möge; und halten daber zuvörderst nur diese Ueberzeugung fest: Der Patriotismus ist edel und schön, und jede Nation hat ihn zu hegen und zu pflegen; Jeder freue sich des engeren Bandes, welches ein Volk umschliesst, und widme diesem zunächst im Vergleiche zu anderen Brüdern dieser Welt, mit Treue und Aufrichtigkeit seine Kräfte; aber er vergesse nicht, dass weit über dem Patriotismus der Theismus ist, der dem Menschen einen ganz anderen Kreis des Denkens und Wirkens vorgezeichnet hat, als welchen die Scholle begrenzt, der er durch seine irdische Geburt und sein wandelbares Leben angehört. Der ächte Patriotismus kann nur aus dem ächten Theismus hervorgehen.

 

 

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Dass aber auch wirklich jene bezeichnete heilbringende Gegenseitigkeit und Wechselwirkung nicht blos zwischen Individuen, sondern auch zwischen Völkern, wie namentlich auch zwischen Deutschen und Russen, keineswegs aufgehoben sein kann, welches ein Parteigeist so gerne demonstriren möchte, dafür bürgen uns die beiden Genien, deren Namen wir an der Spitze dieser Betrachtungen sehen, die beiden welthistorischen Persönlichkeiten, deren Begeisterung für das Wahre und Grosse, den Kindern mitgetheilt und eingeimpft, den Urenkeln eben so wenig fehlt und verschwunden ist, wie sie ihnen je gänzlich fehlen und verschwinden kann. Denn einem Geschlechte alte Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne absprechen und rauben heisst, ihm seinen Lebensinhalt nehmen, ihm jeden Antheil an der Fortbildung des Einzelnen, wie des Ganzen absprechen. Die Weltgeschichte hat leider solche Momente aufzuweisen, in denen eine völlige Verkennung des wahren geistigen Lebens, eine Erstarrung und Ertödtung des höheren Gefühles, eine Auflösung aller sittlichen Bande in einer grösseren Gemeinschaft eintrat, wie noch jüngst die Franzosen ohne Religion zu leben versuchten; aber es waren vorübergehende Zeitmomente, in denen freilich keine weiter bewegende, sondern nur eine zurückführende Macht zu erkennen ist, welche der Schöpfer nach seiner Allmacht und Weisheit ebenso zuliess, wie er täglich es zulässt, dass der Mensch sich nicht blos verirret, sondern sich entwürdigt und alle Gesetzmässigkeit mit Füssen tritt ,-- und welche der Menschheit ewige Denksteine sind, vollgeschrieben von den Ergebnissen einer Herrschaft der Unvernunft, mit Zeugnissen, die ewig bestätigen, wohin es führt, wenn die Menschen dem Unglauben, der Sinnlichkeit und dem Libertinismus in die Arme fallen, wenn sie die innere Verödung, um uns der neueren so beliebten Terminologie zu bedienen, hinter dem grossen Aushängeschilde der Civilisation und der allgemeinen Menschenliebe zu verstecken suchen.

 

 

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Wenn wir nicht zu fürchten haben für das Wohl der allgemeinen Civilisation,“ sagen wir mit dem geistvollen Verfasser der Notice sur Goethe, (vorgelegen in der allgemeinen Versammlung der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg den 22. März 1833 von dem Herrn Präsidenten der Akademie, Herrn Minister Ouwaroff), „wenn das Gesetz des Fortschreitens nicht aufhören kann als die ausdrückliche Bedingung unseres gesellschaftlichen Daseins zu gelten;“ so wird, -- der Ueberzeugung leben wir, -- die Elendigkeit und Erbärmlichkeit jeder Afterbildung, welche den Menschen entgeistigt und dadurch die Welt entsittlicht, wie sie in jeder Gegenwart zur Genüge stattfinden mag, doch alleine dazu dienen, den Glauben an die allwaltende göttliche Macht zu stärken, zu heben und zu beflügeln, das Reich der Geister zu erleuchten. Denn diess ist die innere Kraft des Wahren, Grossen und Guten, des rein Menschlichen, dass dieses, einmal in die Welt getreten, gleichsam verkörpert, nicht wieder untergeht oder von der Welt verschwindet, dass dasselbe, weil es nicht untergehen kann, zuverlässig einst triumphiren wird; während das Gegentheil desselben sich selbst überlebt, und einmal abgestorben, nicht wieder lebendig werden kann. So versöhnt der allmächtige Schöpfer die geheimnissvollen Schicksale der festgesetzten, unveränderlichen und freien Ordnung mit dem individuellen Sein und Leben.

 

Indem wir uns genöthigt sehen, anzuerkennen, dass der Geist der Zeit in seinen wahrhaften Erscheinungen uns mehr und mehr die Völker Europa's als in einer gemeinschaftlichen Wanderung nach den höchsten und letzten Zielpunkten in Leben, Wissenschaft und Kunst begriffen zeigt, werden wir auch die tröstliche Hoffnung hegen und aussprechen dürfen, dass der ewig fortschreitende Kampf um die Gegensätze und Widersprüche in dieser Welt, stets bestimmter und bewusster die Schale von dem Kerne, das Zufällige

 

 

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von dem Nothwendigen und das Untergeordnete von der Hauptsache trennend, -- wenn auch nicht einen ewigen Frieden, welcher ein schöner Traum edler Seelen war, -- doch eine reinere Anerkennung, Ausgleichung und eine harmonischere Entwickelung der Nationalitäten begründen wird, wobei eine leere Eifersüchtelei in dem Masse überwunden werden wird, als hier und dort der Wetteifer, die grosse und schwere Aufgabe der wahren Bildung zu lösen, wahrhaftiger, kräftiger und erfolgreicher fortschreitet.

 

Bei der ausgesprochenen Ansicht von der Weltgeschichte, welche wir demnach als die Geschichte der ewigen Menschheit fassen, tritt uns auch die volle Bedeutung der Erscheinung eminenter, welthistorischer Persönlichkeiten hervor, so dass wir die Geschichte niemals richtig zu begreifen im Stande sein werden, wenn wir nicht die Individualitäten, -- Genien ist unstreitig eine angemessenere Bezeichnung, -- an welche in letzter Instanz alle Fortbildung des Einzelnen, wie des Ganzen, geknüpft zu denken ist, in möglichstem Umfange ihres ganzen Seins und Wirkens, über alle Lokalinteressen erhaben, zu würdigen, und irgend wie mit ihnen zu denken, zu empfinden und zu handeln vermögen.

 

Die besonders erleuchteten, mit höherer Energie geschmückten Seelen, über die der unerforschliche Wille sein plötzliches Werde sprach, und sie in irdische Hülle einschloss, damit sie in dieser Gestalt auf der Erde wandelten, sind die Träger und Bildner des Menschengeschlechtes. Würden wir diese grossartigen, exemplarischen Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte entfernen; wir würden die Entwickelung und die Fortschritte des Menschengeschlechtes verzögern. Würden wir nicht diese Glücklichen als die näheren Vernehmer und die ewigen Verkündiger der göttlichen Offenbarungen, als lebendige Stimmen der Welt zu verstehen uns bemühen, sie als Beispiel und Vorbild stets uns vergegenwärtigen; wir würden mit unendlich grösserer Schwierigkeit die Wahrheit der einzelnen Erscheinungen,

 

 

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die nur in der Idee, in der freien Macht liegt, welche über allen Gegensätzen ihres Werdens oder ihres zeitlichen Verlaufes schwebt, erkennen. Denn entleeren wir die Geschichte von ihrem Hauptinhalte, so bleibt ihr kaum der Schein eines höheren Daseins übrig, den sie auf die Wirklichkeit werfen kann.

 

Welcher Sterbliche, der nur irgend ein Bewusstsein von dem Reiche des Wahren, Guten und Schönen hat, könnte aber den Flug des Geistes hoher, göttlich bevorzugter Wesen durch Himmel und Erde ermessen; an die Gebilde sittlicher Schönheit, intellektueller und thatkräftiger Grösse denken, welche jene schufen oder vielmehr als Ausströmungen ihres eigenen Gemüthes zur Anschauung brachten; wer könnte an die Herrschaft denken, welche sie über die Gemüther vieler Millionen gleicherschaffener Geschöpfe ausübten und immerdar ausüben; an die gewaltige Geisterstimme, mit der sie aus ihren Gräbern hervor stets zu den Bewohnern der Erde sprechen, und dadurch Einsicht, Bewusstsein und Thatkraft erwecken; wer -- fragen wir, -- könnte dieses, und dabei gegen das Bild dieser Grössen im Tempel der unendlichen Natur gleichgültig sein? Wir sind nicht so vermessen, schildern oder nur andeuten zu wollen, wie es in der Seele Desjenigen aussehen mag, der solche Genien vor seinem Geiste vorübergehen lassen kann, ohne sie zu bannen und für sich festzuhalten, ohne mit aller Anstrengung sich zu bemühen, in das geheimnissvolle Wesen ihrer gesammten Seeleneigenthümlichkeit einzudringen; diess aber steht zu fest und ist zu offenbar, wir müssen ihr eine Verachtung, zum wenigsten eine traurige Verkennung des, ihr von der Vorsehung dargereichten, durchgreifendsten und wirkungsreichsten Mittels zu ihrer Erhebung in höhere, sie läuternde Regionen, zu ihrer wahren Bildung, zuschreiben. Denn gewiss hat Goethe Recht, wenn er sagt: „nicht der Schein desjenigen, was Andere sein konnten, sondern die Erkenntniss dessen, was Sie waren und sind, bildet uns.“

 

 

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Die wahre Grösse des Menschen beruht auf jener grossartigen Fähigkeit des Genius, durch welche die Seele, durchdrungen von der Liebe und Begeisterung für Wahrheit, Tugend und Schönheit, die Welt zu umfassen sucht, sich in den Himmel emporschwingt und in die Tiefe der Erde dringt, die Vergangenheit erforscht, die Gegenwart begreift, die Zukunft ahnet, die allgemeinen, Alles regelnden Gesetze der Natur entdeckt, die unzähligen Beziehungen und Verhältnisse der organischen Welt mit einander verknüpft, und sich, emporgehoben über Alles, was endlich und vergänglich ist, dem Streben nach einem unendlichen, idealen Ziele hingiebt. Dieser Wesen Schauplatz ist nicht hier oder dort, in diesem oder jenem beschränkten Raume und Zeit; sondern derselbe dehnt sich weit hinaus über die ganze Welt, über alle Geister, so weit sich nur Menschen finden, welche Ideen zu fassen und zu verwirklichen im Stande sind, um derenwillen allein es der Mühe lohnt, dass man das Dasein hat; er ist tief und innig verzweigt in alle Verhältnisse des Lebens. Deshalb eben sind diese eminenten Persönlichkeiten auch nur zu begreifen, wenn wir den Standpunkt genommen haben, welcher uns die eigentliche Bedeutung solcher Erscheinungen aufschliesst, nämlich wenn wir unsere Blicke möglichst erweitern und auf der allgemeinen Entwickelung der Völker, auf der Entwickelungsgeschichte der Menschheit ruhen lassen.

 

Indem wir jetzt Peter den Grossen unter die Zahl derjenigen auserwählten Individuen der Weltgeschichte rechnen, welche Geist und innerer Freiheitssinn über ihre Zeit erhoben, welche, ihrem inneren Führer folgend, über die Vorstellungen der Zeitgenossen triumphirten, und in noch unberührte, unbekannte Regionen hinaufstrebten, von wo sie im heiligen Interesse der Menschheit neuen Saamen ausstreuten, und aus diesem in einer immer vollkommeneren Bildung frische Aeste und kräftige Blüthen emporsteigen liessen, haben wir also, um ihn in seiner ganzen Erscheinung

 

 

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richtig zu verstehen, um den Einfluss vollständig zu beurtheilen, den er nicht alleine auf sein Volk und Land, nicht alleine auf seine Zeit überhaupt, sondern auch auf die Entwickelung des Menschengeschlechtes ausübte, uns nicht nur zu der Epoche zurück zu versetzen, zu welcher er über den irdischen Horizont erschien, sondern müssen auch die Entwickelungsgeschichte der Völker, vorzüglich der neueren, christlichen, sorgfältig beachten und bei jedem Schritte uns gegenwärtig halten. So nur wird das Leben dieses grossartigen Reformators, eine ganze, systematische Einheit mit seinem Volke darstellend, in allen Phasen der Erfahrung, Prüfung und Gefahr uns verständlich werden; und nach diesem nur werden wir erkennen, was Russland für eine Aufgabe in der Geschichte der Menschheit hat.

 

Wir sind weit entfernt, so vermessen zu sein, dieses umfangsreiche und inhaltsschwere Thema schon jetzt nach der Wahrheit, nach Werth und Gebühr lösen zu wollen. Aber doch können wir es nicht unterlassen, in einigen Grundzügen unsere Ansicht darüber auszusprechen, auf welche Weise einzig und allein die Lösung desselben erreicht werden kann, welcher, dem Geiste entsprechende Standpunkt eingenommen werden muss, um das Ungewöhnliche und Ausserordentliche in dem ganzen Wesen Peter des Grossen richtig zu fassen, und die, im eigentlichen Sinne erst von ihm gegründete Geschichte seines Volkes vorurtheilsfrei zu würdigen. -- Man möge das Folgende demnach nur als eine Skizze betrachten.

 

 

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IV.

 

Verzeiht! es ist ein gross Ergötzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
Goethe.

 

Die Wiege der Menschheit befindet sich im Morgenlande; das Morgenroth des ersten Denkens stieg im Orient empor. Wie immerhin dieser Anfang der Menschengeschichte gefasst werden, wie der erste sociale und intellektuelle Zustand der Menschen beschaffen gewesen sein mag, wir müssen bei der Betrachtung des Menschengeschlechtes, so weit es mit den zu Gebote stehenden Mitteln uns in diese Zeiten zu versetzen erlaubt ist, von der Ueberzeugung ausgehen, dass es des Inwohnens oder der Mittheilung eines geistigen Principes höherer Art bedurfte, desselben, welches seitdem in allen Entwickelungen der Weltgeschichte schöpferisch fortgewirkt hat, um den Menschengeist über jene Natürlichkeit empor zu heben, in welcher wir noch gegenwärtig die sogenannten rohen Völker befangen sehen. Es musste dieses Princip, eben als gegebenes, als unmittelbares, anfangs in Gestalt der Natürlichkeit, unbewusst und unentfaltet auftreten, und aus seiner ersten Verschlossenheit in Reimgestalt sich allmählig in freier Selbstentfaltung zu immer edlerer und gediegenerer Gestaltenbildung erheben.

 

 

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Demnach begreifen wir auch leicht, wie der uralte Culturzustand des Morgenlandes sich im fortgesetzten Kampfe mit der Sinnlichkeit, der Materialität befand, wie derselbe sich in der Sphäre des gemeinsinnlichen Naturlebens bewegte. Selbst bei Anerkennung einer geistigen Substanz erblicken wir die Bildung der Völker des Orients als eine Erstarrung in entgeistigte Formen und Schemen, oder als eine Ausschweifung in eine eben so geistlose sinnliche und phantastische Ueberschwänglichkeit. Die religiöse Ueberzeugung war demnach auch nur eine naturalistische. Die merkwürdigste Stabilität hat hierin obgewaltet, denn noch heutigen Tages stellt sich das Morgenland in denselben Formen dar. Die Materialität macht noch immer gleichsam die Aeusserlichkeit des Verborgenen im Innern des Geistes aus. Die Sinnlichkeit war und ist das herrschende, zwingende Princip; das hier lebende Geschlecht befindet sich noch immer wie einst im untersten Stadium der Entwickelung.

 

Gleichwie die Sonne ihren Lauf von Osten nach Westen richtet, geleitete sie die Pflege und die Sorge für das Fortschreiten und die Bildung des Menschengeschlechtes vom Morgen nach Abend hinüber. Hier empfing und umfasste ein ganz anderes, jugendliches, unter ganz verschiedenen Bedingungen lebendes, Geschlecht jene grosse Aufgabe. -- Wir müssen bekennen, dass die Griechen die ihnen in der Entwickelungsgeschichte zuertheilte Bestimmung glorreich gelöst haben, wenn sie auch am Ende der schweren Bürde traurig unterlagen und als Opfer der Unvollkommenheit ihrer Weltanschauung fielen. Denn wenn sie auch Erscheinungen von rein menschlicher Gesinnung, von sicher ausgeprägter Sittlichkeit, von tiefer Weisheit aufzuzeigen hatten, denen wir unsere Bewunderung nicht entziehen können und dürfen; so fehlte ihnen doch das wahrhafte, innig religiöse Bewusstsein, die Frömmigkeit, welche ein nothwendiges Moment der Weisheit ist. Ihre, in der schönsten

 

 

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Blüthezeit errungene, Bildung war nur die, welche wir im reinsten und edelsten Sinne des Wortes Humanität nennen.

 

In der neuesten Zeit ist zur Genüge über den Werth und den Unwerth dieses Principes nachgedacht und gestritten worden; wir begnügen uns hier darauf hinzuweisen, und fügen nur folgende Betrachtung noch hinzu.

 

Es ist bekannt genug, dass in dem Volke der Hellenen der ganz besondere Drang lag, das Schöne in jeder Beziehung zu entfalten, und wie eben deshalb aller Fleiss darauf angewandt wurde, um dieses sowohl äusserlich, als innerlich zum Vorschein zu bringen. „Der schöne Körper hat sich in Griechenland mit einer schönen Seele vermählt; die schönen Gestaltungen sind durch die Kunst zu schönen Sitten geworden. Alles hat sich hier vereint, um aus diesem Lande die Stätte zu bilden, wo sich das rein Menschliche, von allem Individuellen entkleidet, aber sich an die Natur anschliessend, offenbaren sollte.“ Dadurch bildete sich hier aus dem alten Naturalismus ein Anthropomorphismus, und es öffnete sich der homerische Götterhimmel in all seiner plastischen Fülle und Herrlichkeit.

 

Wenn nun auch dieses verjüngende Princip die Griechen zu einem frischen, inneren Leben anfachte, den Kreis ihrer Bildung immer grösser zog, so reichte doch aus dem finsteren Reiche der Natur eine unerbittliche Macht im Verhängniss hinüber in das neue Leben, und bezwang selbst durch seine eiserne Gewalt im unabwendbaren Fatalismus das rein menschliche Göttergeschlecht. Dieses war mit den Menschen aus dem Naturboden als ein freier Organismus aufgestiegen. Nur was im Menschen in hülfloser, vereinzelter Existenz, in gebrechlicher Natur Schönes, Edles glimmte, dieses strahlte glorreich in angestammter Reinheit und Majestät aus diesen höheren, göttlichen Naturen hervor, die eben deshalb auch wiederum hoch erhaben über der Besonderheit des menschlichen Organismus standen.

 

 

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Und gleichwie der Mensch, waren diese Götter von den Natursphären wohl geschieden, aber keineswegs von ihnen losgerissen und frei stehend. So ging im Griechenthum Alles zurück in die wunderbare Tiefe der herrschenden Sinnlichkeit.

 

Die Götter selbst mogten gleichsam nur als göttliche Organismen ganz und gar in sinnlicher Bedeutsamkeit, in scharfer plastischer Begränzung sich gestalten; es musste gleichfalls zwischen ihrer Welt und der Menschenwelt keine scheidende Kluft sich öffnen: Alles war ein einiger Organismus nur, ein Leben, und die Naturwelt dieses Lebens Basis.“ Was ist demnach auch begreiflicher als dieses, dass das herrschende Princip der griechischen Weltanschauung in der Ununterscheidbarkeit zwischen der Idee, oder dem Ewigen, und ihrer äusseren Erscheinung, dem Faktischen oder der äusseren That, bestand. Das Religiöse und das Sittliche konnten sich also eben so wenig als eine Besonderheit, als ein besonderes, geschiedenes Element, von den übrigen gesellschaftlichen Verhältnissen trennen und isoliren; wie dieses klassische Zeitalter zu der Idee der Freiheit nicht durchzudringen vermochte.

 

Dieses war also die Stufe der Entwickelung bei den Griechen, welche den Römern ihre Bildung und zum grossen Theil auch ihren Cultus mittheilten. Der Charakter dieses Volkes war ein ganz anderer und macht es uns begreiflich, wie von demselben die Ausbildung des allein Praktischen und Nützlichen so sehr auf die Spitze geführt wurde, dass die ganze Welt desselben, wir möchten fast sagen, völlig geistlos und als ein grosser Mechanismus gestaltet war; der aber nur so lange bestehen konnte und auch bestand, als die leere Form ihre Herrschaft ausübte und allein das Irdische, Sinnliche, Befriedigung gewährte.

 

Wir finden also und dürfen es mit vollkommenem Rechte aussprechen: in dem klassischen Alterthume der Griechen und Römer wurde nur das Menschliche entwickelt.

 

 

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Allein es ist neben dem Menschlichen auch ein Göttliches im Menschen, und daher soll er nicht allein zur Humanität, sondern auch zur Divinität, zur Frömmigkeit, erzogen und gebildet werden.

 

Diese heilige Aufgabe ist erst durch das Christenthum offenbart und erkannt worden, welchem es aufbehalten war, eine neue Zeit, eine ganz neue Periode der Entwickelung des Menschengeschlechtes zu begründen, das gebundene Geisterreich zu befreien und in höherer Steigerung zu verklären. Der Mittelpunkt dieser neuen Weltanschauung, der göttlich offenbarten Lehre wurde dieser: es giebt nicht der Götter mehrere; es ist nicht das Göttliche im Irdischen und Zeitlichen, d. i. im Vergänglichen, zu suchen; sondern es ist Ein Gott, und dieser Gott ist ein Geist, der nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden kann; denn er ist das Leben und die Wahrheit.

 

Im unendlichen Gegensatze gegen das Alterthum, welches von seiner Herrlichkeit völlig herabgesunken war, und dieses in seiner traurigen Ohnmacht und Auflösung selbst anerkennen musste, empfing die Menschheit die ewig wahre Verkündigung, dass sie ausser diesem göttlichen Wesen nichts Wahrhaftiges weder zu erkennen, noch zu fühlen, noch zu wollen vermöge.

 

So löste sich ein ätherisches Sternenreich vom Reiche des Organismus los, wie dieses früher sich von dem elemertarischen unteren Sternenreiche gelöst, und trat nun zurück in die unendlichen Geistertiefen der Vernunft. Die Macht des alten Schicksals wurde gebrochen, eine allweise Vorsehung ergriff die Zügel der Begebenheiten und es trat an die Stelle des Anthropomorphismus durch das Christenthum ein reiner Spiritualismus. Nach diesem besteht nur ein unendliches Geisterreich, welches in der Gesammtheit, wie jedes einzelne Glied desselben, getragen wird durch das Bewusstsein gänzlicher Abhängigkeit von Gott, durch gänzliche Hingabe des Herzens an Ihn und begeisterungsvolles

 

 

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Hinstreben zu Ihm, d. i. durch die Bestimmung wahrhaft Mensch zu werden, der nach dem Urbilde geschaffen ist.

 

Das wahrhaft Christliche ist die unbegrenzte Hingebung an die ewige Wahrheit, „sodann wird aber auch jede einzelne Erscheinung wahrhaft in Gottes Wesen aufgenommen, dann wird sie ein wahrhaft Allgemeines, und wiederum nicht fixirt für eine Gegenwart, die keine Vergangenheit des Werdens hinter sich, und keine Zukunft der Entwickelung vor sich hat, wie im Bilde der Vorstellung; sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind verschlungen in die Ewigkeit des zur Wahrheit sich immer neu vermittelnden Geistes.“ Wie sorglos und unbekümmert schritt der Grieche, stets nur der Gegenwart sich freuend, einher, der seine Gottheiten, in das Natürliche, Sinnliche und Weltliche versenkt und verwickelt, nicht anders betrachtete als eine vergötterte Natur und Welt. Er nannte seinen Zeus und dachte sich ihn als den letzten Ring einer Kette von Göttergeschlechtern. Die Einwirkung der Götter auf die Welt und die Angelegenheiten der Menschen wurde ausschliesslich von der äusseren Seite betrachtet und wir finden nur wenige Spuren davon, dass die sittliche Verbesserung des Menschen als der Endzweck und das höchste Ziel der Fürsorge der Götter in der griechischen Religion erkannt worden wäre. Es konnte deshalb von einer Liebe, von einer Verehrung und Anbetung derselben nicht die Rede sein.

 

Mit dem Eintritte des Christenthums in die Geschichte aber löste sich gänzlich das Sinnliche von dem Uebersinnlichen, das Materielle von dem Geistigen; und es musste die erstaunte Welt in ihrer sinnlichen Tiefe sich den übersinnlichen Regionen unterordnen. Damit stellte sich der Gegensatz zwischen Gegenwart und Zukunft heraus. Aus sich selbst, aus der Gegenwart sollten die Menschen heraustrelen; sie sollten die ganze Masse der ererbten Ansichten

 

 

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und Meinungen, der Gewohnheitsvorstellungen, der Lieblingsideen, der Eigenliebe und des irdischen Interesses „auf den Altar der Wahrheit niederlegen im Vorhofe, der zum Tempel der Weisheit führt“, und in dieser Wiedergeburt, in dieser Läuterung des psychischen Lebens stets der Zukunft entgegen streben, in welchem Fortschreiten das wahre Leben sich nur entfalte. Hatte bis dahin die Gegenwart mächtig geherrscht, die stets und allenthalben die, im ihr sich bewegenden, geistigen Geschöpfe in der Einsicht und Ueberzeugung festgebannt gehalten hat, dass die Entwickelung der geistigen Kräfte keine anderen Triebfedern als Lust und Unlust hat und kennt; dass der Verstand in der Starrheit seiner Abstraktion nur für den Dienst dieser Neigungen aufgeklärt wird; und dass die Vollkommenheit seiner Begriffe in ihrer Thätigkeit zur Verfeinerung und Vervielfältigung der Genüsse, die Richtigkeit seiner Ueberzeugungen in ihrer Angemessenheit zu den stets abwechselnden Bedürfnissen der Sinnlichkeit, und das Streben nach Wahrheit in der Geschmeidigkeit der Urtheilskraft, die logischen Regeln der Veränderlichkeit der äusseren Umstände anzupassen, besteht; -- so sollte von jetzt an, seit der Verkündigung der christlichen Heilslehre, nur Eine Idee den ganzen Organismus durchglühen, -- die reine Idee der Gottheit; sie sollte die Lust und die Freude sein, und alle Sinnenliebe aufgehen in die himmlische Liebe; es sollte sich unterordnen das Leben des Fleisches dem Gesetze des Geistes, damit reine Sittlichkeit und Schönheit des Lebens sich immerdar entfalte; es sollte die Ueberzeugung in der Menschheit festwurzeln, dass was sinnlich und irdisch am Menschen ist, nur der Erde angehört und dem Gesetze der Vergänglichkeit unterworfen ist; was aber im lebendigmachenden Geiste und in der Liebe ist, dem einzig wahren, höheren Leben angehört; es sollte sich ein frommes, gottesfürchtiges Leben gestalten und ein Geisterreich entwickeln. In dieser Lehre trat nun ein gewaltiger Gegensatz und

 

 

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eine, Alles zu verschlingen drohende, Kluft hervor, von der das Alterthum kaum eine Ahnung gehabt hatte, wie wir eben gesehen haben. Aber keineswegs war es gewiss der Wille der Vorsehung, die Menschen durch die Erkenntniss dieser im Widerspruche sich ankündigenden Richtungen zu den unglücklichsten Geschöpfen in dieser Welt zu machen.

 

Es sollte die materielle Welt mit ihrer Mannigfaltigkeit und Schönheit, mit ihrer zwingenden, das Geistige so leicht beherrschenden Gesetzmässigkeit eben so wenig zerstört oder für nichtig erklärt werden, als die Menschheit bis dahin nur an sie sich angeklammert hatte. Sie sollte fortbestehen in ihrem vollen Rechte und Glanze als eine Abspiegelung der Vollkommenheiten des Schöpfers. Der Mensch darf und soll sogar die allenthalben belebte Natur mit Freuden begrüssen und geniessen, und nimmermehr, sie geringschätzend oder sie gar verachtend, sich aus ihr zurückziehen wollen. Wie er ein Glied derselben seinem Leibe nach ist, soll er für sie leben, und wirken nach seinen Kräften alles Gute und Schöne, wie auch die Gottheit das ganze Weltall wirkend, belebend, beherrschend durchdringt. Nur der Grundton seines ganzen Wesens und seiner Existenz soll die reine Liebe zu Gott sein, der freudigste Dank dafür, dass er die Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen und ihnen dadurch die Kraft verliehen habe, ihre Blicke hinauf zu ihm zu richten, ihn zu erkennen, und im Vertrauen auf seine allmächtige Weisheit und Güte die schwierige und gefahrvolle Erdenbahn zu wandeln. --

 

War nun also im Christenthume das mächtige Princip aufgepflanzt, dass alles wahrhaft Seiende das Geistige ist, so musste nothwendig die erste Aufgabe für die Menschheit diese werden, die materielle Welt mit ihren mannigfaltigen Produktionen und Erscheinungen als einen Spiegel der verschiedenartigsten geistigen Momente zu betrachten, in welchem dieselben sich nicht aufzehren, sondern ausgleichen

 

 

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und aussöhnen und die verschiedenen Gegensätze aufgehoben werden. Statt der Schale muss der Kern erfasst und begriffen werden. Dafür war dann wiederum die erste Bedingung, dass statt der bisherigen abstrakten subjektiven Freiheit, des leidigen Egoismus, die christliche Freiheit walte und herrsche; dass die Menschen aufhören sollten, als einzelne Subjekte neben einander zu sein und ihre Individualität alleine geltend zu machen; dass sie sich nur als Glieder einer unendlichen Kette, eines ewigen Geisterreiches betrachten, ihr Dasein in einander erkennen, und als geistige Brüder umfassen sollten, welche die Bestimmung haben, in der Vereinigung mit dem göttlichen Wesen sich gleich zu werden.

 

Somit vertrauen wir fest, in den obigen Erörterungen wahrhaft christliche Elemente herausgestellt, und dem Wesen des Christenthums gemäss die grosse Aufgabe für die Menschheit, wie für jedes Glied derselben, darin richtig erkannt zu haben, dass sie jederzeit und an allen Orten nach Wahrheit strebe, dass sie ringe, die in der Geschichte und der Welt sich offenbarende Gottheit zu erkennen, und, in dieser Erkenntniss stets fortschreitend und sich entwickelnd, ein Geisterreich schon hier auf Erden zu begründen, welches seinem Ziele sich immer mehr nähere. Wir fragen nicht mehr, woher der einzelne Mensch zu dem Wahne gekommen und noch immer gelangt, als könne das unter höherer, göttlicher Leitung Gewordene durch das von einer subjektiven Freiheit Gegebene verdrängt werden; woher, mit anderen Worten, der Irrthum und die Unwahrheit entstehe.

 

Nicht gar weit von der Grenze Europa's gegen Osten, in dem, von dem Trägheits-Principe beherrschten Morgenlande war es, wo diese Verkündigung der Wahrheit, dieses einzige Rettungsmittel für die gesunkene Menschheit, aus dem Wesen der Zeit hervorgegangen war; unter einem Volke, welches sich schon frühzeitig zum Dogma von der

 

 

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Einheit des göttlichen Wesens erhoben hatte, aber, seinen Morgen und Mittag nicht im Fortschreiten und Entwickeln dieser göttlichen Idee verlebt habend, jetzt am Abend angelangt war, wo es nicht allein wie alle anderen Völker des Alterthums unter eine, eben so verworfene, weltliche und geistige Despotie gebeugt wurde, sondern auch nichts weniger als die innere Kraft und Energie besass, das schöne, hellleuchtende Morgenroth eines neuen Tages, einer ganz neuen Zeit zu begrüssen und zu einer Wiedergeburt das stets verjüngende, immerdar beseligende Lebensprincip, welches gerade unter ihm im körperlichen Bilde der Vernunft sich manifestirte, wahrhaft zu ergreifen und sich zu eigen zu machen. Dieses Volk musste zerstreut werden, konnte nur im Chaos der reinen Zeitlichkeit als eine Ruine fortbestehen, welche Zeugniss ablegen sollte, wie das Todte, Erstarrte, Verkrüppelte dem Lebendigen und Beseelenden unterliegt, wie selbst ein mächtiges Geschlecht untergeht, welches über seinem alten Götterhimmel, in dem zwar ein einiger, aber ein lebendiger, organischer Gott, ein leidenschaftlicher, zornmüthiger, mordgrimmiger Jehovah thront, nicht den neu geöffneten Himmel erkennt, wo die Quelle alles Lebens quillt.

 

Schon die Griechen hatten sich bemüht, ihr geistig Erlebtes und Erkämpftes, ihren, vom niederen, elementarischen Sternenreiche losgelösten, mit einem schönen Göttergeschlechte bevölkerten Himmel dem Morgenlande, dem sie so Vieles zu verdanken hatten, zurück zu geben, und hier einen frischen, empfänglichen Boden für neue Entwickelungen zu finden. Aber es war daselbst finstere Nacht bei dem schönsten Glanze der Sonne und der Sterne; Alles kreiste nur um einen Mittelpunkt herum, der das Centrum der Erde bildete, aus dem man keinen Schritt herauswagte. Die Schwungkraft des Geistes war gänzlich gebrochen, und für lange, lange Zeiten völlig gelähmt; alles lag in den Fesseln der Sinnlichkeit darnieder. Keineswegs war auch

 

 

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die Römer-Herrschaft, deren Despotismus bleischwer auf jedem unterworfenen Volke lag, vermögend, das niederziehende, alles Leben ertödtende Gewicht wegzuheben oder gar nur zu lüften, damit ein freier Athemzug unter der Masse und der Trägheit sich Luft machen konnte.

 

Es sollte nach allen Richtungen der damals bekannten Welt die Geschichte ihr Ende erreicht, ihren Faden abgeschnitten haben. -- Aber wo sollte und konnte sie diesen wieder anknüpfen? von wo aus sollte sie ihre geheimnissvollen Fäden fortspinnen?--- Es konnte nur dort geschehen, wo jene göttliche Lehre einen empfänglichen, fruchtbaren Boden gefunden; wo die, von dem Meister, in dem das himmlische Wort Fleisch geworden, ausgesandten Jünger und Schüler einen festen Grundstein gelegt hatten, damit darauf eine neue Welt gebaut, ein neues, himmlisches Reich aufgeführt werden möchte.

 

Dieser Boden war nicht im Orient, nicht in Asien oder dem Osten, sondern in Europa oder dem Westen des grossen Weltkörpers. Denn die Griechen, welche zuerst am bereitwilligsten das Christenthum auffassten und pflegten, gehörten ihrer ganzen Natur nach, wo sie sich auch befanden, nicht dem ersteren, sondern dem letzteren Welttheile an. Ihre Vorfahren hatten, wenn auch nicht die sinnliche Weltanschauung überwunden, doch nach Wahrheit und Klarheit gerungen.

 

Europa sollte der grosse Kampfplatz sein, auf welchem der ewige Kampf für Licht und Finsterniss, für Wahrheit und Unwahrheit, für reine christliche Freiheit und subjektive Willkühr im eigentlichen Sinne des Wortes gekämpft, sollte der neue Boden sein, auf welchem die in dem Christenthume zum ersten Male klar und scharf he