Der Elm von W.J.L. Bode

Der Elm
mit seiner Umgebung und seinen
Denkmälern der Vorzeit
von
Dr. W. J. L. Bode
Stadtdirector zu Braunschweig
Mit einer Charte
Der volle Ertrag dieser Schrift ist zum Besten der Kleinkinderbewahranstalt hieselbst bestimmt.
Braunschweig
Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn
1846

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Dem
Herrn Obristen von Lübeck,
Flügel Adjutanten des Herzogs von Braunschweig Hoheit,
Commandeur des herzogl. Braunschweigischen Ordens Heinrich des Löwen,
des Königl. Hannoverschen Guelphen-Ordens,
Ritter des Königl. Preußischen rothen Adler-Ordens
in
Erinnerung an langjährige freundliche Verhältnisse
gewidmet
vom
Verfasser und Verleger

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Vorbemerkung
Die Kette von Bergen und Anhöhen, welche unter der Benennung Elm von Schöningen bis Lucklum sich erstreckt, und vor anderen Berggegenden, nicht nur des Herzogthums Braunschweigs, sondern auch anderer Länder, durch regelmäßige Waldcultur und üppigen Baumwuchs sich auszeichnet, enthält einen Flächenraum von etwa 30000 Waldmorgen.
  Die neuesten Wegeanlagen haben den Zugang zu diesen freundlichen, dicht beschatteten und zugleich die erheiterndste Aussicht gewährenden Bergen erleichtert. Von Königslutter aus läuft ein chaussirter Weg auf Scheppenstedt durch den Wald selbst, den der Freund der Natur reizend und belohnend finden wird. Längst schon dienten die geräumigen Forsten zur Förderung forstwirtschaftlicher Studien, und auch dem Botaniker und Mineralogen bieten sie ein lehrreiches Feld, wie denn die Encriniten, namentlich bei Erkerode, längst bekannt und gesucht sind. Der Wunsch, daß auch der Freund der
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Geschichte hier Befriedigung finden möge, veranlaßte die nachfolgenden Andeutungen, und zu der Veröffentlichung derselben hielt man den Zeitpunkt für geeignet, in welchem ein nahe bevorstehendes Liederfest zahlreiche Freunde des Gesanges neben dem Denkmale zusammenführen wird, welches Herr Obrist von Lübeck an einer der anmuthigsten Stellen des Waldes hat errichten lassen.

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Der Gebildeten wendet gern seinen Blick auf vergangene Zeiten  Ihm ist die Geschichte Inbegriff der Lehren, welche sein Urtheil über Begebenheiten der neuesten Zeit schärfen, und auch die Plätze sind ihm werth, an welche Erinnerungen sich knüpfen. Sie rücken ihm die Bilder vergangen Zeiten und Begebenheiten näher, führen ihn tiefer in das Innere längst verschwundener Zustände, die doch mit denen der Gegenwart, wie die nähere Beleuchtung stets erkennen läßt, durch vielfältige Verkettung im genauen Zusammenhange stehen.
   Zu den Plätzen, welche auf bedeutungsvolle Denkmäler der Vorzeit führen, die so ganz geeignet sind, Erinnerungen zu wecken, gehören die lieblichen Berge des Elmes. Wie noch jetzt der herrliche Wald den gemüthlicheren Menschen anzieht und tief ergreift, so war er auch unseren Vorfahren heilig. Rund umher bietet sich dem Blicke eine weite Aussicht dar: an der Südseite begrenzt durch Gebirge des Harzes; an der Ostseite über Helrnstedt hinaus auf den Bergrücken, welcher einst die Grenze des Nordthuringaues gegen den Darlingau bildete; an der Nordseite tief in das Lüneburgische und an der Westseite über die fruchtbaren Thalgegenden, welche Braunschweig und Wolfenbüttel im weiten.Kreise umfassen.
   Am Elme hägten schon unsere heidnischen Vorfahren ihre heiligen Haine, hier erhob sich früh schon das christliche Kreuz an geweihter Stätte,·hier prangten die Burgen erlauchter Fürsten und die Sitze der Ordens-Ritter, hier war es auch, wo einer in Aber-
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glauben versunkenen Volksmasse der Abweg thatsächlich nachgewiesen und Wichtiges in die Waagschale gelegt wurde, in welcher Licht und Finsternis sich noch das Uebergewicbt abzugewinnen suchten.

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  Gleichzeitige Schriftsteller belehren nur dürftig über heidnische Gebräuche jener Vorzeit, ihre Nachweisungen genügen aber, um die Plätze zu erkennen, welche den heidnischen Volksstämmen der Cherusker, nachmals auch den Sachsen, vorzüglich heilig waren. Der Elm schloss den heiligen Hain in sich: die Stätte, an welcher das Bedürfnis einer demüthigen Anerkennung des Höheren über uns das Volk unter hohen schattigen Bäumen zusammenführte. Zu den der Versöhnung höherer Wesen geweiheten Opfern hielt man die mit dem lieblichsten Schmucke der Erde bekleideten Plätze, die schattigsten Wälder, für geeignet. In dem Heinholze, an der nordöstlichen Seite des Elmes, in der Gegend von Lelm, zeigt sich eine eine solche Stätte noch in verjüngter Pracht. Hier deuten Urnenhügel auf die in heidnischer Weise geweihte Erde. Hier und in der nahen Umgebung befinden sich die Quellen der Gewässer, welche den heidnischen Gebräuchen dienten: des bei den Opfern benutzten Heinbachs, des den Sündigen und Unreinen zur Reinigung angewiesenen Schaambachs, des der Ostra geweilsten Osterbeeks. Der Osterberg mit seinen herrlichen Buchen führt von dieser heidnischen Gottheit noch den Namen: der Osterbrunnen, am Abhange des Berges, deutet auf ihre Verehrung und die für die Feier der Auferstehung des Erlösers beibehaltene Benennung »Osterfeier« wie die dabei noch jetzt gebräuchlichen Osterfeuer sind Ueberbleibsel aus jener dunkeln Vorzeit 1).
   Nach der schon 722 zu Worrns beschlossenen Unterwerfung des noch heidnischen Sachsens unter die Herrschaft der Franken trat im Anfange des neunten Jahrhunderts der Zeitpunkt ein, in welchem auch hier dem Götzendienste ein Ende gemacht wurde. Missionare, die schon 694 im nördlichen Deutschland solche Versuche gemacht hatten, waren erschlagen; mit großer Macht wurde das Unternehmen erneuert. Zwischen dem Elme und der Asse läuft die denkwürdige Straße — der Heerweg — hindurch, welche Karl der Große benutzte, um von Staßfurt (a. d. Bode) her auf Scheningen, der Oker und der Furth bei Orum zu, seine Krieger zum Kampfe

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gegen die widerspänstigen freiheitliebenden Sachsen zu führen 2). Hier wurden Schaaren der Ueberwältigten gewaltsam den christlichen Gebräuchen unterworfen, und aus den bald getroffenen Anordnungen erkennt man, welches die alten Gebräuche waren, deren gänzliche Unterdrückung man für nothwendig hielt. Den nun eingesetzten christlichen Priestern wurde die wiederholte Nachforschung zur Pflicht gemacht, ob Jemand ein Opfer verrichte bei heiligen Bäumen, Quellen oder Steinen, gleich als bei Altären; ob er ein Licht oder anderes Geschenk dahin bringe, gleichsam als wenn eine Gottheit daselbst wohne, die Gutes oder Böses thun könne: —- ob ein Zauberer, Wahrsager oder Segensprecher sich zeige; — ob Weiber zu treffen wären, die vorgäben, sie könnten den Sinn der Menschen durch Zauberei wie zur Liebe, so auch zum Hasse lenken; — ob solche sich fänden, die vorgäben, sie benutzten gewisse Nächte, um in Gesellschaft des Teufels und in Weibergestalt zu reiten 3). Andere Gebote des großen Kaisers bewiesen, daß er bei seinen zur Unterdrückung abergläubischer Gebräuche getroffenen Anordnungen reinere Lehren des Christenthums vor Augen hatte. Er verwies Bischöfe und Priester auf ihren Beruf als Volkslehrer, setzte dem Eigennutze und der Einmischung in weltliche Angelegenheiten Schranken und richtete besonders sein Augenmerk auf die Einrichtung guter Schulen: wir werden aber, selbst durch Denkmäler im Elme, darauf zurückgeführt werden, wie das Volk auch hier nach und nach in Aberglauben und Abgötterei anderer Art zurückgestoßen und das Christenthum selbst zu den niedrigsten eigennützigen Zwecken benutzt wurde.

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Bald nach dem Abgange des karolingischen Kaiserhauses fiel die deutsche Königskrone auf ein sächsisches Fürstenhaus, das schon unter den Karolingern vor anderen durch Macht und Einfluß sich ausgezeichnet und im Elme Hauptwohnsitze sich bereitet hatte. Der Sohn des Herzogs Ludolf, Otto der Erlauchte, vermehrte sein Besitzthum durch bedeutende Erwerbungen in der Umgegend des Elmes (888). Er erhielt hier, durch den mit dem Abte von Corvei abgeschlossenen Tauschvertrag, eine Reihe theils noch vorhandener, theils jetzt untergegangener Ortschaften 3), und trat dagegen Godelheim mit Zubehörungen an das Stift ab. Zuerst nach diesem Handel ist von den drei merkwürdigen Burgen

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die Rede,welche die Höhen der Bergreihe schmückten, Hebesheim, Ala und Werla, deren Trümmern jetzt noch sichtbar sind, und die zu der Geschichte des Zeitraumes unter den sächsischen Kaisern und Königen in mannichfaltiger Beziehung stehen.
   König Heinrich I. nahm (919) die Königskrone an, die sein Vater ausgeschlagen hatte. Dem großen Fürsten, einem der kräftigsten Ahnherren unseres noch blühenden Fürstenstammes, war die schwere Aufgabe vorbehalten, das Reich gegen seine gefährlichsten Feinde, die Ungarn, zu schützen, die unter schwächeren Kaisern die Züge in das Innere des Reiches und auch zu unserm Gauen sich schon gebahnt hatten. Auf der östlichen Spitze des Elmes, von wo aus der Heerweg zwischen diesem Walde und der Asse südöstlich bis zu dem Uebergange über die Bode bei Staßfurt, wie ein großer Theil des alten Nordthuringaues und die nördlich nach dem Drömlinge zu belegenen Gegenden mit unzähligen Ortschaften gewahrt werden können, finden sich noch jetzt geräumige Wälle einer längst zerstörten Feste; hier finden sich über Warberg und Schliestedt die Ueberbleibsel alter Außenwerke; von diesem Berge hinab ergießt sich ein, in der Erzählung der Kämpfe mit den Ungarn denkwürdiger Bach: die Missau — und hier ist es, wo allen Umständen nach die kaiserliche Pfalz Werla gelegen gewesen 4). Sie war Heinrich, wie seinen nächsten Nachfolgern, ein Lieblingssitz. Hier ist die erste Höhe, welche den von SO in das Land faIlenden Ungarn entgegentritt und von hieraus konnte der Weg, welche ihre Schwärme von der Bode her in das Innere Ostsachsens zu nehmen pfIegten, auf das Genaueste verfolgt werden. Unter dieser Feste lagerte das feindliche Heer, das seine Streifereien bis an die Grenzen des Balsamergaues — den Drömling — unternahm, als der König bei Radi nicht fern von der Oker 5) (Rethen) Hülfstruppen an sich zog, den Feind überfiel, und dann in wiederholten Kämpfen über die Saale bei Merseburg hinaustrieb 6). Vorher schon hatte der König eine Reihe von Wehrstätten, um dem Volke bei plötzlichen Ueberfällen einen sicheren Zufluchtsort zu gewähren, einrichten und sie mit einem Theile des Landvolkes besetzen lassen. In einer Reihe von Festungen, deren Trümmern noch mit der Benennung  »Hünenburgen« bezeichnet werden, sind uns, namentlich auch an beiden Seiten des Elmes, Spuren solcher Vertheidigungswerke aufbewahrt, die zum Theil vom Elme her ülberschauet werden konnten 7).

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Abermals machten Begebenheiten an der Südseite des Elmes, unter Kaiser Otto l., die Gegend denkwürdig. Ein Heer der Ungarn schlug plötzlich wiederum (938) sein Lager an der Bode (in der Gegend des jetzigen Oscherslebens) auf, rückte von hier aus mit einer Abtheilung im Heerwege bis gegen Stederburg vor, nahm, geschlagen, einem Theile nach, die Flucht nach dem Drömlinge zu, während ein anderer Theil sich in das Lager zurückzuziehen suchte; jedoch, wie Schriftsteller der Zeit erzählen, zwischen die Besatzungen der Burgen Hebesheim und Werla gerieth und hier niedergehauen wurde 8).
   Der Elm hatte in der Vorzeit einen viel bedeutenderen Umfang; der Wald erstreckte sich nach allen Seiten hin, die Abhänge hinab bis in die Thalgegenden. In dieser nächsten Umgebung war Scheningen, wie oben schon nachgewiesen worden, eine der ältesten und denkwürdigsten Ortschaften. Von hieraus datirten sächsische Kaiser Urkunden 9): dabei kann aber nicht nachgewiesen werden, daß in Scheningen selbst eine Pfalz oder Burg belegen gewesen wäre, die den Kaisern und ihrem Gefolge hätte Obdach geben können. Alle Umstände lassen schließen, daß die Zubehörungen der nahen Pfalz Werla bis Scheningen hinab sich erstreckten, daß zwischen diesem Orte und der darüber belegenen Burg die Silva Ketil 10) sich ausdehnte, in welcher, nach gleichzeitigen Schriftstellern, Kaiser Otto III. geboren wurde. In der Benennung eines Gartens in dieser Gegend 11), des Ketilgartens, scheint die alte Bezeichnung aufbewahrt zu sein, und dazu kommen noch die aus den Reisen 12) der sächsischen Kaiser von Magdeburg nach Werla und weiter zu entlehnenden Gründe, die gleichfalls auf die hier nachgewiesene Lage der Pfalz Werla deuten.
   Ueberall geschieht der denkwürdigen Feste unter Umständen und Anführungen Erwähnung, die auf deren Lage an der bezeichneten Stelle schließen lassen, wenn hier auch Trümmern nicht mehr zu finden wären, wenn man nicht am Fuße des früher viel ausgedehnteren Waldes noch jetzt eine Ortschaft träfe, die nach älteren Urkunden Werla hieß und wahrscheinlich der zur Burg gehörige Meierhof war.
   Eine ferner in Beziehung auf die genannten drei Burgen, wie in geschichtlicher Hinsicht überhaupt, wichtige, in der corveischen Chronik erzählte Begebenheit fällt in das Jahr 983. Nach dem Ableben Kaisers Otto II. beabsichtigte ein Theil deutscher Fürsten, den Herzog Heinrich von Bayern zum Kaiser zu wählen. Man hatte sich des-

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halb zu Ouedlinburg bereits geeinigt, als die sächsischen Fürsten zum Widerspruche und zur Verfolgung gemeinsamer Maßregeln auf der Asseburg sich versammelten 13). Heinrich hatte sich nach Werla begeben, um zur Verhandlung mit den unzufriedenen Fürsten in der Nähe zu sein, floh aber, den Gesinnungen derselben nicht trauend, nach Bayern. Heinrich’s Partei hatte ein Fürst des brunonischen Hauses, Ekbert der Einäugige, ergriffen, gegen ihn richtete sich daher der Zorn der sächsischen Fürsten. Sie griffen seine Burgen Hebesheim und Ala an, zerstörten dieselben und befreieten in der letzteren die Tochter Kaisers Otto ll., Adelheid. Gleichzeitige Erzählungen deuten auch hier auf eine der Asseburg nahe Lage jener Festen: dazu finden sich über Evesen — der alten Curtis Hebesheim — auf dem Burgberge, die Ueberbleibsel des gleichnamigen Fürstensitzes, umgeben mit Vorburgen (suburbiis). Der gegenüberliegende Berg Gucks trägt bedeutende Wälle, so wie auch das Thal zwischen beiden Bergen vormals durch Festungswerke vertheidigt werden konnte, die den nach dem Burgberge führenden Heerberg zur Seite hatten 14).
   Von der Burg Ala, in der Mitte des Elmes und der Nähe des vormaligen Jagdschlosses Langeleben, ist, neben einigen Wällen noch ein Theil des Thurmes erhalten. Von der Burg ab westlich lag das Alafeld, jetzt Theil der umliegenden Holzungen, und zunächst an die Burg von Süden her grenzt der jetzt der Gemeinde Uerde zugehörige Alaburger Wald (alabure silva) 15). Mit. den sächsischen Kaisern gingen auch diese einst von der Pracht und Herrlichkeit ihres Stammes zeugenden Baue unter. Neue Füstenburgen nahmen die Nachkommen der Herzoge Ludolf und Otto des Erlauchten an der Oker auf (1005, 1031) und was Zubehörung jener Schlösser gewesen war, wurde in der nachfolgenden Zeit zur Förderung des Seelenheils und Erlangung der Kriegshülfe mit verwendet.
   Noch sah man zur Zeit der sächsischen Kaiser von den Höhen des Elmes herab auf eine geringe Zahl von Klöstern, die Zeiten aber
verdunkelten sich mehr und mehr: die früheren edleren Zwecke klösterlicher Stiftungen waren bald aus den Augen verloren. Rohheit mit Aberglauben im Bunde bereiteten solchen Stiftungen goldenen Boden und drei nachfolgende Jahrhunderte — das 12te, 13te und 14te — wurden die Wiege zahlreicher Mönche und Nonnen. Die Vernachlässigung aller wahren und eingreifenden Bildungsmittel öffnete der Gewaltthätigkeit und dem Verbrechen Thür und Thor; der

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Wahn und der eigennützig unterhaltene Glaube: Sünden könnten mit Gaben an Klöster und Mönche und durch Verheißungen gleißnerischer Pfaffen abgeworfen werden; die Berührung und Anbetung der Reliquien und Bilder könnten zu dem, so allerdings von den Mächtigeren leicht zu erkaufenden Heile führen, verlieh den, die größere Volksmasse schwer drückenden Zuständen übermäßige Dauer. Der Kunstfreund wird zwar, den Saum des Elmes umwandernd, auf die stattlichen, ihn umgebenden Baue: die Klöster Königslutter 16), Lorenz 17), Stederburg 18), Hamersleben 19) Marienthal 20), Marienberg 21), Ludgeri 22) und andere hinabsehen und in Beziehung auf seine Studien Befriedigung finden: welcher Beachtung sie aber auch in dieser Hinsicht werth sind, so kann doch auch der Erinnerung nicht entgehen, wie so viele derselben ihrem Zwecke nie entsprachen und in Jahrhunderten nicht Einen Förderer der Wissenschaft und Künste bildeten, wohl aber dem Aberglauben und der Dummheit wissentlich Vorschub leisteten.
   Nur der Klöster Hamersleben und Ludgeri vor Helmstedt kann hier eine auszeichnende Erwähnung geschehen. In dem ersteren bildete sich im 12ten Jahrhundert der gelehrte Prior des Klosters S. Victor in Paris, Hugo de St. Victore, aus dem gräflich Blankenburg’schen Geschlechte; in dem letzteren lebte der fleißige Mönch Overham, dem wir die im Manuscripte im Archive der Stadt Helmstedt vorhandenen Annales Werthino—Helmstadienses verdanken 23).
   Zu der in baulicher Hinsicht größten Zierde der Umgegend des Elmes gehört übrigens unstreitig die Stiftskirche zu Königslutter mit den Begräbnißstätten und Monumenten der Stifter: des Kaisers Lothar und seiner Gemahlin Richenze, und ihres Schwiegersohnes, Herzogs Heinrich des Großmüthigen. Das Gebäude ist bis 1135 ganz im byzantinischen Style ausgeführt und vor anderen zum Studium dieser Bauart geeignet.
   Mit dem Baue der Klöster hielt die der Rittersitze gleichen Schritt. Die alte Kriegsweise durch Volksaufgebote — den Heerbann — war längst in Abgang gekommen. Wer der Kriegshülfe bedurfte, mußte sie mit Grundstücken und Gerechtsamen erkaufen, da eine Ausgleichung in Gelde noch mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. So wurde, besonders seit der letzten Hälfte des 12ten Jahrhunderts, was die Klöster übrig ließen, entweder schon vorhandenen oder neubegründeten Rittersitzen beigelegt, und auch in und neben den Trümmern der alten Fürstenburgen auf dem Elrne ent-

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standen Wohnsitze der Kriegerkaste, im Geiste der Zeit und um später im Strudel einer in neuen Ansichten, Gebräuchen und Staatseinrichtungen unaufhaltsam fortschreitenden Zeit wieder zu unterliegen. Aus einer besseren Vorzeit schon bekannte Geschlechter  wurden auf  das Besitzthum angewiesen, wo einst neben AIa die Nachkommen der Brunonen und die daselbst erzogene Tochter der griechischen Theophania wandelten.
   Am Fuße der Burg Hebesheim, in einem der lieblichsten Thäler des Elmes, erhob sich ein Burgsitz marianischer Ordensbrüder des deutschen Hauses unserer lieben Frauen zu Jerusalem: das Schloß Reitlingen. — Der Orden war mit Hülfe von bremer und lübecker Kaufleuten (1190) zu Jerusalem begründet und bald wurden ihm auch Besitzungen am Elme zu Theil, da Fürsten und Grundherren sich demselben gern zugesellten. Ein Theil der Zubehörungen der alten Fürstenburgen war dem Bisthume Halberstadt, zu dessen Sprengel die Gegend gehörte, einverleibt und mit Genehmigung des Lehnsherrn, Bischofs Volrad, verkaufte Ekbert von der Asseburg (1260) sein Besitzthum zu Reitlingen dem Orden, der von ihm damals auch Grundstücke in Lucklum erhielt. Die Comthure des deutschen Ordens nannten sich schon 1265 von Reitlingen und Lucklum und hier faßte der Orden festeren Fuß, als Herzog Albrecht von Braunschweig, dessen Söhne Lüder und Johann Ordensgenossen geworden waren, dem Orden nach der denkwürdigen Urkunde vom Jahre 1311 seine Rechte an Lucklum gegen Entschädigung mit 105 Mark löthigen Silbers abtrat. Die letzten Spuren von den Schloßgebäuden zu Reitlingen haben in neuester Zeit der Pflugschaar weichen müssen. Die Comthureigebäude zu Lucklum aber gehören jetzt noch zu den Zierden des Elmes und sorgsam hegt der jetzige Besitzer, Oberamtmann Wahnschaffe, den alten Rittersaal mit den Bildnissen einer Reihe von Ordensmeistem, die jedoch nicht bis zu den ältesten in der Geschichte so hervorragenden Namen hinaufreicht 24).
   Daß Güter, welche einst bei der Pfalz Werla benutzt wurden, noch im 13ten Jahrhundert Eigenthum des herzoglichen Hauses waren, beweisen Kaisers Otto IV. Urkunden vom Jahre 1213 und 1218, nach welchen derselbe das Stift St. Blasii zu Braunschweig unter Anderem mit einer Kirche zur Elmsburg ausstattete. Der Bruder des Kaisers, Pfalzgraf Heinrich, überließ sie 1221 dem deutschen Orden, und noch in den Jahren 1303 bis 1308 sind Ur-

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kunden von Comthuren und Brüdern des Ordens zur Elmsburg ausgestellt. Ob der Ordenssitz innerhalb der vielumfassenden Wälle der vormaligen Pfalz oder am Abhange der Elmes belegen gewesen, ist zweifelhaft; die Besitzungen des Ordens lagen aber zerstreuet den Wald entlang und erstreckten sich bis an die Ruinen der alten Pfalz, wo noch jetzt eine in den Wald sich erstreckende Ackerfläche den Namen des Elmsburger Feldes führt. Daß der Ordenssitz nicht der erste Bau an jenem Platze war, geht aus den sich darauf beziehenden Urkunden hervor, wonach dem Orden ein schon vorhanden gewesener Bau übertragen worden.
   Von den Höhen des Elmes herab fällt der Blick kaum auf einen Ort, der nicht einem ritterlichen Geschlechte in jenen Zeiten der Fehden, der Kämpfe um Sein und Nichtsein den Namen gegeben hätte. Warberg 25),  Esbeck 26),  Schöningen 27), Twieflingen 28), Wobeck 29), Jerxheim 30), Warle 31), Vogtsdahlum 32), Schliestedt 33), Küblingen 34), Sambleben 35), Amtleben 36), Veltheim 37), Destedt 38), Lauingen 39), Rottorf 40), Lelm 41) hatten ihre Rittersitze und gaben alten ritterlichen Geschlechtern den Namen. Auch sie sind meistentheils untergegangen als Opfer eines Zeitgeistes, den sie selbst mit hervorgerufen hatten, den sie zu verewigen strebten und der zum Besseren fortschreitend sie größtentheils selbst in Vergessenheit begrub. ·
   Man einigte sich in Reichssatzungen, den Fehden und dem willkürlichen Gebrauche der Waffen ein Ende zu machen; die bisher nach Grundsätzen der Grundherrlichkeit verwalteten Territorien bildeten sich, seit dem Ende des 15ten Jahrhunderts, nach und nach zu Staaten im rechtlichen Sinne des Wortes. Das Militairwesen, die Rechtspflege, das Finanzwesen wurden nach ganz veränderten Grundsätzen geordnet und dem kräftigen Herzoge Heinrich dem Jüngeren, wie klugen und wohlwollenden Gehülfen desselben, verdankte bald auch die südliche Umgebung des Elmes und der Asse eine sehr veränderte Gestalt. Die Thaler in der Gegend, besonders das von Hornburg nach Oschersleben, schlossen Sümpfe und Brücher in sich, die nur in den härtesten Wintern zugänglich waren. Ein mehrere Meilen langes Terrain lag noch in seinem Urzustande da; wie dasselbe nutzbar gemacht und den Anliegern zu Wiesen und Weide eröffnet werden könnte, wurde Gegenstand der Berathung zwischen dem thätigen Fürsten und seinem Rathe Achatz von Veltheim. Unter großen Schwierigkeiten und nach vorgängigen Verhandlungen

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mit dem betheiligten Bischofe von Halberstadt ließ von Veltheim zuerst 1540 die Kanäle ziehen, durch welche das Bruch entwässert oder doch im Sommer zugänglich gemacht wurde. Tausende von Morgen wurden zu Wiesen und Weide gewonnen. Da, wo vorher nur Sumpfvögel hausten, fiel bald der Blick auf zahlreiche Herden und mit dem Heugewinne beschäftigte Arbeiter; auf großartige Anstalten, die den Bewohnern der Gegend dauernd zum Segen gereichten und ihren Urhebern immer ein ehrendes Denkmal bleiben werden.

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Das 15te Jahrhundert entblößte nach und nach auch die Mängel in der Kirche. Universitäten und Druckereien beschleunigten den Fall des, mit dem Heidenthume zwar ausgerotteten, aber unter anderen Formen und in anderen Verbindungen wieder eingeführten Bilderdienstes. Schon längst hatten Städter den Aberglauben, in welchem die größere Volksmasse geflissentlich erhalten wurde, gleichsam zum Hohn, zu den verschiedenartigsten Zwecken ausgebeutet 42), bald wurde das Spiel aber auch Anderen zu auffallend. Bedeutendere Vorschritte und Vervollkommnungen in Staat und Kirche erfordern Jahrhunderte zur Reife. Wie langsam aber auch der Gang sein mag; er ist ein unaufhaltsamer. Zum Nachdenken über solche in der Geschichte immer wiederkehrende Lehren geben auch Vorgänge auf und an unserem Elme Veranlassung, denen man damals schon das sichtbare Denkmal nicht versagte.
   Das Kloster Königslutter, den wegen ihrer Ueppigkeit an den Harz versetzten Nonnen entrissen, wurde damals, mit neuen Gebäude versehen, reich ausgestattet und Mönchen des Benedictinerordens eingeräumt. Die frommen Stifter ahnten nicht, zu welchen Mißbräuchen ihr Unternehmen benutzt werden würde, da der Benedictinerorden lange zu denen gehörte, welche durch Zucht und Studien sich auszeichneten. Sie konnten nicht vorhersehen, daß ihre Stiftung zu einem Sitze des Aberglaubens und endlich selbst zur Behausung der Ablaßkrämer herabgewürdigt werden würde. Eine der reichsten auf Rom gelenkten Geldquellen wurde schon 1300 von dem trügerischen Papste Bonifaz VIII. eröffnet, der das Recht der Gnaden und Strafen mißbrauchte, ein Jubeljahr verkündigte und Allen, welche nach Rom zur Peterskirche wallfahrten würden, voll-

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ständigen Ablaß verhieß. Die Erfindung soll dem übermüthigen Papste 13 Millionen Gulden eingebracht haben und dieser trügerische Gewinn veranlaßte, daß die Feier eines Jubeljahr 1343 auf das fünfzigste und 1389 auf das 33ste Jahr herabgesetzt wurde. Bonifaz lX. ließ in allen Orten Ablaß feil bieten, und diese Beispiele, dem Aberglauben Geld im reichen Maaße (Summen, die überhaupt 150 Millionen betragen haben sollen) abzugewinnen, wirkte früh auch im damals ärmeren Norden Deutschlands.
   Auch das Kloster Königslutter verschaffte sich das Recht, Beichte zu hören und Pönitenzen aufzulegen; selbst in solchen Fällen, für welche der Papst dies anmaßliche Recht sich vorbehalten hatte. Man begnügte sich nun nicht nur mit Gelde büßen zu lassen, sondern man erzwang auch unter solcher Firma dauernde Abgaben für das Kloster. Die üppigen Mönche hatten sich mit allem Dem ausgerüstet, was ihren Ablaßwucher einträglich machen konnte. Sie hatten sich ein wunderthätiges Marienbild zugelegt und baueten demselben eine Marienkapelle. Hierher wallfahrtete der dumme Sünderhaufen aus der Nähe und aus der Ferne: besonders erwähnen Lübecker des Zuges zu dem heiligen Blute in Wilsnack in der Priegnitz und dem wunderthätigen Marienbilde in Königslutter. Am Tage Petri und Pauli, welchen Aposteln das Kloster geweihet war, wimmelte die Kirche und die Kapelle von Büßenden, Handelsleuten und Käufern. Die Mönche wurden wiederholt 1401 vom Bischofe von Halberstadt und 1451 von dem päpstlichen Legaten Nicolaus von Cusa zum Adlaßhandel autorisirt. So groß wurde der Tumult, der Mißbrauch geweiheter Stätten, daß unter dem 13. November 1435 das Verbot erlassen werden mußte, den Gläubigen die Zugänge durch Buden in den Kreuzgängen und auf dem Kirchhofe zu versperren.
   So ging es her auf der einen Seite des Elmes, auf der anderen war des tollen Jubels nicht weniger.
  Kaufleute vom Rheine hatten der Kirche zu Küblingen gleichfalls ein Marienbild zugeführt, dessen Wunderkraft eigennützige Pfaffen weit umher verkündigten. Die Kirche zu Küblingen wurde 1330 vom Herzoge Otto von Braunschweig dem Kloster Marienberg verliehen und den Nonnen dieses Klosters wurde das früher schon herbeigeschaffte Schnitzwerk gleichfalls willkommene Erwerbsquelle 43). Ein Jahrmarkt wurde hier angeordnet. Pilger zogen und krochen, oft mit schweren Bußketten beladen, aus fernen Gegenden herbei, um ihre Last zu den Füßen der Wunderthätigen

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niederzulegen, in Gaben und zahlreichen Paternostern die alten Sünden abzuladen und Raum zu neuen zu gewinnen. Daß dabei auch nicht der Gedanke an Förderung wahrer Besserung übrig blieb, darf wohl nicht bezweifelt werden, man hielt im Gegentheile das anerkannt Verderbliche, diese schädlichen Zustände geflissentlich fest. Vom Kloster Bursfelde gingen ernste Verbesserungen des Benedictinerordens aus. Die Bursfelder Congregation hatte den Zweck, die ganz verwilderten Klöster ihres Ordens zu reformiren und das durch Fleiß und Sittsamkeit in älteren Zeiten gewonnene Zutrauen wieder herzustellen; allein die unwürdigen Aebte und Mönche des Klosters Königslutter widersetzten sich. Sie erkauften gar mittelst Vertrages vom 13. December 1488 für 300 Goldgulden das Recht, sich nicht bessern und nichts sich aufdringen zu lassen, was wider ihre bisherige — so verderbliche — Gewohnheit wäre; so aber wurde es baId noch ärger und das Maaß voll.
   Das Jahr 1500 wurde wieder ein Jubeljahr unter dem unwürdigsten aller Päpste, Alexander VI. aus dem Hause Borgia. Sein Cardinal Raimund durchreiste als päpstlicher Legat Dänemark, Schweden, Polen, Preußen und besonders Deutschland, um gegen Ablaß Gelder  zu sammeln. Diese verderbliche Waare hatte höheren Preis erhalten. Im Jahre 1488 kostete der Ablaßbrief auf eine Person 6 1/2 Schilling, ein solcher für mehrere Personen zusammengenommen ausgestellt 8 1/2 Schilling, im Jahre 1502 war der Preis auf 12 Schillinge gestiegen. Aus der Stadt Braunschweig nahm der Legat damals, nach einer im Stadt-Archive noch vorhandenen Urkunde, 2597 Goldgulden mit sich fort, das Ausbeuten kleiner Ortschaften und Sammelplätze überließ er Anderen, namentlich für unsere Elmgegend dem berüchtigten Tetzel.
   Dieser dem Bettelorden der Dominicaner angehörige Mönch wurde 1502 zum Ketzermeister und von dem Erzbischofe von Mainz zum Ablaßprediger erwählt. Er war ein beredter Schwätzer, Königslutter und Küblingen waren , besonders zur Zeit der Sünderversammlungen und der gleichzeitigen Märkte seine Lieblingsplätze. Vor der Marienkapelle war seine Geldkiste aufgestellt. Im marktschreierischen niedrig komischen Vortrage pries er dem dafür noch empfänglichen Volkshaufen seine Waare an: So wie das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt! - Welch ein Schauspiel dem Denkenden, dem wahrhaft Religiösen! und die Zahl der Gebildeten hatte schon bedeutend zugenommen. Jener Schwätzer

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war ein bekannter Taugenicht wie sein Leben und Wandel auswies ein Mensch, der wegen verübter Unzucht verurtheilt wurde, ersäuft zu werden und nur durch Fürsprache Gelegenheit erhielt, aus dem Sacke zu entschlüpfen, in welchem er dem Innstrome überliefert werden sollte. Zeichen einer anbrechenden neueren besseren Zeit wurden gewaltsam durch seine Frechheiten hervorgerufen und Funken der Morgenröthe traten bald auch aus dem Dickicht des Waldes hervor, der so oft schon Zeuge des Wechsels im Laufe der Zeiten gewesen war.
   Seiner Beute sich erfreuend, vom blinden Volkshaufen begleitet zog Johann Tetzel mit schwerer Kiste von Königslutter den Berg hinauf. Der Weg lief und läuft noch jetzt von Königslutter Berg hinauf bis auf die Höhe des Elmes, da, wo der Thurm der alten Alaburg, der der Ostra geweihete Berg und das, einer grauen Vorzeit angehörige Alimundesrode dem Platze nahe sind, und zieht sich auf der anderen Seite des Elmes zu der wunderthätigen Küblingerin hinab.
   Auf dieser Höhe steht, tief eingegraben, ein Denkstein; an ihn knüpft sich die, vom Vater auf den Sohn übertragene, allbekannte Sage, daß hier, an der Stelle des — fortwährend sobenannten — Tetzelsteins, einst ein schweres Gericht über den Frevler erging.
   Ein Ritter, nach der gewöhnlichen Angabe aus dem Geschlechte der von Hagen, unternahm es, dem in Dummheit befangenen Haufen thatsächlich zu zeigen, was es mit der Sündenvergebung des Betrügers auf sich habe. Er fand sich am Marienbilde zu Königslutter an, büßte und zahlte reichlich für zukünftig zu zu begehende Sünden: denn so weit hatte man den Unsinn schon getrieben. -
Sein Gefolge begleitete ihn dann bis in das Dunkel des Ostraberges, den Zug des sündigen Vergebers der Sünden hier zu erwarten. Der Befehl an Knappen und Knechte, den heuchlerischen Ketzermeister zu ergreifen, nach Gebühr zu züchtigen und seine Schätze dem umstehenden Volkshaufen zu öffnen, wurde pünktlich vollzogen und die That, einer der Vorlaufer der Reformation, wurde durch Einsetzung des Denkmals verewigt, an welches die Sage geknüpft ist und durch welches sie fortgepflanzt worden. Eine Reihe von Schriftstellern erzählt die That, und selbst Luther, der in Lehre und Schrift mit Ritter von Hagen Gleiches zu fördern suchte, und auch an solchen Vorgängen erkannte, daß die Zeit zu einer kräftigen Verbesserung des Kirchenwesens gekommen sei, bezieht sich höhnend

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darauf. Der Ort der That ist bald in Zweifel gezogen. Einige suchen ihn bei Leipzig, Andere in der Gegend von Jüterbock: weil der Ablaßkrämer auch dort sein Unwesen trieb; allein hier redet die Tradition und ein Denkmal, das damit in unmittelbarer Verbindung steht. Als der Unverschämte im Jahre 1517 abermals mit seiner Kiste in Königslutter sich einfand, protestirten die eifersüchtigen, nicht besseren Mönche gegen seinen ferneren Kram. Tetzel untersagte das Geschäft dem Kloster bei Strafe des Banns, unter der Behauptung, daß er für das Erzbisthum Magdeburg und das Bisthum Halberstadt (zu dem Sprengel des letzteren gehörten auch Königslutter und Küblingen) allein berechtigt sei. Das Kloster trat sofort mit dem, bei dem Handel betheiligten Karmeliterkloster zu Magdeburg in Verhandlungen, wandte sich auch an den Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig und an das Capitel und die Räthe des Erzbischofs zu Magdeburg. Es bezog sich auf das Alter seiner Berechtigungen und erreichte den Zweck: denn noch in demselben Jahre eröffnete Tetzel dem Abte Johann von Königslutter, daß dieser den Handel fortsetzen könne und auch nicht verpflichtet sein solle, einen Theil des Ertrags in seine Ablaßkiste abzuliefern: doch das Jahr 1519 machte dem Leben des unwürdigen Tetzel ein Ende.
   Seit jener Zeit sind abermals drei Jahrhunderte verschwunden, auch sie lehren, wie Selbstsucht und Eigennutz immer wieder vom Wege abführen. Nur theilweise kam damals zur Ausführung, was größere Geister behutsam vorbereitet hatten; zurückgebliebene schädliche Stoffe waren immer noch bedeutend genug, um damit das mühsam errungene neue Gebäude in wesentlichen Theilen zu verpesten und den Weg zum Besseren zu verlegen? Sehen wir nicht noch jetzt Bilder ausstellen und armselige betrogene Haufen von Tausenden ihre Habe dem Eigennutze weihen! Sehen wir nicht abermals die edelsten Denker im Kampfe mit Heuchlern, die das Erhabenste im Menschen - die Vernunft - verleugnend, ihr: steinige! steinige! - rufen? Doch ein Ritter von Hagen hat auch sie schon ereilt. Luther's Geist winkt freundlich denen zu, welche das von ihm im Geiste seines Zeitalters errichtete und nicht vollendete Werk fortbilden und mit einer neueren Zeit und einem höheren Stande der Cultur in Uebereinstimmung zu bringen streben, wie dies auch Luther seiner Zeit that. Wird auch nicht Alles, so wird doch Großes gewonnen werden; so lehren die Bücher der Geschichte.

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Es war ein ein rauher Krieger 44), welcher in seinem Lande den Tetzelstein setzen sah; ein Fürst, der tief mit eingriff in das Getriebe deutscher Staaten; denn in seine Regierungsperiode fallen die wichtigen Reichssatzungen, mit welchen ein neueres Zeitalter für Deutschland beginnt; er überließ aber dem Geiste, was des Geistes ist; dem geistigen Kampfe, was nur in diesem durchfochten werden kann.
   Gewiß ist jener Stein ein ergreifendes Denkmal der Vorzeit, welcher in der reizenden aber stillen Umgebung desselben die Bilder der Vergangenheit seinem Geiste vorüber führt und sie mit dem, was die Gegenwart bietet, in Verbindung setzt. Mögen die Erinnerungen in uns fortwirken und neue Lebenskraft erwecken! Die Aufforderung dazu ist aufgefrischt in dem jetzt vollendeten Baue, den ein Freund der Geschichte und der fortschreitenden Cultur mahnend und der folgenreichen That gedenkend an der denkwürdigen Stelle ausführen ließ.

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Daß die waldumkränzten Berge und Thäler des Elmes dem gemüthlichen Sinne auch unsrer späteren Fürsten, wie den entferntesten Vorfahren derselben, zusagten, beweisen hier noch Anlagen aus neuerer Zeit. Herzog Anton Ulrich führte über der so lauteren Quelle der Lutter das noch vorhandene massive Gebäude aus, dessen Inschrift dem Wanderer das: ex fonte bibens, fontem corona! zuruft. Herzogs August Wilhelm auf der Höhe des Elmes belegen gewesenes Jagdschloß Langeleben diente häufig auch dem Herzoge Carl I. zum stillen Aufenthalte und war eine Reihe von Jahren hindurch der Platz, an welchem der größte König des verflossenen Jahrhunderts im Kreise seiner Verwandten weilte. Das sichtbare Denkmal ist hier untergegangen, die Erinnerung an die Begebenheiten sind aber dauernd, denn sie knüpfen sich an das in des denkenden Menschen Brust unauslöschliche Gefühl für Erhabenheit und Geistesgröße.

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Bemerkungen.
1) Ein ehrwürdiger Geistlicher, der Pastor Joh. Christian Dunnhaupt zu Lelm, hat in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts sich um die Auffindung der Denkmäler am Elme aus heidnischer Zeit besonders verdient gemacht. Seine Ansichten und Forschungen hat er in dem Druckwerke: »Beiträge zur deutschen niedersächsischen Geschichte und deren Alterthümern«—- Helmstedt 1778. 8. -— bekannt gemacht.
2) Schon 742 zog unter Pippin ein fränkisches Heer auf dieser Straße dessen Stiefbruder, dem Gripho nach; Gripho fugit in Saxoniam —- et Pippinus iter faciens per Thuringiam in Saxoniam introivit, usque ad fluvium Missaha in loco, qui dicitur Scanigge. Et Gripho collecta manu una cum Saxonibus supra fluvium Obacro sedit, in loco qui dicitur Horheim etc. Annal.: Saxo ad ann. 742. 780 und 784 nahm Karl der Große denselben Weg auf Scheningen und Ohren und ließ an letzterem Orte gewaltsam taufen.
3) Die Urkunde ist von Falke in den Tradit. Corb. pag. 294 mitgetheilt. Es werden darin genannt: Dalhem mit einem Antheile an der Saline (Salzdahlum), Odonhem (von Falke für Eilen genommen), Kikthi(Sickte), Leri (Lehre), Lauhingi (Lauingen), Scodersted (Schoderstedt, ein untergegangener Ort nahe bei Königslutter), Mollumstedi (in der Gegend von Scheppenstedt am Olla), Sephingi (?), Uredu (jetzt Uehrde), Rodensleva (soll Rodensleben im Magdeburgischen sein). Dallangibudli (Dannebüttel), Bariwidi (vielleicht Barwedel), Stadforde (Staßfurt), Alimundesrothe (nach Falk wahrscheinlich Großen-Rode auf der Höhe des Elmes.
4) Die alten Burgruinen auf dem Elme waren früher wenig, und namentlich Denen nicht bekannt, welche darüber und über die daran sich knüpfenden Erzählungen in der Ferne und ohne Kenntniß der Localitäten, sich äußerten. Ortschaften unter der Benennung Werla trifft man in Westphalen, im Mecklenburgischen und in anderen Gegenden. Die Benennung scheint aus »Wehr« und »La« (Holzung) zusammen·gesetzt und häufiger für eine im Walde belegene Feste benutzt zu sein.

 

Einfügung:

Informationen zur Kaiserpfalz Werla sind unter folgenden LINKS zu finden:

www.kaiserpfalz-werla.de

www.werla.de

www.werlageschichten.de

web.rgzm.de/822.html

www.wolfenbuetteler-zeitung.de/lokales/wolfenbuettel/tor-und-turm-der-kaiserpfalz-werla-nehmen-gestalt-an-id646006.html

www.kaiserpfalz-werla.de/pages/werla---geschichte-ihrer-erforschung/grabungen-von-1875-bis-1936.php

 

 


F. A. Blum(eigentlich D. Haeberlin) de vero situ veteris palatii Werlae. Helmst. 1786 setzt die Pfalz in das Amt Schladen bei Burgdorf in die Gegend an der Westseite der Oker; auch mag hier eine Burg Werla gleichfalls zu finden oder es mag die Reihe der hier von Heinrich l. in Thälern und Sümpfen angelegten, den Ungarn entgegengesetzten Wehrstädte mit der Pfalz im Zusammenhange



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gewesen und danach benannt sein , allein Erzählungen gleichzeitiger Schriftsteller deuten so bestimmt auf die von mir angenommene Lage der Pfalz und dafür sprechen andere Umstände so deutlich, daß sie wohl für unzweifelhaft gehalten werden darf; Burgdorf mit seiner Umgebung gehörte nicht zum Darlingau, der in dieser Gegend die Oker zur Grenze hatte. Verfolgt man die Fürstenburgen des neunten und zehnten Jahrhunderts, so wird man sie nicht in Sümpfen und Niederungen, sondern auf höheren Bergen finden.
5) Das jetzige Rethen, unweit Hillerse (Ellardesheim), wo schon nach der ältesten Beschreibung der Grenzen zwischen den Bisthümern Halberstadt und Hildesheim sich eine Ockerbrücke befand. Un anderen Stellen wird der Ort Riade genannt: Witichind ap. Meibom I. 641: Castra metatus est Rex juxte locum qni dicitur Riade.
6) Die Versuche der Neueren, die Schlacht bei Merseburg hinwegzuleugnen, erscheinen bei sorgsamer Prüfung als hyperkritisch; vergl. Luden, Geschichte der Teutschen. - Jahrbücher des deutschen Reichs, herausg. von L. Rense, l. S. 110. Eine Schlacht in der Gegend des Elmes wird auch durch die vielen Nachrichten der Sage über dieselbe bestätigt. Jahrbücher sc. l., S. 187. 188.
7) Solcher Ueberreste von Hünenburgen (den Hunnen entgegengesetzten Burgen) finden sich auf der Nordseite des Elmes bei Bevenrode, auf der Südseite bei Watenstedt, übrigens aber noch bei Badenhausen, Golmbach und an anderen Plätzen.
8) Die von Wedekind, in den Noten zu einigen Geschichtsschreibern des Mittelalters, mitgetheilte Corveische Chronik, deren Aechtheit jetzt wohl für erwiesen angenommen werden darf, erzählt die damaligen Begebenheiten ausführlicher: Urbes Hebesheim et Uverla, quas obviam habuere (die bei Stediereburg geschlagenen, ihrem Lager an der Bude zu flüchtenden Ungarn) animadvertentes hostium fugam, armis eos omnibus locis urgebant et maxima ex illis parte prostrata, ducem ipsum in quendam lutei puteum urgentes, oppresserunt. Auch Dithmar von Merseburg (Ed. Wagneriana p. 39) führt bei dem Jahre 938 an: ln hoc anno Ungari Thuringiam atque Saxonniam vastantes, in locis perieunt firmissimis. (Ein neuerer Versuch Stediereburg für Stötterlingenburg zu erklären, ist nicht mit gehörigen Beweisen unterstützt). Zu Stederburg stiftete des Grafen Altmann von Oelsburg Tochter im Jahre 1000 ein Kloster und besetzte dasselbe mit Augustiner-Nonnen.
9) Vergl. Leuckfeld, Chron. Halberstadiens. p. 293 295 666. - Kettner: Antiq. Quedlinb. p. 35
10) Dithmar Merseb. Chron. Ed. Wagn. p.63: Huius inclita proles, nata sibi in silva quae Ketil vocatur. - Vergl. C. Schmidt, Comment. de Silva Ketil Gott. 1735. 4. - Hahn, Comment. quem saltum, quod nemus Dithmarus designat etc. Gundlingiana p. XLII. -
11) Vergl. J. C. Ballenstedt. Schulprogramm 1776.
12) F. Schannat, Hist. Fuld. T. II. n. 29. —— Falke, Trad. Corb. in add. nr. 6. p. 138. - Leuckfeld, Antiq. Halberst. p. 640 - Dithmar. Chron. p. 111. 112.
13) Die Corveische Chronik wird in ihren Angaben durrh andere gleichzeitige Schiftsteller unterstiitzt. Die Worte beim Dithmar, Chron. (Ed. Wagn.) p. 66 sind folgende: Multi ex his fidem violare ob timorem Dei non praesumentes paululum evaserunt, et ad civitatem Hesleburg (nach der Corvei-



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schen Chronik Aseburg) quo consocii eorum adversus ducem jam palam conspirantes conveniebant, festinavere; quorum haec sunt nomina: Ekkíhardus, Biio, Esic, Bernbardus, comes et clericus, Sifrith ejuıque filius, Frithericus et Ciazo confratres, Conprovincialium autem Thiedricus et Sibert confratres, Hoico, Ekkihardus et Bezeko, germani, Brunig et sui, milites sancti Martini, jussu archipraesulis Vuilligisi quibus adhaerebat accidentalium maxima multitudo. Quod dux comperiens, suos magnis muneribus ditatos cum gratia dimisit, ipse autem cum valida manu ad perturbandam hanc coniurationem seu pacificandam ad Uverlu properans, Popponem misit episcopum, ut adversantes sibi disiungere vel reconciliari tentaret. Qui cum coepto ilinere persisteret, hostes congregatos, iamque ducem petere paratos inveniens, vix pacem mutuam in loco, qui Seusun dicitur, ad condictum pepigit diem: ad quam dux Bavariam continue praficisceııa cum venire aut noluisset, aut propter Henricum duceni, qui tunc Bavariis et Carentis praefuit, munere praefecti imperatoris non potuisset, hostilis immanitas urbem comitis Ekberti quae Ala dicitur, possedit, destructisque protinus muris intrantes Athelheidam Imperatoris filiam, quae hic nutriebatur, cum pecunia ibi plurimum collecta rapiunt, gaudentesque redeunt.
14) Nach einer Urkunde Kaisers Otto l. v. J. 952. (Eccard. p. 405) gehörte Hebesheim zu dem Comitate Bruno’s und dessen Sohnes Ludolf. Nach dem Stiftungsbriefe des Klosters St. Michaelis zu Hildesheim v. J. 1022 werden·im Darlingau, zu welchem unsere Burgen gehörten, die Praefecturae Ecberti et Ludgeri Commit. angeführt, wovon die eine über das nachmalige Gericht Asseburg und die Umgegend, die andere aber über die Aemter Campen und Gifhorn sich erstreckte. Lauenstein in spec. Geogr. medii aevi p. 102.
15) Unter den Gütern, welche vom Bischof Bernward 1002 dem Kloster St. Michaelis zu Hildesheim überwiesen worden, werden genannt: in pago Darlingow in praefectura Liudgeri Comities: Sceninge (Scheningen), Kisleve (Kisteben ein wüst gewordener Ort bei Warberg), Zezingeroth wüst in der Gegend von Helmstedt), Selzstide /Schliestedt) und Wurungen (Uerde) cum alaburg silva. Das jetzige Uehrde kommt in älteren Urkunden auch unter der Benennung Uredu vor. Die Ortschaften liegen und lagen alle.in der Gegend des Elmes, in nicht bedeutender Entfernung von einander. Nach dem Güterverzeichnis des Klosters Ludgeri vor Helmstedt besaß 1260 ein Dominus Ecbertus (vom hohen Adel) Güter zu Lelm, Langeleben und Ala (vergl. neue Mittheilungen des thüringisch sächsischen vereins1834 Bd. 1 Heft 4 S. 41). Später wurden die Herren von Veltheim mit Gütern auf dem Alfelde beliehen, wie noch aus dem Lehnsbriefe vom 7. Januar 1706 hervorgeht. Die Güter auf dem Alfelde waren vorher auf die Grafen von Hallermund gekommen, von welchen sie auf die Herren von Werla und dann auf die Familie von Veltheim kamen. In der Gegend von Ala lagen Alimundesrothe wahrscheinlich der Platz, welcher jetzt Großen-Rode benannt wird und nur noch ein Forsthaus aufzuweisen hat). Alde, (am Saume des Elmes über Scheppenstedt, und als wüste Feldmark dieser Stadt angehörig). Allenfelde, welcher Platz nach Algermann's ungedruckter Beschreibung des Amts Wolfenbüttel v. J. 1584 in der Gegend von Scheppenstedt zu suchen und vielleicht das vorerwähnte Alafeld ist.
16) Das hier 1110 von den Grafen von Haldensleben, Bernhard und dessen

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Sohne, errichtete Nonnenkloster wurde vom Kaiser Lothar II., der dem Geschlechte angehörte, und dessen Gemahlin Richenza in ein Benedictiner-Mönchskloster umgewandelt. Die Nonnen wurden wegen unzüchtigen Lebens in den Harz nach Drübeck dersetzt. Die trefflich gebauete Klosterkirche gehört zu den Sehenswürdigkeiten in der nächsten Umgebung des Elmes und die Verzierung an der Außenseite des hohen Chors: eine Jagd, die sich damit endigt, daß die Hasen den Jäger fesseln, mit der Umschrift: O opus eximium vario celamine mirum! — hat häufig. die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ist in mancherlei Weise gedeutet.
17) St. Lorenz über Scheningen, vom Bischofe Reinhard erbauet, mit Augustiner-Chorherren aus Hamersleben besetzt und 1121 dem heiligen Lorenz geweihet. Die Stiftungsurkunde ist vom Jahre 1120; doch soll in Scheningen früher schon ein von der Gräfin Oda erbauetes Nonnenkloster gewesen sein, das, der Anführung nach, 982 abbrannte.
18) War eine gräfliche Burg, die von des Grafen Altmann von Oelsburg Tochter Frederunde — im Jahre 1000 zu einem Nonnenkloster, Augustiner-Ordens, eingerichtet worden. Die Stiftung ist 1007 vom Kaiser Heinrich Il. bestätigt, 1319 erkaufte das Kloster von Herzog Otto dem Milden das Schloß Thiede.
19) Das Augustiner-Kloster, welches 1112 in Hamersleben begründet worden, ist hierher von Osterwiek verlegt, wo es von dem halberstädtischen Bischofe Reinhard 1108 gestiftet war.
20) Ist 1138 von dem Grafen von Sommerschenburg und Pfalzgrafen in Sachsen, Friedrich dem Jüngeren errictet. Der Bau der Klosterkirche ist 1146 vollendet.
21) Eine Stiftung des Abtes Wolfram von Werden 1176 für Augustiner-Nonnen, deren nach der Bestimmung vom Jahre 1230 hier 40 verpflegt werden sollten.
22) Eines der ältesten Klöster des Landes, dem Benedictiner-Orden gewidmet. Die Zeit des Ursprungs ist zweifelhaft; Ludger, erster Bischof von Münster, soll gegen das Ende des 8ten Jahrhunderts die an der Ruhr belegene Benedictiner-Abtei Werden und in den ersten Jahren des 9ten Jahrhunderts auch das Kloster Ludgeri gestiftet haben. Im östlichen Sachsen hatte aber damals das Christenthum noch nicht so weit Wurzel geschlagen, daß sich schon auf feste Begründung von Klöstern hätte rechnen lassen. Vielleicht gewährte damals, in der noch waldigen Gegend, eine höhlenartige Kapelle den Platz, an welchem einzelne, für das Christenthum Gewonnene, ihre geheimen Zusammenkünfte hielten.
23) Die gesunden Lehren des eldlen Hugo sind wohl noch unserem Zeitalter nützlich. In seinem Tractate de Sacramentis heißt es:  Ecclesia licet fructum terrenae possessionis in usum accipiat, potestatem lamen exercendae justiatiae per Ecclesiasticas personas, aut judicia secularia exercere non potest: potest lamen ministros haberelaicas personas, per quas 1. Jura et 2. Judicia ad terrenam potestatem pertinetia, secundum tenorem legum et debitum juris terreni exerceantur: Sic tamen, ut et ipsum quod potestatem habet, a principe terreno se habere cognoscat: et ipsas possessiones nunquam ita a regia potestate se elongare posse intelligat. Quin si ratio postulaverit et necessitas, illi ipsae possessiones debeant in necessitate Obsequium, id est, onera ad defensionem Reipublicae necessaria etc.


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24) Das in dem Ordensarchiv aufbewahrte Verzeichnis der Hochmeister des Ordens enthält die Namen:

1) Heinrich Wallpott von Bassenheim,  + 1200. - 2) Otto von Kärpen, + 1216  -  3) Hermann von Bart, + 1220.  -  4) Hermann von Salza, unter welchem der Orden sich in Preußen festsetzte, + 1240.  - 5) Heinrich von Hohenlohe, + 1249.  -  6) Konrad Landgraf von Thüringen und Hessen, + 1252.  -  7) Poppo von Osternah  -  dankte ab  -  8) Hanno von Sangerhausen, + 1265.  -  9) Hartmann, Graf von Heldrungen, + 1275.  - 10) Buchard von Schwenden, fiel 1290.  -  11) Konrad von Feuchtwangen, + 1297.  -  12) Konrad, Graf von Hohenlohe, + 1298.  -  13) Siegfried von Feuchtwangen, + 1312.  -  14) Karl Bessart von Trier, + 1324.  -  15) Werner von Urselen, + 1330.  -  16) Ludgerus, Herzog zu Braunschweig, + zu Königsberg 1335.  -  17) Dietrich, Graf zu Oldenburg, + 1341.  -  18) Ludolf König, Herr zu Waitzau, ward 1346 blödsinnig.  -  19) Heinrich Düssner von Arfberg, dankte ab 1351.  -  20) Heinrich von Knippenrode, + 1382.  -  21) Konrad Zöllner von Rodenstein, + 1390.  -  22) Konrad von Wallenrode, ward blödsinnig 1394.  -  23) Konrad von Jungingen, + 1407.  -  24) Ulrich von Jungingen, des Vorigen Bruder, ist in der Tannenberger Schlacht geblieben.  - 25) Heinrich Reuß von Plauen, ward wegen übeln Haushalts (?) abgesetzt und starb im Gefängnisse zu Hochstedten 1413.  -  26) Michel Küchenmeister von Sternberg, + 1423.  -  27) Paul Pellnitzer von Rusdorf, ward abgesetzt und + zu Marienburg 1440.  -  28) Konrad von Erlichshausen, + 1449.  -  29) Heinrich Reuß von Plauen, + nach 11 Wochen.  -  30) Ludwig von Erlichshausen, + 1467.  -  31) Heinrich Keffle von Richtenberg, + 1477.  -  32) Martin Truchses von Metzhausen, + 1489.  -  33) Johannes von Tieffe, + 1498.  -  34) Friedrich, Herzog zu Sachsen, + 1514 zu Rochlitz.  -  35) Albrecht, Markgraf zu Brandenburg, legte 1525 den Orden ab und ward erster Herzog in Preußen.  - 36) Walther von Kronberg, + 1543.  -  37) Wolffgang Schutzbar, gen. Milchling, + 1565.  -  38) Georg Hundt von Renkheim, + 1572.  -  39) Heinrich von Badenhausen, + 1595.  -  40) Maximilian, Erzherzog zu Oesterreich, + 1618. -  41) Karl, Erzherzog zu Oesterreich, + 1625 in Madrid.  -  42) Johann Eustachius von Westernach.  -  43) Johann Kaspar von Stadion.  -  44) Leopold Wilhelm, Erzherzog von Oesterreich, + 1662.  -  45) Karl Joseph, Erzherzog von Oesterreich, + 1664.  -  46) Johann Kaspar von Ampringen, + 1685.  - Ludwig Anton, Pfalzgraf bei Rhein, aus dem Hause Neuburg, + 1694.  - 48) Franz Ludwig, des Vorigen Bruder, Kurfürst zu Maynz, + 1732.  - 49) Clemens August, Herzog zu Bayern und Kurfürst zu Köln, + 1761.  -  50) Karl Alexander, Herzog zu Lothringen und Bar, erwählt 1761, + 1780. -  51) Maximilian Franz, Erzherzog zu Oesterreich, Kurfürst zu Köln, 1769 zum Coadjutor erwählt, + 1801.  -  52) Karl Ludwig, Erzherzog zu Oesterreich, Anno 1801 zum Coadjutor erwählt und in demselben Jahre Hoch- und Teutschmeister, resignirt 1804.  -  53) Anton Victor, Erzherzog zu Oesterreich, Hochund Teutschmeister Anno 1804.

Auch ergeben sich aus den Acten die Namen folgender Landcomthure der Ballei Sachsen: 1) 12360 Albertus de Ammendorf.  -  2) Gottfriedus de Barila.  -  3) 1302 Wedego Pigow.  -  4) 1303 Waltherus de Arnstein.  - 5) 1314 Buchardus de Winnigstede.  -  6) 1321 Thidericus de Beneingerode.  - 7) 1325 Jan Stapeln.  -  8) 1334 Ludolph von Bodenrode.  -  9) 1349 Bruno



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de Mansfeld. — 10) 1352 Cunemannus de Buseiste. —  11) 1360 Thidericus de Gebese.  —  12) 1364 Johann von dem Hagen.  -  13) 1384  Henicus Keghel. 14) 1400 Dyderich von Florstede. — 15) 1415 Wedege von Puchow. — 16) 1449 Fridericus von Polenz. — 17) 1475 Nickel von Pentziche. - 18) 1499 Konrad von Utenrode, Landcomthur von Thüringen und Sachsen. - 19) 1507 Martin von Dopffern.  -  20) 1516 Wigand Holzsathel von Nassen-Erfurth. — 21) 1524 Friedrich von Räfenberg. — 22) 1528 Burchard von Pappenheim. — 23) 1554 Georg von Sehlen. — 24) 1564 Heinrich von Gam.  —  25) 1573 Hans von Lassaw.  —  26) 1606 Hennig von Britzke. — 27) 1611 Joachim von Hopkorff   -   28) 1628 Leopold Ernst von Hopkorff. —  29) 1648 Jan Daniel von Priort, Landcomthur in Hessen und Sachsen. — 30) 1684 Friedrich Maximilian. Freiherr von Stayn. — 31) 1704 Otto Diedrich von Balow. - 32) 1732 Hildebrand Christoph von Hardenberg.  -   33) 1737 August Wilhelm Grete.  —  34) 1754 Friedrich August, Freiherr von Bothmer. — 35) Daniel Christoph Georg, Graf von der Schulenbnrg. — 36) 1772 Eckhardt August von Stammer.  -  37) 1774 Gottlob Friedrich Wilhelm von Hardenberg, + 4. März 1800. —  38) 1800 Friedrich Wilhelm, Freiherr von Veltheim. -  39) 1804 Philipp Otto, Freiherr von Münchhausen.

25) Die Edlen von Warberg. schon 1202 viri nobiles genannt, waren besonders an der Nordseite des Elmes begütert. Sie besaßen hier Warberg, Frellstede, Räpke, Wolstorf, Brunsleben, Groß- und Klein-Kissleben (wüst), Vorwerke zu Esbeck, Runnstedt, Süpplingen und andere Güter. Der männliche Stamm des Geschlechts starb im Jahre 1654 mit Julius von Warberg aus. Er starb in Halberstadt in so ärmlichen Verhältnissen, daß der im Testamente dringend geäußerte Wunsch, seine Leiche möge in dem Erbbegräbniß zu Warberg beigesetzt werden, 18 Jahre hindurch nicht in Ausführung gebracht werden konnte. Erst der gutmütige Herzog Rudolf August wies dazu 66 Rthlr. an.
26) Die Familie von Esbeck starb im Jahre 1433 aus, die Burg und der Rittersitz kam danach an die von Hoym, und in neuester Zeit an den jetzigen Besitzer Hrn. Prötzel.

 

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Einfügung:  Foto  G. Prötzel  1992


27) Zwei Güter zu Scheningen  -  der Kanzlerhof und der Schulhof  - wurden von den Besitzern gleichfalls zu den Rittersitzen gerechnet
28) In Urkunden aus den Jahren 1137 und 1196 geschieht schon der Herten von Twieflingen Erwähnung.  Als Einer des Geschlechts Wegelagerung trieb, eroberte Herzog Albrecht, im Beistande der Städte Magdeburg und Braunschweig, die Burg 1381. Sie wurde zerstört und das Gut ist dann zu herzoglichen Domainen gezogen.
29) Wobeck war in dem Pfandbesitze zahlreicher adlicher Familien. 1346 von Bartensleben, von Honlage, von Papstorf, 1348 von Knesebeck (Paridem und Ymann),  1355 von Asseburg, von Wenden, 1358 von Weferlingen sc. Hier nächst kam das Gut an das Kloster Riddagshausen, dem Herzog Heinrich der Aeltere 1502 Abgaben aus dem Dorfe (das Schloßgeld) und Zinsgefälle wiederkäuflich überließ.
30) Die Herren von Jerxheim, deren schon in einer Urkunde vom Jahre 1200 Erwähnung geschieht , verloren ihren Burgsitz zu Jerxheim schon im 14ten Jahrhundert. Von den Herzogen wurde die Burg vielen ritterbürtigen Familien nach einander pfandweise überwiesen; den von Wenden 1345, von Ampleye 1360,


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von Oberg 1382, von Gerstenbüttel, von Hondelage, von Marenholz  1400,  von Veltheim (Gottschalk’s Söhnen) 1502, die alle das Schloß mit Zubehörungen entweder ganz oder theilweise befaßen. Lange Zeit hindurch hat auch die Stadt Braunschweig sich in dem Besitze der Burg befunden; sie gab dieselbe 1473 an Herzog Wilhelm I. zurück.
31) In den Braunschw. Anzeigen, 1755, Nr. 79, ist eine Reihe von Urkunden von 1154 bis 1427 angemerkt, in welchen Nachweisungen über das alte mit Gütern reich ausgestattet gewesene Geschlecht der von Werle oder Werla gegeben sind. Nach dem von Herzog Anton Ulrich 1706 den Herren von Veltheim ertheilten Gesammt-Lehnbriefe sind diesem Geschlechte zahlreiche Besitzungen der ausgestorbenen Familie der Herren von Werla verliehen.
32) Vormals Pfandschaft und Hauptsitz des alten Geschlechts der von Wenden, das Güter in Wenden, Königslutter, Uehrde, Bansleben, Lelm sc. besaß, und mit Joh. von Wenden 1595 ausstarb. — 1413 war das Schloß den Gebrüdern Ludolph und Heinrich für 400 Mark pfandweise eingethan und Herzog Heinrich Julius zog es nach dem Aussterben des Geschlechts wieder ein.
33) Das Geschlecht der Herren von Schliestedt starb 1614 aus. Die von der Streithorst, die nachmaligen Inhaber, verpfändeten dasselbe an die von Rettberg und von Bodendorf, zogen es aber 1749 wieder ein, um es 1749 an den Geheimerath Schrader von Schliestedt zu verkaufen, von welchem es auf die Herren von Bülow aus dem Hause Radum-Wischendorf und dann auf den jetzigen Besitzer, Grafen von Schwicheld, kam.
34) Auch Küblingen war nach der ältesten Rittermatrikel ein Rittersitz der von Streithorst und ging nachmals auf dieselben Familien über, die Schliestedt besessen haben. Von den Herren von Bülow kam es aber zunächst an den Amtsrath Ernst.
35) Sambleben gehörte dem 1587 ausgestorbenen alten Geschlechte gleiches Namens und wurde 1627 der Familie von Cramm wieder verliehen.
36) Gehörte bis 1355 der Familie von Amtleben, wurde aber 1360 den Herren von·Uetze pfandweise eingethan., Heinrich von Uetze wurde Wegelagerer, weshalb die Städte Braunschweig und Magdeburg 1425 sich verbanden, die Burg eroberten und den Uebelthäter gefangen nahmen. 1433 erkaufte dann die Stadt Braunschweig das Gut erb- und eigenthimlich vom Herzog Heinrich. Im Jahre 1671 wurde dasselbe mit anderen Stadtgütern einer herzogl. Commission zur Verwaltung überliefert, und 1714 ließ ein Mitglied der Commission, der Cammerrath Joachim Just Bötticher, mit dem Gute sich beleihen, aus dessen Nachkommenschaft es auf den jetzigen Besitzer, Amtsrath Wahnschaffe, gekommen ist.
37) Veltheim an der Ohe war im 14ten Jahrhundert noch Rittersitz der Herren von Veltheim, kam dann an die Herren von Honrodt, und nach dem Aussterben dieses Geschlechts wieder an den Herrn Wilhelm von Veltheim, nachdem derselbe die darauf expectivirten Herren von Thielau abgestanden und auch die Wittwe des Ietzten von Honrodt wegen ihrer Ansprüche auf lebenslängliche Nutzung entschädigt hatte.
38) Die Rittergüter zu Destedt waren schon im 12ten Jahrhundert in dem Besitze des Geschlechts von Veltheim, und sie sind in der vorliegenden Reihe die einzigen, welche ihren alten Herren fortwährend geblieben sind.



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39) 1620 war noch nach der Rittermatrikel das Geschlecht der Herren von Lauingen Inhaber des Gutes, 1629 aber starb Joachim von Lauingen als Letzer des Geschlechts; von ihm schon war das Gut auf Jobst von Schenk gekommen. 1695 wurde Johann Joachim Müller damit beliehen, dessen Nachkomme Johann Martin Ludwig Müller 1791, unter Beilegung des Namens von Lauingen, in den Adelsstand aufgenommen worden.
40) Das Geschlecht der von Rottorf scheint bis in das 15te Jahrhundert den Ort besessen zu haben. 1462 werden die von Kisleben mit der Holzgrafschaft zu Rottorf beliehen, »so die von Rottorf gehabt«.
41) Auch Lelm hatte seinen Rittersitz, der jedoch verschwunden ist. Durch Curdt’s von Lelm Ableben erledigte Güter, namentlich zu Klein-Vrellstedt, kamen 1371 auf Gebrüder von Wobeck.
42) Die Wege von Braunschweig ab liefen in der Nähe der Stadt durch Sumpfgegenden, die feste Dämme erforderlich machten. Die Stadt kam schon im 14ten Jahrhundert mit den betreffenden Bischöfen von Halberstadt und Hildesheim dahin überein, daß eine Sündenvergebung denen zugesichert werden solle, die Arbeiten an den Dämmen verrichten würden, und so kamen denn die schwierigen Bauten mit geringem Aufwande von Seiten der Stadt zu Stande.
43) Ueber das Entstehen des Marienbildes zu Küblingen und die Förderung der damit verfogten Zwecke ist die Erzählung in einer alten Handschrift der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel unter der Bezeichnung : Miracula in Kubbelingk aufbewahrt. Eines Tages im Jahre 1291 ruhete Albert Riseberg im Schatten einer Linde zu Küblingen. Ihm erschien die heilige Jungfrau und verkündigte, daß Kaufleute sich anfinden und der Jungfrau erhabenes Bild über den Rhein an diesen Ort bringen würden, damit es hier verehrt werde. Die Offenbarung wurde dann -  ganz in der Ordnung — dem Pleban (ersten Geistlichen) in Scheppenstedt mitgetheilt, der auch allen Beistand zur weiteren Verfolgung der so wichtigen Angelegenheit versprach. Riseberg reiste einige Tage darauf mit seinem Freunde (Albertus ultra aquam) nach Königslutter, wo die Feier der Schutzheiligen des Klosters Petri und Pauli begangen wurde. Hier gewahrte er in der Menge Kaufleute, die ein Marienbild mit sich führten, und er erkannte nun sogleich , daß die ihm gemachte Offenbarung in Erfüllung gehen sollte. Die Kaufleute waren, in Gemäßheit der ihnen gemachten Mittheilung, bereit, das Bild nach Küblingen an den Ort zu bringen, wo dem Riseberg die heilige Jungfrau erschienen war. Der Pleban aus Scheppenstedt empfing sie hier mit seiner Gemeinde, und der Platz wurde nun dem Volke als eine auf immer der Jungfrau geweihete Stätte bezeichnet. Es war erforderlich, daß das Bild Wunder verrichte, und zwar zunächst an einem Mächtigen; auch ist ferner bemerkt, daß Herzog Albrecht von Braunschweig, der damals wahrscheinlich auf der Asseburg wohnte, erkrankt sei. Er genas, nachdem ihm die heilige Jungfrau erschienen war und, auf den Fall seiner Herstellung, für ihr Bild Verheißungen erwirkt hatte. Der Fürst ließ demselben eine Kapelle bauen und begnadigte den Ort mit den erbetenen Freiheiten und Vorrechten. Dann ließ man auch sogleich noch andere Wunder geschehen. Zu Scheppenstedt, heißt es, lebte ein redlicher Mann, Namens Johann von Schwanefelde.



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Ihn und seinen einzigen Sohn überfielen Neider in seiner eigenen Wohnung. Sie fesselten beide unter groben Mißhandlungen, schleppten sie in ein Dickicht zwischen Langeleben und Eitzum und warfen sie daselbst in eine tiefe Grube. Hier lagen sie verlassen und dem Hungertode nahe, da erschien ihnen die Mutter Gottes im weißen Priestergewande und einem großen Sonnenhut wie ihn — so heißt es in der Erzählung — die Bauern zu tragen pflegten. Sie hob die Unglücklichen aus der Grube hervor, die nun zu dem Marienbilde zu Küblingen krochen, hier aber ihrer Ketten und Banden entledigt wurden, die wie es in dem Manuscripte ferner heißt — zum ewigen Andenken an dies Wunder sorgfältig aufbewahrt werden. So brachte man nach und nach das Bild zu großem Ansehen. Dasselbe ist eben so wie die schweren Ketten noch in neuerer Zeit vorhanden gewesen.
44) Heinrich der Aeltere  geb. 1463, gest. 1514

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Das Moosholzmännchen 1965 zu W.J.L Bode

Dr. Fritz Barndorf berichtete 1965 im Moosholzmännchen, dem heimatkundlichen Beiblatt des lutterischen Stadtbüttels, folgendes:

 

"Auf einen Sohn unserer Stadt, der ihr immer Ehre gemacht hat, konnte das Moosholzmännchen schon hinabsehen, als er noch aus seinem Vaterhaus, dem Stiftspfarrhaus gegenüber, auf dem Arm seiner Mutter im Umschlagmantel herausgetragen wurde, als er später um die Grabsteine auf dem Friedhof unter den alten Linden spielte oder im Studierzimmer seines Vaters, des Superintendenten, bis zum 14. Lebensjahr Unterricht in den Humaniora (Deitsch, Latein, Griechisch u.a.) erhielt.

...

Der spätere Stadtdirektor der Residenzstadt Braunschweig Georg Wilhelm Julius Ludwig Bode war 1779 als Sohn des Stiftspriors und Superintendenten Heinrich Bode in 2. Ehe geboren. Sein Bruder Joh. Heinrich Bode (1783-1849) war später Nachfolger des Vaters und sein Enkel war der im Kaiserreich geadelte Wilhelm von Bode, der weltberühmte Kunsthistoriker und Begründer der Berliner Museen. (1845-1929). Von "unserem" Wilhelm Bode, der 1808 als Richter der westfälischen Regierung Jeromes zunächst nach Bahrdorf und später über ähnliche Posten in Vorsfelde und Riddagshausen zum Magistrat in Braunschweig kam und dort von 1825 bis zu seinem Tode 1854 einer der tätigsten, einfallsreichsten und in seiner liberalen Gesinnung vorbildlichsten Leiter der Stadtverwaltung blieb, hat unser Mitbürger Heinz Röhr in seiner "Geschichte der Stadt Königslutter" 1956 in einem besonderen Kapitel (S. 104 ff) manches schon berichtet. Die ganze Lebensarbeit Wilhelm Bodes ist aber 1963 in einer umfassenden Biographie "Stadtdirektor Wilhelm Bode" Brschw. Verlag Waisenhausdruckerei, vorbildlich und anschaulich geschildert, die Theodor Müller, der verdiente Geograph und Historiker unserer Heimat, als Band 29 der "Braunschweiger Werkstücke" herausgab. Wer den Feind der Bürokratie Wilhelm Bode und seine ganze Zeit mit ihren sich vorbereitenden, revolutionären Strömungen zusammen mit der Fülle von bedeutenden Persönlichkeiten unserer Heimatgeschichte kennen lernen möchte, wer den Wurzeln der Demokratie in einem konservativen Ländchen nachspüren will, dem sei Müllers Buch empfohlen. ..."

 

 

 

Die Bäume des Parks sind nach dem "Baumführer Gutspark Destedt" von Dietmar Brandes und H. Grünewald gekennzeichnet (Erscheinungsjahr 1992, 24 Seiten).

 

 

Von einem ehmaligen Gefechte zwischen den alten Sachsen und Karl dem Grossen am Elm

Das dreizehnte Capitel von einem ehmaligen Gefechte zwischen den alten Sachsen und Karl dem Grossen am Elm.


Hatte ehmals das alte Germanien, und mithin auch unser geliebtes Vaterland
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wegen der ungeheuren Wälder und unwegsamen Moraste , bei andern Nationen und insonderheit den Römern ein schlechtes Ansehen; so war dennoch die  Beschaffenheit der Einwohner, in Betracht ihrer Religion, in den Zeiten des Heidenthums, weit schlechter. Zwar war schon im 2ten Jahrhunderte nach unsers Erlösers Geburt, das Heidenthum in denen west- und südlichen Grenzen Deutschlandes, durch die Annahme des christl. Glaubens verdrenget , und breitete sich das Christenthum daselbst immer weiter aus: aber die mitternächtlichen Deutschen in Sachsen und Westphalen, widersezten sich demselben am längsten: Bis Karl der Grosse am Ende des 8ten Jahrhunderts sich entschloß, ihnen das Christenthum mit Gewalt und dem Schwerdt in der Faust aufzuzwingen, auch nicht eher zu ruhen, bis er seinen Vorsatz ausgeführt. Zu Folge dessen und dem, was auf dem Reichstage zu Worms beschlossen war, rückte er im Jahr 772. mit zahlreichen Armeen wider die wehrlosen Sachsen, die über das sich seiner nicht vermuthen waren, zu Felde.  c)

c) Ob Karls d. Gr. seine Unternehmungen gerecht, überlassen wir den Staatsverständigen zu beurteilen. Nach der Lehre unsers sanftmüthigen Heilandes war sein Verfahren sehr grausam. Poeta Saxo ad Ann. DCCLXXV. entdeckt uns seine Entschliessung in Absicht der Sachsen, nemlich folgende: Christiciae fierent, aut delerentur in neuum. Dem Alb. Krantz. Saxon. L. II. c.2. beistimmt.
Die Religion muß nicht durch Drohung und Verfolgung beigebracht werden, sonst ist es ein Zeichen des Antichrists. S. Mosheims Sittenlehre Th. 3. §.6.  Imgleichen Instit. Hist. eccl. Saec. IX. C.I.§.1.  Veinam vi et armis abstinuisset. Sc. Carolus M.
Solchen Weg haben die Stifter und die ersten Beklehrer niemals eingeschlagen. Ob zwar einige und insonderheit M. Frisch, in seinem Apokalyptischen Catechismo, aus einer bildlichen Weissagung der Offenbarung Johannis zu beweisen meint, daß solches Verfahren der Wille Gottes gewesen. Fides fuadenda, non imponenda est, sagt der Abt Bernardus: und wenn der ehmalige Rector zu Halberstadt Mag. Gelhud in Diss. de prima Saxonum ad Christianan religionem conuersione Caroli M. auspicio facta, und andere seinen Eifer für die Religion hoch erheben, so glauben wir noch immer mit den Neuern, daß wohl Eroberungssucht und die Herrschaft über die Sachsen zu haben, der eigentliche Beweggrund seiner Unternehmungen gewesen. Wenigstens hätte er sich der abscheulichen Grausamkeiten nicht schuldig machen müssen.

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Diese armen Leute, die nun wohl sahen, daß ihre so lange genossene Freiheit und politische

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Verfassung dahin seyn sollte, wurden auch so hartnäckig, daß Karl ganzer 33 Jahre mit ihnen zu thun bekam. Wir sind nicht gesonnen, seine in so vielen Jahren gemachten Feldzüge alle anzuführen, die man schon von gelehrten Geschichtsschreibern ausgeführt lesen kann. Wir wollen nur eine gemachte Entdeckung anzeigen, daß Karl  der Grosse mit einem Kriegsheer auf unserer Nachbarschaft am Elm gestanden, und mit unsern heidnischen Vorfahren geschlagen habe; hernach müssen wir versuchen, ob wir das eigentliche Jahr dieses blutigen Auftritts ausfindig machen können.
Was das erste anbetrifft, so bestärkt mich darin die Aussage zweener alten Männer. Insonderheit hat mir solches ein über 80 Jahr alter Mann aus unserer Nachbarschaft, auf mein mehrmaliges Befragen, mich stellend, als ob ich seine erste Aussage vergessen, um zu vernehmen, ob er die vorige Rede führe, es allezeit bestätiget, wie er von seinen Vorfahren gehöret, daß am Elm, indem er mir den Platz und die Feldung von ferne zeigte, ehmals die

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Heiden mit den Christen sollten geschlagen haben, mit dem Zusaz, daß die Heiden verlohren, daher diese Feldung in den alten Zeiten der Heidentodtenkamp wäre genannt worden: Dem ein verständiger beinahe 90 Jahr alter Mann an meinem Orte beipflichtete.
Es ist dies eine Nachricht, die gar bald hätte können verlohren gehen, denn es wissen zwar noch viele, daß alda ein Todtenkamp ist, aber daß es ein Heidentodtenkamp sey, ist sehr wenigen noch bekannt.
Eine solche Aussage, deucht mir, darf man nicht schlechthin verwerfen, zumal wenn sie mit glaubwürdigen Muthmassungen, auch den Umständen der Zeit, darin die erzählte Merkwürdigkeit vorgefallen, ubereinstimmt; und wenn sie nichts wiedersprechendes enthält, kann sie im Zusammenhange mit andern Gründen eine Art des Beweises abgeben. Nun aber wird man keinen Umstand in den Geschichten antreffen, daß in unsern Gegenden Heiden und Christen mit einander geschlagen, ausser daß Karl der Grosse gegen unsere Vorfahren als Heiden zu Felde gezogen; Folglich ist es sehr wahrscheinlich, daß er in einem seiner Heerzüge gegen unsere Väter, mit einem streitbaren Heere auf unserer Nachbarschaft gestanden, mit ihnen geschlagen, und das Schlachtfeld nach

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Annehmung des Christenthums immer der Heidentodtenkamp ist genennt worden.
Eine genaue Aufsuchung des Jahrs, darin Karl der grosse unsere Gegend wahrscheinlichen Vermuthungen nach heimgesucht, wird solches noch mehr bekräftigen. Als er in oben erwähntem Jahre, jenseits der Weser ein grosses Verwüsten unter den Westphälern angerichtet, und alles in Furcht und Schrecken gesetzet hatte, drang er im Jahr 775 über bemeldeten Strom biß an die Oker, ging auch herüber, und brachte einen ziemlichen Theil von den Braunschweigischen und Lüneburgischen Ländern unter seinen Gehorsam. Diesesmahl kam er in die Landschaft der Osterlinger oder Ostphalen, und mithin unserer Gegend nahe, jedoch ging er wieder zurück über die Weser, nachdem die Sachsen Geisseln gegeben und Frieden angelobet hatten.
In den folgenden Jahren thaten sich diese gegenseitigen Völker mit allerhand Verheerungen einander grossen Schaden, und ein Theil der Sachsen büssete endlich dabei gewaltig ein.
Im Jahr 780 marschieret er von Ehresburg oder wie der Ort jetzo heißt Stadtberg nach der Lippe, gehet von da wiederum an die Oker, und kommt an die Elbe wo die Ohre hinein fällt. Daselbst schlägt er sein Lager auf, um auch den Slaven jenseit der Elbe zuzusprechen.

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Nach meinem wenigen Bedünken, ist er bei diesen Marsch von der Lippe, der Lage nach zu urtheilen, in der Gegend Holzminden über die Weser gegangen, läßt das Harzgebirge zur rechten Hand liegen, durchziehet einen Theil der Hildesheimischen und Halberstädtischen Länder, und rücket im Magdeburgischen an die Elbe. Und wenn es wahr ist, wie einige Geschichtsschreiber dafür halten, daß er von da sich nach dem Drömling gewendet, so glaube ich auch, daß er seinen Zug durch das Lüneburgische genommen, und also diesmal unsere Gegenden am Elm nicht berühret habe, zumal da ich auch keinen Umstand oder Begebenheit in der Geschichte auffinden kann, daraus ich seine Gegenwart am Elm schließen könnte.
Im Jahr 782 und folgenden ging es sehr scharf her. Wittekind verfolgte die Christen in seinem Lande, und Karls seine Völker büsseten an der Weser gewaltig ein. Die Sachsen schoben die Schuld des Aufruhrs auf den Wittekind, der damals nach Dänemark geflüchtet war, und krochen zum Kreuz, aber Karl machte sich bei dieser Gelegenheit einer unerhörten Grausamkeit schuldig, indem er bei Verden an der Aller 4500 Mann Sachsen vor seinen Augen enthaupten ließ. Dieses grausame Verfahren machte die Sachsen

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noch hartnäckiger als jemals. Sie geriethen völlig in Wuth, nunmehro erschienen sie mit ganzen Armeen im Felde, mit welchen sich Karl in ordentliche Schlachten einlassen muste, und da ging ein beständiges Verheeren und Blutvergiessen an.
Im Jahr 784 ist er meinem Bedünken nach, am Elm und auf unserer Nachbarschaft gewesen. Seine Winterquartiere hatte er zu Herstelle gehalten, und mit angehendem Frühjahre ging er bei Uculbi,  d)

d) Der Poeta Saxo giebt uns diese Nachricht. Annal. de Gestis Caroli M. Imp. Ann. DCCLXXXIV. ind. VI.  Venit et ad Wifuram, locus est vbi dictus Vculbi.
Es hat wohl seine Richtigkeit, daß man von einem Poeten nicht allezeit einen bestimmten Ausdruck erwarten könne. Er nimmt sich in Bezeichnung einer Sache oder Orts viele Freiheit. Bald führt er Berge, Thäler, Gewässer u. dgl. in der Nähe und Ferne liegend an. Es ist also alhier nicht nöthig, daß das Vculbi nahe auf der Weser liege, oder von einem bewohnten Orte anzunehmen.
Nicht weit von Elze und Gronau, zween Landstädten an der Leine im Hochstift Hildesheim, ist uns eine von Bäumen leere erhabene Gegend bekannt, die noch, der Kulpf oder Külf genennt wird. Der Poet hat dieses Meters wegen, die zwei Buchstaben u und i leicht zusetzen können und auch müssen. Und wir sind nicht abgeneigt, diese Stätte den Kulph, samt der Gegend alda, für das Uculbi anzunehmen, darauf Carl, als er über die Weser gegengen, Posto gefasset. Vor sich hatte er Gronau, Gebürge und Waldungen. Zur linken Seite sahe er Elze, woselbst er oft sein Hoflager gehabt, und auch bekannter Massen eine Kapelle zum Gottesdienst angelegt, die wir in unsern Schuljahren noch gesehen haben. So viel uns erinnerlich, war sie ovalrund, etwa 20 Fuß in der Länge. Der Bogen inwendig war blau, und daran die Himmelsgestirne mit Silberfarbe gemahlt, noch schön anzusehen. Dieses Gebäude, welches ein prächtiges Denkmal der Antiquität war, ist nach einem Brande, der auch die Stadtkirche ergriffen, niegerissen, und sind die Steine von dieser Kapelle mit zu dem neuen Kirchenbaue daselbst verbraucht worden

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welchen Ort die Geschichtsschreiber nicht finden können, über die Weser. Er durchzog Thüringen und Sachsen mit Sengen und Brennen, verheerte und verwüstete alle Gegenden um die Saale und Elbe, und fährt damit fort auf seinem Rückmarsche biß nach Schöningen.  e)  Nunmehro war er uns sehr nahe,

e) Der Poeta Saxo, der fast mein einziger Gewehrsmann ist, die Feldzüge Caroli M. zu bemerken, schreibt loco cit.
Inde Thuringorum per agros iter egerat, atque
Saxonum campos, quos Albia vel Sala tangunt
Amnes vicini, lustrans villas ibi plures
Tradiderat fiamnis, donee peruenit ad illum
Qui veteri locus est Scaningi nomine diclus
Mader und andere Geschichtskundige, verstehen durch Schaningi unser Schöningen.

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und es ist nicht zu zweifeln, daß er unsere Gegend sowohl, als auch andere am Elm, werde heimgesucht haben. An und in den Wäldern geschah der mehrste Greuel und Götzendienst unter den Heiden, mithin muste er solches abgöttisches Wesen auch alhier in unserm grossen Walde abzuschaffen suchen. Von Schöningen aus läßt er den Elm, der sich, wie oben gesagt, bald von Braunschweig insonderheit den benachbarten Orten an bis nach Schöningen erstreckt, zur linken Hand liegen, und überschwemmt unsere Gegend mit seinen Völkern.
Wittekind, der von der Annäherung seines Feindes Nachricht erhält, sezt sich ohnfern der Strasse, die jezt nach Braunschweig führt, mit seinem Korps auf einer erhabenen vortheilhaften Feldung nahe an der Stätte, wo vor 700 Jahren die Katten mit den Cheruskern geschlagen hatten, in Positur. Hinter sich hatte er den Wald, der

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sich auch etwas herunter zog an der Seite, wo Karl anmarschiren muste, und dadurch auch Wittekinds rechter Flügel etwas Schutz hatte, und ihm der Feind nicht leicht in die Flanke fallen konnte. Die alten Deutschen hielten sich ohnehin gern in ihren Feldzügen an deren Waldungen auf, um dahin im Fal der Noth ihre Zuflucht nehmen zu können.
Hesus, Feldherr der Ostphalen, welche in den damaligen Zeiten ihren Sitz in unserer Gegend hatten, wird gleichfals sich mit seinem Korps auf der Nähe aufgehalten haben. Denn obgleich diese vor 4 Jahren nebst den Ungariern sich unterworfen hatten, so war doch nichts leichter, als so bald sie nur ihren Vortheil erfahren, oder sonst gedrungen wurden, wieder abfielen. Die unerhörte Grausamkeit, die vom Karl im vorigen 782 Jahr gegen die Sachsen war verübet worden, wodurch der Aufstand unter den Sachsen allgemeiner wurde und alle zu den Waffen griffen, läßt uns daran nicht zweifeln, daß die Ostphalen mit denen Westphalen gemeinschaftliche Sache gegen den Feind gemacht haben; und der Zug Karls des Grossen durch unsere Gegend bestätigt dieses noch mehr.
Der Ostphalen Heerführer stand mit seinem Korps eine Strecke Weges nordostwärts

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am Hagenwalde; und es haben diese beiden Feldherrn Hesus und Wittekind ohne Zweifel die Absicht gehabt ihren Feind in die Mitte zu kriegen, um ihn desto eher zu besiegen. Aber das Schicksal hatte ein anders beschlossen. Karl sieget, und ein entdeckter Todtenkamp auf einer Feldung, die sich von Abend in mehrgedachten Hagenwald erstreckt, bringt uns auf die Vermuthung, daß die gebliebenen Ostphalen daselbst begraben liegen; So wie die von Wittekinds Seite Gefallenen auf mehr erwähnten Heidentodtenkampe ihr Grab gefunden haben. Zwar sind hierunter Muthmassungen, die ich in Ermangelung entscheidender Urkunden niemand aufdringe. Immittelst hat es seine Richtigkeit, daß Karl der Grosse, am Elm, mit unsern heidnischen Vorfahren geschlagen habe.
Hatte Wittekind auf der bemeldetem Feldung am Elm seine Völker postiert; so muste Karl seine Völker in der Gegend der Dorfschaft Sunstedt, und wohin die Strasse jetzo nach Braunschweig ziehet, stellen. Nach erhaltenem Siege bietet er ihnen nochmals den Frieden an, wenn sie den christlichen Glauben annehmen und sich taufen lassen wollten. Die Sachsen, die schon viele Niederlagen erlitten, und auch diesmal eingebüsset hatten, unterwerfen sich und geloben an treu zu seyn;

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293  Sachsen u. Karl d. Grossen am Elm

Karl ermahnt sie zur Beständigkeit, nennt den Ort, Stätte der Versöhnung; Versöhnungsstätte, daraus mit der Zeit der Name Sunstedt entstanden.
Endlich gewann Karl im Jahr 785 die Herrführer der Sachsen durch gütliche Fürstellung, daß sie sich ihm aufrichtig ergaben, und taufen liessen, worauf denn ganz Sachsen im folgenden 786 Jahre ihrem Beispiele nachfolgte. Nach dem Capicular bei Baluze war im Weigerungsfall die Todesstrafe gesezt: Si quis Saxonum ad baptismum venire contemserit, morte moriatur.



Veröffentlicht in:
Dünnhaupt, Johann Christian (Pastor zu Lelm und Langeleben): Beiträge zur Deutschen Niedersächsischen Geschichte und deren Alterthümern  13. Capitel  p. 281-293
gedruckt: Helmstädt 1778; Schnorr, Maria Elisabeth; Univ. Buchdr.

Das vollständige Buch ist auch als Internetressource für Interessierte unter folgendem Link einsehbar:

http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00024304

 

Bischoff Reinhards zu Halberstadt Vermanung an die Sachsen vor der Welphesholtzischen Schlacht 1115

Bischoff Reinhards zu Halberstadt Vermanung an die Sachsen vor der Welphesholtzischen Schlacht 1115

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„ANNO 1114. Hat Keyser Heinrich nach absterben Graffen Gottfrieden zu Stormarn / die Graffeschafft Holstein Graffen Adolphen von Schawenburg geliehen.
Nicht lange nach der Heiligen drey Könige tage / hat der Keyser einen Reichstag zu Mentz gehalten / un daselbst mit Frewlin Mechthild von Engelland König Heinrichs Tochter / welche ihm langst zuvor verlobt gewesen / ehelich Beylager gehalten / und dieselbige zur Keyserin krönen lassen / daselbst hin ist Hertzog Luder selbst persönlich kommen / und in einem langen Aschfarbenen Kleide dem Keyser fussfall gethan / die begangene Rebellion abgebeten / und also gnade doch auff weittern bescheid erlanget.
Als nue der Keyser nach gehaltener Hochzeitlicher freude ihm fürnam / etliche Friesslender so sich ihme widersetzt zuüberziehen / und albereid in Rüstung gewesen / dieselbige zu Wasser anzugreiffen / werden ihm gleich noch mehr Fürsten und Herrn abtrünntig / sonderlich Ertzbischoff Friederich zu Cöln / Hertzog Gottfried zu Braband / Hertzog Heinrich von Lottringen / und Graffe Friderich zu Arnsperg / dazumal ein ansehenlicher Herr in Westphalen / welchen Graffen der Keyser als bald sampt dem Ertzbischoff Friedrichen zu Cöln belagert hat / aber als er Ungeschafft ab ziehen müssen / hat er das stifft Cöln / und die Graffeschafft Arnsberg  / mit Name und Brand sehr verderbt und verheret / und zumal Tyrannisch darinnen Haus gehalten / welchs auch Hertzog Ludern bewogen / sich wider zu gen Sachsen in Bündnis zubegeben. Sonderlich ist er umb den angehenden October Graffen Friedrich in sein Land gefallen / dasselbige grewlich verwüstet / und eine Festunge darein gebawet / die er mit guten Leuten besetzt / der meinung Graffen Fridrichen daraus gentzlichen zudempffen / und das er nicht wider zu krefften kommen möchte / ihme zuweren.
Graffen Hoiern zu Mansfeld thet der Keyser statliche vertröstung / wo er ihme die Sachsen würde unterdrucken und dempffen helffen / wolte er ihm das Hertzogthumb Sachsen zur widergeltung schencken / und ihn an Hertzog Luders stadt zum Churfürsten zu Sachsen machen / welchen er kurtz zuvor mit Hertzog Magnus güttern belenet hatte / Darumb versuchete der Graffe auch alle seine macht / und brauchte auch alle seine stercke den Sachsen allenthalben abbruch zuthun.
Da nue die Sachsen solchen ernst des Keysers wider sich vernamen / und aber darneben auch dieses wol verstunden / das derselbige wenig gunst und guten willen bey den deutschen Fürsten und Herrn mehr hette / fasseten sie darob einen mut / sich zur gegenwher mit mehr ernst denn bissher geschehen zu setzen / sonderlich weil ihnen die oberlast und beschwerung / so sie teglich von des Keysers verwandten leiden musten / nuemehr untreglich sein wolte. Versamleten sich derenthalben / und vernewerten die vorige Bündnis / und schwuren wider zusamen / solchs Joch des Keysers gentzlich von sich abzuwerffen / darzu sie denn auch Bischoff Reinhard zu Halberstadt zum höchsten vermanete / und ihre alte wolhergebrachte freiheit zuverteidigen / mit vielen worten erinnerte / wolt ihr erhlichen Sachsen (sagt er) euch nue allererst zwingen / und von einem solchen Unchristlichen Tyrannen zu Leibeigen machen lassen / der sich nicht alleine wider den Heiligen Vater den Bapst gesetzt / und an der Heiligen Christlichen Kirchen vergriffen hat / sondern auch hindan gesatzt / aller natürlichen angeborenen Liebe und Kindtlichen Trewe / seinen eigen Leiblichen

Vater biss in den Todt verfolget / vom Reich verstossen und verjagt / der Krone und aller Digniteten / ja auch Christlicher Begrebnis biss ins fünffte Jhar beraubt hat / Und also wider den höhesten Gott im Himel / und wider desselben einigen Sohn unsern HERRN Jesum Christum sich höchlich und schwerlich versündigt / Gedencket doch an ewer lieben Vorfharen bestendigkeit und Mannliche thaten / die als ehrliche auffrichtige Leute in solchen fellen zusammen gesatzt / und trewlich bey einander gehalten haben / und sich keine gewalt so leichtlich trennen lassen / welche die alten Schwebischen und Frenckischen Könige noch nie zu volkommenem gehorsam haben bringen / noch ihrer getzlichen mechtig werden können / wie grosse und schwere Kriege die gleich wider sie nicht ohne Blutvergiessen gefüret haben. Hat doch Keyser Carl der Grosse alleine 30. gantzer Jhar lang wider ewre Vorfarn Krieg gefüret / ehe er sie zum Christlichen Glauben gebracht / und dennoch nicht aller dinge zwingen können / allenthalben seines gefallens zuleben. Habt ihr denn dazumal so steiff bey der Abgöttischen Heidnischen Religion halten können / wie viel mehr wil euch gebüren / jetziger zeit bestendig und standhafftig bey dem waren rechten Christlichen Apostolischen und Römischen Glauben zuverharren? Und den verbannten Keyser im geringsten nicht zuweichen / und do es gleich mit euch umbschlagen solte / das ihr ewer zeitlichs Leben darüber lassen müstet / (welches doch GOTT gnediglich verhüten wolle) so hettet ihr doch dessen kein verlust / sondern dagegen gewislich des ewigen Lebens euch zutrösten. Lieber dencket ein wenig zurücke / wie sich ewre Vorfaren / und zwar ihr auch selbst so tapffer und ritterlich bissher wider die Römer / Normannen / Dänen / Wenden / Francken / Thüringer / Schwaben / Slaven / Obotriten / Wilzen / Lausnitzer / Sorben / Polen / Behemen un Ungern / erzeigt habe. Diesealle haben zwar ernstlich gnug wider euch gestritten / aber nicht viel Ruhms noch Ehr an euch erjaget / warumb wolt ihr euch denn eben für diesem Keyser so hoch entsetzen und fürchten / der doch weder unsers HERR GOTTS noch des Bapstes / noch der Geistlichen noch der Weltlichen Fürsten / noch des gemeinen Volcks gunst hat? warumb wolt ihr euch denselben von ewern alt und wolhergebrachten freiheiten dringen / und gerechten sachen zur Wehre zugreiffen? wolt ihr ewer eigen Glück / Ehr und Nutz nur mutwilliglich verschlafen und hindan setzen? oser vertrawet ihr unserm HERRN GOTT gar nicht mehr? Ich zwar kündte nicht wissen / wenn ir jemals besser fug und recht auch mehr unvermeidlicher ursachen zur Notwher gehabt hettet / wolt ihr solches alles nicht achten / sondern mutwilliglich euch selbst sampt allen ewren Nachkomen / so gar ohne alle not in ewige dienstbarkeit stecken? Ist euch denn nue ewer arbeitsammes Leben lieber denn ewre freiheit? ihr besorget vieleicht / ihr möchtet kein glück haben / und da ihr euch zur Gegenwhere setzen würdet / darüber in noch grösser und beschwerlichere dienstbarkeit komen / denn sunst geschehen möchte / da ihr euch willig ohne Schwerdschlag ergeben würdet.
O Ehrliebenden Sachsen / schlahet solche vergebene gedancken aus ewrem sinne / ihr dürffet euch zu diesem Blutgirigen Tyrannen / der so unmenschliche Unbarmhertzigkeit an seinem Leiblichen Vater geübet / keiner gnade im geringsten nicht versehen / darumb nur hinwider einen ernst gegen ihn gebrauchet / und die sache Gott befohlen / und warumb wolet ihr auch solches nicht thun? oder was habt ihr für ursache eben jetzt so zaghafftig und furchtsam zusein? hat euch denn Gott auch jemals in so guten sachen aller dinge verlassen? Ob es gleich bissweilen ein wenig umbgeschlagen / Und nicht gentzlich ohne schaden abgegangen ist / so hat er dennoch letzlich geholfen / das müsset ihr je bekennen? und das ich alter Exempel geschweige / so wisset ihr euch noch wol zu erinnern / wie geschwinde es dieses jetzigen Tyrannen Vater / der vorige Keyser Heinrich / wider euch hat fürgenomen / wie viel mals hat er euch wol uberzogen? was hat er aber daran gewonnen? ist er nicht selbst zu letzt darüber zu boden gengen? Ich trage grosse beysorge / werdet ihr nicht darzu thun / sondern mit ewrem zweiffeln bedencken und rathschlagen / die zeit lassen

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vorübergehen / Und die beste gelegenheit verseumen / das ihr darüber die Schantze versehen / und euch selbst sampt ewrem Weib und Kindern / beneben uns in ein böse Badt / ja in jammer und not bringen werdet / darumb besinnet euch wol / und greifft zum handel / weil ihr das glück in der Hand habt / un euch gleich jetzt GOTT ursach und gelegenheit den Feind mit fortheil anzugreiffen / geben habt / brauchet der zeit / und feiret nicht / bedencket selbst / warumb ihr da seid / werdet ihr aber solchs nicht thun / so wird darumb ewer Feind nicht rugen / sonderlich plötzlich ehe ihr euch dessen versehet / wie ein Adeler daher fliegen / und ehe ihr es gewar werdet / uns auff dem Halse sein / un uns sampt euch alle mit einander im grund verderbet haben. O wolt GOTT ihr liesset euch diese meine trewe und wolgemeinte warnunge zu hertzen gehen und meine trewhertzige vermanung dahin bewegen / nicht also zaghafftig und kleinmütig zu sein. Lasset doch guter Leute rath auch etwas bey euch gelten / und folget wolbedachten fürschlegen / dienet hierinnen nicht alleine euch / und den ewern / sondern auch der gantzen Christlichen Kirchen / deren an dieser sache hier in diesen Landen viel gelegen. Bedencket auch / das ihr Bäpstlicher Heiligkeit zugehorsamen schuldig seid / werdet ihr das thun / wolan Gott wird es euch nicht unvergolten lassen. Er wird diesen bösen Tyrannen für ewern Augen stürtzen und ausrotten. Demnach bitte / rathe / und vermane ich noch wie auch zuvor / Ihr wollet bey zeit zun sachen thun / ich wil hiemit wo durch verlassung ein unrath erfolgen würde / mich verwaret / und euch gewarnet haben.
Mit diesen und dergleichen worten uberredete der Bischof nicht alleine die Herrn / so ohne das albereid zuvor mit dem Keyser nicht wol zufrieden waren / sondern bewegte damit auch das gemeine arme vorstendige Volck / das sie meineten / sie hetten ein gar gute sache wider den Keyser / und durfften auch anders nicht thun / denn sich demselben zum hefftigsten widersetzen / Schwuren also von newens Herrn und Unterthanen in Sachsen zusamen wider den Keyser bey einander Leib / Gut und Blut auffzusetzen.
Dieses ward dem Keyser alles verkundtschafft / darüber er denn nicht wenig erzürnet / Un entsatzt derhalbt als Bischoff Reinharden zu Halberstadt seines Ampts / und verklerete die Sechsischen Herrn / Hertzog Ludern / Pfaltzgraff Fridrichen / Marggraff Rudolphen / und den von Arnsberg widerumb in die Acht / und verschanckte ihre gütter andern Herrn / sonderlich sagte er Hertzogen Luders Ampt und Lande / Graffen Hoiern zu Mansfeld zu / so ferne er bey ihme wider die Sachsen bestendiglich halten und ritterlich streitten würde.
Hierauff kamen die Sechsischen Herrn / so jetzt genant / beneben beiden den Graffen von Groitsch / Herrn Wipprecht / und Herrn Heinrich zusamen gen Creutzburg / vernewerten da ihre Bündnis wider den Keyser / und beschlossen Graffen Hoiern / der des Keysers besondern verwandten / und ihren ergesten Feind zum aller förderlichsten anzugreiffen. Darauff denn auch als bald das Hause Walpote gebawet / und Graffe Hoier daraus bekriegt worden.
Graffe Wipprecht hette sich biss daher / weil er in des Keysers ungnade gewesen / bey Guntdorff im Walde enthalten / und von deme / was er den Keyserischen abgebrochen / kümmerlichen erneret. Als aber der Winter herzu gangen / das Laub abgefallen / und der Wald blos worden / das ihme da lenger zu hausen nicht gerathen sein wolte / hat er an seines Vatern Schwester Sohn / Ertzbischoff Adelgots geschickt (welcher ein geborener Graffe von der Leihe gewesen sein sol) und denselben gebeten / das er ihm vergünnen wolte / iergend seiner Festung eine den Winter uber innen zuhaben / mit seinem Weibe / damit sich der Kelte und des Ungewitters erweren / und für den Keyserischen sicher sein möchte.

Also war der Ertzbischoff zu frieden / das er sich uber die Elbe in die Stadt Lubutz begebe / da er sunst einen Wendischen Heubtman hette Pribron genandt / bey deme er sich so gut er köndte / erhalten möchte.
Dieses verdros den Keyser nicht ein wenig / das der Ertzbischoff ihme seinen Feind hausete und hegete / beschrieb ihn auch darumb ernstlich / und foderte ihn für sich gen Goslar / im willens ihn daselbst in verhafftung zunehmen. Aber der Ertzbischoff ward gewarnet / vernam recht / und zog in die stadt Magdeburg / diese verachtung bewegte den Keyser noch mehr / das er ihn auch seines Bischofflichen Ampts entsatzte / und darauff allen seinen und des Reichs Unterthanen auffbot / inwendig viertzig tagen / sich mit ihren besten Wheren gerüst zumachen / und den zehenden Februarti wider die zween Bischoffe Magdeburg und Halberstadt / und derselben anhang im Felde zuerscheinen / und legte den Musterplatz gen Wallhausen / dahin er sich mitler zeit auch fand mit dem Kriegsvolck so er bey sich hatte / der andern da zuerwarten / Und geschahe dazumal Graff Ludwigen umb Sangerhausen nicht geringer schaden von dem Keyserischen Kriegsvolck.
Da dieses die Sachsen erfuhren / rüsteten sie sich auch von tag zu tag stercker / und lagerten sich bey das Welffesholtz auff die Höhe zwischen Heckstedt und Schandersleben / und schicketen ihre Gesandten dem Keyser entgegen / verklereten sich durch dieselbigen / das nicht sie / sondern er dieses Krieges und des Blutvergiessens so daraus entstehen möchte / ein ursach were / wolten auch hiermit sich bedinget haben/ das sie sich hierinnen nicht als ungehorsame Unterthanen ihrem Herrn widersetzig macheten / sondern aus dringender not sich gegen ihn unrechtmessiger gewalt erweren müsten. Der Keyser machete sich eilends auff / ihnen daselbst zubegnen / und ehe sie sich stercketen / sie zuüberfallen und zuschlagen / kundte aber den ersten tag / dieweil die Nacht zuvor ein grosser Schnee gefallen / mit dem Zeug nicht fort kommen / das er die Sachsen erreichen mögen / lies doch gute Wache halten / und das Kriegsvolck ausrugen.
Bischoff Reinhard von Halberstadt bekam die kundtschafft / das die Keyserischen im anzug weren / darumb hielt er den folgenden tag (welcher war der eilffte Februarii) selber Mess im Lager / und vermanete das Volck erstlich GOTT umb hülffe und beystand andechtiglich anzurufen / denn wenn man solchs von Hertzen thete / würde er sie nicht verlassen / ob gleich der Feind noch so starck und mechtig were / denn es hetten die Sachsen und Thüringer wol ein fein Volck beysammen / aber den Keyserischen waren sie an der zal weit nicht gleich.
Darnach redete der Bischoff das Kriegsvolck auch förder an / sich Mannlich und Ritterlich zuhalten / und der Faust redlichen zugebrauchen / so würden sie denselben tag noch Ehr und Gut erwerben.
Dergleichen theten die andern Kriegsobersten auff der Sachsen seiten auch / befliessen sich alle dem Volck einen mut einzusprechen / Der Bischoff rieth nach gehaltener Messe selbst umbher / und vermanete einen jeden Herrn in sonderheit / das beste bey dem Vaterlande zuthun / Hertzog Luder zu Sachsen / Graffe zu Supplenburg / des Quernfurtischen Stammes (welcher hernach wie wir hören werden / Römischer Keyser worden) lies sich als ein freudigen Kriegsheldt auch sehen und hören.
Dergleichen auch Hertzog Heinrich von Limburg / Graffe Herman von Calnelage / Herr Friederich / und Herr Herman / beide Graffen zu Arnsberg / Graffe Wipprecht von Greutschen / und sein Bruder Graffe Heinrich / Graffe Ludwig zu Thüringen / und der grosse starcke Graffe Wichmann von Orlamünde / und andere Herrn mehr / so dazumal selbst gegenwertig gewesen / haben sich alle unverzagt und freudig erzeigt / Der Ertzbischoff zu Magdeburg ist nicht persönlich erschienen / Hat aber gute Leute von seinen wegen im Lager gehabt /

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Und haben also die Sachsen in ihrer Rüstung und Ordnung gehalten / des Feindes ankunfft zuerwarten / und ihren vorteil nicht zuvergeben / sonderlich weil sie dessen gute kundtschafft hetten / das ihnen die Keyserlichen an der zaal und menge eben weit uberlegen / denen sie aber gleichwol an Mannheit und Künheit nichts nachzugeben bedacht.

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Veröffentlicht in:

Spangenberg, Cyriacus
Mansfeldische Chronica 1. (1572) Cap. 214  S. 244 ff
Druck Eisleben


Die Chronik liegt in der Bayrischen Staatsbibliothek auch in digitalisierter Form unter folgendem Permalink vor:
http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10143373-7





Nachricht von dem Schlosse, Reitlingen, auf dem Elme.

Unter Ihro Durchl. unsers gnädigsten Herzogs und Herrn, höchsten Approbation, und auf Dero gnädigsten Specialbefehl.

Anno 1753  39tes Stück.
Braunschweigische Anzeigen.
Mittwochs , den 16ten May.
Nachricht von dem Schlosse, Reitlingen, auf dem Elme.

§.1.
Zwischen dem Kloster, KönigsIutter, und dem Dorfe Erkerode, über Luckeln, sind, nebst dem Vorwerke und einem, daneben gelegenen, Teiche, woraus der Fluß, Wabe, seinen Ursprung nimt, einige Trümmern alter Mauren ersichtlich, welche die Benennung Reitlingen bisher behauptet haben. Das Vorwerk, Reitlingen, ist nicht gar weit von erwehnten Resten befindlich. Das Schloß hat auf einer Anhöhe gegen Nordost gelegen; das Vorwerk liegt auf der Ebene, zwischen zween erhabenen Zügen des Gebirges, welches wir den Elm zu nennen pflegen. In einer sehr alten Urkunde wird dieser Wald Helimani silva genannt. Vielleicht läßt sich daher muthmassen, daß Helimann, Helmmann, Hermann, der Stifter des Orts, Helmstädt sey, welcher bey den Annalista Saxone Helimanstedi genannt wird.
§.2.  Die Schenkungen der weltlichen Herren, wodurch sie den bischöflichen Kirchen und den Klöstern sowol nothdürftige. als auch überflüssige, Unterhaltungsmittel, um die ewige Seligkeit und baldige Erlösung aus dem Fegefeuer zu gewinnen, ertheilten, haben in den Geschichten mehr Nutzen, als in den Einkünften der Landesherren. Wir würden von Reitlingen nichts aus den mitlern Zeiten wissen, wenn die Schenkungsbriefe nicht darüber annoch vorhanden wären. Die deutschen Ordensritter, die Marianer genannt, stritten mit Friedrich II. dem römischen Kayser, getreulich und zuverlässig gegen die Muhammedaner. Aber Friederich schloß mit diesen einen unbequemen Frieden, weil ihn der Pabst in Italien
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plagte. Darüber litten die Ritter des deutschen Ordens im gelobten Lande und Syrien. Ihr Ordensmeister muste sich nach Venedig zurückziehen. Friedrich II. und der Pabst, Innocentius III. sorgten dafür, daß er in Preussen einen Grund zu einem neuen Sitze legen konnte. Die Landesherren Deutschlands schenkten dem Orden nicht weniger grosse Güter, und die Ritter konnten nicht lange hernach zehen Zungen zehlen. Heinrich der Lange, Herzog zu Sachsen und Pfalzgraf am Rhein, übergab ihnen  1221. die Bergkirche in Elmesburg und ertheilte ihnen darüber einen offenen Brief in Braunschweig. Otto IV. der Kayser, dessen Bruder, hatte die Ordensritter schon vorhin mit Gnadenrechten versehen. Nachher ward darin eine Commenderey gelegt, welche aber kaum hundert Jahr im Stande geblieben. Die Ritter kauften auch verschiedene Güter für Geld an den Orden. Sie errichteten eine Commenderey zu Langelem, eine andere zu Goslar, welche nacher mit der zu Weddingen zusammengezogen ist, zu Göttingen, zu Bergen, zu Burow, zu Dannstorf, zu Luckeln oder Luckenem, u.s.f.  Wegen der Ordnung, wurden alle diese Commendereyen dem Landmeister oder Ballif zu Lukkeln unterwürfig. Es entstand also daraus die Balley Sachsen, innerhalb welcher zu Luckeln die erste Kommende, der Balleysitz, beständig gewesen. Zu dieser Kommende, Luckenem, gehört Reitlingen, nebst seinen Zubehörungen, als ein Vorwerk, bis auf diesen Tag.
§.3.  Man nennet sonst einen mit Riedgrase angefüllten und mit Rohr, wie auch stehenden Lachen; angefülleten niedrigen und sich in die Ebene ausbreitenden Raum, Reitlingen, Reitling. Dieser Name entfernet sich nicht von der Lage und Gestalt des Raums auf dem Elme, welchen man Reitlingen nennet. Die alten Besitzer des Elmischen Reitlings waren die edlen Herren
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von Asseburg; die Lehnherren waren die Bischöfe von Halberstadt, die Landesherren waren die Herzoge von Sachsen, und nachher ihre Nachkommen, die Herzoge von Braunschweig - Lüneburg.
§.4.  Egbert der ältere, der bekannte Ritter, gab das Schloß, Reitlingen, durch eine Aussendung des Lehns in die Hände des halberstädtischen Bischofs, Vollrad. Dis geschahe 1260. den 18. Aug. Vollrad ließ hierüber eine schriftliche Urkunde verfertigen und mit Zeugen bestärken. Die vornehmsten Zeugen waren diese vornehmen Männer: Hermann, der Domprobst, Wigger, der Dechant, Borchart (vicedominus) Viztum, Kono von Diepholt, Rodolf, portenarius, Volrad von Kercberg, Widekin von Neuenburg (Nienbrück) Henrich von Dromdorp, Hermann, der Domscholaster, Albert von Altenburg, Bertold von Klettenberg, Stiftsherren der Domkirche zu Halberstadt, ferner Friederich Graf von Kerkberg, Werner von Scherenbecke, beyde Edle, Ludolf von Esbeke, Alberik Schenk (pincerna), Gunzelin von Berewinkel, Henrich Isenbörde, sonst Isenbart genannt, und andere. Egbert stellte diese Aussendung im Jahre 1262. den 18. Aug. auch schriftIich aus, und führte darüber die Commendohrs von Luckeln, Elmesborg, und Langenem, als Zeugen, an.
§.5.  Der Bischof ließ sein Lehnrecht sinken, und übergab die Kirche zu Reitlingen mit dem Schlosse und dessen Zubehörung dem Ordenssitze zu Elmesborg 1262. nachdem er den deutschen Rittern oder Brüdern von Jerusalem vergönnet hatte, in Reitlingen eine Kapelle zu bauen. Vollrad überlieferte ihnen ferner die Kirche zu Lukkenem 1263. den 16. Jun. wie auch das Vogteyrecht daselbst, welches die Burggrafen von Querfurt und die Asseburger von ihm zu Lehne getragen hatten, am 6. Nov. Und darauf zog der Commendohr

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von Elmersburg gen Luckenheim oder Luckeln. Zu Elmesburg blieb nur eine Hauskommende übrig. Es war aber schon a. 1216. ein Landcommenthor in Luckenem, welcher zwo Hufen Ackers vor Hachen an sich brachte. Bedachte Burggrafen waren Burchard und sein Bruder Burchard, Gevehard und Gerhard. Ihre Zeugen waren Konrad, Graf von Wernigerode, Egbert der ältere von Asseburg, Johann von Gatersleve, Henrich von Erichberge, Henzo Schenk (pincerua), Guncelin von Berwinkel, Hildebrand von Obsfelde, Hildebrand von Bartensleve, Sigfried von Blankenburg, Berward von Werberge, Ludewig von Neindorpe. Diese letzten drey Herren waren Ritter des deutschen Ordens, und werden deswegen in der Urkunde fratres domus teutonicae genannt. Uber dis alles ertheilte der ältere Egbert von Asseburg, Ritter, seine Einwilligung zu Halberstadt 1264. den 4. Jan. welche er vermittelst einiger Zeugen bestärkte. Unter diesen ragen Conrad, Graf von Wernigerode, Henrich von Grozberge und Henzo Schenk hervor. Die deutschen Ritter vertauschten mit mehrgedachtem Bischof, Vollrad, verschiedene liegende Güter. Ludolf von Wenthausen, der Ritter, schenkte dazu verschiedene Hufen Ackers 1266. den 8. Jul. Kulemann von Jerxem, Ritter, gab ebenfals etwas, und bedung sich dafür einen Wohnsitz zu Luckeln auf seine Lebenszeit aus. Vollrad, der Bischof in Halberstadt, bestätigte diesen Vergleich, den 13. April 1265.
§.6.  Die Ordensritter waren wegen des Schlosses, Reitlingen, nach ihrer Meynung bisher noch nicht gnugsam gesichert. Sie begehrten von dem ofterwehnten Bischofe, Vollrad, einen offenen Brief, in welchem das Recht, wodurch sie das Schloß, Reitlingen, besassen, deutlich und vollständig ausgedrücket würde. Vollrad konnte
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ihrem Gesuch sich nicht entgegen setzen. Er verlieh ihnen im Jahre 1266. am Tage Simons und Judä, darüber eine Handveste, oder einen offenen Rechtsbestätigungsbrief. Herzog Albrecht der Grosse legte noch mehr dazu und verkaufte den Ordensrittern nicht wenig von dem, so daneben liegt, als er Geld zu seinen schweren Kriegen gebrauchte, und für seinen Sohn, Lüder, Achtung hatte, welcher selbst ein Ritter des deutschen Ordens war, und endlich Deutschmeister ward.
§.7.  Endlich warf man im sechszehnten Jahrhundert das Schloß Elmesburg über den Haufen, das vor hundert Jahren schon verschiedenen Anfällen war ausgesetzt gewesen. Hievon auf ein andermal.
§.8.  Der erste Commendator zu Luckenem war Arend, geborner edler Herr von Veltem, ein Bruder Bertrams, Ludolfs und Ulrichs von Veltem. Seine drey Brüder schenkten dem deutschen Orden der·sächsischen Zunge, vermittelst der Einwilligung des Lehnsherrns, des Bischofs von Merseburg, zwo Hufen vor Haghem, itzt Hachem, mit allem Rechte, so sie daran Lehnsweise gehabt hatten. Arend von Veltem, des Landcommendators Vaters Bruder, Bodo von Wanzleven, und andere Herren waren damals Ordensritter zu Luckeln, fratres de domo in Luckenem. Der offene Brief, welcher dis versichert, ist 1216. den 30. Jan. ausgestellet. Derjenige Commendator, welcher Reitling in Besitz genommen, hieß Beteken. Man weis dis daher, weil sein Name a. 1260. in einem Briefe des Ritters, Kunemann von Jerchsen, vorkömmt. Im Vorbeygehen wird angemerkt, daß es unerweislich sey, daß Grafen von Jerchsen jemals in der Welt gewesen. In den Archiven, welche um Jerchsen rings herum annoch übrig sind, kommen so viel Ritter und Knapen, genannt von Jerchsen vor, daß man, durch das 12. 13. und 14. Jahrhundert, daraus richtige,

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Geschlechtstafeln verfertigen kann. Aber es findet sich darinn ein durchgängiges Stillschweigen von Jerchsensischen oder Jerxheimischen Grafen. Jedoch läßt man andern gern ihre Gedanken, zumal es hieselbst auf keine Sachen von Wichtigkeit ankömmt. Dis aber ist merkwürdiger, daß aus den, bey dieser Abhandlung gebrauchten, Urkunden ersichtlich sey, man müsse unter den Rittern des dreyzehnten und vierzehnten Jahrhunderts verschiedene alte sächsische Edle Herren, principes, primores, nobiles, wie sie vorzeiten hiessen, antreffen, welche oder welcher Vorfahren wegen der unruhigen Umstände Deutschlands genöthigt worden, ihre Schlösser und Lehne andern Mächtigern oder den Stiftern zu Lehne aufzutragen. Dahin gehören die Herren von Alventsleben, Asseburg, Warberge, Dorstadt, Hohenbüchen, Steinberg, Schwiechelt, Veltheim, Schulenburg, Kramme, Oberge, Wrisberge, Krosek, u.s.f. Es ist also ein Unterschied unter den adelichen Herren zu machen, welche aus den uralten Edlen, und welche aus den Dienstmännern neuerer Zeiten abstammen; zu geschweigen, daß die Geschlechtswapen, so uralt sind, oft einen höhern Ursprung zu Tage legen, als z. E. der Magnorum oder Groten, von Lüneburg, von Stammer u.s.f.



Veröffentlicht in:
Braunschweigische Anzeigen 1753  39. Stück  S. 761-767

 

 



Die Magdeburger und der Elm in den zwanziger Jahren

Die Magdeburger und der Elm
Die Braunschweigische Staatszeitung sandte einen interessanten Bericht über die Magdeburger und den Elm nach Königslutter, den das Amtsblatt am 27. Mai 1924 in nachstehendem Wortlaut abdruckte:

Aus Magdeburg stammt ein Brief, in welchem uns folgende Stelle interessiert: „In einer hiesigen (Magdeburger) Zeitung wurde als Ausflugsort der Elm empfohlen. Da ich weiß, daß Sie ihn genauer kennen, so möchte ich Sie fragen: Lohnt sich ein Sommeraufenthalt im oder am Elm?"
Die Antwort müßte kurz lauten: Gewiß! Und nicht nur für die Magdeburger, auch für die Berliner, besonders für alle, die sonst nur Kiefernwälder in ihrer Umgebung haben, sie werden erkennen, daß der Elm erfreut, denn er trägt einen der herrlichsten Buchenwälder des Vaterlandes. Mit Recht singt man in einem Ort der dortigen Gegend:

Dein Buchenwald ein Edelstein
in Deutschlands weiten Gauen,
vor ihm liegt auch ein Dörflein klein
inmitten reicher Auen.

Aber auch den Braunschweigern ist immer wieder zuzurufen: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!
Ausflügler kehren gleich wieder in ihr Heim zurück, Kurgäste aber finden schon Unterkunft auf dem Lutterspring, dem Tetzel, dem Reitling oder der Elmwarte. Wenn sie jedoch die Einsamkeit nicht so sehr lieben, tun sie besser daran, vor dem Elm in einem Städtchen oder Dörflein Quartier zu nehmen. Ferienkolonien machen es schon seit Jahren so. Der nordwestliche Elm ist höher und breiter als der südöstliche und bietet mehr Naturschönheiten (Lutter-, Destedter- uncl Reitlingstal) und Aussichten, und wer vom Osten kommt und Braunschweig kennenlernen will, tut überhaupt besser daran, sich im oder am Nordwestelm niederzulassen.

Im Elm ist noch manche wenig bekannte Stelle, und viele herrliche Partien sind durch Wanderwege noch gar nicht erschlossen. Man muß nur die gewohnten Wege verlassen und sie selber aussuchen, die stillen, lauschigen, bald sonnigen, bald schattigen Plätzchen, die hauptsächlich das Auge und Herz entzücken, wo gemischter Waldbestand ist (Nadel- und Laubbäume), und man gewinnt ihn immer lieber: den norddeutschen und ganz braunschweigischen Höhenzug des Elms, der von allen Seiten leicht zu erreichen ist, Eingangstore überall hat und neben den prächtigen Waldlandschaften und Aussichten uns auch zu mancher Stätte führt, die alle Erinnerungen aus Sage und Geschichte in uns wachruft (Tetzelstein, Langeleben, Königslutter, Schöningen u.a.). Drum auf zum Elm!

H. Röhr

Veröffentlicht in:
Das Moosholzmännchen, heimatkundliches Beiblatt des lutterschen Stadtbüttels, Nr. 208  Mai 1990  S. 33-34